718 718 FUDUTOURS International 19.07.19 20:59:20

12.06.2016 Mariendorfer SV – SC Gatow 4:3 (1:1) / Volksparkstadion Mariendorf / 154 Zs.

Seit zwei Tagen tobt die große Fußballwelt. Die Europameisterschaft in Frankreich ist in vollem Gange. Doch FUDU wäre nicht FUDU, wenn nicht auch in diesen Zeiten ein Blick über diesen Tellerrand geworfen werden würde. Berlin ist mit seiner Saison 2015/16 nämlich noch nicht ganz fertig geworden und so entscheiden sich die vier Mitglieder FUDUs der Sektion „Dilettanti“ für den Besuch des schmucken Volksparkstadions in Mariendorf, in dem heute der 30. und letzte Spieltag der Landesliga (Staffel 1) über die Bühne gehen wird.

Drei der vier angekündigten Interessenten stehen dann auch pünktlich zur Abreise in den Berliner Süden bereit. Als wäre diese überraschend hohe Quote nicht bereits Anlass der Freude genug, wird die Reisegruppe mit einem Schild empfangen, welches die Gastgeber zur Feier des Tages vor die Haupttribüne gestellt haben. „EINTRITT FREI!“ steht dort in großen Lettern zu lesen und so wächst die ohnehin schon vorhandene Vorfreude auf den Ground zusätzlich an.

Direkt hinter dem Einlassbereich hat der Mariendorfer SV dann auch logistisch gut gewählt einen Versorgungsstand errichtet. Ein Bier darf es dann vor dem Anpfiff schon sein, denkt sich FUDU angesichts des soeben entlasteten Budgets und reiht sich in die Schlange ein. Die Blicke wandern geifernd in Richtung Grill und Zapfanlage. Es gibt unheimlich gut aussehende Sucuk zu schlanken 1,50 €, Berliner Kindl und tschechisches Pils vom Fass und einen alten Leierkasten zu bestaunen. Nur der angepriesene „Biercocktail“ vermag nicht auf Anhieb zu überzeugen, dafür aber der kritisch taxierende Blick des Schankwarts in unsere Richtung. „Gehört ihr mit zur Mannschaft?“, fragt er uns, was wir ehrliche Häute verneinen, gleichwohl aber betonen, dass wir eigens für dieses Spiel quer durch Berlin gereist sind. Er hält kurz Rücksprache mit einem der Vereinsbosse und kehrt dann mit der für den weiteren Verlauf des Tages richtungsweisenden Botschaft: „Heute gibt’s Freibier für alle!“ zurück an seinen Arbeitsplatz.

Während Fetti sein Glück kaum fassen kann und bereits eine feuchte Schlüpfer zu verzeichnen hat, wird die Erklärung für die Portemonnaie schonende Gastfreundschaft nachgereicht. Heute wird ein Doppelaufstieg des Mariendorfer SV gefeiert und gleichermaßen Abschied genommen, da der MSV mit dem Tempelhofer Sportverein Helgoland aus der Nachbarschaft fusionieren und in der kommenden Spielzeit als TSV Mariendorf 1897 e.V. an den Start gehen wird. Aha, oh, hmmm, na dann: sechs Bier, bitte.

Wir nehmen Platz auf der deutlich überdimensionierten Haupttribüne und lassen unsere Blicke durch das weite Rund streifen. Herrliche Kurven und schiefe Traversen auf der Gegengeraden mit jeder Menge Wildwuchs sind zu bestaunen. Rudimentär erhaltene Markierungssteine zeugen davon, dass es hier einst weitere Zugänge zum Stadion gegeben haben muss. Gesäumt wird das Areal inmitten des Volksparks Mariendorf von unzähligen Bäumen, sodass man insgesamt wohl von einer der schönsten Anlagen im Berliner Amateursport sprechen kann.

Das Bier schmeckt, die Sucuk noch besser und der Ball rollt. Nach fünf Minuten versenkt Dennis Dort auf der Jagd nach der Torschützenkanone einen Elfmeter nach einem vermeintlichen Handspiel zum umjubelten 1:0. Saisontor 28!

Nach einer halben Stunde gleichen die Gäste aus Gatow zum 1:1 aus, was ihr Betreuerteam dazu verleitet, kurz aus dem Sattel – oder genauer: der Gartenbank – zu gehen, während der Trainer Fotos von der Jubeltraube schießt und so offenbar seiner Doppelfunktion als Coach und Webmaster nachzukommen versucht.

