789 789 FUDUTOURS International 02.02.23 10:08:54

03.07.2016 SV Victoria Seelow – 1.FC Union Berlin 0:1 (0:0) / Oderbruchstadion / 1.540 Zs.

Ein Maltaurlaub ohne Nahtoderfahrung wäre kein richtiger Maltaurlaub. Nachdem bereits im Oktober 2015 beinahe ein Auto aus dem Gegenverkehr in unser Taxi gebrettert wäre, endet auch der diesjährige Ausflug auf die Insel um ein Haar mit einem schweren Unfall. Kaum 100 Meter haben wir mit dem Taxi am frühen Morgen des 03.07. in Richtung Flughafen hinter uns gebracht, als uns nach einem Abbiegemanöver in eine Einbahnstraße direkt hinter der Kurve ein Auto entgegengerast kommt. Unser Fahrer kann geistesgegenwärtig ausweichen, das Taxi kommt am Straßenrand zum Stehen. „Jesus, he’s going to kill us!“, analysiert unser Chauffeur die Situation scharfsinnig. Alle atmen ein Mal tief durch und schon kann die etwas ungewöhnliche Anreiseroute zu einem Testspiel des 1.FC Union Berlin in die Brandenburger Provinz fortgesetzt werden.

Um 12.30 Uhr stehe ich dann glücklicherweise lebendig und wie verabredet am S-Bahnhof Wuhletal zur Abfahrt bereit. Wenig später fährt das FUDU-Pärchen den Tschechenbentley vor und wir begeben uns auf die abenteuerliche Weiterfahrt nach Seelow. Auf der Bundesstraße 1 wähnen wir uns kurz vor dem Erreichen Seelows angesichts der vielen Prostituierten am Straßenrand bereits im tiefsten Osteuropa. Alle 50 Meter sitzen überschminkte und aufgetakelte Damen mittleren Alters auf Anglerstühlen an Waldwegen und verdienen sich ihre Abwrackprämie mit Spargelstechen der etwas anderen Art. Leider mag die Dame unseres Vertrauens (am Lenkrad) unser Gefährt nicht zum Halten bringen, sodass sich der Hoollege und meine Wenigkeit nicht investigativ nach der Angebotslage erkundigen können. Es stellt sich auf offener Straße beispielsweise die Frage, wo denn mangels Wohnwägen der Verkehr stattfände. Klappstuhl-Koitus? Wie sich in einer nachfolgenden Recherche herausstellt, haben auch deutsche Qualitätsmedien das Phänomen der Prostituiertenallee bereits beobachtet und den Damen einen markigen Spitznamen verpasst. Wer etwas mehr über die „Waldhuren aus Brandenburg“ erfahren mag, der wäre z.B. an dieser Stelle gut aufgehoben: http://www.bild.de/regional/berlin/prostituierte/die-huren-aus-dem-wald-40976766.bild.html!

Nachdem wir den Boliden in der Nähe des Oderbruchstadions geparkt haben, wird es kulturell etwas hochwertiger. Vor dem Spiel statten wir der Gedenkstätte Seelower Höhen einen Besuch ab. Freunde und Freundinnen dieses Blogs werden sicherlich über ein genügend hohes Allgemeinwissen verfügen, um sofort fachmännisch referieren zu können, dass bei Seelow die größte Schlacht des zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden ausgetragen worden ist. Falls jedoch nach dem Klick auf den Bild-Link weiter oben einige Gehirnzellen zerstört worden sind, darf der Exkurs an dieser Stelle noch nicht abrupt enden, schließlich ließen über 100.000 Soldaten unterschiedlicher Nationen in den Seelower Höhen ihr Leben. FUDU wirft nun einen demütigen Blick auf das ehemalige Schlachtfeld, die Grabstellen der Rotarmisten und auf das über allem thronende Kerbel-Denkmal. Wahrlich, mit der „Gnade der späten Geburt“ sollte man auch im 21. Jahrhundert verantwortungsbewusst umgehen…

