809 809 FUDUTOURS International 25.06.19 07:48:49

26.03.2016 AS Livorno – FC Pro Vercelli 1892 0:1 (0:0) / Stadio Armando Picchi / 6.891 Zs.

Kurz vor Ostern sitze ich mit einigen Freunden und Bekannten im Kino Babylon. Im Rahmen des Fußballfilmfestivals „11mm“ genießen wir den Streifen „Una meravigliosa stagione fallimentare“. Der großartig gemachte Film begleitet den am Boden liegenden AS Bari durch eine Saison, für die es kein besseres Drehbuch hätte geben können und die entgegen aller Erwartungen am Ende beinahe mit einem Aufstieg in die Serie A endet. Wenn man nach diesem Film keine Lust verspürt, sich italienischem Zweitligafußball zuzuwenden, dann sind Hopfen und Malz wohl verloren…

So also besteige ich nur wenige Tage später ein Beförderungsmittel meiner irischen Lieblingsfirma und düsenjette nach Bergamo. Seit meinem Ausflug nach Malta via Bergamo im Oktober berichte ich immer wieder gerne, wie ich mir nachts am Flughafen ein spektakuläres Wettrennen mit einer jungen Dame um die wirklich einzige Steckdose geliefert habe. Die Geschichte endete damals so, dass Krystyna aus Katowice knapp gewann, wir aber zwei nette Stunden gemeinsam an der Steckdose herumlungerten und am Ende nicht nur die Handys voll waren. Sei es wie es sei: DIE Steckdose am Flughafen Bergamo gibt es aktuell leider nicht mehr. Das Café ist hinter Pressspanplatten verschwunden und wird offenbar saniert, was mich heute aber nicht weiter stört, da meine Weiterreise nach Livorno per Zug unmittelbar bevor steht.

In Milano Centrale steigen dann Mutti (überschminkt) und Tochter (überschminkter) zu. Aufgrund der Anzahl der Tüten ist zu befürchten, dass die beiden die gesamte Innenstadt leer gekauft haben. Das Platzangebot im Frecciabianca minimiert sich deutlich und mir fällt es angesichts des Outfits und des Habitus der beiden unheimlich schwer, wegzugucken.

Glücklicherweise bin ich gerade einmal vier Stunden später bereits in der Toskana angekommen. In Livorno begrüßen mich etwas Abendsonne, Palmen vor dem Bahnhof und zum seichten Einstieg in das italienische Verkehrschaos zwei Kreisverkehre ohne Fußgängerüberwege, die es direkt vor dem Bahnhofsgebäude zu überqueren gilt. Ich mache auf der anderen Seite angekommen drei Kreuze, dass ich den Auftakt in dieses Abenteuer überlebt habe und vergleiche aktuell ersichtliche Straßennamen mit meinen handschriftlichen Notizen bezüglich der Anreise zum Hotel. Keine Übereinstimmungen soweit.

Schnell stellt sich heraus, dass in Livorno offenbar niemand in der Lage ist, mit mir in englischer Sprache zu sprechen, aber wirklich alle Menschen, die ich im Verlauf des folgenden völlig planlosen Spaziergangs um Hilfe bitte, kommunizieren in irgendeiner Form mit mir. Auf Italienisch in erster Linie, gerne auch etwas lauter werdend, sobald Verständnis dafür eingekehrt ist, dass ich nichts verstehe. Mit wilden Gesten und Handzeichen. Mit Geleitschutz, mit Stadtplaneinsichten auf dem Smartphone. Von einer alten Dame werde ich sogar kurzzeitig an die Hand genommen. Als ich nach gut 90 Minuten Irrweg mein Hotel erreicht habe, bin ich bereits in Livorno verliebt.
Am nächsten Morgen wächst diese Liebe ins Unermessliche, als die Grand Dame des Hauses hinter der Rezeption hustend im Morgenmantel aus ihrem Raucherkabuff schleicht. Einen Stadtplan hat sie nicht, Englisch kann sie nicht, sie lacht, die Sonne scheint, a dopo!

So verbinde ich also das Angenehme mit dem Nützlichen und ich streife auf der Suche nach Tourismusbüro und Livorno-Eintrittskarte bei bestem Wetter durch die Gassen der Stadt, über große Plätze, entlang diverser Wasserstraßen, kehre in der wunderbaren Markthalle ein und werfe einen Blick auf den Hafen und die riesigen Kreuzfahrtschiffe.

Der Eintrittskartenkauf scheitert in einer Art Lotto-Geschäft im ersten Versuch daran, dass die Ticketmaschine angeblich defekt sei. Immerhin habe ich kurz darauf das Tourismusbüro gefunden und muss für einen Stadtplan vom Abreißblock 0,50 € zahlen, wofür sich die freundliche Dame beinahe entschuldigt und mich zur Wiedergutmachung mit wesentlich höherwertigen Informationsbroschüren, die paradoxerweise kostenlos sind, eindeckt. Auf meine Frage, wo sich in der Stadt das Fußballstadion befände, schmunzelt sie und sagt: „Nobody ever asked that before“, doch nach kurzer Suche hat sie mir einen Kugelschreiberkringel um das Armando Picchi gesetzt. „Can I reach the Stadium by foot?“, frage ich – „Of course, you can. You are young and you have legs!“, antwortet sie spitzfindig. Ach, wie Recht sie doch hat…

Der zweite Versuch im selben Zeitungskiosk kann dann erfolgreich gestaltet werden. Der Mitarbeiter mit der Schicht nach der Siesta weiß von der defekten Ticketmaschine nichts und nimmt freundlich meine Daten auf. Er empfiehlt mir die überdachte Haupttribüne, weil man dort keine Sonne abbekäme. Ich deutsche Kartoffel tippe mit dem Finger nun immer energischer auf die „Tribuna Gradinata“ auf der vor mir liegenden Stadionübersicht. Gegengerade, unüberdacht, gib mir ganz viel Sonne für 23,00 €, Ragazzo! Freundlicherweise weist er mich noch auf eine Ticketaktion des AS hin, im Zuge derer man heute für nur 5,00 € einen Freund mit in das Stadion nehmen könnte. Gut, das kopulierende Pärchen im Hotel nebenan hat gestern Nacht einige intime Details mit mir geteilt (Versager!), doch Freundschaften sind so schnell leider nicht entstanden und so muss ich dem nett gemeinten Angebot leider eine Absage erteilen. Nur wenige Augenblicke später rattert mein Ticket aus der defekten Maschine und ich begebe mich jugendlich frisch und mit meenen molto bene (zwee an der Zahl) auf den Weg in Richtung Stadion.

Ich flaniere die Strandpromenade „Lungomare“ entlang. Eingesäumt von Palmen, das Meer zu meiner rechten, die ballernde Sonne von vorne, lege ich auf der „Terrazza Mascagni“ auf halber Strecke einen Halt ein und sauge so viel positive Energie wie möglich auf. Wenn der Weg zum Stadion meines Herzensvereins alle 14 Tage doch bloß genau so aussehen würde…

Kurz darauf erspähe ich die Flutlichtmasten des Armando Picchi am Horizont. Bei über 20 Grad finden es die Einheimischen doch noch etwas frisch und so ziehen diese teilweise mit Jacke, Kapuze und Handschuhen (!) ausgerüstet an mir vorbei. Ohnehin bin ich in meinem kalendarischen Gleichgewicht bereits irritiert. Hier in Livorno riecht es an vielen Stellen so, wie man es zu Hause dergestalt als untrügliches Zeichen für den Hochsommer deuten würde: Nach erwärmten Hundekot (der, wie ich als Hobbyveterinär anzumerken habe, häufig bedenkliche Konsistenz hat)! Und zur Krönung der Verwirrung erblicke ich in direkter Stadionnähe eine attraktive Dame, die zu „Conga“-Klängen von Gloria Estefan dem winterlichen Vergnügen des Eistanzes nachgeht – auf einer Betonfläche. Na, watten nu? Einigen wir uns einfach auf: Frühling.

