979 979 FUDUTOURS International 25.02.20 12:41:08

17.09.2016 SV Wörgl – FC Hard 0:3 (0:0) / Sportzentrum Wörgl / 150 Zs.

Ich sehe es als meine Bürgerpflicht an, diesen Bericht mit einer Warnung beginnen zu lassen. Alle Menschen, denen ich auf meinen Reisen begegne, sollten nun Obacht geben. Bitte lasst äußerste Vorsicht walten, wenn ihr im Zuge unseres Kontakts sagt: „Ach, das wäre so schön, wenn Du mich irgendwann einmal besuchen würdest!“ Das Problem ist: Ich komme wirklich.

Gerade habe ich meinen Irlandkorb dekorativ im Regal verstaut, da wage ich auch bereits den nächsten Anlauf mit selbiger Dame. Kurz nachdem der 1.FC Union den Auftritt beim TSV 1860 München nahezu im Vorbeigehen siegreich gestaltet hat und kurz vor dem Beginn meines Urlaubs in Bella Italia passt ein Ausflug nach Österreich jedenfalls locker in den Tourneeplan. Gemeinsam mit dem Herrn Fackelmann, der ebenfalls freundschaftliche Kontakte nach Innsbruck pflegt, quäle ich mich am frühen Morgen aus den Münchener Gästebetten des Wirtschaftsflüchtlings. Am Busbahnhof an der Hackerbrücke brechen dann erste Jubelstürme aus, als unser grünes Gefährt überpünktlich in seiner Haltebucht zum Stehen kommt. Seit ich billige Buslinien für mich und meine Reisezwecke entdeckt habe, ist das Tempus „Buskamperfekt“ ohnehin zu meiner Lieblingszeitform avanciert.

Glücklicherweise haben wir heute lediglich zwei Stunden Fahrt vor der Brust. Schnell wird nämlich klar, dass man eine längere Wegstrecke vermutlich nur mit Atemmaske überleben würde, da die Chemietoilette an Bord für ein olfaktorisches Fiasko sorgt. Vielleicht hat sich der etwas mürrische Fahrer aus einer ehemaligen Sowjetrepublik auch schlicht und ergreifend einen Duftbaum der Sorte „Neuköllner U-Bahnhof“ an den Spiegel gehangen. Man weiß es nicht, es stinkt jedenfalls wie die Hölle.

Während die Gastgeber Fackelmanns bereits fröhlich zur Abholung bereitstehen, wird unsereins noch ein wenig im Regen stehen gelassen. Zwei-Drei Nachrichten später ist klargestellt, dass es auf der 29,3 Kilometer langen Strecke von Schwaz nach Innsbruck aktuell einen 37 Kilometer langen Stau geben muss. Gar kein Problem, da der gegenüberliegende Gemüsehändler auch über einen kleinen Kühlschrank mit Notfall-Stiegl verfügt und so positive Effekte hinsichtlich der Wartezeitverkürzung, Regeneration der Nasenscheidewände an der frischen Luft und Steigerung der Vorfreude erzielt werden können.

Recht bald befinde auch ich mich dann in Begleitung. Gemeinsam mit meiner Lieblingskroatin, die ich das letzte Mal in Bergamo vor der Weiterreise nach Malta gesehen hatte (schöne Geschichte!), sitze ich nur unwesentlich später im „Soulkitchen“ und genieße einen großartigen Burger und ein Pils der Privatbrauerei Raschhofer. Beides besonders lecker – und irgendwie ist es ja auch besonders logisch, dass Dinge besser schmecken, wenn man sie manuell aus Zutaten anfertigt, die vor der eigenen Haustür wachsen. Wenn doch bloß all diese Verfechter von regionaler Bio-Küche und handgebrautem Bier nicht so dermaßen anstrengend wären…

Leider werden wir von dem Kellner auf der ansonsten menschenleeren Terrasse ziemlich allein gelassen, der auf diesem Wege zu verhindern weiß, dass es zu Nachbestellungen kommen kann. Die Kommunikation mit dem Service fiel mir allerdings auch in dessen Anwesenheit schwer, doch wer will es mir verübeln, wenn man sich in einem Landstrich befindet, in dem beispielsweise folgendes gesagt wird: „Geschtan bin i fischling iban Bichl oikuglt“. Alles klar, selber Oachkatzlschwoaf!

Mein Gegenüber ist dankenswerterweise in der Lage, astreines Hochdeutsch zu sprechen, sodass es eigentlich zu keinerlei Verständigungsproblemen kommen müsste. „Wir könnten in die Swarovski-Kristallwelten nach Wattens fahren, da war ich noch nie, kostet aber leider knapp 20 € Eintritt!“, schlägt sie vor. „Oder wir fahren zum Fußball, in der Regionalliga spielt heute Wörgl gegen Hard!“, ergänzt sie. Alarm, Alarm, Alarm, schreit mein verkümmertes Singlegehirn. Es könnte sich um eine Falle handeln. Noch bevor ich so diplomatisch wie möglich antworten (und trotzdem in selbige tappen) kann, setzt sie jedoch fort: „…also ich finde 20 € eigentlich zu viel und würde lieber zum Fußball gehen!“. Okay. Es scheint wirklich keinerlei Verständigungsprobleme zu geben.

Das Sportzentrum Wörgl verfügt über eine Haupttribüne und gewährt ansonsten freien unbebauten Blick auf ein wunderbares Bergpanorama. Zugelassen ist die Sportstätte für 3500 Zuschauer und in etwa so viele freie Parkplätze befinden sich in unmittelbarer Nähe auf einem großen Schotterplatz, auf dem der Parkplatzeinweiser doch ein etwas skurriles Bild abgibt. Überpünktlich erreichen wir das Kassenhäuschen, zahlen 8 beziehungsweise 5 (Ermäßigungsberechtigung: biologisches Geschlecht) Taler Eintritt und erhalten ein Faltblatt, auf dem immerhin die aktuelle Tabelle der Regionalliga West und die Aufstellungen beider Clubs festgehalten sind. Die Aufstellung der Gastgeber liest sich dann sogleich wie eine Balkanauswahl. Besonders schön ist, dass sich Trainer Denis Husic heute dazu durchringen konnte, die Innenverteidiger Haris Husic und Adis Husic aufzustellen. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

In einem Bierzelt in der Kurve des Stadions decke ich uns noch schnell mit Flüssignahrung ein. Das Spiel beginnt und bei Dauerregen und arktischen Temperaturen sind wir froh, auf der Tribüne Ost ein Dach über dem Kopf zu haben. In unmittelbarer Nähe lässt sich ein freundlicher Herr in Crvena Zvezda Trikot nieder und gibt seine neunzigminütige Auftaktveranstaltung im Rahmen der Seminarreihe „serbisch fluchen“ zum Besten. Die Gäste aus Hard imponieren durch ihre „Fohrenburger“-Werbung auf den Trikots. Die Brauerei, die FUDU schon auf diversen Reisen quer durch Österreich aufgrund ihrer sexistischen Werbeplakate für sich begeistern konnte. In ewiger Erinnerung bleibt jenes mit der heißen Blondine, die stilvoll mit einer Pulle in der Hand auf einem Einhorn reitet und mit der freien Hand eben selbiges lasziv umschließt. Ach, jetzt hab ich Lust auf Bier.

Fußball wird 30 Minuten lang auch recht anständig gespielt, doch bei zusehends schlechter werdenden Platzverhältnissen sinkt das technisch-taktische Niveau stetig. Dafür wird die eine oder andere sehenswerte Grätsche auf dem tiefen Geläuf gesetzt und die Akteure beider Mannschaften rutschen recht ansehnlich ineinander hinein.

In der Halbzeitpause starte ich in das Unterfangen, für mich und meine ebenfalls unterkühlte Begleitung etwas erwärmendes zu erhalten. Da die Kaffeemaschine leider ihren Geist aufgegeben hat, stelle ich mit der älteren Dame am Ausschank meinen absoluten Lieblingsdialog der Simpsons nach und erhalte am Ende des Gesprächs zwei frische Pils.

Jeder erhält in Folge obendrein einen Handschuh, damit wenigstens die Trinkerhände nicht weiter auskühlen und schon startet der zweite Abschnitt des Spiels. Die „Wöagla Kicka“ schauen etwas verdutzt aus der Wäsche, als es nach knapp einer Stunde plötzlich 0:2 steht. Die Herren Böhler und Koch haben mit jeweils ihrem ersten Saisontreffer den um zwei Tabellenplätze schlechter postierten FC Hard in Führung gebracht (5. gegen 7. in einer 16’er Liga). Ist es denn zu fassen?

In der 77. Minute wörglt Metin Batir einen direkten Freistoß am Schlussmann des SVW vorbei und sorgt für die Entscheidung. Die Köpfe der Balkanauswahl hängen, der Serbe flucht. It’s a Hard knock Life!

Nach dem Spiel werde ich noch in den Genuss eines Kneipenabends und einer Karaoke-Party im beschaulichen Schwaz kommen. Der Smalltalk mit all den sicherlich netten Freunden und Freundinnen meiner Begleitung geht wesentlich weniger leicht von der Hand als in Dublin, was auch hier in erster Linie dem tirolerisch geschuldet ist. Warum nicht auch einfach auf Englisch reden, wenn man das „Deutsch“ des Konversationspartners nicht versteht?

In den folgenden Tagen tausche ich dann Trinkerhandschuh gegen Badehose und lasse den Sommer am Lago Di Garda ausklingen. Abschließend gilt es nun nur noch die Frage zu stellen: Wen darf ich als nächstes besuchen kommen? Aber Vorsicht, wahrscheinlich komme ich wirklich! /hvg

03.09.2016 Bohemian FC – Dundalk FC 1:2 (0:1) / Dalymount Park / 2.169 Zs.

Meteorologischer Herbstanfang in Deutschland, aber noch Sommerferien in Berlin. Fetti ist vollends verwirrt, sortiert sich aber umgehend: Donnerstag um 15.00 Uhr Feierabend, freier Ferienfreitag, spielfreies DFL-Wochenende. Kann es eine bessere Ausgangsposition für ein verlängertes Wochenende irgendwo in Europa geben?

Nach unzähligen Flügen mit der heißgeliebten Billigfluglinie mit der Harfe im Logo ist es dieses Mal an der Zeit, Dankeschön zu sagen und so fällt die Wahl des Ziels der Wochenendreise auf Dublin. Die Hotelpreise bewegen sich in astronomischen Höhen. Für 84 schlanke Euro pro Nacht ist das „Binary Hub“ schnell für vier Mal schlafen gebucht. Was tut man nicht alles, um eine Frau zu beeindrucken? Ironie des Schicksals, dass diese nach der Buchung von Flügen und Hotel bedauerlicherweise wieder absagt. Fetti reagiert umgehend, holt den Wirtschaftsflüchtling ins Doppelbett Boot, storniert eine Nacht (unter diesen Umständen tut es als Übernachtungsoption vor der Abreise am frühen Morgen auch der Flughafen) und bringt so den rumänischen Kassenwart zum Jubilieren.

Am Donnerstagabend lande ich in Dublin. Der Flughafenbus lässt bei leichtem Nieselregen nicht lange auf sich warten und auch die Station „Ushers Quay“ am Flüsschen Liffey ist schnell erreicht. Auf dem Weg zum Hotel decke ich mich in einem Spätverkauf, in dem der Verkäufer hinter einer dicken Glasscheibe sitzt und mit dem man nur durch drei kleine Löcher kommunizieren kann, mit Kaltgetränken ein und mustere bereits jetzt etwas argwöhnisch die Umgebung. Alles wirkt gelinde gesagt heruntergekommen, das Klientel auf den Straßen erinnert an das des Frankfurter Bahnhofsviertels. Alle Menschen, die ich nach dem Weg frage, können mir bei meiner Suche nach der Unterkunft zwar nicht behilflich sein, rauben mich aber dankenswerterweise wenigstens auch nicht aus. Keine Hilfe, kein Ärger. Fairer Deal.

Irgendwann habe ich die Herberge dann auch ohne technische Unterstützung und menschliche Hilfestellung gefunden. Am Check-In-Terminal empfangen mich zwei Spanierinnen, die kaum Englisch sprechen und ein Rastahippie, der einen auf Kumpel macht und längst verdrängte Erinnerungen an mein Sozialpädagogikstudium in mir hochkommen lässt. Während ich mit diversen Flashbacks zu kämpfen und Traumatisierungserfahrungen zu verarbeiten habe, dreht mir der Rastamann auf die Schnelle ein Handtuch und einen Traveladapter an. Gekauft. Hauptsache, ich kann dieser furchtbar unangenehmen Situation entfliehen und mich schnellstmöglich in mein Zimmer verkrümeln.

Dort angekommen bin ich innerhalb von nur 30 Sekunden froh darüber, dass mir vor wenigen Wochen eine Absage der jungen Dame ins Haus geflattert ist. Was tut man nicht alles, um eine Frau zu beeindrucken??? Mit diesem Zimmer im Stile des Studentenwohnheims Cottbus wäre es jedenfalls nicht gelungen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bereits jetzt eine vernichtende Bewertung bei booking.com schreiben: Kein Fernseher. Ein Doppelbett für Kleinwüchsige. Kein Mülleimer. Wi-Fi funktioniert auch nicht. Preis-Leistungs-Verhältnis? Die letzte Nacht, mein liebes Kind, war nicht einmal befriedigend! Ich öffne mein Spätibier und stoße mit mir selbst auf die Republik Irland an – kann man 100 Jahre nach dem Osteraufstand so machen.

Am nächsten Morgen vervollständigt der Wirtschaftsflüchtling die Zwei-Mann-Reisegruppe. Gemeinsam bahnen wir uns unseren Weg durch die Warteschlange vor der Methadonausgabestelle neben unserem Hotel und steuern die Innenstadt zwecks Sightseeing an. Schnell wird klar, dass Dublin auch dort nicht unbedingt an jeder Ecke zum Verweilen einlädt. Um wenigstens halbwegs realistisch urteilen zu können, klappern wir nach einem Fish&Chips-Imbiss in einer Bude, die bereits unzählige Prominente zu ihren Gästen zählen durfte (Alan Shearer!) und in der freundliche Einheimische unseren Müll für uns beseitigen, einige Sehenswürdigkeiten ab. Saint Patrick’s Cathedral, Dublin Castle, Trinity College, The Spire und der Merrion Square Park, in dem letztlich auch nur die Statue Oscar Wildes samt seines legendären und nachvollziehbaren Ausspruchs: „I drink to keep body and soul apart!“ überzeugen kann.

Zu allem Überfluss ist Dublin und sein Pubviertel Temple Bar an diesem Wochenende von unzähligen Amerikanern hoffnungslos überlaufen, da die beiden wohl besten College-Footballteams aus Boston und Georgia ein Spiel in der irischen Hauptstadt austragen werden. Überall nerven dicke Frauen mit breitem Kaugummiakzent und schirmbemützte kulturlose Cargohosenträger, die sich mit 1/8 irischer Herkunft rühmen. Viele von ihnen stehen an eigens errichteten Merchandisingständen Schlange. Darf es ein Schal der Georgia Tech sein? Oder doch lieber des Boston College? Wir entscheiden uns angesichts dieser Optionen für die Methadonschlange und dann dafür, das touristische Zentrum der Stadt schleunigst zu verlassen.

Schnell sind wir in einem urigen Pub am Stadtrand eingekehrt und es dauert auch nicht lange, bis wir uns im Gespräch mit dem Barkeeper und einem zahnlosen walisischen Senior befinden. Letzterer berichtet von einem sehr guten Freund, von dem er nicht wüsste, ob dieser noch am Leben sei. Im Fernsehen läuft eine etwas sonderbare Sportart, bei welcher die Akteure wahlweise mit dem Fuß oder mittels eines Schlägers einen kleinen Ball durch die Gegend peitschen und sich sowohl freuen, wenn dieser über eine Querstange fliegt oder in einem von einem Torhüter bewachten Gehäuse einschlägt. Hurling nennt sich der ganze Spaß und morgen wird in Dublin das große Finale um die irische Meisterschaft stattfinden. Über 80.000 Zuschauer werden erwartet, wenn sich die Amateursportler aus Tipperary und Kilkenny um den Pokal duellieren werden. Rechnet man hier noch eben die Besucher des Collegefootballspektakels hinzu, befinden sich aktuell also 120.000 Gäste in der Stadt und plötzlich wird klar, warum selbst das Studentenwohnheim Cottbus an diesem Wochenende derart astronomische Zimmerpreise aufrufen kann. Tja, Timing ist offenbar Fettis Sache nicht…

Der Pub füllt sich und wir lernen unzählige freundliche Einheimische kennen. Schnell haben wir uns einer Clique angeschlossen und ich bin einigermaßen stolz darauf, dass mein Englisch ausreicht, um gepflegt Smalltalk halten zu können. Während der Wirtschaftsflüchtling draußen eine rauchen ist, erzählt mir Ronan zunächst von seinen positiven Erfahrungen als Straßenmusiker auf der Oberbaumbrücke, ehe wir letztlich über den Rechtsruck in meiner „Heimat“ philosophieren, um sein deutlich verzerrtes Deutschlandbild einigermaßen gerade zu rücken. Am Ende des bierseligen Abends wird mich Ronan mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange verabschieden. Noch während wir die Kneipe verlassen, kann sich der Wirtschaftsflüchtling das Lachen nicht mehr verkneifen, hatte er doch bereits vor Stunden beim Rauchen erfahren, dass Ronan homosexuell und an mir interessiert ist und mich sehenden Auges in den längsten schwulen Flirt meines Lebens geschickt. Nett war’s – und wegen der Rigaromanze von neulich sind wir dann wohl quitt.

