668 668 FUDUTOURS International 24.09.20 07:17:47

02.01.2016 Celtic FC – Partick Thistle FC 1:0 (0:0) / Celtic Park / 46.067 Zs.

Zwischen den Jahren kommt FUDU endlich in den Genuss eines wunderbaren britischen Frühstücks in einem türkischen Imbiss. So also sieht Multi-Kulti in Schottland aus. In ewiger Erinnerung bleiben die nur kurz darauf folgenden Silvesterfeierlichkeiten in einem Glasgower Pub, in dem der Siedepunkt erreicht ist, als man um Mitternacht gemeinsam mit einheimischen Trinkern und Trinkerinnen in den Kontakt mit britischen Silvestergepflogenheiten tritt und zu „Auld Lang Syne“ eine Schottenpolonaise tanzt. Um 1:30 Uhr werden wir als letzte verbliebene Gäste aus dem Pub geschmissen. „You don’t have to go home, but you can’t stay here!“

Am zweiten Januar plant FUDU die offizielle Eröffnung des Hopping-Jahres 2016. Ob es ein „fröhliches Neues“ wird, darf bereits jetzt in Frage gestellt werden. Diese Unsicherheit liegt darin begründet, dass die Eintrittskarten für das Highlight der Reise bereits in Deutschland bestellt und bezahlt – jedoch leider erst nach unserer Abreise postalisch zugestellt worden sind. Nun liegen unsere Karten also in Germany – und 2/3 der Reisegruppe in Glasgower Hotelbetten. Bereits um 10.00 Uhr morgens sind diese 66,66% zu 100% motiviert, sich fußläufig auf den Weg in Richtung Ticketoffice am „Celtic Park“ zu begeben, um diesen etwas unglücklichen Stand der Dinge zurechtzurücken. Und nach der in Falkirk gestellten Kofferaufgabe bleibt es auch gewissermaßen die Funktion FUDUs, die Schotten aus ihrer Komfortzone zu befördern und sie mit Fragen und Herausforderungen zu konfrontieren, die möglicherweise neu für sie sind. Daran können alle Beteiligten nur wachsen!

„Fackelmann“ und WIFI-Genius Dr. Dieter Fotzenhobel kommen auf dem Weg zum Stadion aber nicht an „TK Maxx“, einigen Sportläden und britischen Casual-Clothing-Boutiquen vorbei, ohne wenigstens kurz geschaut zu haben, ob man denn hier nicht auch etwas Geld loswerden könnte. Aufgrund der schottischen Körperformen und die daraus resultierenden Kleidergrößen scheitert das Unterfangen jedoch kläglich.

Eine gute Stunde später stehen wir am „Celtic Park“ und schießen staunend erste Fotos. Wenige Augenblicke später öffnet der Eintrittskartenladen und die überschaubare Menschenschlange wird abgearbeitet. In feinstem Scottish English wünscht der „Fackelmann“ zunächst ein „Happy New Yearrrrr“ – ein cleverer zwischenmenschlicher Schachzug, der dank des rollenden R Türen und Herzen öffnet. Das vermaledeite Kartenproblem ist schnell geschildert und die Lösung ebenso schnell herbeigeführt: Der gute Mann hinter der Glasscheibe druckt uns unsere Tickets einfach noch einmal aus und wünscht uns ein schönes Spiel. Ach, wie unkompliziert.

Der „Wirtschaftsflüchtling“ wird per SMS über den Erfolg der Reisegruppe informiert und zu 12 Uhr in einen Pub nahe des Hauptbahnhofs zitiert. Dort stoßen wir pflichtgemäß auf den positiven Verlauf des Tages an und hoffen derweil, dass wir den ersten Preis des „Wetherspoon“-Malwettbewerbs gewinnen werden. Liebe Kinder, malt euer Lieblingstier! Zwar können wir aufgrund der eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten den „VergeWalTiger“ nicht ins Rennen schicken, doch unter Umständen holt auch der „sexuelle Belästigungspanda“ die Kastanien für FUDU aus dem Feuer. Unser aller Lieblingsfetti wird angesichts mehrerer verspeister Pulled Pork Burger von einer Teilnahme ausgeschlossen. Alles andere wäre auch pietätlos gewesen.

Wir begeben uns im Anschluss auf den Rückweg zum Stadion und schwingen uns dank der gesammelten Erfahrungen auf dem Hinweg zu zielsicheren Reiseführern für den „Wirtschaftsflüchtling“ auf. Da wir noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff zu überbrücken und mittlerweile verstanden haben, dass man in Schottland nicht mehr Zeit als nötig vor und nach dem Spiel im Stadion verbringt, kehren wir noch in einen letzten Pub ein. Dieser liegt in Sichtweite zum Stadion, befindet sich in der Straße, die von zigtausenden Celticfans vierzehntägig passiert werden muss – und ist dennoch fest in Hand der Blauen. Der Union-Jack und ein Portraitfoto der Queen hinter der Theke lassen erste Vermutungen in diese Richtung aufkommen. Weitere Verdachtsmomente sind anhand einiger in blau gekleideter Menschen in der Lokalität schnell ausgemacht und als erste ältere Herren sogar mit stolz und offen getragenem Logo zu erspähen sind, kehrt Gewissheit ein. Wir sind hier tatsächlich in einer Rangers-Kneipe gelandet. Fünf Minuten vom „Celtic Park“ entfernt. Wenn hier keine Hoffnung aufkommt, relativ zeitnah Augenzeuge eines handfesten Kneipensturms werden zu können, wo denn dann?

Aber alles bleibt ruhig. Nach nur einem Bier und einem kurzen Fanshopbesuch betreten wir auch bereits das imposante Stadion und nehmen auf der Hintertortribüne Platz. Das Spiel beginnt. Wir warten auf das sagenumwobene „You’ll never walk alone“, freuen uns auf 46.000 ekstatisch feiernde Menschen, auf endlos lange „Just can’t get enough!“-Gesänge, auf den „Huddle“, auf markerschütternde „Bhoys“-Schlachtrufe und auf eine spielerisch überlegene Heimmannschaft, die ihre Gäste in alle Einzelteile zerlegt.

Aber alles bleibt ruhig. 70 Minuten später steht es noch immer 0:0. Das Spiel ist furchtbar niveauarm. Die Gäste von Partick Thistle halten die haushohen Favoriten durch Kampf und Leidenschaft fernab des eigenen Tores und verhindern mit simplen Mitteln den Spielfluss. Was allerdings noch wesentlich enttäuschender ist, ist die Stimmung im Stadion. Es. Gibt. Keine.

Halt, so nicht ganz richtig. Es gibt keine, die von den Heimfans erzeugt wird. Weder aus dem kleinen Ultrablock in der Kurve, noch sonst irgendwo her. Nicht ein Gesang, nicht ein Schlachtruf, nicht ein Pöbeln. Totenstill wäre es in der Arena, würden die gut 300 Gäste von Partick Thistle hier nicht ihre eigene Party feiern. Ebenfalls aus Glasgow stammend, überzeugen die Anhänger des konfessionslosen Clubs durch Ausdauer, Selbstironie, Witz und Sangesfreude. „There’s only one Team in Glasgow!“ wird trotzig vorgetragen und in Anspielung auf Celtics katholische Anhängerschaft immer mal wieder gerne ein schmissiges „Kumbaya“ in den Fußballtempel gesungen.