Wenig später liegt unser Fokus aber bereits wieder auf der schönsten Nebensache der Welt. Der 1.FC Union Berlin tritt zum Auftakt der Saison heute an einem Ort an, der bislang noch nicht bereist wurde und erwirbt daher als Verein des Herzens die Berechtigung, in diesem eigentlichen Hopping-Tagebuch Platz zu finden. Das Oderbruchstadion, das mittlerweile offiziell über einen Sponsorennamen verfügt, liegt malerisch-sozialistisch in der Nähe eines Plattenbauwohnblocks gelegen. Aus den Balkonen werfen heute einige Kiebitze Blicke auf den Rasenplatz, weitere 5000 Menschen finden auf der Anlage Platz. FUDU macht es sich mit Stadionwurst und einem zünftigen Berliner Pilsner auf der mit 1300 Sitzschalen ausgerüsteten Haupttribüne bequem und lässt sich die Sonne in die Gesichter scheinen. Wir sind entzückt, unsere Helden endlich wieder auf dem grünen Rasen bestaunen zu können (auch wenn unsere Plätze aufgrund des Flutlichtmasts und des Stromkastens etwas sichtbehindert sind – „see low“ bei der Victoria!). Ebenso groß ist die Wiedersehensfreude auf Seiten FUDUs, als Anastasios Alexandropoulos, Spitzname „Stasi“, im Dress des SV Victoria den Platz betritt (http://fudutours.de/2016/05/21/21-05-2016-brandenburg-sc-sued-05-sv-victoria-seelow-32-01-werner-seelenbinder-sportplatz-201-zs/).

Teile des blassen Berliner FUDU-Pärchens kapitulieren dann nach gut einer halben Stunde in der erbarmungslos herabstrahlenden Sonne, während sich meine maltesische Vorbereitung auszahlt und ich die erste Halbzeit spielend leicht aus dem Ärmel schüttele. Um uns herum haben sich gut 1.300 Unioner und die Seelower Dorfjugend versammelt. Letztere wird in der ersten Hälfte durch die eine oder andere Yakuza-Jogginghose auffällig und kann dann besonders auftrumpfen, indem ein Pumperhosen-Vorzeigeexemplar seine Bulldogge an einer Thor-Steinar-Leine in die Arena führt. Ach Brandenburg, immer wieder schön bei Dir.

Auf dem Rasen tut sich Union während all dieser getätigten Beobachtungen nach nur einer Trainingswoche mit den dicht gestaffelt stehenden und hoch motivierten Seelower Spielern äußerst schwer. Auf dem Notizzettel landen in der ersten Halbzeit lediglich ein abgeblockter Fallrückzieher von Sören Brandy sowie ein Doppel-Pfostenschuss von Quaner und ein Aluminiumtreffer Lämmels.

In der Halbzeitpause wechselt Jens Keller die gesamte Mannschaft aus und FUDU die Seiten. Die zweite Halbzeit verfolgt man nun auf der Gegengeraden und freundet sich schnell mit seinem schattigen Stehplatz an. Das Spiel auf dem Rasen verläuft exakt so wie im ersten Spielabschnitt. Union hat permanent den Ball am Fuß, Seelow verengt die Räume und kämpft um jeden Zentimeter. Das klassenhöhere Team kann das Tempo selten so steigern, dass Lücken in das Bollwerk der Hausherren gerissen werden können. Nach einer intensiven ersten Trainingswoche machen sich bei den Unionern langsam Ermüdungserscheinungen breit, während sich drei Brandenburger Schönheiten schräg hinter uns gegenseitig die Haare flechten. Als man sich bereits mit einem 0:0 und einem etwas holperigen Start in die neue Spielzeit angefreundet hat, segelt in der 84. Minute eine Ecke in den Strafraum der Victoria. Unions neuer linker Verteidiger Pedersen steigt in die Höhe und wuchtet den Ball per Kopf zum 0:1 in die Maschen. Danish Dynamite. Jubel. Ekstase. Schlusspfiff.

FUDU kehrt direkt nach dem Abpfiff des Spiels zum Tschechenbentley zurück und füttert das Navi mit Koordinaten, die Spaß machen. Abfahrt „Am Stadion 16“. Gibt schlimmere Adressen. Kurz darauf braust man an den Waldhuren vorbei und scheitert auf der Suche nach einer Brandenburger Dorfgaststätte kläglich. Alles halb so wild, so lange einem nicht wieder irgendein Sonntagsfahrer die Lichter löschen mag. Aber Malta ist ja zum Glück nur einmal im Jahr. /hvg