Es flattern derweil SMS-Grüße aus den Stadien in Cloppenburg (mein Bruder) und Lichtenberg (mein Vater) ein. Mit den dort genannten Bierpreisen kann mein Stadion-Peroni (gekauft an einem griechischen Imbiss mit Aris Saloniki Wimpeln) für 2 schlanke Euro locker mithalten, welches ich noch vor Betreten des Blockes mit Blick auf die wunderbar bröckelnde „Tribuna Gradinata“ genieße. Der Ordner spricht leider kein Englisch, ich leider kein Italienisch. Aufgrund der klassischen Pattsituationen verzichtet er darauf, den Inhalt meines ostberliner Reisekoffers zu überprüfen. Netter Mann.

Blecherne Durchsagen wie an einem alten Bahnhof scheppern kurz darauf durch das weite Rund, während ich in der knallenden Sonne zwischen alten Herren Platz nehme. Schnell noch etwas Sonnencreme ins Gesicht, Gästefans durchzählen (49), Hopperspasti.

Das Spiel zwischen dem vom Abstieg bedrohten Gastgeber aus Livorno und dem FC Pro Vercelli, einer der ältesten italienischen Fußballclubs mit ruhmreicher scudettogekrönter Vergangenheit (7x Meister zwischen 1908 und 1922), beginnt. Es entwickelt sich ein zum Gähnen langweiliger Kick, da beide Mannschaften mit etlichen defensivorientierten taktischen Fesseln auflaufen. Es gibt kaum herausgespielte Torchancen, stattdessen häufen sich hilflose Weitschüsse aus abnormen Distanzen. Ein Akteur Livornos versucht es gar per Seitfallzieher aus gut 25 Metern. Nach 30 Minuten gibt es erste Pfiffe aus der weinroten Kurve, in der es übrigens keine deutlich linken Symboliken mehr zu sehen und leider auch keine bekannten Melodien zu hören gibt. Da hatte die 11 Freunde Redaktion, die den AS Livorno und seine Galionsfigur Cristiano Lucarelli vor gut 10 Jahren in wirklich jedem Heft als linkes Pendant zum Fußballkommerz in den Himmel gelobt hatte, wohl zu viel versprochen. Nach 45 Minuten verlassen erste Menschen fluchtartig das Stadion, was ich von meinem Platz am oberen Rand der Tribüne mit Blick auf den Stadionvorplatz gut beobachten kann.

Im zweiten Spielabschnitt wird das Spiel zwar etwas lebendiger, bleibt aber gleichermaßen fehlerhaft. Alles pendelt sich auf ein trostlos-torloses und gerechtes Remis ein, als der Herr Schiedsrichter in der 94. Minute den Gästen einen überaus zweifelhaften Handelfmeter zuspricht, den Marchi vewandeln kann. Livorno taumelt nun dem Abstieg entgegen, ich habe einen Sonnenbrand im Gesicht und mein Lachen über den eingewechselten Gästespieler Mattia Mustacchio verfliegt auch, als ich aus Nahdistanz konstatieren muss, dass dieser über gar keinen Schnurrbart verfügt. Blender.

Im weiteren Verlauf der Reise werde ich noch den Wirtschaftsflüchtling und seine charmante schottische Begleitung auf einen Espresso treffen und auf eigene Faust das Touristenmoloch Pisa besichtigen. Den schiefen Turm tragen alle auf Händen, nur ich wähle den fotografischen Blickwinkel der anderen Seite, sodass ich die Flutlichtmasten des örtlichen Fußballstadions mit im Bild habe. Kurz vor dem Rückflug vergeht mir erstmals die Lust auf Kackeland, als ich in einem Straßencafé ein Gespräch in einer mir vertrauten Sprache vernehmen muss. Szene ab:

Personen: Mutter (52), Sohnemann Jonathan (11) und Vater Klaus-Dieter (63):

M: „Jonathan, könntest Du mir einen Gefallen tun? Sei doch nicht immer dermaßen larmoyant! Und du Klaus-Dieter, geh doch bitte nicht immer darauf ein!“

V: „Jonathan, wo wir gerade dabei sind, tue mir doch bitte den Gefallen und führe die Speise zum Mund, nicht den Mund zur Speise!“

J: „Mama, Leonardo da Vinci kommt doch aus Florenz, oder?“

M: „Jonathan, nun überlege doch mal. DA Vinci. Was mag das wohl bedeuten? Selbstredend kommt Leonardo DA Vinci von, also aus, Vinci!“

Im Hintergrund habe ich soeben mein Bier und mein leckeres Mittagessen auf den Tisch gekotzt – und das noch bevor ich auch nur ahnen kann, dass auch die zweite Bekanntschaft mit einer Familie aus Kackeland eher anstrengend werden wird. Das weibliche Oberhaupt dieser hat nämlich am Flughafen in der easyjet-Schlange nichts besseres zu tun, als alle 30 Sekunden auf die Uhr zu schauen und zu bemängeln, dass dieser Flug wohl nicht pünktlich starten würde.

Gleichzeitig faucht sie in ähnlichen Zeitabständen Mann und Kind an, was diese zu tun und zu lassen hätten. Meine Fresse. Wahrscheinlich hat die Alte gerade 10 Tage Urlaub in der Toskana gehabt, hat trotz Aufenthalt in Italien nichts von all dem verstanden, was das Leben so ausmachen kann und unter dem Strich ist ihr offenbar nichts wichtiger, als auf die Sekunde pünktlich in ihr scheiß Spießerleben in Berlin-West zurückzukehren. Ich würge noch etwas Spinat nach. Nächstes Jahr schaukel ich mir wieder die Ostereier am Strand. Mit hoffentlich noch weniger Menschen, deren Sprache ich spreche und mit noch mehr Menschen, die ich verstehe. /hvg

07.02.2016 FC Basel – FC Luzern 3:0 (0:0) / St. Jakob-Park / 25.821 Zs.

Es ist relativ spät geworden, als wir am Samstag in unserem preisbewusst gewählten Hotel in Basel einchecken. Es verbleibt gerade noch genügend Kraft für eine Dusche in der legendären IBIS-Astronautenkabine, ehe die Klassenfahrt-Doppelstockbetten fair verteilt werden und das gute alte zdf-Sportstudio die Nachtruhe einläutet.

Als wir am nächsten Morgen erwachen, regnet es bereits in Strömen. Nur gut, dass wir beim Auschecken drei Tageskarten für den öffentlichen Nahverkehr Basels samt Stadtplan gratis an der Rezeption erhalten. Den Weg in die Stadt können wir so trocken und überdacht in der Straßenbahn zurücklegen, wobei wir nur wenige Sekunden nach Abfahrt von zivilen Kontrolleuren zum Vorzeigen unserer Billets aufgefordert werden. Von der uns kontrollierenden Dame erfahren wir, dass es uns 100 Franken gekostet hätte, wären wir ohne Fahrkarte unterwegs gewesen. Ihr Kollege trägt einen wunderbaren Hut, kann unsere darauf bezogenen Komplimente aber nur widerwillig annehmen. Am Ende des Vormittags werden wir alles gesehen haben, was Basel so zu bieten hat: Rathaus, Altstadt, Basler Münster, Theater und ein Hallenflohmarkt, dessen Kundschaft sehr an das szenige Kreuzberg erinnert, politisch korrekte zeitgemäße Versorgungsstände mit überteuerten Unnötigkeiten inklusive. Während eines Spaziergangs am Rhein fallen diverse Anti-Pegida-Plakate ins Auge, wobei ins Besondere der Slogan „Kartoffelauflauf? Kein Bock drauf!“ zu überzeugen weiß. Außerdem stellt die Basler Fähre eine Besonderheit dar, die Groß- und Kleinbasel verbindet und an einem Drahtseil befestigt die Strömung des Rheins zur Überfahrt nutzt. Eines dieser Holzboote legt offenbar seit 1877 direkt vor dem Münsterhügel an und geht somit als das wohl spektakulärste Kirchenschiff der Welt in die Notizbücher ein. Ganz nett, erledigt.

