551 551 FUDUTOURS International 19.07.19 20:36:45

05.05.2018 VfL Wolfsburg U19 – 1.FC Union Berlin U19 2:2 (2:0) / Amateurstadion Wolfsburg / 175 Zs.

Es ist 8.30 Uhr in Berlin-Köpenick. Ich schlendere durch den REWE in der Bahnhofstraße und decke mich mit Proviant für die weite Reise nach Wolfsburg ein. Sucuk, Weißbrot, Bouletten, kalter Kaffee. Mit diesem etwas schwankenden Turm auf meinen Armen biege ich in die Bierdosenabteilung ein. Bei dem Versuch, zwei-drei überlebensnotwendige Berliner einzusacken, kommt es, wie es kommen muss und gemäß Murphy’s Law fällt der einzige kaputtbare Gegenstand zu Boden. Mit einem lauten Flatsch platzt der Plastikkaffebecher und hinterlässt eine in etwa bierdosengangbreite Pfütze. Kleinlaut informiere ich eine Angestellte über meinen Fauxpas, welche nach Aufnahme der Information in etwa so schaut, wie man eben schaut, wenn man zu Beginn seiner Schicht erst einmal den halben Laden wischen muss.

Nachdem ich einen neuen Kaffee aufgetürmt und den Weg zur Kasse sowie den Bezahlvorgang erfolgreich abgeschlossen habe, mache ich Station am Imbiss-Stand der Kaufhalle. Hier lächeln mich [eine hemdsärmelige Verkäuferin und] Mettbrötchen an, die ja bekanntermaßen olfaktorisch immer ein gutes Frühstück in geschlossenen Räumen (wie z.B. Autos) darstellen. Weil ich gerade einen Lauf habe, bitte ich die Verkäuferin darum, mir nicht wahllos irgendwelche Brötchen einzupacken, sondern darauf zu achten, dass ich zwei Exemplare mit „wenig Zwiebeln“ erhalte. Sie rollt die Augen und während sie bereits durch die gestapelten Schrippen wühlt, kommt sie dann doch noch aus ihr heraus, die schnippische Berliner Gegenfrage: „… und wie viele Zwiebeln dürfens denn jetz jenau sein?“. Der Misanthrop in mir setzt zum High Five an. Noch nicht mal Neune durch und schon zwei Menschen den Arbeitstag versaut. Läuft!

Um kurz vor 9.00 Uhr treffe ich auf den Rest der heutigen Reisegruppe. „Agent Orange“ steht mit seinem gleichfarbigen Gefährt als Fahrer bereit und gemeinsam mit den beiden anderen, die noch über keine zufriedenstellenden Spitznamen verfügen, amüsiert er sich über mein Outfit. Kurze Hose, T-Shirt, Bierdose in der Hand. „Du siehst ja aus wie Strand!“, fasst man das Gesehene den Reim vollendend zusammen, um dann noch einen oben drauf zu setzen: „Das ist heute auch ein U19-Grad-Spiel und keine Ü30-Party!“. Ich reagiere gelassen auf die spöttischen Angriffe und verweise auf die 19,6° Celsius, die laut wetter.com heute erwartet werden und schon reiten wir vom Hof.

Das bestimmende Thema der Hinfahrt wird das Testspiel des 1.FC Union bei den Queens Park Rangers werden. Die 240 Kilometer lange Anreise ist gerade einmal lang genug, um all die Planspiele der Mitreisenden anzuhören. Union International – das ist seit dem Pokalsiegerwettbewerb des Jahres 1968 traditionell immer so eine Angelegenheit mit Hindernissen. Dieses Mal ist der inoffizielle Termin um eine Woche nach hinten verlegt worden, sodass die Hälfte der Autobesatzung nun davon sprechen muss, die bereits gebuchten Flüge zu stornieren und umzuplanen, während ich mich nun damit auseinandersetzen muss, dass das Spiel an der „Loftus Road“ genau zwischen meinen Sommerurlauben in Valencia und in Bordeaux stattfinden wird. Die vielen hungernden afrikanischen Leser dieses Blogs wird es nun vermutlich angesichts dieser First-World-Problems schütteln, aber für unsereins ist das schon ein Problem, welches beinahe so groß ist, dass man es Problem nennen darf. Mal ehrlich: Im Sommer nach London fliegen. Das ist genauso unnötig wie Wolfsburg, nur mit Terror.

