846 846 FUDUTOURS International 22.04.19 21:59:08

08.04.2018 SP.VG. Blau-Weiß 1890 Berlin – SV Tasmania Berlin 2:1 (0:1) / Sportplatz an der Rathausstraße, Nebenplatz / 188 Zs.

Seit zwei Tagen kann man die Großwetterlage Berlins getrost als „schön“ bezeichnen. Der Frühling hat Einzug gehalten und die Sonne sorgt langsam dafür, dass man freiwillig das Haus verlässt, ohne dass eine Reise ansteht. Da ich schon lange nichts mehr mit Fußball und Bier unternommen habe, entscheide ich mich an diesem sonnigen Sonntag dafür, endlich einmal wieder etwas mit Fußball und Bier zu unternehmen. Heute steht in der fünftklassigen Berlin-Liga das Duell der Traditionsvereine Blau-Weiß 90 und Tasmania Berlin an.

Um noch etwas mehr von der Sonne zu haben, entschließe ich mich zu einem Spaziergang von meiner Wohnung bis zum Alexanderplatz. Auf der Karl-Marx-Allee kommen mir recht bald einige Athleten in nummerierten Trikots entgegen. Medaillen um den Hals, Hefeweizen in den Händen. Kombiniere, kombiniere. Da habe ich wohl nicht mitbekommen, dass in Berlin heute ein Halbmarathon stattfindet. Den Vogel schießt dann ein Typ im Litauen-Trikot ab, der nach 21,0975 Kilometern sinnlosem Rumgerenne offenbar noch nicht genug hat und nun noch neben einem Fahrradfahrer her joggen muss, um mit sich in den Einklang zu kommen. Selbstredend sind große Teile der Hauptstraße abgesperrt, weil der Marathon noch in vollem Gange ist und sich die Breitensportler durch die Hitze quälen, während hunderte Freunde und Helfer im Weg herumstehen und gelangweilt in die Gegend starren. Ich muss also einen größeren Umweg über mich ergehen lassen, um mein Ziel zu erreichen und weiß gar nicht, was mich in diesem Moment trauriger stimmen sollte: All die Bullen, die hier Steuergelder und Zeit verschwenden und einen terroristischen Angriff eh nicht verhindern könnten oder all das alkoholfreie Bier, das am Wegesrand ausgeschenkt wird.

In der S-Bahn vom Alexanderplatz zur Friedrichstraße wimmelt es von weiteren Marathon-Ottos, die alle aus irgendwelchen provinziellen Käffern angereist sind, nur um einmal quer durch Berlin rennen zu dürfen. Selten hat man außerhalb eines Bio-Marktes so viele Bumsdialekte wild durcheinander hören müssen, ehe ein Schwabe zum endgültigen K.O.-Schlag ansetzt: „Berlin isch gar net so arg stressig als wie isch gedenkt hätt!“, lässt er verlauten. Das ist einfach dieser Moment, in dem man panisch schreien und wild um sich schlagen mag. Berlin ist stressig. Und zwar genau wegen solcher Trottel, die jetzt aber aufgrund ihrer vierstelligen Startnummer wenigstens zu personalisieren sind. In irgendwelchen Geheimschränken muss die Teilnehmerliste (→ „Idiotenkatalog“) ja zu finden sein…

Für unsereins kann die Rettung nur heißen: Raus aus dem Tageslicht, ab unter die Erde! Die U-Bahnlinie 6 ist heute gänzlich marathonfrei und befördert Fetti die letzten 16 Minuten der Reise stressfrei bis zum U-Bahnhof Ullsteinstraße. Dort angekommen, stromert er nach seinem Besuch des Mariendorfer SV endlich einmal wieder um den Tempelhofer Hafen herum, ehe er sich durch gepflegte Westberliner Wohnblocklangeweile quer durch einen klassischen Herthakiez auf den Weg in die Rathausstraße begibt. In einem Spätverkauf erwirbt eine ältere Dame eine Packung Milch, die Verkäuferin mit türkischem Migrationshintergrund verrechnet sich drei Mal, hat allerdings aufgrund der klimatischen Ausnahmesituation das vollste Verständnis der deutschen Kundin sicher: „Is ja och heiß heute!“

Kurz darauf brettert ein Ferrari mit laut tosendem Motor an der Martin-Luther-Gedächtniskirche vorbei. Der alte Herr und Fahrer ist dabei so freundlich, dies mit heruntergelassenen Scheiben zu erledigen und eine Old-Spice-Wolke sondergleichen zu hinterlassen. Oder wie es die Kinder vor mir auf den Punkt bringen: „Ey, haste den peinlichen Opa im Ferrari gesehen?“ – so will ich nicht enden. Dann doch lieber Bier trinkend in der „Rathausritze“.

