358 358 FUDUTOURS International 26.06.19 01:45:38

19.06.2016 1.FC Union Berlin U19 – JFV Nordwest U19 2:2 (1:1) / Stadion im FEZ / 379 Zs.

Die Europameisterschaft in Frankreich ist in vollem Gange. Hunderttausende, die im weiteren Verlauf des Jahres mit Fußball nichts am Hut haben, kramen all ihre deutschlandfarbigen Utensilien aus den Schränken und jubeln den millionenschweren Topstars zu. Nach der rauschenden Public-Viewing-Feier am Brandenburger Tor wandern die Schlandnetzhautpeitschen dann wieder in die Mottenkiste und deren Besitzer wenden sich von unserem geliebten Sport ab, um abseits des Alltagsgeschäfts darauf zu warten, dass die nächste Generation Fußballkünstler vom Baum fällt, welche dann in zwei Jahren zum nächsten großen Stelldichein der Weltstars für Erheiterung sorgen kann. FUDU hingegen weiß, dass hochveranlagte Fußballer nicht einfach so aus Bäumen fallen (außer Adam Nemec, natürlich) und so ist schnell klar, dass man die A-Jugend des 1.FC Union Berlin im Kampf um den Aufstieg in die Bundesliga unterstützen wird. The future is now!

Nachdem am gestrigen Samstag im Rahmen eines recht ausgiebigen Kneipenabends das kommende Erstrundenaus der ersten Herren beim MSV Duisburg begossen worden ist, klingelt heute der Wecker zu einer menschenunwürdigen Zeit. Mit der Frage, wer zur Hölle auf die Idee kommt, ein Fußballspiel um 10.30 Uhr anzusetzen, darf man sich getrost in Richtung Den Haag wenden…

Dennoch haben es heute in etwa 350 Zuschauer zum Anpfiff in das Stadion im FEZ geschafft, darunter auch zwei weitere Kneipenkoryphäen des vorausgegangenen Abends. Die beiden sind so freundlich und versorgen mich mit einem Frühstücks-Konterbierchen direkt mit und schon kann man sich den sportlichen Aspekten der heutigen Partie widmen.

Auf dem Rasen stehen sich die Tabellenzweiten der A-Junioren-Regionalliga Nordost und Nord im ersten der beiden Relegationsspiele um den Aufstieg in die Bundesliga Nordost gegenüber. Der 1.FC Union trifft dabei auf ein besonderes Gebilde, welches die beiden Oldenburger Fußballclubs VfB und VfL, die im Nachwuchsbereich kooperieren, aus dem Boden gestampft haben. Schnell diskutiert man über die Sinnhaftigkeit solcher Konstrukte. Sicherlich sorgt dieses dafür, die Talente in Oldenburg zu bündeln. Andererseits führt es vermutlich auch dazu, dass der lediglich in der Oberliga spielende VfL permanent das Nachsehen haben wird, wenn dann doch das eine oder andere Talent den Weg in den Männerbereich findet. Alle Jungs, die einigermaßen mit dem Ball umgehen können, werden höchstwahrscheinlich auf direktem Wege in der Regionalliga beim VfB landen. Zudem leidet die Identifikation mit einem solchen Verein. Heute ist jedenfalls niemand aus der aktiven Fanszene des VfB Oldenburg im Stadion im FEZ anzutreffen. Schade.

Genauso schade ist es, dass auch die Szene des 1.FC Union Berlin das Spiel für nicht wichtig genug erachtet und so auch die rot-weiß gewandeten Jugendlichen ohne besonders herausragende akustische Unterstützung in das Unterfangen Aufstieg starten. Das Spiel beginnt und beide Mannschaften starten sichtlich nervös in die Partie. Der 1.FC Union stellt die aktivere Mannschaft, während die Gäste zunächst einmal abwartend agieren und auf defensive Stabilität bedacht sind. Auffällig ist, dass den Hausherren recht schnell die Ideen ausgehen und bereits nach 15 Minuten nahezu ausschließlich mit langen Bällen agiert wird, die der bullige Stoßstürmer Sakar verarbeiten soll. Kick-and-Rush im Jahre 2016, einfallslos, ideenlos, konzeptlos, wirkungslos. Schnell resultiert daraus die Diskussion über die Abschaffung der zweiten Mannschaften und die Frage steht im Raum, wo die beim 1.FC Union Berlin ausgebildeten Spieler im Männerbereich Fuß fassen sollen – von der zweiten Bundesliga sind alle auf dem Rasen stehenden Akteure jedenfalls meilenweit entfernt. Es ist schon bedauerlich, dass es nun keine vereinsinterne Möglichkeit mehr gibt, Spieler nachreifen zu lassen. Die Herren Quiring, Zejnullahu und Skrzybski haben allesamt kleinere Umwege über die zweite Mannschaft genommen, ehe sie den Sprung nach ganz oben geschafft haben. Nun muss man sich wohl damit zufriedenstellen, dass nach Menschengedenken nur alle x Jahre einmal ein Akteur mit dabei sein wird, dessen Talent so außergewöhnlich hoch ist, dass er auf direktem Wege in die zweite (?) Bundesliga nachrücken kann.

Nach 37 Minuten gelingt den Unionern der vielumjubelte Führungstreffer. Leider jubeln die Jungspunde etwas zu lange, sodass die Oldenburger Gäste bereits 45 Sekunden später ausgleichen können. Der Ärger ist groß, während meine Blicke durch das weite Rund des schönen Stadion im FEZ wandern und die nächsten großen Zukunftsfragen vor dem inneren Auge erscheinen. Wird dies hier langfristig die Spielstätte unserer Talente bleiben? Ist sie womöglich zu weit vom künftigen Nachwuchsleistungszentrum entfernt? Baut der Club ein vereinseigenes Stadion oder kann man diesen Grund und Boden irgendwann einmal vom Land Berlin übernehmen?

Aktuell gilt es jedenfalls zu konstatieren, dass sich die Spielfläche in einem brillanten Zustand befindet. Auf diesem Teppich, um den sich liebevoll eben jener Platzwart kümmert, der einst in Diensten des Sportamts Berlin-Köpenick auch für die Rasenfläche des Stadions an der Alten Försterei zuständig gewesen war, ehe man hierfür Greenkeeper und alle sechs Monate einen neuen Rollrasen benötigte (hüstel), ließe sich eigentlich ein anderer Fußball zelebrieren. Dafür sind die ohnehin nur rudimentär ausgebildeten Ausbauten für die Zuschauer dem Verfall preisgegeben und so ist doch schon recht opulenter Wildwuchs zwischen, auf und unter den Sitzbänken festzustellen. Im Hintergrund fährt die Parkeisenbahn dampfend vorbei und sorgt für das besondere etwas und wird staunend von den anwesenden Kindern beäugt. Ein Kind trägt hierbei ein St. Pauli Trikot und noch bevor ich hier die Frage nach der elterlichen Fürsorge stellen kann, erinnere ich mich glücklicherweise daran, heute nicht dienstlich hier zu sein.

In der zweiten Halbzeit nimmt das Spiel etwas Fahrt auf und das Niveau steigt. Besonders Union ist nun bemüht, spielerische Lösungen zu finden und hinterlässt so dann doch einen besseren Eindruck, als es in der ersten Hälfte der Fall gewesen war. Mit einem wunderschönen direkt verwandelten Freistoß bringt Lukas Lämmel die Unioner nach 50 Minuten wieder in Führung. Leider jubeln die Jungspunde etwas zu lange, sodass die Oldenburger Gäste bereits 180 Sekunden später ausgleichen können. Der Ärger ist groß und wird zusehends größer, weil Union im restlichen Verlauf des Spiels mehrere Großchancen versiebt und am Ende nicht über das Remis hinauskommt.

Schnell verschwinden die A-Jugendlichen in den Katakomben und Kinder in den unterschiedlichsten Trikots stürmen den Platz. Der SV Askania Coepenick (sic!) bittet zum großen Juniorenturnier und beantwortet so immerhin die erste Frage des Tages. Das Relegationsspiel zur A-Junioren-Bundesliga (!!!) des 1.FC Union Berlin musste also ernsthaft vor dem Aufstehen stattfinden, weil der Platz ab 12.30 Uhr bereits durch Breitensport belegt war. Der dicke Fetti, der naturgemäß nichts gegen Breitensport hat, stellt letzte Fragen des Tages: Warum meldet man als professionell geführter Verein nicht vor Beginn der Saison eine eventuellen Bedarf für diesen Termin an? Warum gelingt es einem professionell geführten Verein nicht, mit dem SV Askania und dem Sportamt eine andere Lösung zu finden, wenn ein solch wichtiges Spiel der eigenen A-Jugend ansteht? Warum man das Spiel nicht im Stadion an der Alten Försterei angesetzt, die Werbetrommel gerührt und dafür gesorgt hat, dass 2.000 Unioner unseren Jungs den Rücken stärken, ist mir ohnehin ein Rätsel. Alles doch nicht wichtig genug? Und: Gilt in der Relegation eigentlich die Auswärtstorregel?

Fetti spielt dann abschließend noch ein wenig Fußball in der Sonne und schleicht mit vielen unbeantworteten Fragen im Schweineschädel nach Hause. Es besteht Hoffnung, dass ihm viele dieser am kommenden Wochenende in Oldenburg beantwortet werden mögen, wenn er in der Alexanderstraße am Baum rütteln wird, um Talente von den Zweigen fallen zu lassen… /hvg

12.06.2016 Mariendorfer SV – SC Gatow 4:3 (1:1) / Volksparkstadion Mariendorf / 154 Zs.

Seit zwei Tagen tobt die große Fußballwelt. Die Europameisterschaft in Frankreich ist in vollem Gange. Doch FUDU wäre nicht FUDU, wenn nicht auch in diesen Zeiten ein Blick über diesen Tellerrand geworfen werden würde. Berlin ist mit seiner Saison 2015/16 nämlich noch nicht ganz fertig geworden und so entscheiden sich die vier Mitglieder FUDUs der Sektion „Dilettanti“ für den Besuch des schmucken Volksparkstadions in Mariendorf, in dem heute der 30. und letzte Spieltag der Landesliga (Staffel 1) über die Bühne gehen wird.

Drei der vier angekündigten Interessenten stehen dann auch pünktlich zur Abreise in den Berliner Süden bereit. Als wäre diese überraschend hohe Quote nicht bereits Anlass der Freude genug, wird die Reisegruppe mit einem Schild empfangen, welches die Gastgeber zur Feier des Tages vor die Haupttribüne gestellt haben. „EINTRITT FREI!“ steht dort in großen Lettern zu lesen und so wächst die ohnehin schon vorhandene Vorfreude auf den Ground zusätzlich an.

Direkt hinter dem Einlassbereich hat der Mariendorfer SV dann auch logistisch gut gewählt einen Versorgungsstand errichtet. Ein Bier darf es dann vor dem Anpfiff schon sein, denkt sich FUDU angesichts des soeben entlasteten Budgets und reiht sich in die Schlange ein. Die Blicke wandern geifernd in Richtung Grill und Zapfanlage. Es gibt unheimlich gut aussehende Sucuk zu schlanken 1,50 €, Berliner Kindl und tschechisches Pils vom Fass und einen alten Leierkasten zu bestaunen. Nur der angepriesene „Biercocktail“ vermag nicht auf Anhieb zu überzeugen, dafür aber der kritisch taxierende Blick des Schankwarts in unsere Richtung. „Gehört ihr mit zur Mannschaft?“, fragt er uns, was wir ehrliche Häute verneinen, gleichwohl aber betonen, dass wir eigens für dieses Spiel quer durch Berlin gereist sind. Er hält kurz Rücksprache mit einem der Vereinsbosse und kehrt dann mit der für den weiteren Verlauf des Tages richtungsweisenden Botschaft: „Heute gibt’s Freibier für alle!“ zurück an seinen Arbeitsplatz.

Während Fetti sein Glück kaum fassen kann und bereits eine feuchte Schlüpfer zu verzeichnen hat, wird die Erklärung für die Portemonnaie schonende Gastfreundschaft nachgereicht. Heute wird ein Doppelaufstieg des Mariendorfer SV gefeiert und gleichermaßen Abschied genommen, da der MSV mit dem Tempelhofer Sportverein Helgoland aus der Nachbarschaft fusionieren und in der kommenden Spielzeit als TSV Mariendorf 1897 e.V. an den Start gehen wird. Aha, oh, hmmm, na dann: sechs Bier, bitte.

