184 184 FUDUTOURS International 31.10.20 21:27:28

03.05.2019 SG Barockstadt Fulda-Lehnerz – KSV Hessen Kassel 6:2 (3:0) / Stadion Johannisau / 1.300 Zs.

Am zweiten Mai 2019 hat die SG Eintracht Frankfurt im Hinspiel der Europa League dem Chelsea FC ein 1:1 abgeknöpft. In Berlin wurden zum Fußball Äppelwoi, Rindswurst und „Frankfurter Pilsener“ gereicht. Selten fühlte sich Fetti auf eine Reise derart gut vorbereitet, als er nur einen Tag später in Richtung Hessen aufbricht. Die Vorfreude auf diese Reise ist groß, seit im Gruppenforum FUDUs ein Wahlplakat von 2013 aufgetaucht war: „Chancen, Bildung, Beer“, lautete der verheißungsvolle Dreiklang, der Hessen in Fettis Wahrnehmung seitdem zu einer Art gelobtes Land hat werden lassen. Klar, dass da auch ein eigener Dreiklang komponiert werden musste: Einmal Fulda, Gießen und einen Auswärtssieg in Darmstadt, bitte.

Als ich am Freitagmorgen um 7.28 Uhr den ICE betrete, ist der Erholungsaspekt meines eingereichten Urlaubstages bereits ganzheitlich spürbar. Es ist zwar noch früh am Morgen, aber Fetti ist schon Fulda! Wer würde sich nicht darüber freuen, endlich einmal wieder mitten in der Nacht aufzustehen, um ein Oberligaspiel sehen zu können? Zwar wird der 31. Spieltag der „Hessenliga“ mit dem ewig jungen Klassiker zwischen Osthessen (Fulda) und Nordhessen (Kassel) heute erst um 18.30 Uhr im „Stadion Johannisau“ eröffnet, doch wer mag sich schon mit dem rumänischen Kassenwart anlegen, wenn dieser wieder einmal eine Direktverbindung für 21,75 € ausfindig gemacht hat? So kommt man also in den etwas zweifelhaften Genuss, die „wunderschöne Barockstadt Fulda“, wie der Zugbegleiter vollmundig verspricht, bereits um 10.48 Uhr erreicht zu haben.

Das „Altstadthotel Arte“ punktet zunächst einmal mit seiner Adresse, die die erste Steilvorlage für einen gelungenen Scherz liefert. Ich tippe also die Anschrift „Doll 2-4“ in mein Handy und schicke im Geiste Grüße nach Hannover, wo Thomas Jens-Uwe „Ist doch alles Blablabla“ Doll seit seines Amtsantritts in etwa 2-4 Punkte geholt haben dürfte. Hoffentlich kein schlechtes Omen für die spätere Hotelbewertung bei booking, denkt sich Fetti, als er kurz darauf um die Ecke biegt und erspäht, dass sich direkt gegenüber seiner Unterkunft das „Hohmanns Brauhaus“ befindet. „Gute Lage“, notiert Fetti und nickt wohlwollend. Die ersten fünf von zehn Punkten sind dem Hotel nicht mehr zu nehmen.

Es ist mittlerweile 11.09 Uhr geworden. 50% der Bestbewertung hat das „Arte“ also bereits wenig kunstvoll eingestrichen, doch die halbe Miete ist das bekanntlich ja noch lange nicht. Es folgt jedenfalls ein ordentlicher Schlag in den Schweinemagen, als Fetti verkündet wird, dass sein Zimmer leider erst um 15.00 Uhr bezugsfertig sein wird. Immerhin ist man hier jedoch so freundlich und kann den Rucksack zur Aufbewahrung entgegennehmen. 6/10!