Längst haben die rot-gelben unsere Herzen im Sturm erobert, als auch noch Celticspieler Bitton mit gelb-rot vom Platz geschickt wird. Gästecoach Archibald reagiert umgehend und wechselt in Mathias Pogba keinen geringeren als den Bruder von Paul ein. Jetzt muss es mit einem überraschenden Auswärtssieg doch klappen!

Nach 80 Minuten schalten zehntausende Heimfans ihre Handytaschenlampen ein und leuchten in das weite Rund. Manch einer mag hier vielleicht von einem imposanten Bild sprechen, doch FUDU konstatiert nach dem bislang stimmungslosen Auftritt und dem deutlichen Abfall auf der Sympathieskala der „Bhoys“: Kitschkacke.

Nach 85 Minuten erfolgt ungelogen der erste deutlich vernehmbare „Celtiiiiiiiic, Celtiiiiiiiic, Celtiiiiiiiic“- Anfeuerungsruf, der von den Gästen zurecht mit hämischem Applaus begleitet wird.

In der 90. Minute würgt Griffiths einen abgefälschten Drecksball über die Linie. Celtic gewinnt schmutzig mit 1:0 und plötzlich erwachen die Heimfans und feiern, als hätte man gerade den FC Barcelona besiegt. Einige ätzende Familienväter postieren sich vor dem Gästeblock, zeigen den aktuellen Spielstand mit ihren Fingern an und lassen den Larry raushängen. So ekelhaft, dass FUDU gerne jedem einzelnen eins auf die Schnauze gegeben hätte…

Völlig frustriert und angewidert verlassen der „Fackelmann“ und ich das Stadion, das eigentlich zum Highlight der Reise auserkoren und nun zum Rohrkrepierer geworden war. Der „Wirtschaftsflüchtling“, noch immer vom Weltruf Celtics überzeugt, stellt die These auf, dass wir das mit Babelsberg doch alles genauso gemacht hätten. Nein, hätten wir nicht. Wir hätten die 90 Minuten lang in Grund und Boden gesungen, sportlich vernichtet und uns dann über sie lustig gemacht. So – und nur so – darf man das machen.

Als hätte es abschließend noch irgendetwas gebraucht, um Celtic bis an das Lebensende eher gelangweilt und kopfschüttelnd zur Kenntnis zu nehmen, begegnen uns Fans, auf deren Celtic-Schals allen Ernstes die Minions mit ins Design eingebettet sind. Ach, hört doch auf, wir gehen jetzt noch einen saufen.

In der vorletzten Bar der Reise führen wir Gespräche mit mehreren freundlichen Celtic-Fans, die teilweise von sich preisgeben, das Stadion angesichts der verheerenden Leistung bereits in der Pause verlassen zu haben. In der Fußballwelt kennen sie sich jedoch aus und so entwickelt sich eine doch recht kurzweilige Fachsimpelei: Union Berlin. Paul Lambert. Alan McInally. Jurgen Klopp. St. Pauli (sucks).

Nach Beendigung des Kneipenbesuchs fasst der Wirtschaftsflüchtling seine Raucherpausengespräche für den Rest der Reisegruppe zusammen. Besonders angetan hat es ihm eine Anekdote aus dem Jahr 1967. Es begab sich zu dieser Zeit, dass der Celtic Football Club den Pokal der Landesmeister gewinnen konnte. Noch heute erzählen sich die Fans Legenden und im Fanshop finden sich nur wenige Produkte, die nicht mit den Helden von damals bedruckt sind. Gewonnen hätten diese Trophäe niemand geringeres als die „lesbischen Löwen“, was der „Wirtschaftsflüchtling“ äußerst amüsant findet und auf die Kurzhaarfrisuren der Akteure zurückführt.

Die 100% motivierten 66,66% wirken belustigt als Korrektiv und verweisen darauf, dass das Finale 1967 in Lissabon stattgefunden hat und wir das heutige Spiel auf der „Lisbon Lions“-Tribüne verfolgt hätten. Grandios. Lost in Translation: Russische Juden sind die besten Stürmer in der Welt, am vierten Mai werde ich mit ihnen sein – und die ‚lesbischen Löwen‘ gehen fortan in die FUDU-Fußballgeschichte ein.

Den Abend bzw. unsere Reise lassen wir dann stilsicher im „Merchants“ ausklingen. Der Weg des „Wirtschaftsflüchtlings“ führt schließlich über Edinburgh nach München, während wir nach einer kurzen Nacht am Flughafen Glasgow wieder sanft und sicher in Berlin landen.

Um kurz vor 13.00 Uhr kehren wir am Ostkreuz beim Dönerimbiss unseres Vertrauens ein. Ich habe nur noch drei Euro einstecken und klage dem Dönermann, der gerade Salat schneidet und dabei raucht, mein Leid. Er entscheidet, mir einfach ein „Berliner Pilsner“ zum Döner zu schenken und ich entscheide mich, gemeinsam mit dem „Fackelmann“ den im britischen Fernsehen beworbenen „Dryathlon“ zu boykottieren. Listen, it’s law – FUDU trinkt eben zum Mittag!

So fühlt sich also „zu Hause sein“ an – und doch könnte es kaum etwas Schöneres geben, als möglichst schnell wieder in dieses verrückte Schott-Land zurückzukehren… /hvg

30.12.2015 Hearts of Midlothian – Dundee United 3:2 (3:2) / Tynecastle Stadium / 16.721 Zs.

Das Sigthseeing-Programm in Edinburgh spult FUDU bei strömendem Regen und 80 km/h Windböen ab. Wir besichtigen das Castle, flanieren die Royal Mile entlang und stellen schnell fest, dass die Stadt zwar optisch zu überzeugen weiß, durch die Touristendichte aber gleichermaßen anstrengend ist. Offenbar sind in der schottischen Hauptstadt über Silvester „Asia Wochen“ angesetzt, anders können wir es uns nicht erklären, warum wir in den wenigen Stunden Aufenthalt in der Innenstadt mehr fotografierende Menschen asiatischer Herkunft als Schotten wahrnehmen.

Nebenan laufen die Aufbauarbeiten für die größte Silvesterparty Schottlands („Hogmanay“). Einige Straßenzüge werden gesperrt, mit Einlasstoren versehen, die man morgen nur gegen Entrichtung eines Entgelts passieren werden darf. Dazu werden erste Verbotsschilder aufgestellt und Verhaltensregeln via digitaler Anzeigetafeln kundgetan. Furchtbar.