Als wir am Tag des Spieltages der Website des Bohemian FC einen Besuch abstatten, dauert es nicht lange, bis unsere Vorfreude ins Unermessliche gestiegen ist. Die Vorberichtserstattung für das heutige Spiel besteht ausschließlich darin, auf die Öffnungszeiten des Stadionpubs hinzuweisen. So zieht es Fetti schon weit vor Anpfiff in Richtung Dalymount Park, dessen Flutlichtmasten majestätisch aus dem typisch britischen Wohnumfeld herausragen. Wir werfen einen ersten Blick in die historische Spielstätte, die sich vollkommen zurecht mit der Losung „Home of Irish Football“ ziert. Der 1890 gegründete Bohemian FC (oder einfach gälisch: „An Cumann Peile Bóithéimeach“) spielt in diesem altehrwürdigen Stadion seit 1901 Fußball, welches heute mit schiefen Stehtraversen samt Wildwuchs, verrosteten Wellenbrechern und einer offenbar nicht mehr gänzlich erhaltenen Gegengeraden Geschichten aus längst vergangenen Fußballepochen erzählt. Rund um das Stadion befinden sich mehrere politisch einwandfreie Grafitti und so bereitet es große Freude, durch die schmalen Gassen zu stromern, die in einem anderen Kontext auch etwas befremdlich erscheinen könnten. Der Stadionpub kann mit diversen nostalgischen Stadionfotos, alten Wimpeln, einer Ruhmeswand mit all den Erfolgen des Vereins (immerhin 11x irischer Meister, zuletzt allerdings 2009) und einem hochgradig sympathischen Publikum überzeugen und rechtfertigt das frühe Erscheinen.

Kurz vor Anpfiff deckt sich der Wirtschaftsflüchtling noch schnell mit einem Trikot der Hausherren ein, wobei es sich Ausrüster hummel nicht nehmen lässt, das Rezept einer dänischen Gebäckspezialität mit an das Shirt zu heften. Und dann kann er auch schon beginnen, der neunzigminütige Fußballporno zwischen dem Club, der als einziger Irlands zum 100% den Mitgliedern des Vereins gehört und dem neureichen Dundalk FC, der zuletzt zwei Mal in Folge Meister werden und in der Europa-League für Aufsehen sorgen konnte.

Die Schweigeminute vor der Partie nutzen die zahlreich mitgereisten Anhänger aus Dundalk dazu, etwas Rauch und einige Bengalos zu zünden. Der Rest des Stadions reagiert akustisch diszipliniert, sodass man neben den pyrotypischen Geräuschen nur das Husten und Röcheln einiger Gäste vernehmen kann, denen die Windverhältnisse übel mitspielen.

In den ersten zehn Minuten lässt der Underdog die Muskeln spielen und macht deutlich, dass er das Spiel gegen den aktuellen Tabellenführer nicht herschenken wird. Dieser ist allerdings dermaßen dominant, dass spätestens nach einer Viertelstunde die Mittellinie oftmals gleichermaßen auch die Ziellinie für die Angriffsbemühungen der Bohemians darstellt. Nach 20 Minuten trifft Dundalk den Pfosten, nach 24 per schöner Direktabnahme nach einer Ecke zum 1:0 ins Tor. Zwei weitere Großchancen vereitelt der tapfere Schlussmann des BFC, der einzig und allein mit diesem Vereinskürzel auf den Sitzschalen der Haupttribüne Minuspunkte in der Bewertung einfährt. Das hier könnte sportlich übel enden, denkt sich wohl auch ein Senior mit Hinkefuß, der sich in der Halbzeitpause vor der Tribüne postiert, einklatscht und plötzlich die Menge auch in der Pause zum Singen animiert.

Beflügelt von diesem Ritus starten die Fans in den zweiten Spielabschnitt und pushen ihre hoffnungslos überforderten Helden, denen es nun immerhin gelingt, das Spiel einigermaßen in der neutralen Zone des Spielfeldes zu halten. Der Skeptiker in uns stellt zwar leise die Frage, wie hier und heute ein Ausgleich gelingen sollte, aber erst einmal lassen wir uns von der tollen Atmosphäre mitreißen und beginnen immer leidenschaftlicher mit dem Außenseiter mitzufiebern.

Nach 65 Minuten erzielen die Spieler des Serienmeister aus Dundalk das 2:0 auf eine besonders perfide unbritische Art und Weise, indem sie einen Schiedsrichterball nicht zu den Hausherren zurückspielen, sondern diesen direkt in einen Angriff ummünzen, den Mountney veredeln kann. In Folge geschehen einige Dinge, die uns immer heftiger mit dem Bohemian FC flirten lassen. Zunächst hinkt der alte Mann wieder bis zur Mittellinie, auf deren Höhe er ein lautstarkes Kommando abgibt, woraufhin sich urplötzlich das ganze Stadion erhebt und auf die Melodie zu Spandau Ballet’s „Gold“ ein markerschütterndes ALWAYS BELIEVE IN BOHS! erklingen lässt. Gänsehaut. Die Beleidigungen und Pöbeleien gegenüber der Gäste, die erst nach der unsportlichen Aktion im Zuge des 0:2 begonnen hatten, erreichen nun ungeahnte Höhen. Selbst kleine Kinder rennen nun wie von der Tarantel gestochen über die Tribüne und lassen es sich nicht nehmen, den einwerfenden Akteuren des Dundalk FC die Meinung zu geigen. Nach 67 Minuten erzielt die Nummer 10 der Hauptstädter, Kurtis Byrne, nach einem Eckstoß einen Treffer der Marke Tor des Monats. Das Stadion kocht und der Torschütze holt sich auf der Tribüne einen Kuss seiner hübschen Freundin ab, NACHDEM er einige Fans beim Torjubel umarmt hat. Spätestens jetzt ist es Liebe und der Wirtschaftsflüchtling und ich gehen bei jedem Angriff des BFC aus dem Sattel. Mehr Leben kann in keinem Fußballspiel stecken. Wahrlich, das Spiel scheint zu kippen und plötzlich erscheint ein Remis erreichbar zu sein. Leider kann Byrne seine gute Leistung nicht krönen – der Doppelpack bleibt ihm aufgrund einer starken Parade des Gästekeepers verwehrt.

Und so muss das Publikum am Ende des Abends noch einmal unter Beweis stellen, dass es aus besonderem Holz geschnitzt ist, indem es seine Lieblinge trotz einer 1:2 Niederlage mit stehenden Ovationen und wunderbaren Gesängen verabschiedet und sich für einen aufopferungsvollen Kampf bedankt.

Den Urlaub lassen wir einen Tag später an der Küste ausklingen. Ronan hatte mir eindringlich ans Herz gelegt, mit der Irish Rail nach Dún Laoghaire (sprich: Dunliery) zu fahren. Womöglich wäre er gerne selbst mit von der Partie gewesen, als der Wirtschaftsflüchtling und ich im ersten „Wetherspoon“ des Wochenendes einkehren und nur kurz darauf eine Helikopterübung der irischen Küstenwache bestaunen dürfen. Nebenan lassen es sich ein paar Unerschrockene nicht nehmen, in der „Dublin Bay“ ein sicherlich eiskaltes Bad zu nehmen. Auf einer Mauer an der Badestelle sitzen fünf Jungs mit der selben Haarfarbe wie die Hühner auf der Stange und laden zum fröhlichen Rothaarigenschubsen ein, doch FUDU kann der Verlockung gerade noch einmal widerstehen.

Kurz darauf kehren wir in einem Pub ein, um das Hurlingfinale live miterleben zu können. Wir fühlen uns wie Einheimische, saugen Atmosphäre auf und freuen uns am Ende mit Tipperary, die Kilkenny mit 2-29 zu 2-20 (tja…) in die Schranken verweisen können. Mit der Aer Lingus („Official Airline of the Irish Rugby Team“) geht es nach einer erholsamen Nacht am Flughafen Dublin dann stilecht zurück in Richtung Arbeitsstelle.

Und wenn man mit so einem Urlaub schon keine Frau beeindrucken kann, dann vielleicht wenigstens einen Ronan. /hvg

13.08.2016 Kauno FBK – FK Dainava Alytus 0:5 (0:1) / Nacionalinės futbolo akademijos stadionas / 61 Zs.

3/3.

Die gestrige Nacht stand abermals ganz im Zeichen des Basketballs. Gemeinsam mit hocheuphorisierten Litauern fieberte ins Besondere der Wirtschaftsflüchtling mit den Helden seines neuen Lieblingssports mit. Bitter, dass die Medaillenhoffnungen der sympathischen Einheimischen durch die Spanier jäh begraben wurden. Mit 109:59 deklassierten die Iberer die grün-gelb-roten und hinterließen viele lange Gesichter in der Kneipe. Mir persönlich wird in erster Linie der tolle Augenblick in Erinnerung bleiben, in dem die beiden Bardamen aufgrund akuter Beschäftigungslosigkeit während des Spiels und angesichts hunderter auf die Bildschirme starrender Männer den Moment für günstig hielten, hinter dem Tresen die textilen Oberteile zu lüften und von (beinahe) allen unbemerkt kurzzeitig in Unterwäsche auf Bestellungen zu warten.

Heute wird uns die letzte Etappe unserer Litauen-Reise nach Kaunas führen. In einer knappen Stunde hat uns die abermals enttäuschend moderne litauische Eisenbahn in die zweitgrößte Stadt des Landes befördert. Während der Bahnhof einladend wirkt, sind die ersten in der Stadt gesammelten Eindrücke etwas befremdlich. Heruntergekommene Häuserzeilen, aufgerissene Straßen und eine komplett im Umbau befindliche Fußgängerzone im Schatten der Garnisonskirche lassen die Erwartungen schnell sinken.

Im Herzen der Altstadt angekommen werden die Bilder jedoch wieder freundlicher. Wir schlendern durch die wirklich schöne Vilniaus gatvė und kehren bei Sonnenschein und recht angenehmen 17 Grad in einem Straßencafé ein. Von hier aus genießen wir beste Sicht auf all die vorbeiflanierenden Menschen. Besonderen Reiz erhält dieser Zeitvertreib dadurch, dass bei lediglich zwei Bierlängen gleich drei Hochzeitsgesellschaften (und somit auch drei osteuropäisch herausgeputzte Bräute) samt Fotografen durch die Altstadtgasse ziehen. Das schwanenförmige Rathaus der Stadt scheint seinen Spitznamen „Hochzeitspalast“ also nicht gänzlich zu Unrecht zu tragen.

Direkt im Anschluss machen wir uns recht zeitig (aber nicht rechtzeitig) auf den Weg zum litauischen Nationalstadion „S. Dariaus ir S. Girėno“, welches über 8.248 Plätze verfügt und durch seine einzeln stehenden Tribünen optisch überzeugen kann. Heute soll hier die Zweitligapartie zwischen dem Kauno FBK und dem FK Dainava Alytus steigen. Die Heimmannschaft schaut auf eine bewegte Vita mit acht litauischen Meistertiteln und vier Pokalsiegen zurück. In der Europacuphistorie des Clubs stehen Schlachten gegen illustre Namen wie Sampdoria Genua, Celtic Glasgow oder Liverpool FC (oder bei anderer Prioritätensetzung: Randers FC, Aalborg BK, Djurgårdens IF) zu Buche. Im Jahre 2008 zog man sich dann nach Meinungsverschiedenheiten mit dem litauischen Fußballverband freiwillig aus der Beletage in die zweite Liga zurück, um nur kurz darauf in die dritte Spielklasse zwangsversetzt zu werden. Herzlich Willkommen in den Irrungen und Wirrungen des litauischen Fußballs!

Knapp 20 Minuten vor Anpfiff erspähen wir die attraktiven Flutlichtmasten des Stadions. Auch wenn der gastgebende Verein mittlerweile auf den vorletzten Rang der Tabelle abgestürzt ist und eine verheerende Tordifferenz von -104 aufweist, erscheint uns die Ruhe im weitläufigen Areal rund um die Spielstätte gespenstig. Direkt vor dem Stadion – keine Menschenseele! Und als wir dann auch noch auf verschlossene Kassenhäuschen stoßen, ist auch dem letzten dummen Schwein der Reisegruppe klargeworden, dass hier und heute kein Spiel stattfinden wird.

Eine kurze Smartphoneanalyse ergibt, dass das Spiel auf den Kunstrasenplatz der nationalen Fußballakademie verlegt worden ist. 15 Minuten nach Anpfiff haben wir auch diesen erreicht und nehmen, ohne Eintritt zahlen zu müssen und Getränke käuflich erwerben zu können, beim Stand von 0:1 Platz auf der mit 500 Sitzschalen ausgebauten Längsseite.

Ich bin kurz irritiert, als uns andere deutschsprachige Hopper mit dem Ausspruch: „Ah, die Sektion Sozialpädagogik ist auch vor Ort!“ begrüßen, von uns aber keine Reaktion darauf erhalten. Nun gut, Klischees existieren scheinbar doch nur, weil sie zu oft zutreffen.

Nach kurzer Analyse ist klar: Das Spiel auf dem artifiziellen Geläuf könnte in dieser Qualität und Erscheinungsform auch in irgendeiner unterklassigen Berliner Liga auf einem Hinterhofkunstrasenplatz ausgetragen werden. Die Gäste spielen in unterschiedlichen Trikots mit unterschiedlichen Sponsorenaufdrucken. Die Tochter des Spielers mit der Nummer 25 steht in erster Reihe und feuert ihren Papa an, der es sich nicht nehmen lässt, ihr während des Spiels dann und wann zuzuwinken. Bei der Heimmannschaft kann kaum ein Spieler einen Pass an die eigenen Mitspieler bringen. Besonders hervor tut sich hierbei der Sportsfreund mit der Nummer 23, den wir „Kanisterkopf“ taufen und dessen wunderbar rustikale Aktionen für Erheiterung sorgen. Ansonsten sticht lediglich ein Spieler namens „Faruk“ hervor, dem die Sektion Sozialpädagogik schnell eine Fluchtbiographie angedichtet hat und sich nun freut, dass er in einer litauischen Fußballmannschaft Integrationserfahrungen sammeln kann. Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt auch reine Spekulation.

Der zweite Mensch mit sichtbarem Migrationshintergrund sitzt eine Reihe vor uns. Zunächst halten wir ihn für einen Verwandten, Freund oder Kollegen Faruks, doch im Verlauf des Spiels wird klar, dass der gute Mann eine andere Rolle einnimmt. Permanent hat er das Telefon am Ohr, gibt auf nichtlitauisch Informationen über den Spielverlauf weiter und passt Quoten auf irgendeiner Wettwebseite an. Junge, junge – wenn man auf ein litauisches Zweitligaspiel vor 60 Zuschauern auf Kunstrasen Wetten abschließen kann, dann bleiben nur wenige Fragen offen…

Im Hintergrund schießen die Gäste an die Latte und schnüren die furchtbar überforderten und passiven Gastgeber in deren eigener Hälfte ein. Für die gut 20 (hoffentlich im Mannschaftsbus) mitgereisten Gästefans aus dem 70 Kilometer entfernten Alytus ist es sicherlich schier zum Verzweifeln, mit ansehen zu müssen, wie ihre Lieblinge selbst größte Torchancen ungenutzt lassen. In der zweiten Halbzeit bricht dann jedoch irgendwann naturgemäß der Bann und zwischen der 56. und 73. Minute klingelt es gleich vier Mal im Kasten Kaunas‘. Lukas Sendzikas freut sich über seinen Hattrick, wir uns über den krachenden Polenböller, mit dem der Gästemob nach dem 0:3 beinahe einen Krater ins künstliche Grün schlägt. Ebenfalls Grund zum Schmunzeln hat der alte Mann an der manuellen Anzeigetafel, der für die Veränderung des Spielstandes aus dem Gästeblock stehende Ovationen erhält.