Im Folgenden stürzt sich Fetti ins Getümmel des „kulturellen Zentrums Osthessens“ mit immerhin 68.635 Einwohnern. Geprägt ist das Stadtbild zunächst einmal von Plakaten, Wimpeln und Fähnchen, die auf ein Stadtjubiläum hinweisen. Erstmals wurde Fulda im Jahre 744 urkundlich erwähnt, da liegt es Anno 2019 natürlich auf der Hand, den 1275. Geburtstag der Stadt zu feiern. Der wohl unrundeste Geburtstag, der jemals auf diese Art und Weise präsentiert worden ist. Da wird man schon neugierig, in welcher Amtsstube so wenig zu tun war, dass irgendwer so lange gelangweilt auf einem Taschenrechner herumdrücken konnte (7353315!), bis das mit dem „Jubiläum“ zufällig ans Tageslicht gekommen war…

1275 Jahre nach Stadtgründung ist das „Tourismus- und Kongressmanagement Fulda“ am Bonifatiusplatz jedenfalls bestens auf Gäste eingestellt, die sicherlich eigens wegen dieser Feierlichkeiten anreisen werden. Einen Stadtplan und eine Übersicht über die Sehenswürdigkeiten kann man hier entgeltfrei aushändigen und auch die darauf folgende Werbeveranstaltung hält sich hinsichtlich ihrer Penetranz in Grenzen. Um 12.00 Uhr würde hier eine 60 minütige Stadtführung starten und für gerade einmal neun Euro könnte man dabei sein, wenn in gut 45 Minuten irgendein Schirmträger so eine Art Rentner-Tinder anleiten und einem vermutlich über jedes einzelne Fenster des Fuldaer Doms Legenden erzählen wird. Da ich bereits kurz nach Check-In ausführlich von dem etwas schrulligen Rezeptionisten des Altstadthotel Arte“ auf diesen „einzigartigen Stadtrundgang“ hingewiesen worden bin, höre ich eh nur noch halbherzig zu, bedanke mich dann artig, lehne aber dankend ab. Zum Abschied winke ich mit dem Gratisstadtplan, mit dem es mir unter Umständen gelingen wird, wirklich alle Hotspots der Weltstadt Fulda selbstständig zu finden.

Und siehe da, kaum hat man das Informationsgeschäft verlassen, schon tun sich in Sichtweite die beiden wichtigsten touristischen Anlaufstellen der Stadt auf. Vis-a-vis befindet sich das Fuldaer Stadtschloss mit Schlossgarten, dreht man sich einmal nach links, schon hat man freie Sicht auf den Dom St. Salvator und den Domplatz. Die beiden Prachtbauten nach Plänen von Johann Dientzenhofer bilden das Herzstück des sogenannten Barockviertels – und damit wäre im Grunde genommen auch schon alles gesehen. Joa. Wieder neun Euro gespart, würde ich sagen.

Eine knappe Stunde führe ich mich dann aber doch durch die Stadt, erkunde den wirklich schönen Schlossgarten samt Orangerie und „Floravase“ (heute stilvoll hinter Bauzäunen präsentiert) etwas genauer und treffe hierbei sogar auf freilebende Krokodile. Wie sich dieses kreative Performancekünstlerkollektiv wohl nennen mag? Vielleicht Ali and the Gators? Muss ich nachher im „Arte“ mal nachfragen…

Das Wetter ist prächtig und so versprühen im weiteren Verlauf des Stadtspaziergangs auch die Gassen der Altstadt in der Mittagssonne einen gewissen Charme. Sollte der erst heute Abend eintreffende Speckgürtel FUDUs (Zitat: „Ich habe die Buchung für Fulda etwas verkackt. Gestern waren da noch schön günstige Tickets und dann kam Besuch und ich habe meine Buchung nicht beendet. Es wird bei mir wohl darauf hinaus laufen, dass ich doch erst abends komme und die erste Halbzeit verpasse.“) morgen Interesse an einer Stadtführung haben, ich wäre bereit dafür. Für nur acht Euro zeige ich ihm in 55 Minuten Fulda in seiner ganzen Pracht – und der „Hexenturm“ ist da dann auch schon mit dabei!

