238 238 FUDUTOURS International 21.09.20 20:26:19

31.03.2019 VSG Altglienicke II – SC Borsigwalde 1910 2:2 (1:2) / Stadion Altglienicke / 63 Zs.

Das „Stadion Altglienicke“ ist vermutlich einer der letzten Berliner Fußballplätze mit Ausbau, die ich bislang noch nicht besucht habe. Die Volkssportgemeinschaft aus Altglienicke ist über all die Jahre, in denen der Stadionbesuch von mir immer wieder aufgeschoben wurde, regelrecht durch das Ligasystem geflogen. 2004 startete man den Aufstiegsreigen in der Kreisliga B. Sechs Jahre später war man bereits in der Berlin-Liga angekommen. Die Oberliga wurde in der Saison 2012/13 erreicht und nur aufgrund eines Rückzugs aus wirtschaftlichen Gründen – nach zwei gespielten Saisons – wurde der Höhenflug vorerst gestoppt. Doch mit neuem Anlauf gelang der Wiederaufstieg in die Oberliga im Jahre 2016 und dieses Mal verweilte man nur eine Spielzeit in der fünften Liga, um als Staffelmeister direkt in die Regionalliga Nordost durchzumarschieren. Spätestens jetzt war das „Stadion Altglienicke“ mit seinem schmalen Kunstrasenfeld und der einen Tribüne mit knapp 360 Sitzschalen und einigen wenigen Betonstufen zu klein geworden. Dem Stadion wurde aus nachvollziehbaren Gründen die Regionalligatauglichkeit abgesprochen, die VSG zog in den „Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark“ um und ich hatte die letzte Chance versäumt, in diesem doch eher unattraktiven Stadion ein möglichst sinnvolles Spiel zu sehen.

Mittlerweile ist es März 2019 geworden. In der Bezirksliga (Staffel 2) mischt die Zweitvertretung der VSG Altglienicke seit einigen Jahren munter mit und schickt sich nun an, den Abstand zur ersten Mannschaft etwas zu verringern. So grüßt man aktuell von der Tabellenspitze, während der SC Borsigwalde 1910 auf Rang 5 liegt und noch Tuchfühlung zur Spitzengruppe hat. Also, wenn das nicht das Spiel ist, um endlich das „Stadion Altglienicke“ zu kreuzen, dann weiß ich es auch nicht…

Dennoch steht auch dieses Vorhaben zunächst unter keinem guten Stern. Mein Vater, mit dessen Teilnahme ich fest gerechnet hatte, muss bedauerlicherweise wegen einer Familienfeier absagen. Es ist unbestritten, dass wir uns eigentlich eine Familie teilen, nichtsdestotrotz habe ich keine Ahnung, wer da jetzt schon wieder Geburtstag hat. Vielleicht auch nur eine faule Ausrede meines alten Herren, der den Ground zu meiner Überraschung schon vor mehr oder minder exakt zwei Jahren im Paul-Rusch-Pokal gegen Lichterfelde „weggescheppert“ hat. Da wird ja noch jemand zum richtigen Hopper, wenn das so weiter geht!

Zusätzlich schmieden die Berliner Verkehrsbetriebe bzw. deren Mitarbeiter Pläne, die den Stadionbesuch alles andere als erleichtern würden. Die S-Bahn-Berlin wartet mit Schienenersatzverkehr in Richtung Altglienicke auf und Gerüchte gehen um, dass die BVG aufgrund eines Warnstreiks erst gar nicht fahren wird. Tja, da muss das „Stadion Altglienicke“ wohl noch einmal mehrere Jahre auf meinen Besuch warten.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Mein Vater informiert mich darüber, dass die Feierlichkeiten verlegt worden sind (neuer Termin nun sicherlich unter der Woche, 17.30 Uhr, an einem Ort, der möglichst weit von Berlin entfernt ist, so kenne ich das jedenfalls) und er nun doch Interesse an einem Besuch „seiner“ Borsigwalder hätte. Selbst aus den Reihen FUDUs wird urplötzlich Interesse an dem Ground verkündet und so meldet ein weiterer Fettijünger seine Teilnahme an. Die BVG-Mitarbeiter kommunizieren zeitgleich transparent, dass ihr Streik am 01.04. durchgeführt werden wird und um jedwede Missverständnisse vorzubeugen, betonen sie in der öffentlichen Verlautbarung mehr als deutlich, dass es sich bei dieser Ankündigung keineswegs um einen Aprilscherz handelt. Besser kann man Deutschland wohl auch nicht definieren – hier werden sogar Warnstreiks auf Termin gelegt, damit sich niemand zu sehr ärgern muss. Selbst im Arbeitskampf bitte immer angepasst und obrigkeitstreu bleiben. Danke!

