991 991 FUDUTOURS International 05.12.22 12:53:07

03.09.2016 Bohemian FC – Dundalk FC 1:2 (0:1) / Dalymount Park / 2.169 Zs.

Meteorologischer Herbstanfang in Deutschland, aber noch Sommerferien in Berlin. Fetti ist vollends verwirrt, sortiert sich aber umgehend: Donnerstag um 15.00 Uhr Feierabend, freier Ferienfreitag, spielfreies DFL-Wochenende. Kann es eine bessere Ausgangsposition für ein verlängertes Wochenende irgendwo in Europa geben?

Nach unzähligen Flügen mit der heißgeliebten Billigfluglinie mit der Harfe im Logo ist es dieses Mal an der Zeit, Dankeschön zu sagen und so fällt die Wahl des Ziels der Wochenendreise auf Dublin. Die Hotelpreise bewegen sich in astronomischen Höhen. Für 84 schlanke Euro pro Nacht ist das „Binary Hub“ schnell für vier Mal schlafen gebucht. Was tut man nicht alles, um eine Frau zu beeindrucken? Ironie des Schicksals, dass diese nach der Buchung von Flügen und Hotel bedauerlicherweise wieder absagt. Fetti reagiert umgehend, holt den Wirtschaftsflüchtling ins Doppelbett Boot, storniert eine Nacht (unter diesen Umständen tut es als Übernachtungsoption vor der Abreise am frühen Morgen auch der Flughafen) und bringt so den rumänischen Kassenwart zum Jubilieren.

Am Donnerstagabend lande ich in Dublin. Der Flughafenbus lässt bei leichtem Nieselregen nicht lange auf sich warten und auch die Station „Ushers Quay“ am Flüsschen Liffey ist schnell erreicht. Auf dem Weg zum Hotel decke ich mich in einem Spätverkauf, in dem der Verkäufer hinter einer dicken Glasscheibe sitzt und mit dem man nur durch drei kleine Löcher kommunizieren kann, mit Kaltgetränken ein und mustere bereits jetzt etwas argwöhnisch die Umgebung. Alles wirkt gelinde gesagt heruntergekommen, das Klientel auf den Straßen erinnert an das des Frankfurter Bahnhofsviertels. Alle Menschen, die ich nach dem Weg frage, können mir bei meiner Suche nach der Unterkunft zwar nicht behilflich sein, rauben mich aber dankenswerterweise wenigstens auch nicht aus. Keine Hilfe, kein Ärger. Fairer Deal.

Irgendwann habe ich die Herberge dann auch ohne technische Unterstützung und menschliche Hilfestellung gefunden. Am Check-In-Terminal empfangen mich zwei Spanierinnen, die kaum Englisch sprechen und ein Rastahippie, der einen auf Kumpel macht und längst verdrängte Erinnerungen an mein Sozialpädagogikstudium in mir hochkommen lässt. Während ich mit diversen Flashbacks zu kämpfen und Traumatisierungserfahrungen zu verarbeiten habe, dreht mir der Rastamann auf die Schnelle ein Handtuch und einen Traveladapter an. Gekauft. Hauptsache, ich kann dieser furchtbar unangenehmen Situation entfliehen und mich schnellstmöglich in mein Zimmer verkrümeln.

Dort angekommen bin ich innerhalb von nur 30 Sekunden froh darüber, dass mir vor wenigen Wochen eine Absage der jungen Dame ins Haus geflattert ist. Was tut man nicht alles, um eine Frau zu beeindrucken??? Mit diesem Zimmer im Stile des Studentenwohnheims Cottbus wäre es jedenfalls nicht gelungen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bereits jetzt eine vernichtende Bewertung bei booking.com schreiben: Kein Fernseher. Ein Doppelbett für Kleinwüchsige. Kein Mülleimer. Wi-Fi funktioniert auch nicht. Preis-Leistungs-Verhältnis? Die letzte Nacht, mein liebes Kind, war nicht einmal befriedigend! Ich öffne mein Spätibier und stoße mit mir selbst auf die Republik Irland an – kann man 100 Jahre nach dem Osteraufstand so machen.