Wir nehmen Platz auf der deutlich überdimensionierten Haupttribüne und lassen unsere Blicke durch das weite Rund streifen. Herrliche Kurven und schiefe Traversen auf der Gegengeraden mit jeder Menge Wildwuchs sind zu bestaunen. Rudimentär erhaltene Markierungssteine zeugen davon, dass es hier einst weitere Zugänge zum Stadion gegeben haben muss. Gesäumt wird das Areal inmitten des Volksparks Mariendorf von unzähligen Bäumen, sodass man insgesamt wohl von einer der schönsten Anlagen im Berliner Amateursport sprechen kann.

Das Bier schmeckt, die Sucuk noch besser und der Ball rollt. Nach fünf Minuten versenkt Dennis Dort auf der Jagd nach der Torschützenkanone einen Elfmeter nach einem vermeintlichen Handspiel zum umjubelten 1:0. Saisontor 28!

Nach einer halben Stunde gleichen die Gäste aus Gatow zum 1:1 aus, was ihr Betreuerteam dazu verleitet, kurz aus dem Sattel – oder genauer: der Gartenbank – zu gehen, während der Trainer Fotos von der Jubeltraube schießt und so offenbar seiner Doppelfunktion als Coach und Webmaster nachzukommen versucht.

In der Halbzeitpause verschafft sich FUDU einen Überblick über die Finanzen und entscheidet, dass man sich weiteres Freibier leisten kann. Gerade ist man mit neuem Getränkevorrat an seinen Platz zurückgekehrt, als der vierte Mann plötzlich auf der Matte steht. Er jubiliert, dass er in der Pause keinen Eintritt zahlen musste und wird von uns vermutlich bereits etwas lallend darauf hingewiesen, dass uns hier und heute die ganze Welt offen steht. Kurz darauf ist auch er mit Kaltgetränken für die zweite Halbzeit präpariert und der Merksatz: „Wer pünktlich kommt, kriegt doppelt so viel Bier geschenkt!“ erblickt das Licht der Welt. Der Stadionsprecher verkündet „154 Zuschauer bei freiem Eintritt“ und wir hoffen inständig, dass diese von Hand gezählt und nicht per durchschnittlichem Bier-pro-Kopf-Verbrauch errechnet worden sind.

Im zweiten Spielabschnitt flippern sich beide Mannschaften die Bälle um die Ohren. Es gibt Torabschlüsse im Minutentakt, diverse Aluminiumtreffer, Angriffswelle um Angriffswelle schwappt in beide Richtungen und der emsigen Linienrichterin Viola Fiedler entgeht nichts. Nicht einmal, dass sie von FUDU fotografiert wird..

Ab der 60. Minute brechen dann alle Dämme und beide Teams entscheiden sich, die Spielzeit ohne Verteidigungsreihen zu Ende bringen zu wollen. So kann sich FUDU in der letzten halben Stunde der Saison über weitere fünf Treffer und folgende Randanekdoten erfreuen: gelbe Karte nach „Oberkörper-frei-Jubel“ zum 2:1; ein Flitzer aus der zweiten Mannschaft, der nach genügend Freibier und dem 3:1 genug Mut getankt hat, eine Wette zu gewinnen; ein völlig ekstatischer jubelnder kleiner Junge, der nach dem 4:3 der Hausherren in der 88. Minute FUDU und FUDU’s Restalkohol über den Haufen eskaliert, vermutlich, weil er weiß, dass Herrn Dort mit nun 30 Saisontreffern die Führung in der Torschützenliste nicht mehr zu nehmen ist.

Als Sahnehäubchen gibt es nach Abpfiff dann noch einen Heiratsantrag mitzuerleben und so kann diese furiose Gesamtgemengelage darüber hinwegtrösten, dass sich ab der 75. Minute mehr und mehr Stadionbesucher in Schland-Fanutensilien gewandet und ihre Vorfreude auf das Auftaktspiel gegen die Ukraine am heutigen Abend gröhlend kundgetan hatten.

Dass so ein bisschen Patriotismus so schlimm ja nun auch wieder nicht ist, wird FUDU während seines Sightseeings rund um das Tempelhofer Ufer im Anschluss der Landesliga-Partie deutlich vor Augen geführt. Zunächst ist da dieser schwarz-rot-gülden geschmückte Balkon, dessen Besitzer die Gelegenheit für günstig erachtet, die Reichskriegsflagge einfach direkt mit zu hissen. Kurz darauf bekommen sich vor einem Döner-Imbiss eine kroatische und eine türkischen Gruppe in die Wolle (15.00 Uhr, 1:0) und noch bevor die Fetzen auf der Straße fliegen, kehrt FUDU in eine Kneipe ein. Auch hier hat der Nationalismuskarneval bereits in seiner vollen Kraft Blüten geschlagen und man findet keinen Winkel, aus dem einen kein Nationalstolz entgegen brüllt. Wir schauen Polen gegen Nordirland (18.00 Uhr, 1:0), richten es an unserem Tisch häuslich ein, indem wir einen Farbstreifen der deutschen Flagge entfernen und die polnische mit Union-Stickern dekorieren und sind dann gerade noch rechtzeitig vor dem großen Kartoffelauflauf zum Spiel gegen die Ukraine wieder entflohen. Die EM bleibt Geschmackssache. Nicht mehr lange, dann ist wieder Fußball. Avanti, Dilettanti! /hvg

05.06.2016 DJK Schwarz-Weiß Neukölln – 1.FC Neukölln 95 4:0 (0:0) / Stadion Britz-Süd / 150 Zs.

Wenn alle dressierten Affen des großen Profizirkus die Manege verlassen haben, schlägt FUDUs große Stunde. Noch immer ist die Saison in den unteren Berliner Ligen nicht zum Erliegen gekommen. Es ist Sommer. Heute sind 29 Grad mit jeder Menge Sonnenschein vorhergesagt worden und im Stadion Britz-Süd steigt das große Neuköllner Derby in der Landesliga, Staffel 1.

Etwas orientierungslos verlassen der Hoollege und meine Wenigkeit die U-Bahn am Bahnhof Britz-Süd. Ausgeschildert sind die Sehenswürdigkeiten des Bezirkes, namentlich das Schloss Britz und der Britzer Garten. Das Stadion findet sich leider nicht auf dem Wegweiser wieder und so wandert der erste Strich auf die Hopper-Negativliste.

Der Versuch, sich einfach nach dem Weg zu erkundigen, scheitert grandios. Mehrere Eingeborene erweisen sich als nicht ortskundig und können uns bei der Suche nach der Spielstätte des DJK Schwarz-Weiß Neukölln nicht behilflich sein. Dank moderner Technik schicken wir uns kurzerhand selbst auf die Spur und irren durch eine Parkanlage. Dabei nehmen wir wohlwollend zur Kenntnis, dass der Kiez bereits mit reichlich Unionstickern dekoriert worden ist und wir uns in ungewohnten westberliner Gefilden beinahe heimisch fühlen können.

Nach kurzer Zeit der Verwirrung haben wir dann auch das Stadion an der Hauptstraße gefunden. Für gerade einmal drei Euro Eintritt erhalten wir ein kleines Begleitheftchen, ein Freibier am Versorgungsstand und die Zugangsberechtigung zu einer wirklich ansehnlichen Sportanlage. Das Hauptfeld ist von Mischwald gesäumt und an zwei Seiten mit einigen Stehstufen und roten Sitzschalen ausgebaut. Rechnet man die weitläufigen Kurvenbereiche mit ein, finden hier gut und gerne 5000 Menschen Platz.

So ist dafür gesorgt, dass sich die heute anwesenden 150 Zuschauer nicht gegenseitig auf den Füßen herumstehen und auch der Stadion-DJ hat samt seines Equipments genügend Platz auf der Tartanbahn. Wir nehmen auf einer der angesprochenen Sitzschalen Platz und harren der Dinge, die da noch so kommen mögen. Hinter uns beziehen drei ältere Herren Stellung an der Reling und beginnen mit einer herzerfrischenden Fachsimpelei. Der redseligste unter ihnen berichtet von großen Spielen und Spielern vergangener Tage, erwähnt die Namen Di Stefano und Puskas. Bei Nándor Hidegkuti (* 03.03.1922) muss der Junior der Rentnergruppe nachfragen. „Hidegkuti?“ – „Kennste nich? Naja, bist ja auch fünf Jahre jünger als ich!“, entgegnet der Experte mit einem müden Lächeln.

Das Spiel beginnt. Es ist 12.00 Uhr mittags. Die angekündigte Sonne scheint erbarmunglos auf die Reisegruppe herab heute hinter den Wolken zu bleiben. Schwarz-Weiß Neukölln spielt analog zu seinem Vereinsnamen logisch konsequent in weinroten Trikots. Zwei Spieltage vor dem Ende der Saison liegen die Hausherren punktgleich mit dem TuS Makkabi an der Tabellenspitze der Liga. Beim 1.FC Neukölln, Aufsteiger aus der Bezirksliga, stehen mit Hinz und Fuß zwei prominente Namen auf dem Platz bzw. letzterer in Funktion des Spielertrainers ausschließlich auf dem Spielberichtsbogen.

Der 1.FC Neukölln hat sich im Derby vorgenommen, dem großen Favoriten ein Bein zu stellen. Mit viel Herzblut und Kampfgeist ersticken sie die Bemühungen des technisch stärkeren und taktisch versierteren Teams im Keim. Eine ereignisarme erste Hälfte geht so torlos zu Ende.

Die Pause nutzt FUDU, um der erwähnenswerten Stadiongastronomie einen Besuch abzustatten. Bei Grillwurst und Bier setzt erster leichter Regen ein. Wir kehren auf die Gerade zurück und erleben gerade noch so den Führungstreffer des Favoriten mit. Maurice Jacobsen fühlt sich in weinrot offenbar noch immer besonders wohl. Dann wird der Regen stärker. Und stärker. Bald ist unser Hopperkit, bestehend aus einem Dukla-Praha-Turnbeutel und einem Slovan-Liberec-Anglerhut dermaßen durchgeweicht, dass wir es vielen Stadionbesuchern gleichtun und die Anlage verlassen, um zunächst unter einem Baum und dann, als auch der Baum dem Starkregen nicht mehr trotzen kann, vor den Kabinen der Teams Unterschlupf zu finden.

Das Spiel auf dem Nebenplatz wird aus Angst vor dem aufziehenden Gewitter unterbrochen. Wir kommen so in den Genuss der Gesellschaft des Schiedsrichterkollektivs und der beiden Mannschaften. Ein Kind läuft seiner Mama weinend in die Arme. Die liebende und fürsorgliche Mutter weiß natürlich, was in einem solchen Moment Trost spenden kann, wendet sich dem Kind zu und sagt: „Bei dem Wetter fahren wir dann aber doch nicht an den See!“. Noch näher an den Bedürfnissen ihres Kindes ist eine Dame mit Migrationshintergrund, die sich vor versammelter Mannschaften von ihrem Sprössling in die Bluse greifen lässt. So lernt der kleine Gigolo in spe bereits frühzeitig: Yes means Yes!

Im Hintergrund schießt Osinski das 2:0 für Schwarz-Weiß. Nach gut 70 Minuten lässt der Regen etwas nach und wir staksen durch knöcheltiefe Pfützen, die sich in der Kürze der Zeit während des britzkriegartigen Regenfalls gebildet haben und kehren auf die Tribüne zurück. Die recht angenehmen Temperaturen sorgen schnell dafür, dass das gefallene Wasser verdampft. Inmitten von Nebelschwaden, wie in einem Endzeitfilm, vermissen wir nun nur die drei alten Männer, welche sich offenbar lieber für ein weiteres Bier im Casino entschieden haben. Leider verpassen sie auf diese Weise das 3:0 durch den Starspieler der DJK. Der Kubaner Alianni Urgellés Montoya wurde unlängst im RBB-Sportplatz porträtiert. In seiner Vita stehen immer stolze 40 Länderspiele (letztmals 2013; dabei stehen zwei Treffer gegen Guatemala und Jamaika für ihn und sein Heimatland zu Buche), ehe es ihn wegen der Liebe/des Geldes/der Bildung in die westlichste Stadt Osteuropas gezogen hat.