Das schlechte Wetter spült uns recht bald in die erstbeste Gaststätte, in der wir feststellen, dass zu allem Überfluss auch die Bierpreise in Edinburgh touristisch gestaltet sind und wesentlich höher liegen als im 70 Kilometer entfernten Glasgow. Dennoch erklimmt FUDU alsbald den Gipfel rhetorischen Schwachsinns und dialogisch entstandene Improvisationsscherze für die Ewigkeit werden geboren. Beispiele gefällig? „Ich habe mal neben Ashton Kutcher gepullert!“ – „Neben dem echten?“ – „Ja, neben dem Ashton!“. Oder die lässig ausgesprochene Empfehlung, dass man angesichts der aufkommenden Fragestellung, worin sich die Sportarten Cricket und Crocket unterscheiden würden, einfach mal „Crocketdile Dundee“ fragen müsste. Nun gut, die vollständige Verblödung scheint nach fünf Tagen Schottland nun nicht mehr zu verhindern sein…

So wird FUDU also geradezu dazu gezwungen, etwas kulturellen Input zu ziehen und man entscheidet sich, der Scottish National Gallery of Modern Art einen Besuch abzustatten. Dort bewundern wir die Werke berühmter Künstler wie Warhol, Lichtenstein und Picasso und erfreuen uns der in Großbritannien üblichen Eintrittsgelderpraxis in Museen: Kostet nüscht, Spenden erbeten. Funktioniert, weil viele Menschen den Wert von Kunst selbst zu taxieren wissen und entsprechend monetär goutieren. Würde nicht funktionieren, wenn es mehr Asoziale wie uns gäbe, die das gesparte Geld blitzschnell in Pints umrechnen können und daher auf eine freiwillige Abgabe verzichten.

Im Anschluss machen wir uns auf zum Hafen von Leith, um die königliche Yacht Britannia besichtigen zu können. Nach wie vor ist es uns angesichts der defekten Fahrkartenautomaten in schottischen Bussen nicht möglich, einen Fahrschein zu kaufen. Okay, genaugenommen tragen wir auf perfide osteuropäische Art und Weise zu diesem preiswerten Vergnügen bei. Während die Schotten nämlich Einzelfahrten (ohne Ticketausdruck) beim Fahrer in bar bezahlen, ist FUDU clever genug, um bei jeder Bustour nach einer Tageskarte zu fragen, für die es einen funktionsfähigen Automaten benötigen würde. Die Antwort der Fahrer heißt daher stets: „Jump in, guys!“

Nach Ankunft am Zielort stellt sich schnell heraus, dass diese kostenlose Busfahrt in etwa den selben Wert hat, wie das Ausflugsziel. Schwer enttäuscht sind wir, dass wir weder freien Blick auf das Meer haben, noch am Ufer entlanglaufen oder einen Hafen erkunden können – und auch von der Britannia können wir uns nur minimale (und enttäuschende) Eindrücke verschaffen, da die Sichtachse durch ein furchtbares Shoppingcenter getrübt wird. In eben jenes „Ocean Terminal Center“ werden alle Touristen zwangsläufig geleitet, die etwas mehr von der königlichen Yacht sehen wollen. Nachdem man sich mühselig durch zwei Etagen Konsumhölle gekämpft hat, erhält man sogleich den nächsten Tiefschlag. Hier wird eine Eintrittszahlung in Höhe von 12 Pfund fällig – ist ja kein Museum.

FUDU verzichtet dankend und macht sich fußläufig auf den Rückweg in Richtung Innenstadt, um sich mit zwei Pub-Aufenthalten die Zeit bis zum Anpfiff des Spiels Hearts of Midlothian gegen Dundee United zu versüßen. Einige Pints später besteigen wir den Bus in Richtung Tynecastle Stadium und ordern siegesgewiss drei Tagestickets. Ohne jeden Kommentar betätigt der Busfahrer zwei-drei Knöpfe und unsere Billets à 4 Pfund rattern aus der Maschine. Verdammt. Wäre diese Glückssträhne also auch gerissen.

Nach dem ersten flüchtigen Blick auf das Stadion kehrt das Lächeln jedoch sehr schnell wieder in die Gesichter der Reisenden zurück. Inmitten eines Wohnblocks liegt das Stadion, das bereits von außen gar nicht britischer aussehen könnte. Eine wunderbare Klinkerfassade mit beleuchtetem Logo setzt erste optische Akzente, alles wirkt eng, verbaut, urig und der Duft mehrerer Jahrzehnte Fußballhistorie liegt in der Luft. Ein Schild an der Tür des Fanshops informiert darüber, dass das Spiel heute „Sold Out“ sei. Wir sammeln unsere vorbestellten Eintrittskarten ein. Ich kann es kaum erwarten, das Stadion von innen zu sehen und presche bereits eine halbe Stunde vor dem Fackelmann und dem Wirtschaftsflüchtling durch die „Sicherheitskontrolle“, die auch in diesem Stadion lediglich daraus besteht, seine Eintrittskarte vor dem Passieren eines elektronischen Drehkreuzes zu scannen und dem dahinter befindlichen Ordner freundlich „Hello“ zu sagen.

Unsere Plätze befinden sich in der fünften Reihe hinter dem Tor. Noch näher kann man kaum am Geschehen sein. Meine Blicke wandern durch das Stadion – besonders angesichts der alten Holz-Giebeldach-Tribüne auf der Längsseite steht der Mund weit offen. Nebenan beziehen die 744 Gäste aus Dundee Stellung und nur wenige Sekunden nach dem Eintreffen der beiden FUDU-Trödler gibt der Schiedsrichter das Spiel frei.
Bei Dundee fehlt der deutsche Torhüter Luis Zwick, der über weite Strecken der Saison die Position des Stammtorhüters inne hatte. Dafür spielt in Guy Demel ein alter Bekannter in der Verteidigung und die FUDU-Außenstelle Finnland weist darauf hin, dass Dundee-Coach Mika-Matti „Mixu“ Paatelainen in der Heimat wegen seiner „Weihnachtsbaumtaktik“ verschrien ist.

Die Fans aus Dundee geben in der Anfangsphase Vollgas und dominieren die Stimmung im Tynecastle Stadium, was aber angesichts der Abwesenheit von Heimstimmung auch nicht sonderlich schwer ist. Wirklich über alle Maße enttäuschend ist, dass es im gesamten Spiel nicht einen einzigen lautstark vorgetragenen Sprechchor und kein einziges Lied der Heimfans zu hören geben wird – bis auf ein-zwei hämische und provozierende „You’re going down!“ Schlachtrufe in Richtung der abstiegsbedrohten Gäste, die sich dadurch aus der Fasson bringen und zu einigen kleinen Scharmützeln mit Ordnern und Heimfans hinreißen lassen. Im Anschluss kehrt dann auch im Gästeblock Ruhe ein.

Das Spiel reißt uns währenddessen jedoch von den Sitzen. Nach den trüben Zweitligapartien weiß das Niveau dieser Erstligabegegnung zu überzeugen. Gleich fünf Tore fallen in der ersten Halbzeit, davon zwei per Elfmeter und eines nach einem katastrophalen Torwartfehler des Ersatzmannes von Luis Zwick. Ständig marschieren beide Mannschaften mit hohem Tempo, hoher Leidenschaft, hoher Aggressivität und geringem technischen Vermögen das Spielfeld auf und ab. Es gibt Abschluss- und Torchancen im Minutentakt, sodass das ganze Stadion eigentlich kochen müsste. Tut es aber nicht. Dafür kochen wir um so mehr und sind nahezu erleichtert, dass uns der Herr Schiedsrichter nach 45 Minuten eine kurze Pause zum Verschnaufen gönnt.
Dort legt der stilsichere Stadion-DJ zunächst einmal aufgrund der aktuellen Ereignisse „Ace Of Spades“ von Motörhead auf und erobert hiermit unsere Herzen (of Midlothian) im Sturm.

