140 140 FUDUTOURS International 24.05.19 11:08:31

18.05.2018 Venezia FC – Delfino Pescara 1936 0:0 (0:0) / Stadio Pierluigi Penzo / 5.480 Zs.

Der 1.FC Union hat seine Saison am vergangenen Wochenende mit einem 1:0 Auswärtssieg bei der SG Dynamo Dresden erfolgreich beendet. FUDU atmet erleichtert auf: Endlich Sommerpause, endlich muss man bei der Buchung von Flügen keinerlei Rücksicht mehr auf die verrückten Ideen der DFL nehmen. Nur eine Woche später wird unser Reiseleiter in die Spur geschickt. Ein Wochenende ohne Union in Berlin ist zwar möglich, aber sinnlos. Da zusätzlich Pfingsten vor der Tür steht, ist die Republikflucht nicht mehr abzuwenden und schnell kann eine attraktive Reiseroute festgezurrt werden. Venezia-Udine-Nova Gorica. Neun Tage, drei Spiele, eine Vorfreude.

Als ich am Mittwoch um 10.55 Uhr auf dem Flughafen Marco Polo einschwebe, ist Günter bereits seit zwei Stunden in der näheren Umgebung unterwegs. Ob er in Treviso noch eine Runde Basketball mit Benetton gespielt hat oder sich anderweitig die Zeit vertrieben hat, ist nicht überliefert. Ich verbringe derweil meine Zeit damit, auf der Suche nach meiner Unterkunft orientierungslos entlang der Kanäle herumzuirren. Nach einer halben Stunde breche ich das Unterfangen ergebnislos ab, kehre zurück zum Ausgangspunkt und kaufe mir an einem Kiosk einen Stadtplan zum Falten. Mit Hilfe dieses praktischen Dauerbrenners gelingt es mir innerhalb der nächsten halben Stunde, mich zur „Casa Accademia“ durchzukämpfen und abermals wird mir klar, dass ich nur noch so lange überlebensfähig sein werde, so lange zu all den digitalen Hilfsmitteln dann und wann wenigstens eine analoge Alternative angeboten wird…

Beim Check-In sitzt mir ein waschechter weiblicher Mensch in hübsch gegenüber. Auch hiermit komme ich soweit ganz gut zurecht. Sie stellt mir einen Abreißplan der Innenstadt zur Verfügung, markiert die Sehenswürdigkeiten und startet – auf meine Nachfrage, wo sich denn das Stadion befände – eine Gefährdeansprache: „Oh, Football? Be careful because of the violence!“ Offenbar habe ich das Gesicht schon wieder zur Faust geballt oder man sieht es meiner Mimik anderweitig an, dass mich solche Warnungen von Menschen, die in ihrem Leben noch kein Stadion von Innen gesehen haben, langweilen. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum sie zum Abschied noch ein „… or are you used to it?“ hinterherschiebt.

Mein Zimmer kostet 180,00 € für drei Nächte, hat ein eigenes Bad, eine Dachterrasse und liegt recht zentral. Da ruft man in Venedig an der einen oder anderen Stelle ganz andere Preise auf. Der Blick aus dem Fenster lässt mich jedoch schaudern, befindet sich hier schließlich ein Kindergarten im Innenhof, auf welchem natürlich hunderte Bambini lärmend über die bunten Spielgeräte toben. Kinder im Urlaub. In etwa so attraktiv wie ein Bericht über eine dreitägige Städtereise mit nur einem Fußballspiel, welches 0:0 enden wird. Aber gut – gespoilert wurde ja bereits in der Überschrift.

Um 15.00 Uhr bin ich mit Günter am Busbahnhof „Piazzale Roma“ verabredet, an dem es angeblich Eintrittskarten für die Partie im Vorverkauf à 14,00 € zu erwerben geben soll. Der Fußweg zurück dorthin fällt mir bereits wesentlich leichter und ohne den gefühlten Druck im Rucksack, das Hotel finden zu müssen, lassen sich die ersten Eindrücke wesentlich bewusster wahrnehmen. Sicherlich kennt man Venedig aus Film, Funk und Fernsehen, aber wenn man seine ersten Schritte durch die Lagunenstadt tätigt, ist das trotz des Wissens über die Stadt beinahe surreal, all dies in der Realität zu erleben. Keine Straßen, keine Autos. Überall Wasser, Brücken, Menschen. Und spätestens, wenn die ersten Krankenwagen-Boote passieren, wird einem noch einmal bewusst, dass sich hier zwangsläufig alles auf dem Wasser abspielen muss. Dies muss auch der arme Günter schmerzlich erfahren, dessen Hostel auf einer vorgelagerten Insel liegt und der sich nun für 40,00 € ein 72 Stunden gültiges „Vaporetto“-Ticket kaufen muss, um sich von einem der vielzähligen Wassertaxis befördern lassen zu können. Unter diesen Umständen kann er es wohl nicht länger leugnen, vom anderen Ufer zu kommen. Kurz nach dieser Erkenntnis ist auch der Eintrittskartenkauf erfolgreich abgeschlossen und wir sind für den kommenden Freitag bestens versorgt.