Die Entstehung des vierten und letzten Treffers ist ein Kuriosum. Der 1.FC Neukölln schießt einen Foulelfmeter an den Pfosten. Der Ball springt zurück in das Feld und landet im Besitz der weinroten Neuköllner. Diese fahren den Konter zu Ende und schließen mit einem absolut sehenswerten Fernschuss, der von der Latte in das Tor springt, ab. Tja, manchmal hat man eben kein Glück und dann kommt auch noch Pech hinzu…

Hinter uns haben die alten Männer für die letzten zehn Minuten wieder Position bezogen. Jetzt, wo der Himmel langsam aufreißt und die Sonne wie angekündigt zu strahlen beginnt, schmieden sie große Pläne. „Um 15.00 spielt Concordia Britz gegen Wittenau!“, lassen sie verlauten. Während wir spontan an einen Doppler denken, denken die Herrschaften vermutlich eher daran, wie man noch ein wenig länger um Zeit der Zweisamkeit mit der daheim sitzenden Frau herumkommen könnte. Ist ja schließlich erst kurz vor Zwei und so ein Nachmittag kann lang werden.

„Freibier!“ ertönt es dann aus der Kurve, in der bereits während des Spiels der Getränkeausschank positioniert war. Wie eine wohlige Melodei dringt diese von der lauen Sommerluft getragene Kunde zu uns, reißt uns aus allen kühnen Doppler-Träumereien und bringt den fettigen Wendehals FUDUs in Stellung: Schluss mit Anspruch, jetzt wird gesoffen!

Die Akteure beenden derweil ein faires Derby mit Shakehands. Letztlich hat sich die bessere Mannschaft deutlich durchsetzen können. Gemeinsam schieben die Teams die mobilen Auswechselbänke in einen Schuppen, während unsere Zapferin des Vertrauens mit der Anlage kämpft. Mehrere Becher, jeweils zu einem Drittel mit Schaum gefüllt, stehen vor ihr. Fleißig kippt sie die jämmerlichen Pfützen Bier von Becher zu Becher, bekleckert sich dabei und stellt fest, dass sie all die wartenden Männer heute wohl nie mehr los werden wird, wenn sie jetzt auch noch nach Bier riecht. Irgendwann bricht Anarchie aus und unzählige halbgefüllte Becher werden voreilig von der Theke gestohlen, wobei Freibier stehlen schlimmstenfalls ein Kavaliersdelikt darstellt. Auch FUDU greift beherzt zu: Noch einszweidrei für den Weg und schon geht es, dieses Mal etwas zielsicherer, zurück durch den Park, um der legendären Hufeisensiedlung, die seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, einen Besuch abzustatten. Anschließend bringt uns der öffentliche Berliner Nahverkehr sicher und schnell zurück in den Osten der Stadt.

Am Ostkreuz angekommen muss FUDU feststellen, dass im Zuge der Bauarbeiten eine Brücke komplett abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht worden ist. Weggefallen ist hiermit auch die Fußgängerunterführung und somit ein direkter Weg vom Bahnsteig in die Sonntagstraße. Den geschaffenen Umweg nehmen wir schnaufend in Kauf, natürlich nicht, ohne uns im Anschluss mit einem Spätibier zu stärken. Wir beobachten von einer Bierbank all die flanierenden Touristen, krönen die Dänin des Wochenendes, erholen uns von der grantelnden S-Bahn-Oma, die noch vor wenigen Minuten alles und jeden zur Zielscheibe ihrer Übellaunigkeit gemacht hatte und lassen den sonnigen Nachmittag dann auf der Karl-Marx-Alle mit Blick auf das Frankfurter Tor ausklingen.

In wenigen Tagen werden die dressierten Affen zurück in die Manege kehren und die Fußball-Europameisterschaft feierlich eröffnen. Aber FUDU wäre nicht FUDU, wenn sich nicht auch in dieser trostlosen Zeit das eine oder andere Schlupfloch auftun würde, um echten Fußball begutachten zu können… /hvg

29.05.2016 Brøndby IF – Sønderjysk Elitesport 1:2 (1:0) / Brøndby Stadion / 18.958 Zs.

Vollbepackt mit dänischen Gebäckspezialitäten und einem schmalen Getränkevorrat für die kurze Überfahrt macht sich die Reisegruppe auf zum Bahnhof Østerport (Anmerkung der Redaktion: Die Marketingabteilung FUDUs empfiehlt der Supermarktkette NETTO eine neue Eigenmarke zu kreieren und Dosenbier unter dem Namen „BRUTTO“ zu verkaufen! Was brauchen wir? Mehr Brutto vom Netto!). Wie schon des Öfteren ist diese nur unwesentlich später mal wieder von einer besonderen Albernheit betroffen, welche ihren Höhepunkt findet, als bei der Suche nach der S-Tog in Richtung Hundige die Befürchtung aufkommt, man müsse nach „szenehundigen Beamten“ Ausschau halten. Flachwitz, fast die Bahn verpasst, schlussendlich doch in der roten Schlange unterwegs in Richtung Brøndby Strand.

Während der Fahrt vom FCK/B93 Standort schlägt das Hopperherz bei diversen Flutlichtmasten höher und die Emotionen überschlagen sich förmlich, als uns bewusst wird, dass es sich um die Standorte Valby Idrætspark und Hvidovre Stadion handelt. Beide Stadien wurden vor genau einem Jahr besucht.

Am Zielbahnhof angekommen stellen wir zu unserer Ernüchterung fest, dass es in Brøndby Strand gar keinen Strand gibt, sondern wir in einem ziemlich tristen Banlieue mit diversen Hochhausbauten gelandet sind. Da FUDU auch stets seinem Bildungsauftrag nachkommen will, darf an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass Brøndby mit København in etwa so viel zu tun hat wie Babelsberg mit Berlin. Dem nächsten Sportkommentator, der fachkundig von „Brøndby Kopenhagen“ spricht, könnt ihr also getrost durch die Mattscheibe hindurch eine auf die Nase geben.

Wir entscheiden uns dann voller Überzeugung für etwas Ghettotourismus, verlieren dabei die Zeit etwas aus den Augen, doch der höchste Fahnenmast Dänemarks sowie ein Smartphone weisen zuverlässig den Weg. So weit wird dieser nun auch nicht mehr sein, denken wir uns, als wir die letzten Plattenbauten der Sozialbausiedlung hinter uns gelassen haben und uns auf einem schnurgeraden Radweg entlang der einzigen Hauptstraße inmitten eines an Brandenburg erinnernden grünen Nirgendwo befinden.

Eine folgenschwere Fehlannahme bei über drei Kilometern Fußweg, an dessen Ende wir fünf Minuten nach Anpfiff das Stadion betreten können. Die wegfallende Sicherheitskontrolle kann uns über die Gewissheit einer verpassten Choreographie nicht hinwegtäuschen und 50 Kronen für ein Bier halten uns davon ab, den Verlust dieses möglichen Highlights zu betrinken. Im Nachgang der Reise klären diverse Bildquellen auf, dass die Sydsiden mit der Choreographie gleich drei Spielern gedenkt, die heute verabschiedet werden. Elmander, Dumisi und Agger, wobei ins Besondere Letzterer auch weniger versierten Fußballkennern nach 10 Jahren Zugehörigkeit zum Liverpool FC ein Begriff sein sollte.

Die Trauer ob der verpassten Choreographie weicht schnell der hellen Freude über das Publikum, welches fast komplett in Gelb gekleidet erschienen ist und somit das Stadion ein geschlossenes Bild abgibt. Die Platzwahl ist frei und die Tür zwischen den Blöcken im Oberrang offen, sodass wir uns für einen Eckfahnenplatz entscheiden, von dem aus auch der volle Gästeblock beobachtet werden kann. Viele der heutigen Stadionbesucher zählen allerdings offenbar nicht zum Stammpublikum, was uns anhand des vielen Gequatsches um uns herum schnell klar wird. Auch das Angebot, mit dem Kauf eines Nickis oder Trikots die Eintrittskarte für das heutige Spiel gratis mit in den Warenkorb gelegt zu bekommen, wurde offensichtlich reichlich angenommen. Durch unseren Lokalhelden kommen auch wir zu dem Vergnügen, keinen Eintritt für diese Partie zahlen zu müssen und sorgen so mit den vielen anderen Eventies für eine Verdoppelung der Zuschauerzahl im Vergleich zu den vorhergehenden Heimspielen.

Für BIF geht es um nichts mehr, der vierte Platz ist gesichert und berechtigt, dank des Doubles des Erzrivalen aus der Hauptstadt, zur Teilnahme an der EL-Qualifikation. Leider fällt dementsprechend auch der Support der Sydsiden aus. Größere Aufmerksamkeit erlangt zwischenzeitlich nur das „Schalalala Hey Brøndby, AHU“. Ein gewisser Austausch der Fanszene mit den Jungs einer mecklenburgischen Ostseemetropole hat sich ja schon in der DVD „Blau Weiß Rot“ angedeutet und eine Gegenbewegung zum Band FCK/HSV ist ja gar nicht so weit hergeholt. Aber was hat das eigentlich mit Fußball zu tun? Exkurs Ende.

Für die Gelbblauen ist das hier und heute also eher eine Pflichtveranstaltung. So auch für mich und ich entschließe mich angesichts der Tatsache, über den gesamten Verlauf des Wochenendes kaum ein Auge zubekommen zu haben, für ein weiteres Nickerchen bei rollendem Ball. Für die Elitesportler aus Sønderjysk geht es hingegen sensationell um Rang 2 in der tabellarischen Endabrechnung. Entsprechend ausgelassen fällt der Torjubel zum 1:1 kurz nach der Pause aus, auch weil Midtjylland zur Halbzeit bereits 2:0 führt, wodurch mindestens ein Punkt erkämpft werden muss, um dem Traum von der Champions League näher zu kommen. Mit dem 1:2 (nach katastrophalen Fehler Daniel Aggers, der wohl doch nicht so ganz zu Unrecht mit nur 33 Lenzen die Schuhe an den Nagel hängt) lassen die Jungs um Thommy Bechmann dann die Katze aus dem Sack und die Überraschungsmannschaft der Saison 15/16 kann ihren beachtlichen Erfolg manifestieren. Davon reichlich gelangweilt setzt im Rest des Stadions ein fluchtartiger Bewegungsstrom ein und zwischen der 80. Minute und dem Abpfiff leeren sich die Tribünenteile abseits der Fanblöcke um nahezu 50 Prozent. Im unteren Tribünenteil wird ein Typ beim Gehen noch von den Ordnern umgerissen, was er verbrochen hat, bleibt uns aber leider vorenthalten.

Die verbleibenden Zuschauer feiern nach Abpfiff ihre Mannschaften, wobei Johann Elmander von der Sydsiden besonders bedacht wird. Nach einer roten Karte gegen Viborg (nach überzeugenden Schlag in des Gegners Gesicht) konnte sich dieser bedauerlicherweise am Tag seines Abgangs nicht spielend von den Fans verabschieden. Hinter uns sammeln vier dänische Testosteronbomber halbleere Bierbecher, lassen den Inhalt von einem Becher in den nächsten schwappen und setzen der Zeremonie dann die Krone auf, indem sie freibleibende Kapazitäten mit Eigenurin auffüllen. FUDU setzt nun konsequent auf den Schulterblick, um die Gefahr eventuell fliegender Becher einschätzen zu können. Doch zu unserer Erleichterung bleibt es nur bei Erleichterung ohne weitere Vorhaben in der Folge. Am Abend des nächsten Champions League Finales werden uns unsere Gastgeber dieses dänische Ritual des Becherpissens erklären müssen…

Nach dem Spiel machen wir es den Einheimischen gleich und nutzen den Bus nach Brøndbyøster und lassen uns zu Vorstadtpreisen Kebab, Pølser und Øl schmecken. Nachdem auf der Rückfahrt unsere SMS-Fahrkarte tatsächlich kontrolliert wird, wendet der IKEA-Hooligan aka Hoollege geschickt den Anstechtrick an und kann neben seinem Bier einen gehörigen Schluck aus der unfreiwillig angebrochenen Büchse der Mitreisenden ergaunern. Wahrlich, von diesem Taschenspieler kann man noch einiges lernen.

Am nächsten Morgen verlassen wir in aller Herrgottsfrühe das Haus unserer Gastgeber. Gegen 6.30 Uhr in der Frühe passieren wir auf dem Weg zum Bahnhof abermals das Haus der Familie Deutsch, sparen uns aber einen entsprechenden Gruß. Wir stellen fest, dass der gemeine Däne bereits vor dem Aufstehen über Laufbänder flitzt und Gewichte stemmt. Teile unserer Gruppe befinden sich aktuell genaugenommen restalkoholisiert auf dem Weg zur Arbeit, aber um 7.00 Uhr ins Fitnessstudio? Meine Güte, kriegt Euer Leben in den Griff! /fifa

29.05.2016 Boldklubben af 1893 – IK Skovbakken 2:2 (1:2) / Østerbro Stadion / 191 Zs.

Nach einer überraschend geruhsamen und auch in seiner Länge angenehmen Nacht erwachen die 3 „tyske slagtesvin“ auf ihren Feldbetten. Das verdammt langweilige Champions League Spiel am gestrigen Tage hatte unseren „Benjamin“ Fackelmann schon früher in die Federn bugsiert und so nimmt er es mir auch nicht übel, als ich ihn mit der Bosch Spielkettensäge von klein Emil wecke.