In der zweiten Halbzeit beruhigt sich das Spiel ungemein, wobei über die Dauer des Spiels nach und nach immer klarer wird, warum die Gäste abgeschlagen am Tabellenende stehen. Waren sie hier und heute durchaus furios in die Partie gestartet, macht sich nun – auch dank einer erhaltenen roten Karte – Ernüchterung breit. Die Hearts haben alles im Griff, kontrollieren das Spiel nach Belieben und werden letztlich nicht dafür bestraft, dass sie etliche Großchancen liegen lassen und das Ergebnis nicht in die Höhe schrauben können.

Wie in Schottland üblich, stürmen auch wir direkt nach dem Abpfiff den erstbesten Pub. In einer gegenüberliegenden Fish&Chips Bude bestellen und verspeisen wir im Anschluss das größte frittierte Lebewesen, das jemals einen FUDU-Schweinemagen kennenlernen durfte, ehe wir uns mit dem Bus zurück in Richtung Edinburgh City Center machen.

Dort entdecken wir tatsächlich auf dem Weg ins Hotel noch einen geöffneten Pub, für den aus irgendeinem Grund die Sperrstunde keinerlei Bedeutung hat. Nach einigen überteuerten Bieren (because of the Ausnahmeregelung) lassen Teile der Reisegruppe ihren Nemo wieder frei. Nicht in jedem von uns steckt also ein waschechter Schotte! Bereits gegen 2.30 Uhr sind die Hotelbetten erreicht. Morgen gilt es, ein britisches Frühstück einzunehmen und den Heimweg nach Glasgow anzutreten, um den Tourimassen, den exorbitant steigenden Hotelpreisen und den elitären Straßenfeierlichkeiten zu entfliehen. /hvg

28.12.2015 Glasgow Rangers FC – Hibernian Edinburgh FC 4:2 (2:1) / Ibrox-Park / 49.995 Zs.

Nach nur drei Tagen sind wir komplett in Glasgow akklimatisiert. So sehr, dass wir uns bereits vollkommen im „Glasgow-Effekt“ verheddert haben. Arbeitslosigkeit, soziales Elend, ungesunde Ernährung und Alkoholismus führen in einigen Bezirken der Stadt zu einer statistischen Lebenserwartung von 53 Jahren. Und wahrlich: Noch nie haben wir so viele dicke Menschen an einem Ort gesehen. Noch nie haben wir so viele dicke Frauen an einem Ort gesehen. Noch nie haben wir so viel ungesundes Essen gegessen. Wir stellen uns angesichts der auffälligen Häufung unreiner Haut und dicker Make-Up-Schichten die Huhn-Ei Frage. Wenn ihr versteht, was ich meine. Nach einigen Steak & Cheese Rolls zum Frühstück, Sausage Rolls für 70 Pence, Fish&Chips-Portionen in XXXXXL-Größe und Lasagne mit Pommes können wir immerhin mitfühlen. All das erträgt man nur, wenn man sich schon vormittags die ersten Bierchen gönnt. Der Gesundheitsminister empfiehlt derweil, nicht mehr als four Units Alkohol pro Tag zu sich zu nehmen, wobei ein Pint etwa 2,5 Units entspricht. Ob der Bauer wohl mal nachgerechnet hat?

Wie jeder Schotte haben wir die empfohlene Tagesdosis also bereits häufig mit dem Frühstück intus, haben am Ende des Tages Tennent’s-iell immer überpowert und auch einen Stamm-Pub haben wir bereits gefunden. Das „Merchants“ in der Paisley Street lädt immer wieder zum Verweilen ein. Dort gibt es Mutter und Tochter hinter dem Tresen. Dort erlebt man jeden Tag Geschichten, die man seinen Enkeln erzählen kann: Das Treffen mit Esteban, dem Pseudo-Spanier, der im Vollsuff seine Kreditkarte verliert und dem ehrlichen Finder Prügel androht und des Diebstahls bezichtigt. Der kultige Karaoke-DJ, der seine Lads aus Germany ab dem zweiten Abend per Umarmung begrüßt. Die beiden rassistisch beleidigten Anel (Dzaka) und Abder (Ramdane), die nach einer solidarischen Geste unsererseits etliche Freibier springen lassen. Und amouröse Eskapaden rund um den „Acid-Dealer“. Aber Obacht, keine Details: „What happens in the Merchants, stays in the Merchants!“

Eine Unterhaltung darf dann aber doch noch gerne nach Außen dringen. Angesprochen auf unsere Reisepläne geben wir zum Besten, dass wir nach Carlisle reisen werden. Der findige Gesprächspartner entgegnet: „No, you aren’t going to Carlisle!“ – „But why?“ – „Because it’s under water!“. Was wir zunächst für einen Scherz halten, wird im Hotelzimmer zur traurigen Gewissheit. Das Stadion des Carlisle FC gleicht einem Freibad und auch der Rest der Stadt ist unter den Fluten verschwunden. Hotelbuchung und Zugfahrkarten lassen wir verfallen, disponieren schleunigst um, buchen eine Nacht in Glasgow dazu und entscheiden uns alternativ für den Besuch der Rangers. Auch nicht die schlechteste Notlösung.

Tags darauf voller Vorfreude am Ticketoffice der Rangers angekommen, wirft uns die Verkäuferin zur Begrüßung erst einmal einen ordentlichen Knüppel zwischen die Beine. Das Spiel sei bereits seit zwei Wochen ausverkauft und wir hätten keine Chance, auf irgendeinem erdenklichen Weg an Eintrittskarten zu gelangen.

Etwas niedergeschlagen ziehen wir uns in einen Pub zurück, schmieden Schlachtpläne und knüpfen erste Kontakte. Die Maximalsumme, die wir auf dem Schwarzmarkt ausgeben würden, wird ausgelotet und beträgt 60 Pfund pro Nase. Zwei Bier später kehren Fackelmann und ich (zwei Stunden vor Anpfiff) zum Stadion zurück, drehen unsere Runden um die Spielstätte und den U-Bahnhof, um Kartenverkäufer zu erspähen, während der Wirtschaftsflüchtling weiterhin in der Kneipe ein-zwei-drei Karten aufzutreiben versucht. Nach einer Stunde Rundgang und zwei Mal pullern hinter dem Polizeipferd ist klar, dass der Schwarzmarkt ausschließlich aus Kartensuchenden besteht. Fackelmann zieht sich erschöpft in die Kneipe zurück und schlägt mit dem Wirtschaftsflüchtling ab, der mich fortan bei der Suche unterstützt. Zwei tapfere Mohikaner wollen das weiße Taschentuch noch etwas stecken lassen und weitere Kilometer abspulen. Fünfzehn Minuten vor Anpfiff klingelt mein Handy. Der Wirtschaftsflüchtling hat doch tatsächlich eine Karte auftreiben können – für zehn Pfund – wobei die preiswerteste Karte im Vorverkauf doppelt so teuer gewesen war. Der Mann ist ein Phänomen. Und ein echter Kumpel, da er mir die Karte überlässt und sich zum Fackelmann zurück in den Pub gesellt.

Mein Glück noch gar nicht fassend, stehe ich plötzlich im altehrwürdigen Ibrox-Park. Was für ein wunderbares Stadion: Klinkerfassade, enge, steile Ränge ohne Abstand zum Rasen, holzvertäfelte Ehrenlogen, Katakomben, welche man dergestalt auch in Industriehallen vorfinden könnte, kein Schicki-Micki-Brimborium, kein sichtbares V.I.P-Chichi mit roten Teppichen, einfach nur ein Fußballstadion!