Im Anschluss erfreuen wir uns an einem Espresso für lediglich 1,20 €. Kurz zeige ich mich verwundert darüber, dass dies in der ansonsten doch recht überteuerten Stadt zu diesem Preis möglich ist, doch schnell verweist Günter auf ein Gesetz, welches in Italien den Espresso zum Grundnahrungsmittel deklariert und einen Grenzpreis festlegt. Nirgends in Italien darf ein Espresso „al banco“ – also im Stehen an der Bartheke – mehr als 1,20 € kosten. Ein populistisches Gesetz, welches angeblich auf Silvio Berlusconi zurückgeht, ganz nach meinem Geschmack. Insidertipp: Wer sich in Venedig richtig verarschen lassen will, der setzt sich nach der Kaffeebestellung hin und zahlt dann teilweise bis zu 6,00 €. Viel Spaß, ihr Trottel.

Ohnehin scheint 6,00 € so eine Art venezianischer Standardpreis zu sein. Wir müssen uns am Abend des Europa-League-Finales jedenfalls entscheiden, ob wir zu dem genannten Preis lieber Bier oder Gin Tonic konsumieren würden. Im Fernsehen wird live aus Lyon berichtet. Die Partie ist eng, hart umkämpft und während am Anfang noch das Bier die Nase leicht vorn hat, setzt der Gin am Ende zum Finale Furioso an und wird zum Gewinner des Abends gekürt. Zeitgleich verliert Olympique Marseille auf dem grünen Rasen gegen Atletico bedauerlicherweise deutlich mit 0:3.

Am nächsten Tag klappern wir die klassischen Sehenswürdigkeiten der Stadt ab, trinken „Birra Venezia“ und schießen touristische Erinnerungsfotos. Es bleibt genügend Zeit, sich eher über die kleinen Nebensächlichkeiten zu freuen und sich den Blick für kuriose Details und Straßenszenen zu wahren. Folgende Kurzfilme hätte FUDU für Euch im Programm:

„Dad, there’s a Monster!“
Wie Streetart auf die touristische Bedrohung durch Kreuzfahrtschiffe aufmerksam macht

„Wenn nicht jetzt, Wan Tan?“
Wie ein asiatischer Imbissbesitzer seinem kahlgeschorenen Nazi-Putz-Adjutanten während des Fegens neuen Müll vor die Füße wirft

„Der verrückte Taubenmann“
Wie es einem gelingen kann, offen in der Auslage herumliegende Backwaren geschmackvoll anzupreisen und gleichzeitig Tauben auf dem Arm zu versammeln, um diese zu füttern

„Asiatische Work-Life-Balance“
Wie man mit einer Louis-Vuitton-Tüte in der Hand auf der Rialto-Brücke kurz durchschnaufen kann, wenn das mitgeführte Porzellanpüppchen ausnahmsweise mal nicht fotografiert werden mag

Am Tag des Fußballspiels setzen wir mit dem „Vaporetto“ nach Lido über. Spätestens in diesem Moment wird klar, dass Günter mit seiner Zeitkarte auf das richtige Pferd gesetzt hat. Eine Einzelfahrt mit dem Wassertaxi kostet stolze 7,50 € und es spielt hierbei überhaupt keine Rolle, dass die Fahrtwege mitunter weniger als zehn Minuten in Anspruch nehmen. Lido di Venezia ist ein mondänes Seebad mit luxuriösen Hotels – bekannt durch Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ und durch die internationalen Filmfestspiele, auf denen im kommenden Jahr unsere Kurzfilme zur Uraufführung kommen werden. Etwas irritiert zeigt sich FUDU, als man vom ersten Auto angehupt wird. Nach zweieinhalb Tagen sorglosem Flanieren gibt es nun plötzlich wieder Straßenverkehr, auf den man zu achten hat. Am Strand tanken wir dösend ausreichend Sonne, nicht ohne von einer anderen Berliner Reisegruppe begrüßt zu werden, die offenbar einen Blick für unsere Union-Utensilien hatte: „Gehört dit hier noch mit zur Wuhlheide, oder wat?“

Auch den Weg zum „Stadio Pierluigi Penzo“ legen wir mit dem „Vaporetto“ zurück. Die Lage der alten Spielstätte ist einigermaßen spektakulär und eine Anreise via Boot zu einem Fußballspiel dann auch nicht alltäglich. Der gastgebende Venezia FC hat eine bewegte Vergangenheit und nach diversen finanziellen Zusammenbrüchen mehrere Umbenennungen hinter sich. In dieser Saison läuft es unter Starcoach „Pippo“ Inzaghi jedoch richtig rund und man hat sich die Teilname an den Play-Off’s zum Aufstieg in die Serie A bereits gesichert. Nebenan schallen erste Gesänge von gut 20 Mann eines voll besetzten Wassertaxis zu uns herüber. Interessante Vorstellung, wie in der kommenden Saison womöglich Ultras aus Napoli oder die Laziali zu diesem Stadion auf der Insel geshuttled werden, flankiert von Polizeiboot Norbert. Zumindest auf eine potentielle Sicherheitsverwahrung dürfte man sich als Gästefan freuen – auch das Gefängnis hat in Venedig eine wirklich wunderschöne Lage. Zimmer mit Blick auf Wasser sind auch hier garantiert und auch die Auslastung hält sich aufgrund der geringen Kriminalitätsrate in Grenzen. Man munkelt, außer einer kleinen Dogenproblematik sei in Venedig nichts zu befürchten…