In den letzten 15 Minuten des Spiels muss man lange vergeblich auf ein Highlight warten, ehe der FBK die Schlusspointe für sich beansprucht. Beim Stand von 0:5 kann man in der Nachspielzeit schon mal mit drei Mann alleine auf den Torhüter zulaufen und den Ball dann lediglich an den Pfosten bugsieren. Schallendes Gelächter aus dem kleinen, aber feinen Gästeblock folgt und die Nummer 23 schlägt die Hände über dem Kanisterkopf zusammen. Schlusspfiff.

Wir schlendern zurück durch die Stadt und steuern den Bahnhof an. Denkbar knapp verpassen wir unseren avisierten Zug zurück in die litauische Hauptstadt. Da der nächste Zug Kaunas erst in 90 Minuten verlassen wird, bleibt uns natürlich nichts anderes übrig, als in einer Gaststätte einzukehren. In der bahnhofsnahen Pinte erinnern wir uns an ein Bargespräch der letzten Tage, als mir in einem Anflug von latentem Rassismus bedauerlicherweise die Schulhofbeleidigung „alter Pappchinese“ von den Lippen gekommen war. Noch vor wenigen Tagen mussten die beiden ostberliner Mitreisenden über die Bedeutung des offenbar westberliner Ausspruchs aufgeklärt werden („alberner Mensch“). Schön, dass heute Ost und West gemeinsam in das wiedervereinte Horn blasen und sich nun gegenseitig „Pubchinesen“ nennen.

Im Anschluss dieses Schenkelklopfers lassen wir uns lokales „Volfas Engelman“ munden und den Urlaub bei üppiger Hausmannskost ausklingen. Kurz darauf stockt der Sektion Sozialpädagogik der Atem, als eine Dame, die mutmaßlich dem Obdachlosenmilieu zuzurechnen ist, vollkommen grün und blau geschlagen die Kneipe betritt. Der in uns aufkeimende Dreiklang aus Fürsorgepflicht, Empathie und Mitleid kämpft gegen die Unterkühltheit der Bardame an. „She always comes here and looks like this!“. Nun gut, wir sind zwischenmenschlich nicht vollkommen überzeugt, doch im Anschluss tut Monikas Schenktbieraus hinter der Theke das, was sie am Besten kann: Mit Attraktivität und Pils überzeugen. Und so kommt es, dass wir die letzte Bahn des Tages beinahe verpassen. Gerade einmal sechs Minuten vor Abfahrt haben wir das Gleis der Abfahrt erreicht und sagen zum Abschied leise Servus.

Epilog: One Night in Riga.

Während sich Günter bereits vor einigen Stunden aus dem Apartment von Vilnius geschlichen hat, um einen Bus zu irgendeinem litauischen Flughafen mit Ziel Malta zu erwischen, schlagen sich der Wirtschaftsflüchtling und ich mit Jupp, dem Trottel, herum. Ohne große Diskussionen nimmt er uns das Apartment ab und das, obwohl wir die Design-Toilettenbrille versehentlich aus der Verankerung gerissen und geschätzte 200 leere Glasflaschen unter der Spüle versteckt haben. Unwesentlich später sind wir kurz vor Mitternacht in Riga zwischengelandet und haben nun bis zu unserem Anschlussflug nach Berlin-Tegel stolze sieben Stunden Zeit für lettische Eskalation. Fasten your seatbelt, please!

Ich erinnere mich an eine Skybar, die ich 2011 im Rahmen eines Familienurlaubs kennengelernt hatte und steuere nun so zielsicher wie möglich darauf zu. Einen ersten Vertrauensbeweis bringen wir der Hauptstadt Lettlands entgegen, als wir in der Hoffnung auf eine Abkürzung einen stockdunklen Park durchqueren. Kurz darauf haben wir die Bar gefunden, sitzen im 14. Stock, schauen auf die Großstadtlichter herab und bestellen den legendären „Latvijan Mojito“, der zwar nicht mehr in der Karte steht, sich damals aber tief in meine Gehirnwindungen gefressen hatte. Die Kellnerin ist über so viel Insiderwissen entzückt und kann uns den Drink für sportliche 8,50 € selbstverständlich zaubern. Zwei Drinks später schließt die Bar ihre Pforten und wir werden in die lettische Nacht entlassen.

In der Altstadt haben wir schnell eine Bar gefunden, die vor allen Dingen mit attraktiven Öffnungszeiten aufwartet. Hier kann man die letzten vier Stunden bis zur Abfahrt unseres Flughafenbusses entspannt überbrücken, denken wir, als wir Platz nehmen und zwei Lāčplēsis bestellen. Im Fernsehen läuft eine Partie Tennis, an der Wand hängen Trikots und Schals verschiedenster Fußballmannschaften. Außer uns befindet sich nur ein Pärchen in der Sportsbar, welches im Hintergrund turtelt. Wir stoßen an und keine fünfzehn Minuten später betritt eine Dame die Kneipe, bestellt einen Kaffee und geht mit diesem hinaus in die Kälte. Mit der halb geleerten Tasse kehrt sie irgendwann zurück und lässt es sich nicht nehmen, sich direkt zu uns an die Bar zu setzen. Ich beobachte, wie die Bardame argwöhnische Blicke in die Tasse wirft und wie die Kaffeetrinkerin näher und näher an uns heranrückt und schwupps, da ist sie auch schon im Gespräch mit dem Wirtschaftsflüchtling. In mir keimt bereits eine gewisse Skepsis, doch der Italo-Hallenser ist nun in seinem Element und flirtet, als gäbe es kein Morgen. Schnell sind zwei weitere Bier bestellt und die beiden Kennenlernraketen neben mir zeigen sich bereits gegenseitig Urlaubsfotos auf dem Handy. Ich schmunzele in mich hinein und bleibe genüsslicher Beobachter der Szenerie. Irgendwann ist die Kaffeetasse geleert und die Bardame regt eine neue Bestellung an, woraufhin sich unsere neue Freundin an den Wirtschaftsflüchtling wendet und fragt: „Would you like to buy me a Cocktail?“

Dieser dreht sich mit eingeschlafenen Gesichtszügen in meine Richtung: „Ist das jetzt dieser Moment, vor dem in Reiseführern gewarnt wird?“ Ich bestätige seine Annahme lachend, er verpasst ihr eine Abfuhr, sie verlässt umgehend das Lokal und dreht draußen ihre Runden. Während wir unser Bier leeren, kreisen vor der Tür Gruppen junger Damen, bleiben immer wieder vor der Scheibe stehen und zeigen mit dem Finger auf uns. Mensch, Jupp, wat sinn wa hier beliebt!

Im weiteren Verlauf des Abends kehren immer wieder Frauen in die Lokalität ein, um wortlos an der Theke vorbeizuschneien und in irgendwelchen Hinterzimmern zu verschwinden. Besonders skurril wird es, als die Dame (Lettin) des Pärchens hinter uns plötzlich ein Hungergefühl verspürt und sich von ihrem Freund (französischsprachiger Lettinlover) ein Steak wünscht. Es gibt zwar keine Speisekarte, aber klar, dass die Bardame auf Nachfrage ein schönes Stück Fleisch für die hungrige Hausprostituierte organisieren kann. Monsieur Amoureux kann dieses stante pede per Kreditkarte zahlen und für lediglich 18 €uro ist das Vorspiel erledigt. Bei uns fällt der letzte Groschen: Ein Bordell als Sportsbar tarnen. Geschickt, geschickt.

Nachdem das letzte Bier geleert ist, verlassen wir das Etablissement und suchen eine ehrliche Kneipe. Diese meinen wir kurz darauf in der Kaleju iela im Herzen der Altstadt gefunden zu haben. In der „Cinemar Bar“ warten knapp 10 junge Männer um die 20 und eine Prostituierte um die 60 auf uns, vor der wir aber bereits vor der ersten Bierbestellung gewarnt werden. Wir prosten den anderen Kneipengästen zu und kurz darauf haben sich diese in einem Kreis um uns formiert. Oleg spricht Englisch, der Rest hat eine eher beobachtende Rolle. Oleg erklärt uns, dass er mit seiner russischstämmigen Clique in Lettland zu einer nicht besonders gemochten Minderheit gehören würde und fragt uns, woher wir kämen, wie viel Geld wir dabei hätten, wie viel Geld wir verdienen würden, wie teuer unsere Wohnungen in Deutschland seien und wie lange wir bleiben würden. Was man eben so für Fragen stellt, um einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen.

„Entweder wir werden beste Freunde oder wir kriegen heute noch auf die Fresse!“, fasse ich die ersten Eindrücke zusammen. Mit ein paar Brocken russisch unsererseits, angenehmen Smalltalkthemen (Oleg war mal Fußball-Junioren-Nationalspieler Lettlands, Eishockey-WM in Riga) und einer Lage Getränke haben wir jedoch schnell Herzen erobert und werden Teil der Clique, deren Mitglieder Olegs Dolmetscherqualitäten nutzen, um sich ebenfalls mit uns unterhalten zu können. All das geht so lange gut, bis gegen 4:30 in der ansonsten menschenleeren Altstadt plötzlich zwei kahlrasierte Jogginghosenungetüme mit quer über den Oberkörper gehangenen Gürteltaschen aufmarschieren, die Kneipe betreten und erst einmal mit gezielten Handkantenschlägen den Bartresen von Gläsern und leeren Flaschen befreien. Alles scheppert durch die Gegend, nur die Prostituierte sitzt nach wie vor stoisch auf ihrem Holzschemel vor der Herrentoilette. Die beiden Glatzköpfe, auf deren grauen Hoodies die Buchstaben „A R M Y“ in übergroßen Lettern gedruckt sind, gehen nun in ein lautes Streitgespräch mit den jungen Russen. Kurz darauf hat sich die Szenerie auf die Straße verlagert und im Zentrum des Disputs steht nun der langhaarige der Russenclique. Ich versuche, herauszufinden, worum es hier geht und schnappe einige Wortfetzen auf. „Oleg, did they just say you can not be a real Russian with that haircut?“ Oleg lächelt nur müde und entgegnet: „Yes, you’re smart!“.

Die Lage spitzt sich zu. Nun beginnen die beiden russischen Faschisten die russische Frisur durch die Gegend zu schubsen. Banale Anmerkungen unsererseits, man könnte ja seinem Freund helfen und/oder die Polizei rufen, werden nur mit einem „No, that’s just normal, we have it every weekend“ quittiert. Ich würde die Szenerie dann gerne verlassen, da auch Oleg und seine Freunde nach und nach Abstand nehmen und sich aufmachen, den Heimweg anzutreten. Nur der Wirtschaftsflüchtling, mittlerweile voll wie ein russischer Elternabend, ist von meinem Vorhaben nicht überzeugt. „Wir können doch unsere neuen russischen Freunde jetzt nicht alleine lassen!“, lallt er mir voller Inbrunst entgegen und schlägt sich nur wenige Meter von der „A R M Y“ entfernt die Fäuste auf die Hühnerbrust. Ich schließe mich Oleg an, gehe auf Abstand und rufe den Wirtschaftsflüchtling aus der Entfernung. Ein Mal erfolglos, zwei Mal erfolglos. Beim dritten Mal rufe ich ihn eindringlicher. Auf Englisch. Bis heute weiß ich nicht, warum ich das gemacht habe, aber der Effekt ist unnachahmlich. Offenbar habe ich das Identitätschamäleon soeben in seiner neuseeländischen Phase erwischt. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum mir dieser urplötzlich treudoof entgegen geschwankt kommt. Die Bushaltestelle bewahrt er kurz darauf durch beherztes einarmiges Festhalten vor dem Umfallen und gegen sechs Uhr haben wir den Flughafen von Riga erreicht. Ich bin mir nicht sicher, ob wir die airbaltic-Maschine jemals von Innen sehen werden, während sich der Wirtschaftsflüchtling eine überdimensionale Sonnenbrille aufsetzt, eine halbe Packung Pfefferminzpastillen einwirft und den Null-Problemo-Daumen empor reckt. Ich verabschiede mich und nehme die Sicherheitsabfertigung auf der anderen Seite. Ab jetzt ist jeder für sich selbst verantwortlich.

Kurz darauf schließen wir uns auf der anderen Seite des Security-Checks in die Arme. Na, das war ja einfach. Der Wirtschaftsflüchtling beleidigt im Vorbeigehen noch eben schnell zwei Mangamädels, die wir später in unserer Maschine wiedersehen werden. Kurz nachdem wir Bekanntschaft mit dem Futsal-Team des FC Valletta gemacht haben, sitzen wir auch schon auf unseren Plätzen und schlafen den Schlaf der Gerechten. Am Kurt-Schumacher-Platz („Kutschi“) erfüllen wir uns einen Lebenstraum und kaufen uns am Dönerstand erst einmal ein Konter-Schulle zum Frühstück, während die Flugzeuge im Landeanflug auf Tegel über unseren Köpfen kreisen. Am Abend des selben Tages wird der 1.FC Union Berlin gegen die SG Dynamo Dresden nicht über ein 2:2 hinauskommen. Und so endet die heitere Litauen-Trilogie mit einer etwas ernüchternden Statistik: Nur ein Punkt aus zwei Spielen. Wir sind bereits am Limit – aber der FCU hat noch Luft nach oben! /hvg

11.08.2016 FK Žalgiris Vilnius – FK Kaunas Žalgiris 3:1 (2:0) / LFF stadionas / 500 Zs.

2/3.

„I come from Palanga (oh yeah), where beer does flow and men chunder!“ summen der Wirtschaftsflüchtling und ich vor uns her, als wir am 10.08. mit dem Reisebus in Klaipéda einrollen. Bevor nachmittags der Zug zur Weiterfahrt nach Vilnius bereit stehen wird, wartet erst einmal die litauische Hafenstadt darauf, von uns erkundet zu werden. Dem einen oder anderen älteren Leser mag womöglich das Herz aufgehen, wenn darauf hingewiesen wird, dass Klaipéda (deutscher Name: Memel) bis 1920 die nördlichste Stadt des deutschen Kaiserreichs gewesen ist. Opa hört doch so gerne Marsch!

Nun brechen wir unser Sightseeing bereits nach wenigen Augenblicken ab, da die erste auf dem Weg gelegene Kneipe ein bislang unbekanntes Bier offeriert. Kalnapilis mundet der Reisegruppe, kommt aber trotzdem nicht um den ab nun gültigen Spitznamen „Kanalbier“ drumherum. Der Wirt fragt, woher wir stammen und warum zur Hölle wir Halt in Klaipéda machen. Wir lassen im Folgenden unsere Blicke über verfallene Bauten und maritimen Stadtschmuck wandern. Unser Hauptaugenmerk legen wir auf den „Arka“ – ein Kunstwerk, welches anlässlich des 80. Jahrestages der Vereinigung Litauens mit dem Memelgebiet errichtet wurde. Bekanntester Sohn der Stadt ist Simon Dach, an dessen Schaffen im Stadtzentrum ein Brunnen erinnert, in dem ich gerne jeden einzelnen betrunkenen Touristen aus all den Hostels meiner Nachbarschaft eigenhändig ersaufen wollen würde. Dann ist auch bereits die ganze Stadt erkundet und die Frage des Wirts ergibt im Nachgang plötzlich einen Sinn.

Am frühen Abend erreichen wir Vilnius und checken in unserer neuen Herberge am alten Kino ein. Da sich für morgen auch noch Günter aus Malta zum feucht-fröhlichen Stelldichein angekündigt hat, fällt die Wahl auf ein großzügig geschnittenes Apartment im Herzen der Stadt. Nun steht ein dicklicher Junge am Straßenrand bereit, um uns die Wohnung in einem unsanierten Altbau zu zeigen. Wir laufen in einem Treppenhaus mit unverputzten Wänden, offen liegenden Stromleitungen und unverkleidet herabhängenden Glühbirnen ein Stockwerk hinauf. Der Gastgeber öffnet die Tür und wir trauen unseren Augen kaum, sind wir doch soeben in einen Katalog voller Designermöbel und -lampen geschubst worden. Leider stellt sich nach Verabschiedung des Schlüsselboten, der von uns mittlerweile auf den Namen Jupp getauft wurde, heraus, dass die Wohnung ihre Stärken ausschließlich im optischen Bereich vorzuweisen hat. Von Funktionalität kann jedenfalls keine Rede sein, da der Wirtschaftsflüchtling mit durchnässter Hose aus dem Bad zurückkehrt, weil er den Wasserhahn aufgedreht und festgestellt hatte, dass das schicke Designwaschbecken schlicht und ergreifend ein wenig zu kurz für den Wasserstrahl geraten ist. „Der Jupp is ’ne Trottel!“, sagt er und sorgt somit dafür, dass wir für den Rest der Reise permanent in breitem Kölsch in Albernheiten verfallen. Watt sull dä Quatsch?

