110 110 FUDUTOURS International 05.12.22 11:52:24

03.11.2018 SCW Obermain – 1.FC 1911 Burgkunstadt 0:0 (0:0) / Waldstadion Weismain / 105 Zs.

Am Samstagmorgen glühen die Handydrähte nach Weismain. Seit Tagen stehe ich im regen Austausch mit einem freundlichen Menschen, der die Social Media Abteilung des Kreisligisten mit Inhalt füllt. Noch immer haben wir keine finale Antwort darüber erhalten, ob das Spiel gegen den 1.FC Burgkunstadt im Stadion oder auf einem Nebenplatz stattfinden wird. Eine Aussage hierüber könne man leider immer nur sehr kurzfristig treffen, so die Aussage Mitte der Woche. Viel kurzfristiger als vier Stunden vor Anpfiff geht ja nun nicht mehr und so frage ich nun trotz der entspannten Großwetterlage noch einmal vorsichtig nach, ob das wunderschöne „Waldstadion“ heute im Rahmen eines Fußballspiels besichtigt werden kann. Die Antwort ist gleichermaßen überzeugend wie motivierend, die 100 Kilometer Anreise unverzüglich anzutreten: „Joa, wird schon klappen ;-)“!

Auf dem Weg zu unserem Auto, das wir gestern in der Dunkelheit irgendwo in einer Nebenstraße „Am Plärrer“ geparkt hatten, passieren wir das Figurentheater „Salz+Pfeffer“. Ihr ahnt es nicht, welches Stück hier aktuell aufgeführt wird. Es ist „Der eingebildete Kranke“ von Molière – und mir scheint die Suche nach einem Spitznamen für den Herrn Autofahrer dank dieser schicksalhaften Bestimmung zumindest für diese Reise zum Abschluss gekommen zu sein. Da Fetti seinem Bildungsauftrag nachkommen mag, entführt er euch kurz in Molières letztes Werk, welches 1673 uraufgeführt wurde. Worum geht’s? Der Hypochonder Argan wird von seinem Arzt Monsieur Purgon über den Tisch gezogen, der überteuerte Rechnungen schreibt und bewusst unnütze Behandlungen durchführt. Gleichzeitig schreibt Argan aus rein eigennützigen Motiven seiner Tochter vor, einen Arzt heiraten zu müssen und stellt sich nebenbei auch noch tot, um herauszufinden, welche Familienmitglieder ihn denn nun wirklich lieben. Kurzum: Bei dem Kerl liegt einiges im Argan. FUDU-Aufnahmeprüfung somit bestanden!

90 Minuten später haben wir Weismain in der fränkischen Schweiz erreicht. Die geographische Bezeichnung deutet darauf hin, dass wir womöglich auf Menschen mit doppelter Sprachbehinderung treffen werden. Ansonsten freuen wir uns darüber, dass Weismain an der „fränkischen Bierstraße“ liegt, „staatlich anerkannter Erholungsort“ (Sachen gibt’s) ist und wir nach Abstellen des PKW noch gute anderthalb Stunden Zeit haben, diesen zu erkunden.

Die Erkundungstour kann man schnell zusammenfassen. Das 5000-Seelen-Örtchen hat einen sehr hübschen Ortskern zu bieten, der sich am Samstagmittag aber sehr verschlafen präsentiert. Die Straßen sind menschenleer, Gaststätten gibt es keine und Geschäfte sind verschlossen. Selbst die „appetitlichen Geschenkideen“ von „Sandra’s Partyservice“ (sic!) bleiben Fetti heute bedauerlicherweise vergönnt. FUDU geht durch die „Hölle“, wirft einen Blick auf das Rathaus, goutiert die Stickerkultur, die der 1.FC Nürnberg hier hinterlassen hat und verfällt in tiefe Trauer, dass das wunderschöne Gelände der „Obendorfer Brauerei“ seit 1997 dem Verfall preisgegeben ist.

