921 921 FUDUTOURS International 02.02.23 08:21:03

05.06.2016 DJK Schwarz-Weiß Neukölln – 1.FC Neukölln 95 4:0 (0:0) / Stadion Britz-Süd / 150 Zs.

Wenn alle dressierten Affen des großen Profizirkus die Manege verlassen haben, schlägt FUDUs große Stunde. Noch immer ist die Saison in den unteren Berliner Ligen nicht zum Erliegen gekommen. Es ist Sommer. Heute sind 29 Grad mit jeder Menge Sonnenschein vorhergesagt worden und im Stadion Britz-Süd steigt das große Neuköllner Derby in der Landesliga, Staffel 1.

Etwas orientierungslos verlassen der Hoollege und meine Wenigkeit die U-Bahn am Bahnhof Britz-Süd. Ausgeschildert sind die Sehenswürdigkeiten des Bezirkes, namentlich das Schloss Britz und der Britzer Garten. Das Stadion findet sich leider nicht auf dem Wegweiser wieder und so wandert der erste Strich auf die Hopper-Negativliste.

Der Versuch, sich einfach nach dem Weg zu erkundigen, scheitert grandios. Mehrere Eingeborene erweisen sich als nicht ortskundig und können uns bei der Suche nach der Spielstätte des DJK Schwarz-Weiß Neukölln nicht behilflich sein. Dank moderner Technik schicken wir uns kurzerhand selbst auf die Spur und irren durch eine Parkanlage. Dabei nehmen wir wohlwollend zur Kenntnis, dass der Kiez bereits mit reichlich Unionstickern dekoriert worden ist und wir uns in ungewohnten westberliner Gefilden beinahe heimisch fühlen können.

Nach kurzer Zeit der Verwirrung haben wir dann auch das Stadion an der Hauptstraße gefunden. Für gerade einmal drei Euro Eintritt erhalten wir ein kleines Begleitheftchen, ein Freibier am Versorgungsstand und die Zugangsberechtigung zu einer wirklich ansehnlichen Sportanlage. Das Hauptfeld ist von Mischwald gesäumt und an zwei Seiten mit einigen Stehstufen und roten Sitzschalen ausgebaut. Rechnet man die weitläufigen Kurvenbereiche mit ein, finden hier gut und gerne 5000 Menschen Platz.

So ist dafür gesorgt, dass sich die heute anwesenden 150 Zuschauer nicht gegenseitig auf den Füßen herumstehen und auch der Stadion-DJ hat samt seines Equipments genügend Platz auf der Tartanbahn. Wir nehmen auf einer der angesprochenen Sitzschalen Platz und harren der Dinge, die da noch so kommen mögen. Hinter uns beziehen drei ältere Herren Stellung an der Reling und beginnen mit einer herzerfrischenden Fachsimpelei. Der redseligste unter ihnen berichtet von großen Spielen und Spielern vergangener Tage, erwähnt die Namen Di Stefano und Puskas. Bei Nándor Hidegkuti (* 03.03.1922) muss der Junior der Rentnergruppe nachfragen. „Hidegkuti?“ – „Kennste nich? Naja, bist ja auch fünf Jahre jünger als ich!“, entgegnet der Experte mit einem müden Lächeln.

Das Spiel beginnt. Es ist 12.00 Uhr mittags. Die angekündigte Sonne scheint erbarmunglos auf die Reisegruppe herab heute hinter den Wolken zu bleiben. Schwarz-Weiß Neukölln spielt analog zu seinem Vereinsnamen logisch konsequent in weinroten Trikots. Zwei Spieltage vor dem Ende der Saison liegen die Hausherren punktgleich mit dem TuS Makkabi an der Tabellenspitze der Liga. Beim 1.FC Neukölln, Aufsteiger aus der Bezirksliga, stehen mit Hinz und Fuß zwei prominente Namen auf dem Platz bzw. letzterer in Funktion des Spielertrainers ausschließlich auf dem Spielberichtsbogen.

Der 1.FC Neukölln hat sich im Derby vorgenommen, dem großen Favoriten ein Bein zu stellen. Mit viel Herzblut und Kampfgeist ersticken sie die Bemühungen des technisch stärkeren und taktisch versierteren Teams im Keim. Eine ereignisarme erste Hälfte geht so torlos zu Ende.

Die Pause nutzt FUDU, um der erwähnenswerten Stadiongastronomie einen Besuch abzustatten. Bei Grillwurst und Bier setzt erster leichter Regen ein. Wir kehren auf die Gerade zurück und erleben gerade noch so den Führungstreffer des Favoriten mit. Maurice Jacobsen fühlt sich in weinrot offenbar noch immer besonders wohl. Dann wird der Regen stärker. Und stärker. Bald ist unser Hopperkit, bestehend aus einem Dukla-Praha-Turnbeutel und einem Slovan-Liberec-Anglerhut dermaßen durchgeweicht, dass wir es vielen Stadionbesuchern gleichtun und die Anlage verlassen, um zunächst unter einem Baum und dann, als auch der Baum dem Starkregen nicht mehr trotzen kann, vor den Kabinen der Teams Unterschlupf zu finden.

Das Spiel auf dem Nebenplatz wird aus Angst vor dem aufziehenden Gewitter unterbrochen. Wir kommen so in den Genuss der Gesellschaft des Schiedsrichterkollektivs und der beiden Mannschaften. Ein Kind läuft seiner Mama weinend in die Arme. Die liebende und fürsorgliche Mutter weiß natürlich, was in einem solchen Moment Trost spenden kann, wendet sich dem Kind zu und sagt: „Bei dem Wetter fahren wir dann aber doch nicht an den See!“. Noch näher an den Bedürfnissen ihres Kindes ist eine Dame mit Migrationshintergrund, die sich vor versammelter Mannschaften von ihrem Sprössling in die Bluse greifen lässt. So lernt der kleine Gigolo in spe bereits frühzeitig: Yes means Yes!