Weitere Schwachpunkte der Luxusbude sind schnell ausgemacht. Es gibt keinen Spiegel in der gesamten Wohnung. Es gibt keine Griffe in der Hochglanzküche, sodass man nicht weiß, ob es sich um Schranktüren oder um Fassade handelt und man nun wie der letzte Vollidiot gegen die polierten Oberflächen patscht und krampfhaft versucht, die Elemente zu finden, die sich öffnen lassen. Auch die Armaturen an der Dusche sind vollkommen unverständlich. Warum auch sollte man einen Hebel für kaltes und einen für warmes Wasser an die Wand schrauben, wenn es nicht auch etwas schicker geht? So steht man jedenfalls wie der erste Mensch unter dem Wasserstrahl und kämpft verzweifelt um eine angemessene Wassertemperatur und dreht erfolglos alle verfügbaren Knöpfe in alle denkbaren Richtungen. Doch all das gerät schnell in Vergessenheit, als FUDU einen Blick auf den bereitliegenden Katalog wirft, in dem man die hier ausgestellten Möbel und Lampen und Accessoires bestellen und käuflich erwerben kann: Es gibt einen Schweinetisch. Fetti ist entzückt!

In den nächsten Tagen werden die Schweinemägen FUDUs mit viel Bier und diversen lukullischen Spezialitäten verwöhnt werden. In Erinnerung wird das mit Hähnchen gefüllte Schweinefilet bleiben und die deftig-fettigen „Old Town Fingers“ (frittierte Käsestangen mit jeder Menge Knoblauch und Kümmel). Ebenfalls unser Herz erobern wird der Kellner der „CANCAN“-Pizzabude gegenüber unseres Apartments, der uns „morgens“ stets mit der Frage: „Coffee or Beer?“ in Empfang nehmen wird.

Die Stadtbummel führen uns u.a. in die Tavernen der Altstadt, zum Präsidentenpalast, zum Parlament (mit den Barrikaden, die an den „Blutsonntag“ von 1991 erinnern) zur Oberen Burg samt Gediminas-Turm und zum Rathaus. Ein Trump-Putin-Streetart-Kunstwerk an einer Hipster-Imbissbude mit Craftbeerblödsinn erfreut uns und wird uns im weiteren Verlauf der Reise verfolgen, da dieses übermalt werden und es bis in die Abendnachrichten schaffen wird. Bei dem Versuch, die Kathedrale Sankt Stanislaus in ihrer vollen Pracht aus der Hocke heraus zu fotografieren, stellt sich ein egozentrisches Pärchen mit Hündchen an der Leine direkt vor den Fotografen. „Sie wundern sich vielleicht, warum ich hier hinter ihrem Tier hocke, aber ich fotografiere einfach unheimlich gerne Hundearschlöcher!“, lässt es sich dieser auch nicht nehmen, die etwas sonderbare Szene zu kommentieren. Leider haben aber mangels Deutschkenntnisse der Turteltäubchen nicht alle Teilhabenden dieses Schauspiels gleichermaßen viel Spaß mit dem getätigten Ausspruch.

Am Spieltag befindet sich die Reisegruppe eigentlich rechtzeitig genug in der Nähe des LFF-Stadions, doch die Suche nach dem Zugang zu diesem und nach potentiellen Kassenhäuschen lässt das Zeitpolster schmelzen. Kurz vor Anpfiff befindet sich FUDU orientierungslos auf einem Krankenhausgelände und landet immer wieder vor verschlossenen Pforten. Die Haupttribüne ist zum Greifen nah – und doch so weit entfernt. Der Weg über die Hauptstraße führt letztlich gerade noch auf die Minute pünktlich zu einem dunkelblauen Opel, aus dem heraus ein Typ mit Laptop und portablem Drucker Eintrittskarten für das heutige Spiel verkauft.

Mit dem Anpfiff nehmen wir unsere Plätze im „RB“-Block ein, den wir aus reiner Dankbarkeit darüber wählen, dass endlich wieder einmal ein Team aus dem Fußballosten in deutschlands höchster Spielklasse mitmischen darf. Wir lassen uns knusprige Knoblauch-Brotsticks und unser Stadionbier munden, während der Ball über den Kunstrasen des kleinen Stadions rollt. Das Interesse der Öffentlichkeit hält sich auch heute stark in Grenzen, sodass am Ende gerade einmal 500 Zuschauer die Stadiontore passieren werden. Bis vor kurzem hatte Žalgiris Vilnius noch im wesentlich attraktiveren Žalgiris-Stadion mit über 15.000 Plätzen gespielt, welches nun aber leider nach und nach abgerissen wird und von uns im Zuge der Stadtbummel der letzten Tage nur noch rudimentär erhalten besichtigt werden konnte. Auch dieses Stadion hätte wohl nicht wesentlich mehr Litauer hinter dem Ofen hervor gelockt, da sich diese nach wie vor im olympischen Basketballfieber befinden und dem Fußballsport nicht sonderlich zugewandt sind.

Dabei stehen sich heute immerhin die namhaftesten Clubs des litauischen Fußballs gegenüber, die sich beide nach der Schlacht bei Tannenberg im Jahre 1410 benannt haben und einige Erfolge im litauischen Vereinsfußball vorzuweisen haben. Im Jahre 2016 könnten sie tabellarisch jedoch nicht weiter voneinander entfernt agieren, empfängt am 21. Spieltag schließlich der Tabellenführer der A-Lyga den Tabellenletzten (8.).

Der Außenverteidiger der Heimmannschaft ist dunkelhäutig, trägt die Nummer 5, heißt Donovan Slijngard (geboren in Amsterdam) und ist genau derjenige, den ich in der WizzAir-Maschine von Eindhoven nach Vilnius mit an Bord hatte. So klein ist die litauische Fußballwelt, man kennt sich.

An der Außenlinie gibt die strenge Assistentin Ingrida Siliūnienė ihr Bestes, während auf dem künstlichen Grün von der ersten Sekunde an klar wird, dass hier und heute einzig und allein die Höhe des Ergebnisses überraschend sein könnte. Vilnius überrennt Kaunas förmlich und geht bereits nach zwei Minuten in Führung. Nach 25 gespielten Minuten wird die Führung dank einer ansehnlichen Kombination ausgebaut und ab diesem Moment sinkt das Niveau des Spiels von Minute zu Minute. Kaunas zieht in diversen Situationen in der Abwehrreihe blank und Vilnius lässt selbst allergrößte Torchancen kläglich liegen, sodass man teilweise wirklich von Slapstick sprechen muss. FUDU genießt die Abendsonne und kichert das eine oder andere Mal in sich hinein, wenn wieder ein Offensivakteur der Hausherren im Eins gegen Eins gegen den Torhüter scheitert oder den Ball aus Nahdistanz am halbleeren Tor vorbeischiebt.

In der zweiten Halbzeit fälscht ein Defensivakteur der Hauptstädter unter mittlerweile eingeschaltetem Flutlicht eine belanglose Flanke aus dem Halbfeld unhaltbar ab. Plötzlich steht es nur noch 2:1 und die Gäste aus Kaunas erhalten so etwas wie Rückenwind. Letztlich sind sie aber hoffnungslos überfordert, das Spiel zu gestalten und Chancen zu kreieren. In den letzten 15 Minuten des Spiels ist jedenfalls jeder Konter der Hausherren gefährlicher, als es die Angriffsbemühungen der Gäste jemals geworden wären. Nach 80 Minuten verpasst ein grün-weißer Akteur der Hausherren den Ball aus drei Metern freistehend vor dem leeren Tor. Angesichts dieses geschlagenen Luftlochs wird das Kichern schon etwas lauter. Nach 83 Minuten gelingt es dem Balkan-Legionär Andrija Kaluđerović das Spiel zu entscheiden. In seiner Vita stehen bislang (u. a.) folgende Stationen zu Buche: Crvena Zvezda, BJ Guoan (China), Racing Santander, AEL Limassol, FC Thun, Brisbane Roar, Al-Shahania (Katar). Große Fußballwelt!

Am Ende des Tages schießt FUDU noch Gruppenfotos im sich leerenden Stadion. Günter Hermann bekommt, wie es sich für einen Weltmeister gehört, einen Pokal überreicht und reckt diesen nun stolz in den Schein der Flutlichtmasten. Der Abend wird in unserer litauischen Lieblingskneipe noch etwas länger und ausufernder als erwartet. Günter fragt, wann wir das letzte Mal zusammen geraucht hätten und im Hintergrund spricht Charles Bukowski an der Wand eine Weisheit gelassen aus, die man auch getrost auf jede FUDU-Visitenkarte drucken könnte: „Find what you love – and let it kill you!“. Wir nicken andächtig und freuen uns bereits jetzt über die Fortsetzung in Kaunas. /hvg

09.08.2016 FK Palanga – FC Hegelmann Litauen 4:0 (3:0) / Centrinis miesto stadionas / 73 Zs.

1/3.

Prolog: Fettis heitere Litauen-Trilogie beginnt mit einem Auswärtsspiel des 1.FC Union Berlin. Um sämtliche szenekundige Beamte, den BND und die Illuminaten zu verwirren, wählt er auch dieses mal eine Reiseroute, die es nur schwer möglich macht, sich längerfristig an seine Fersen zu heften. So führt der Weg an den Strand von Palanga aus Berlin über Bochum, Eindhoven, Vilnius und Klaipéda.

Am Nachmittag des 06.08. hat der 1.FC Union Berlin seinen Saisonauftakt im Ruhrgebiet verloren.

Am Abend des 06.08. sitze ich in der Fußgängerzone von Eindhoven und genieße niederländisches Pils in charmanter Begleitung.

Am Morgen des 07.08. stelle ich nach kurzer Schockstarre fest, dass es vor 8.00 Uhr noch keinen öffentlichen Nahverkehr in Richtung des Flughafens von Eindhoven gibt. So komme ich in den zweifelhaften Genuss, mir ein Taxi zu ordern. Ein Umstand, der die Idee des 9,99 € Billigfluges mit WizzAir von Eindhoven nach Vilnius bereits jetzt ad absurdum führt. Kalter Schweiß rinnt mir angesichts des galoppierenden Taxameters über den Körper, wohlweislich, dass mir mein rumänischer Kassenwart für die kommende Woche in Litauen gerade einmal 150 € Taschengeld in einen Briefumschlag gelegt hat. Am Ende der 15-minütigen Fahrt stoppt das ratternde Display bei läppischen 48,90 €. Ich gebe glatte 50 und meinem daheimgebliebenen Kassenwart kommen die Tränen.

Zur Mittagszeit verlasse ich gemeinsam mit einem dunkelhäutigen Fluggast mit Žalgiris-Vilnius-Rucksack (#5) die lila Maschine und mache mich mit dem Linienbus auf in Richtung Innenstadt.

Wenige Stunden später landet der Wirtschaftsflüchtling aus Düsseldorf kommend in Vilnius. Ich habe ihm per SMS bereits sämtliche Informationen zukommen lassen, die ich mir wenige Stunden zuvor hart mit Hand-und-Fuß-Kommunikation zusammengeklaubt hatte. Welche Buslinie fährt in die Stadt, wie teuer ist das Ticket, wo liegt unser Hotel (besser: unser neues Hotel. Schließlich war die Rezeptionistin unserer Billigabsteige nicht über die Buchung informiert, alle Zimmer belegt und FUDU so in den Genuss gekommen, ohne Aufpreis in eine vier-Sterne-Bettenburg umgebucht zu werden) und wie lange dauert die Fahrt dorthin? Mit der Information, er müsse an der Station STOTIS aussteigen, schließe ich die gut gemeinte rundum-sorglos-SMS ab. Wenig später erfolgt die Rückmeldung des Flüchtlings, dass er gut gelandet sei und er sich nun die Frage stelle, bis wohin er denn fahren müsse. „Bis STOTIS, was auf litauisch Bahnhof bedeutet!“, antworte ich. Kurz darauf erfolgt eine erboste Rückmeldung. „Ich will nicht wissen, was auf litauisch Bahnhof bedeutet, sondern wo ich aussteigen muss, du Spinner!“.

Vielleicht verbringe ich einfach gerne Zeit mit Menschen, die manchmal nicht einmal Bahnhof verstehen. Nur wenige Nachrichten später hat jedenfalls auch der Wirtschaftsflüchtling verstanden, dass unser Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs von Vilnius liegt und er eben deshalb den Bus an der Station STOTIS verlassen muss. In der Zwischenzeit bewundere ich erste leicht bekleidete litauische Schönheiten und mache mir nur latente Sorgen, dass die Damen hier nicht einmal genügend anzuziehen haben.

Nach einer kurzen Sightseeingrunde durch die Innenstadt lassen wir den ersten Abend in unserem Hotelzimmer ausklingen. Dieses wartet mit einem unschlagbaren schwarz-weiß (!) Minifernseher auf und hat heute dank des olympischen Fußballturniers das Schmankerl Schweden gegen Nigeria im Angebot. Da gilt es in Anlehnung an Marcel Reifs legendärem Ausspruch bei einem Länderspiel zwischen Deutschland und Ghana nur zu sagen: „Die Schweden erkennen sie an den gelben Trikots!“

Am 08.08. starten die beiden Übergangsbalten mit einem Frühstück in Anwesenheit der wohl schönsten Frau Litauens in die Mission, zu eruieren, welche Verbindungen von Vilnius nach Palanga führen. Schnell werden die ersten gefundenen Buslinien direkt ab Vilnius wieder ad acta gelegt und eine Zug-Bus-Kombination via Klaipéda als Reiseroute des Herzens auserkoren. Hinter dem Bahnschalter wartet bereits eine Frau mittleren Alters mit eingefrorener postsozialistischer Eisblockmimik auf die Bestellung. Mit einem freundlich-beschwingten „Hello, two Tickets to Klaipéda, please!“ versucht FUDU Zielstrebigkeit an den Tag zu legen. „NO!“, schallt es zurück. Etwas irritiert ob der knappen und schroffen Antwort hakt FUDU verschüchtert nach. „Ääh, but… why? There is a train going at 11.14?!?“, woraufhin sie keine Miene verzieht und uns abermals ein „NO!“ entgegen schmettert. Jetzt nur nicht aufgeben und dran bleiben, denken wir uns, ehe wir ein „But where can we buy tickets then?“ anschließen. „NO!“, antwortet sie erneut, dieses Mal noch lauter und eindringlicher. Freundlicherweise mischt sich nun eine junge Litauerin ein, die die Verhandlung stellvertretend für uns in der Landessprache übernimmt und uns dann informiert, dass der Zug ausverkauft sei und die nächste Verbindung drei Stunden später folgen würde. Wir bedanken uns, während die NO!-Frau hinter dem Tresen nickt und schaut, als würde sie denken: „Und dit war jetzt so schwer? Hab ick doch allet drei Mal jesagt!“.

Wir entscheiden – analog zu der Empfehlung der jungen Frau – uns zum Gleis zu begeben und ohne Ticket in den Zug zu steigen. Die erste Enttäuschung ist nicht zu leugnen, als der hochmoderne Zug in den Bahnhof fährt, hatten wir Nostalgiker doch auf eine alte Rumpelbahn gehofft. Während die beiden Zugbegleiterinnen sämtliche Fahrgäste mit Fahrkarten zu ihren Plätzen geleiten, nehmen wir einen Stehplatz zwischen den beiden Waggons ein. Wenige Minuten vor Abfahrt kommt eine der beiden Damen auf uns zu, fragt nach unseren Billets und kann dann angesichts des Nichtvorhandenseins offenbar nicht mehr tun, als den Kopf zu schütteln und ein trockenes: „That’s not possible!“ hinzuzufügen. Während sie die letzten heran eilenden Fahrgäste auf ihre Plätze begleitet, setzt sich der Zug in Bewegung und wir stehen noch immer zwischen den Abteilen. Scheint also doch möglich zu sein, denken wir uns und freuen uns bereits jetzt auf die Konsequenzen, die Ludmilla und Olga nun für uns in petto haben werden. Gerade geht die Phantasie des Wirtschaftsflüchtlings mit ihm durch, ehe er jäh aus allen Träumen gerissen wird und wir plötzlich völlig problemlos mit einigen wenigen Euro in Bar zwei Fahrscheine und noch zwei Flaschen Wasser gratis dazu erhalten. So viel Vorgeplänkel für 55 Minuten Bahnfahrt? Lange Prologe nerven (jaja, Fußball kommt ja gleich…)!

