554 554 FUDUTOURS International 05.10.22 04:32:19

27.01.2018 AC Chievo Verona – Juventus FC 0:2 (0:0) / Stadio Marcantonio Bentegodi / 23.700 Zs.

Noch gerade eben habe ich die letzten asiatischen Tapas in der Boxhagener Straße mit dem verrückten Tischfinnen verspeist, der wie im TeBe-Bericht angekündigt der Partie gegen den „Club“ aus Nürnberg (0:1) beiwohnte, schon stehe ich um 4.44 Uhr am S-Bahnhof und begebe mich mit meinem Bruderherz auf den Weg zum Flughafen Schönefeld mit Ziel Bella Italia. Fußball ist eben ein schnelllebiges Geschäft.

Heute ruft FUDU erstmals die mittlerweile legendären „Turnbeuteltours“ aus, da Ryanair seine Handgepäckbestimmungen zu Ungunsten des Fluggastes verändert hat. Die zulässige Größe des Gepäckstücks, das umsonst an Bord befördert wird, ist massiv zusammengeschrumpft worden. Und wer will schon unnötig Zeit am Gepäckband verplempern, wenn man den Zeitpuffer in Bergamo bis zur Weiterreise nach Verona auch für einen Aufenthalt in einem schönen Café nutzen kann?

Durch einen „bedauerlichen Zufall“ hat uns Reiners neue Buchungssoftware zwei Plätze zugeteilt, die sich nicht nebeneinander befinden. Für gerade einmal 1/3 des Gesamtpreises kann man diesen Fauxpas neuerdings nachträglich korrigieren, wenn man auf Reisen beispielsweise so etwas unnötiges mit sich führt wie Kinder – oder es als verkrustetes Paar nicht aushält, 90 Minuten voneinander getrennt zu werden. Mein Bruderherz öffnet jedenfalls das Portemonnaie und sorgt dafür, dass wir das nun einsetzende Spektakel entspannt nebeneinander sitzend beobachten können. Während die Low-Budget-Airline die Veränderung der Handgepäckbestimmungen noch damit erklärt hatte, dass man pünktlichere Abflüge und somit auch Landungen garantieren könne, wenn sich die Menschen schneller auf ihren Plätzen niederlassen und nicht mehr auf die Suche nach Stauraum für ihre furchtbaren Rollkoffer gehen müssen, hat man sich nun mit dieser versteckten Kostenfalle ein neues hausgemachtes Problem an Bord geholt. Nun sind es nämlich diverse italienische Familien und traurig dreinschauende von ihren Männern verlassene Frauen, die wild schnatternd durch den Gang hin- und herlaufen und Sitzplätze miteinander tauschen wollen. An diesen irischen Basar wird man sich wohl oder übel gewöhnen müssen und plötzlich sehnt man sich nach den Zeiten zurück, als man noch wegen Rollkoffern verspätet in Italien landete…

Dennoch wird der Zeitpuffer am Ende groß genug sein, um entspannt in einem Bistro einkehren und frühstücken zu können. Die altbekannte Zugverbindung zwischen Bergamo und Verona ist mit „Birra Moretti“ in der Hand längst zum Blog-Buster geworden und auch der Fußweg vom Bahnhof „Porta Nuova“ zu unserer Unterkunft geht leicht von der Hand. Schade, dass wir bis zum Erreichen unseres Ziels genau zwei Mal zu häufig abbiegen müssen, da sich hinter der Wohnsiedlung mit wunderschönen Einfamilienhäusern und verschlafenen Gässchen plötzlich das Märkische Viertel auftut. In einem dieser Klötze befindet sich unser Apartment, das bedauerlicherweise abermals eher airbnb- denn Hotelformat hat. Muss man sich wohl mit anfreunden, dass man auch via booking immer häufiger an solche Angebote geraten kann und einheimischen Menschen Wohnraum in Mehrfamilienhäusern stiehlt.