Am Spieltag stehe ich in Köpenick vor einem verschlossenen „REWE“ und muss wohl oder übel auf mein Mettbrötchen-Frühstück verzichten, auf das ich mich so sehr gefreut hatte. Hätte ich vor Aufbruch in Richtung Altglienicke auf den Kalender geschaut, hätte ich eventuell festgestellt, dass heute Sonntag ist und unter Umständen eine schlauere Frühstücks-Taktik ausgetüftelt. So sitze ich zwar mit knurrendem Magen in Straßenbahn und Bus, versuche aber, die knapp 25 Minuten Fahrzeit richtig auszukosten und zu genießen. Morgen wird all das hier schließlich gar nicht möglich sein, weswegen die montägliche „BVG-Apokalypse“ auch das Gesprächsthema Nummer 1 in den Verkehrsmitteln darstellt. Herrlich, wie sich Rentner darüber aufregen können, einen Tag lang nicht auf die Alltagsroutine zurückgreifen zu können, doch beide mitgehörten Gespräche in Bus und Bahn enden wenigstens wohlwollend: „Aber is ja jut, dasse wenigstens vorher Bescheid sagen!“. Hat sich also „gelohnt“, den Streik anzukündigen – wieder ein paar Kunden besänftigt.

Für 3,50 € Eintritt darf man heute das „Stadion Altglienicke“, bzw. das Funktionsgebäude, betreten. Noch sind einige Meter durch das Vereinscasino zurückzulegen und auch den Kunstrasen-Nebenplatz muss man passieren, um letztlich die Tribüne zu erreichen. Dort treffen dann die geprügelten Hunde des Wochenendes aufeinander: Vadderns Hertha hat in Leipzig 5:0 auf die Gusche bekommen, Union ist zu Hause gegen Paderborn mit 1:3 unter die Räder gekommen. Da gerät man schon etwas in Sorge, dass auch der SC Borsigwalde heute ordentlich vor den Zahn bekommen könnte…

Im Hinspiel konnte die Zweitvertretung der Volkssportgemeinschaft drei Punkte von der Tietzstraße entführen. Beim überaus lebhaften 4:6 hatte sich Tormaschine Patrick Kroll bereits nach zehn Spielminuten zwei Mal in die Torschützenliste eingetragen. So liegt der Fokus heute auf dem ehemaligen Regionalligaspieler mit der Trikotnummer 11. Diesen Mann mit seinen bislang 59 (!) Saisontoren nach 21 Spielen an die Kette zu legen, das dürfte beinahe ein Ding der Unmöglichkeit werden.

Das Spiel beginnt. Zur Überraschung aller sucht der SC Borsigwalde sein Heil in der Offensive. Auffällig forsch geht man in die Partie und kann mit dieser überfallartigen Taktik die VSG doch einigermaßen überraschen. Nach 120 Spielsekunden stehen bereits drei Eckstöße für den SCB zu Buche und auch Schlussmann Meurer muss bereits in der frühesten Frühphase der Partie sein ganzes Können unter Beweis stellen. Es sind erst vier Minuten gespielt, als die furios aufspielenden Borsigwalder für einen Auftakt nach Maß sorgen. Auch begünstigt durch das Schiedsrichtgespann, das eine klare Abseitsposition übersieht, zieht „Momo“ Yildirim an allen Abwehrspielern vorbei und schiebt überlegt zum 0:1 ein.

Als Folgeerscheinung des Führungstreffers schwillt die Brust der Borsigwalder weiter an. Beinahe übermütig attackiert man weiterhin frühzeitig und spielt mit einer Selbstsicherheit, die einen kurz glauben lässt, dass heute alles klappen kann. Beinahe wird Sahin nach einer Viertelstunde eines Besseren belehrt, doch sein völlig deplatzierter Fallrückzieher vor dem eigenen Sechzehner, der in den Füßen von Mehls landet, wird letztlich nur mit einem Pfostenschuss bestraft. Drei Minuten später erobert Alexander Balke mit einem robusten Körpereinsatz im gegnerischen Strafraum das Spielgerät, fackelt nicht lange und nagelt den Ball aus halbrechter Position ins Netz. Während die Altglienicker ein Foulspiel gesehen haben wollen und vehement protestieren, feiern sich die Borsigwalder für diese sinnbildliche Szene zurecht selbst. Mutig, offensiv, giftig, gallig, entschlossen – so kann man dem großen Staffelfavoriten Paroli bieten!