In Palanga beziehen wir Quartier in einem Haus mit rotem Türmchen. Das Zimmer wird privat vermietet und so kommen wir in den Genuss, mit der Mutti des Hauses in Kontakt zu treten, der die Freude über ein schwules Pärchen in ihrer Pension deutlich ins Gesicht geschrieben steht. Ein wenig später hält uns eine britische Touristin für einheimische Auskenner und fragt uns nach dem Weg zu ihrem Ferienhaus. Wir beantworten all ihre Fragen pflichtgemäß und verpassen somit leider die Gelegenheit, sie auflaufen zu lassen und haben erst im Nachgang der Situation Spaß damit, „Eurotrip“ zu zitieren. „There is a house. They are bulding it – right now!“. „We just got Miami Vice on television. Number one new Show! HAMMERTIME!“. Das wären die richtigen Antworten gewesen. Schade.

Am Abend stellen wir dann schnell fest, dass wir aus Versehen „baltisch Malle“ gebucht haben. Die Promenade, die das Stadtzentrum mit dem Strand verbindet, kommt jedenfalls einer Amüsiermeile gleich. Kneipe gesellt sich an Kneipe, Restaurant an Restaurant, Nachtclub an Nachtclub. Überall wird getanzt, geraucht, gefeiert, gelacht, gelärmt. Gesäumt wird das Ambiente in erster Linie von hunderten Russen und jugendlichen Einheimischen, die zu elektronischer Plastikmusik alkoholische Getränke in sich hineinschütten. Wir nehmen zunächst Platz an einem Springbrunnen, um das ganze Spektakel mit etwas Abstand zu beobachten. Der Wirtschaftsflüchtling raucht in Ruhe eine seiner liebgewonnenen litauischen Glimmstängel, als eine Rikscha, besetzt mit zwei aufgetakelten Russenmuttis und den dazugehörigen elitären Blagen, auf uns zufährt. Die Damen, sichtlich betrunken und möglicherweise anderweitig narkotisiert, fragen den Flüchtling nach einem Joint und sind dann etwas enttäuscht, als dieser darauf hinweist, dass es sich lediglich um Vanillezigaretten handelt. Doch auch diese nehmen die beiden Vorzeigemillionärsgattinnen dankend entgegen und fahren davon. Hinten lächeln die beiden Kinder mit einem Urvertrauen, wie es nur russische Kinder ihren betrunkenen Eltern entgegenbringen können. Wir schlagen noch kurz die Hände über den Köpfen zusammen, als die beiden Muttis die Rikscha schnurstracks Richtung treppab steuern, während die Kinder auf dem Rücksitz stoisch weiter lächeln und die Fahrerinnen tatsächlich im letzten Moment die Kurve kriegen. Urvertrauen. Sag ich ja.

Danach stürzen wir uns richtig ins Getümmel. Mitten in der Nacht ist ganz Palanga auf den Beinen, um mit der litauischen Basketballnationalmannschaft im Kampf um eine olympische Medaille in Rio de Janeiro mitzufiebern. In jeder Bar jubeln Public-Viewing-Trauben ihren grün-gelb-roten Helden zu. Wir betreten eine dieser Bars, schauen das Spiel gegen Nigeria aber eher nebenbei und legen unser Hauptaugenmerk auf ein Kickerduell gegen zwei Esten, die FUDU mehrmals vernichtend schlagen kann. Dann gibt irgendwann der Kickertisch seinen Geist auf, schluckt unsere Münzen, ohne Bälle auszuwerfen und wir fragen die attraktive Kellnerin um Hilfe. Doch diese hat aktuell keine Zeit für ihre Gäste, da auch sie dem Basketballfieber verfallen ist. „Stop playing and watch the fucking game!“ ist eine Ansage, die wir erfrischend ehrlich finden und akzeptieren. Im Anschluss saufen wir, dass sich die Balten biegen.

Am 09.08. schlendern wir nach dem Aufstehen leicht verkatert (→ noch einen im roten Turm haben) zum Strand, der sich in gerade einmal 150 Metern Entfernung zu unserer Pension befindet. Wer Strandurlaub in Litauen plant, der muss auch Strandurlaub in Litauen machen – auch wenn Luft und Wasser heute lediglich 19 Grad Celsius warm sind. Diese Information entnehmen wir einer Schautafel, auf der auch zu lesen steht, dass um 12.00 Uhr ein Wal erwartet wird. Wir trinken uns in der Strandbar etwas Mut an („ein Bier vorm Pier!“), beobachten Land und Leute und lassen dann vor lauter Freude beinahe unser Švyturys fallen, als tatsächlich um Punkt 12.00 Uhr eine dicke Frau aus der Ostsee zurück an den Strand gespült wird. Danke für das Drehbuch, Palanga! Im Anschluss stürzen wir uns selbst todesmutig in die Fluten.

Nach einer kurzen Phase des Aufwärmens im Hotel stärken wir uns in einem Café, in dem es frisch gepressten Orangensaft, leckere Pfannkuchen und eine furchtbare russische Familie, die so ziemlich alle Klischees erfüllt, die man über reisende Russen haben kann, gibt. Aus den Fenstern beobachten wir ausrangierte BVG-Busse, die sich in Palangas öffentlichem Nahverkehr ihr Gnadenbrot verdienen müssen.

Am Nachmittag des 09.08. ist es dann endlich soweit und wir stehen unmittelbar vor dem Erreichen des Länderpunkts Litauen. Heute erwartet der FK Palanga, aktuell Tabellenzweiter der 1. Lyga (zweithöchste Spielklasse), den um acht Ränge schlechter platzierten FC Hegelmann Litauen aus Kaunas zum Stelldichein. Der etwas sonderbare Name der Gäste kommt – ebenso wie die unsympathische deutsche Flagge im Vereinslogo – durch ein Sponsoring-Engagement eines deutschen Logistikunternehmens zu Stande, welches den Club 2009 ins Leben rief. „Dank“ der modernen Technik unserer Smartphones (wirklich „praktisch“, wenn die Anstoßzeit automatisch auf die mitteleuropäische Zeitzone umgerechnet wird…) stehen der Wirtschaftsflüchtling und ich weit über eine Stunde vor dem Anpfiff vor der Spielstätte, welche 2000 Besucher fasst. Es gelingt, erste kurze Blicke auf die moderne Haupttribüne, die kleine Gegengerade, die angrenzenden Wohnhäuser und die Leichtathletikanlagen in den Kurvenbereichen zu werfen.

Eine Stunde später passieren wir für 1,50 € die Stadiontore und machen es uns mit ca. 70 weiteren Stadionbesuchern auf der Haupttribüne bequem. Das Spiel beginnt und läuft ausschließlich in eine Richtung. Die „Beachboys“ aus Palanga streben mit aller Macht in die erste Liga und dominieren die Gäste aus Kaunas nach Belieben. Bereits nach zwei Minuten können die Spieler des FK Palanga mit einem langen Ball die Abwehrreihe der Hegelmänner übertölpeln. Der Stürmer bleibt im Eins gegen Eins Duell mit dem Torhüter kalt wie eine Hundeschnauze und stellt die Weichen früh auf Sieg, um im Anschluss auf die Tribüne zu sprinten und seiner Frau einen Kuss zu geben.

Das 2:0 fällt nach 33 Minuten durch einen berechtigten Strafstoß, das 3:0 folgt nur fünf Minuten später nach einer schönen und direkten Kombination. Spätestens jetzt sind hier alle Messen gelesen und FUDU erfreut sich eher über die kleinen Nebensächlichkeiten. Einen wirklich schönen Moment erleben wir, als ein Ball weit über das Tor geschossen wird und im Nachbargrundstück landet. Zwei Zuschauer verlassen daraufhin die Tribüne, flanieren bei laufendem Spiel entspannt durch den Innenraum, spazieren über die Tartanbahn, klettern über den Zaun und holen den Ball unter Applaus der restlichen Zuschauer aus Nachbars Garten zurück. Zweite Liga in Litauen!

Das letzte (und schönste) Tor gibt es nach gut einer Stunde zu goutieren. Der FK Palanga kann das Ergebnis per sehenswertem Fernschuss, der erst den Pfosten und dann die Maschen küsst, auf 4:0 in die Höhe schrauben. Dann wird das Spiel abgepfiffen und FUDU schlendert zurück ins rote Türmchen. Morgen geht es via Klaipéda zurück nach Vilnius. Soll sich ja keiner an unsere Fersen heften können. /hvg

31.07.2016 FC Lahti – IFK Mariehamn 1:1 (1:1) / Lahden Stadion / 1.925 Zs.

Mit dem Finnenvolkswagen begeben wir uns auf die Reise in das 120 Kilometer entfernte Lahti. Die Strecke auf der Autobahn bietet wenig Abwechslung, sodass der Ausspruch „das Ziel ist das Ziel“ schnell zum geflügelten Wort wird. Nach einer Stunde und zwanzig Minuten haben wir die Abfahrt Lahti erreicht, die sich, aus deutschen Beifahreraugen betrachtet, bemerkenswerterweise auf der linken Fahrbahnseite befindet. Direkt hinter dem Ortseingangsschild wartet das bekannteste Sportteam Lahtis mit einer Begrüßung auf. Während sich andere Eishockeymannschaften martialische Namen geben, um die Gegner einzuschüchtern, grüßt hier jedoch ein lächelnder Pelikan seine Gäste. Wie kommt man auf die Idee, sich mit einem Tier zu identifizieren, welches seinen Sack am Schnabel trägt? Lahti denn keiner aus?

Sei es wie es sei. Wir sind jedenfalls bereits gute vier Stunden vor Anpfiff des heutigen Fußballspiels in der siebtgrößten Stadt Finnlands angekommen und haben nun genügend Zeit, die Sehenswürdigkeiten Lahtis zu erkunden. Den ersten Halt legen wir an den höchsten Radiomasten Finnlands ein. Die beiden Türme prägen noch immer das Stadtbild, sind allerdings seit 1993 nicht mehr im Betrieb und beherbergen seitdem ein Rundfunkmuseum, welches heute jedoch leider geschlossen bleibt. Wir spazieren daher ein wenig durch das Waldgebiet, pflücken Himbeeren und erhaschen erste Blicke in die Innenstadt und auf den Vesijärvi-See.

Kurz darauf sitzen wir in einem kleinen Café an selbigem und lassen uns Kaffee und süße Teilchen schmecken, während uns stechfähige Insekten malträtieren. Plötzlich geraten wir etwas in Eile, da dunkle Wolken aufziehen und das Smartphone des Tischfinnen eine Unwetterwarnung für den Großraum Lahti auswirft. Wir reagieren umgehend und machen uns auf den Weg zu der Skisprunganlage, um noch vor dem großen Gewitter in den Genuss zu kommen, mit dem Skilift auf die Salpausselkä-Skisprungschanze zu fahren und von oben herab in die heutige Spielstätte schauen zu können. Für 8 € geht es bei noch einigermaßen stabilen Wetterverhältnissen mit der wackeligen Sitzschale auf 130 Meter Höhe. Um die drei Skischanzen herum befinden sich Zuschauerränge für 80.000 Besucher, am Fuße der Schanzen ist während des Sommers ein Schwimmbecken in Benutzung und dahinter taucht das Lahden Stadion am Horizont auf. Wir genießen die tolle Aussicht und sprechen derweil all den schmächtigen Jungs mit ihren lila Helmen und Catsuits unseren größtmöglichen Respekt aus. Das kostet dann wohl doch einiges an Überwindung, sich mit zwei Skiern unter den Füßen mit knapp 100 km/h kopfüber in die Hölle zu begeben.

Das Wetter hält glücklicherweise lange genug, um mit dem Skilift sanft und sicher wieder am Fuße der Schanzenanlage anzukommen. Die Suche nach einem Restaurant in der Innenstadt, welches Preise aufruft, die einigermaßen von diesem Planeten stammen, gestaltet sich dann etwas schwieriger. Glücklicherweise kehren wir gerade noch rechtzeitig in ein American Diner ein, bevor der erste Platzregen einsetzt. Hier ordert Fetti eine Pulled Pork Pita mit hausgemachten Pommes, dazu ein Bier – für weniger als 20 €. Als wäre dies in Finnland nicht schon Anlass genug, sich die Hände zu reiben, liegen in dem Diner bereits Programmhefte für das heutige Spiel aus. Fetti interpretiert diese gastfreundliche Geste zu seinen Gunsten und packt im Zuge des ersten Toilettengangs zwei dieser Exemplare flugs in seinen Ostberliner Reisekoffer. Nimm das, Skandinavien! Wieder 4 € gespart…

Auf dem Weg zur heutigen Spielstätte passieren wir noch das eigentliche Heimstadion des FC Lahti. Bis in den Monat Juni hinein fand jedes Spiel im „Kisapuisto“ mit 4000 Plätzen statt und auch diese Anlage versprüht mit ihrer olympischen Vergangenheit, den beiden Tribünen und der Nähe zum Rasenplatz einen gewissen Reiz. Wir fotografieren noch schnell die Statue des bekanntesten finnischen Fußballers Jari Litmanen, der insgesamt drei Jahre in Lahti Fußball spielte, und spazieren dann zurück zum Leichtathletikstadion.

Zwanzig Minuten vor dem Anpfiff haben wir unsere Plätze eingenommen. Im Zuge eines Gewinnspiels versuchen die Spieler der Heimmannschaft Fußbälle aus gut 30 Metern Entfernung in das Publikum zu schießen. Nicht allen Spielern gelingt dieses Unterfangen – einige Bälle geraten zu kurz oder fliegen über oder neben die Tribüne. Na, das kann ja was werden.

Der FC Lahti, entstanden im Jahre 1996 durch die Fusion von Lahden Reipas und dem FC Kuusysi Lahti, trifft heute auf den IFK Mariehamn. Dieser Verein reist heute aus der politisch autonomen Region Åland an, welche aus der gleichnamigen Inselgruppe in der nördlichen Ostsee am Eingang des Bottnischen Meerbusens besteht. Einwohner dieser Region erkennen Schwedisch als einzige Amtssprache an (§ 36, Abs. 1 und 2, Selbstverwaltungsgesetz). Finnische Staatsbürger verfügen nur über eingeschränkte Rechte in der entmilitarisierten Zone, die sich nach wie vor selbst verwaltet und über eine eigene „Nationalflagge“ verfügt. Puh. Soviel Bildungsinput. Nur, um wenigstens ein Mal Busen im Blog unterbringen zu können.

Nun also Fußball. Nach nur 9 Minuten geht der Favorit aus Mariehamn durch Ekhalie in Führung. Nach 20 Minuten setzt abermals starker Regen ein, sodass die Zuschauer, die aus dem Wald gratis auf die Spielfläche schmarotzen, das Weite suchen. Geschieht ihnen Recht, denn bei 12.000 freien Sitz- und Stehplätzen im Stadion hätten sie es auch gerne dorthin schaffen können. Der Rasen wird seifig und macht ein geordnetes Fußballspiel nahezu unmöglich. Im Minutentakt rutschen die Spieler aus und heftigst ineinander hinein, dass man nur hoffen kann, dass sich hier niemand verletzen möge. Das Wetter schlägt weitere Kapriolen und so geben sich Sonnenschein, Starkregen, Wind und Wärme die Klinke in die Hand.

Ich amüsiere mich königlich über die Spieler Bonilha und Euller des FC Lahti, die außer eine brasilianische Staatsbürgerschaft nichts im Angebot haben, was einen Fußballer auszeichnen könnte. Waren sie bereits bei der Gewinnspielaktion im Vorfeld des Spiels gescheitert, stellen sie auch hier eindrucksvoll ihr Ungeschick unter Beweis. Man darf sich getrost skurrile Geschichten erspinnen, wie diese beiden Strandfußballer wohl den Weg nach Finnland gefunden haben mögen…

Der dritte Brasilianer im Bunde hat schon deutlich mehr Qualität, ist mit seinen zarten 38 Lenzen aber gleichermaßen am Ende seiner Laufbahn angekommen. Mit der Grundgeschwindigkeit und dem Wendekreis eines LKW schleppt sich Rafael, der seit 2005 in Lahti spielt, in dieser Zeit bereits mehr als 50 Ligatore erzielen konnte und daher eine Art Kultstatus bei den Fans genießt, über das schwere Geläuf. Auf der anderen Seite agiert Kristian Kojola (nicht zu verwechseln mit der Tschechencola; ehemals Hallescher FC) unauffällig.