Das Spiel beginnt. Von meinem Platz in der letzten Reihe kann ich ausschließlich Rasen, das untere Drittel der Tribünen und die Dachkonstruktion der Haupttribüne mit dort angebrachten alten funktionslosen Röhrenfernsehern sehen. Die Herkunft des Lärms, den die Rangers-Fans teilweise erzeugen, kann ich nur erahnen. In Hochphasen zieht einem die Stimmung beinahe die Schuhe aus – leider beteiligen sich jedoch nur äußerst sporadisch alle Zuschauer, sodass es über weite Strecken des Spiels auch ziemlich leise wird. Das Spiel jedoch hätte das Zeug gehabt, über die komplette Distanz lautstark begleitet zu werden. Wirklich schnell, temporeich und sehenswert, wie hier die beiden Spitzenmannschaften der zweiten schottischen Liga um die Tabellenführung kämpfen. Der Gast aus Edinburgh geht früh mit 1:0 in Führung. Der Gästemob (knapp 1000 Mann stark) feiert den Treffer ekstatisch und der schöne Torpogo endet mit kleineren Scharmützeln mit nebenan sitzenden Rangers-Fans und den Ordnern. Richtig lautstark gesungen wird im Block der Hibs jedoch leider nur nach dem Tor, ansonsten darf wohl eher von einer enttäuschenden Performance gesprochen werden. Torschütze Jason Cummings, gerade einmal zwanzig Jahre alt, wird zum auffälligsten Spieler der Partie werden. Technisch auf einem anderen Level als alle anderen Akteure, immer mit einer guten Idee und einem guten Pass ausgestattet, dazu Agent Provocateur à la Sören Brandy, wird er dank seiner Gesamtekligkeit für den Gegner schnell dazu auserkoren, ausgepfiffen zu werden. In bislang 52 Spielen in der zweithöchsten Spielklasse gelangen ihm 31 Treffer. Da wette ich 5 Pfund

Schweinemett drauf, dass dieser Mann in zwei bis drei Jahren zum schottischen Nationalspieler reifen und nach England wechseln wird…

Die Rangers zeigen sich jedoch als Mannschaft geschlossener und besser aufgestellt als ihr Gegner und drehen die Partie noch vor der Halbzeit. In der zweiten Halbzeit legen die Rangers den schönsten Treffer des Abends nach und gehen nach einer butterweich getretenen Flanke auf den langen Pfosten mit darauf folgender Direktabnahme 3:1 in Führung. Spannung bringt jetzt nur noch der Schiedsrichter hinein, als er in der 70. Minute einen Rangers-Akteur mit glatt Rot zum Duschen schickt. Dennoch verwalten die Rangers die Führung lange Zeit souverän – so lange, bis ihr Torhüter an einer harmlosen Flanke vorbeisegelt und der eingewechselte Gästeakteur den Ball ins leere Tor stolpern kann. Erst dann entsteht eine Art Druckphase der Gäste, die aber jäh durch einen Konter und eine wunderbare Einzelleistung samt Torerfolg durch Waghorn beendet wird.
Auch bei den Rangers verlassen viele Zuschauer das Spiel bereits vor dem Abpfiff. Der Drang, im Pub ein Bier trinken zu gehen, ist offenbar zu groß. Mehr als 50% der Zuschauer verlassen das Stadion jedoch nicht, ohne der Ordnerin einen Kuss gegeben zu haben. Hier scheint man sich zu kennen.

Ich bleibe selbstverständlich bis zum Abpfiff und stelle dann ernüchtert fest, dass sich das Stadion dann innerhalb von nur 2 Minuten komplett leert. Es gibt keinen Applaus, keine Feierei, kein Ehrenrunde der Spieler, sodass auch ich mich von den Massen in Richtung Pub schieben lasse, um dort die beiden anderen Specknacken einzusammeln und von meinem Erlebnis Bericht erstatten zu können.

Als ich die Pubtür öffne, verstehe ich plötzlich die Hektik der Leute. Die letzten 1,2 Quadratzentimeter Platz nutze ich, um einen Fuß in die Kneipe zu bekommen. Der Wirtschaftsflüchtling steht in guter Position nahe der Zapfhähne und nimmt mein Gewinke wahr. Bei einem gemeinsamen Bier, das man immer dann trinkt, wenn man den Arm weit genug vom Körper bewegen kann, wird das Stadion- mit dem Fernseherlebnis abgeglichen.

Am Ende des Abends fahren wir mit der Glasgower Metro – die wohl kleinste Bahn mit den engsten Tunnelröhren und schmalsten Bahnsteigen der Welt. Der Wagon ist so niedrig, dass ich mir darin beinahe den Kopf stoße. Von den Einheimischen wird die Metro liebevoll „Clockwork Orange“ genannt. Uns kutschiert sie in die Stadtmitte, um in der Buchanan Street in einem „Wetherspoons“ einzukehren. Das opulente Gebäude, in dem früher eine Bank beherbergt war, macht optisch dermaßen viel her, dass es einem beinahe stilvoll erscheint, ein letztes Bier des Tages zu trinken und dann glücksbeseelt ins Bett zu fallen „Merchants“ weiterzuziehen… /hvg

21.11.2015 Roda JC Kerkrade – PEC Zwolle 0:5 (0:2) / Parkstad Limburg Stadion / 14.378 Zs.

Es ist früh am Samstag. Der Wirtschaftsflüchtling riecht nach Schnapsbrennerei und torkelt mir am Bochumer Hauptbahnhof entgegen. Ich bin abermals überrascht, dass der Italiener ausgerechnet immer dann pünktlich ist, wenn er keinen Kontakt mit einem Bett und/oder Wasser hatte. Weniger pünktlich ist abermals die Deutsche Bahn, deren Regionalbahn von Bochum nach Aachen Rothe Erde dermaßen viel Verspätung sammelt, dass wir den Anschlussbus nach Kerkrade verpassen und spontan entscheiden werden, erst einmal bis zum Aachener Hauptbahnhof zu fahren.

Dort betreten wir zur besten Frühstückszeit eine Eckkneipe und sind innerhalb weniger Sekunden bei dem ersten Kölsch des Tages davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Schnell führt der sympathische Wirt all seine Gäste am Nasenring durch die Arena und betet uns die bedauerlichen Biographien seiner Stammkunden vor. Da auch wir, immerhin zum Frühstück Bier trinkend, die eine oder andere Frauengeschichte ohne Happy End zum melancholischen Singsang beizutragen haben, schließen wir schnell Freundschaften. Am Pissoir entwickelt sich dann auch ein Dialog, der sich gewaschen hat: „Wie lange biste denn schon hier in der Kneipe?“, frage ich meinen Nebenmann. „Ach, seit wann kenn ich de Jupp? Wann war isch dat erste Mal im Knast jewesen? Dreißisch Jahr muss dat her sein!“ – „Oh, im Knast? Was haste gemacht?“ – „Jung, isch hab Illusionen verkauft!“ – „Ach, du bist ein Magier?“

Gelächter. Noch ein Kölsch.

Am Ende verlassen wir die Kneipe aus Versehen nicht durch die Tür, sondern durch die Fensterfront und verpassen beinahe unseren Zug, der uns über (Willy) Landgraaf nach Kerkrade führen soll. Ab Landgraaf steigt der Altersdurchschnitt im Zug auf ca. 75 und wir stellen uns mental auf Rentnerschwemme in einer etwas überalterten niederländischen Stadt ein.