Für mich ist es nun an der Zeit für mein traditionelles Auswärtsschnitzel. Zwei Stunden vor Check-In beziehe ich Quartier im „Hohmanns Brauhaus“ und schaue wehmütig auf mein Hotel gegenüber. Das Essen mundet, allerdings weiß ein regionaler Hit-Radiosender mit grenzdebilen Moderatoren aus dem Animateurseminar und einem Musikpotpourri aus der Hölle geschickt zu verhindern, dass man hier freiwillig noch eine zweite Runde bestellen mag. Auch, wenn mich das „Fuldaer Kellerbier“ durchaus interessiert hätte. So aber muss ich noch andernorts ein wenig Zeit überbrücken und das Motto: „Bring mal ’n Bier mit, Du wirst schon wieder hessisch!“ wird geboren. In der Kaufhalle bietet man dem geneigten Touristen mit Hang zu Alkoholismus regionale Spezialitäten feil: Neben zwei Flaschen „Hochstift Pils“ wandert auch ein Sechserträger „Fuldaer Stadtbräu“ selbiger Brauerei in den Jutebeutel. Da wird der Nachkömmling aber Augen machen, wenn er unser Hotelzimmer nach Abpfiff derart attraktiv dekoriert sehen wird.

Der Check-In mit den klimpernden Flaschen im Bierigel animiert den Rezeptionisten dazu, mir feierlich zu verkünden, dass das Frühstück morgen im Brauhaus gegenüber gereicht wird. Ich sag mal: 7/10! – und verschwinde zwecks Verköstigung des ersten der ersten beiden „Stadtbräus“ im Zimmer und verliere so wertvolle Zeit. Richtig Stress ist, wenn man im Urlaub seinen Mittagsschlaf auf TM legen muss.

Nach dem Nickerchen geht der zwanzigminütige Spaziergang zum „Stadion Johannisau“ leicht von der Hand. Nur kurz beschäftigt mich das Schicksal der „Rhöner Rosetteneule“, schon bin ich am vermeintlichen Ziel meines Fußwegs angekommen. Angesichts der vielen Kasseler Schlachtenbummler um mich herum, wähne ich mich allerdings zunächst am Gästeblock. Der Ordner meines Vertrauens entschuldigt sich, dass er heute zum ersten Mal eingesetzt wird und nicht weiß, wo er gerade steht und wo sich die anderen Eingänge des Stadions befinden. Für die Auseinanderhaltung von Heim- und Auswärtsfans ist er offenbar ebenfalls nicht ausgebildet und so umkreise ich in Folge die Spielstätte, die mitten im Grünen liegt und rund um Käsbach und Aueweiher nahezu phantastische Möglichkeiten für Drittortauseinandersetzungen bieten würde. Doch auf derartige Gewaltphantasien muss man sich hier gar nicht erst weiter einlassen – kurz darauf hat sich nämlich herausgestellt, dass sich Fuldaer und Kasseler Fußballfreunde heute einen Eingang teilen müssen und sich dann ohne Taschen- oder Leibesvisitation im Stadion, in dem es keine Blocktrennung im eigentlichen Sinne gibt, selbst in Gast- und Heimbereich einsortieren dürfen. „Derby“ mal anders!

Das Stadion hat sich bereits weit vor Anpfiff ordentlich gefüllt. Beim Erwärmen der Mannschaften spielen die gastfreundlichen Fuldaer erst die Hymne des KSV Hessen Kassel ein und setzen im Anschluss auf eine musikalische Bandbreite von „Bamboleo“ bis „Böhse Onkelz“. Ein Kassel-Fan mit Thorhammer-Kettenanhänger, der den Gästeblock in der Kurve noch nicht gefunden hat und unnötigerweise auf der Gegengerade herumlungert, singt begeistert mit – ich verrate aber nicht, bei welchem der beiden genannten Lieder. Abzüge in der B-Note erhält Fuldas Spielstätte wegen der überraschend modernen sanitären Anlagen und aufgrund des Umstandes, dass es kein Fassbier zu erwerben gibt. Das aus 0,33 Liter Flaschen abgefüllte „Stadtbräu“ schlägt mit stolzen 2,40 € zu Buche. Zusätzlich übertreibt es der Stadionsprecher in Folge mit der Anbiederei gegenüber der 350 mitgereisten Nordhessen, indem er die „großartige Vereinsgeschichte“ der Gäste hervorhebt und dann weitere Vereinslieder des KSV vorspielt. Was man eben so macht, wenn es über den eigenen Verein nichts zu senden gibt – aber dazu später mehr.