Das 0:2 ist wunderschön, wird aber aufgrund eines vermeintlichen Stürmerfouls nicht anerkannt. In der 40. Minute bestätigt sich die uralte Fußballweisheit, bei glitschigem Boden aus großer Entfernung einfach mal drauf zu halten und so verwertet Hostikka einen Freistoß aus gut 30 Metern, den der gegnerische Keeper nur nach vorne klatschen lassen kann, zum Ausgleich.

In der Halbzeitpause führt mich der verrückte Tischfinne in die Welt der VIP der Veikkausliiga ein. Heute gastiert kein geringerer als Harri Kampman, ehemals Motherwell FC, unter den Gästen. Noch spektakulärer wird es dann am Imbiss, an dem der Versuch gestartet wird, mir Bananenlakritz schmackhaft zu machen. Danke, Nein.

Mit einer zweisprachigen Stadiondurchsage (finnisch/schwedisch) wird darauf aufmerksam gemacht, dass das Spiel nun wieder angepfiffen werden wird. Ich verstehe beide Durchsagen nicht, kann aber die Uhr lesen. Leider verflacht auch beim zweiten Finnlandspiel dieses Wochenendes das Niveau zusehends. Die Hausherren agieren ausschließlich durch die Mitte, was die gut gestaffelt stehenden Gäste mit einem müden Lächeln quittieren und im Vorbeigehen verteidigen. Auf der anderen Seite sind sie jedoch fußballerisch auch nicht gut genug, um ihrerseits dem Spiel ihren Stempel aufzudrücken und so plätschert ein vollkommen ereignisloses Fußballspiel vor sich hin. Lediglich ein Abseitstor der Gäste in der 62. Minute schafft es noch auf den Notizblock, ehe der Herr Schiedsrichter dem Nicht-Spektakel in nach wie vor beeindruckendem Ambiente ein Ende setzt.

Auf dem Weg zum Auto greife ich am Grillstand noch schnell zwei Stadionwürste, die sich mittlerweile im Ausverkauf befinden, zu je einem Euro ab. So muss es sich anfühlen, ein Cateringgewinner zu sein, denke ich mir, während sich der Fahrer noch die letzte Bananenlakritzstange gönnt. Eine Stunde und zwanzig Minuten später sind wir in Espoo angekommen. Morgen früh werde ich mit der ersten Maschine in Richtung Arbeitsstelle fliegen. Der Weg ist das Ziel? Das Ziel ist das Ziel? Nein: Das nächste Wochenende ist das Ziel! /hvg

30.07.2016 Helsingfors IFK – SJK Seinäjoki 1:1 (1:1) / Töölö-Stadion / 3.313 Zs.

Am 29.07.2016 muss mein finnischer Gastgeber seiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Ich entschließe mich dagegen, alleine in Espoo den Blues zu haben und dafür, dem FUDU-Pärchen, welches mittlerweile in Estland angekommen ist, einen Besuch abzustatten. Bei der Buchung der Fähre von Helsinki nach Tallinn begehe ich Landratte einen einigermaßen schweren Denkfehler. In Sorge darüber, seekrank werden zu können, wähle ich aus dem umfangreichen Fährangebot das Schiff aus, welches für die Überfahrt die kürzeste Zeit benötigt, um im Eventualfall nicht lange leiden zu müssen. Nun weist mich der verrückte Tischfinne darauf hin, dass das schnellste Schiff naturgemäß auch das kleinste und somit das für Wind und Wetter anfälligste ist. Mit einem aufbauenden „sometimes it’s like a rollercoaster!“ entlässt er mich in den öffentlichen Nahverkehr, mit dem ich mich auf dem Weg zum Hafen machen will.

Am Bahnhof verläuft die Suche nach einem Ticketautomaten erfolglos, sodass ich in ein Gespräch mit einem wartenden Finnen gehe. Er erklärt mir, in welchem Zugabteil ich auch direkt beim Kontrolleur Tickets käuflich erwerben kann. Wir halten etwas Smalltalk und ich erzähle ihm von meinen Reiseplänen. Als der Zug einrollt, verabschiede ich mich, wende mich an den Schaffner und zahle den Fahrschein mit der MasterCard. Man passt sich eben an. Als ich einige Minuten später das Abteil betrete, winkt der Bahnhoffinne freundlich. Er hat mir einen Platz frei gehalten. Kaum habe ich mich hingesetzt, versorgt er mich mit Informationen. Meine Fähre fährt also vom „Makasiiniterminaali“, die Windgeschwindigkeit beträgt aktuell weniger als 10 km/h – ich muss mir also keine Sorgen über eine Achterbahnfahrt machen – und den Fußweg vom Hauptbahnhof zum Fährterminal hat er mir direkt auch noch herausgesucht und zeigt mir diesen nun auf seinem Handydisplay. In Berlin sei er auch schon einmal gewesen und hätte an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Klar, dass das mein Interesse weckt und nur unwesentlich später habe ich in Erfahrung gebracht, dass ich soeben einen finnischen Tischeishockeynationalspieler kennengelernt habe. Er freut sich, dass ich Interesse am Eishockeysport habe und mich mit ihm austauschen kann. Die Bemerkung meinerseits, ich hätte als Kind immer gerne STIGA gespielt, lässt ihn allerdings nicht in Verzückung geraten. „It’s not a children’s game – Take a look at youtube!“. „Werde ich irgendwann einmal machen“, sage ich, bevor ich mich ein zweites Mal verabschiede und mich auf den Fußweg zur Ablegestelle begebe.

Dort steht bereits die „Linda Line“ zur Abfahrt bereit. Ach du meine Güte, das Ding könnte in genau dieser Größe wahrlich auch als Dampfer über den Tegeler See schippern und vor meinem inneren Auge sehe ich diese Nuckelpinne in der tosenden Ostsee auf- und abwippen. Zum Kotzen, diese Vorstellung. Doch bei totaler Windstille erlebe ich in Folge eine geruhsame Überfahrt nach Estland, wo ich mir direkt nach Ankunft bei strahlendem Sonnenschein ein erstes Bier munden lasse. Vati hat Urlaub – geht wem anders auf’n Saku! Wenig später trifft auch das FUDU-Pärchen zwecks gemeinsamen Sightseeings in der Hauptstadt Estlands ein. In Erinnerung wird diese mit folgenden Begrifflichkeiten verknüpft bleiben: klein, nett, gemütlich, mittelalterlich. Leider haben jedoch die abertausenden Finnen, die tagtäglich übersetzen, um „billig“ einzukaufen (unter anderem finnischen Schnaps. Reimport ist ein Erfolgsmodell dieser kranken Welt!), die Preise in die Höhe getrieben. 3,50 € für ein Bier? 12 € für ein Mittagessen? In Osteuropa? FUDU akzeptiert diese Regeln nicht und verabschiedet sich folgerichtig aus dem Spiel. Preiswerte Pfannkuchen und Dosenbier aus dem Supermarkt werden zur unschlagbaren Alternative und so lässt man den Tag bei feinstem estnischen Eurodance („Banaane!“) im Hotelzimmer ausklingen.

Am nächsten Morgen referiert Hr. Dr. Dr. Hooleisel am Frühstückstisch tiefenpsychologisch geschickt über das Estonia-Fährunglück von 1994 mit mehr als 850 Toten. Kurz darauf halten wir unsere attraktiv bedruckten Fährtickets (Alcohol 10+20, Wine=90, Beer=110) in der Hand und betreten die „Viking Line“, die dann auch endlich so aussieht, wie man sich eine Fähre vorstellt. Während wir erstmals freiwillig Kontakt mit der „110“ aufnehmen, setzt eine etwas skurrile Beschallung mit Eros Ramazzotti Klängen ein und der chinesische Passagier vor uns beginnt zu schunkeln. Die Sonne strahlt auf das Außendeck herab und wärmt unser Lapin Kulta. So fühlt sich also eine Überfahrt durch die italienische Ostsee an. Nur die Dame der Reisegruppe ist nicht gänzlich zufrieden. Die Qualität und Sauberkeit des Damen-WC lassen wieder einmal zu wünschen übrig, woraufhin wir entschließen, irgendwann einmal einen Toilettenreiseführer zu schreiben und zu publizieren. Freuen darf man sich schon jetzt auf die Rubrik: „Marco Poloch empfiehlt“, wobei sich Freunde des einfachen Humors gerne zusätzlich einen eigenen Kalauer unter Verwendung des Begriffs publizieren basteln dürfen.

In Helsinki treffen wir vor dem Stockmann auf unseren Local. Der Weg führt über ein finnisches Spezialitätenrestaurant (chinesischer Art) direkt in den Supermarkt, in welchem man sich zur Freude des Ortskundigen und HJK-Sympathisanten mit HIFK-Koff eindeckt. Uns egal, dass er das nicht mag, denn: Don’t Hassel the Koff!

Im Anschluss begeben wir uns in das Töölö-Stadion, welches offiziell einen Sponsorennamen trägt. Hier empfängt heute am 19. Spieltag der „Idrotts Föreningen Kamraterna i Helsingfors“ (kurz: HIFK) den amtierenden Meister aus Seinäjoki. Dieser scheiterte kürzlich in der Champions League Qualifikation an BATE und rangiert aktuell nur auf einem enttäuschenden 7. Tabellenplatz. Noch schlechter steht es um die Hausherren bestellt, die sich auf dem vorletzten Tabellenplatz der Liga in akuter Abstiegsnot befinden.

Aufgrund der sportlichen Misere sitzt heute mit Anti Muurinen erstmals ein neuer Coach auf der Bank der schwedischsprachigen Hauptstädter. Für die Fans des Vereins wiegt der Trainerwechsel doppelt schwer. Einerseits ist nun ein ehemaliger Trainer des Lokalrivalen HJK verantwortlich für die Geschicke des Teams, andererseits musste mit Jani Honkavaara der Erfolgscoach der letzten Jahre seinen Hut nehmen. Und wenn man als hauptamtlicher Grundschullehrer ein semi-professionelles Team nach 43 Jahren Erstligaabstinenz eben dorthin zurückführt, dann erobert man einige Herzen im Sturm. So gedenken die aktiven Supporter des HIFK heute mit einigen Spruchbändern ihrem ehemaligen Trainer. „Kiitos, Honsu“!

Währenddessen wird die aktuelle Torschützenliste der Wurstliga Veikkausliga auf der Videowand präsentiert. Aktuell führend: Gbolahan Fuad Salami aus Kuopio. Der verrückte Tischfinne kauft sich noch eben schnell ein Bier (ausgepreist mit 7 € – und somit gerade einmal 0,50 € teurer als der Eintritt an sich) und muss dieses noch vor dem Betreten des Stadions leeren. Dann wird das Spiel angepfiffen – und dieses läuft in den ersten 15 Minuten mit gefühlten 80% Ballbesitz für die Gäste ausschließlich in eine Richtung. Durch einen Treffer von Ariel Ngueukam kann die gute Anfangsphase gekrönt werden. Mit der allerersten Offensivaktion, die man aufgrund eines katastrophal ungenauen Abspiels in Strafraumnähe nicht einmal als gänzlich gelungen bezeichnen kann, gelingt den Hausherren durch Salmikivi in der 19. Minute der Ausgleich. Mehrere Radiospots werden während des Spiels in den Orbit gejagt, während sich FUDU die Sonne in die Gesichter scheinen lässt und das etwas surreale Ambiente mustert. Das Stadion befindet sich in direkter Nachbarschaft des großen Olympiastadions (Helsinki 1952), sodass man einige attraktive Blicke auf den Olympiaturm erhaschen kann. Eigentlich handelt es sich jedoch um die Spielstätte des Erzrivalen HJK, welches HIFK in Ermangelung eines eigenen Stadions nutzen muss. Heute bleiben gut 7.500 Sitzschalen verwaist und man macht sich gar nicht erst die Mühe, die unzähligen Logos HJK’s im weiten Rund zu überdecken. Gespielt wird auf Kunstrasen. Ebenso fragwürdig ist, warum ein Verein mit einem blau-weißen Logo in roten Hemden spielt und aussieht wie Manchester United.

Nach dem Ausgleich entwickelt sich ein offenes Spiel mit Gelegenheiten auf beiden Seiten. Nach einem Blick in das Programmheft können wir das Geschehen jedoch leider nicht mehr gänzlich ernst nehmen. Der Spielername Jukka Halme, heute leider verletzungsbedingt nicht im Kader des HIFK, lädt zum heiteren Finnennamenausdenken ein: Jukka Palme, Mussi Hartkakken, Knuspaa Breulaa, Minttu Rinnkypään – und natürlich die beiden „RTL Samstag Nacht“-Skisprungikonen Hunde Anlainen und Ficke Hyäänen. Im Nachklang der Reise wird der Tischfinne trocken via Facebook konstatieren: „Hat alles nichts zu tun mit echt finnisch Name. Außer doppelt Buchstaben!“.

In der zweiten Hälfte verflacht das Niveau des Spiel zusehends. Der Name einer Freizeitmannschaft (BSG Rapide Bergab) wird analog zu dieser Beobachtung in meinem Kopf geboren. Gefühlt bleibt HIFK am Drücker, doch mehrere Schüsse aus der zweiten Reihe können abgeblockt werden, bevor sie ernsthafte Gefahr entwickeln können. Und so geht eine höhepunktarme Partie ohne weitere Treffer zu Ende. Die Heimfans sind zufrieden und feiern den gelungenen Neustart unter neuem Coach mit stehenden Ovationen.

Wir schlendern noch ein wenig durch die Innenstadt Helsinkis und erfreuen uns besonders am Café Neuhaus in der Unioninkatu. Dann setzen wir das FUDU-Pärchen in die Fähre zurück ins Baltikum, in dem der Tschechenbentley auf Abholung wartet. Die beiden zurückgebliebenen brausen schleunigst in die Agglomeration Helsinkis und genießen ein letztes Dosenbier des Tages, ehe man durchgeschüttelt von allen Erlebnissen der letzten beiden Tage in die Federn fällt. Warum sollte ich dort noch groß über mein Leben nachdenken? Mit einem aufbauenden „Sometimes it’s like a rollercoaster!“ entlasse ich mich in die Nacht, noch bevor Fetti den Blues kriegen kann. /hvg

28.07.2016 Futbola Klubs Jelgava – Beitar Jerusalem 1:1 (0:1) / Skonto stadions / 2.886 Zs.

Wird man im Urlaub von lautem niederländischen Gequatsche geweckt, befindet man sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf einem Zeltplatz. Dies ist länderübergreifend so, sei es in Skandinavien, Frankreich, Belgien, in den Niederlanden (Überraschung!) oder am heutigen Morgen in Litauen. Hier in Rūdiškės, in der Nähe von Vilnius, kommt alles noch ein wenig „schlimmer“, denn nicht nur unsere Nachbarn sind „Kaasköppe“, sondern auch der Besitzer des Zeltplatzes ist Niederländer. Umso lauter, euphorischer sind die Gespräche und so ist die Nacht für uns um 8.30 Uhr beendet. Der Besitzer heißt Wim, ist ehemaliger Radrennfahrer, fuhr nach seiner Aussage die „Friedensfahrt“ 1988 (Vielleicht habe ich ihm damals sogar zugewunken!?) und ist ein großer Feyenoord Fan (signiertes Dirk Kuijt Trikot und Fotografie der beiden Kinder mit Kuijt hängen in seinem Büro). Was soll´s, heute soll es sowieso weiter nach Lettland gehen, dann kann man dank der Zeitumstellung auch mal im Urlaub etwas früher aufstehen.

Den gestrigen Tag verbrachten wir in unerträglicher Hitze in der litauischen Hauptstadt und besuchten Abends das Spiel Žalgiris Vilnius gegen FK Lietava, bei Kepta Duona und Švyturys sahen wir einen ungefährdeten 4:1 Sieg der Heimmannschaft (ein Bericht zu einem Žalgiris Heimspiel mit detaillierteren Stadioneinblicken folgt von hvg). Žalgiris ist auch Schuld daran, dass wir früher als gewollt aus Litauen verschwinden, denn hätten die Hauptstädter vor acht Tagen in der Nachspielzeit in Astana nicht das 1:2 kassiert, wäre Žalgiris in die dritte Qualifikationsrunde für die Champions League Gruppenphase eingezogen und hätte gegen Celtic Glasgow gespielt. So müssen die Schotten nach Kasachstan und wir in die lettische Hauptstadt. Lette, Lette, Fahrradkette!