Spannender gestaltet sich in der Schweiz abermals die Suche nach erwärmten Nahrungsmitteln, die gegen 13.00 Uhr den aufkommenden Mittagshunger für unter 20 Franken zu stillen versprechen. Als vor der „Bierhalle zum braunen Mutz“ ein Sonntagsbrunch für 38 Franken beworben wird, schüttelt es uns ein wenig und gedanklich kehrt man bereits bei Mc-Donald’s ein, ehe man sich daran erinnert, dass man in Aarau selbst bei der königlichen Konkurrenz 18 Fränkli für das preiswerteste Fleischbrot der Karte und frittierte Kartoffelstangen gelassen hatte. Der bereits öffentlich angedrohte Hungerstreik FUDUs kann gerade noch so abgewendet werden, da sich ein Asia Bistro namens „Mr. Wong“ erbarmt, die Reisegruppe in Empfang zu nehmen. In der Kantinenküche mit Selbstbedienung gibt es beispielsweise Eierreis mit Hühnchen für geradezu freundschaftliche 14 Franken. Zugeschlagen, denkt sich da der Cateringverlierer und steuert sehenden Auges zielstrebig in das nächste kulinarische Verderben. Während sich die hoolde Maid eine Suppe aus einem eimerähnlichen Gefäß und der Hoollege eine exotische Speise munden lässt, kämpft unsereins mit hartem, vertrocknetem Reis und totgebratenem Huhn. Alter, what’s Wong with you?

Jetzt hilft nur noch literweise Sojasoße, um das Elend ein wenig zu minimieren. Guter Plan, dem angesichts des horrenden Aufpreises für wenige Milliliter Soße aus dem Plastikbecherchen ein Riegel vorgeschoben wird.

Drauf geschissen. Aber auch das ist aufgrund der verschlossenen Toilettentür, die man nur mittels Code öffnen kann, leichter gesagt als getan. Der Hoollege erfragt diesen bei den asiatischen Servicekräften und kehrt schulterzuckend zurück. „Irgendwas mit Sekunde“, so seine Antwort auf die Frage nach dem einzugebenden Zahlenschlüssel. Das tendenziell rassistische imitieren deutsch sprechender Menschen mit asiatischem Migrationshintergrund überlasse ich jetzt euch. Vielleicht kommt ihr ja auch anderweitig auf des Rätsels Lösung: „600“ ist jedenfalls gemeint. Nein, nein, is kein Snaps, is nul Flaume!

Der Weg zum Stadion ist mit der Straßenbahn schnell zurückgelegt. Der St. Jakob-Park ist eine moderne Fußballarena, die zuletzt für die EM 2008 baulich verändert worden ist. Der Zahn der Zeit nagt etwas an der Stadionumgebung und der altmodischen Fassade. Das unmittelbar angrenzende Shoppingcenter und der Umstand, dass sich der Bahnhof direkt hinter dem Kurvenbereich verorten lässt, versprüht dann jedoch wieder die Modernität, die man in der Umgebung eines EM-Stadions eher erwartet hätte.

Ein kleiner Junge wird mit selbstgebastelter FCB-Fahne, bestehend aus Stock und Einkaufstüte mit Logo, von einem Ordner abgewiesen. Für ihn sicherlich kein guter Start in die Rückrunde. Sein Vater reagiert umgehend und versteckt das gute Stück unter einer Treppe, an der wir gerade stehen, um unsere letzten Getränke zu leeren. Kurz darauf betreten wir das Stadion, nehmen bessere Plätze als die von uns bezahlten ein und staunen, dass die Spieler den Kabinentrakt durch eine überdimensionierte Senftube verlassen und den heiligen Rasen betreten. Der schöne Panoramablick aus dem Stadion ist durch die hohen Ränge und den VIP-Klotz auf der Haupttribüne leider etwas verbaut. Auf Seiten des FC Luzern kennt man Trainer Babbel und die Spieler Fandrich und Schachten, beim Gastgeber freut man sich besonders über die Namen Walter Samuel und Marc Janko.

Die Gäste werden von gut Sekunde Mann aus dem proppevollen Gästeblock unter dem Dach unterstützt, wobei man heute einem Faschingsmotto folgend verkleidet anreist. Die dazugehörigen Spruchbänder sind aufgrund des Sprachbarrierlis leider vollkommen unverständlich, während die Hausherren offenbar gegen die Vereins- und Transferpolitik ihres Clubs protestieren. Das Spiel beginnt – und hat in der ersten Halbzeit nicht all zu viele Höhepunkte zu bieten. Der Außenseiter aus Luzern hat gar die größte Chance des ersten Spielabschnitts, scheitert aber am Pfosten. Insgesamt gelingt es ihnen sehr gut, den haushohen Favoriten und Serienmeister aus Basel in Schach zu halten. In der 43. Minute wird es dann abenteuerlich, als Herr Safari aus Basel gelb erhält. Die Videowand beginnt, das übliche Werbespektakel abzuspulen. Diese Karte wird ihnen präsentiert von… Mr. Wong! Ein kleiner animierter asiatischer Kung-Fu-Koch springt dabei durch das Bild, verkörpert offenbar die „gelbe Gefahr“, holt einen gleichfarbigen Karton aus dem Wok und schlägt FUDU ein zweites Mal in die Magengegend.

Da hilft nur noch ein Bier in der Halbzeitpause. Angesichts der Preisgestaltung von 5,50 Franken pro Getränk entschließt sich FUDU dazu, zwei Bier zu kaufen und eines zu stehlen. Bei einem Franken Pfand pro Becher freut man sich nach Abpfiff zusätzlich darüber, dass etliche Schweizer ihre Becher im Stadion stehen lassen, die der Umwelt zu Liebe von uns selbstverständlich eingesammelt und abgegeben werden. Ach, Schweiz. 18 Franken für einen Bleppo-Burger mit Pommes? Jetzt sind wir beinahe wieder quitt.

Die zweite Halbzeit ist dann wesentlich attraktiver als die erste. Basel wird nach und nach dominanter und schnürt den nun immer mehr geforderten FC Luzern in seiner eigenen Hälfte ein. Die Tore durch Birkir Bjarnason (Der Skandinavien-Experte in Ekstase!) und Matías Delgado sind folgerichtig. Die größte Aufmerksamkeit des zweiten Spielabschnitts ziehen die Einwechselspieler auf sich. Bei Luzern kommt die „hässliche 77“, die sich bei nachträglicher Recherche als Markus Neumayr herausstellt. Natürlich ein Deutscher. (Der mal bei Manchester United unter Vertrag stand und vermutlich seitdem als fleischgewordene Starallür herumläuft, so als hätte er dort Cristiano Ronaldo aus der Startelf verdrängt.) Auf der anderen Seite wird beim FCB ein gewisser Renato Steffen eingewechselt, der von der Ultrakurve über die gesamte Restdauer des Spiels gnadenlos ausgepfiffen wird, selbst, nachdem er das 3:0 erzielt und vor eben jener Kurve zum Jubeln einkehrt. Und dann ist auch schon Feierabend im „Joggeli“.

Im Shuttle-Bus zum Flughafen sitzt uns ein Pärchen gegenüber, das uns die bittere Wahrheit vor Augen führt, dass wir demnächst wieder in Berlin Zeit verbringen müssen. Er mit Tarnfarbenparka und Deutschlandflagge, sie mit Jeanshose unter den Achseln. Hipster, ick hör‘ dir trapsen.

Der Aufenthalt auf dem Flughafen Basel-Mulhouse-Freiburg ist dann zunächst von einer erfolglosen Biersuche geprägt. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt wieder einmal nicht überein. Später ergibt eine Zeitungslektüre, dass es rumänische Eishockeyspieler gibt und dass das Auspfeifen von Steffen und die Spruchbänder vor dem Anpfiff in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Steffen war erst kürzlich unter Protest der Fanszene vom großen Rivalen Young Boys Bern nach Basel gewechselt. Währenddessen finden sich Jugendmannschaften des Liverpool FC und des Chelsea FC in der Wartehalle ein und sorgen neben der Anwesenheit des 1.FC Union Berlin (wir!) dafür, dass zwei weitere recht vernünftige Fußballvereine repräsentiert sind. Ein Mann mit verkehrtherum angezogenen Schuhen (Nein, keine Entenfüße. Nein, nicht mit der Sohle nach oben. Manche Dinge muss man vielleicht einfach gesehen haben, um sie zu verstehen) schlappt durch das Szenario, als wäre es das Normalste der Welt.