Hessen Kassel bietet laut Programmheft das kongeniale Innenverteidigerduo Tim-Philipp Brandner und Tim Philipp Brandner auf und wirft im Sturm Sympathieträger Mahir Sağlık nach abgesessener Sperre (gelb-rot im „Rekordspiel“ gegen den KSV Baunatal vor 15.488 Zuschauern –> Rekord verpasst) wieder ins Rennen. Bei den Gastgebern vermisst man Sturmlegende Christopher Bieber schmerzlich, der überraschend nicht im Kader steht. Und schon eröffnet Schiedsrichter Gahis Safi die Partie zwischen dem Tabellenfünften und den um zwei Rängen besser positionierten Gast aus Kassel, der mit aller Macht in die Regionalliga drängt.

Gerade einmal zwei Minuten sind gespielt, als ein Akteur des KSV mit einem Heber aus gut 30 Metern Fulda-Schlussmann Wolf um ein Haar überraschen kann. Die Schlagzahl des Spiels bleibt hoch. Wieder vergehen nur zwei Minuten bis zum nächsten Höhepunkt – eine Broschke-Flanke von der rechten Seite kann Fuldas Mittelstürmer Dominik Rummel per Kopf verwerten. Da im Stadion kaum jemand lautstark jubelt, folgt Rummels Tor eben auch ein Rummel vom Band. Unfassbar ohrenbetäubendes Geschrei (Tor! Tor! Tor!) dringt durch die Lautsprecher, ein älterer Herr wendet sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ab. So kann man Freude über Treffer der eigenen Mannschaft natürlich auch im Keim ersticken. Der zweite Hörsturz folgt lediglich sechs Minuten später, als Fulda seinen zweiten Angriff über drei Stationen eiskalt verwerten kann. 2:0 durch Strangl – Jabbadabbadoo!

Der nächste Angriff der Barockstadt ist wunderbar vorgetragen. Mit 5-6 Pässen ist man in den Strafraum des KSV eingedrungen und ich ertappe mich dabei, wie ich regelrecht darauf hoffe, dass der letztlich durch einen Doppelpass freigespielte Broschke aus Nahdistanz scheitern möge – aus bloßer Angst vor dem erneut einsetzenden Torjingle. Doch diesen Gefallen tut der zweite nominelle Stürmer der Hausherren mir und den anderen 1.299 Zuschauern nicht und so steht es bereits nach 20 Minuten völlig überraschend 3:0.

Der melodiöse Dauersingsang aus Kassel verklingt und im Stadion hört man nun die Vögel zwitschern. Ansonsten herrscht die sprichwörtliche Totenstille, während das eigentlich zu Euphorie anregende Spiel dem Halbzeitpfiff entgegen plätschert. Das hat man nun davon, wenn man es sich mit der aktiven Fanszene verscherzt – aber dazu später mehr.

In der Halbzeitpause gibt es auf dem Grill leider keine Wurst mehr, dafür steht das vorbereitete Bier in der Abendkühle herum und lädt Zechpreller geradezu dazu ein, 2,40 € zu sparen. Klar, dass sich Fetti, der gerade erst in einem Crashkurs seines rumänischen Kassenwarts gelernt hat, dass man das meiste Geld beim Bezahlen verplempert, sich da nicht zwei Mal bitten lässt. Kurz darauf kommt auch FUDUs zweiter Mann, der noch immer über keinen passablen Spitznamen verfügt, endlich mit einem Bus am Stadion an. Kurzzeitig stand die Überlegung im Raum, auf ein Taxi zurückzugreifen, da der gemeine Fuldaer keine Busverbindung in die Sportstätte benennen konnte. Wie auch immer, die Kosenamenfindung wird in jedem Fall vorerst vertagt, da sich Wortspiele mit dem Wiewort „dumm“ und unserem aktuellen Standort „Johanissau“ natürlich verbitten lassen.