Am nächsten Morgen vervollständigt der Wirtschaftsflüchtling die Zwei-Mann-Reisegruppe. Gemeinsam bahnen wir uns unseren Weg durch die Warteschlange vor der Methadonausgabestelle neben unserem Hotel und steuern die Innenstadt zwecks Sightseeing an. Schnell wird klar, dass Dublin auch dort nicht unbedingt an jeder Ecke zum Verweilen einlädt. Um wenigstens halbwegs realistisch urteilen zu können, klappern wir nach einem Fish&Chips-Imbiss in einer Bude, die bereits unzählige Prominente zu ihren Gästen zählen durfte (Alan Shearer!) und in der freundliche Einheimische unseren Müll für uns beseitigen, einige Sehenswürdigkeiten ab. Saint Patrick’s Cathedral, Dublin Castle, Trinity College, The Spire und der Merrion Square Park, in dem letztlich auch nur die Statue Oscar Wildes samt seines legendären und nachvollziehbaren Ausspruchs: „I drink to keep body and soul apart!“ überzeugen kann.

Zu allem Überfluss ist Dublin und sein Pubviertel Temple Bar an diesem Wochenende von unzähligen Amerikanern hoffnungslos überlaufen, da die beiden wohl besten College-Footballteams aus Boston und Georgia ein Spiel in der irischen Hauptstadt austragen werden. Überall nerven dicke Frauen mit breitem Kaugummiakzent und schirmbemützte kulturlose Cargohosenträger, die sich mit 1/8 irischer Herkunft rühmen. Viele von ihnen stehen an eigens errichteten Merchandisingständen Schlange. Darf es ein Schal der Georgia Tech sein? Oder doch lieber des Boston College? Wir entscheiden uns angesichts dieser Optionen für die Methadonschlange und dann dafür, das touristische Zentrum der Stadt schleunigst zu verlassen.

Schnell sind wir in einem urigen Pub am Stadtrand eingekehrt und es dauert auch nicht lange, bis wir uns im Gespräch mit dem Barkeeper und einem zahnlosen walisischen Senior befinden. Letzterer berichtet von einem sehr guten Freund, von dem er nicht wüsste, ob dieser noch am Leben sei. Im Fernsehen läuft eine etwas sonderbare Sportart, bei welcher die Akteure wahlweise mit dem Fuß oder mittels eines Schlägers einen kleinen Ball durch die Gegend peitschen und sich sowohl freuen, wenn dieser über eine Querstange fliegt oder in einem von einem Torhüter bewachten Gehäuse einschlägt. Hurling nennt sich der ganze Spaß und morgen wird in Dublin das große Finale um die irische Meisterschaft stattfinden. Über 80.000 Zuschauer werden erwartet, wenn sich die Amateursportler aus Tipperary und Kilkenny um den Pokal duellieren werden. Rechnet man hier noch eben die Besucher des Collegefootballspektakels hinzu, befinden sich aktuell also 120.000 Gäste in der Stadt und plötzlich wird klar, warum selbst das Studentenwohnheim Cottbus an diesem Wochenende derart astronomische Zimmerpreise aufrufen kann. Tja, Timing ist offenbar Fettis Sache nicht…

Der Pub füllt sich und wir lernen unzählige freundliche Einheimische kennen. Schnell haben wir uns einer Clique angeschlossen und ich bin einigermaßen stolz darauf, dass mein Englisch ausreicht, um gepflegt Smalltalk halten zu können. Während der Wirtschaftsflüchtling draußen eine rauchen ist, erzählt mir Ronan zunächst von seinen positiven Erfahrungen als Straßenmusiker auf der Oberbaumbrücke, ehe wir letztlich über den Rechtsruck in meiner „Heimat“ philosophieren, um sein deutlich verzerrtes Deutschlandbild einigermaßen gerade zu rücken. Am Ende des bierseligen Abends wird mich Ronan mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange verabschieden. Noch während wir die Kneipe verlassen, kann sich der Wirtschaftsflüchtling das Lachen nicht mehr verkneifen, hatte er doch bereits vor Stunden beim Rauchen erfahren, dass Ronan homosexuell und an mir interessiert ist und mich sehenden Auges in den längsten schwulen Flirt meines Lebens geschickt. Nett war’s – und wegen der Rigaromanze von neulich sind wir dann wohl quitt.