Nachdem wir freundlich in Empfang genommen worden sind und unser Gepäck abgestellt haben, nehmen wir uns das vor, was man sich als Tourist in Verona eben so vornimmt. Wir müssen dringend dem Fanshop des AC Chievo Verona einen Besuch abstatten! Erschwert wird dieses Vorhaben dadurch, dass Chievo eine „Frazione“ Veronas ist, was man letztlich in etwa mit „eingemeindete Ortschaft“ übersetzen könnte. Man kann also getrost behaupten, dass Chievo vor den Toren der Stadt liegt und so ist der Spaziergang dann doch knapp viereinhalb Kilometer lang. Gerade die letzten 1-2 Kilometer vor Erreichen des Ziels haben mit pulsierender Großstadt nun rein gar nichts mehr gemein und so säumen Weinreben und ein Staudamm den Weg, den Fetti und Familie passieren muss.

Der Fanshop ist dann in etwa so groß wie eine Zugtoilette und hat schätzungsweise drei Oberbekleidungsstücke und zwei Hosen im Angebot. Mein Bruderherz erfüllt sich den lang gehegten Traum eines Chievo-Trikots und schlägt für 60,00 € zu, auch weil ihm aufgefallen ist, dass er vergessen hat, sich ein T-Shirt für seinen Montagmorgensport vor der Arbeit in Berlin in den Reiseturnbeutel zu packen. Gute Argumentation für einen Einkauf. Nobel geht die Welt zu Grunde.

Bevor wir den Rückweg antreten, lassen wir uns in der nebenan gelegenen Vereinskneipe eine italienische Bierspezialität namens „Warsteiner“ munden. Wir entscheiden uns im Anschluss für ein zweites Bier und dann gegen einen erneuten Fußweg, sodass wir kurz darauf in einem der vielen „Tabacchi“-Läden zwei Busfahrkarten käuflich erworben haben. Mit großem Bedauern stellen wir mit Fahrkarten in den Händen fest, dass wir den 15.40 Uhr Bus knapp verpasst haben und der nächste in exakt zwei Stunden erwartet wird. Porca Miseria, verfluchte Schweinerei, denkt sich Fetti und geht kurzzeitig von einem echten Fehlkauf aus. Glücklicherweise taucht einige hundert Meter weiter eine weitere Bushaltestelle auf, von der aus eine andere Linie bereits um 16.00 Uhr ebenfalls die Innenstadt ansteuern wird und schon ist man wieder im Einklang mit dem öffentlichen Nahverkehr der Großstadt Venetiens.

Einige Fahrminuten später werden wir von Ticketkontrolleuren belästigt und nachdem wir bereits heute Morgen in Bergamo kontrolliert worden waren, stellt sich somit auch dieses Mal der Fahrkartenkauf endgültig als sinnvolle Investition heraus. Zwei Kontrollen innerhalb weniger Stunden? Irgendetwas ist faul im Staate Italia…

… denken wir uns auch, als wir wenig später an der Kasse der italienischen Supermarktkette „PAM“ stehen und man uns den Einkauf diverser Getränke zu untersagen versucht. Aus irgendeinem Grund ist es offenbar nicht möglich, hier an Ort und Stelle alkoholische Getränke zu erwerben. Eine andere Kundin eilt zu Hilfe und zückt ihre „PAM“-Kundenkarte. Die Kasse piepst und einige Flaschen „Peroni“ und „Moretti“ wandern in unseren Besitz. Mille Grazie! Im Nachgang scheitert die Recherche, warum und wann und unter welchen Umständen man eine solche Karte benötigt, weil google bei der Suche nach „Alkohol“ und „Pam“ nur Artikel wie diesen ausspuckt: „Peinlicher Suff-Auftritt von Pamela Anderson: Voll betrunken und voll bekleckert!“  – und an dieser Stelle endet meine journalistische Sorgfaltspflicht.