Während des ausgiebigen Frühstücks mit selbstgebackenen Brötchen unserer Gastgeberin (Tak Ida!) besprechen wir noch einmal was denn das erste Spiel des Tages sein soll. Eigentlich war Fremad Amager-Brønshøj (Aufstiegsrunde zur zweiten Liga) als Mittagsspiel geplant, aber wir entscheiden uns dann doch für den Boldklubben af 1893 und sein Match gegen IK Skovbakken im Østerbro Stadion und damit für die Abstiegsrunde. Das Stadion hatten wir im letzten Jahr nach dem Einkauf im FCK-Megastore gespotted und das Prädikat „sehenswert“ verpasst. Ein Fahrservice steht heute leider nicht zur Verfügung, da unser Gastgeber in der sogenannten „don’t-show-up-low-league” zu sehr unchristlicher Uhrzeit selbst auf dem Platz steht. Daher müssen wir heute auf den ØPNV der dänischen Hauptstadt umsteigen.

Der Ticketschalter am Bahnhof Skovlunde ruft allerdings absurde Preise für das 24h Ticket auf und auch die Infos im Bahnhofsbüdchen stimmen uns nicht optimistischer. Die Lösung in Form des billigeren Touristentickets findet Fackelmann nach endloser Recherche dank seines Smartphones. Also rein in die Bahn Richtung Innenstadt. Da das Buchen der Tickets doch länger dauert als gedacht und nach der Bezahlung das Ticket nicht gleich aufs Telefon gesendet wird, entscheiden wir uns sicherheitshalber für den Ausstieg an der nächsten Station. Hoolgers Nervosität steigt, da unser natürlich nicht sehr üppiges Zeitpolster schrumpft. Zum Glück kommt kurz nach dem Ausstieg die SMS mit dem Ticket und mit der nächsten Bahn treffen wir noch pünktlich am Stadion ein. Eine anständige Eintrittskarte gibt es traditionell wieder nicht, allerdings erhalten wir ein kostenloses Programmheft.

Der große Star sind heute mal nicht die Stadiontraversen an sich (obwohl die Haupttribüne durchaus ansehnlich ist), sondern eher das unmittelbare Umfeld. Die Akt-Skulpturen in olympischen Posen, die Klinker-Sporthalle, die Kirche im Hintergrund, das imposante Eingangsportal und das angrenzende PARKEN machen den Reiz dieser Sportanlage aus. Einzig die Tartanbahn in Dieter Hoeneß Blau fetzt irgendwie nicht.

Der erste Weg im Stadion führt uns 3 Øltras selbstverständlich zum Fress- und Bierstand. Es gibt, zu meiner Überraschung und Begeisterung (dritte dänische Liga!), zwei verschiedene Sorten Fassbier. Ähnlich begeistert ist scheinbar auch der Zapfer über dieses Angebot, denn über die Spiellänge gesehen ist er scheinbar sein bester Gast.

Den Anfang des Spiels erleben wir auf der Haupttribüne. Hier erspähen wir aus der Ferne drei Hopper, wobei einer ein Union Shirt trägt – kann man bei so einer Gelegenheit tragen, muss man aber nicht. Dieser Umstand und die schattige Lage laden nicht zum Verweilen ein und so verlassen wir die Haupttribüne recht zügig wieder, um im Inneren der Haupttribüne eine Tartanbahn und mehrere Sprossenwände zu entdecken. Ich ertüchtige mich körperlich kurz und dann ziehen wir auf die gegenüberliegende Seite in die Sonne.

Sportlich geht es heute um nicht mehr viel, B.93 kann nicht mehr absteigen und Skovbakken dürfte bereits genug Punkte für den Klassenerhalt gesammelt haben. B.93 ist in den ersten 20 Minuten etwas schläfrig und so steht es nach 21 Minuten 2:0 für die Gäste, wobei Kopenhagens Keeper noch einige Schüsse entschärft und so ein frühzeitiges Debakel verhindert. Wobei diese Schläfrigkeit eigentlich nicht zu erklären ist, da die Meisterschaftsfeier des FC København seinen musikalischen Schatten voraus wirft. Denn auf einer Bühne zwischen PARKEN und dem Østerbro Stadion wird der Soundcheck für die Feier abgehalten, heißt soundmäßig, dass Musik à la Safri Duo und anderes unerträgliches Zeug in ohrenbetäubender Lautstärke das Feld beschallt.

Spielerisch passiert nicht mehr viel, außer dass die Heimmannschaft in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit auf 1:2 verkürzt. In der kurzweiligen Halbzeitpause gibt uns Phil Collins über die Stadionlautsprecher noch einige Tipps über Frauen („She’s an easy lover, she will take your heart but you won’t feel it, she’s like no other, and I’m just trying to make you see“) und wir bestaunen die Klinkerkunst an der Sporthalle, welche unseres Erachtens nach die erste „gezielte Drittortauseinandersetzung“ dieser Kunstrichtung zeigt.

In der zweiten Halbzeit ziehen wir obenrum blank, genießen das sensationelle Wetter und schauen noch mit maximal einem Auge auf das Feld. Bis auf einen erfolgreich verwandelten Strafstoß zum 2:2 gibt es auch nicht viel mehr meldepflichtiges. Erwähnenswert ist nur, dass unser „Narkotiker“ Fackelmann dieses Spiel – als einziges des Wochenendes – nicht verschläft.

Nach Spielende begeben wir uns in den nahegelegenen FCK-Megastore wie in der letzten Saison auf der Suche nach Schnäppchen (Stichwort: „UDSALG“). Vor einem Jahr hatten sie uns im verwaisten Fanshop nach der enttäuschenden Saison quasi die Trikots nachgeworfen und die Tickets gleich hinterher. Dieses Jahr ist der Fanshop quasi überfüllt, es gibt keine Schnäppchen, im Gegenteil: es gibt sogar noch ein goldenes Meisterschaftstrikot zu einem gar nicht mal so günstigen Preis zu erwerben. So verlassen wir den Shop, müssen uns mehr schlecht als recht durch die trinkende und singende Menschenmasse kämpfen, die auf den Einlass ins PARKEN (FCK – Aarhus GF) wartet. Ich frage mich da allerdings wo die alle vor einem Jahr waren, als sich FUDU am letzten Spieltag der Saison 14/15 diesen Graupenkick gegen Hobro reinzog und maximal 1/3 der heutigen Jubelperser im Stadion waren. Naja egal, soll heute nicht mehr unser Problem sein! So packen wir uns im naheliegenden Supermarkt noch einige Wegpils in den Jutebeutel und machen uns auf den Weg in Richtung Brøndby Stadion. Das Gute liegt doch manchmal nicht so nah wie man denkt! /hool

28.05.2016 Lyngby BK – FC Fredericia 2:3 (1:1) / Lyngby Stadion / 1.441 Zs.

Am 06.06.2015 fiebert ganz Berlin dem Champions-League-Finale zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona im Olympiastadion entgegen. Ganz Berlin? Nein! Eine von unbeugsamen Charismaten bevölkerte Gruppe hört nicht auf, der Majorität Widerstand zu leisten.

UEFA-Public-Viewing am großen Stern? Fanfest am Brandenburger Tor? Nej tak!

Das verlängerte Finalwochenende verbringt FUDU in Dänemark, um dem dortigen Ligabetrieb einen Besuch abzustatten. Und da wir es hier nicht nur mit einer charismatischen, sondern auch einer traditionsbewussten Gruppe zu tun haben, gehört es sich einfach, dass diese auch das Champions-League-Finalwochenende 2016 in Dänemark verbringen wird. Gleiches Ziel, gleicher Gastgeber, gleiches Wohnzimmer, anderes Rahmenprogramm.

So begeben sich am sehr frühen Morgen des 28. Mai der Fackelmann und meine Wenigkeit auf den Weg zum Flughafen Schönefeld. In der Regionalbahn bewirbt sich die Zugbegleiterin um einen der vorderen Plätze auf unserer Abschussliste. Im Bahnhof Karlshorst fragt sie uns nach unseren Fahrscheinen, woraufhin ich ihr meine Umweltkarte für den AB-Bereich überreiche. Die pflichtbewusste DB-Mitarbeiterin liest die Karte ein, nickt schweigend, händigt sie jedoch nicht aus, sondern zelebriert den Moment, indem sie erst kurz vor der Weiterfahrt ansetzt: „Die ist genau…. …. …. …. [der Zug rollt an] JETZT nicht mehr gültig!“. Ein hämisches Grinsen fliegt über ihre fiese Visage, doch ich ziehe mein Anschlussticket schneller aus der Hosentasche als es Lucky Lukes Schatten jemals hätte tun können, schnipse ihr dieses flapsig vor das Gesicht und triumphiere lautstark: „aber DIE!“. Olle Zippe.

Am Flughafen hat sich das Gelächter ob dieses relativ kuriosen Momentums noch nicht gänzlich gelegt, ehe der Hoollege dafür sorgt, dass uns das Lachen im Hals stecken bleibt. Zunächst erscheint er nicht zur verabredeten Zeit am Treffpunkt und über sein Handy ist er nicht erreichbar. Da kann man schon mal nervös werden. Doch auch nach seiner Ankunft wird es zunächst nicht sonderlich entspannter. Aus Kostengründen hat die Reisegruppe nur ein Gepäckstück angemeldet und stopft nun Bier, Schnaps, Geschenke für die dänische Gastgeberfamilie und Bettwäsche in des Hoollegen Rucksack. Mit seiner hochgradig professionellen Kofferwaage wird das gute Stück überprüft, bevor es in easyJets Kostenfallen tappen kann. Aiiiii, sagt der Däne, 25 Kilo – das sind überschlagsgerechnet eindeutig fünf zu viel und so beginnt das große Umpacken und vorzeitige Leeren überzählig mitgeführter Glasflaschen. Am Ende aller Unternehmungen bleiben allerdings noch immer 23 Kilo auf der Uhr und so entschließt sich FUDU todesmutig, das Gepäckstück einfach aufzugeben und auf Kulanz zu hoffen oder eben darauf, dass die Kofferkontrolldame morgens um sechs einfach noch nicht ganz so aufmerksam ist. Wenig später ist klar, dass Fetti abermals mit einem blauen Auge davonkommt. Genau wie wir findet auch der Rucksack ohne Beanstandung seinen Weg ins Flugzeug. (Anmerkung der Redaktion: Was möglicherweise daran liegen könnte, dass die Kofferwaage das Gewicht des Gepäckstücks in Pfund anzeigte, wie sich im Nachgang der Reise aufklären ließ. Doch vorerst halten sich unsere tapferen Helden für wahre Gewinnertypen!)

Die Lümmel von der letzten Bank nehmen also Platz in Reihe 26 und schweben dösend gen København Lufthavn, wo kurz darauf ihr dänischer Gastgeber, stilvoll gewandet in Jogginghose und Union-Trikot, vom anliegenden Parkhaus zur Abhoolung hinüber zum Terminal eilt. Der Parkplatz ist womöglich genauso teuer wie der Flug, unbezahlbar die Beschallung mit dänischen Kinderliedern auf der Fahrt ins schöne Herlev.

Dort angekommen wird FUDU schnell Teil eines Familiennachmittags. Ein Kind ruht bei Oma, ein zweites wuselt Fußball spielend in Hummelbuchse durch den Garten. Die Dame des Hauses serviert einen Frühstückskaffee, der Fackelmann döst im Liegestuhl einfach noch ein wenig weiter und der Hoollege kümmert sich rührend um die jüngere Schwester der Gastgeberin. Nur einige Augenblicke später stellt sich jedoch ein Frühstückshüngerchen ein und die traditionsbewusste Reisegruppe beschließt einstimmig, dass der Hoollege die attraktive Dame links liegen lassen und man wie bereits im letzten Jahr zwecks Smørrebrødkauf in Ballerup vorbeischauen sollte. Mit drei Dänen und zwei Autos gedenkt FUDU diese Mission umzusetzen und nur kurz darauf sind bereits mehrere Tüten mit üppig belegten Broten prall gefüllt. Im Schatten der Flutlichtmasten des Lyngby Stadions rasten die hungrigen Hugos und fallen über die landestypischen Spezialitäten her. Smørrebrød, Röm-Pöm-Pöm!