So wird die Spielstätte der Blau-Weißen heutzutage liebevoll genannt. Ausbauten gibt es bis auf einige wenige bewachsene Stehstufen keine und so kommt das Stadion mit seinen angeblich 3.000 Plätzen ziemlich unspektakulär daher, kann aber auf eine bewegte Vergangenheit verweisen. Die Rasenfläche ist wesentlicher Bestandteil einer der ältesten noch existierenden Fußballplätze in Deutschland. 1905 trug Union 92 Berlin seine Heimspiele an der Rathausstraße aus und feierte in diesem Jahr nicht nur die Berliner, sondern auch die Deutsche Fußballmeisterschaft. 1911 fand an Ort und Stelle gar ein Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und England statt und seit 1927 spielt Blau-Weiß 90 mit kleineren Unterbrechungen (beispielsweise das Bundesligajahr 1986/87 und die Spieljahre in der zweiten Bundesliga, für welche man in das Olympiastadion umzog) auf diesem Platz. Sollte Blau-Weiß 90 der Aufstieg in die Oberliga gelingen, dürfte hier nur mit einer Ausnahmegenehmigung weiter Fußball gespielt werden.

Heute ist der Rasenplatz jedoch gesperrt und die Partie gegen „Tas“ muss auf dem belanglosen Kunstrasen-Nebenplatz ausgetragen werden, auf dem fleißige Helfer gerade ein rot-weißes Flatterband spannen, um die Zuschauer vom Betreten des Spielfelds abzuhalten. Ich informiere den Hoollegen über diese traurige Nachricht und tröste mich in dem wirklich schönen Vereinsheim erst einmal mit einem kühlen Blonden. Vor dem Vereinsheim weht die Blau-Weiß 90 Flagge trotzig im Wind, wohingegen der Deutschland-Lappen daneben nur noch in Fetzen hängt. Mein Gefühl für Heimat und Nationalstolz ist hier also bestens repräsentiert, denke ich mir, während ich mir – getarnt als linksgrün-versiffter Student – Eintritt für ermäßigte 4,50 € erschleiche.

Zwar wird einem auf dem Nebenplatz die großartige Vereinshymne von Bernhard Brink  vorenthalten, nichtsdestotrotz scheinen die Fans „heiß auf Blau-Weiß“ zu sein. Einige Zaunfahnen schmücken die Anlage und eine Handvoll Schlachtenbummler und ein Hund mit Schal haben sich an der Eckfahne zusammengefunden, erzeugen Stimmung mit der Trommel und der Stimme, erhalten aber schnell Abzüge in der B-Note wegen politisch grenzwertiger Symbole.

Das „Derby“ (nur 4,3 Kilometer liegen zwischen den Spielstätten beider Clubs) wird eröffnet. Nur wenige Sekunden nach Anpfiff kratzt „Tas“ einen Ball noch gerade eben so von der Torlinie. Für einen kleinen braunen Vierbeiner, gezüchtet aus toupierten Fellresten in den Hinterzimmern eines Hundesalons, ist das bereits jetzt alles zu viel. Aufgeregt bellt er sich die Seele aus dem Leib und wird dann von Frauchen, gezüchtet aus künstlichen Fingernägeln und Permanent-Make-Up-Überbleibseln in den Hinterzimmern eines Beautysalons, vom Feld geführt. Kurz darauf erscheint in Persona des Hoollegen die nächste alte Töle, doch stellt dieser schnell seine Bedeutsamkeit für den heutigen Ausflug unter Beweis, indem er mich fünf Minuten nach Anpfiff darauf hinweist, dass ich neben Ronny Nikol stehe und dass Blau-Weiß heute gar nicht in blau und weiß, sondern in weiß und rot spielt und die erste Chance der Partie demnach die blauen Tasmanen hatten. Man, das wäre ja ein Bericht geworden.