Als wir in Berlin landen, treffen wir das Pärchen aus dem Bus im Terminal des Flughafen Schönefeld wieder. Hatten wir also offenbar den richtigen Riecher. Egal, Deutschland hat auch schöne Ecken. Beispielsweise dort, wo die Ottomane auf den Rest meiner Couch trifft. Nur noch drei d:sf-Montage – dann geht’s ja Gott sei Dank auch wieder nach Tschechien. /hvg

30.12.2015 Hearts of Midlothian – Dundee United 3:2 (3:2) / Tynecastle Stadium / 16.721 Zs.

Das Sigthseeing-Programm in Edinburgh spult FUDU bei strömendem Regen und 80 km/h Windböen ab. Wir besichtigen das Castle, flanieren die Royal Mile entlang und stellen schnell fest, dass die Stadt zwar optisch zu überzeugen weiß, durch die Touristendichte aber gleichermaßen anstrengend ist. Offenbar sind in der schottischen Hauptstadt über Silvester „Asia Wochen“ angesetzt, anders können wir es uns nicht erklären, warum wir in den wenigen Stunden Aufenthalt in der Innenstadt mehr fotografierende Menschen asiatischer Herkunft als Schotten wahrnehmen.

Nebenan laufen die Aufbauarbeiten für die größte Silvesterparty Schottlands („Hogmanay“). Einige Straßenzüge werden gesperrt, mit Einlasstoren versehen, die man morgen nur gegen Entrichtung eines Entgelts passieren werden darf. Dazu werden erste Verbotsschilder aufgestellt und Verhaltensregeln via digitaler Anzeigetafeln kundgetan. Furchtbar.

Das schlechte Wetter spült uns recht bald in die erstbeste Gaststätte, in der wir feststellen, dass zu allem Überfluss auch die Bierpreise in Edinburgh touristisch gestaltet sind und wesentlich höher liegen als im 70 Kilometer entfernten Glasgow. Dennoch erklimmt FUDU alsbald den Gipfel rhetorischen Schwachsinns und dialogisch entstandene Improvisationsscherze für die Ewigkeit werden geboren. Beispiele gefällig? „Ich habe mal neben Ashton Kutcher gepullert!“ – „Neben dem echten?“ – „Ja, neben dem Ashton!“. Oder die lässig ausgesprochene Empfehlung, dass man angesichts der aufkommenden Fragestellung, worin sich die Sportarten Cricket und Crocket unterscheiden würden, einfach mal „Crocketdile Dundee“ fragen müsste. Nun gut, die vollständige Verblödung scheint nach fünf Tagen Schottland nun nicht mehr zu verhindern sein…

So wird FUDU also geradezu dazu gezwungen, etwas kulturellen Input zu ziehen und man entscheidet sich, der Scottish National Gallery of Modern Art einen Besuch abzustatten. Dort bewundern wir die Werke berühmter Künstler wie Warhol, Lichtenstein und Picasso und erfreuen uns der in Großbritannien üblichen Eintrittsgelderpraxis in Museen: Kostet nüscht, Spenden erbeten. Funktioniert, weil viele Menschen den Wert von Kunst selbst zu taxieren wissen und entsprechend monetär goutieren. Würde nicht funktionieren, wenn es mehr Asoziale wie uns gäbe, die das gesparte Geld blitzschnell in Pints umrechnen können und daher auf eine freiwillige Abgabe verzichten.

Im Anschluss machen wir uns auf zum Hafen von Leith, um die königliche Yacht Britannia besichtigen zu können. Nach wie vor ist es uns angesichts der defekten Fahrkartenautomaten in schottischen Bussen nicht möglich, einen Fahrschein zu kaufen. Okay, genaugenommen tragen wir auf perfide osteuropäische Art und Weise zu diesem preiswerten Vergnügen bei. Während die Schotten nämlich Einzelfahrten (ohne Ticketausdruck) beim Fahrer in bar bezahlen, ist FUDU clever genug, um bei jeder Bustour nach einer Tageskarte zu fragen, für die es einen funktionsfähigen Automaten benötigen würde. Die Antwort der Fahrer heißt daher stets: „Jump in, guys!“

Nach Ankunft am Zielort stellt sich schnell heraus, dass diese kostenlose Busfahrt in etwa den selben Wert hat, wie das Ausflugsziel. Schwer enttäuscht sind wir, dass wir weder freien Blick auf das Meer haben, noch am Ufer entlanglaufen oder einen Hafen erkunden können – und auch von der Britannia können wir uns nur minimale (und enttäuschende) Eindrücke verschaffen, da die Sichtachse durch ein furchtbares Shoppingcenter getrübt wird. In eben jenes „Ocean Terminal Center“ werden alle Touristen zwangsläufig geleitet, die etwas mehr von der königlichen Yacht sehen wollen. Nachdem man sich mühselig durch zwei Etagen Konsumhölle gekämpft hat, erhält man sogleich den nächsten Tiefschlag. Hier wird eine Eintrittszahlung in Höhe von 12 Pfund fällig – ist ja kein Museum.

FUDU verzichtet dankend und macht sich fußläufig auf den Rückweg in Richtung Innenstadt, um sich mit zwei Pub-Aufenthalten die Zeit bis zum Anpfiff des Spiels Hearts of Midlothian gegen Dundee United zu versüßen. Einige Pints später besteigen wir den Bus in Richtung Tynecastle Stadium und ordern siegesgewiss drei Tagestickets. Ohne jeden Kommentar betätigt der Busfahrer zwei-drei Knöpfe und unsere Billets à 4 Pfund rattern aus der Maschine. Verdammt. Wäre diese Glückssträhne also auch gerissen.

Nach dem ersten flüchtigen Blick auf das Stadion kehrt das Lächeln jedoch sehr schnell wieder in die Gesichter der Reisenden zurück. Inmitten eines Wohnblocks liegt das Stadion, das bereits von außen gar nicht britischer aussehen könnte. Eine wunderbare Klinkerfassade mit beleuchtetem Logo setzt erste optische Akzente, alles wirkt eng, verbaut, urig und der Duft mehrerer Jahrzehnte Fußballhistorie liegt in der Luft. Ein Schild an der Tür des Fanshops informiert darüber, dass das Spiel heute „Sold Out“ sei. Wir sammeln unsere vorbestellten Eintrittskarten ein. Ich kann es kaum erwarten, das Stadion von innen zu sehen und presche bereits eine halbe Stunde vor dem Fackelmann und dem Wirtschaftsflüchtling durch die „Sicherheitskontrolle“, die auch in diesem Stadion lediglich daraus besteht, seine Eintrittskarte vor dem Passieren eines elektronischen Drehkreuzes zu scannen und dem dahinter befindlichen Ordner freundlich „Hello“ zu sagen.

Unsere Plätze befinden sich in der fünften Reihe hinter dem Tor. Noch näher kann man kaum am Geschehen sein. Meine Blicke wandern durch das Stadion – besonders angesichts der alten Holz-Giebeldach-Tribüne auf der Längsseite steht der Mund weit offen. Nebenan beziehen die 744 Gäste aus Dundee Stellung und nur wenige Sekunden nach dem Eintreffen der beiden FUDU-Trödler gibt der Schiedsrichter das Spiel frei.
Bei Dundee fehlt der deutsche Torhüter Luis Zwick, der über weite Strecken der Saison die Position des Stammtorhüters inne hatte. Dafür spielt in Guy Demel ein alter Bekannter in der Verteidigung und die FUDU-Außenstelle Finnland weist darauf hin, dass Dundee-Coach Mika-Matti „Mixu“ Paatelainen in der Heimat wegen seiner „Weihnachtsbaumtaktik“ verschrien ist.

Die Fans aus Dundee geben in der Anfangsphase Vollgas und dominieren die Stimmung im Tynecastle Stadium, was aber angesichts der Abwesenheit von Heimstimmung auch nicht sonderlich schwer ist. Wirklich über alle Maße enttäuschend ist, dass es im gesamten Spiel nicht einen einzigen lautstark vorgetragenen Sprechchor und kein einziges Lied der Heimfans zu hören geben wird – bis auf ein-zwei hämische und provozierende „You’re going down!“ Schlachtrufe in Richtung der abstiegsbedrohten Gäste, die sich dadurch aus der Fasson bringen und zu einigen kleinen Scharmützeln mit Ordnern und Heimfans hinreißen lassen. Im Anschluss kehrt dann auch im Gästeblock Ruhe ein.