Wahrlich, 1996 war die Welt in Weismain noch in Ordnung. Der ortsansässige SC Weismain war soeben in die dritthöchste Spielklasse des deutschen Fußballs aufgestiegen. Alois Dechant hatte dieses Fußballwunder möglich gemacht. Mit Hilfe seiner Investments war der SCW von der A-Klasse bis in die Regionalliga durchgestartet. Der Sportplatz von 1945, der 1968 erstmals den Namen „Waldstadion“ trug, wuchs parallel zum sportlichen Erfolg Schritt für Schritt mit. Vor dem Aufstieg 1996 fasste die Spielstätte bereits knapp 10.000 Zuschauer, doch nun standen Ligaduelle auf Augenhöhe mit dem traditionsreichen 1.FC Nürnberg auf dem Programm. Grund genug für Bauunternehmer Alois Dechant, noch einmal Geld in die Hand zu nehmen und es in das Stadion zu investieren. Es entstand eine Flutlichtanlage, eine Überdachung der Südtribüne und eine Erweiterung der Stehplatz-Gegengeraden um 18 Ränge aus Sandstreinrohlingen, die heute charakteristisch für die nunmehr 17.000 Zuschauer fassende Spielstätte sind. Hardy Grüne nennt das Stadion „eines der atemberaubendsten des Landes“ und Journalist Robert Schäfer spricht von „einem der schönsten Naturstadien Deutschlands“. Am 12.04.97 gewann der „Club“ das langersehnte Jahrhundertspiel vor ausverkauftem Haus mit 2:0. Gäste-Kapitän Knäbel sprach vom „Bökelberg der Regionalliga“, Weismain hielt sich drei Jahre lang in der Spielklasse, erste Träumereien von der zweiten Bundesliga machten die Runde, dann folgte der Absturz. Sportlich ging es bergab bis in die Bezirksoberliga, 2003/04 musste man Insolvenz anmelden. Heute heißt der Verein SCW Obermain und spielt in der Kreisliga Coburg/Kronach, Dechant wurde 2010 zum Ehrenbürger der Stadt Weismain ernannt und von all dem Ruhm ist nur noch eines übriggeblieben: das Stadion.

Heute empfängt man (glücklicherweise) IN eben jenem Stadion den 1.FC Burgkunstadt. Nüchtern betrachtet trifft in der 16 Mannschaften umfassenden Kreisliga der Tabellenelfte auf den um einen Rang schlechter platzierten Tabellennachbarn, euphorisiert kann man aber auch von einem mit Spannung erwarteten Derby sprechen. Weismain und Burgkunstadt trennen exactamente sieben Kilometer. Na, wenn das mal kein Fußballfest wird!

Wir starten verheißungsvoll in diesen Festtag. Nach Bezahlung des aufgerufenen Eintrittspreises in Höhe von 3 € machen wir unser Bedauern öffentlich, dass der SCW seinen Stadiongängern keine Eintrittskarten an die Hand gibt. Der ältere Herr an der Geldkassette wundert sich und hinterfragt, was denn ein solches Stück Papier für einen Wert habe. „Na, zur Erinnerung an den Stadionbesuch“ ist dann eine Begründung, mit der er offenbar etwas anfangen kann. Es folgt der legendärste Satz, den je ein Geldeintreiber gegenüber FUDU hat fallen lassen: „Passt’s kurz auf mei Kasserl auf, i hoab da woas!“ – und schwupps, steht FUDU mit den Tageseinnahmen (also mindestens 6 €) und dem vorbereiteten Wechselgeld alleine da. Einige Minuten später kehrt der Mann aus dem Clubhaus zurück, überreicht zwei alte Vereinsnadeln des SC Weismain als Geschenk, wünscht einen angenehmen Stadionbesuch und bedauert, dass wir in der Zwischenzeit keine weiteren Einnahmen für den SCW auftreiben konnten. Noch ist ja eine knappe halbe Stunde Zeit bis zum Anpfiff und der große Ansturm kommt bestimmt noch…

Wir nutzen die verbleibende Zeit bis zum Spielbeginn für einen gediegenen Rundgang durch das Stadion. In Weismain ist man Hoppern gegenüber so freundlich, das gesamte Areal zu öffnen und die Türen zwischen den einzelnen Tribünen geöffnet zu halten. So also passieren wir den Hintertorbereich mit dem Clubhaus, verweilen etwas länger auf der Gegengerade mit neun Stufen aus Beton und den faszinierenden 18 Naturstein-Rängen, ehe wir der Hintertortribüne mit einigen vorgelagerten und einigen überdachten Stehplätzen einen Besuch abstatten. Diese ist offensichtlich zuletzt im Juli besucht worden, worauf die omnipräsenten Aufkleber des HFC hindeuten. Im vergangenen Sommer hatte der 1.FC Nürnberg den Halleschen FC im „Waldstadion“ zum Vorbereitungsspiel empfangen und dieses vor 4.004 Zuschauern 1:2 verloren. Etwas spektakulärer ging es nach Abpfiff zu, als sich Ultras beider Mannschaften auf dem Rasen eine wilde Prügelei lieferten. So ist das eben, wenn sich „vier Fäuste für den Glubb“ Gäste aus dem Osten einladen. Die haben nun mal den Drang, sich zu boxen…