Als wir unsere Pension in Kerkrade betreten, sind wir dennoch ein wenig überrascht, dass uns ein Rentnerehepaar mit Kaffee und Kuchen empfängt. Der freundliche alte Herr fragt uns, ob wir heute auch wegen des Konzerts von „Golden Earring“ in der Stadt seien. Wir verneinen dies und offenbaren, dass wir noch nie in unserem Leben etwas von „Golden Earring“ gehört hätten. Den alten Leuten schlafen die Gesichtszüge ein. Und das schon, bevor wir erklären, dass wir wegen eines Fußballspiels und des Genusses alkoholischer Getränke vor Ort sind. Die etwas weniger offene ältere Dame reagiert blitzschnell und erklärt uns die Hausregeln. In Erinnerung geblieben sind mir die Worte: Nicht. Nicht. Nicht. Nicht. Nicht. Und leise sein.

Der Wirtschaftsflüchtling sagt, dass Südländer nicht bei unter 30 Grad Zimmertemperatur schlafen können würden und dreht die Heizung unseres Kämmerchens auf Stufe 100. Schnell recherchieren wir, wer oder was „Golden Earring“ sind. Eine holländische Rockband. Jetzt schlafen mir die Gesichtszüge ein. Sensationell. Im Anschluss seiner Dusche wird der Wirtschaftsflüchtling monieren, dass das Wasser unheimlich schlecht abläuft und mir empfehlen, mit meiner Körperpflege noch etwas abzuwarten. 20 Minuten später verspüre auch ich das Bedürfnis nach Hygiene und werde nach Analyse des Abflussproblems flugs zum Klempner des Jahres, indem ich den Stöpsel aus dem Duschbecken entferne (!!!) und so das Problem des nicht ablaufenden Wassers behebe. Oh Mann, der Wirtschaftsflüchtling. Nicht immer überlebensfähig, aber heute wenigstens pünktlich.

Auf dem Weg zum Stadion feiern wir gemeinsam mit handgezählten 23 Bürgern und Bürgerinnen Kerkrades sowie mit acht eingefärbten Mohren, die wohl durch Blackfacing und ein klein wenig Alltagsrassismus die Stimmung auflockern sollen, ein Stadtfest, das sich gewaschen hat. Kurz darauf stelle ich mit erkalteten Händen fest, dass in den Niederlanden der Winter bereits früher vor der Tür steht und kaufe mir ein Paar Handschuhe, das ich von der gleichermaßen hübschen wie überforderten Kassiererin des lokalen C&A beinahe geschenkt bekomme. Den letzten Zwischenstopp vor dem Stadionbesuch legen wir im „De Gouden Leeuw“ ein. Eine Kneipe, in der der Wirt auf Nachfrage so nett ist, uns einen Song von „Golden Earring“ vorzuspielen. Oh, kennt man sogar. Jetzt aber schnell mit dem Bus zum Fußball…

Das Parkstad Limburg Stadion wurde im Jahr 2000 eröffnet und sieht dementsprechend aus. Vor den Stadionkassen erwerben wir von einem freundlichen Herren Karten für 10 Euro und entlasten die Reisekasse, die bei einem Kauf regulärer Tickets an der Tageskasse doch etwas mehr hätte geschröpft werden müssen. Kurz darauf nehmen wir Platz auf der Hintertortribüne und lassen uns wie neulich in Prag die Wärmestrahlersonne auf den Bauch scheinen. Das Spiel beginnt – und ist dann bereits nach 14 Minuten entschieden. Der Gast aus Zwolle führt mit 2:0 und spielt hier und heute die furchtbar unsortierten und niveauarmen Hausherren an die Wand.

In der Halbzeitpause betreten zwei junge Menschen in T-Shirts einer Brauerei den Rasen und deuten an, etwas mit einer Druckluft-Röhre in das Publikum feuern zu wollen. Ich persönliche hoffe, dass es sich um Bierdosen handelt, bin nach dem ersten Schuss dann allerdings hochgradig enttäuscht, weil das verschossene Präsent leider weit über das Stadiondach hinaus in den Orbit gejagt wird. Ziiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiisch. Läuft halt heute irgendwie nicht so für Roda – alles geht daneben!

Mich erreichen über die Dauer des Spiels diverse Kurznachrichten aus dem Fanblock gegenüber, von dem aus ein Freund erst fragt, wo wir im Stadion sitzen würden („Im Osten. Passt zu uns!“), ob wir nach dem Spiel ein Bier mit ihm trinken wollen würden („Ja, unbedingt!“), um dann wenige Minuten später nachzulegen, dass ihm der Auftritt seiner Lieblinge sehr peinlich sei und wir unbedingt noch einmal wiederkommen müssten. Zum Zeitpunkt der dritten Nachricht sind 60 Minuten gespielt und der Gast aus Zwolle führt 4:0. Und wenn man einen Gegner im eigenen Stadion schon einmal richtig demütigt, dann darf man auch gut und gerne in der 90. Minute noch ein 5:0 einschenken. Das Stadion, das sich ohnehin schon nach jedem Gegentreffer weiter und weiter geleert hatte, gleicht nun einem Friedhof. Auch die Fantribüne, die über das gesamte Spiel noch gute Miene (Achtung: Bergbauwortspiel!) zum bösen Spiel gemacht hatte, verstummt nun und verabschiedet ihre Helden wortlos, aber bemerkenswerterweise ohne Pfiffe.

Nach dem Spiel halten wir Ausschau nach meinem Bekannten, der so aussieht, wie ich. FUDUs bärtiger Bruder findet uns verwirrte und orientierungslose Menschen dann im Stadionumfeld, nimmt uns an die Hand und schleust uns an den Ordnern vorbei in die Fankneipe des RJC, welche sich im Bauch der Fantribüne befindet. Dort lernen wir seine Familie kennen, wobei Vater, Mutter und Bruder nicht müde werden, zu betonen, dass es eigentlich auch noch eine Schwester geben würde. Die sei aber kein Roda-Fan, von daher würden wir heute genau genommen bereits die gesamte Familie kennenlernen. Nett. Noch netter ist, dass uns ständig zwei Pils gleichzeitig in die Hand gedrückt werden („Sind ja nur kleine Bier!“) und sich ein feucht-fröhlicher Abend entwickelt, der damit endet, dass wir als letzte verbliebene Gäste aus der Fankneipe gebeten werden. Im Nachgang der Reise zeigt sich, dass sich ein Kerl mit Schapka in den Hintergrund aller Gruppenfotos gedrängt hat. Da wir ihn in den Momenten der Aufnahmen nicht wahrgenommen hatten, kann wohl konstatiert werden, dass auch mehrere kleine Pils irgendwann zu einigen großen werden.

Mein Lieblingskumpel (Achtung: Bergbauwortspiel!) erzählt unzählige Anekdoten aus der Vereinshistorie (z.B. über Europapokalspiele gegen den AC Mailand und über Dick Nanninga, WM-Final-Torschütze 78 und Spieler des RJC), der Region Limburg und führt mich dann durch die heiligen Gänge des Stadions und erklärt mir die Wandbilder.