Das Spiel reißt uns währenddessen jedoch von den Sitzen. Nach den trüben Zweitligapartien weiß das Niveau dieser Erstligabegegnung zu überzeugen. Gleich fünf Tore fallen in der ersten Halbzeit, davon zwei per Elfmeter und eines nach einem katastrophalen Torwartfehler des Ersatzmannes von Luis Zwick. Ständig marschieren beide Mannschaften mit hohem Tempo, hoher Leidenschaft, hoher Aggressivität und geringem technischen Vermögen das Spielfeld auf und ab. Es gibt Abschluss- und Torchancen im Minutentakt, sodass das ganze Stadion eigentlich kochen müsste. Tut es aber nicht. Dafür kochen wir um so mehr und sind nahezu erleichtert, dass uns der Herr Schiedsrichter nach 45 Minuten eine kurze Pause zum Verschnaufen gönnt.
Dort legt der stilsichere Stadion-DJ zunächst einmal aufgrund der aktuellen Ereignisse „Ace Of Spades“ von Motörhead auf und erobert hiermit unsere Herzen (of Midlothian) im Sturm.

In der zweiten Halbzeit beruhigt sich das Spiel ungemein, wobei über die Dauer des Spiels nach und nach immer klarer wird, warum die Gäste abgeschlagen am Tabellenende stehen. Waren sie hier und heute durchaus furios in die Partie gestartet, macht sich nun – auch dank einer erhaltenen roten Karte – Ernüchterung breit. Die Hearts haben alles im Griff, kontrollieren das Spiel nach Belieben und werden letztlich nicht dafür bestraft, dass sie etliche Großchancen liegen lassen und das Ergebnis nicht in die Höhe schrauben können.

Wie in Schottland üblich, stürmen auch wir direkt nach dem Abpfiff den erstbesten Pub. In einer gegenüberliegenden Fish&Chips Bude bestellen und verspeisen wir im Anschluss das größte frittierte Lebewesen, das jemals einen FUDU-Schweinemagen kennenlernen durfte, ehe wir uns mit dem Bus zurück in Richtung Edinburgh City Center machen.

Dort entdecken wir tatsächlich auf dem Weg ins Hotel noch einen geöffneten Pub, für den aus irgendeinem Grund die Sperrstunde keinerlei Bedeutung hat. Nach einigen überteuerten Bieren (because of the Ausnahmeregelung) lassen Teile der Reisegruppe ihren Nemo wieder frei. Nicht in jedem von uns steckt also ein waschechter Schotte! Bereits gegen 2.30 Uhr sind die Hotelbetten erreicht. Morgen gilt es, ein britisches Frühstück einzunehmen und den Heimweg nach Glasgow anzutreten, um den Tourimassen, den exorbitant steigenden Hotelpreisen und den elitären Straßenfeierlichkeiten zu entfliehen. /hvg

28.12.2015 Glasgow Rangers FC – Hibernian Edinburgh FC 4:2 (2:1) / Ibrox-Park / 49.995 Zs.

Nach nur drei Tagen sind wir komplett in Glasgow akklimatisiert. So sehr, dass wir uns bereits vollkommen im „Glasgow-Effekt“ verheddert haben. Arbeitslosigkeit, soziales Elend, ungesunde Ernährung und Alkoholismus führen in einigen Bezirken der Stadt zu einer statistischen Lebenserwartung von 53 Jahren. Und wahrlich: Noch nie haben wir so viele dicke Menschen an einem Ort gesehen. Noch nie haben wir so viele dicke Frauen an einem Ort gesehen. Noch nie haben wir so viel ungesundes Essen gegessen. Wir stellen uns angesichts der auffälligen Häufung unreiner Haut und dicker Make-Up-Schichten die Huhn-Ei Frage. Wenn ihr versteht, was ich meine. Nach einigen Steak & Cheese Rolls zum Frühstück, Sausage Rolls für 70 Pence, Fish&Chips-Portionen in XXXXXL-Größe und Lasagne mit Pommes können wir immerhin mitfühlen. All das erträgt man nur, wenn man sich schon vormittags die ersten Bierchen gönnt. Der Gesundheitsminister empfiehlt derweil, nicht mehr als four Units Alkohol pro Tag zu sich zu nehmen, wobei ein Pint etwa 2,5 Units entspricht. Ob der Bauer wohl mal nachgerechnet hat?

Wie jeder Schotte haben wir die empfohlene Tagesdosis also bereits häufig mit dem Frühstück intus, haben am Ende des Tages Tennent’s-iell immer überpowert und auch einen Stamm-Pub haben wir bereits gefunden. Das „Merchants“ in der Paisley Street lädt immer wieder zum Verweilen ein. Dort gibt es Mutter und Tochter hinter dem Tresen. Dort erlebt man jeden Tag Geschichten, die man seinen Enkeln erzählen kann: Das Treffen mit Esteban, dem Pseudo-Spanier, der im Vollsuff seine Kreditkarte verliert und dem ehrlichen Finder Prügel androht und des Diebstahls bezichtigt. Der kultige Karaoke-DJ, der seine Lads aus Germany ab dem zweiten Abend per Umarmung begrüßt. Die beiden rassistisch beleidigten Anel (Dzaka) und Abder (Ramdane), die nach einer solidarischen Geste unsererseits etliche Freibier springen lassen. Und amouröse Eskapaden rund um den „Acid-Dealer“. Aber Obacht, keine Details: „What happens in the Merchants, stays in the Merchants!“

Eine Unterhaltung darf dann aber doch noch gerne nach Außen dringen. Angesprochen auf unsere Reisepläne geben wir zum Besten, dass wir nach Carlisle reisen werden. Der findige Gesprächspartner entgegnet: „No, you aren’t going to Carlisle!“ – „But why?“ – „Because it’s under water!“. Was wir zunächst für einen Scherz halten, wird im Hotelzimmer zur traurigen Gewissheit. Das Stadion des Carlisle FC gleicht einem Freibad und auch der Rest der Stadt ist unter den Fluten verschwunden. Hotelbuchung und Zugfahrkarten lassen wir verfallen, disponieren schleunigst um, buchen eine Nacht in Glasgow dazu und entscheiden uns alternativ für den Besuch der Rangers. Auch nicht die schlechteste Notlösung.

Tags darauf voller Vorfreude am Ticketoffice der Rangers angekommen, wirft uns die Verkäuferin zur Begrüßung erst einmal einen ordentlichen Knüppel zwischen die Beine. Das Spiel sei bereits seit zwei Wochen ausverkauft und wir hätten keine Chance, auf irgendeinem erdenklichen Weg an Eintrittskarten zu gelangen.

Etwas niedergeschlagen ziehen wir uns in einen Pub zurück, schmieden Schlachtpläne und knüpfen erste Kontakte. Die Maximalsumme, die wir auf dem Schwarzmarkt ausgeben würden, wird ausgelotet und beträgt 60 Pfund pro Nase. Zwei Bier später kehren Fackelmann und ich (zwei Stunden vor Anpfiff) zum Stadion zurück, drehen unsere Runden um die Spielstätte und den U-Bahnhof, um Kartenverkäufer zu erspähen, während der Wirtschaftsflüchtling weiterhin in der Kneipe ein-zwei-drei Karten aufzutreiben versucht. Nach einer Stunde Rundgang und zwei Mal pullern hinter dem Polizeipferd ist klar, dass der Schwarzmarkt ausschließlich aus Kartensuchenden besteht. Fackelmann zieht sich erschöpft in die Kneipe zurück und schlägt mit dem Wirtschaftsflüchtling ab, der mich fortan bei der Suche unterstützt. Zwei tapfere Mohikaner wollen das weiße Taschentuch noch etwas stecken lassen und weitere Kilometer abspulen. Fünfzehn Minuten vor Anpfiff klingelt mein Handy. Der Wirtschaftsflüchtling hat doch tatsächlich eine Karte auftreiben können – für zehn Pfund – wobei die preiswerteste Karte im Vorverkauf doppelt so teuer gewesen war. Der Mann ist ein Phänomen. Und ein echter Kumpel, da er mir die Karte überlässt und sich zum Fackelmann zurück in den Pub gesellt.