Kurz nach dieser Erkenntnis sind wir auch bereits in der „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ angekommen. Für das Auto ist schnell ein sinnvoller Parkplatz gefunden und uns treibt es um das Stadion des Bundesligisten herum. In den nahegelegenen Feuchtgebieten hören wir die Frösche quaken und nur wenige Minuten später stehen wir am offenbar künstlich erschaffenen Allersee mit wunderbarem Sandstrand. So etwas nettes hätten wir in Wolfsburg nicht unbedingt erwartet und während der Rest der Reisegruppe langärmlig und -beinig vor sich hinschwitzt, sehe ich am Strand eben aus wie Strand, genieße die fast 20 Grad Außentemperatur und habe den Spott, der mir heute Morgen zur Begrüßung widerfahren ist, schon längst vergessen.

Nach einem kurzen Sonnenbad und einem Kaltgetränk mit Blick auf den See haben wir das Amateurstadion Wolfsburg, das offiziell Kriminelle-Ossis-Abschieben-Arena oder so ähnlich heißt, ohne Entrichtung eines Eintrittsgeldes betreten. Das „Stadion am Elsterweg“ mit seinen 17.600 Plätzen, in dem man einst in der Fußball-Bundesliga zu Hause war, ist dem VfL Wolfsburg leider nicht mehr fein genug, sodass man auch für die zweite Mannschaft und den Nachwuchs einen langweiligen Neubau aus dem Boden gestampft hat. Wer hat, der kann!

Unter dem Tribünendach haben sich heute 175 Zuschauer versammelt. Insgesamt haben sich ca. 65 Unioner, wovon ich wiederum gut 40 Menschen der Ultraszene zurechnen würde, auf den Weg gemacht, um die A-Jugend des 1.FC Union Berlin am letzten Spieltag im Kampf um den Klassenerhalt zu unterstützen. Die wenigen Ordner des VfL wirken angesichts der jugendlichen Subkultur sichtlich angespannt und hegen die Befürchtung, dass es hier und heute neben Aller und Klassenerhalt womöglich auch Gewalt geben könne.

Abermals wendet sich das Blatt und nun ist es wieder der langbekleidete Teil der Reisegruppe, der Oberwasser gewinnt. Ganz schön kalt im Schatten und auch das Cateringangebot, bestehend aus Bockwurst und alkoholfreiem Bier, kommt wenig erwärmend daher.

Das Spiel beginnt recht lebhaft, nachdem die Stadionregie die anwesenden Zuschauer mit jämmerlichem Wolfsgeheuel vom Band angeheizt hat. Die Unioner sind gut im Spiel und können die Anfangsphase gegen den Favoriten aus Wolfsburg offen gestalten. Recht bald gelingt es dem VfL aber, seine hohe Qualität auf den Rasen zu bringen. Besonders technisch und taktisch sind die Nachwuchskicker des Bundesligisten deutlich sichtbar auf einem höheren Niveau ausgebildet und mit ihrem enormen Tempo gelingt es ihnen, die Gäste unter Druck zu setzen. So erzwingt man mit hohem Pressing einen eklatanten Fehler des 1.FC Union, um in Führung gehen zu können. Schulz hatte den Ball im Rückwärtslaufen kurz vor dem eigenen 16er vertändelt und sich im Anschluss nur per Foul helfen können. Den fälligen Strafstoß verwandelt Möker mit etwas Glück. Unions Keeper Hertel hatte den schwach geschossenen Versuch noch beinahe um den Pfosten lenken können (25.). Wäre ihm dies gelungen, wäre dies in jeglicher Hinsicht ein Grund zur Freude gewesen – auch, weil man dann den furchtbaren Torjingle des VfL nicht hätte hören müssen.

Bedauerlicherweise spuckt uns das „Rama Lama“ nach 40 Minuten noch ein zweites Mal ins Gesicht. Nach einer Ecke agiert Unions langer Schlaks im Tor zu zögerlich und zeigt trotz seiner Körpergröße zu wenig Präsenz im Strafraum. Charles-Jessaja Herrmann sagt Danke und nickt den Ball ins verwaiste Tor.

In der Halbzeitpause haben die Ordner ihren großen Auftritt und sprechen massive Rügen für schwere stadionverbotrelevante Vergehen aus. Auf der Tribüne herrscht Rauchverbot, bitte löschen Sie ihre Zigaretten. Bitte stehen Sie hier nicht im Gang herum! Und festhalten, jetzt werdet ihr gleich mit den Ohren schlackern, welch Höllenhunde FUDU in seinen Reihen hat und was man sich auswärts so alles erdreistet, zu tun: Bitte nehmen Sie die Füße vom Sitz!