Kurz geben wir dem Sightseeingdruck nach und drehen eine schnelle Runde durch die Innenstadt, die seit 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Leider hat kein geklebter Fetti unseres letzten Besuches überlebt, da die fleißigen italienischen Reinigungskräfte wirklich jede Laterne entlang der Adige (→ die Etsch) fein säuberlich von sämtlichen Stickern befreit haben. Gegen 18.00 Uhr nehmen wir dann den Hoollegen, der es endlich bis nach Verona geschafft hat, in der Nähe des Bahnhofs mit prall gefüllten „PAM“-Beuteln in Empfang und checken auf ein schnelles Helles im „Hotel“ ein.

Nun steht endlich der Fußball im Fokus unseres Interesses und mit Blick auf das kommunale Stadion Marcantonio Bentegodi lassen wir uns unseren Salsiccia-Stadionsnack munden. Während wir in einer unendlich langen Schlange vor dem schmalen Einlasstor Numero Dodici stehen und die Zeit davonfliegen sehen, lassen wir uns von der Schönheit des Stadions beruhigen. 38.402 Plätze, alte Holzbänke im Unterrang, eröffnet im Jahre 1963, letztmalig vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 saniert. Noch immer prangt das Maskottchen „Ciao“ über den Eingangsbereichen und man darf von großem Glück reden, dass Italien 2016 das Nachsehen hatte und Frankreich die EM austragen musste, sodass das Bentegodi vor einem Umbau oder gar Abriss drumherum kommen konnte.

Das Publikum ist entspannt und beweist norditalienische Disziplin beim Anstehen. Noch 45 Minuten Zeit bis zum Anpfiff. Noch 35. Noch 25. Noch 10. Erst jetzt öffnen die hoffnungslos überforderten Ordner weitere Tore und Drehkreuze und sorgen so dafür, dass mehrere tausend Menschen ohne Leibesvisitationen und den sonst üblichen Ausweiskontrollen in Abgleich mit den personalisierten Tickets das Stadion fluten. Genau mit den Anpfiff haben wir auf irgendeiner Sitzschale Platz genommen, die mit unserem gebuchten Platz vermutlich rein gar nichts zu tun hat. Aber finde mal Deinen Platz in einem Stadion ohne Ordner und jedwede Ausschilderungen.

Im Gegensatz zu unserem letzten Ausflug in das Bentegodi dürfen wir heute jedoch wenigstens sitzen bleiben und von den 23.700 Zuschauern halten es heute mindestens 13.000 mit der alten Dame aus Torino, sodass weitere Entspannung einkehrt. Schiedlich, friedlich sitzen Chievo-Anhänger neben Juve-Familien und eine ähnliche Atmosphäre wie beim Auftritt der Juve bei Sassuolo in Reggio Emilia kann entstehen.

Chievo bleibt eben das kleinere Team in Verona – und das deutlich sympathischere. Seit 1964 steht der AC in engem Zusammenhang mit dem Süßwarenhersteller „Paluani“, dessen Gründer Luigi Campedelli seit eben jenem Jahr auch als Präsident des Clubs tätig war. Unter seiner Ägide gelangen dem Verein aus dem Vorort von Verona diverse Aufstiege bishin zur Serie C. Im Jahre 1992 starb Luigi Campedelli an einem Herzinfarkt. Sein 23-jähriger Sohn Luca übernahm das Zepter und setzte die Erfolgsgeschichte fort. Im Jahre 2001 stieg Chievo erstmals in die Serie A auf und darf sich seitdem damit rühmen, der einzige italienische Fußballverein zu sein, der auf wirklich allen Stufen des Ligasystems gespielt hat.