So machen wir uns mit dem Tschechenbentley auf über Stock und Stein in Richtung Norden. Dies geschieht komplett über Landstraßen, teilweise sind diese noch im Bau bzw. in der Erneuerung, also schlängelt man sich über Kies an Baufahrzeugen vorbei, was bei einer Strecke von 350 km nur bedingt Spaß bereitet. Das hält allerdings die Mehrzahl der einheimischen Verkehrsteilnehmer nicht davon ab, deutlich schneller zu fahren und kein Überholmanöver ist ihnen zu riskant. Selbst der Fernbus Vilnius-Riga überholt uns mit deutlicher Tempoüberschreitung, zeitgleich überholt uns aber auch noch ein Auto in zweiter Reihe. Für uns kein Wunder, dass Lettland und Litauen in der Kategorie Verkehrstote in der Europäischen Union 2015 die Plätze 3 und 4 einnehmen. Es scheint aber, dass sie dieses Jahr die Spitzenplätze für sich beanspruchen wollen und wir sind sehr froh, dass unser an Amaxophobie leidende Hoolger diesen Teil der Reise nicht mit uns bestreitet und wir ihn erst morgen in Tallinn treffen werden. Aber irgendwann ist auch dieser Höllenritt überstanden. Wir entscheiden uns, auf Grund der Wärme und der vorhergehenden Tage im Landesinneren ohne Meereszugang, gegen die Besichtigung von Riga und steuern daher das benachbarte Jūrmala an. Nach Abstellen des Autos bewegen wir uns über die Flaniermeile des Badeortes in Richtung Strand. Dort begrüßen uns verblichene Wuhlesyndikat und Crimark Sticker an den Laternen.

Das Bad in der Ostsee kühlt uns nach der anstrengenden Fahrt ab und eigentlich stören nur die Bässe aus dem benachbarten Hotel. Wirklich viel ist hier nicht los, nur einige wenige Familien liegen am Strand und einige abgerissene Typen laufen herum. Wobei mir später auffällt, dass dies das Sommeroutfit („Ost Casual Style“) der Balten/Russen/Weißrussen ist. Aber mein Gott, was bei uns auf der Warschauer Straße rumrennt und sich Mode nennt, glaubt uns im Baltikum auch keiner!
Da sich der Himmel zusehends verdunkelt und wir noch einkehren wollen, verlassen wir den Strand. Eine Lokalität ist schnell gefunden, wir setzen uns bei leichtem Regen unter die Markise und hoffen, dass diese dem Regen standhält. Da der Regen aber stärker wird, werde ich zum Auto geschickt, um Regenklamotten und Schirm zu holen. Ich schaffe es aber nicht sehr weit, denn es kübelt jetzt wie aus Eimern, so dass ich mich im Eingang eines geschlossenen Hotels unterstelle, wo ich eine Katze so sehr verschrecke, dass diese lieber in den Regen rennt, als bei mir im Trockenen zu bleiben. 15 Minuten später bin ich mit abgebrochenen Schirm (erbeutet in Borås), ohne Schuhe und völlig durchnässt wieder in der Lokalität eingekehrt. Nadjuschka hatte sich mittlerweile nach drinnen verzogen. Das Essen kommt recht spät, ist aber rustikal und gut, allerdings ist die Zeit schon so sehr fortgeschritten, dass wir nach dem Festmahl schleunigst den Gastraum verlassen. Der Regen ist vorbei, der Tschechenbentley beweist seine Schwimmfähigkeiten auf der völlig überfluteten Hauptstraße und so gelingt es uns, dass wir den Boliden für unser Verständnis von Zeitmanagement pünktlich an unserem Ziel parken können.

Der Futbola Klubs Jelgava spielt heute nicht, wie in der Runde zuvor gegen Slovan Bratislava, im heimischen Stadion, sondern muss heute ins Skonto stadions nach Riga ausweichen. Was ich absolut nicht bedauere, denn so können wir das größte Stadion Lettlands kreuzen und nicht das Zemgales centra in Jelgava, welches nur aus einer futuristischen neugebauten Haupttribüne besteht, sonst aber nichts zu bieten hat.

Angekommen am Stadion füttern wir noch schnell die Parkuhr und noch bevor wir uns auf den weiteren Weg in Richtung Stadion machen können, fragen mich Nachwuchsspieler von Jelgava nach Kleingeldspenden für die Parkuhr. Klar mach ich das, mit ein paar Groschen ist ihnen geholfen, allerdings sind die Nachwuchskicker nicht verarmt, sondern der Parkautomat akzeptiert Vadderns Kreditkarte nicht. Zusammen mit ihnen erreichen wir das Skonto stadions, zeitlich ist alles noch für unsere Verhältnisse ganz okay, denke ich mir, wäre da nicht die lange Schlange vor der einzig geöffneten Kasse. Sehnsüchtig schaue ich zu den Nachwuchskickern, die an einer Sonderkasse ihre Karten abholen, doch leider kommt kein Blickkontakt zustande und so ist die Chance auf schnelleren Kartenerwerb vertan. Circa 30 Minuten später sind wir an der Reihe und erhalten für faire 7 € pro Person unsere Tickets. Da Nadjuschka allerdings mit einem etwas größerem Schein bezahlt, ist das Wechselgeld zu unseren Gunsten etwas höher als erwartet. Skonto am Skonto Stadion!

Die Sicherheitskontrolle ist nicht ernst zu nehmen, besteht eigentlich nur aus dem Anhängen der mitgeführten Regenschirme an einem Gitter am Eingang. Knapp verpasst haben wir das 0:1 durch Idan Vered (25. min). Drei von Vier Seiten rund um das Spielfeld sind mit Tribünen bebaut, nur hinter einem Tor schaut man auf einem Parkplatz und einige Häuser, vermutlich aus den 50er Jahren, deren Fassaden von der untergehenden Sonne in angenehmes Rot getaucht wird. Hinter dem gegenüberliegenden Tor ragt die Skonto Sporthalle in die Tribüne hinein. Heute sind diese Tribüne und teilweise die uns gegenüberliegende Tribüne nicht geöffnet, nur am äußersten rechten Rand sind die 45 ultra(s)orthodoxen Gäste in einem mit Bauzäunen begrenzten Bereich untergebracht. Der Rest der 2.886 Zuschauer drängt sich mit uns auf der Haupttribüne.

Wir verzichten auf das Aufsuchen unserer auf der Eintrittskarte aufgedruckten Plätze und platzieren uns schräg hinter der israelischen Auswechselbank. Ein buntes Publikum ist es jedenfalls, welches sich um uns herum versammelt hat. Eine Dame hinter uns strickt die meiste Zeit und schreit wie am Spieß, wenn sich Jelgava dem Strafraum auch nur ansatzweise nähert (oder strickert?). Der Bengel vor uns spielt auf dem Handy seiner Mutter und schlägt sie, wenn eine der ausgewählten Apps nicht funktioniert – oder er bei einem der Spiele versagt. Auf dem Feld fallen in der restlichen ersten Halbzeit nur die O-Beine des Ex-Lauterers Itay Shechter auf und dann ist auch schon Halbzeitpause. In dieser werden uns Handzettel mit einem 550 € teuren Reisepaket (inkl. Flug, Hotel, etc.) für das Rückspiel in Israel in die Hand gedrückt. Nach kurzer Überlegung und einer Machbarkeitsstudie meinerseits entscheiden wir uns dagegen, wartet doch zu diesem Zeitpunkt schon das schöne Estland auf uns. Die Stimmung hier ist ausgelassen, man merkt den Leuten den Stolz über das Erreichen der dritten Quali-Runde deutlich an, allerdings kommt bis auf die „Jelgava, Jelgava“ Schlachtrufe akustisch auch nicht mehr.

In der zweiten Halbzeit ist anfangs Beitar drauf und dran das 2:0 zu erzielen, mit sehenswerten Aktionen schaffen sie es immer wieder in den Sechzehner zu kommen, scheitern dann allerdings am lettischen Keeper oder an sich selbst (Shechter!). Und so kommt es, wie es kommen muss. Nach einem Freistoß stochert Vitaljis Smirnovs (Будем здоровы – oder besser: Priekā!) in der 70. Minute den Ball zum Ausgleich ins Tor.

Danach ist die Heimmannschaft kurzzeitig die spielbestimmende Mannschaft und erarbeitet sich in Folge mehrere gute Chancen. Diese werden allerdings kläglich vergeben. Sinnbildlich die Szene, in der ein Spieler alleine auf das Tor läuft, dann aber scheinbar zu nervös wird, um überhaupt auf´s Tor zu schießen. Nach dieser Drangphase und der Auswechselung von Shechter (für ihn kommt der Deutsche Marcel Heister) kommen die Gäste besser in die Partie, sind die letzten 10 Minuten drückend überlegen, vergeben allerdings ebenso kläglich beste Tormöglichkeiten, selbst das leere Tor wird verfehlt. So bleibt es beim 1:1, die Heimmannschaft holt sich den Applaus der Zuschauer ab, denn allen ist klar, dass das Team an ihr spielerisches Limit gelangt ist und das Rückspiel in einer Woche dann wohl der letzte internationale Auftritt für diese Saison sein wird.

Uns verabschiedet das Skonto stadions mit Elton Johns „Nikita“, ich suche mir noch den schönsten der noch hängenden Regenschirme aus, schmeiße das bezaubernde Exemplar, welches mit diversen Nadelgewächsen bedruckt ist, in den Kofferraum und schon düst Nadjuschka mit mir in Richtung estnische Grenze zu unserer Absteige. Dort wartet schon der Herbergsvater ungeduldig auf uns letzte Gäste und somit auf seinen Feierabend. Den gönnen wir ihm und uns natürlich! /hool

28.07.2016 Tuusulan Palloseura – Spartak Helsinki 1:4 (0:3) / Tuusulan Urheilukeskus Nurmi 1 / 12 Zs.

Während sich das FUDU-Pärchen in Riga auf dem Weg zum Stadion befindet und noch genau 16,5 Stunden auf der Uhr stehen, bevor sich unsere Fluchtwege auf unserer Baltikum-Route kreuzen werden, landet meine airberlin-Maschine sanft und sicher am Flughafen von Helsinki. Ich sitze ziemlich genau in der Mitte des Flugzeuges und komme so in den Genuss, mich durch den engen Gang zum vorderen Ausgang zu kämpfen und dabei 14 Reihen zu passieren. In das Handbuch der geschätzten Statistiken hält folgender Fakt Einzug: Der durchschnittliche (oder „gemeine“) Finne produziert auf einem Kurzstreckenflug ca. 3,8 Kilogramm Müll. Junge, junge, wie kann man ein Flugzeug in so kurzer Zeit dermaßen verwahrlost hinterlassen? Sieht ja schlimmer aus als in meiner Küche!

Kurz darauf nimmt mich der verrückte Tischfinne auf dem Flughafenparkplatz mit einem von seinen Eltern geliehenen Volkswagen in Empfang. Beim Verlassen der Kurzparkzone gibt es erste Komplikationen, da der Automat die Gebühr in Höhe von einem Euro nicht in bar entgegennehmen will, sondern auf Kartenzahlung pocht. Das ist diese skandinavische Progressivität, von der immer alle reden. In diesem Fall führt sie dazu, dass mein finnischer Gastgeber den Weg zum Automaten noch einmal zurücklegen muss, dieses mal ausgerüstet MIT einer Karte, um dann etwas mehr Geld bezahlen zu müssen, da die Kurzparkdauer in der Zwischenzeit leicht überschritten worden ist. Wahrlich, der Bezahlvorgang mit der Kreditkarte ist einfach unwahrscheinlich praktisch!

Wenn zwei Hopper im Auto sitzen, dann gibt es nach der Begrüßung meist eine ähnlich geartete Fragestellung. „Willst Du direkt nach Hause / ins Hotel / in die Kneipe? Oder wollen wir nach xxx, da findet heute um xx:xx Uhr das Spiel xxx gegen xxx statt?“ Und während man sich „Warum nicht?“ antworten hört, wünscht man sich bereits, dass irgendwann einmal jemand auch auf diese Frage antwortet, anstatt sie als Synonym für „JA“ zu interpretieren. In diesem Falle hätte man beispielsweise entgegnen können:

– weil es kalt ist
– weil es nur ein finnisches Viertligaspiel ist
– weil du wahrscheinlich besser Fußballspielen kannst, als die meisten Akteure auf dem Rasen
– weil ich nicht weiß, ob im Stadion oder auf einem Nebenplatz gespielt wird
– weil maximal 20 Zuschauer erwartet werden

Aber all das sagt der Tischfinne nicht. Warum auch, schließlich habe ich deutlich mit „JA“ geantwortet und so steuert er den Boliden bereits in Richtung Tuusula. Kurz darauf finden wir einen Parkplatz vor dem Kunstrasenplatz des Sportzentrums mit mehren Rasenplätzen, Hallen (Eisstockschießen!) und einem Hauptstadion (Das „Tuusulan Urheilukeskus Stadion“ verfügt über immerhin 3000 Zuschauerplätze auf einer großen Tribüne). Der Tischfinne stromert um den Kunstrasenplatz herum, um einen Fetti-Aufkleber zu suchen, den er hier einst geklebt hat, um dann ernüchtert festzustellen, dass man schlicht und ergreifend den gesamten Zaun abgerissen hat. So kann man Vandalismus der Stickerkultur natürlich auch Herr werden. Dafür gibt es mitten in der finnischen Pampa eine brasilianische Nationalflagge vor Tannen zu goutieren. Der Zusammenhang erschließt sich.

Im Stadion trainiert eine Mädchenmannschaft. Da das Spiel zwischen TuPs und Spartak in wenigen Minuten angepfiffen werden soll, wird uns recht schnell klar, dass wohl leider nur einem Nebenplatz Fußball gespielt werden wird. Einige Meter weiter stellen wir fest, dass auf dem Nebenplatz 1 zu unserer Verwunderung bereits der Ball rollt. Es gibt kein Kassenhäuschen (Spartag Helsinki!), kein Essen, kein Bier, dafür handgezählte 12 Zuschauer. Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Smartphoneanalyse ergibt, dass das Spiel nicht nur aus dem Stadion, sondern auch noch um eine Stunde vorverlegt worden ist. Was der Ticker allerdings nicht hergibt, ist ein aktueller Spielstand und so stehen wir etwas desinformiert auf einem Grashügel und schauen den Amateursportlern (Liga: „Kolmonen“) beim unbeholfenen Kicken zu.

Als die Gastmannschaft von Spartak Helsinki, die sich größtenteils aus russischen Einwanderern zusammensetzt, einen ihrer vielen Angriffe verwerten kann und im Anschluss jeglicher Jubel ausbleibt, ist uns klar, dass wir hier in der ersten Halbzeit viele Tore verpasst haben könnten. Auch im restlichen Verlauf des Spiels bleiben die Gäste dominant, bestimmen Takt und Tempo des Spiels. Während bei den Gastgebern von TuPs einige Spieler deutlich nach Breitensport aussehen, bringen die orange gekleideten Russen (laut Spielberichtsbogen standen mit Leonid, Sergej, Okafor, Dmitri, Anton, Vladislav, Kirill, Maxim, Roman und Egor immerhin deren 10 im Kader) deutlich mehr Athletik auf den Platz. Besonders auffällig ist dabei der kantige dunkelhäutige Stürmer Vincent Emeka, der reihenweise gegnerische Abwehrspieler von seinem bulligen Körper abperlen lässt. An einem ansonsten eher nichtigen Abend erobert nur der Trainer Spartaks mein Herz, der mit kneipengestählter Reibeisenstimme so ziemlich jede Aktion seiner Spieler auf russisch kommentiert.

Den sportlichen Schlusspunkt setzt TuPs-Akteur Joho Kunttu, der nach einer Standardsituation den Ball zum 1:4 über die Linie würgt, wie wir im Nachgang des Spiels erfahren werden.

Um wenigstens ein Stadion an diesem nasskalten Abend von Innen sehen zu können, machen wir auf der Rücktour nach Espoo Halt in Vantaa und spotten das dortige Erstligastadion des künftigen Absteigers. In Espoo genieße ich zum Abschluss des Tages einen Snack, der aus Brot, Burgerpattie, Jagdwurst, Spiegelei, Zwiebeln und Soße besteht. Eingewickelt in einem Papierbogen, eingepackt in einer Papierschachtel und mit 10 Servietten dekoriert habe ich eine Mahlzeit später in etwa 3,8 Kilogramm Müll produziert. This is finish. But not the end. Oder, um es mit den Worten des Hoollegen zu sagen: „Baltikum, bald i cum!“ /hvg

17.07.2016 1.FC Union Berlin – Udinese Calcio 3:2 (3:1) / Stadion Villach-Lind / 200 Zs.