An diesem wunderbar sonnigen Samstag trifft der Lyngby BK mit dem großartigen Wikinger im Logo auf den FC Fredericia. Es ist der letzte Spieltag der Saison und Lyngby steht als unangefochtener Tabellenführer bereits als Aufsteiger fest. Unsere dänischen Freunde mutmaßen, dass das Stadion wohl ziemlich voll werden wird, weswegen wir uns überaus rechtzeitig in Richtung Kassenhäuschen begeben und uns mit Eintrittskarten eindecken. Bereits eine Stunde vor Anpfiff betreten wir das Stadion – gähnende Leere. So bleibt genügend Zeit und Spielraum, fotografierend seine Runden zu drehen. Zwei Sitzplatztribünen, recht schnöde Flutlichtmasten, eine unbebaute Hintertorseite und eine furchtbar langweilige Stehtribüne im Stile des FSV Frankfurt hinter dem anderen Tor können begutachtet werden. Wir haben in Abwesenheit von Ordnern und Einlasskontrollen freie Platzwahl und entscheiden uns für gute Sitzplätze auf der Haupttribüne, selbstverständlich logistisch so gewählt, dass sich der nächstgelegene Bierstand in weniger als zehn Metern Entfernung befindet. Unser erstes dänisches Bier des Tages genießen wir dann angesichts des unerwartet guten Wetters mit hochgekrempelter Hose und im T-Shirt, während eine Dame in güldenem Kleid auf astronomisch hohen Absätzen an uns vorbeiflaniert. Im nebenan gelegenen VIP-Bereich erspähen wir den ehemaligen Lyngby-Akteur Yussuf Poulsen (aktuell ohne Fußballverein) und seinen Kumpel Emil Berggreen (Eintracht Braunschweig), die offenbar ihre Sommerpause in der Heimat genießen.

Das Spiel beginnt. Bei Lyngby sitzen die in Fußball-Deutschland bekannten Namen in unterschiedlichen Funktionen allesamt auf der Bank (Dennis Sørensen, Daniel Jensen, David Nielsen). Die Fanszene Lyngbys hat sich uns genau gegenüber positioniert, zündet ein wenig Rauch, einige Bengalos und begleitet das Spiel zwar permanent akustisch, aber halbgar. Wir fragen uns, warum man ein Spiel der dänischen zweiten Liga im Hertha-BSC-Trikot besuchen muss, treffen dann aber wenig später auch einen Zuschauer in Union-Shirt und finden diesen Umstand kaum besser. Die Hausherren gehen früh in Führung, stellen aber im Anschluss das Fußballspiel nahezu komplett ein und der FC Fredericia kreist permanent im Stile einer Handballmannschaft um den Strafraum Lyngbys herum, ohne vernünftige Abschlüsse zu produzieren. Nach 22 Minuten gelingt ihnen dennoch der Ausgleich – Frans Dhia Putros versenkt unnachahmlich einen Freistoß. Frans Dhia Putros? Halb Däne, halb Iraker! Ich fühle mich an meine Jugendzeit und an das Managerspiel Anstoß 3 erinnert, in dem der Zufallsgenerator im Jahre 2076 ständig Spieler dieser Art produzierte und man damals vor dem Rechner saß und sagte: „Frans aus’m Irak. Hmm, klar!“.

Das nächste Bier des Tages lassen wir uns dann in der Halbzeitpause schmecken. Auf der gegenüberliegenden Seite tragen die Barmiezen unheimlich attraktive Shirts, auf denen die Bierpreise in Staffelung aufgedruckt sind: 1 Øl 30 DKK, 2 Øl 55 DKK, 3 Øl 75 DKK usw. – bis man mit seinen Blicken sabbernd an ihrem Bauchnabel angekommen ist und bei 6 Øl für 125 DKK den Hot-Button drückt. Zugeschlagen!

Wir kehren zurück auf unsere guten Plätze. Herr Poulsen und Herr Berggreen lassen noch gut fünfzehn Minuten auf sich warten, ehe sie mit VIP-Würstchen in der Hand selbiges tun. Sie kommen gerade noch rechtzeitig, um in der 66. und 67. Spielminute den Doppelschlag der Gäste zum 1:3 mitzuerleben. Fackelmann döst währenddessen auf seiner Sitzschale einfach noch ein wenig weiter und verpasst daher leider auch die wohl spektakulärste Szene der zweiten Hälfte, als der einzige Gästefan seinen Gästekäfig verlässt, um auf der Heimtribüne direkt hinter der aktiven Szene ein Bier zu erwerben und dann reumütig in seinen Bereich zurückzukehren. Prost!

Die Sonne hat bereits erste Spuren auf unseren Gesichtern hinterlassen und so erfreuen wir uns darüber, die letzten Minuten des Spiels im Schatten zu erleben. Ein kleiner Junge steht nun dicht am Spielfeldrand und grüßt seinen Fußball spielenden Vater. Dem „Boldklubben“ aus Lyngby gelingt per Strafstoß noch der Anschlusstreffer und schon kann sie starten, die wohl verhaltenste Aufstiegsparty aller Zeiten. 50 Mann hüpfen und skandieren drei Mal: „Superliga, Superliga, hey, hey!“. Gar nicht mal so gut.

Den Rest des Abends werden wir auf der größeren Fußballbühne verbringen. Zunächst steht das dänische Meisterwerk „Sommeren 92“ von Regisseur Kasper Barfoed auf dem Programm. Groß ist der Jubel im Wohnzimmer, als John Jensen und Kim Vilfort die DFB-Elf im EM-Finale in die Knie zwingen. Unsere dänischen Gastgeber lernen so, dass wir keine Deutschen, sondern Berliner sind. Wir hingegen erfahren, dass es durchaus schwer sein kann, einem dänischen Film mit dänischen Untertiteln zu folgen. Weitere wichtige Themen des Abends:

– Schwedisch „ is only retarded Danish“! Wir liegen aufgrund der Imitation des Singsangs vor Lachen auf dem Boden
– „Vokuhila“ heißt auf dänisch „Bundesliga Garn“
– Miroslav Penner hat das schönste Bundesligahaar aller Zeiten, wobei „Penner“ das „German word for Clochard“ ist
– Lars Elstrup, einer der 92er-Helden, ist nach seiner Karriere zunächst Mitglied einer Sekte geworden und rennt nun ab und an splitterfasernackt durch Einkaufszentren oder über Fußballfelder
– Norbert Dickel und Mark Strudal spielten einst für Borussia Dortmund und konnten sich auf den Tod nicht ausstehen (http://www.bundesligalegenden.de/mark-strudal.html)

Kurzweilig.

Im Hintergrund spielen in Mailand derweil Real und Atletico gegeneinander Fußball. Das 1:1 habe ich kommen sehen und ernte nun Lobeshymnen für mein Fachwissen. Am Ende gewinnt bedauerlicherweise Real nach Elfmeterschießen. Wir trinken abwechselnd Faxe Kondi und dänisches Dosenbier. Und mittlerweile fiebert auch unsere charismatische Reisegruppe dem nächsten Champions League Finale entgegen. Wo das stattfindet? In Dänemark natürlich! /hvg

22.05.2016 FC Strausberg – BSV Hürtürkel 4:1 (1:0) / Energie Arena an der Wriezener Straße / 112 Zs.

Beflügelt durch den gestrigen und überaus gelungenen Ausflug nach Brandenburg an der Havel sollte die Oberliga heute abermals Ziel meiner „Reise“ werden. Auch am Sonntag hat diese Liga einen Spielort im Angebot, an dem das Komplettpaket aus Fußball, See und Sonne buchbar ist. Pack die Badehose ein, es geht an den Straussee!

Ich kaufe mir sogleich ein Kategorie-C-Anschlussticket und freue mich darüber, dass der Bahnhof Strausberg-Stadt vom Ostkreuz kommend in nur 45 Minuten ohne Umstieg mit der S-Bahn erreicht werden kann. Aber die Berliner S-Bahn wäre nicht die Berliner S-Bahn, wenn es nicht auch auf dieser Strecke gelänge, ein bis zwei Hindernisse einzustreuen. Notarzteinsatz, Polizeieinsatz, Signalstörung, Weichenstörung, Schrankenstörung, gestörte Störungsanzeigen. Irgendetwas fällt den Verantwortlichen ja immer ein, um die Spannung zu erhöhen. So wird der Fahrgast an diesem sonnigen Sonntag zu zwei außerplanmäßigen Umstiegen in Biesdorf und Strausberg Bahnhof genötigt, wodurch sich die Fahrzeit beinahe verdoppelt. Gibt ja bekanntlich keine schönere Zeiteinheit als 90 Minuten…

Das Sonnenbad am See verschiebe ich kurzerhand. Auch nach dem Spiel wird genügend Zeit zum Nichtstun übrig sein. Stattdessen schlendere ich durch die nahezu ausgestorbenen Gassen der Altstadt. Keine Menschenseele außer mir interessiert sich für dieses Unterfangen und das, obwohl Stadtmauer und Stadthaus durchaus etwas Aufmerksamkeit verdient hätten. Schön ist die sympathische Mischung aus liebevoll sanierten Altbauten und komplett verwahrlosten Schandflecken. Ach, ich liebe dieses herrlich morbide im Berliner Umland und erfreue mich immer wieder an heruntergekommenen Häusern und leerstehenden Geschäften, die einem förmlich Geschichten aus den 90er Jahren entgegen schreien, so als hätte damals irgendjemand auf die Pause-Taste gedrückt und die Zeit angehalten. Von einem vollmundig als „Aussichtsplateau“ angekündigten Holzbalkon werfe ich einen ersten Blick auf den Straussee, erspähe eine doch einigermaßen belebte Fähranlegestelle und habe dann nur noch wenige Meter zur Spielstätte des FC Strausberg zurückzulegen.

Das Umfeld des Stadions eignet sich hervorragend für Drittortauseinandersetzungen. Ein unübersichtliches Waldstück, leerstehende Restaurants und brachliegende Veranstaltungsräume mit eingeschmissenen Scheiben lassen das Herz des gemeinen Hooligan höher schlagen. Wenn da doch bloß die Polizeiwache nicht wäre, die sich in nur 50 Metern Entfernung genau gegenüber des Stadions befindet. Schade.

Während sich das wunderbare Stadion in Brandenburg an der Havel ganz bescheiden „Sportplatz“ schimpfte, lautet das Motto des FC Strausberg offenbar eher „Think Big!“ und so führt die Spielstätte den Titel „Arena“. Es scheint keine Regularien zu geben, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um seinen Sportplatz Stadion oder sein Stadion Arena nennen zu dürfen. Was ist bloß aus unserem anständigen Deutschland geworden? Darf denn jetzt hier jeder machen, was er will? Danke, Merkel!

Die „Arena“ in Strausberg ist jedenfalls genaugenommen lediglich ein Rasenplatz mit unheimlich viel Freifläche drumherum. Drei Seiten sind unausgebaut und spielend leicht wäre es möglich, aus den angrenzenden Grünflächen den Hausherren ohne Bezahlung beim Abstiegskampf zuzusehen. Um die einzig ausgebaute Seite „Tribüne“ zu nennen, bedarf es ebenfalls eines Euphemismus. Die wenigen blauen Sitzschalen, die auf einigen Fotos im Internet zu sehen sind, sind bereits wieder demontiert. Es gibt nur noch zehn Stufen, fünf Reihen Holzbänke und eine kleine Liegewiese, auf der ich es mir bequem mache, mir die Sonne auf den Bauch scheinen lasse und mein Stadionbier und meine Stadionwurst verzehre.

Einst wurde der FCS ein wenig bekannter, als der „Hauptstadclub“, der seine 75.000 Mann Schüssel häufig mit nur 35.000 Hanseln füllen kann, auf die großartige Idee kam, Menschen aus Brandenburg in Scharen einzufangen und in das Olympiastadion zu karren. Im Zuge dieses Projektes wurde auch die Stadt Strausberg zur Partnerstadt von Hertha BSC erklärt, doch heutzutage finden sich im Stadion und Stadionumfeld hiervon keinerlei Spuren mehr. Alles in allem ist also alles angerichtet für einen gelungenen Fußballnachmittag.

