915 915 FUDUTOURS International 14.08.20 03:47:20

02.09.2017 Suomi – Ísland 1:0 (1:0) / Ratinan stadion / 15.835 Zs.

Der Morgen beginnt im Hotel „Cumulus“ mit einer dunklen Wolkenfront. Der finnische Mobilfunkbetreiber hat direkt vor unserem Fenster eine seiner Niederlassungen platziert. Gar nicht mal so angenehm, wenn der Name „Elisa“ das erste Wort des Tages ist, welches einem visuell begegnet. Aber, bevor es hier zu privat werden kann, sollte sich der Autor schnell damit trösten, dass nur wenige Meter weiter entfernt der Ausblick durch die Flutlichtmasten des Ratinan stadion exorbitant aufgewertet wird.

Auch das Frühstücksbuffet ist sein Geld wert und hat neben dem mitteleuropäischen Einheitsbrei auch einige landestypische Spezialitäten im Angebot, welche es für Fetti zu probieren gilt. Als besonders foodblogtauglich erweist sich die „Mustamakkara“, eine mit Roggengrütze gefüllte Blutwurst, welche man neudeutsch getrost als „Local Thing“ anpreisen könnte. Auch am Hafen von Tampere wird die schwarze Wurst nämlich aus einem Imbisswagen heraus verkauft und traditionell mit Preiselbeeren und Milch gegessen. Aufgrund des erhöhten Sättigungspotentials des Lebensmittels ist es übrigens empfehlenswert, vor dem Konsum zwei Tage lang nichts zu sich zu nehmen (A) oder alternativ direkt im Anschluss des Verzehrs ein Bier zu trinken (B). Fetti entscheidet sich für Variante B und hat kurz darauf ein wohlig warmes Gefühl im Magen. Frühstück ist eben doch die wichtigste Mahlzeit des Tages!

Uns treibt es gut gesättigt hinaus in den Stadtteil Pyynikki, in dem der „Pyynikin näkötorni” aus 26 Metern Höhe eine Aussicht auf die beiden Seen Näsijärvi und Pyhäjärvi ermöglicht, zwischen denen Tampere recht malerisch eingebettet ist. Der Stadtspaziergang führt dann weiter nach Pispala, wo man dank diverser Holzhäuser skandinavische Katalogidylle kredenzt bekommt. Doch selbst in dieser „einfachen Wohnlage” muss man als Anwohnerin den Beton noch selbst anrühren, aber um wenigstens ein optisches Statement zu setzen, trägt man hierbei in Pispala bei der Arbeit eine Yogahose. Konterkariert wird all der Reichtum und Wohlstand durch einige linke Kultureinrichtungen, in denen ganz offenbar regelmäßig Konzerte und politische Veranstaltungen stattfinden dürften, worauf die Stickerkultur des Viertels, die auf den ersten Blick gar nicht zu selbigen passen mag, deutlich hindeutet. Schaut man jedoch in die Historie des Viertels, ist schnell wieder alles stimmig. Pispala wurde nach seiner Eingemeindung 1937 ursprünglich als Arbeiterviertel errichtet und nicht wenige Bauten wurden damals aus den preiswertesten Materialien errichtet. Heute, wer hätte es geahnt, haben sich viele Künstler, Kreative (und andere Kleinkriminelle?) vor Ort niedergelassen.

Da das stadtbekannte Café „Rajaportti“ mit Sauna leider noch geschlossen ist, lassen wir uns in Pispala nicht länger nieder als nötig. Es gilt nämlich nicht nur über das Länderspiel zu berichten. Nein, das Ganze wird heute noch ein Vorspiel haben!

Im altehrwürdigen „Pyynikkin urheilukenttä“, welches der Tischfinne mit dem Hopperfänger-Begriff „Holztribüne“ bewirbt, erwarten heute um 13.00 Uhr die Damen von Ilves-Kissat die Gäste von Hämeenlinnan Härmä zum Stelldichein. Nach vier gespielten Minuten haben die Außenseiterinnen zum 1:1 ausgeglichen und machen sich auf, den Favoritinnen aus Hämeenlinna einen Punkt abzuluchsen. Doch vor 24 begeisterten Zuschauern wemmst Torhüter-Rubensfrau Kiia Häkkilä in der achten Minute die gegnerische Stürmerin im Strafraum vollkommen unkoordiniert um und nach dem Elfmeterpfiff nimmt das Unheil seinen Lauf. In der 19. Minute erhöhen die Gäste auf 3:1 und schon jetzt ist klar, dass die Trauben für Ilves hier höher hängen als die Brüste ihrer Nummer 1. Einen wahren Reigen an Großchancen lassen die grün gekleideten Damen von Härmä in Folge liegen, was ihren Trainer dermaßen auf die Palme bringt, dass er trotz 3:1 Führung in der 30. Minute leistungsbedingt wechselt. Welch besonderen Luxus das darstellt, offenbart der Blick auf die Bank der Heimmannschaft, auf der lediglich eine Dame auf ihren Einsatz wartet. Wie die wohl Fußball spielen können wird? Jedenfalls geht es bereits jetzt um Schadensbegrenzung und die Ilves-Damen schinden Zeit, wo sie nur können, besonders beim Holen der Bälle, um Einwürfe auszuführen. Nach 45 Minuten gilt das Stadion für uns offiziell als gekreuzt und wir ziehen bestens unterhalten weiter in die Innenstadt…

