754 754 FUDUTOURS International 05.12.22 12:46:26

01.09.2017 FC Haka – Ekenäs IF 2:1 (2:0) / Tehtaan kenttä / 930 Zs.

Aufmerksame Leser des Blogs reiben sich nun womöglich verwundert die Augen. Ein Bericht aus Finnland? Fehlt da nicht noch ein Eintrag aus Andalusien? Nein, ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich es in sechs Tagen Málaga nicht zu einem einzigen Fußballspiel geschafft habe. Dank der „Feria de Málaga“ und des „Bottelón“, also das gesellschaftlich akzeptierte Trinkgelage auf öffentlichen Plätzen mit dem Ziel, möglichst schon gegen Mittag betrunken zu sein, hatte ich aber auch ohne unseren geliebten Ballsport ausreichend Unterhaltung. Nun liegen acht Tage harter Arbeit in Berlin hinter mir und endlich wird es wieder einmal gelingen, meine beiden Lieblingsbeschäftigungen Reisen und Fußball zu kombinieren.

Heute bin ich besonders froh, dass dieses Unterfangen gelingen wird, da ich mir vor einigen Monaten auf Verdacht einen günstigen Flug der strauchelnden Luftfahrtgesellschaft „Air Berlin“ gebucht und die Nachrichtenlage der letzten Wochen intensiv verfolgt habe. Zeitweise sah Fetti seine Felle bereits davonschwimmen, da mehrere Flüge vergangener Tage ersatzlos gestrichen wurden und auch das Damoklesschwert der drohenden Insolvenz Air Berlins über Fettis Ringelschwanz schwebte. Der heutige Flug steht jedoch pünktlich zum Abflug bereit und auch die Landung am Flughafen Helsinki-Vantaa erfolgt um 11.35 Uhr Ortszeit planmäßig. Zum Abschied bekommt man leider kein Schokoladenherz mehr gereicht, was durchaus etwas Melancholie auszulösen vermag. Lange wird es sie wohl nicht mehr geben, diese Fluglinie meiner Heimatstadt, aber so lange sie mich wenigstens am Montagmorgen wieder zurückbefördern wird, soll mich diese Herzlosigkeit emotional nicht all zu nachhaltig erschüttern.

Leider muss der verrückte Tischfinne an diesem Freitag lange im Büro verweilen und kann mich daher nicht standesgemäß in Empfang nehmen. Naja, dann muss ich mein „Lapin Kulta“, oder „Poronkusta“, wie der Finne zu sagen pflegt, eben alleine auf der Überfahrt in die Innenstadt trinken. Der Fußweg vom Hauptbahnhof („Päärautatieasema“) bzw. vom großen Vorplatz des Hauptbahnhofs („Rautatentiori“) zum Busbahnhof Kamppi ist dann schnell gefunden und zurückgelegt. Einigermaßen imposant kommt er schon daher, dieser Busbahnhof, der im Stadtteil Kamppi 1935 in einer ehemaligen Kaserne eröffnet wurde und seit der ambitionierten Bauarbeiten von 2002-2005 nunmehr als modernster Busbahnhof Europas gilt. Täglich nutzen etwa 200.000 Fahrgäste die insgesamt 55 unterirdisch gelegenen Bussteige und in dem darüber liegenden Einkaufszentrum bleiben keine kapitalistischen Sehnsüchte unerfüllt.

Mich erwartet heute eine knapp zweistündige Busfahrt in das Landesinnere mit Ziel Valkeakoski. Das Ticket ist ökologisch bewusst „papierlos“ und kostet 16,50 €. Aus Sicherheitsgründen habe ich die Buchungsbestätigung ausgedruckt dabei und unterwandere so geschickt die Nachhaltigkeitspläne des finnischen Busunternehmens „Matkahuolto“, das seinerseits aber auch dazu beiträgt, die darbende finnische Papierindustrie zu unterstützen, indem der Fahrer, nachdem ich bei Einstieg lediglich meinen Personalausweis vorzeigen muss, nun durch diverse DIN-A4-Seiten blättert, um meinen Namen abhaken zu können.