Mein Vater und sein neuer Bekannter, den er im Bus kennengelernt hat und der die weite Reise aus Borsigwalde ebenfalls in Kauf genommen hat, sind sichtlich zufrieden und auch FUDU erfreut sich an dem überraschenden Spielverlauf. Nicht ganz so zufrieden ist man auf der Bank der VSG, auf der man einige deutliche Worte verliert, bereits jetzt erste Wechsel vorzubereiten scheint und die Ersatzspieler während der Aufwärmübungen ins Gebet nimmt.

Zunächst einmal ändert sich auf dem Spielfeld aber wenig am Gesamtbild. Altglienicke lässt den Ball zwar hübsch laufen und deutet mit schnellen Spielzügen und auf den Millimeter genau geschlagenen Diagonalbällen seine Klasse an, doch immer, wenn es Ernst wird, sind mindestens zwei-drei Borsigwalder zur Stelle und hauen dazwischen. Viel unangenehmer kann man für einen Gegner nicht sein, vor allen Dingen, wenn man auch weiterhin konstruktiv am Spiel teilnimmt und eigene Gelegenheiten kreiert. So hätte Dmytro Fomin nach 25 Minuten beinahe für den nächsten Schockmoment gesorgt, doch leider landet sein Kopfball nach Eckstoß am Querbalken.

Ein katastrophaler Fehlpass im Aufbauspiel der VSG bringt Trainer Bethke dann kurz darauf vollends zur Verzweiflung und noch während er seinen Verteidiger zusammenschreit, hat Yildirim die sich ergebene Chance mit einem etwas überheblichen Heber recht jämmerlich liegen lassen – und so etwas rächt sich ja meistens umgehend. Mit seinem dritten guten Versuch aus der Distanz kann Lukas Müller nach 28 gespielten Minuten auf 1:2 verkürzen. Müller, der aus der Jugend des FC Energie Cottbus stammt, ist dort und auch in der ersten Mannschaft der VSG bereits zu einigen Einsätzen in der Regionalliga gekommen. Nur, um hier noch einmal zu verdeutlichen, wie die Kräfteverhältnisse auf dem Platz eigentlich aussehen müssten. Dennoch gehört die letzte gute Möglichkeit wieder dem SCB, doch der agile Yildirim versucht sein Glück aus spitzem Winkel und übersieht dabei den einschussbereiten Zahlan im Rückraum völlig. So geht der Underdog mit einem klaren Chancenplus, aber „nur“ mit einer 2:1 Führung in die Kabinen.

In der Pause knurrt Fettis Saumagen erneut deutlich hörbar. Im Vereinscasino scheint es auf den ersten Blick eine passable Speisenauswahl zu geben, feilgeboten auf einer Schiefertafel, von oben nach unten immer unattraktiver werdend. Arbeiten wir uns also durch die Speisekarte:

Boulette?
Ham wa nich!
Knacker?
Is aus!
Eintopf?
Is heute nich jebracht worden!
Bocki?
Nur noch eene da, aber die is schon vorbestellt! Wiener Würstchen könnt ick Dir machen, aber Brot is alle.
Okay. Dann ein Bier, bitte.

 

Schiedsrichter Jan-Malte Meyer eröffnet den zweiten Abschnitt. Altglienicke hat tatsächlich gleich drei Mal gewechselt und neben dieser Geste muss es durch das Trainergespann auch noch einen verbalen Tritt in den Hintern gegeben haben. Altglienicke wird die zweite Hälfte jedenfalls nach allen Regeln der Kunst beherrschen und sich Borsigwalde regelrecht zurecht spielen. Nach 60 Minuten lässt die Kraft der Gäste etwas nach, doch noch immer wirft man sich voller Leidenschaft in jeden Zweikampf und Ball und kann so mehrere Großchancen in letzter Sekunde vereiteln. Mehrere kleinere taktische Fouls im Mittelfeld illustrieren, dass man dann und wann einen Schritt zu langsam geworden ist. Fomyn kommentiert seine gelbe Karte spöttisch: „Wat? Für dit Ding?“ und hätte sicherlich am liebsten noch ein „da habe ich in der ersten Halbzeit aber schlimmeres getan“ hinzugefügt. Das Publikum, hauptsächlich bestehend aus keifenden Frauen und Typen in Camp-David-Klamotten, die allesamt in etwa so laut wie ahnungslos sind, spielt sich nun unangenehm in den Vordergrund. Jeder Zweikampf wird lautstark kommentiert, jedes kleine Foulspiel zur groben Unsportlichkeit hochstilisiert und die Spieler des SCB zu Unrecht als „Tretertruppe“ gebrandmarkt.