Die meisten Zuschauer haben sich kurz vor Anpfiff der Partie weder auf den Stufen, noch auf den Bänken oder der Wiese platziert, sondern stehen oberhalb der Ausbauten an einer Reling. Der Trommler trägt ein Carl-Zeiss-Jena-Trikot, der Stiernacken vor mir ein Eisbären-Tattoo. Neben mir positionieren sich zehn Unentwegte mit einer Fahne, die hier wohl den aktiven Teil der Fanszene repräsentieren. Vorbei an der Wasserrutsche der angrenzenden Schwimmhalle betreten die Akteure das Feld. Und wenn man schon in einer „Arena“ spielt, dann darf ein Kamerateam natürlich genauso wenig fehlen wie ein offizieller Spielball, der auch in Strausberg auf einem Podest liegt und von irgendeiner Firma mit Weltruf präsentiert wird. Wahlweise Bäckerei Mehlwurm, Metzgermeister Schnitzelbaum, Hörgeräteakustiker Wiebitte – oder ein Friseur mit einem kreativen Namen.

Das Spiel beginnt. Es spielt der Drittletzte der Tabelle gegen das abgeschlagene Schlusslicht vom BSV Hürtürkel, der unlängst im Berlin-Pokal am legendären SC Borsigwalde gescheitert war. Bei zwei Absteigern und nur noch drei zu spielenden Partien ist ein Sieg für die Gastgeber heute Pflicht, um sich bei fünf Punkten Vorsprung beinahe sämtlicher Sorgen am unteren Tabellenende zu entledigen. Und so legt man auch los wie die sprichwörtliche Feuerwehr und hat nach sechs Spielminuten bereits drei 100%ige Torchancen liegen gelassen. Nach zwanzig Spielminuten stehen auf meinem Notizblock fünf Großchancen und ein Lattenschuss zu Buche. Nach 25 Minuten bricht Ondrej Brusch endlich den Bann und bringt den FCS in Führung. Der darauf einsetzende Torjingle bringt mich zum Schmunzeln, weil ich unweigerlich an Homer Simpson beim Floating denken muss. Folgende Serviceleistug kann ich anbieten: https://www.youtube.com/watch?v=MR-5s3Svrw8.

In der zweiten Halbzeit gleicht der BSV Hürtürkel mit dem ersten Schuss auf das Tor aus. Vorher hätte es auch keinen Schuss geben können, da man sich nie mit Ball am Fuß in des Gegners Hälfte befand. Jetzt aber scheppert Sercan Rohn nach Pass von Jesucristo (!) Kote López aus 30 Metern einen in den Winkel und die vielzitierte Binsenweisheit von ausgelassenen Chancen und folgender Bestrafung macht die Runde. Insgesamt ist der BSV aber dermaßen hoffnungslos unterlegen, dass er die nun immer wütender werdenden Angriffe der Hausherren nicht verteidigen kann. Mein absoluter Liebling Ringo Kretzschmar hat dann auch nur 10 Minuten nach dem Ausgleich die Führung wieder hergestellt. Am Ende schraubt der FCS das Ergebnis in die Höhe und gewinnt verdientermaßen mit 4:1. Der Stadionsprecher verliest noch die offizielle Zuschauerzahl für „Presse, Funk und Fernsehen“, während die angesprochenen 122 zahlenden Zuschauer bereits die Anlage verlassen.

Nach dem Spiel zieht es mich noch einmal zurück zum Straussee. Hierfür passiere ich den „Kulturpark“ der Stadt Strausberg, wobei der kulturelle Teil heute in Form einer Hüpfburg bedient wird. Nun ja. Einige Meter weiter folgt der Strand, an dem sich unheimlich viele tätowierte Mandys mit ihren Tunnel-Ronnys ihre Beck’s Green Lemon munden lassen. Ich lege mich dazwischen, schalte die Brandenburger Elite dank Kopfhörer und den Libertines aus und genieße wohl vorerst letztmals das gute Wetter. Am kommenden Wochenende wird es in Dänemark wohl leider keine Sonne geben – und glücklicherweise auch keine S-Bahn! /hvg

21.05.2016 Brandenburger SC Süd 05 – SV Victoria Seelow 3:2 (0:1) / Werner-Seelenbinder-Sportplatz / 201 Zs.

Wenn irgendwelche Brandenburger Umlandaffen ihre Dortmund- und Bayerntrikots aus den Schränken hervorkramen, sich als Fußballfan verkleiden und in der Berliner Innenstadt herumnerven, dann kann man sich eines gewiss sein: Es ist wieder DFB-Pokal-Finale! So auch an diesem wunderbaren 21.05.2016. Grund genug für mich und den Hoollegen, Reißaus zu nehmen und bei angenehmen 24 Grad dem Fußballsport an der Basis zu frönen. Heute führt uns unser Weg in die NOFV-Oberliga-Nord, in welcher im pittoresken Brandenburg an der Havel am 28. Spieltag noch um Punkte gekämpft wird.

Dank der Bahncard25 im Portemonnaie verlassen für den Tagesausflug lediglich 10,40 € selbiges. Auch das mit wertvoller Lebenszeit gefüllte Konto wird nicht übermäßig belastet. Nur 58 Minuten dauert die Fahrt mit der Regionalbahn und schon begibt sich FUDU auf die Suche nach den verheerenden Brandschäden in der Altstadt Brandenburgs, die bei einem Großbrand am 15.05. entstanden sein müssten. Doch offenbar sind in Brandenburg besonders schnelle Restauratoren tätig oder die geschädigten Häuser wurden innerhalb einer Woche niedergerissen und in der Havel versenkt. Wir jedenfalls können keine Schäden in der durchaus attraktiven Altstadt feststellen und genießen bei strahlendem Sonnenschein die Sehenswürdigkeiten der kreisfreien Stadt mit 71.000 Einwohnern: Steintorturm, Promenade entlang der Havel, Kloster St. Johannis, altstädtisches Rathaus, Roland, Dom St. Peter und Paul. Und selbstredend findet sich auch eine Hommage an den wohl bekanntesten Ehrenbürger Brandenburgs, Vicco von Bülow, im Stadtbild wieder.

Obwohl uns in der gesamten Stadt ansprechende Werbeplakate in die letzten florierenden Großraumdiscotheken der Umgebung locken wollen („Brandenburg tanzt!“, „Venga Venga“!), ziehen wir es vor, einen Abstecher zum Beetzsee zu unternehmen. Dort können wir die Sportanlage am Grillendamm begutachten, einen kurzen Einblick in ein Junioren-Hockeyturnier gewinnen und anschließend am nahegelegenen Strand etwas Urlaubsflair simulieren. Sehr angenehm.

Im Anschluss erreichen wir den Werner-Seelenbinder-Sportplatz zu Fuß und das, obwohl in Brandenburg an der Havel nach wie vor einige Straßenbahnlinien unterhalten werden. Wir stellen zu unserer Verwundung fest, dass Brandenburg Süd im Norden der Stadt zu Hause ist und treffen kurz darauf im Stadionlokal auf einen uns bekannten Unioner mit schicker Plastiktüte, der offenbar aus Seelow stammend heute die Victoria unterstützen wird. Darüber hinaus machen wir Bekanntschaft mit einem etwas verbitterten Alt-Brandenburger, der uns sein Herz ausschüttet. Seine Frau ist krank, heute ist Brunch im Altersheim, er flieht lieber zum Fußball. Aber auch das macht ihm eigentlich keinen Spaß mehr, weil er einst für Motor Brandenburg die Knochen hinhielt und dafür heute niemand mehr Dankbarkeit zeigt. Keiner kennt ihn. Eintritt zahlt er aus Protest nicht, stattdessen lässt er „seinem“ Ordner immer ein paar Taler schwarz zukommen, um dem Verein eins auszuwischen. Abschließend zitiert er Wilhelm Busch: „Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut!“. Wunderbar.

Beschwingt durch diese positiven Energieströme (und dadurch, dass sich die Dame am Tresen bei Bier- und Gyrosbestellung in Verrechnung mit den abgegebenen Pfandbechern zu unseren Gunsten irrt und die Preisschraube in eine angenehme Richtung dreht) betreten wir den Sportplatz, der sich getrost „Stadion“ nennen dürfte. Eine wirklich hübsche Anlage mit einer überdachten Haupttribüne und einigen Stehplatzstufen hinter den Toren und auf der Längsseite. Einzig und allein die asymmetrische Pappelbepflanzung hinter der Gegengeraden führt zu deutlichen Abzügen in der B-Note. Wir nehmen auf der Haupttribüne Platz, trinken Berliner Kindl und lassen uns die Sonne auf den Wanst scheinen.

Beide Teams haben zwei Spieltage vor Ende der Serie den Klassenerhalt bereits im Sack und lassen in der ersten Halbzeit mit Schönwetterfußball die Saison ausklingen. Besonders der 17er der Gäste, Anastasios Alexandropoulos, sticht mit seinem feinen Fuß, aber ebenso mit seiner Körpersprache besonders hervor. Hier wird kein Meter mehr gemacht als nötig! Wahrlich, viele Akteure würden jetzt wohl auch lieber am Beetzsee liegen…
Nach 25 Minuten gehen die Gäste aus Seelow in Führung. Eine Viertelstunde später gelingt es ihnen nicht, diese per Strafstoß in die Höhe zu schrauben und schon geht eine ereignisarme erste Spielhälfte zu Ende.
In der zweiten Hälfte wechseln wir mit einem neuen Bier auf die Gegengerade. Am Spiel ändert sich zunächst nichts grundlegendes, ehe Brandenburgs Kapitän Görisch urplötzlich aus der Distanz abzieht und nach einer guten Stunde den Spielstand mit diesem satten Fernschuss egalisieren kann. Nun drücken die Hausherren ordentlich auf die Tube und erzwingen nur wenige Minuten später einen Foulelfmeter, den abermals Görisch zur umjubelten Führung verwerten kann. Wie im Anschluss des ersten Treffers gibt es erneut technische Probleme beim Abspielen der Torhymne, doch Brandenburgs Stadionsprecher gibt sich keinerlei Blöße und lässt sein geschrienes „Süd“ erklingen, welches vom Publikum frenetisch mit „Feuer!“ beantwortet wird.

Der Conny-Wieland-Moment (1): Conny Wieland war einst Nationaltorhüter der DDR-Juniorenauswahl. Vom 7.12.1996 bis zum 18.05.1997 stand er beim glorreichen 1.FC Union Berlin unter Vertrag. In dieser Zeit absolvierte er drei Spiele und kann sich daher getrost „Union-Legende“ schimpfen. Bis vor wenigen Jahren hütete er bei Brandenburg Süd das Tor und noch heute wird er 40-jährig als Ersatztorwart auf dem Spielberichtsbogen geführt. Schon immer galt er als etwas trainingsfaul, gegenwärtig spricht seine Statur dafür, dass er womöglich auch dem einen oder anderen Bier und gutem Essen nicht in Gänze abgeneigt ist. Damals jubelte der Hoollege ihm von den alten, schiefen Traversen des Stadions an der Alten Försterei zu. Nun fliegt ein Ball in das Gebüsch hinter der Gegengerade des Werner-Seelenbinder-Sportplatzes. In Ermangelung von Balljungen macht sich Conny Wieland auf den Weg, doch der Hoollege ist schneller, schnappt sich den Ball aus dem Grün und wirft ihm Conny in die Hände. Conny fängt gewohnt sicher, die beiden schauen sich tief in die Augen.

In den letzten sechs Minuten des Spiels fallen noch zwei Tore. Zunächst schnürt Kapitän Görisch seinen Dreierpack und setzt dem Spiel den Deckel auf. Die tapfer kämpfenden Gäste kommen noch zum Anschlusstreffer. Die Entstehung ist erwähnenswert, weil Seelows Angreifer im Strafraum klar getreten wird, er aber nicht fällt, um einen Elfmeter zu schinden. Leider geben Schiedsrichter jedoch häufig nur dann Elfmeter, wenn man eben selbiges tut. So läuft das Spiel weiter, doch man kann es wohl Gerechtigkeit nennen, wenn aus der folgenden Flanke ein Kopfballtreffer resultiert. Dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab und Brandenburgs Stadionsprecher bejubelt beinahe ekstatisch den 3:1 (sic!) Heimsieg der Hausherren.

Der Conny-Wieland-Moment (2): Nach dem Spiel versammeln sich viele Stadionbesucher abermals im Vereinsheim, in dem heute Abend das Pokalfinalspiel übertragen werden wird. Conny Wieland kauft sich etwas zu essen. Zufällig kreuzen sich noch einmal unsere Wege, als Conny in seinen SUV steigt, um das Stadiongelände zu verlassen. Ein Dialog für die Ewigkeit entsteht: „Du bist Conny Wieland!“, sagt der Hoollege. „Ja!“, antwortet Conny trocken und düst mit nun wieder heruntergekurbelten Scheiben in die Nachmittagssonne. Es knistert. So hat sich mit 14 die Vorstellung angefühlt, ein Mal mit Blümchen zu knutschen.

