931 931 FUDUTOURS International 01.04.20 10:12:26

16.09.2018 FSV Berolina Stralau 1901 – Berliner SC 1:2 (1:1) / Laskersportplatz / 55 Zs.

Der FSV Berolina Stralau ist unlängst in die höchste Berliner Spielklasse aufgestiegen. Wenn man schon einmal die Berlin-Liga vor der eigenen Haustür hat, sollte man tunlichst Anstrengungen unternehmen, zumindest einmal in der Saison das Angenehme (Fußball) mit dem Nützlichen (Zeit an der frischen Luft) zu verbinden. Man nimmt sich ja sonst viel zu selten Zeit für einen gediegenen Sonntagsspaziergang. Dieser dauert heute aber glücklicherweise nur 18 Minuten, sodass man sich nicht all zu lange über die Touristenhölle rund um das „RAW“-Gelände und die traurige Entwicklung in Flussnähe grämen muss. „Spreeufer für alle!“ – mit einem dicken Portemonnaie.

Da hilft nur König Fußball, um nicht direkt wieder in Weltschmerz zu verfallen. Der Aufsteiger aus Stralau ist gut in die Saison gestartet und hat in den ersten fünf Saisonspielen bereits fünf Punkte gehamstert. Der Berliner SC, der in den vergangenen Jahren immer im oberen Drittel der Tabelle zu finden war, ist bereits wieder auf dem vierten Rang platziert und untermauert in der Frühphase der Saison seine Ambitionen. Mit Marcus Mlynikowski (FSV) und Kiyan Soltanpour (BSC) stehen zwei ehemalige Union-Spieler auf den Kaderlisten beider Clubs, die Sonne scheint und den Lasker-Sportplatz habe ich bislang noch nicht gekreuzt. Freunde, mehr geht an einem Sonntag in Berlin nun wirklich nicht!

Als ich das Sportplatzgelände betrete, verfalle ich aber schnell in Sorge, ob das Spiel auf dem Hauptfeld stattfinden wird. Das „Rasen betreten verboten“-Schild verspricht jedenfalls zunächst wenig verheißungsvolles. Genau fünf Minuten, nachdem ich das Eingangsportal durchschritten habe, baut ein älterer Herr im Eingangsbereich des Sportplatzes seine Kasse auf. Noch bevor ich ihn fragen kann, ob denn heute auf dem Rasen gespielt werden wird, stoppt er pflichtbewusst einen Fahrradfahrer. Er dürfe keineswegs passieren, ohne einen Eintritt zu entrichten. Um die Sachlage noch etwas zu verkomplizieren, stellt sich heraus, dass der Fahrradfahrer nur der englischen, der Kassierer nur der deutschen Sprache mächtig ist. Ich stelle mich als Simultandolmetscher zur Verfügung und trage zur Völkerverständigung bei. Der Radler möchte das Spiel gar nicht sehen, sondern sich nur einen Überblick über die Sportstätte verschaffen, was ihm der freundliche Kassierer dann auch ohne die anfangs geforderte Eintrittszahlung ermöglicht. Nun ist es endlich an der Zeit, den Spielort zu erfragen. „Die Erste spielt uff Rasen!“, weiß der alte Mann zu meiner Zufriedenheit zu berichten. Pflichtbewusst frage ich nach, wie viel ich denn nun zahlen müsse. „Na nüscht. Wer so nett hilft, kommt umsonst rinn“ – Nächstenliebe muss sich wieder lohnen!

Ein Kick auf dem Kunstrasennebenplatz, welcher durch ansprechende Graffitikultur der angrenzenden Häuserwand aufgewertet wird, sorgt für kurzweilige Unterhaltung und eine gelungene zeitliche Überbrückung bis zum Anpfiff der Partie der Berlin-Liga. Ein Hopper aus Meck-Pomm mit deutlich sichtbarer Hansa-Affinität stattet der Gastronomie des Sportplatzes einen Besuch ab und kehrt mit einer Portion Spaghetti Bolognese auf die Tribüne zurück. Nicht nur, dass man dieses Gericht in den Stadien dieser Welt jetzt bislang eher selten auf den Speisekarten erblickt hätte, setzt man in Stralau noch eines drauf und serviert die Pastapracht auf echtem Porzellan. Vermutlich auch nur so lange, bis mal ein Linienrichter einen fliegenden Teller an den Nacken bekommt…