Toptorjäger Kroll, der sich nach wie vor in doppelter Manndeckung befindet, kaum in Erscheinung getreten ist, keine Bewegungsfreiheit und ständig einen Gegner auf den Füßen stehen hat, lässt sich jedoch von all der Hektik nicht anstecken. Wirklich beeindruckend, wie souverän er toleriert, mit welchen Mitteln man ihn hier aus dem Spiel zu nehmen gedenkt und wie er sich über 90 Minuten ausnahmslos fußballerisch gegen diese zugegebenermaßen ekligen Mittel wehrt.

In der 66. Minute hebelt ein gefühlvoller Chipball die Abwehr der Borsigwalder aus. Juhle nimmt den Ball hervorragend an und mit, zieht nach innen und schließt eiskalt in die lange Ecke ab. 2:2 – und noch ein verdammt langer Weg für „Borsig“. Kapitän Kroll tritt nun endlich deutlicher in Erscheinung, doch sein mit nur einem Kontakt brillant weitergeleiteter Ball in die Sturmspitze kann sein Kollege nicht im Tor unterbringen. Noch gerade ebenso kann die Kugel von der Linie gegrätscht werden (74.). Zwei Minuten später kulminieren die aggressiv geführten Zweikämpfe im Mittelfeld und Altglienickes Lukas Bache knallen die Sicherungen durch. Mit der gelb-roten Karte ist der ebenfalls regionalligaerfahrene (30 Spiele für den BFC, 23 für Altglienicke) Spieler noch recht gut bedient, da manch ein Schiedsrichter dieses Einsteigen womöglich gar als Tätlichkeit gewertet hätte. Es wird der einzige Platzverweis der VSG im gesamten Saisonverlauf bleiben.

In personeller Überzahl schöpft Borsigwalde neuen Mut und kommt nach gut 25 Minuten, in denen man ausschließlich mit dem Rücken zur Wand gestanden hatte, endlich wieder zu Entlastungsangriffen. Büttner scheitert aus 16 Metern, einen Konter kann Balke zum Abschluss bringen. Das Spiel steht nun auf Messers Schneide, denn auch Altglienicke gibt sich mit dem Remis nicht zufrieden. In der 85. Minute ist es endlich soweit und Kroll gelingt es das erste Mal, sich im Strafraum seiner Bewacher zu entledigen. Sein Schuss aus Nahdistanz kann Keeper Rostom nur nach vorne abwehren und ein Altglienicker staubt per Kopf zum 3:2 ab. „Schieber, Beschiss, Blindmann, nie im Leben abseits“, wird die ‚Sektion Stadtrandmutti‘ kurz darauf durch das Stadion blöken, aber es ist nun einmal wie es ist und das Schiedsrichterkollektiv verweigert dem Treffer die Anerkennung. Es wird der letzte Aufreger der Partie bleiben. Dieses Spiel hat Kraft gekostet und wirklich alle Akteure auf dem Rasen sind deutlich am Limit. So schaukelt das ansehnliche Bezirksligaspiel seinem Ende entgegen und Borsigwalde freut sich über den unerwarteten Punktgewinn. Nunmehr ist Borsigwalde seit der 4:6 Hinspielniederlage im Oktober 2018 14 Partien ungeschlagen geblieben und wird um den Aufstieg sicherlich ein Wörtchen mitreden können.

Am Ende der Saison wird Patrick Kroll in 26 Spielen 74 Tore erzielt haben – nur in drei Saisonspielen ist er torlos geblieben. Große Berliner Medien werden nach Saisonschluss auf den Feuerwehrmann aufmerksam, der wegen seines Berufs freiwillig auf die Regionalliga verzichtet und widmen ihm Artikel (B.Z.) und Videointerviews (rbb, Link nicht mehr verfügbar). Der SC Borsigwalde 1910 wird die Saison auf dem vierten Rang beenden und in der Saison 2019/20 einen neuen Anlauf nehmen müssen, um in die Landesliga aufzusteigen.

Wir lassen den Ausflug im „Restaurant Croatia“ bei Pljeskavica und Bier ausklingen. Es ist mittlerweile 14.30 Uhr geworden – allerhöchste Eisenbahn für ein Frühstück. Fetti freut sich darüber, dass sein Plan mit dem Stadionbesuch aufgegangen ist. Es hätte wahrlich kein besseres Spiel geben können, um dem „Stadion Altglienicke“ endlich einen Besuch abzustatten. Doch gleichzeitig guckt etwas nervös auf die Uhr. Nur noch neuneinhalb Stunden, dann fährt hier kein Bus und keine Straßenbahn mehr. Aber is ja jut, dasse vorher Bescheid sagen! /hvg