Auf der Suche nach etwas essbarem und einem über den Fangzaun geschossenen Ball stromern wir noch einmal um das Stadion herum. Ein Lidl ist schnell gefunden und die Taschen für den restlichen Aufenthalt in Brandenburg und für die Rückfahrt werden gefüllt. Ohne Macheten ausgestattet schlagen wir uns anschließend in die Botanik, um der Nahrungs- und Getränkeaufnahme noch eine spielerische Komponente hinzuzufügen, geben jedoch nach einiger Zeit entnervt auf. Kein Ball für FUDU! Wie sich etwas später herausstellen wird, haben wir schlicht und ergreifend an einer vollkommen falschen Stelle gesucht. Reine Spekulation, ob eher die stetige Sonneneinstrahlung oder doch die kontinuierliche Kindlaufnahme zu dieser Orientierungslosigkeit führte.

Wir jedenfalls kehren noch einmal an den Beetzsee zurück und verlängern unseren Aufenthalt in Brandenburg außerplanmäßig. Noch immer ist es angenehm warm und sonnig und so entschließen wir uns für ein grundsolides Nickerchen am Strand. Als ich aufwache, nehme ich zunächst wohlwollend zur Kenntnis, dass sich eine attraktive junge Dame soeben barbusig in die Fluten begibt. Gutes Timing! Dann checke ich die Endergebnisse anderer Spiele auf dem Smartphone.

„Sand am Arsch!“, sage ich. „Ich auch“, antwortet der Hoollege. Einstudierte Flachsrakete – gemeint war allerdings der Pokaltriumph der Frauen des VfL Wolfsburg gegen den SC Sand. Aber wer, außer Brandenburger Umlandaffen, interessiert sich schon für den DFB-Pokal… /hvg

 

01.05.2016 Juventus FC – Carpi FC 2:0 (1:0) / Juventus Stadium / 40.316 Zs.

Es ist der 01. Mai 2016. Tag der Arbeit. Glücklicherweise haben wir heute keine und so verlassen wir unsere Hotelbetten in Brescia tiefenentspannt, um nur kurz darauf noch einmal in den Genuss des U-Bahn-Netzes der Stadt zu kommen. Als wir den Zug am Hauptbahnhof verlassen, haben sich zwei Ticketkontrolleure an den Ausgang des Bahnhofs postiert. Wir zeigen pflichtbewusst unsere Billets, während eine Oma mit Regenschirm schnurstracks an den beiden Ragazzi vorbeizieht. Diese geben sich nur kurz Mühe, die Signora anzuhalten, ihren Fahrschein nachzuweisen, doch die Dame ohne Ticket sitzt am längeren Hebel. Ihre Schimpftiraden zünden eingangs nicht vollends, doch die nun folgende Drohgebärde unter Einsatz des Regenschirms kann die beiden Kontrolleure überzeugen, sie endgültig passieren zu lassen.

Beschwingt von diesem italienischen Moment am frühen Morgen nehmen wir gelassen zur Kenntnis, dass unser Zug nach Torino 20 Minuten Verspätung haben wird. Wir füllen das Zeitfenster abermals sinnvoll, indem wir in der Bahnhofspinte zwei Peroni à 0,66 Liter und Sandwiches, die nummerisch zu unseren Sitzplätzen passen, käuflich erwerben und zunächst in den Rucksäcken verstauen. Wir brausen zwischen Novara und Vercelli an matschigen Feldern vorbei. Erste Scherzraketen werden gezündet: Ist unser Zug entführt worden? Good Morning, Vietnam! Ein Blick in den Reiseführer verschafft dann aber schnell Klarheit. Es handelt sich tatsächlich um Reisfelder, die wir beide nicht in Italien verortet hätten. Aber gut, auf die Querverbindung hätte man kommen können, schließlich schnippelt der Italiener an sich gerne ein paar Funghi in Pampe und nennt das ganze dann Risotto, welches hier offenbar direkt aus der Suhle gefischt werden kann.

Nach nur knappen zwei Stunden Fahrt erwacht ein latenter Bierdurst innerhalb der Reisegruppe und schon hat diese im Frecciabianca folgende kniffelige Aufgabe zu lösen:
Wenn wir um 10.00 Uhr das Bier öffnen und fahrplanmäßig um 10.50 Uhr in Torino ankommen und wir in dieser Zeit je 0,66 Liter Bier zu uns nehmen müssen, in welchen Zeitabständen müsste man einen Shot trinken, um innerhalb von 50 Minuten die Gesamtmenge Bier zu tilgen? Die im Zug errechnete Antwort: Alle drei Minuten und zwölf Sekunden, so man von einem Shot mit 4 cl ausgeht. Vielleicht hätte mir Mathe damals auf diese Weise auch schon Spaß bereitet.

Und während ihr noch so nachrechnet, ob das auch nur ansatzweise stimmen kann, sitzen wir bereits im Linienbus zum Delle Alpi. Genaugenommen stehen wir im Linienbus, der ziemlich voll ist und genaugenommen geht es auch nicht zum Delle Alpi, sondern zum Nuovo Delle Alpi, welches offiziell unter dem schmuckvollen Namen Juventus Stadium firmiert. Im Bus werden wir recht bald von einem Italiener in ein Gespräch verwickelt, der aktuell im Rahmen eines Auslandssemesters in Reutlingen (!) studiert und zunächst vorgibt, einer der größten Juve-Tifosi weltweit zu sein, dann aber relativ schnell klein bei gibt, als er feststellt, dass wir in den vergangenen zwei Spielzeiten aus Deutschland kommend wesentlich mehr Spiele der alten Dame live im Stadion gesehen haben als er – und das, obwohl er lange Zeit in Italien gelebt hatte. Er verspricht uns, dass die „Stimmung heute eine Bombe“ werden wird und seine Vorfreude auf das Spiel ist nahezu mit Händen zu greifen.

Auch wir sind guter Hoffnung, heute ein besonderes Spiel erleben zu dürfen. Bereits vor Wochen kämpfte ein Software-Spezialist in einem Berliner Büro einen ganzen Vormittag lang mit der F5 Taste gegen die italienische Listicket-Plattform. Mit dem Ergebnis, am Ende des Tages zwei Tickets in zwei verschiedenen Blöcken auf zwei verschiedenen Tribünen zu stattlichen Preisen käuflich erworben zu haben. Ich lege schmale 75 Taler auf den Tisch, der Juventino gar 85. Egal. Das Stadion ist restlos ausverkauft. Ganz Torino scheint diesem Spiel entgegenzufiebern. Juventus ist seit dem vergangenen Spieltag offiziell italienischer Meister und so hoffen wir, dass das Heimpublikum seine Helden 90 Minuten lang frenetisch bejubelt und am Ende des Tages der Scudetto emporgereckt wird, inklusive KonFETTIkanonen und „We are the Champions!“ vom Band.

Nun entlassen wir aber erst einmal unseren Reutlinger Freund aus dem Gespräch und umkreisen die Arena auf der Suche nach dem Kassenhäuschen, an dem wir unsere Tickets entgegennehmen können. Das Juventus Stadium sieht von Außen so aus, wie ein modernes Stadion eben so aussieht, lediglich das wunderbare Alpenpanorama überzeugt. Ein Vorteil des Neubaus ist der Standort – die Arena wurde nicht irgendwo an einer Autobahn errichtet, sondern exakt an der selben Stelle des alten Stadions. Noch mehr Pluspunkte gibt es dann für die erfolgreiche Kartenübergabe. Ich sitze in Reihe 13, Platz 12 und bin in Gedanken plötzlich bei Freunden in Kreuzberg. Nächstes Jahr bin ich dann wieder mit von der Partie, Leute!

Mein Bruder und ich verabschieden uns an einem Imbissstand voneinander, den wir gleichzeitig zu unserem späteren Treffpunkt deklarieren. Ich passiere eine erste Sicherheitsschleuse, wofür das Zeigen der Eintrittskarte ausreicht. Kurz darauf folgt Kontrolle Nummer zwei: Ich habe noch immer das richtige Ticket, doch obendrein erfolgt ein oberflächliches Abtasten. Auch dieses bestehe ich erfolgreich und erreiche nun Level Drei: Oha, der Endgegner. Dieser will das Ticket sehen, mich abtasten UND in meinen Rucksack schauen. Es kommt, wie es kommen muss und Mario Montanari hat etwas zu monieren. Mit meiner bedrohlichen wurstgefüllten Tupperdose schickt er mich mit einem müden Lächeln zurück zu Sicherheitsschleuse Uno.

Hier deponiere ich die Dose mittenmang hunderter Trinkflaschen, anderer Verpflegungspakete und unzähliger Regenschirme auf offener Straße, reihe mich erneut in die Schlangen ein und lasse die dreimalige Prozedur abermals über mich ergehen. Dieses Mal erfolgreich, sodass ich wenige Minuten vor Anpfiff Platz im Stadion nehmen kann – gerade noch rechtzeitig zur großartigen und von 40.000 Menschen emotional mitgeschmetterten Juve-Hymne („Storia di un grande Amore!“)!

Das Juventus Stadium sieht von Innen so aus, wie eine moderne Arena eben so aussieht. Zwei Sitzplätze bleiben neben mir frei und so informiere ich meinen Bruder gegenüber per SMS, ob er nicht die Seite wechseln und sich dem Endgegner stellen mag. Er verzichtet jedoch dankend, nicht ohne über Listicket zu schimpfen, die mit ihrer katastrophalen Plattform abermals dafür gesorgt haben, dass das Stadion eben NICHT ausverkauft ist. Mehrere Plätze auf den Tribünen bleiben verwaist, ins Besondere im Oberrang hinter dem Tor und nahe des VIP-Bereiches klaffen deutliche Lücken. Ansehnlich gefüllt ist hingegen der Gästeblock des Carpi FC. Schön wäre es, wenn diesem italienischen Fußballmärchen (Dorfclub steigt von der 4. bis in die 1. Liga auf und nimmt einige Spieler den gesamten Weg über mit) mit dem Klassenerhalt ein letztes gelungenes Kapitel hinzugefügt werden könnte…

Das Spiel ist recht schnell zusammengefasst: Es spielt der bereits feststehende Meister gegen einen Verein, der um das Überleben in der Serie A kämpft. Die Hausherren bieten (auf dem Platz und auf den Rängen) nicht ihre allererste Garde auf und tun nur das Nötigste, während sich Carpi (auf dem Platz und auf den Rängen) mit Händen und Füßen wehrt, sich selbst einige Chancen erspielt und so zurecht lange Zeit Hoffnung auf einen Punkt haben darf. Nachdem Juve durch Hernanes in der 42. Minute per Fernschuss das 1:0 gelingt, rufen sie jedoch nach und nach ihre Qualität ab, spielen mit großer Leichtigkeit und das eine oder andere technische Schmankerl wird dem Publikum feilgeboten. Zunächst bereitet es große Freude, diesem Zirkus zuzusehen, aber mit der Zeit lässt die Begeisterung nach. Juve wirkt müde, das Publikum satt, die Stimmung im weiten Rund bewegt sich nunmehr auf dem Niveau eines Freundschaftsspiels. Einen Schreckmoment gibt es, als Pogba ohne Einwirkung des Gegenspielers plötzlich auf dem Feld zusammensackt. Der Sportmediziner in mir konstatiert: entweder ist nichts passiert – oder Kreuzbandriss. Auch ganz Frankreich hält kurz vor der EM den Atem an und glücklicherweise steht der Topstar nach wenigen Augenblicken wieder auf den Beinen. Als dann in der 60. Minute nach minutenlanger Stille „La Ola“ durch die Arena schwappt, beginnt mein Herz deutlicher für den Underdog zu schlagen. Nach 75 Minuten hätte sich Carpi den Ausgleich verdient gehabt, doch im Stile einer absoluten Spitzenmannschaft verwertet Zaza per Kopf einen wie am Reißbrett entworfenen Konter zum 2:0. Jetzt bringt nur noch der Schiedsrichter etwas Farbe ins Spiel, indem er ab der 85. Minute plötzlich wie wild mit gelben Karten um sich wirft. Da musste wohl noch irgendeine Quote erfüllt werden.
Das Spiel wird abgepfiffen, das Stadion leert sich. Nichts mit Konfettikanonen, nichts mit Scudetto-Übergabe.