Von Kiyan Soltanpour fehlt jede Spur, während Marcus „Magic“ Mlynikowski, wie ihn der Stadionsprecher attribuiert, zunächst nur auf der Bank Platz nehmen darf. Unter „Hell’s Bells“ Klängen laufen die Akteure beider Mannschaften auf den Laskersportplatz. Benannt ist die Spielstätte übrigens nach Emanuel Lasker, der laut Enzyklopädie „Schachspieler, Mathematiker und Philosoph“ war und dem somit der wohl schönste Wikipedia-Dreiklang nach Ernst Jünger („Offizier, Dandy und Insektenkundler“) zuteil wurde, nur noch getoppt durch die faktisch nicht zu widerlegende Erkenntnis, dass Lasker 1913 als Landwirt in Trebbin scheiterte, da er „nicht sehr praktisch veranlagt war“. Ich habe mich in der Zwischenzeit längst mit einem lediglich zwei Euro teuren Fassbier eingedeckt und gewöhne mich langsam an die etwas ungewohnte Sicht auf das Spielfeld. Die Tribüne steht leider nicht parallel zum grünen Geläuf, sondern weist eine etwas sonderbare Krümmung auf. Ob diese konkarv oder konvex verläuft, vermag ich nicht zu beurteilen. Noch bevor man angenehm alkoholisiert ist, besteht hier jedenfalls ein Blick wie durch ein Fischaugenobjektiv, der das Urteilsvermögen über Abseitsentscheidungen des geneigten Sportplatzbesuchers doch erheblich beeinträchtigt. Die Gefahr für den Linienrichter, von einem Teller Spaghetti erschlagen zu werden, steigt bereits jetzt in bedenkliche Grenzbereiche an.

Das Spiel hat zu Beginn jedoch nur wenig erbauliches zu bieten. Es dauert gut eine Viertelstunde, ehe ein verheerender Fehlpass in der Stralauer Abwehr in den Füßen von BSC-Stürmer Saberdest landet und für den ersten Aufreger sorgt. Doch dieser zeigt sich angesichts des Geschenks auf dem Silbertablett gleichermaßen überrascht wie überfordert und vertändelt kläglich. Mehr Unterhaltung bietet da schon das Kneipenpärchen aus dem „Degendorff“, das nicht nur beim 1.FC Union, sondern auch bei Lichtenberg 47, Fortuna Biesdorf und eben bei Berolina sein Unwesen treibt und in dessen Nähe ich mich begeben habe. Auf einem schlauen Mobiltelefon wird mir das 500. Karrieretor von Zlatan Ibrahimović gezeigt, welches er heute Nacht gegen Toronto erzielt hat. Und, wie es sich für Zlatan gehört, ist es wieder einmal einer dieser Treffer, bei denen sich Otto Normalverbraucher bereits beim bloßen Zusehen die Hüfte verrenkt. Der Mund steht vor lauter Staunen noch offen, als urplötzlich ein Fernschuss der Gäste in den Maschen Stralaus landet. Gouhari hat alle Zeit der Welt, wird nicht angegangen und verwandelt trocken aus gut 20 Metern. Torhüter Poßnien fällt wie die sprichwörtliche Bahnschranke.

In Folge dominiert der Favorit aus dem Grunewald die Partie. Die Mannschaft wirkt sortierter, reifer, zeigt die wesentlich bessere Spielanlage und drängt auf das 0:2. Nach einer halben Stunde hätte das Tor fallen müssen, doch einen 3 auf 1 Angriff können die Gäste nicht verwandeln, da der finale Querpass erbärmlich schlampig gespielt wird. Erst zwei Minuten vor dem Halbzeitpfiff gelingt den Stralauern der erste Torabschluss. Mich zieht es im Anschluss an den Wurststand, an dem ich mir eine leckere Sucuk für humane 2,50€ gönne und dabei den 1:1 Ausgleich durch Kleßny verpasse. Ein Tor aus dem Nichts heraus – wie gestern das 1:0 durch Gogia gegen den MSV Duisburg, welches ich am Bierstand erleben musste. Der Running Gag des Wochenendes. Vielleicht sollte man sich aber auch einfach wieder angewöhnen, das mit dem wohlstandsverwahrlosten Fressen und Saufen erst NACH dem Halbzeitpfiff anzugehen.