Im Hintergrund schießt Osinski das 2:0 für Schwarz-Weiß. Nach gut 70 Minuten lässt der Regen etwas nach und wir staksen durch knöcheltiefe Pfützen, die sich in der Kürze der Zeit während des britzkriegartigen Regenfalls gebildet haben und kehren auf die Tribüne zurück. Die recht angenehmen Temperaturen sorgen schnell dafür, dass das gefallene Wasser verdampft. Inmitten von Nebelschwaden, wie in einem Endzeitfilm, vermissen wir nun nur die drei alten Männer, welche sich offenbar lieber für ein weiteres Bier im Casino entschieden haben. Leider verpassen sie auf diese Weise das 3:0 durch den Starspieler der DJK. Der Kubaner Alianni Urgellés Montoya wurde unlängst im RBB-Sportplatz porträtiert. In seiner Vita stehen immer stolze 40 Länderspiele (letztmals 2013; dabei stehen zwei Treffer gegen Guatemala und Jamaika für ihn und sein Heimatland zu Buche), ehe es ihn wegen der Liebe/des Geldes/der Bildung in die westlichste Stadt Osteuropas gezogen hat.

Die Entstehung des vierten und letzten Treffers ist ein Kuriosum. Der 1.FC Neukölln schießt einen Foulelfmeter an den Pfosten. Der Ball springt zurück in das Feld und landet im Besitz der weinroten Neuköllner. Diese fahren den Konter zu Ende und schließen mit einem absolut sehenswerten Fernschuss, der von der Latte in das Tor springt, ab. Tja, manchmal hat man eben kein Glück und dann kommt auch noch Pech hinzu…

Hinter uns haben die alten Männer für die letzten zehn Minuten wieder Position bezogen. Jetzt, wo der Himmel langsam aufreißt und die Sonne wie angekündigt zu strahlen beginnt, schmieden sie große Pläne. „Um 15.00 spielt Concordia Britz gegen Wittenau!“, lassen sie verlauten. Während wir spontan an einen Doppler denken, denken die Herrschaften vermutlich eher daran, wie man noch ein wenig länger um Zeit der Zweisamkeit mit der daheim sitzenden Frau herumkommen könnte. Ist ja schließlich erst kurz vor Zwei und so ein Nachmittag kann lang werden.

„Freibier!“ ertönt es dann aus der Kurve, in der bereits während des Spiels der Getränkeausschank positioniert war. Wie eine wohlige Melodei dringt diese von der lauen Sommerluft getragene Kunde zu uns, reißt uns aus allen kühnen Doppler-Träumereien und bringt den fettigen Wendehals FUDUs in Stellung: Schluss mit Anspruch, jetzt wird gesoffen!

Die Akteure beenden derweil ein faires Derby mit Shakehands. Letztlich hat sich die bessere Mannschaft deutlich durchsetzen können. Gemeinsam schieben die Teams die mobilen Auswechselbänke in einen Schuppen, während unsere Zapferin des Vertrauens mit der Anlage kämpft. Mehrere Becher, jeweils zu einem Drittel mit Schaum gefüllt, stehen vor ihr. Fleißig kippt sie die jämmerlichen Pfützen Bier von Becher zu Becher, bekleckert sich dabei und stellt fest, dass sie all die wartenden Männer heute wohl nie mehr los werden wird, wenn sie jetzt auch noch nach Bier riecht. Irgendwann bricht Anarchie aus und unzählige halbgefüllte Becher werden voreilig von der Theke gestohlen, wobei Freibier stehlen schlimmstenfalls ein Kavaliersdelikt darstellt. Auch FUDU greift beherzt zu: Noch einszweidrei für den Weg und schon geht es, dieses Mal etwas zielsicherer, zurück durch den Park, um der legendären Hufeisensiedlung, die seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, einen Besuch abzustatten. Anschließend bringt uns der öffentliche Berliner Nahverkehr sicher und schnell zurück in den Osten der Stadt.

Am Ostkreuz angekommen muss FUDU feststellen, dass im Zuge der Bauarbeiten eine Brücke komplett abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht worden ist. Weggefallen ist hiermit auch die Fußgängerunterführung und somit ein direkter Weg vom Bahnsteig in die Sonntagstraße. Den geschaffenen Umweg nehmen wir schnaufend in Kauf, natürlich nicht, ohne uns im Anschluss mit einem Spätibier zu stärken. Wir beobachten von einer Bierbank all die flanierenden Touristen, krönen die Dänin des Wochenendes, erholen uns von der grantelnden S-Bahn-Oma, die noch vor wenigen Minuten alles und jeden zur Zielscheibe ihrer Übellaunigkeit gemacht hatte und lassen den sonnigen Nachmittag dann auf der Karl-Marx-Alle mit Blick auf das Frankfurter Tor ausklingen.

In wenigen Tagen werden die dressierten Affen zurück in die Manege kehren und die Fußball-Europameisterschaft feierlich eröffnen. Aber FUDU wäre nicht FUDU, wenn sich nicht auch in dieser trostlosen Zeit das eine oder andere Schlupfloch auftun würde, um echten Fußball begutachten zu können… /hvg