231 231 FUDUTOURS International 25.11.20 00:12:00

28.05.2016 Lyngby BK – FC Fredericia 2:3 (1:1) / Lyngby Stadion / 1.441 Zs.

Am 06.06.2015 fiebert ganz Berlin dem Champions-League-Finale zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona im Olympiastadion entgegen. Ganz Berlin? Nein! Eine von unbeugsamen Charismaten bevölkerte Gruppe hört nicht auf, der Majorität Widerstand zu leisten.

UEFA-Public-Viewing am großen Stern? Fanfest am Brandenburger Tor? Nej tak!

Das verlängerte Finalwochenende verbringt FUDU in Dänemark, um dem dortigen Ligabetrieb einen Besuch abzustatten. Und da wir es hier nicht nur mit einer charismatischen, sondern auch einer traditionsbewussten Gruppe zu tun haben, gehört es sich einfach, dass diese auch das Champions-League-Finalwochenende 2016 in Dänemark verbringen wird. Gleiches Ziel, gleicher Gastgeber, gleiches Wohnzimmer, anderes Rahmenprogramm.

So begeben sich am sehr frühen Morgen des 28. Mai der Fackelmann und meine Wenigkeit auf den Weg zum Flughafen Schönefeld. In der Regionalbahn bewirbt sich die Zugbegleiterin um einen der vorderen Plätze auf unserer Abschussliste. Im Bahnhof Karlshorst fragt sie uns nach unseren Fahrscheinen, woraufhin ich ihr meine Umweltkarte für den AB-Bereich überreiche. Die pflichtbewusste DB-Mitarbeiterin liest die Karte ein, nickt schweigend, händigt sie jedoch nicht aus, sondern zelebriert den Moment, indem sie erst kurz vor der Weiterfahrt ansetzt: „Die ist genau…. …. …. …. [der Zug rollt an] JETZT nicht mehr gültig!“. Ein hämisches Grinsen fliegt über ihre fiese Visage, doch ich ziehe mein Anschlussticket schneller aus der Hosentasche als es Lucky Lukes Schatten jemals hätte tun können, schnipse ihr dieses flapsig vor das Gesicht und triumphiere lautstark: „aber DIE!“. Olle Zippe.

Am Flughafen hat sich das Gelächter ob dieses relativ kuriosen Momentums noch nicht gänzlich gelegt, ehe der Hoollege dafür sorgt, dass uns das Lachen im Hals stecken bleibt. Zunächst erscheint er nicht zur verabredeten Zeit am Treffpunkt und über sein Handy ist er nicht erreichbar. Da kann man schon mal nervös werden. Doch auch nach seiner Ankunft wird es zunächst nicht sonderlich entspannter. Aus Kostengründen hat die Reisegruppe nur ein Gepäckstück angemeldet und stopft nun Bier, Schnaps, Geschenke für die dänische Gastgeberfamilie und Bettwäsche in des Hoollegen Rucksack. Mit seiner hochgradig professionellen Kofferwaage wird das gute Stück überprüft, bevor es in easyJets Kostenfallen tappen kann. Aiiiii, sagt der Däne, 25 Kilo – das sind überschlagsgerechnet eindeutig fünf zu viel und so beginnt das große Umpacken und vorzeitige Leeren überzählig mitgeführter Glasflaschen. Am Ende aller Unternehmungen bleiben allerdings noch immer 23 Kilo auf der Uhr und so entschließt sich FUDU todesmutig, das Gepäckstück einfach aufzugeben und auf Kulanz zu hoffen oder eben darauf, dass die Kofferkontrolldame morgens um sechs einfach noch nicht ganz so aufmerksam ist. Wenig später ist klar, dass Fetti abermals mit einem blauen Auge davonkommt. Genau wie wir findet auch der Rucksack ohne Beanstandung seinen Weg ins Flugzeug. (Anmerkung der Redaktion: Was möglicherweise daran liegen könnte, dass die Kofferwaage das Gewicht des Gepäckstücks in Pfund anzeigte, wie sich im Nachgang der Reise aufklären ließ. Doch vorerst halten sich unsere tapferen Helden für wahre Gewinnertypen!)