Der „Express Bus“ macht schnell Strecke und scheitert dann kurz vor dem Ziel an seinem Zeitplan, da auf einer einspurigen Straße ein Traktor, der eine Wagenladung Holz nach sich zieht, ein unüberholbares Hindernis darstellt. Tja, das habt ihr jetzt von euren „papierlosen“ Tickets. Hättet ihr jedem Fahrgast einfach eine kleine Fahrkarte ausgehändigt, müsste hier womöglich weniger Papier produziert werden…

Schnell stellt sich jedoch heraus, dass die 15 Verspätungsminuten beim Sightseeing nicht auffällig fehlen werden. Die von Seen gesäumte Stadt mit ihren 21.346 Einwohnern ist derart schnell besichtigt, dass Fetti bereits knapp zwei Stunden vor Anpfiff auf Einlass in das Fußballstadion lauert. Erst langsam setzt im Stadion rege Betriebsamkeit ein und als einer der ersten Gäste durchquere ich dann die Stadiontore. Die Ordnerin hat wenig Interesse, sich einen Überblick über mein Reisegepäck zu verschaffen und stellt daher nur die alles entscheidende Frage, ob ich Waffen oder Alkohol dabei hätte. Mit einem charmanten „I trust you!“ lässt sie mich nach meiner Verneinung ungeprüft passieren.

Das „Paviljonki“ ist kurz darauf der erste Blickfang. Ein wunderbares Holzhaus dient hier als Vereinsheim und lädt zu einer Zeitreise durch die Vereinsgeschichte des FC Haka ein, der zwischen 1960 und 2004 immerhin neun Mal finnischer Meister und zwischen 1955 und 2005 zwölf Mal Pokalsieger werden konnte. An den Wänden finden sich Spuren unzähliger Europapokalspiele wieder – Wimpel von solch Mehlvereinen wie den Rangers aus Glasgow, dem Liverpool FC und Brøndby IF bestimmen das Ambiente. Da stößt es einem schon übel auf, dass der FC Haka seine beiden größten Europapokalschlachten gegen den 1.FC Union Berlin im Jahre 2001 (1:1, 0:3) offenbar völlig vergessen hat.

Aber glücklicherweise hat das „Paviljonki“ nicht nur eine Ruhmeswand, sondern auch eine optisch ansprechend holzvertäfelte Bar zu bieten. Dort steht der Zapfhahn heute zwar leider still, doch Fetti lässt es sich nicht nehmen, für 6€ ein „Olvi“ aus der Dose zu bestellen, welches er kurz darauf aus einem Plastikbecher auf der Terrasse mit Blick in das Stadion bei finnischer Abendsonne genießt.

Im Hintergrund hält währenddessen der Präsident des Clubs eine Rede, welcher fünf Menschen andächtig lauschen. Das Mikrofon, welches die Rede durch die offenen Fenster auch auf die Terrasse transportiert, hätte es nicht gebraucht, da sich neben mir niemand auf selbiger befindet und ich eh nichts verstehe. Ich verstehe allerdings etwas von Stadien und heute befinde ich mich in einem besonders hübschen Exemplar. Zwei alte Tribünen an den Längsseiten, eine kleine Hintertortribüne und eine herrlich nostalgische Uhr und Spielstandanzeige hinter dem anderen Tor sorgen optisch für beste Unterhaltung. Auch die Schlote der angrenzenden Papierfabrik fügen sich nahtlos in das stimmige Gesamtbild ein und rechtfertigen den Namen des Stadions, welcher frei mit „Fabrikfeld“ übersetzt werden könnte.

Ich nehme Platz auf der Hintertortribüne und lasse mir weiter die Sonne ins Gesicht scheinen. Vor mir lässt sich der wohl größte Fan des Clubs vom Stadion-DJ emotionalisieren und tanzt herzerfrischend den HAKA zu einem großartigen finnischen Popsong, der zwar genau genommen lediglich eine Schlüpferstürmer-Anekdote erzählt, diese aber geschickt mit Diego Armando Maradona und der WM 1986 koppelt.