Als wir am Tag des Spieltages der Website des Bohemian FC einen Besuch abstatten, dauert es nicht lange, bis unsere Vorfreude ins Unermessliche gestiegen ist. Die Vorberichtserstattung für das heutige Spiel besteht ausschließlich darin, auf die Öffnungszeiten des Stadionpubs hinzuweisen. So zieht es Fetti schon weit vor Anpfiff in Richtung Dalymount Park, dessen Flutlichtmasten majestätisch aus dem typisch britischen Wohnumfeld herausragen. Wir werfen einen ersten Blick in die historische Spielstätte, die sich vollkommen zurecht mit der Losung „Home of Irish Football“ ziert. Der 1890 gegründete Bohemian FC (oder einfach gälisch: „An Cumann Peile Bóithéimeach“) spielt in diesem altehrwürdigen Stadion seit 1901 Fußball, welches heute mit schiefen Stehtraversen samt Wildwuchs, verrosteten Wellenbrechern und einer offenbar nicht mehr gänzlich erhaltenen Gegengeraden Geschichten aus längst vergangenen Fußballepochen erzählt. Rund um das Stadion befinden sich mehrere politisch einwandfreie Grafitti und so bereitet es große Freude, durch die schmalen Gassen zu stromern, die in einem anderen Kontext auch etwas befremdlich erscheinen könnten. Der Stadionpub kann mit diversen nostalgischen Stadionfotos, alten Wimpeln, einer Ruhmeswand mit all den Erfolgen des Vereins (immerhin 11x irischer Meister, zuletzt allerdings 2009) und einem hochgradig sympathischen Publikum überzeugen und rechtfertigt das frühe Erscheinen.

Kurz vor Anpfiff deckt sich der Wirtschaftsflüchtling noch schnell mit einem Trikot der Hausherren ein, wobei es sich Ausrüster hummel nicht nehmen lässt, das Rezept einer dänischen Gebäckspezialität mit an das Shirt zu heften. Und dann kann er auch schon beginnen, der neunzigminütige Fußballporno zwischen dem Club, der als einziger Irlands zum 100% den Mitgliedern des Vereins gehört und dem neureichen Dundalk FC, der zuletzt zwei Mal in Folge Meister werden und in der Europa-League für Aufsehen sorgen konnte.

Die Schweigeminute vor der Partie nutzen die zahlreich mitgereisten Anhänger aus Dundalk dazu, etwas Rauch und einige Bengalos zu zünden. Der Rest des Stadions reagiert akustisch diszipliniert, sodass man neben den pyrotypischen Geräuschen nur das Husten und Röcheln einiger Gäste vernehmen kann, denen die Windverhältnisse übel mitspielen.

In den ersten zehn Minuten lässt der Underdog die Muskeln spielen und macht deutlich, dass er das Spiel gegen den aktuellen Tabellenführer nicht herschenken wird. Dieser ist allerdings dermaßen dominant, dass spätestens nach einer Viertelstunde die Mittellinie oftmals gleichermaßen auch die Ziellinie für die Angriffsbemühungen der Bohemians darstellt. Nach 20 Minuten trifft Dundalk den Pfosten, nach 24 per schöner Direktabnahme nach einer Ecke zum 1:0 ins Tor. Zwei weitere Großchancen vereitelt der tapfere Schlussmann des BFC, der einzig und allein mit diesem Vereinskürzel auf den Sitzschalen der Haupttribüne Minuspunkte in der Bewertung einfährt. Das hier könnte sportlich übel enden, denkt sich wohl auch ein Senior mit Hinkefuß, der sich in der Halbzeitpause vor der Tribüne postiert, einklatscht und plötzlich die Menge auch in der Pause zum Singen animiert.

Beflügelt von diesem Ritus starten die Fans in den zweiten Spielabschnitt und pushen ihre hoffnungslos überforderten Helden, denen es nun immerhin gelingt, das Spiel einigermaßen in der neutralen Zone des Spielfeldes zu halten. Der Skeptiker in uns stellt zwar leise die Frage, wie hier und heute ein Ausgleich gelingen sollte, aber erst einmal lassen wir uns von der tollen Atmosphäre mitreißen und beginnen immer leidenschaftlicher mit dem Außenseiter mitzufiebern.