Als wir das Stadion verlassen, treffen wir auf Abwehrspieler Ard van Peppen, der schick gekleidet noch immer die Geduld aufbringt, auch den letzten verstrahlten Stadionbesuchern die Niederlage zu erklären und mit ihnen für Fotos zu posieren. Ai, das hat Spaß gemacht! Wir verabschieden uns von unseren niederländischen Gastgebern und sind uns sicher, dass wir uns irgendwann einmal An der Alten Försterei oder im Parkstad Limburg Stadion wiedersehen werden…

Da wir die Regeln der Pension nüchtern verinnerlicht haben, können wir nun ruhig noch ein gepflegtes Bier trinken gehen. Die Spelunke, die wir betreten, ist ziemlich urig, der Altersdurchschnitt ebenfalls. Aus dem „einen schnellen Bier“ mit dem Wirtschaftsflüchtling werden gewohntermaßen mehrere, wobei ihn dieses Mal keine Schuld trifft, wird hier doch tatsächlich Gerstensaft in 0,18 Liter Gläsern kredenzt. Mal ernsthaft, was soll das sein? Was für eine Maßeinheit ist das? Eine Frikandellänge?

In der Pension angekommen, treffen wir auf die Gäste des anderen Zimmers. Es sind hässliche Deutsche aus Frankfurt (nicht an der Oder), die Besucher des „Golden Earring“ Konzerts waren. Nun würden sie gleich auf den Geburtstag ihres Papas anstoßen, erzählt uns Ayla („Mein Name ist türkisch, ich nicht!“) und schmeißt uns die Verandatür vor der Nase zu. Oh, da will wohl jemand unter sich sein.

Der Wirtschaftsflüchtling und ich gehen zum Kühlschrank in der Gemeinschaftsküche und erleichtern diesen um alle verfügbaren Pit-Bierdosen. Wir lassen das entsprechende Klimpergeld in die Kasse des Vertrauens wandern und hoffen, dass Familie Gold aus Westdeutschland nichts eigenes zum Trinken dabei hat, schleichen still und leise die Treppe in unseren Saunaraum hinauf, füllen das Bier in mein 0,18 Liter großes Kleptomaniesouvenir und stoßen auf Aylas Vati an. Prost. /hvg

14.11.2015 SV Lichtenberg 47 – Tennis Borussia Berlin 2:0 (0:0) / Hans-Zoschke-Stadion / 673 Zs.

Soeben ist das Länderspiel Frankreich gegen Deutschland zu Ende gegangen. Inmitten des Spiels hat es eine deutlich vernehmbare Detonation gegeben. Mittlerweile ist durchgesickert, dass es sich um einen Terroranschlag gehandelt hat, der ursprünglich nicht in der Nähe, sondern im „Stade de France“ durchgeführt werden sollte. Weitere Anschläge erschüttern derweil Paris und finden ihre Opfer im Theater „Bataclan“ und an vier anderen Orten im 10. und 11. Arrondissement. Ich sitze bis tief in die Nacht vor dem Fernseher und verfolge die aktuellen Nachrichten aus der französischen Hauptstadt. Dabei ärgere ich mich ein wenig darüber, dass es permanent Liveschalten zu Experten gibt, die auch noch nicht mehr wissen, als jeder andere auch. Immer und immer wieder werden Gerüchte verbreitet, von eventuellen neuen Anschlagsorten berichtet und Opferzahlen taxiert, ohne zu vergessen, dabei zu betonen, dass dies alles noch keine gesicherten Informationen seien. Nichts genaues weiß man nicht, aber man kann bekanntlich nie früh genug damit beginnen, Ängste zu schüren. Auch Deutschland könnte irgendwann natürlich einmal potentielles Anschlagsziel sein. Die gewagte Querverbindung von islamistischen Terroranschlägen zum Fußballsport im Allgemeinen führt dazu, dass auch Herr Rauball zu den Geschehnissen der vergangenen Stunden befragt wird. Dieser lässt es sich dann auch nicht nehmen, zu erwähnen, dass im Fußball nie wieder irgendetwas so sein wird, wie es einmal war und ebnet so bereits den Weg für neue überbordende Sicherheitsmaßnahmen, Kontrollen und verschärfte Überwachungsmethoden.

Die nie gestellte Frage, ob ich jemals wieder ein Fußballstadion betreten werde, beantwortet mein Vater am nächsten Morgen, indem er mich fragt, ob ich ihn zu einem Spiel im Berliner Pokal zwischen Lichtenberg 47 und Tennis Borussia Berlin begleiten will. Ja, ich will.

Am Kassenhäuschen bestellt mein Vater für jeweils 5 € ermäßigte Eintrittskarten und nennt doppelt lügend „Rentner“ und „Student“ als Grund. Da nur ich nach einem Nachweis gefragt werde, gehe ich davon aus, dass ich mittlerweile für einen gewöhnlichen Studenten zu alt aussehe, worüber sich mein Vater köstlich amüsiert. Aber nur so lange, bis ich ihn darauf hinweise, dass er offenbar alt genug aussieht, um ihm die Rentnernummer ohne Ausweispapier abzukaufen. Ein norddeutscher Ordner stimmt in unseren Humorkanon mit ein und verkauft uns ein hübsches Stadionheft für einen Euro.

Da die legendäre Imbissbude an der Ecke Normannen-/Ruschestraße, in der schon so manche Turmspringschlacht von FUDU aufmerksam verfolgt wurde, im Vorfeld der Partie leider geschlossen bleibt, ist unser Imbisshunger und Bierdurst bislang nicht gestillt worden. Da der hierfür eingerechnete Zeitfaktor in Form von 45 Minuten so auf die Habenseite gewandert ist, verbleibt nun genügend Zeit, anstatt dessen in das Vereinscasino der 47er einzukehren, wobei angesichts der winterlich kalten Temperaturen auch ein gewisser Bedarf an Wärme nicht zu leugnen ist. Dort überzeugt das von Halil Savran unterschriebene Trikot hinter Glas, eine Ehrenwand ehemaliger Lichtenberger Spieler, die es in den Profibereich geschafft haben, das Publikum und die Preise. Das sensationell schöne „Zoschke“ verfügt also auch über eine wunderbare Gaststätte – ein weiterer Grund, immer mal wieder auf einen Besuch vorbeizukommen!

Als wir das Stadion dann erneut betreten, passieren wir einen kleinen Fanshop der Lichtenberger, der durch sein Sortiment und seine charmante Preisgestaltung überzeugt (Preise enden jeweils auf 47 Cent). Robert Jaspert fachsimpelt mit dem gleichen adrett gekleideten Begleiter wie neulich in Zehlendorf (Nachtigall, ick hör dir trapsen…), wird aber im Verlauf der Partie vom TeBe-Haufen auf der Gegengeraden nicht homophob beleidigt. Schön, dass die sich auch mal zusammenreißen können.

Vor dem Anpfiff gibt es eine Schweigeminute für die Opfer der gestrigen Attentate. Nach dem Anpfiff gibt es im gut gefüllten „Zoschke“ immer mal wieder Anfeuerungen für die Gäste, wobei der Block politisch korrekt mit französischen Nationalflaggen geschmückt ist und der allseits beliebter Charlottenburger Schlachtruf „Lila-Weiße“ von meinem Vater um „Westberliner Scheiße“ ergänzt wird. Ach ja, Erziehung und Sozialisation sind schon unbezahlbare Werte. Knapp 150 Borussen haben sich heute auf den Weg nach Lichtenberg gemacht und ein rot-weißes Flatterband sorgt für die immens wichtige Fantrennung. Der lauteste im Rund ist jedoch mit weitem Abstand Daniel Volbert, Trainer der Charlottenburger, der cholerisch alles und jeden lautstark zusammenscheißt.