In der Halbzeitpause verschafft sich FUDU einen Überblick über die Finanzen und entscheidet, dass man sich weiteres Freibier leisten kann. Gerade ist man mit neuem Getränkevorrat an seinen Platz zurückgekehrt, als der vierte Mann plötzlich auf der Matte steht. Er jubiliert, dass er in der Pause keinen Eintritt zahlen musste und wird von uns vermutlich bereits etwas lallend darauf hingewiesen, dass uns hier und heute die ganze Welt offen steht. Kurz darauf ist auch er mit Kaltgetränken für die zweite Halbzeit präpariert und der Merksatz: „Wer pünktlich kommt, kriegt doppelt so viel Bier geschenkt!“ erblickt das Licht der Welt. Der Stadionsprecher verkündet „154 Zuschauer bei freiem Eintritt“ und wir hoffen inständig, dass diese von Hand gezählt und nicht per durchschnittlichem Bier-pro-Kopf-Verbrauch errechnet worden sind.

Im zweiten Spielabschnitt flippern sich beide Mannschaften die Bälle um die Ohren. Es gibt Torabschlüsse im Minutentakt, diverse Aluminiumtreffer, Angriffswelle um Angriffswelle schwappt in beide Richtungen und der emsigen Linienrichterin Viola Fiedler entgeht nichts. Nicht einmal, dass sie von FUDU fotografiert wird..

Ab der 60. Minute brechen dann alle Dämme und beide Teams entscheiden sich, die Spielzeit ohne Verteidigungsreihen zu Ende bringen zu wollen. So kann sich FUDU in der letzten halben Stunde der Saison über weitere fünf Treffer und folgende Randanekdoten erfreuen: gelbe Karte nach „Oberkörper-frei-Jubel“ zum 2:1; ein Flitzer aus der zweiten Mannschaft, der nach genügend Freibier und dem 3:1 genug Mut getankt hat, eine Wette zu gewinnen; ein völlig ekstatischer jubelnder kleiner Junge, der nach dem 4:3 der Hausherren in der 88. Minute FUDU und FUDU’s Restalkohol über den Haufen eskaliert, vermutlich, weil er weiß, dass Herrn Dort mit nun 30 Saisontreffern die Führung in der Torschützenliste nicht mehr zu nehmen ist.

Als Sahnehäubchen gibt es nach Abpfiff dann noch einen Heiratsantrag mitzuerleben und so kann diese furiose Gesamtgemengelage darüber hinwegtrösten, dass sich ab der 75. Minute mehr und mehr Stadionbesucher in Schland-Fanutensilien gewandet und ihre Vorfreude auf das Auftaktspiel gegen die Ukraine am heutigen Abend gröhlend kundgetan hatten.

Dass so ein bisschen Patriotismus so schlimm ja nun auch wieder nicht ist, wird FUDU während seines Sightseeings rund um das Tempelhofer Ufer im Anschluss der Landesliga-Partie deutlich vor Augen geführt. Zunächst ist da dieser schwarz-rot-gülden geschmückte Balkon, dessen Besitzer die Gelegenheit für günstig erachtet, die Reichskriegsflagge einfach direkt mit zu hissen. Kurz darauf bekommen sich vor einem Döner-Imbiss eine kroatische und eine türkischen Gruppe in die Wolle (15.00 Uhr, 1:0) und noch bevor die Fetzen auf der Straße fliegen, kehrt FUDU in eine Kneipe ein. Auch hier hat der Nationalismuskarneval bereits in seiner vollen Kraft Blüten geschlagen und man findet keinen Winkel, aus dem einen kein Nationalstolz entgegen brüllt. Wir schauen Polen gegen Nordirland (18.00 Uhr, 1:0), richten es an unserem Tisch häuslich ein, indem wir einen Farbstreifen der deutschen Flagge entfernen und die polnische mit Union-Stickern dekorieren und sind dann gerade noch rechtzeitig vor dem großen Kartoffelauflauf zum Spiel gegen die Ukraine wieder entflohen. Die EM bleibt Geschmackssache. Nicht mehr lange, dann ist wieder Fußball. Avanti, Dilettanti! /hvg