Die Lümmel von der letzten Bank nehmen also Platz in Reihe 26 und schweben dösend gen København Lufthavn, wo kurz darauf ihr dänischer Gastgeber, stilvoll gewandet in Jogginghose und Union-Trikot, vom anliegenden Parkhaus zur Abhoolung hinüber zum Terminal eilt. Der Parkplatz ist womöglich genauso teuer wie der Flug, unbezahlbar die Beschallung mit dänischen Kinderliedern auf der Fahrt ins schöne Herlev.

Dort angekommen wird FUDU schnell Teil eines Familiennachmittags. Ein Kind ruht bei Oma, ein zweites wuselt Fußball spielend in Hummelbuchse durch den Garten. Die Dame des Hauses serviert einen Frühstückskaffee, der Fackelmann döst im Liegestuhl einfach noch ein wenig weiter und der Hoollege kümmert sich rührend um die jüngere Schwester der Gastgeberin. Nur einige Augenblicke später stellt sich jedoch ein Frühstückshüngerchen ein und die traditionsbewusste Reisegruppe beschließt einstimmig, dass der Hoollege die attraktive Dame links liegen lassen und man wie bereits im letzten Jahr zwecks Smørrebrødkauf in Ballerup vorbeischauen sollte. Mit drei Dänen und zwei Autos gedenkt FUDU diese Mission umzusetzen und nur kurz darauf sind bereits mehrere Tüten mit üppig belegten Broten prall gefüllt. Im Schatten der Flutlichtmasten des Lyngby Stadions rasten die hungrigen Hugos und fallen über die landestypischen Spezialitäten her. Smørrebrød, Röm-Pöm-Pöm!

An diesem wunderbar sonnigen Samstag trifft der Lyngby BK mit dem großartigen Wikinger im Logo auf den FC Fredericia. Es ist der letzte Spieltag der Saison und Lyngby steht als unangefochtener Tabellenführer bereits als Aufsteiger fest. Unsere dänischen Freunde mutmaßen, dass das Stadion wohl ziemlich voll werden wird, weswegen wir uns überaus rechtzeitig in Richtung Kassenhäuschen begeben und uns mit Eintrittskarten eindecken. Bereits eine Stunde vor Anpfiff betreten wir das Stadion – gähnende Leere. So bleibt genügend Zeit und Spielraum, fotografierend seine Runden zu drehen. Zwei Sitzplatztribünen, recht schnöde Flutlichtmasten, eine unbebaute Hintertorseite und eine furchtbar langweilige Stehtribüne im Stile des FSV Frankfurt hinter dem anderen Tor können begutachtet werden. Wir haben in Abwesenheit von Ordnern und Einlasskontrollen freie Platzwahl und entscheiden uns für gute Sitzplätze auf der Haupttribüne, selbstverständlich logistisch so gewählt, dass sich der nächstgelegene Bierstand in weniger als zehn Metern Entfernung befindet. Unser erstes dänisches Bier des Tages genießen wir dann angesichts des unerwartet guten Wetters mit hochgekrempelter Hose und im T-Shirt, während eine Dame in güldenem Kleid auf astronomisch hohen Absätzen an uns vorbeiflaniert. Im nebenan gelegenen VIP-Bereich erspähen wir den ehemaligen Lyngby-Akteur Yussuf Poulsen (aktuell ohne Fußballverein) und seinen Kumpel Emil Berggreen (Eintracht Braunschweig), die offenbar ihre Sommerpause in der Heimat genießen.

Das Spiel beginnt. Bei Lyngby sitzen die in Fußball-Deutschland bekannten Namen in unterschiedlichen Funktionen allesamt auf der Bank (Dennis Sørensen, Daniel Jensen, David Nielsen). Die Fanszene Lyngbys hat sich uns genau gegenüber positioniert, zündet ein wenig Rauch, einige Bengalos und begleitet das Spiel zwar permanent akustisch, aber halbgar. Wir fragen uns, warum man ein Spiel der dänischen zweiten Liga im Hertha-BSC-Trikot besuchen muss, treffen dann aber wenig später auch einen Zuschauer in Union-Shirt und finden diesen Umstand kaum besser. Die Hausherren gehen früh in Führung, stellen aber im Anschluss das Fußballspiel nahezu komplett ein und der FC Fredericia kreist permanent im Stile einer Handballmannschaft um den Strafraum Lyngbys herum, ohne vernünftige Abschlüsse zu produzieren. Nach 22 Minuten gelingt ihnen dennoch der Ausgleich – Frans Dhia Putros versenkt unnachahmlich einen Freistoß. Frans Dhia Putros? Halb Däne, halb Iraker! Ich fühle mich an meine Jugendzeit und an das Managerspiel Anstoß 3 erinnert, in dem der Zufallsgenerator im Jahre 2076 ständig Spieler dieser Art produzierte und man damals vor dem Rechner saß und sagte: „Frans aus’m Irak. Hmm, klar!“.