Ab jetzt bin ich im Bilde und kann kurz zusammenfassen, dass Tasmania eine halbe Stunde lang spielbestimmend bleiben und hochverdient in Führung gehen wird. Nach 37 Minuten kann Romario Hartwig für seine Farben (die eigentlich eher die des Gegners sind) nach einem schönen Steckpass in die Schnittstelle der Abwehr das 1:0 für die Gäste erzielen. Ein fotografierender Hopper tritt unachtsam gegen ein gut mit Bier gefülltes Tablett, welches nun in den Abflüssen des Kunstrasens versickert. Seine Entschuldigung ist halbherzig und der Blau-Weiß 90 Anhänger unzufrieden: „Von der Entschuldigung wird dit Bier jetzt och nich wieder voll!“. Wenige Augenblicke darauf haben die Neuköllner die nächste große Gelegenheit und nur dank der Reaktionsschnelligkeit Kilian Pruschkes retten sich die Favoriten aus Mariendorf mit dem knappen 0:1 Rückstand in die Pause – der hätte mutmaßlich sogar noch das Tablett aufgefangen…

In der zweiten Halbzeit setzt ein starker Wind ein, der nicht nur das Flatterband und den einen oder anderen leeren Bierbecher über den Platz tanzen lässt, sondern auch die Auswechselbänke der Teams umweht. Auf dem Rasen bleibt Tasmania stabil und drängt weiter auf das 2:0, lässt aber in der 50., 71. und 79. Minute drei einhundertprozentige Chancen ungenutzt. Kilian Pruschke rettet Blau-Weiß 90 fulminant und bleibt auch in 1:1 Situationen jederzeit Herr der Lage.

Tasmania versucht die knappe Führung nun über die Zeit zu bringen. Auffällig oft wälzen sich die Akteure verletzt auf dem künstlichen Grün, wofür FUDU angesichts der hübschen blonden Physiotherapeutin ein Höchstmaß an Verständnis aufbringen kann. Weniger verständnisvoll zeigt sich der pöbelnde Blau-Weiß-90-Mob an der Eckfahne, der nun immer weiter an Niveau einbüßt. Der Problem-Fan mit Reichsadleraufnäher mit BW-90-Logo in den Krallen (und schmissiger SS-Losung darunter) schmeißt wutentbrannt seinen Bierbecher auf das Feld und der Rest der Bande gibt singend zum Besten: „Der Schiri ist ein Hertha-Schwein!“

Blau-Weiß, das zuletzt 15 Spiele in Serie siegreich gestalten konnte (die letzte Niederlage datiert vom 15.10.2017 in Mahlsdorf), wird nun etwas aktiver und die offensiven Wechsel (u.a. Union-Jugendspieler Kevin Giese) von Trainer Gebhardt kommen endlich zum Tragen. Obwohl Tasmania mit einigen Konternadelstichen gefährlich bleibt, ist es doch der große Staffelfavorit, dem der nächste Treffer gelingt. In der 80. Minute kann Czekalla nach einer schönen Eckball-Direktabnahme-Variante zum Ausgleich abstauben. Und wer mit Rückenwind aus 15 Siegen in Folge unterwegs ist, der gibt sich selbstredend mit einem 1:1 Remis zu Hause nicht zufrieden. Es folgt: Der Schlussakkord. 90+4 (die hübsche Blonde ist Schuld!), Blau-Weiß tankt sich über die linke Seite durch, Pass in den Rückraum, trockener Flachschuss von Kevin Gutsche, 2:1! Der Mob eskaliert, „Tas“ sackt auf dem Rasen zusammen, Schlusspfiff.

Der Hoollege geht seinem Lieblingshobby nach und klatscht mit den Spielern ab. Lucas Rehbein beschwert sich noch über den furchtbar stumpfen Kunstrasen und die „Tas-Ultrás“ geben uns auf Nachfrage zu verstehen, dass sie ihren Flügelstürmer Nicola Thiele auf keinen Fall abgeben wollen. Warum man uns immer und überall für Scouts halten muss, nur weil wir fußballerische Qualitäten erkennen…

Das „Erlebnis Mariendorf“ lassen wir im Anschluss im „Restaurant Aristoteles“ bei griechischer Kost und „Berliner Molle“ angemessen sacken. Als der letzte Ouzo auf’s Haus geleert ist, schlägt es 6 Uhr und das Restaurant füllt sich. Es ist Abendbrotzeit in Kartoffelland! Und somit der perfekte Zeitpunkt für FUDU, Mariendorf den Rücken zuzukehren. Bevor es wieder zu arg stressig wird! /hvg