… in der einem schnell klar wird, warum sich Tampere „Manse” – also „Manchester des Nordens“ – schimpft. Viele Industriebauten aus Backstein, die meisten an der Tammerkoski-Stromschnelle gelegen, bestimmen das Bild. Nicht wenige von ihnen sind in der Zwischenzeit zu Restaurants, Bars, Museen oder Veranstaltungsorten umfunktioniert worden, was in Verbindung mit dem Wasserreichtum der Stadt durchaus dazu führt, viele schöne Orte zum Verweilen vorzufinden.

Wir kehren dann in der „Plevna Fabrik“ ein, eine Brauerei, die ebenfalls eine erwähnenswerte Vergangenheit aufzuweisen hat. Sie liegt auf dem Finlayson-Gelände, welches von einem Schotten im Jahre 1837 ins Leben gerufen wurde und den Bürgern Tamperes Arbeit in Gießereien, Maschinenwerkstätten und in der Textilindustrie bot. Im Jahre 1877 wurde dann unter dem Namen „Plevna“ die größte Weberei des Landes eröffnet, die historisch besonders relevant ist, da hier an Ort und Stelle im Jahre 1882 (nur drei Jahre nach der Erfindung durch Thomas Alva Edison) das erste elektrische Licht der nordischen Länder brannte. Bei der Verköstigung des ersten „Plevna Pils“ stelle ich mir wissbegierig die Frage, warum man in Finnland eine Weberei nach einer bulgarischen Stadt benannt hat und erfahre in einer ersten Recherche, dass im Russisch-Türkischen Krieg (1877-78) auch Arbeiter der Finlayson-Weberei in Zarendiensten in der Schlacht um die Stadt Plevna kämpften. Im Hintergrund beginnt derweil eine Gruppe Fans der Grizzlys aus Wolfsburg, die heute ein CHL-Gastspiel bei Tappara Tampere zu bestreiten haben, zu deutscher „Musik“, die im Laden gespielt wird („Cowboy und Indianer“), abzufeiern, während Werbeplakate darauf hindeuten, dass in dieser Lokalität vom 29.09. bis zum 08.10. das Oktoberfest begangen werden wird. Müsst ihr jetzt entscheiden, ob sich die Menschheit im Jahre 2017 an allen Punkten in die richtige Richtung entwickelt.

Kurz nachdem der Tischfinne herausgefunden hat, dass I-Kissat gegen Härma am Ende mit 2:7 den Kürzeren gezogen hat, machen wir uns auf den Fußweg zum Ratinan stadion, welches heute ausverkauft sein wird und einen stimmungsvollen Abend verspricht. Angesichts des Umstandes, dass die finnische Nationalmannschaft in der Qualifikation noch sieglos ist und der letzte Heimsieg der Nationalmannschaft vom 07.09.2015 (1:0 gegen die Färöer) datiert, ist die Erwartungshaltung hinsichtlich des sportlichen Erfolges für die Gastgeber eher niedrig. Der Finne tippt auf 0:2, ich hingegen hoffe, dass ich als Glücksbringer wenigstens ein 1:1 bescheren kann.

Schnell hat sich das am Wasser gelegene Stadion mit seinen markanten Flutlichtmasten und den freistehenden Hintertortribünenteilen à la Bari und Kaunas gefüllt. Gut 3.500 Isländer begleiten ihr Team und auch die Finnen sind von Anbeginn in bierseliger Feierlaune. Eine Gruppe hinter uns hat noch vor Anpfiff einen Ordner auf den Plan gerufen, der das Rauchen im Stadion und das Stehen auf den Sitzschalen verbietet. Die jungen Finnen scheinen anfangs nicht besonders obrigkeitstreu, doch als ihnen der Steward damit droht, das Bier wegzunehmen, geben sie schnell klein bei.