Unseren Rundgang setzen wir dann auf der Haupttribüne fort und sind bereits jetzt restlos vom Stadionerlebnis begeistert, ehe es wir uns bei angenehmen Herbstwetter auf einer der roten Sitzschalen gemütlich machen. Mit einem „Weismainer Püls-Bräu“ (→ frrröhlich, frrränkisch, frrrisch) aus einer Glasflasche mit Drehverschluss (ich), einem Radler (er) sowie einer Wurst für 1,50 (ich) und zwei Würsten für 2,50 (er) ausgestattet, wird uns das Achtligagebolze schon nichts anhaben können. 105 Zuschauer haben sich heute im weiten Rund verlaufen und alle Firmen des Orts sind auf Werbebanden vertreten. Sogar „Sandra’s Partyservice“ hat ein Schweinderl im Stadion platziert, fehlt einzig und allein das „Kerzenlädle“ – na, da kauf ich dann wohl nicht mehr ein.

Das Spiel. Nun ja. Die Anfangsphase lässt sich noch ganz gut an – nach fünfzehn Minuten hat die Heimmannschaft bereits drei Torabschlüsse aus der zweiten Reihe zustande bekommen, der Gast ist einmal aus Nahdistanz per Kopf gescheitert. Dann verpufft jedoch der Anfangsschwung und beide Mannschaften brillieren ausschließlich mit Härte, Kampf und Krampf. In der 40. Minute jagt ein Gästespieler einen direkten Freistoß über das Tribünendach und mutmaßlich bis in einen Burgkunstädter Vorgarten, während der letzte Hoffnungsschimmer auf ein Tor in Halbzeit eins in der Nachspielzeit „dank“ einer starken Fußparade des Weismainer Keepers Tjerk Berthold verpufft.

Halbzeit Zwei. Neuer Platz, neues Bier, neues Glück. Handgezählte 82 Menschen und ein Hund befinden sich nun neben uns auf der Gegengerade und allesamt trauen ihren Augen nicht. Gerade aus den Katakomben gekommen, haben sich beide Mannschaft offenbar vorgenommen, die nächsten 45 Minuten ein wüstes Getrete zu zelebrieren. Offene Sohle und volle Kraft voraus! Und so dauert es auch gar nicht all zu lange, bis die ersten Ruppigkeiten nach Wiederanpfiff zum ersten Platzverweis führen. Gästespieler Steffen Wuttke (Zitat in Minute 44.: „Der 7er kriegt heute noch gelb!“) langt erst ordentlich hin und schimpft dann auch noch wüst auf den zusammengetretenen Akteur ein. Schiedsrichter Hannes Kimmel ist konsequent, setzt zur doppelten Bestrafung an und schickt Wuttke mit gelb-rot duschen. Nur zwei Minuten später kulminieren die Aggressionen in diesem nun sehr hitzigen Derby vollends: nach einem rüden Foul von Burgkunstadts Schamel zückt Kimmel zunächst die gelbe Karte und wird nun von Heimcoach Kemnitzer, der vehement eine andere Farbe fordert, verbal in die Mangel genommen (Obacht, auch er könnte den Drang haben, sich zu boxen…). Das wiederum missfällt der Ersatzbank der Gäste, es kommt zu einer wilden Rudelbildung, die sich nicht unbedingt beruhigt, als Schiedsrichter Kimmel nach Beratung mit seinem Assistenten dazu übergeht, doch glatt rot zu zeigen. Nun sind es die bislang gar nicht wahrgenommenen Gästeanhänger, die ihr Hillbillie-Potential ausschöpfen. Der Gruppendoofste klettert auf den Zaun, beleidigt den Linienrichter als „Wichser“ und der Beleidigte lässt es sich nicht nehmen, ebenfalls an den Zaun heranzurücken und sich zu stellen. Die ganz feine Klinge hier in der fränkischen Schweiz!