Mein Glück noch gar nicht fassend, stehe ich plötzlich im altehrwürdigen Ibrox-Park. Was für ein wunderbares Stadion: Klinkerfassade, enge, steile Ränge ohne Abstand zum Rasen, holzvertäfelte Ehrenlogen, Katakomben, welche man dergestalt auch in Industriehallen vorfinden könnte, kein Schicki-Micki-Brimborium, kein sichtbares V.I.P-Chichi mit roten Teppichen, einfach nur ein Fußballstadion!

Das Spiel beginnt. Von meinem Platz in der letzten Reihe kann ich ausschließlich Rasen, das untere Drittel der Tribünen und die Dachkonstruktion der Haupttribüne mit dort angebrachten alten funktionslosen Röhrenfernsehern sehen. Die Herkunft des Lärms, den die Rangers-Fans teilweise erzeugen, kann ich nur erahnen. In Hochphasen zieht einem die Stimmung beinahe die Schuhe aus – leider beteiligen sich jedoch nur äußerst sporadisch alle Zuschauer, sodass es über weite Strecken des Spiels auch ziemlich leise wird. Das Spiel jedoch hätte das Zeug gehabt, über die komplette Distanz lautstark begleitet zu werden. Wirklich schnell, temporeich und sehenswert, wie hier die beiden Spitzenmannschaften der zweiten schottischen Liga um die Tabellenführung kämpfen. Der Gast aus Edinburgh geht früh mit 1:0 in Führung. Der Gästemob (knapp 1000 Mann stark) feiert den Treffer ekstatisch und der schöne Torpogo endet mit kleineren Scharmützeln mit nebenan sitzenden Rangers-Fans und den Ordnern. Richtig lautstark gesungen wird im Block der Hibs jedoch leider nur nach dem Tor, ansonsten darf wohl eher von einer enttäuschenden Performance gesprochen werden. Torschütze Jason Cummings, gerade einmal zwanzig Jahre alt, wird zum auffälligsten Spieler der Partie werden. Technisch auf einem anderen Level als alle anderen Akteure, immer mit einer guten Idee und einem guten Pass ausgestattet, dazu Agent Provocateur à la Sören Brandy, wird er dank seiner Gesamtekligkeit für den Gegner schnell dazu auserkoren, ausgepfiffen zu werden. In bislang 52 Spielen in der zweithöchsten Spielklasse gelangen ihm 31 Treffer. Da wette ich 5 Pfund

Schweinemett drauf, dass dieser Mann in zwei bis drei Jahren zum schottischen Nationalspieler reifen und nach England wechseln wird…

Die Rangers zeigen sich jedoch als Mannschaft geschlossener und besser aufgestellt als ihr Gegner und drehen die Partie noch vor der Halbzeit. In der zweiten Halbzeit legen die Rangers den schönsten Treffer des Abends nach und gehen nach einer butterweich getretenen Flanke auf den langen Pfosten mit darauf folgender Direktabnahme 3:1 in Führung. Spannung bringt jetzt nur noch der Schiedsrichter hinein, als er in der 70. Minute einen Rangers-Akteur mit glatt Rot zum Duschen schickt. Dennoch verwalten die Rangers die Führung lange Zeit souverän – so lange, bis ihr Torhüter an einer harmlosen Flanke vorbeisegelt und der eingewechselte Gästeakteur den Ball ins leere Tor stolpern kann. Erst dann entsteht eine Art Druckphase der Gäste, die aber jäh durch einen Konter und eine wunderbare Einzelleistung samt Torerfolg durch Waghorn beendet wird.
Auch bei den Rangers verlassen viele Zuschauer das Spiel bereits vor dem Abpfiff. Der Drang, im Pub ein Bier trinken zu gehen, ist offenbar zu groß. Mehr als 50% der Zuschauer verlassen das Stadion jedoch nicht, ohne der Ordnerin einen Kuss gegeben zu haben. Hier scheint man sich zu kennen.

Ich bleibe selbstverständlich bis zum Abpfiff und stelle dann ernüchtert fest, dass sich das Stadion dann innerhalb von nur 2 Minuten komplett leert. Es gibt keinen Applaus, keine Feierei, kein Ehrenrunde der Spieler, sodass auch ich mich von den Massen in Richtung Pub schieben lasse, um dort die beiden anderen Specknacken einzusammeln und von meinem Erlebnis Bericht erstatten zu können.

Als ich die Pubtür öffne, verstehe ich plötzlich die Hektik der Leute. Die letzten 1,2 Quadratzentimeter Platz nutze ich, um einen Fuß in die Kneipe zu bekommen. Der Wirtschaftsflüchtling steht in guter Position nahe der Zapfhähne und nimmt mein Gewinke wahr. Bei einem gemeinsamen Bier, das man immer dann trinkt, wenn man den Arm weit genug vom Körper bewegen kann, wird das Stadion- mit dem Fernseherlebnis abgeglichen.

Am Ende des Abends fahren wir mit der Glasgower Metro – die wohl kleinste Bahn mit den engsten Tunnelröhren und schmalsten Bahnsteigen der Welt. Der Wagon ist so niedrig, dass ich mir darin beinahe den Kopf stoße. Von den Einheimischen wird die Metro liebevoll „Clockwork Orange“ genannt. Uns kutschiert sie in die Stadtmitte, um in der Buchanan Street in einem „Wetherspoons“ einzukehren. Das opulente Gebäude, in dem früher eine Bank beherbergt war, macht optisch dermaßen viel her, dass es einem beinahe stilvoll erscheint, ein letztes Bier des Tages zu trinken und dann glücksbeseelt ins Bett zu fallen „Merchants“ weiterzuziehen… /hvg

21.11.2015 Roda JC Kerkrade – PEC Zwolle 0:5 (0:2) / Parkstad Limburg Stadion / 14.378 Zs.

Es ist früh am Samstag. Der Wirtschaftsflüchtling riecht nach Schnapsbrennerei und torkelt mir am Bochumer Hauptbahnhof entgegen. Ich bin abermals überrascht, dass der Italiener ausgerechnet immer dann pünktlich ist, wenn er keinen Kontakt mit einem Bett und/oder Wasser hatte. Weniger pünktlich ist abermals die Deutsche Bahn, deren Regionalbahn von Bochum nach Aachen Rothe Erde dermaßen viel Verspätung sammelt, dass wir den Anschlussbus nach Kerkrade verpassen und spontan entscheiden werden, erst einmal bis zum Aachener Hauptbahnhof zu fahren.

Dort betreten wir zur besten Frühstückszeit eine Eckkneipe und sind innerhalb weniger Sekunden bei dem ersten Kölsch des Tages davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Schnell führt der sympathische Wirt all seine Gäste am Nasenring durch die Arena und betet uns die bedauerlichen Biographien seiner Stammkunden vor. Da auch wir, immerhin zum Frühstück Bier trinkend, die eine oder andere Frauengeschichte ohne Happy End zum melancholischen Singsang beizutragen haben, schließen wir schnell Freundschaften. Am Pissoir entwickelt sich dann auch ein Dialog, der sich gewaschen hat: „Wie lange biste denn schon hier in der Kneipe?“, frage ich meinen Nebenmann. „Ach, seit wann kenn ich de Jupp? Wann war isch dat erste Mal im Knast jewesen? Dreißisch Jahr muss dat her sein!“ – „Oh, im Knast? Was haste gemacht?“ – „Jung, isch hab Illusionen verkauft!“ – „Ach, du bist ein Magier?“

Gelächter. Noch ein Kölsch.

Am Ende verlassen wir die Kneipe aus Versehen nicht durch die Tür, sondern durch die Fensterfront und verpassen beinahe unseren Zug, der uns über (Willy) Landgraaf nach Kerkrade führen soll. Ab Landgraaf steigt der Altersdurchschnitt im Zug auf ca. 75 und wir stellen uns mental auf Rentnerschwemme in einer etwas überalterten niederländischen Stadt ein.