In der Halbzeitpause bleibt es mit den beiden weitgereisten Deggendorfern unterhaltsam. Dankenswerterweise überlassen sie mir eine Eintrittskarte für die Sammlung dahoam und ich erfahre, dass ich für diesen Kick 6 € hätte zahlen müssen. Ergibt bei sechs Minuten Dolmetscherarbeit also einen Stundenlohn von 60 € – vielleicht sollte ich beruflich noch einmal umsatteln [Anm. der Red.: Natürlich hat sich unser Autor mit Dyskalkulie beim ersten Versuch verrechnet. Ob die Zahl jetzt stimmt, ist nicht verifizert]. Darüber hinaus profitiere ich vom Insiderwissen der Dauergäste des Laskersportplatzes: Mittelfeldspieler Jan Pütz hat unlängst geheiratet und heißt jetzt Koch. Ha, da guckt unser Nachbar, der eben den Namen des Mannschaftskapitäns vergeblich auf dem Spielberichtsbogen gesucht hatte, aber erstaunt aus der Wäsche.

Die zweite Hälfte „beginnt“ mit einem Paukenschlag. Torschütze Kleßny grätscht im Niemandsland des Mittelfelds von hinten kommend in seinen Gegenspieler herein. Foul, klare Sache, aber kein Grund zur Aufregung. Schiedsrichter Pawlowski (und Assistent Kai Kaltwasser an der Seitenlinie) sehen das jedoch anders und entscheiden nach kurzer Absprache: glatt Rot (52.)! Wer nun darauf hofft, dass sich aufgrund der nummerischen Überlegenheit des BSC ein attraktiveres Fußballspiel entwickeln wird, wird jäh enttäuscht. Die nächsten Notizen gebe ich gerne ungeschönt an Euch weiter: 65′ langweilig spiel ohne höhepkte, 75′ weiter nix los auf rasen.

Berolina macht’s wie Emanuel Lasker, dessen Schachspiel als „pragmatisch und kämpferisch“ beschrieben wird, charakterisiert durch „wenige offensichtliche Fehler“ und der Gabe, „schlechtere Stellungen ausgezeichnet verteidigen“ zu können. So trudelt das Spiel recht ereignislos dem Ende entgegen, als plötzlich ein Seitfallzieher der Gäste zum vielumjubelten 1:2 in den Maschen zappelt (81.). Das Duo Pawlowski/Kaltwasser entscheidet, das Tor nicht zu geben. Mit Hornhaut- und Tribünenkrümmung zwar nur zu erahnen, doch vermutlich hat ein BSC-Akteur im Sichtfeld des Keepers und zeitgleich abseits gestanden. Der Teller Spaghetti ist zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise längst retour gegangen…

Sportskamerad Boachie handelt sich 14 Minuten nach seiner Einwechslung dank einer sportlich eleganten Beleidigung eines eigenen Mitspielers die rote Karte ein. Die Kräfteverhältnisse auf dem Platz sind für die letzten vier Minuten der Partie nun also wieder ausgeglichen und gemeinsam mit dem ebenfalls ausgeschlossenen Kleßny hängt Boachie an der Reling herum und alles geht „Kwasi“ von einem schiedlich-friedlichen Remis aus. Auch Marcus „Magic“ Mlynikowski dürfte seit seiner Einwechslung in Minute 89 ähnliches gedacht haben, doch da haben alle Zuschauer und Spieler ihre Rechnung ohne Saberdest gemacht, der mit der allerletzten Aktion in der Nachspielzeit doch tatsächlich für den BSC noch den Deckel drauf macht. Wer vor dem Sechzehner nicht attackiert wird, der schlenzt einem den Ball eben auch manchmal aus mehr als 20 Metern in die lange Ecke. Poßniens Reaktion bleibt aus, es folgt der Abpfiff in die Jubeltraube der BSC-Akteure hinein, die nun etwas schmeichelhafte drei Punkte mit nach Hause nehmen können.

Da es sich bei Stralau offenbar um Späti-Sperrgebiet handelt, kann ich hingegen nicht einmal ein Wegbier mit nach Hause nehmen. Mit Blick auf das Neubaughetto rund um den Bahnhof Ostkreuz kehrt jedoch schnell Erleichterung ein: Der Sonntagsspaziergang nach Hause dauert ja zum Glück nur 18 Minuten… /hvg