Der Rückweg aus Ljubljana nach Villach ist so schnell zurückgelegt, dass wir kurzerhand darüber nachdenken, das Land von Slowenien in Fast-lane-ien umzubenennen. Weniger überzeugt uns der Parkplatz direkt vor dem Hotel Kasino, der uns doch zu sehr an eine Fußgängerzone erinnert und die Angst erwachen lässt, dass das Auto über Nacht abgeschleppt werden könnte. Auf der Buchungsbestätigung ist jedoch von einem „hoteleigenen Parkplatz“ die Rede. Da die Rezeption zu dieser späten Stunde nicht mehr besetzt ist, lässt sich das alles entscheidende Fragewort nicht angemessen platzieren. So entschließen sich der Wirtschaftsflüchtling und meine Wenigkeit, die nebenan gelegene Bar aufzusuchen, um wenigstens einen unangemesseneren Rahmen zu erschließen.

Die Tür öffnet sich. Zwei Gäste und die Wirtin schauen verdutzt.
„Sacht ma, darf ick mal ’ne Frage stelln?“, poltert der Wirtschaftsflüchtling in den kleinen Raum, der aus einem Tresen, einem kleinen Hinterzimmer und zwei Tischen besteht.
Ein Herr mittleren Alters (Brille, Jackett, Professorenfrisur) fühlt sich bemüßigt, uns zunächst wortlos anzustarren und dann zu antworten: „Joa, war des jetzt die Froag oder kommt’s da noch woas?“

„Wisst ihr zufällig, wo wir den Hotel-Parkplatz finden?“
„Joa, des weiß i schon, aber woas hilft’s euch?“

In einer nun folgenden Verhandlungsphase versprechen wir, auf ein Bier ins „Tio Pepe“ zurückzukehren, wenn wir die Koordinaten des Parkplatzes erhalten. Beide Parteien zeigen sich mit diesem Tauschgeschäft einverstanden und so nimmt der Abend seinen Lauf, als wir um kurz vor Mitternacht unser Versprechen einlösen. Zu unserer Enttäuschung gibt es kein Bier vom Hahn, dafür offeriert die Schiefertafel hinter dem Tresen lokale Flaschenbierspezialitäten aus dem Hinterzimmer-Kühlschrank.

„Ja, denn nehm wa doch so zwei Willacher, bitte!“

Auf einmal gleitet der Herr Professor von seinem Schemel, auf dem er mutmaßlich seit 18.00 Uhr sitzt, kommt auf uns zu, stellt sich Vis-a-vis, hebt mit weit aufgerissenen Augen mahnend den Zeigefinger und sagt:

„Tut’s mir hier nur oanen Gfalln“. Er verlangsamt die Stimme zusätzlich, als wäre die Situation bis hierhin nicht schon befremdlich genug gewesen und setzt an:  „Es. Hoaßt. Vvvvvvvvvvillach!“

Etwas irritiert wischen wir uns die feuchte Aussprache aus dem Gesicht, während der Herr Professor im Hintergrund wieder Platz nimmt. Frisch belehrt korrigieren wir die Bestellung: „Na denn eben zwei Villacher, bitte!“

„Und wo seid’s her, woas moacht’s in Villach?“

„Wir sind aus Berlin, wir sind wegen Fußball hier, morgen spielt Union!“

Schon bei dem Wort „Fußball“ geht unser Gesprächspartner abermals aus dem Sattel und sucht unsere Nähe. Dieses Mal lässt er uns jedoch ausreden, es zerreißt ihn innerlich, doch es gelingt ihm erst nach unserem letzten gesprochenen Wort seinen Gedanken freien Lauf zu lassen: „Ja seid’s ihr deppert? Ihr foahrt’s 1000 Kilometer für oan deppertes Fußballspiel?“. Er setzt sich wieder auf seinen Barhocker, nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche und lässt sich nicht lumpen. Die Gäste wollen über Fußball reden. Sichtlich gelangweilt stellt er aus reiner Höflichkeit eine Anschlussfrage: „Und soagt’s, woas is des jetzt? Is des Europaleague, is des Champions League oder woas?“

„Nee, is‘ Trainingslager, morgen ist Testspiel gegen Udine!“

Dem Professor schlafen die Gesichtszüge ein, während er abermals von seinem Stuhl herunterrutscht. Nicht schon wieder, denken wir uns noch, aber da steht er uns bereits erneut von Angesicht zu Angesicht gegenüber und maßregelt uns: „Joa, seid’s ihr völlig deppert? Ihr foahrt’s 1000 Kilometer für oan deppertes Freundschaftsspiel???“

„Wir reisen halt gern. Fußball ist immer nur der Anlass, aber das was wirklich zählt, sind die Dinge, die man auf diesen Reisen erlebt. So wie das hier. Niemals im Leben wären wir sonst nach Villach und in diese Bar gekommen. Vorhin waren wir in Ljubljana! Wir waren schon gemeinsam in Schottland, Andorra, überall. In zwei Wochen fliegen wir nach Litauen!“

Ihr seid’s deppert. Ihr reist’s net, ihr reißt!

Punkt. Stille im Raum. Über den weiteren Verlauf des Abends könnte ich ganze Romane schreiben, versuche mich im Sinne der Allgemeinheit aber auf die wesentlichen Momente zu beschränken. Um ca. 0:30 Uhr verlässt die Dame, die wir beim Eintritt in die Bar als zweiten Gast gezählt hatten, das Etablissement. Wir philosophieren mit dem Herrn Professor, der mittlerweile offiziell Stephan (gesprochen: Schtéééphan) heißt, über bedeutsame Themen (Gesellschaft, soziale Ungerechtigkeiten, Privatisierungen von Staatsunternehmen, Politik der Gegenwart), ehe er mit der in etwa zwanzig Mal wiederholten Frage: „Wisst’s ihr oaigentlich, in woas fuer oanem Land ihr hier seid’s?“ zu einem Themenkomplex überleitet, welcher einem als deutscher Staatsbürger in ausländischen Kneipengesprächen nahezu zwangsläufig irgendwann begegnet: zweiter Weltkrieg, Schuldfrage, Holocaust. Der Professor legt den Fokus seiner Redebeiträge allerdings auf die Rolle Kärntens in den Jahren 1939-1945 und setzt sich nun schwer gezeichnet von seinen eigenen Ausführungen einen mit Schuld beladenen Rucksack auf. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals nach sechs Bier mit einem mir unbekannten Mann über die „Todesfuge“ von Paul Celan gesprochen und mich dabei verstanden gefühlt zu haben.

[tiefgründige Gedanken ausschließlich in eckigen Klammern, damit Fetti nicht aus Versehen irgendwann einmal für irgendeinen scheiß Fußballkultur-Bloggerpreis nominiert wird: Einem besonderen Abend dürfen auch gerne besondere Zeilen gewidmet werden. Wie lange ist es her, dass man in einer Zufallsbegegnung auf einen Menschen gestoßen ist, der in Erinnerung geblieben ist? Wie oft trifft man auf Menschen, denen es in kürzester Zeit gelingt, dass man sie langweilig oder uninteressant findet? Wie oft trifft man auf Menschen, die Meinungen vertreten, die dermaßen absonderlich sind, dass man auf Abstand geht? Wie oft trifft man auf Menschen, die Haltungen haben, die einen anwidern? Ich befürchte, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem die Optik wichtiger ist als der Inhalt. Ich weiß, dass Besitz, Einkommen, Statussymbole und technischer Fortschritt von den allermeisten als erstrebenswert betrachtet werden. Ich befürchte, dass die guten und klugen Menschen weniger Chancen haben, in diesem Zeitalter „erfolgreich“ zu sein. Ich habe angefangen, zu verstehen, dass ich derjenige bin, der nicht passt. Unzählige Begegnungen, Situationen, Gespräche sind mir folgerichtig unangenehm und zuwider. Die Idioten haben längst gesiegt, geben den Ton an und Regeln, Normen, Konventionen und Ansprüche werden kontinuierlich am unteren Rand angepasst. Nun stelle ich mir die Frage: Wie sollen sich die letzten klugen und guten Menschen finden, wenn sie bereits so weit kapituliert haben, dass sie sich in einer Bar mit zwei Tischen in Villach / zu Hause in ihrem Wohnzimmer / verstecken, um die Wahrscheinlichkeit so gering wie möglich zu halten, von Idioten belästigt zu werden…?]

Woaßt woas, diese Piefkes soan’s koane Oarschlöcher!“, sagt Stephan zu der Wirtin und reißt mich aus meinen Gedankenspielen. Dieses offenbar größtmögliche Lob veranlasst die Dame hinter dem Tresen dazu, sich zu verabschieden. Im Zuge dieser Prozedur lässt sie es sich auch nicht nehmen, uns während einer Umarmung zu sagen, dass wir die „besten Gäste seit langem, ach, überhaupt“ waren. Plötzlich sitzen wir also zu dritt in dem Laden und stellen fest, dass Stephan offenbar Mitbesitzer – oder zumindest ein Gast mit Haus- und Schlüsselrecht ist.

Um 2:00 Uhr haben wir dann das erste Problem des Abends gemeinsam zu meistern. Sperrstunde in Villach! Aber Stephan wäre nicht Stephan, wenn er nicht auch für dieses Problem eine Lösung parat hätte. Er steht auf, geht nach draußen und holt die einzige kleine Werbetafel und einen Stuhl hinein und spricht andächtig: „I hoab doa oa geheimen Mechanismus entwickelt“, woraufhin er die Jalousien herunterlässt und die Kneipentür von innen verschließt. „Jetzt koennt’s weitersaufen!“. Prima!

Die nächsten dreieinhalb Stunden vergehen wie im Flug. Um kurz vor sechs Uhr wird unsere Freundschaft auf eine harte Probe gestellt, als wir gemeinsam versuchen, so etwas wie eine Rechnung aufzustellen. Derjenige, der das Geld kassieren mag, weiß am allerwenigsten, wie viele Biere im Laufe der Nacht aus dem Kühlschrank des Hinterzimmers geholt worden sind. Der Professor weiß nur, dass er pro Glasflasche 3,30 € kassieren soll. „Machste einfach 30 Euro und denn is jut“, versucht FUDU die Problematik klein zu halten. Aus irgendeinem uns unbekannten Grund ist unser Gegenüber allerdings der Meinung, wir hätten 11 Flaschen zu 36,30 € gehabt. Schwankend hält er uns das geöffnete und gut gefüllte Kneipenportemonnaie entgegen. Er kratzt sich am Kopf, richtet sich notdürftig die Brille und öffnet mit der herzerfrischend ehrlichen Ansage, dass er aktuell überhaupt nichts mehr klar sehen könne, Tür und Tor für eine gute Verhandlungsposition. Ostdeutsche Ehrlichkeit ist, wenn man dann einen Fuffi in das Portemonnaie steckt, sich zwanzig wieder herausnimmt und „Stimmt so!“ sagt.

Bei helllichtem Tag legen wir die 20 Meter bis zu unserem Hotel zurück und fallen dann in die Betten. Vier Stunden später klingelt das Telefon unseres Zimmers. Die Rezeptionistin weist darauf hin, dass wir auszuchecken hätten. Mist, das Frühstück verpennt, nur noch schnell Duschen gehen. Eine gute halbe Stunde zu spät schlagen wir mit Kater-Airways in der Lobby auf. Sichtlich schlecht gelaunt starrt man hinter dem Counter auf die Uhr. Können wir jetzt auch nicht mehr ändern. Schnell ist die Rechnung beglichen und noch auf dem Hotelparkplatz treffen wir die übellaunige Dame von der Rezeption wieder und sind plötzlich voll der Empathie. Wir waren offenbar die einzigen Gäste des Hotels, da kann man schon mal genervt dreinschauen, wenn man ausgerechnet auf zwei solche Exemplare warten muss, ehe man seinen Feierabend genießen darf.

Hoch motiviert beginnen wir unser Sonntags-Sightseeing: Spaziergang an der Drau, Bahnhof, Innenstadt, Rathaus, reicht jetzt. Der Fußweg zu den Thermalquellen zieht sich zu sehr in die Länge und die Reisegruppe entscheidet sich für einen Abbruch, nachdem sie gelernt hat, dass auch in Villach alle Bullen Schweine sind, außer Rainer, der ist keiner. Bei einem Konterbier machen wir es uns dann im Biergarten der Villacher Brauerei gemütlich und treffen auf erste auswärtige Fußballfans in den schwarz-weißen Farben Udines.

Am Stadion wartet ein kleines Polizeiaufgebot und eine Eintrittszahlung in Höhe von 12 € für ein Spiel der ominösen „European Summer League“ auf uns. Leider fehlt vom Professor jede Spur, der heute eigentlich ein Experiment der doppelten Meta-Ebene wagen wollte. Fußball findet er langweilig; Leute, die beim Fußball zugucken, sind ihm suspekt; aber vielleicht hätte er Spaß daran gefunden, Leuten, die beim Fußball zugucken, dabei zuzugucken. Soweit der Arbeitstitel der nächtlichen Planspiele.

In der Spielstätte der Stadt Villach finden sich in seiner Abwesenheit noch gut 200 Zuschauer ein, darunter in etwa 50 Unioner. Viel erfreulicher ist, dass sich unter den 150 Gästen aus Udine auch mehr als 20 Ultras befinden, die auf der Gegengerade mobil machen und einen ernsthaften Support hinlegen. Bengalos, Fahnen, Sprechchöre, Spruchbänder. In erster Linie nutzen sie den Auftritt, um gegen die drohende Übernahme durch Red Bull zu protestieren. Neben den bekannten italienischen Schimpftiraden greifen die schwarz-weißen aber auch auf deutsche Schlachtrufe zurück und erhalten so Applaus von der Gegenseite. So kann auch ein Testspiel Spaß machen.

Neben Stephan vermissen wir auch die Udine-Legende Antonio di Natale. Einer dieser wenigen Spieler im Weltfußball, die permanent auf höchstem Niveau agiert haben und dennoch nie den Verein wechselten. Den monetären Verlockungen europäischer Großclubs widerstand er stets aus bloßer Liebe zu seinem Heimatverein. Guter Typ, der jetzt jedoch leider seine aktive Laufbahn nur wenige Wochen vor dem Testspiel gegen den 1.FC Union Berlin beendet haben muss. Schon bitter, wenn man nach so vielen Jahren sein Karrierehighlight denkbar knapp verpasst.

Für Erheiterung sorgen derweil der Stadionsprecher, der so gut wie keinen einzigen Spielernamen korrekt verliest, der Behelfs-Schiedsrichter, der mit seinem Schmierbauch und dem nicht vorhandenen Tempo in der „European Summer League“ etwas Fehl am Platze wirkt, die Gäste aus Udine mit einem legendären Wechselgesang zwischen Block und Bierstand und die Unioner, die Collin Quaner nach seiner Einwechslung einen neuen Song widmen: „Your Defense is unemployed ´cause Collin’s on Fire!“.

Auf dem grünen Rasen kann Unions Offensive überzeugen und die Abwehrreihen der Serie-A-Equipe immer wieder durcheinanderbringen. Die eigene Defensive ist jedoch recht anfällig, sodass sich ein kurzweiliger Schlagabtausch entwickelt. Nach 20 Minuten führen die Unioner mit 2:0 (Hosiner per Strafstoß und Skrzybski nach sehenswerter Kombination), nach 45 mit 3:1 (dritter Treffer durch Fürstner im Anschluss eines schönen Doppelpasses). Der Anschlusstreffer der Italiener fällt nach einer guten Stunde. Nach einem Foul gegen Leistner kommt es zur Rudelbildung und für ein belangloses Testspiel ist doch einigermaßen Feuer im Spiel. Im Anschluss bringen jedoch Wechselarien auf beiden Seiten (alleine 9 Wechsel in der 63. Minute beim FCU) das Spiel vollends aus dem Rhythmus. Die einzige Szene, die noch auf dem Notizzettel landet, ist eine Großchance, die Skrzybski kurz vor dem Ende der Partie liegen lässt. Abpfiff.

Auf dem Weg zum Auto steuere ich den Versorgungsstand an. Mein letztes österreichisches Bier des Tages wird mir leider verwehrt. Den italienischen Gästen ist es gelungen, sämtliche Biervorräte leer zu saufen. Meinen aufrichtigen Respekt hierfür. Wenige Stunden später sitzen wir in München in unserem griechischen Bistro des Vertrauens und holen das mit dem Bier nach. Morgen früh geht es mit dem ersten ICE zur Arbeit. Auf die Frage, wie mein Wochenende so war, werde ich wie gewohnt nicht mehr antworten, als nötig. Aber womöglich werde ich in Erinnerung an Stephan sagen: „I hoab was grissen!“ Mehr muss keiner wissen. /hvg