Das nächste Bier des Tages lassen wir uns dann in der Halbzeitpause schmecken. Auf der gegenüberliegenden Seite tragen die Barmiezen unheimlich attraktive Shirts, auf denen die Bierpreise in Staffelung aufgedruckt sind: 1 Øl 30 DKK, 2 Øl 55 DKK, 3 Øl 75 DKK usw. – bis man mit seinen Blicken sabbernd an ihrem Bauchnabel angekommen ist und bei 6 Øl für 125 DKK den Hot-Button drückt. Zugeschlagen!

Wir kehren zurück auf unsere guten Plätze. Herr Poulsen und Herr Berggreen lassen noch gut fünfzehn Minuten auf sich warten, ehe sie mit VIP-Würstchen in der Hand selbiges tun. Sie kommen gerade noch rechtzeitig, um in der 66. und 67. Spielminute den Doppelschlag der Gäste zum 1:3 mitzuerleben. Fackelmann döst währenddessen auf seiner Sitzschale einfach noch ein wenig weiter und verpasst daher leider auch die wohl spektakulärste Szene der zweiten Hälfte, als der einzige Gästefan seinen Gästekäfig verlässt, um auf der Heimtribüne direkt hinter der aktiven Szene ein Bier zu erwerben und dann reumütig in seinen Bereich zurückzukehren. Prost!

Die Sonne hat bereits erste Spuren auf unseren Gesichtern hinterlassen und so erfreuen wir uns darüber, die letzten Minuten des Spiels im Schatten zu erleben. Ein kleiner Junge steht nun dicht am Spielfeldrand und grüßt seinen Fußball spielenden Vater. Dem „Boldklubben“ aus Lyngby gelingt per Strafstoß noch der Anschlusstreffer und schon kann sie starten, die wohl verhaltenste Aufstiegsparty aller Zeiten. 50 Mann hüpfen und skandieren drei Mal: „Superliga, Superliga, hey, hey!“. Gar nicht mal so gut.

Den Rest des Abends werden wir auf der größeren Fußballbühne verbringen. Zunächst steht das dänische Meisterwerk „Sommeren 92“ von Regisseur Kasper Barfoed auf dem Programm. Groß ist der Jubel im Wohnzimmer, als John Jensen und Kim Vilfort die DFB-Elf im EM-Finale in die Knie zwingen. Unsere dänischen Gastgeber lernen so, dass wir keine Deutschen, sondern Berliner sind. Wir hingegen erfahren, dass es durchaus schwer sein kann, einem dänischen Film mit dänischen Untertiteln zu folgen. Weitere wichtige Themen des Abends:

– Schwedisch „ is only retarded Danish“! Wir liegen aufgrund der Imitation des Singsangs vor Lachen auf dem Boden
– „Vokuhila“ heißt auf dänisch „Bundesliga Garn“
– Miroslav Penner hat das schönste Bundesligahaar aller Zeiten, wobei „Penner“ das „German word for Clochard“ ist
– Lars Elstrup, einer der 92er-Helden, ist nach seiner Karriere zunächst Mitglied einer Sekte geworden und rennt nun ab und an splitterfasernackt durch Einkaufszentren oder über Fußballfelder
– Norbert Dickel und Mark Strudal spielten einst für Borussia Dortmund und konnten sich auf den Tod nicht ausstehen (http://www.bundesligalegenden.de/mark-strudal.html)

Kurzweilig.

Im Hintergrund spielen in Mailand derweil Real und Atletico gegeneinander Fußball. Das 1:1 habe ich kommen sehen und ernte nun Lobeshymnen für mein Fachwissen. Am Ende gewinnt bedauerlicherweise Real nach Elfmeterschießen. Wir trinken abwechselnd Faxe Kondi und dänisches Dosenbier. Und mittlerweile fiebert auch unsere charismatische Reisegruppe dem nächsten Champions League Finale entgegen. Wo das stattfindet? In Dänemark natürlich! /hvg