Als wir unsere Pension in Kerkrade betreten, sind wir dennoch ein wenig überrascht, dass uns ein Rentnerehepaar mit Kaffee und Kuchen empfängt. Der freundliche alte Herr fragt uns, ob wir heute auch wegen des Konzerts von „Golden Earring“ in der Stadt seien. Wir verneinen dies und offenbaren, dass wir noch nie in unserem Leben etwas von „Golden Earring“ gehört hätten. Den alten Leuten schlafen die Gesichtszüge ein. Und das schon, bevor wir erklären, dass wir wegen eines Fußballspiels und des Genusses alkoholischer Getränke vor Ort sind. Die etwas weniger offene ältere Dame reagiert blitzschnell und erklärt uns die Hausregeln. In Erinnerung geblieben sind mir die Worte: Nicht. Nicht. Nicht. Nicht. Nicht. Und leise sein.

Der Wirtschaftsflüchtling sagt, dass Südländer nicht bei unter 30 Grad Zimmertemperatur schlafen können würden und dreht die Heizung unseres Kämmerchens auf Stufe 100. Schnell recherchieren wir, wer oder was „Golden Earring“ sind. Eine holländische Rockband. Jetzt schlafen mir die Gesichtszüge ein. Sensationell. Im Anschluss seiner Dusche wird der Wirtschaftsflüchtling monieren, dass das Wasser unheimlich schlecht abläuft und mir empfehlen, mit meiner Körperpflege noch etwas abzuwarten. 20 Minuten später verspüre auch ich das Bedürfnis nach Hygiene und werde nach Analyse des Abflussproblems flugs zum Klempner des Jahres, indem ich den Stöpsel aus dem Duschbecken entferne (!!!) und so das Problem des nicht ablaufenden Wassers behebe. Oh Mann, der Wirtschaftsflüchtling. Nicht immer überlebensfähig, aber heute wenigstens pünktlich.

Auf dem Weg zum Stadion feiern wir gemeinsam mit handgezählten 23 Bürgern und Bürgerinnen Kerkrades sowie mit acht eingefärbten Mohren, die wohl durch Blackfacing und ein klein wenig Alltagsrassismus die Stimmung auflockern sollen, ein Stadtfest, das sich gewaschen hat. Kurz darauf stelle ich mit erkalteten Händen fest, dass in den Niederlanden der Winter bereits früher vor der Tür steht und kaufe mir ein Paar Handschuhe, das ich von der gleichermaßen hübschen wie überforderten Kassiererin des lokalen C&A beinahe geschenkt bekomme. Den letzten Zwischenstopp vor dem Stadionbesuch legen wir im „De Gouden Leeuw“ ein. Eine Kneipe, in der der Wirt auf Nachfrage so nett ist, uns einen Song von „Golden Earring“ vorzuspielen. Oh, kennt man sogar. Jetzt aber schnell mit dem Bus zum Fußball…

Das Parkstad Limburg Stadion wurde im Jahr 2000 eröffnet und sieht dementsprechend aus. Vor den Stadionkassen erwerben wir von einem freundlichen Herren Karten für 10 Euro und entlasten die Reisekasse, die bei einem Kauf regulärer Tickets an der Tageskasse doch etwas mehr hätte geschröpft werden müssen. Kurz darauf nehmen wir Platz auf der Hintertortribüne und lassen uns wie neulich in Prag die Wärmestrahlersonne auf den Bauch scheinen. Das Spiel beginnt – und ist dann bereits nach 14 Minuten entschieden. Der Gast aus Zwolle führt mit 2:0 und spielt hier und heute die furchtbar unsortierten und niveauarmen Hausherren an die Wand.

In der Halbzeitpause betreten zwei junge Menschen in T-Shirts einer Brauerei den Rasen und deuten an, etwas mit einer Druckluft-Röhre in das Publikum feuern zu wollen. Ich persönliche hoffe, dass es sich um Bierdosen handelt, bin nach dem ersten Schuss dann allerdings hochgradig enttäuscht, weil das verschossene Präsent leider weit über das Stadiondach hinaus in den Orbit gejagt wird. Ziiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiisch. Läuft halt heute irgendwie nicht so für Roda – alles geht daneben!

Mich erreichen über die Dauer des Spiels diverse Kurznachrichten aus dem Fanblock gegenüber, von dem aus ein Freund erst fragt, wo wir im Stadion sitzen würden („Im Osten. Passt zu uns!“), ob wir nach dem Spiel ein Bier mit ihm trinken wollen würden („Ja, unbedingt!“), um dann wenige Minuten später nachzulegen, dass ihm der Auftritt seiner Lieblinge sehr peinlich sei und wir unbedingt noch einmal wiederkommen müssten. Zum Zeitpunkt der dritten Nachricht sind 60 Minuten gespielt und der Gast aus Zwolle führt 4:0. Und wenn man einen Gegner im eigenen Stadion schon einmal richtig demütigt, dann darf man auch gut und gerne in der 90. Minute noch ein 5:0 einschenken. Das Stadion, das sich ohnehin schon nach jedem Gegentreffer weiter und weiter geleert hatte, gleicht nun einem Friedhof. Auch die Fantribüne, die über das gesamte Spiel noch gute Miene (Achtung: Bergbauwortspiel!) zum bösen Spiel gemacht hatte, verstummt nun und verabschiedet ihre Helden wortlos, aber bemerkenswerterweise ohne Pfiffe.

Nach dem Spiel halten wir Ausschau nach meinem Bekannten, der so aussieht, wie ich. FUDUs bärtiger Bruder findet uns verwirrte und orientierungslose Menschen dann im Stadionumfeld, nimmt uns an die Hand und schleust uns an den Ordnern vorbei in die Fankneipe des RJC, welche sich im Bauch der Fantribüne befindet. Dort lernen wir seine Familie kennen, wobei Vater, Mutter und Bruder nicht müde werden, zu betonen, dass es eigentlich auch noch eine Schwester geben würde. Die sei aber kein Roda-Fan, von daher würden wir heute genau genommen bereits die gesamte Familie kennenlernen. Nett. Noch netter ist, dass uns ständig zwei Pils gleichzeitig in die Hand gedrückt werden („Sind ja nur kleine Bier!“) und sich ein feucht-fröhlicher Abend entwickelt, der damit endet, dass wir als letzte verbliebene Gäste aus der Fankneipe gebeten werden. Im Nachgang der Reise zeigt sich, dass sich ein Kerl mit Schapka in den Hintergrund aller Gruppenfotos gedrängt hat. Da wir ihn in den Momenten der Aufnahmen nicht wahrgenommen hatten, kann wohl konstatiert werden, dass auch mehrere kleine Pils irgendwann zu einigen großen werden.

Mein Lieblingskumpel (Achtung: Bergbauwortspiel!) erzählt unzählige Anekdoten aus der Vereinshistorie (z.B. über Europapokalspiele gegen den AC Mailand und über Dick Nanninga, WM-Final-Torschütze 78 und Spieler des RJC), der Region Limburg und führt mich dann durch die heiligen Gänge des Stadions und erklärt mir die Wandbilder.

Als wir das Stadion verlassen, treffen wir auf Abwehrspieler Ard van Peppen, der schick gekleidet noch immer die Geduld aufbringt, auch den letzten verstrahlten Stadionbesuchern die Niederlage zu erklären und mit ihnen für Fotos zu posieren. Ai, das hat Spaß gemacht! Wir verabschieden uns von unseren niederländischen Gastgebern und sind uns sicher, dass wir uns irgendwann einmal An der Alten Försterei oder im Parkstad Limburg Stadion wiedersehen werden…

Da wir die Regeln der Pension nüchtern verinnerlicht haben, können wir nun ruhig noch ein gepflegtes Bier trinken gehen. Die Spelunke, die wir betreten, ist ziemlich urig, der Altersdurchschnitt ebenfalls. Aus dem „einen schnellen Bier“ mit dem Wirtschaftsflüchtling werden gewohntermaßen mehrere, wobei ihn dieses Mal keine Schuld trifft, wird hier doch tatsächlich Gerstensaft in 0,18 Liter Gläsern kredenzt. Mal ernsthaft, was soll das sein? Was für eine Maßeinheit ist das? Eine Frikandellänge?

In der Pension angekommen, treffen wir auf die Gäste des anderen Zimmers. Es sind hässliche Deutsche aus Frankfurt (nicht an der Oder), die Besucher des „Golden Earring“ Konzerts waren. Nun würden sie gleich auf den Geburtstag ihres Papas anstoßen, erzählt uns Ayla („Mein Name ist türkisch, ich nicht!“) und schmeißt uns die Verandatür vor der Nase zu. Oh, da will wohl jemand unter sich sein.