Etwas enttäuscht schleiche ich aus dem Stadion und finde an der ersten Einlassschleuse zu meiner Überraschung meine Tupperdose samt Inhalt wieder. Ein Lächeln kehrt auf mein Gesicht zurück – endlich deutsche Wurst, endlich Piemontkirschen für Fetti! Weiter geht’s zum Imbissstand, an dem mein Bruder, ebenfalls etwas enttäuscht ob der Darbietungen im Stadion, bereits auf mich wartet. Bei ein-zwei Bierchen und Salsiccia-Snack ist das Spiel schnell ausgewertet.

Am Bahnhof Torino Porta Susa steht bereits unser Bus nach Milano-Malpensa zur Abfahrt bereit. Der Busfahrer ist nicht fingerfertig genug, um unsere Fahrkarten an der gestrichelten Kante per Abriss zu entwerten. Nachdem er erfahren hat, dass wir aus Berlin kommen, stellt er Querverbindungen zu Osteuropa her und stammelt wirres Zeug auf russisch und erzählt etwas über Warszawa. Freunde, wenn ihr mich fragt: Der ist betrunken. Aber das hier heute Abend eben leider auch unsere einzige Möglichkeit, noch zum Flughafen zu gelangen. Glücklicherweise liegt mein Testament bereits vollständig ausgefüllt im Safe meines rumänischen Kassenwarts.

Im Bus verschaffe ich mir zunächst einen Überblick. Es gibt keine Toilette und wir haben knappe zwei Stunden Busfahrt vor der Brust. Psychoterror. Kalter Schweiß. Zitterige Hände. Ich fange an, an den Nägeln zu knabbern. Und es kommt, wie es kommen muss: Nur 25 Minuten nach Abfahrt drücken die zwei Bier dermaßen auf die Blase, dass ich ausschließlich an Flushing Meadows denken kann. Wenigstens ist der gesamte hintere Teil des Busses menschenleer und ich male mir bereits aus, wie es mir gelingen kann, meine Notdurft zu entrichten, ohne dass der betrunkene Fahrer es merkt – als dieser plötzlich auf der Autobahn in zweiter Spur hält und wortlos den Bus verlässt. Aus dem Fenster sehe ich ihn noch mit einer Rolle Toilettenpapier in einer Unterführung verschwinden und jubiliere. Jawohl, wir Sprittis halten eben zusammen! Ich eile aus dem Bus, nutze den außerplanmäßigen Stopp ebenfalls und kehre hochgradig erleichtert auf meinen Platz zurück. Die restlichen 1h35min gehen leicht von der Hand…

… der Fußweg vom Flughafen in unser Flughafenhotel dann eher nicht so. Zwischenzeitlich sind wir uns nicht mehr in Gänze sicher, ob wir uns noch auf Wegen befinden, die man betreten darf, oder ob wir Gefahr laufen, von der italienischen Luftwaffe mit Risotto attackiert zu werden. Irgendwann kurz vor Mitternacht erreichen wir unsere Billigabsteige, die dann aber mit einem Concierge aufwartet, der offenbar in einem früheren Leben in einem fünf-Sterne-Ressort arbeitete und uns nun auf Wunsch Tramezzini zubereitet und uns für den kommenden Morgen einen Shuttle zum Flughafen organisiert, telefonischer Weckservice inklusive. Da kann man nicht meckern.

Wir genießen unser Toastbrot im Schein einer Lampenattrappe. Die Nacht ist kurz, aber erholsam. Die Taxifahrt am nächsten Morgen ebenfalls, da uns unser Fahrer wortlos in der Lobby empfängt, unser Gepäck wortlos in seinem Auto verstaut, uns wortlos 10 Minuten zum Flughafen fährt und uns dort wortlos aus seinem Auto entlässt. Über seinem Gehirnbehälter schwebt eine Sprechblase: Am Montag um 4.30 Uhr zum Flughafen? Muss das denn sein, ihr Assis?

Ja, muss sein. Irgendwann muss FUDU schließlich auch mal Geld verdienen. Beispielsweise am 02.05.2016. Tag der Arbeit eben. /hvg

30.04.2016 Brescia Calcio – Vicenza Calcio 0:1 (0:0) / Stadio Mario Rigamonti / 7.557 Zs.

Endlich haben es die Spielplanmacher der DFL einmal gut mit uns gemeint. Mein Herzensverein erhält ein Heimspiel am Freitagabend gegen den VfL Bochum und schon tut sich im Anschluss ein zweitägiges Zeitfenster auf, das mit adäquatem Inhalt gefüllt werden mag. Schnell entschließen sich mein Bianconeri-Bruderherz und meine Person, einen spontanen Abstecher nach Italien zu unternehmen, um Juventus zu Hause spielen sehen und auf dem Weg dorthin noch ein zweitklassiges Vorspiel mitnehmen zu können.

Am Samstagmorgen landen wir in Bergamo, der Stadt, in der ich mich dank Ryanair mittlerweile mit verbundenen Augen bewegen kann. Der obligatorische Stadtbummel ist schnell erledigt und schon sitzen wir bei strahlendem Sonnenschein frühstückend in den Straßen der norditalienischen Stadt. Wenig später hocken wir mit zwei kiffenden Afrikanern auf dem Bahnsteig und warten auf unseren Zug nach Brescia. Die erste Etappe wird in einer Regionalbahn zurückgelegt, in der wir lernen, dass das italienische Wort „fallo“ offenbar nicht nur das „Foulspiel“ auf dem Fußballfeld bezeichnet, sondern auch in anderen Alltagssituationen Fehlverhalten benennt. Hier und heute belegt der Schaffner jedenfalls zwei schwarzfahrende Jugendliche mit eben diesem Wort und bittet sie zur Kasse.

Vor unserem Umstieg in den nächsten Zug haben wir einige Minuten Zeit, die FUDU natürlich nutzt, um in den Bahnhofskiosk einzukehren. Mit zwei 0,66 Liter Flaschen Peroni wird der Rucksack zwar etwas schwerer, die Vorfreude auf die Weiterfahrt aber größer. Die einfahrende Bahn ist dann leider so überfüllt, dass es für uns nur zu einem Stehplatz im Gang reicht. Das Bier trinken wir immer dann, wenn für wenige Augenblicke genügend Spielraum entsteht, die Flasche zum Mund zu führen. Dabei werden wir von den Italienern so angeschaut, wie man in Italien nun einmal angeschaut wird, wenn man anstelle eines feinen Weines ein Bier trinkt. Und dann auch noch in der Öffentlichkeit. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Italiener Bier in 0,66 Liter Flaschen füllen, um genau diesen Blicken weiteres Futter zu liefern: Was für Bauern. Bestimmt Deutsche.

Diesen Fauxpas (oder: fallo) machen wir wieder wett, als wir kurz darauf kulturinteressiert durch die Gassen von Brescia stromern. Schnell stellt sich heraus, dass wir von der Architektur Brescias begeisterter sind, als wir dies laut  des vorab bei ebay ersteigerten Reiseführers sein dürften. Hier heißt es beispielsweise über den Dom, den wir imposant finden: „Mit ihrem Stilgemisch und ihrer Massigkeit kann die 1604 begonnene, komplett aus strahlend weißem Botticino-Marmor gestaltete Kirche letztlich wenig überzeugen“. Auch mal eine Marktlücke – der ehrliche Reiseführer.

Besonders angetan hat es uns das U-Bahn-Netz der Stadt. Brescia ist eine der kleinsten Städte Europas, die über ein solches verfügt. Erst 2013 wurde dieses fertiggestellt und soll dank vollautomatisch fahrender Züge den Stadtverkehr entlasten. Wir gönnen uns eine Fahrt zum Hotel, sitzen wie die kleinen Kinder direkt hinter der Frontscheibe des ersten Wagens und spielen Zugführer.

Das Hotel erreichen wir aufgrund der schnellen unterirdischen Passage der Stadt noch vor der vereinbarten Check-In-Zeit und müssen nun den Rezeptionisten herbeiklingeln. Dieser ist so freundlich, eilt aus einem Nebengebäude herbei und empfängt uns trotz unserer deutschen Überpünktlichkeit herzlich. Das Lachen vergeht ihm auch nicht, als er feststellt, dass er auf die Schnelle kein Wechselgeld finden kann. Kurzerhand entschließt er sich, uns das Zimmer ein wenig günstiger zu überlassen, damit wir passend zahlen können. Gute Lösung!

Wir schauen auf die Uhr. Nur noch 25 Minuten bis zum Anpfiff und laut Stadtplan ist doch noch ein Stückchen Hauptstraße abzulaufen. Wir hetzen durch die Nachmittagssonne und werden erst dann vorsichtig optimistisch, dass wir es noch pünktlich zum Anpfiff schaffen, als ein Familienvater mit Sohn und Brescia-Schal auf eine Art Feldweg abbiegt. Geheimweg, Abkürzung, FUDU ist dabei und folgt unauffällig. Wenig später sehen wir die Flutlichtmasten des Stadions, noch zehn Minuten bis zum Anpfiff, jetzt noch schnell eine Eintrittskarte besorgen. Die Kassen vor dem Stadion sind jedoch verschlossen, auch hinter der Kurve gibt es keine Eintrittskarten zu erwerben. Es sind nur noch acht Minuten bis zum Anpfiff übrig, als wir erfahren, dass es Tickets nur in einem Container auf der Hauptstraße gegenüber der Schwimmhalle zu erwerben gibt. Klar, liegt ja auch auf der Hand. Warum sollte man die Karten für das Spiel auch direkt vor dem Stadion in den Kassenhäuschen verkaufen, wenn man nicht auch einen Container in zwei Kilometern Entfernung auf die Straße stellen kann?

FUDU et la Famiglia hetzt also zurück. Etwas fluchend, aber auch etwas grinsend über diese Kuriosität, muss man wohl von einer emotionalen Unausgewogenheit sprechen. Diese hat sich aber nur wenig später wieder austariert, da unter dem Strich steht: Wir sind in Italien. Bei 25 Grad und Sonnenschein. Gibt schlimmeres. Und nur wenige Minuten nach Anpfiff betreten wir das Stadion des italienischen Zweitligisten Brescia Calcio, der heute Vicenza Calcio zum Stelldichein erwartet.

Das Stadion hat eine wunderbare alte Bausubstanz zu bieten, die jedoch auf zwei Seiten optisch durch Stahlrohrtribünen malträtiert wird. Während die alte Haupttribüne in ihrer ursprünglichen Form genutzt wird, erweitert eine Behelfstribüne hinter der Gegengeraden die Kapazität des Stadions zu Lasten der Optik. Die Fanszene Brescias steht komplett in blau und weiß gekleidet hinter dem Tor, ebenfalls auf einem Stahlrohrungetüm, welches vor die alte Kurve in den Innenraum des Stadions gestellt worden ist. Nicht so schön auch der permanente „Klapperkrach“, den die Zuschauer auf der Geraden erzeugen, indem sie auf die Bleche trampeln und mit den Händen gegen die Alu-Balustraden trommeln. Lediglich die Fankurve sorgt für echte Fußballatmosphäre, doch die vielen Gesänge und Parolen entweichen in Ermangelung eines Daches zu schnell in das weite Rund und das umliegende Gebirge.

Das Niveau des Spiels passt sich dann nahtlos dem Stadionambiente an und reißt einen nicht von den Sitzen. Vicenza versucht es mit schnellen Abschlüssen aus allen Lagen und Distanzen und wirkt durch diese Aktivitäten noch etwas mehr so, als könnten sie in der Lage sein, ein Tor zu erzielen. Wie schon in Livorno zu Ostern braucht es für dieses Erfolgserlebnis im italienischen Unterhaus dann aber doch 94 Spielminuten und einen Elfmeterpfiff. Vicenza fährt durch einen verwandelten Strafstoß einen nicht ganz ungerechtfertigten Auswärtsdreier ein.

Während die Spieler der Heimmannschaft mit Applaus von ihrer Kurve verabschiedet und aufgemuntert werden, lassen es sich die siegreichen Gästeakteure nicht nehmen, vor ihrer komplett verwaisten Fankurve eine Welle zu zelebrieren. Die Nichtexistenz von Auswärtsfans ist ja noch lange kein Grund, nicht angemessen vor dem Block zu feiern.

Nach dem Spiel genießen wir noch einmal das Leben in Brescias Altstadt, besichtigen das Castello, welches zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und kehren schließlich in einem Bistro ein, welches uns dadurch überzeugt, dass das Titelbild der Speisekarte ein Eis leckender Hund ziert. Mehr Qualität kann man nicht erwarten und so klingt der laue Frühlingsabend mit Bier und Imbiss zu Fuße des Kastells von Brescia aus… /hvg