In doppelter Überzahl haben die Weismainer in den verbleibenden 34 Minuten des Spiels unfassbar wenig Ideen. Irgendwann nehmen die Verzweiflungsschüsse aus abnormen Distanzen Überhand und den Seitfallzieher aus 25 Metern darf man getrost lächerlich nennen. Richtig unangenehmes Fremdschämpotential hat der Trashtalk zwischen Weismain-Keeper Berthold und dem Zaunkletterer, sowie die Entscheidung der Weismainer Spieler einen Angriff zu Ende zu fahren, obwohl sich ein Gästespieler vor Schmerzen am Boden krümmt. Wieder kommt es zur Rudelbildung und wahrlich, mit 11 gegen 9 dürfte man den Ball dann schon ins Aus spielen…

Das Spiel wird von Minute zu Minute schlechter und letztlich verdienen sich die Gäste nach aufopferungsvollem Kampf den Punktgewinn in Weismain. 0:0 – in dieser Höhe verdient!

Für uns soll es das noch nicht gewesen sein. Direkt im Anschluss der Kreisliga-Begegnung findet um 16.00 Uhr schließlich noch der frrränkische Frrrauen-Kracher zwischen Obermain und Walsdorf/Stegaurach statt und wir nehmen uns vor, so lange zu verweilen, bis man uns in diesem Stadion wenigstens einen Torerfolg gönnt… [Ein Blick auf die Tabelle der Bezirksliga zeigt: nach sieben gespielten Spielen weisen der SCW ein Torverhältnis von 8:9 und die Gäste eines von 10:8 auf]… und wir ergänzen in weiser Voraussicht – oder bis das Flutlicht angeschaltet wird.

Das Nachspiel beginnt. Wir haben es uns mittlerweile auf dem Balkon des Clubhauses gemütlich gemacht und endlich gibt es für mich für sportlich faire 2,20 € ein frisch Gezapftes aus dem Glas. Bei der Heimmannschaft laufen mehrere Damen in langen Hosen auf, wobei die 99 bezüglich des Beinkleids mit ihrer Nylon-Strumpfhose eine bemerkenswerte Wahl getroffen hat. Die Damen tun es im Anschluss den Männern gleich und zaubern ein Gewürge auf’s Parkett, das sich gewaschen hat. Es dauert bis zur 37. Spielminute, ehe uns die Mädels des SCW dank eines Elfmetertores von unseren torlosen Qualen erlösen.

Wir bleiben entgegen unseres Vorhabens doch noch ein wenig länger und erleben neben dem Torerfolg auch noch etwas Flutlichtromantik mit, welches in der Pause angeknipst wird. Kurz nach Wiederanpfiff reicht es dann aber auch uns endgültig und wir treten die Rückfahrt in Richtung Nürnberg an.

Das Wegbier, welches ich wohlweislich im Auto verstaut hatte, nennt sich „Patrizier Bräu Albrecht Dürer Pils“ und schmeckt nach Holzverschnitt. Eine knappe Stunde später sind wir in Erlangen angekommen und steuern zielstrebig Fackelmanns Insider-Tipp an. In der Gaststätte „Drei Linden – Zum Krapp“ beherrscht man die hohen Künste der Bruchrechnung und des Schnitzelbratens. Wer eine halbe Portion bestellt, erhält zwei Schnitzel, wer eine ganze Portion für 12 € ordert, erhält vier Stück. ½=2, 1=4. Lässt sich nachweislich alles kürzen, erweitern, auf einen Nenner bringen und macht zwei Mal satt. Top Laden!

Bevor wir mit ein-zwei Restschnitzeln in Alufolie im Gepäck in Richtung Auto rollen, checken wir noch kurz das Endergebnis der 16.00 Uhr Partie im „Waldstadion“. Es ist tatsächlich beim 1:0 geblieben. Oh man. Das hat dieses Stadion doch alles nicht verdient…! Und schon lastet eine hohe Bürde auf Fetti, der just in diesem Moment den Druck verspürt, irgendwann einmal einen Bericht verfassen zu müssen, der – im Gegensatz zu den heute gesehenen Fußballspielen – diesem Stadion gerecht werden kann.

A propos Berichte verfassen: Beim Schreiben ist es wie bei der Prostitution. Zuerst macht man es aus Liebe, dann für ein paar Freunde und schließlich für Geld, sagt Molière. Also Freunde, genießt das Stöbern im Blog, solange es noch kostenlos ist! /hvg