Zu einem echten Stimmungsanheizer schwingt sich Alexander Ring auf, der nach acht Minuten einen direkten Freistoß in traumhafter Eleganz verwandeln kann. Wunderbar getreten, Halldórsson chancenlos! Die Zuschauer schmettern die Buchstaben S-U-O-M-I durch das weite Rund und auch die vielen Kindergruppen, die sich im Stadion befinden, feuern aus Leibeskräften (oder: was die zarten Stimmchen so hergeben) mit an. Das isländische „HUH“ wird in Finnland übrigens nicht in Gänze ernst genommen, sondern mit „Dschinghis Khan“-Gesängen komplettiert und verballhornt. Die finnische Mannschaft hat auf dem Rasen gerade einigermaßen die Kontrolle über das Spiel gewonnen, als Schlussmann Hradecky im Aufbauspiel fahrlässig einen Ball vertändelt, glücklicherweise aber nicht hierfür bestraft wird. Die Finnen setzen ihrerseits kleinere Nadelstiche und verpassen nach 25 Minuten in aussichtsreicher Position auf 2:0 zu erhöhen. Im Block der Isländer klaffen im Verlauf des Spiels immer wieder größere Lücken, weil sich die Wikinger lieber über das billige finnische Bier (heute im Stadion: Heineken für 8 €) hermachen, als Fußball zu schauen, so jedenfalls die Mutmaßung des verrückten Tischfinnen. Alexander Rings Freistoß-Show findet in der 36. Minute beinahe einen zweiten Höhepunkt, während die Isländer über die gesamte erste Halbzeit zu keinem nennenswerten Abschluss kommen, obwohl sie häufig mit dem Ball am Fuß in der Nähe des Strafraums aufzufinden waren. Doch ohne letzten Pass und ohne Torschuss keine Aussicht auf Erfolg!

Im zweiten Spielabschnitt steigt der Ballbesitz für die Isländer immer weiter an. Phasenweise werden die Finnen in ihrer eigenen Hälfte eingeschnürt und endlich gelingt es dem Favoriten auch, gefährliche Abschlüsse zu kreieren. Nach einer Stunde rettet Hradecky mit einer Glanztat und es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis der Spielstand hier egalisiert wird. Wie aus dem Nichts erzielen die Finnen in der 64. per Kopfstoß nach Eckball beinahe das 2:0, doch ein isländischer Verteidiger kann knapp vor der Linie klären. Dann erweist der in der 59. Minute eingewechselte Nürnberger Rúrik Gislasson seiner Mannschaft einen Bärendienst und bringt das Kunststück fertig, sich innerhalb von 15 Minuten eine gelb-rote Karte einzuhandeln. Die Finnen kommen in Überzahl wieder besser ins Spiel und können den einen oder anderen Entlastungsangriff fahren, finden aber teilweise nicht mehr die richtige Balance und verteidigen erschreckend luftig. Für den Zuschauer ergibt sich aus dieser Gesamtgemengelage aber ein unterhaltsames Fußballspiel mit Torchancen auf beiden Seiten. Die größte Gelegenheit auf finnischer Seite lässt der talentfreie Neu-Dresdner Eero Markkanen in vollkommen überheblicher Manier liegen. Wenn man mal bei Real Madrid gespielt unter Vertrag gestanden hat, meint man vielleicht, sich so etwas erlauben zu dürfen. Die Quittung erhält sein Team dann um ein Haar in der Nachspielzeit, doch auch die letzte wilde Mehrfachchance können die Isländer nicht nutzen. Und so kommt es nach Abpfiff zu stehenden Ovationen und schönen Feierszenen zwischen den finnischen Fans und ihrer Mannschaft, der die Freude über das Ende der langen sieglosen Durststrecke in der Qualifikationsgruppe deutlich anzusehen ist. Auch die nicht eingewechselten Spieler hüpfen und jubeln, als gäbe es kein Morgen mehr. So komme ich noch in den Genuss, Teemu Pukki zu sehen, der seit seinem Dreierpack für Brøndby IF gegen Hertha BSC am 04.08.2016 bei mir so eine Art Heldenstatus genießt.

Gar nicht so viel schlechter gelaunt sind dann die unzähligen Isländer, die sich nur wenig später gemeinsam mit uns im Zug in Richtung Helsinki befinden. Da der Isländer an sich offenbar nicht in der Lage ist, die richtige Wagennummer und seinen Sitzplatz zu finden, sitzen etliche Menschen auf dem Boden des Zuges und verstopfen die Gänge. Die Durchsage, dass das Trinken alkoholischer Getränke außerhalb des Bordbistros untersagt ist, entlockt dem einen oder anderen Wikinger ein lautes Lachen. Na dann: kippis!

Nach knappen zwei Stunden Fahrt mit Umstieg in Pasila haben wir Leppävaara erreicht und erhalten nun Gelegenheit, uns auch um unseren Bierdurst zu kümmern. Das „Oluthuone William K.“ ist dann so freundlich, uns noch bis gut 2 Uhr zu beherbergen und für nur 6,30 € pro Glas (Halvin Olut?) wandert das eine oder andere „Karhu IV“ den Besitzer. Und so endet dieser finnische Tag mit ganz schön viel Tamtam-Pere gänzlich wolkenlos. /hvg