Kurz darauf eröffnet der Schiedsrichter diese finnische Zweitligabegegnung und schnell ist klar, dass es kein besonders großer Nachteil ist, dass die Sonne so sehr blendet, dass man nicht alles sehen kann. Nach 11 Minuten geht die Heimmannschaft durch Erkka Helminen in Führung, nachdem Gästekeeper Jäntti eine flache Hereingabe von der Seite recht stümperhaft nach Vorne abprallen gelassen hatte.

Nach 20 gespielten Minuten hat endlich auch der Tischfinne das Stadion erreicht und nimmt neben mir Platz. Nun werden wir während des Spiels gemeinsam mit Werbejingles malträtiert und leisten den hoffnungslosen Animationsversuchen des Stadionsprechers ebenso Widerstand wie alle restlichen 928 Zuschauer. Schade, dass heute im „Tehtis“, wie die Fans ihr Stadion liebevoll nennen, gut 5.500 Plätze verwaist bleiben. Doch allgemein scheint der FC Haka ein Problem mit der Fanbasis zu haben, erst kürzlich scheiterte ein Crowdfunding kläglich, wie der Tischfinne zu berichten weiß und statt über avisierte 50.000 € konnte sich der Club letztlich nur über 6.500 € freuen.

Der Gästekeeper versucht derweil seine Vorderleute in englischer Sprache zu navigieren. Ein Blick auf den Aufstellungsbogen des Ekenäs IF offenbart ein buntes Potpourri an Nationalitäten: zwei Spieler von der Elfenbeinküste, einer aus Burkina Faso, ein Brasilianer und ein Innenverteidiger aus Haiti versuchen hier gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. In der 37. Minute gelingt diese Navigation nicht und so können die Spieler des FC Haka den Ball ungestört vor dem Gästestrafraum zirkulieren lassen, bis sich eine Lücke auftut, die abermals Helminen nutzen kann und mit seinem vierten Saisontreffer auf 2:0 erhöht.

Teile der zweiten Halbzeit begutachten wir von der Terrasse des „Paviljonki“ aus, auf der neben uns auch einige ältere Herren eingekehrt sind. Die Mitglieder der Seniorengruppe verbieten sich heute aus gesundheitlichen Gründen und mit Verweis auf diverse verstorbene Jugendfreunde gegenseitig das Biertrinken. Ihre Diskussion darüber, ob dann alternativ die Einnahme von Amphetaminen in Ordnung wäre, ist noch nicht gänzlich abgeschlossen, als der brasilianische Starstürmer der Gäste namens Felix de Bona nach einem katastrophalen Fehlpass des Haka-Schlussmanns dankend zum 1:2 einnetzt. Nach 72 Minuten holt sich der Doppeltorschütze Helminen bei seiner Auswechslung seinen verdienten Applaus ab und sogar die beiden ansehnlich frisierten Hunde auf der Haupttribüne spendieren ein aufgeregtes Bellen. In Folge drücken die Gäste auf den Ausgleich, doch bei spärlicher Flutlichtbeleuchtung finden weder sie das Ziel, noch gelingt es den Hausherren, einen ihrer vielen hochkarätigen Konter zu verwandeln und so geht ein lauer finnischer Spätsommerabend mit unverändertem Spielstand zu Ende.

Nach Abpfiff eilen Fetti und seine Freunde zum Busbahnhof, auf dem die Suche nach der Linie Valkeakoski-Tampere glücklicherweise erfolgreich gestaltet werden kann. 50 Straßenkilometer später haben wir Tampere erreicht, in unser Hotel eingechecked und einen ersten kleinen Stadtspaziergang unternommen. Tampere hat sich bereits für das morgige Länderspiel Finnland-Island festlich herausgeputzt und so tragen die mannshohen Statuen auf der Brücke patriotisch überdimensionierte Finnlandschals um die Hälse. Ebenso überdimensioniert ist dann unsere mit Thunfisch, Salami, Schinken und Dönerfleisch belegte Pizza, die sich als lukullischer Endgegner erweist und schnell zu einer gewissen Bettschwere führt. Und so kommt es, dass Fetti am Ende dieses Tages, der so herzlos begann, gut gesättigt sein neues finnisches FUDU-Motto während des Einschlafens ins Kissen säuselt: Liian pikanen, vähän likanen, mielenvikanen, niinku Maradona! /hvg