Gemeinsam werfen wir dann endlich einen Blick in das weite Rund, um die Schönheit der Spielstätte angemessen würdigen zu können. Eine große Haupttribüne, eine unüberdachte Gegengerade, ein wenig Gebüsch zwischen den Blöcken, ausufernde Kurvenbereiche, wunderschöne Flutlichtmasten. Kurzum: Ein Stadion, das genau diesen Namen verdient und ein Ort, an dem ich mich immer sehr viel wohler fühle, als in einer dieser modernen Arenen, in denen es nicht mehr um Fußball geht, sondern nur noch darum, wer die tollste Lichtorgel vorzuweisen hat. Das „Stadion Johannisau“ existiert jedenfalls seit 1957, wurde dann und wann baulich verändert und fasste zu Hochzeiten an die 30.000 Zuschauer. 1963 strömten 26.000 Besucher zu genau der Partie des heutigen Tages, später wurde die Kapazität „aus Sicherheitsgründen“ nach und nach reduziert. Nunmehr fasst das Stadion noch 18.000 Zuschauer. Längerfristig soll es zur Erfüllung der aktuellen Auflagen der Regionalliga modernisiert und auf 10.000 Plätze zurückgebaut werden. Es ist davon auszugehen, dass spätestens dann von dem aktuellen Charme nicht mehr viel übrig bleiben dürfte.

Die geäußerten Sorgen des zu spät gekommenen, dass hier bei einem Spielstand von 3:0 zur Halbzeit nicht mehr viel passieren wird, sind alsbald obsolet. Es sind erst acht Minuten im zweiten Abschnitt gespielt, als Fuldas Dennis Müller irgendwo im Niemandsland des Mittelfelds völlig übermotiviert, überhart und einigermaßen sinnlos in Brian Schwechel rauscht. Der Brian schwächelt zwar nur kurz und kann dann glücklicherweise weiterspielen, doch die einzig logische Konsequenz für Müller lautet: glatt Rot!

Das sollte den Gästen, die gegen Ende der ersten Hälfte schon zu zwei Chancen auf den Anschlusstreffer gekommen waren, doch in die Karten spielen – doch weit gefehlt. Hessen Kassel agiert in Folge völlig kopflos, stürmt ohne taktisches Kalkül nach Vorne und löst viel zu früh die Defensive auf. In Unterzahl nimmt Strangl einen weiten Ball aus der eigenen Defensive bereits an der Mittellinie auf und hat nur noch einen einzigen Zweikampf zu führen, bevor er den Ball zum „umjubelten“ (Tor! Tor! Tor! Jabbadabbadoo!) 4:0 ins lange Eck legen kann. Und die Demütigung des KSV nimmt kein Ende – nur vier Minuten später verlieren die Nordhessen einen Ball im Mittelfeld, hinten fehlt es an jeglicher Absicherung und so rennt Broschke, der den Ball selbst erobert hatte, 50 Meter alleine auf den Keeper zu und schiebt überlegt zum 5:0 ein (62. Minute).