Der Wirtschaftsflüchtling und ich gehen zum Kühlschrank in der Gemeinschaftsküche und erleichtern diesen um alle verfügbaren Pit-Bierdosen. Wir lassen das entsprechende Klimpergeld in die Kasse des Vertrauens wandern und hoffen, dass Familie Gold aus Westdeutschland nichts eigenes zum Trinken dabei hat, schleichen still und leise die Treppe in unseren Saunaraum hinauf, füllen das Bier in mein 0,18 Liter großes Kleptomaniesouvenir und stoßen auf Aylas Vati an. Prost. /hvg

30.05.2015 Hellas Verona FC – Juventus FC 2:2 (0:1) / Stadio Marcantonio Bentegodi / 23.149 Zs.

Saisonende in Deutschland. Mit der spielfreien Leidenszeit vor der Brust entscheidet sich FUDU et la Famiglia für einen Ausflug nach Italien und das, obwohl dort bereits alle Messen gelesen sind. Juventus ist rechnerisch nicht mehr von der Tabellenspitze zu verdrängen und wird den Scudetto zum vierten Mal in Folge erhalten und Hellas hat sich im sicheren Mittelfeld der Tabelle eingependelt. Neben der sportlichen Unbedeutsamkeit bewegen sich die Flugzeiten im sportlichen, die Flugkosten (→ Lufthansa) im nicht durch Sportwetten gedeckten Bereich. Was soll’s. 26 Grad° und Sonne, Fußball und ein weiteres Stadion der Italia 90 sind bekanntermaßen immer jeden Taler wert.

Obendrein stellt sich Verona nach einer ausgiebigen Sightseeing-Runde als eine überaus schöne Stadt dar, die absolut eine Reise Wert ist. Malerische Straßen, Flaniermeilen entlang der Etsch, die Ponte Pietra, ein großes Amphittheater inmitten des Stadtzentrums, imposante Stadttore, das Castelvecchio mit der angrenzenden Ponte Scaligero und natürlich die Schauplätze von Shakespeares „Romeo et Giulietta“ lassen sich als touristische Hotspots benennen. Fetti grüßt dann ab sofort von der Wand des Innenhofes des Hauses der Julia, an dem normalerweise verliebte Paare kitschige Liebes(ge-)schwüre hinterlassen.

Hellas Verona feiert derweil den Gewinn des Scudetto von 1984/85. Alkoholiker und Rechenfüchse haben blitzschnell erkannt, dass es an der Zeit für ein Jubiläumspilsner ist. Die schlauen Marketingstrategen Hellas‘ geben anlässlich dieses Umstandes wirklich schicke Retrotrikots heraus, die mich beinahe zu einem Kauf animieren. Wesentlicher Bestandteil der Meistermannschaft 85 war neben Preben Elskjær Larsen übrigens ein gewisser Hans-Peter Briegel, der Hellas noch heute eine „Fan“-Freundschaft mit dem 1.FC Kaiserslautern beschert. Am Stadion Marcantonio Bentegodi angekommen ist jedoch schnell klar, dass es sich eher um eine Freundschaft zu einer zumindest hooligannahen Gruppe namens „Brigade Barbarossa“ handelt. Selten so viele ekelhafte Kanten auf einem Haufen gesehen – und auch Hellas bietet mit das Beste auf, was der rechte Rand in Venetien so zu bieten hat. Fette, muskulöse, tätowierte, glatzköpfige Stiernacken und eine gut bestückte Casual-Fraktion schleichen bereits frühzeitig um das Stadion herum, sodass es einem schon ein wenig mulmig werden kann. Und immer, wenn man denkt, schlimmer wird’s nicht mehr, laufen dir noch scheinbare Normalos über den Weg, die dann aber blau-gelbe Shirts mit Reichsadler, Hellas-Logo und dem schmissigen Slogan „Gott mit uns“ darauf am Leib tragen und hiermit ungehindert durch die Straßen flanieren können. Vermutlich hatte die Wehrmacht einige gute Kicker in ihren Reihen, anders kann ich mir die Wahl dieses Mottos nicht erklären – Politik und Fußball haben ja bekanntermaßen nichts miteinander zu tun…

Angesichts der bedrohlichen Figuren kann ich meinen Bruder überreden, seine Juve-Mütze abzusetzen, die er dann, angekommen auf der scheinbar sicheren Haupttribüne auf Höhe der Mittellinie des monumentalen Stadions, welches der Schönheit der Stadt in Nichts nachsteht, wieder aufsetzt. Bei einem leckeren Paulaner aus der Dose für 4,00 Euro wird schnell klar, dass wir mit unseren 40,00 Euro teuren Tickets richtig Pech haben und aus Versehen inmitten eines Hellas-Stimmungsblocks gelandet sind. Keine fünf Minuten später haben uns auch schon erste Einheimische fixiert, die spürbar unsere Nähe suchen und uns argwöhnisch beäugen. Nur wenige Minuten später kommt ein älterer Mann auf uns zu und gibt uns auch ohne fundierte Italienischkenntnisse unsererseits zu verstehen, dass wir den Block zu verlassen haben. Dieser nachdrücklich vorgetragenen „Bitte“ kommen wir nach und finden mit nicht all zu viel Aufwand nicht viel schlechtere Plätze in der Kurve, von denen wir dann das Spiel ungestört – und nun auch endgültig gänzlich in zivil gekleidet – verfolgen können. Puh, aufregend.

Dafür, dass es in dem Spiel um nichts mehr geht, ist die Stimmung sehr gereizt und angespannt. Hellas gibt auf den Rängen Vollgas und kann in einigen Momenten mehr als nur überzeugen. In anderen Momenten geht es auf der Negativskala wieder ganz weit nach vorne, als es gegen Pogba deutlich vernehmbare Affenlaute aus dem ganzen Rund zu hören gibt. Juve hält mit gerade einmal 300-400 Mann dagegen. Auf dem Rasen zerreißen sich die blau-gelben Akteure, dem übermächtigen Gegner ein Bein zu stellen. Die abgebrühten Triple-Anwärter gehen aber durch Pereyra und Llorente zwei Mal in Führung. Im direkten Duell um die Torjägerkanone duellieren sich Toni, der das zwischenzeitliche 1:1 und somit seinen 22. Saisontreffer erzielen kann und Carlos Tévez – ein Zweikampf, der seinen Höhepunkt erreicht, als Tévez einen Elfmeter verschießt (88. Minute) und das Stadion im Anschluss ausrastet, als sei man gerade Meister geworden. Dieser scheinbare Stimmungssiedepunkt wird dann aber noch getoppt, als Gómez in der Nachspielzeit das 2:2 erzielt und man sich Sorgen machen muss, dass das an der einen oder anderen Stelle doch arg baufällige Stadion (Holzbänke im Unterrang, verrostetes Dach…) einstürzen könnte. Wie sehr hier alles unter Strom steht, zeigt sich noch einmal in der Nachspielzeit des 38. und letzten Spieltages, als sich Juve-Akteur Pepe sinnloserweise noch eine rote Karte wegen groben Foulspiels einhandelt und die Hellas-Tifosi noch weiter aus dem Sattel gehen und frenetischer Jubel einsetzt. Sensationelle Atmosphäre für ein solch belangloses Spiel!

Unter dem Strich bin ich nach dem Abpfiff angesichts der Begleitumstände dennoch froh, mir nicht vorschnell ein Trikot gekauft zu haben. Denn Fetti hebt den rechten Schweinefuße nur sehr ungern hoch zum deutschen Gruße!

Neben uns versucht sich derweil ein Prototyp mehrerer Generationen Pfälzer Inzucht im Hellas-Shop in ein XL-Hemd zu quetschen und kann es im Schweiße seines Angesichts kaum fassen, nicht in das Trikot hinein zu passen, doch freundlicherweise weist der Verkäufer ihn irgendwann darauf hin, dass es sich um ein hoffnungsloses Unterfangen und bei dem von ihm gewählten Nicki um eine Kindergröße handelt.

So darf man am Ende des Ausflugs also getrost festhalten: Wunderbares Stadion, wunderschöne Stadt – aber beim Fußball sollte hier offenbar gelten: FORZA CHIEVO! /hvg