Eintracht Braunschweig führt unterdessen beim abgeschlagenen Tabellenschlusslicht aus Chemnitz mit 4:0 und hat in der Differenz nur noch sechs Tore Rückstand auf unsere Jungs. Am Ende wird die Eintracht „nur“ 7:1 gewinnen und somit nicht mehr entscheidend in den Abstiegskampf eingreifen können. Holstein Kiel, wichtigster Konkurrent um den rettenden 11. Platz, kommt aktuell nicht über ein 0:0 bei Dynamo Dresden hinaus. Zur Pause ist also alles im grünen Bereich – doch ein Tor für Kiel würde die Unioner unter den Strich und somit in die Regionalliga befördern.

Im zweiten Spielabschnitt werden die Unioner mutiger, aggressiver, kämpferischer. Trainer Weiße hat seine Mannen offenbar dazu aufgefordert, höher zu stehen und frühzeitig zu attackieren. Schnell geht der Plan auf – nach einem Freistoß an die Querlatte kann Yasar Can Cinar abstauben und zum 1:2 verkürzen (52.). Zeitgleich macht die schlechte Botschaft die Runde, dass Holstein Kiel in Führung gegangen ist. Es verbleiben noch gut 40 Minuten, um den Abstieg zu verhindern. Nur ein Sieg würde den Klassenerhalt aus eigener Kraft garantieren. Kurzum: Es sieht nicht gut aus.

Union bringt genügend Leidenschaft auf den Platz, um die spielerischen Defizite wett zu machen und schickt sich an, mit viel Überzeugung und Kampfgeist nachzulegen. Der Funke springt vom Rasen auf die Tribüne über und die Gästefans helfen nun akustisch mit, die Mannen um Kapitän Maloney nach Vorne zu peitschen. In den Schlussminuten überschlagen sich die Ereignisse. In der 82. Minute dringt Unions ungarischer Torjäger Benjámin Pratsler in den Strafraum ein und wird von den Beinen geholt. Den fälligen Strafstoß versenkt der Gefoulte zum vielumjubelten 2:2 selbst, in Dresden gleicht Dynamo nahezu zeitgleich zum 1:1 aus. Kurzum: Es sieht schon besser aus.

In der 86. Minuten wird ein Wolfsburger Spieler vom Platz gestellt, nachdem er einen Mitspieler frustriert in den Rücken geschlagen hatte. In Überzahl müssen die Unioner das Remis „nur“ noch über die Zeit retten, um den Klassenerhalt perfekt zu machen. Aus Dresden flattern in der 86. und 90. Minute die frohen Botschaften über weitere Treffer der SGD ein. Kurzum: Es sieht geradezu rosig aus!

Um 14.47 Uhr ist der Klassenverbleib perfekt. Die Szene deutet einen Platzsturm an und dem einen oder anderen betagten Ordner geht ganz schön die Pumpe. Letztlich betreten aber nur wenige Menschen das Feld und alle scheinen zum näheren Kreis der Mannschaft zu zählen. Mit einem scheppernden „Eisern Union“ verabschieden wir die Jungschen in ihre wohlverdiente Sommerpause.

Im Anschluss zieht es uns in die Sonne. In unmittelbarer Nähe des Stadions bietet der „Wakepark“ am „Arenasee“ die Gelegenheit, Wasserski zu fahren. Unser Interesse weckt die dazugehörige Beachbar, die mit Sonnenliegen und Sandstrand zum Verweilen und mich dazu einlädt, noch einmal darauf zu verweisen, dass ich doch die richtige Kleiderwahl getroffen habe. Wer zuletzt lacht, lacht eben am Besten. Auf der Terrasse eröffnet man uns, dass man genau heute in die Sommersaison startet und draußen zur Feier des Tages 50% Rabatt auf alle Getränke gewährt. Während wir 1,75 € für ein großes Bier vom Fass bezahlen, kommt „Agent Orange“ von seinem Toilettengang mit einem kleinen Flaschenbier zurück. „Hat im Restaurant nur zwei Euro gekostet“, verkündet er stolz. Das kann man so Raum stehen lassen. Oder aber man lässt den Misanthropen in mir noch ein mal zu Wort kommen und die Sachlage verachtend zusammenfassen: Naja, zwar etwas teurer als das Fassbier draußen – aber dafür ist ja wenigstens weniger drin… /hvg