Wunderbar ist auch der Spitzname der Tifosi des AC Chievo, der aus dieser Zeit rührt. Die „Mussi Volanti“ (→ die fliegenden Esel) verballhornen mit diesem Namen den großen Hellas Verona FC, dessen Fans behauptet hatten, eher würden Esel fliegen als dass Chievo jemals in der ersten Liga spielen würde. In dieser Saison hat sich Chievo im Mittelfeld der Tabelle etabliert, während Hellas dem Abstieg in die Zweitklassigkeit entgegen sieht. Tja, so kann es gehen.

In der Zwischenzeit plätschert das heutige Spiel recht ereignisarm vor sich hin. 37 zähe Minuten sind bereits gespielt. Chievo steht sehr tief und wehrt sich mit limitierten Mitteln, während Juve heute kaum wiederzuerkennen ist und sich recht statisch und uninspiriert präsentiert. Mit wenig Bewegung wird der Ball in quälender Langsamkeit durch die eigenen Reihen geschoben. 72% Ballbesitz wird die offizielle Statistik am Ende für Juve ausweisen, doch Torchancen kommen zunächst keine dabei herum.

In dieser Phase der Partie trägt es sich aber auch zu, dass sich Chievos Mittelfeldspieler Samuel Bastien innerhalb von weniger als zwei Minuten nach einem Foulspiel und einem Textilvergehen (ohne Küche) die gelb-rote Karte abholt.

Im zweiten Spielabschnitt kommt Juventus mit etwas mehr Überzeugung aus den Kabinen und versucht nun auch andere Abschlusssituationen zu generieren, als es ausschließlich mit Distanzschüssen zu versuchen. Mandžukic scheitert in erstmals aussichtsreicher Position, ehe Chievo in der 60. Minute zum ersten und einzigen Konter ansetzt. Nach einer hohen Hereingabe von der linken Seite scheitert Cacciatore per Kopf (einziger Torschuss Chievos der gesamten Partie) und krümmt sich im Anschluss eines leichten Schubsers auf dem Rasen, als wäre der Tod nur noch eine Frage der Zeit. Erst als die Sanitäter das Feld betreten, kann Cacciatore plötzlich wieder gehen und hat nun neue Kräfte freigesetzt, um wild zu gestikulieren und einen Videobeweis einzufordern. Mit unnachahmlicher Theatralik macht er darauf aufmerksam, er sei gehalten, gestoßen und gewürgt worden. Der Schiedsrichter verweigert den Elfmeterpfiff, lehnt eine Nachbetrachtung im TV ab, woraufhin Cacciatore sich mutmaßlich etwas im Vokabular vertut. Die Konsequenz: glatt Rot nach 61 Minuten.

In Folge zieht Juventus mit zwei Mann mehr auf dem Rasen ein zehnminütiges Powerplay auf. Der Riegel Chievos ist dennoch schwer zu knacken, sodass es Sami Khedira in der 67. Minute mit Urgewalt richten muss. Ein Großteil des Stadions springt jubelnd aus dem Sitzen und schüttelt im weiteren Verlauf der Partie immer häufiger die Köpfe. Juve verwaltet das Ergebnis und kann heute wirklich von Glück reden, dass die Hausherren derart undiszipliniert agieren, ansonsten wäre man wohl nicht über ein Remis hinausgekommen. Einzig Douglas Costa ist es, der etwas Geschwindigkeit und Kreativität in die Partie bringt und so findet seine Flanke in der 88. Minute in Gonzalo Higuaín einen dankbaren Abnehmer, der mit dem 13. Torschuss der Partie die endgültige Entscheidung für den heute eher ideenlosen Favoriten herbeiführt.

Wir treten den Rückweg in die Unterkunft an, wo weitere Flaschen aus der „Pam“-Tüte auf uns warten. Im Gegensatz zu der Anderson hat sich Juve heute nicht mit Ru(h)m bekleckert und auch Fetti ist weit entfernt von einem peinlichen Suffauftritt. Morgen früh steht auch schon die Weiterreise nach Monza auf dem Programm. Fußball bleibt eben ein schnelllebiges Geschäft! /hvg