Nach 65 Minuten erzielen die Spieler des Serienmeister aus Dundalk das 2:0 auf eine besonders perfide unbritische Art und Weise, indem sie einen Schiedsrichterball nicht zu den Hausherren zurückspielen, sondern diesen direkt in einen Angriff ummünzen, den Mountney veredeln kann. In Folge geschehen einige Dinge, die uns immer heftiger mit dem Bohemian FC flirten lassen. Zunächst hinkt der alte Mann wieder bis zur Mittellinie, auf deren Höhe er ein lautstarkes Kommando abgibt, woraufhin sich urplötzlich das ganze Stadion erhebt und auf die Melodie zu Spandau Ballet’s „Gold“ ein markerschütterndes ALWAYS BELIEVE IN BOHS! erklingen lässt. Gänsehaut. Die Beleidigungen und Pöbeleien gegenüber der Gäste, die erst nach der unsportlichen Aktion im Zuge des 0:2 begonnen hatten, erreichen nun ungeahnte Höhen. Selbst kleine Kinder rennen nun wie von der Tarantel gestochen über die Tribüne und lassen es sich nicht nehmen, den einwerfenden Akteuren des Dundalk FC die Meinung zu geigen. Nach 67 Minuten erzielt die Nummer 10 der Hauptstädter, Kurtis Byrne, nach einem Eckstoß einen Treffer der Marke Tor des Monats. Das Stadion kocht und der Torschütze holt sich auf der Tribüne einen Kuss seiner hübschen Freundin ab, NACHDEM er einige Fans beim Torjubel umarmt hat. Spätestens jetzt ist es Liebe und der Wirtschaftsflüchtling und ich gehen bei jedem Angriff des BFC aus dem Sattel. Mehr Leben kann in keinem Fußballspiel stecken. Wahrlich, das Spiel scheint zu kippen und plötzlich erscheint ein Remis erreichbar zu sein. Leider kann Byrne seine gute Leistung nicht krönen – der Doppelpack bleibt ihm aufgrund einer starken Parade des Gästekeepers verwehrt.

Und so muss das Publikum am Ende des Abends noch einmal unter Beweis stellen, dass es aus besonderem Holz geschnitzt ist, indem es seine Lieblinge trotz einer 1:2 Niederlage mit stehenden Ovationen und wunderbaren Gesängen verabschiedet und sich für einen aufopferungsvollen Kampf bedankt.

Den Urlaub lassen wir einen Tag später an der Küste ausklingen. Ronan hatte mir eindringlich ans Herz gelegt, mit der Irish Rail nach Dún Laoghaire (sprich: Dunliery) zu fahren. Womöglich wäre er gerne selbst mit von der Partie gewesen, als der Wirtschaftsflüchtling und ich im ersten „Wetherspoon“ des Wochenendes einkehren und nur kurz darauf eine Helikopterübung der irischen Küstenwache bestaunen dürfen. Nebenan lassen es sich ein paar Unerschrockene nicht nehmen, in der „Dublin Bay“ ein sicherlich eiskaltes Bad zu nehmen. Auf einer Mauer an der Badestelle sitzen fünf Jungs mit der selben Haarfarbe wie die Hühner auf der Stange und laden zum fröhlichen Rothaarigenschubsen ein, doch FUDU kann der Verlockung gerade noch einmal widerstehen.

Kurz darauf kehren wir in einem Pub ein, um das Hurlingfinale live miterleben zu können. Wir fühlen uns wie Einheimische, saugen Atmosphäre auf und freuen uns am Ende mit Tipperary, die Kilkenny mit 2-29 zu 2-20 (tja…) in die Schranken verweisen können. Mit der Aer Lingus („Official Airline of the Irish Rugby Team“) geht es nach einer erholsamen Nacht am Flughafen Dublin dann stilecht zurück in Richtung Arbeitsstelle.

Und wenn man mit so einem Urlaub schon keine Frau beeindrucken kann, dann vielleicht wenigstens einen Ronan. /hvg