Bereits 90 Minuten vor Anpfiff klaffen in dem durch Wasserstraßen gesäumten Stadionareal Theorie und Praxis weit auseinander. Ein Ordner bewacht eine kleine Brücke, die zum Stadioneinlass führt und wird hierbei von einer Horde Ultras, die offenbar kein Interesse an dem Abgleich ihrer Ausweisdokumente mit den auf den Eintrittskarten hinterlassenen Namen hat, förmlich überrannt. Im Stadion ist leider nur noch die Haupttribüne in ihrer ursprünglichen Bausubstanz erhalten, während auf den verbleibenden drei Seiten Stahlrohr das Bild bestimmt. Die Angaben zu der offiziellen Zuschauerkapazität schwanken zwischen 7.426 und 9.977 und bei einem vermeintlichen Aufstieg müsste der amerikanische Besitzer ganz sicher etwas Geld in die Hände nehmen. Heute ist das Stadion jedenfalls gut gefüllt und während die Stadionregie Gigi D’Agostino (hätte bis hierhin gedacht, das wäre einer dieser Italiener, die sie nach Deutschland verschifft haben, um sie selbst nicht hören zu müssen) zum Besten gibt, setzt 20 Minuten vor Anpfiff Regen ein, womit ein erheblicher Temperaturabfall einhergeht. Etwas fröstelnd entscheiden wir uns gegen unseren Sitzplatz und beziehen in der obersten Reihe der Gegengerade stehend Position.

Der 42. und letzte Spieltag der Saison wird eröffnet. Den Gästen aus Pescara, die seit ihrem finanziellen Kollaps und der Neugründung 2009 offiziell das „Delfino“ im Vereinsnamen führen, steht das Wasser schon wieder bis zur Flosse. Als Absteiger aus der Serie A findet man sich aktuell nur auf dem 15. Platz der Tabelle wieder und könnte heute noch auf die Abstiegsrelagationsränge rutschen.

Die erste Halbzeit wird die beste Halbzeit werden, die FUDU je in Italiens zweithöchster Spielklasse gesehen hat. Das Spiel ist schnell, kurzweilig und beide Mannschaften kommen zu vielversprechenden Torabschlüssen. Neben der technischen Unbeholfenheit des 36 Jahre alten Schweiz-Spaniers Álex Geijo, der mit gleich drei verstolperten Bällen in die Geschichte des ersten Spielabschnitts eingeht, ist es der Querlatte zuzuschreiben, dass die erste Hälfte torlos endet. In der 45. Minute scheitern die Gastgeber nach einer schönen Eckenvariante mit einem satten Schuss aus 16 Metern an dieser.

Im zweiten Spielabschnitt verflacht das Niveau der Partie zusehends. Bis zur 70. Minute gibt es keine weiteren Aufreger mehr zu bestaunen, sodass man sich ausschließlich über das überraschend aktive Heimpublikum und die geringe Touristendichte im Stadion freuen kann. Nach 73 Minuten scheitert der kurz zuvor eingewechselte Litteri völlig freistehend aus fünf Metern und man darf berechtigte Sorgen hegen, dass man hier keine Treffer zu sehen bekommt, zumal sich die Delfine ordentlich ingeigelt (Lesehilfe: ge-igelt) haben. Unser Freund Geijo springt – bereits mit einer gelben Karte vorbelastet – in der 83. Minute völlig übermotiviert in den Rücken von Pescaras Keeper Fiorillo und kann von Glück reden, dass er um einen Platzverweis herumkommt. „Pippo“ reagiert umgehend, schnappt sich höchstselbst die Auswechseltafel, reckt diese in die Höhe und bittet Geijo, den Platz schnellstmöglich zu verlassen. Doch auch die letzte Jokerhoffnung Marsura sticht nicht mehr und so bleibt es bei einem etwas enttäuschenden nasskalten 0:0, worüber sich nur die weitgereisten (424 Kilometer) Gäste freuen können, da das Remis zum Klassenerhalt reicht.

Morgen früh wird uns der „Frecciarossa“ dann von Venezia Santa Lucia nach Udine ins Friaul befördern. Für uns verbleiben sechs weitere Urlaubstage auf der Uhr. Und, wie sich alsbald herausstellen wird, nur noch ein Spiel und eine herbe Enttäuschung… /hvg