Eine rote Karte und zwei Tore in einer knappen Viertelstunde. Nicht schlecht, Dr. Specht! Als hätte sich das Nachkommen nicht ohnehin bereits völlig ausgezahlt, kann der Dramaturgie des Abends noch ein weiteres Schmankerl hinzugefügt werden. Nach 65 Minuten beziehen ein Dutzend Männer Stellung in der verwaisten Kurve zu unserer Linken und recken Spruchbänder empor. „Borussia grüßt den KSV!“, so die Aufschrift der zuerst gezeigten Tapete, beantwortet durch „In Fulda, in Fulda, nur Borussia!“-Rufe des Gästeblocks. Dies ruft wiederum den Stadionsprecher auf den Plan, der nun trotzig entgegnet: „Die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz begrüßt die ehemaligen Fans der Borussia!“. Weitere Tapeten folgen: „SG Barackenstadt. Keine Fans! Kein Erfolg! Keine Zukunft!“ und „Fulda ist Borussia“ steht auf diesen geschrieben. „Tradition, Kampf und Leidenschaft – sonntags bei Borussia“ wird zum Abschluss samt etwas Pyrotechnik präsentiert und lädt den geneigten Stadionbesucher zum nächsten Heimspiel der neugegründeten Borussia Fulda in die Kreisliga auf Kunstrasen, der regelmäßig von 300-400 verprellten Fuldaer Fußballfans gesäumt wird. Die Fusion im Jahr 2018 von Borussia Fulda und dem TSV Lehnerz 1965 mit einhergehender Aufgabe des Traditionslogos und des Vereinsnamens war mit absoluter Sicherheit eine ganz hervorragende Idee…

Die letzten Highlights des Abends werden wieder auf dem grünen Rasen verzeichnet. In der 75. Minute wird ein Abschluss von Sağlık noch gerade eben so von der Linie gekratzt, im Gegenzug bestraft Strangl die Auflösungserscheinungen in der Defensive des KSV mit dem 6:0. Erst durch den sechsten Treffer werden die Nordhessen etwas wachgerüttelt, schließlich könnte es am Ende der Saison im Duell mit Bayern Alzenau auch um die Tordifferenz gehen, um als Tabellenzweiter noch aufsteigen zu können. So werden trotz des aussichtslosen Spielstandes noch einmal neue Kräfte geweckt. In der 86. ist es erneut Sağlık, der scheitert, doch nach zwei Eckstößen kommt der KSV wenigstens noch zu zwei späten Toren (Sebastian Schmeer, 86. und 90. Minute), die dazu führen, dass man hier glimpflich mit einer -4 davonkommt.

Die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz qualifiziert sich im Anschluss mit spielerischer Leichtigkeit für die Rubrik Scheißverein, indem der Stadionsprecher nun lauthals den „Sieg der neuen Fußballtradition“ verkündet. Das Stadion leert sich, ein paar Kinder schwenken alte Borussia-Fahnen und der Inklusions-Heimblock, bestehend aus vier Menschen mit Tröten und einer Trommel, läuft noch einmal zu Hochform auf.

Uns zieht es zielstrebig in den „Hansa-Keller“, auf den ich im Rahmen meines Stadtspaziergangs aufmerksam geworden war. Wie der Name verspricht, wird hier feinste Balkanküche im Souterrain geboten und der Wirt ist so freundlich, uns gegen 22.00 Uhr noch einmal den Ćevapi-Grill anzuschmeißen und dazu „Hochstift“ aus dem Tonkrug zu reichen. Der Abend endet dann mit „Stadtbräu“ im Hotelzimmer und der erwarteten Freude des Nachkömmlings, der das Ambiente des „Arte“ so locker mit 7,5 von 10 bewerten kann.

Am nächsten Morgen begrüßt uns ein widerlicher Graupelschauer, der an unsere Fenster peitscht. Das Frühstück im Brauhaus gegenüber ist zwar durchaus attraktiv verortet, führt nun aber auch dazu, dass man eben über die Straße und durch den Schneeregen laufen muss. Klarer Abzug hinsichtlich des Komforts, zurück auf 7 von 10! Gut gestärkt kann ich im Anschluss die Schönheiten Fuldas bei eher mittelmäßiger Wetterlage auch in weniger als 55 Minuten präsentieren und schon steht die 78 Kilometer lange Weiterreise gen Westen in die Universitätsstadt auf dem Programm. Hoffentlich gibt es da auch Chancen, Bildung und Beer. Und hoffentlich wird’s nicht den ganzen Tag gießen. /hvg