Das Spiel zwischen den beiden Oberligisten findet hart umkämpft zwischen den Strafräumen statt. Ich erfreue mich darüber, dass in den Reihen Lichtenbergs mit Reiniger und Mayoungou zwei ehemalige Unioner agieren und auch Tennis Borussia hat in Onur Yesilli einen ehemaligen Schützling der Zweeten in der Startelf, wenn auch noch ohne Namen auf dem Trikot. Ansonsten bietet die Partie nicht viel mehr Gründe zur Freude. TeBe hat mehr Ballbesitz, kann hiermit aber rein gar nichts anfangen. Lichtenberg riegelt den eigenen Strafraum ab, kommt aber seinerseits ebenfalls nur sporadisch mit Ball am Fuß in die Nähe des gegnerischen Strafraums. Bereits nach 20 Minuten richten wir uns so gedanklich auf eine Verlängerung ein und konsumieren den ersten Stadionglühwein des Jahres.

Nachdem wir in der ersten Halbzeit sitzend auf der Haupttribüne gefroren hatten, wechseln wir im zweiten Spielabschnitt auf die Stehtribüne. Dort ist es aufgrund der Bewegungsfreiheit wesentlich wärmer, außerdem stehen wir dem TeBe-Tor näher, in welches wir den Ball gerne einschlagen sehen würden. Aufgewertet wird der Stehplatz durch die gute Nachbarschaft (Rocco Teichmann, Steffen Baumgart) und durch den überragenden Spielverlauf. Für eine Dauer von 10 Minuten lösen beide Mannschaften urplötzlich die Fesseln und kommen jeweils zu Großchancen. Einen Schuss von TeBe kratzen die Lichtenberger von der Linie. TeBe hat hingegen Glück, dass Lichtenbergs Brechler eine 1:1 Situation gegen den Torwart nicht erfolgreich bewältigen kann. Danach ergibt sich wieder das gleiche Bild wie in der ersten Halbzeit, doch in der 93. Minute schlägt die große Stunde der Heimmannschaft: Brechler kann einen an die Latte geköpften Ball im Nachschuss verwerten, woraufhin alle Lichtenberger Ersatzspieler und Betreuer auf den Platz stürmen und eine überdimensional große Jubeltraube bilden. Auch der Fotograf kennt kein Halten mehr, klettert von den Traversen auf den Rasen und muss alles aus nächster Nähe dokumentieren. In der letzten Minute der Nachspielzeit gelingt Daniel Wahl (96. Minute) durch einen Konter und einen strammen Schuss ins linke Eck gar das 2:0, womit Lichtenberg verdient in das Achtelfinale des Paul-Rusch-Pokals einzieht.

Die Jubelorgie verstummt nach wenigen Sekunden. Es ist kalt und die Menschen verlassen das Stadion trotz der emotionalen Schlussphase in Scharen. Da die Polizei die verordnete Fantrennung nach wie vor sehr Ernst meint, dürfen wir den Ausgang Normannenstraße nicht offiziell nutzen, sondern müssen wir uns unter dem Flatterband hindurch bücken, als gerade niemand hinschaut, um dann doch gemeinsam mit den TeBe-Fans aus dem Stadion zu entweichen. Wirklich nichts ist mehr so, wie es früher einmal war. Und sicher ist bekanntlich sicher. /hvg

06.09.2015 BSV Hürtürkel 1980 – SC Borsigwalde 1910 1:2 (1:0) / Sportanlage Hertzberplatz / 40 Zs.

Berlin-Pokal, 1. Runde. Mein Heimatverein darf als frischgebackener Bezirksligist beim BSV Hürtürkel vorstellig werden. Der BSV startet in dieser Saison bereits in seine dritte Oberligasaison in Folge und spielt somit um genau vier Klassen höher als die gerade eben aufgestiegenen Borsigwalder. Das Spiel findet auf dem „Hertzbergplatz“ statt, welcher auch in dieser Saison Heimspielstätte des BSV Hürtürkel ist, aber von FUDU bislang nicht gekreuzt wurde. Auf der Hopping-Mission, die NOFV Oberliga Nord irgendwann einmal zu komplettieren, gelingt es so neben meinem Vater auch den „Hoollegen“ für diesen Tagesausflug zu akquirieren.

Der Sportplatz befindet sich in der Sonnenallee und ist somit lediglich vier S-Bahn-Stationen von meinem zu Hause entfernt. Trotzdem kann man es als Prokrastinationsweltmeister natürlich locker schaffen, diese Teufelsetappe auf die lange Bank zu schieben und nicht anzugehen. Nun zeigt sich im Gewirr des Berliner Nahverkehrs recht schnell, dass man diese Reise keineswegs auf die leichte Schulter nehmen darf. Etwas unbedarft in die falsche S-Bahn eingestiegen und schon ist man versehentlich im Plänterwald angekommen. Kann schon man passieren, wenn man sonst so selten in Richtung Westen fährt. Aber geschenkt…

Mein Vater muss so leider etwas länger als geplant an der Sonnenallee ausharren, bis die beiden FUDU-Trottel den Weg endlich gefunden haben. Zu Fuß sind die 750 Meter zum Sportplatz aber schnell genug zurückgelegt, um rechtzeitig vor dem Anpfiff seine Plätze einzunehmen und einen ersten Rundumblick in die bisher unbekannte Oberliga-Spielstätte zu werfen: Man nehme einen Naturrasenplatz, baue an eine der beiden Längsseiten fünf Stufen – fertig ist in Berlin das, was sich Oberliga-Stadion nennt. Sicherlich ganz witzig, wenn hier auf der 2500 Zuschauer fassenden Anlage Tennis Borussia oder Hansa Rostock II gastiert, doch heute kommt nicht mehr auf als Sportplatzflair.

Am Ende des Spiels werden sich etwa 40 Menschen auf der Anlage befinden, wobei die Nummerierung unserer Eintrittskarten (001 bis 003), die wir gut 5 Minuten vor Anpfiff erworben haben, darauf hindeutet, dass heute womöglich nicht all zu viele Menschen, die es mit dem Gastgeber halten, Eintritt bezahlen müssen. Dennoch ist die Karte ihre 3,00 € locker wert, befindet sich sogar ein Logo des Gastvereins auf ihr.

Die Imbisshütte auf dem „Hertzbergplatz“ ist ganz offensichtlich verpachtet und hat mit dem gastgebenden Verein so rein gar nichts zu tun. Das Angebot reicht von Bier bis zu Variationen vom Schwein und ist somit nicht ganz genau auf die türkischstämmige Zielgruppe zugeschnitten, aber immerhin werden gleich drei von 40 Zuschauern auf ihre Kosten kommen. Damit das Neuköllner Original hinter dem Tresen wenigstens nicht gänzlich leer ausgeht, machen wenigstens wir ihr unsere Aufwartung und bestellen Kindl und zweierlei Wurst (eine Bocki, zwei Bratwurst).

Die Frau hinter dem Tresen ist überrascht, dass die Ordner im Hintergrund eine im Ligaalltag übliche Absperrung vornehmen, was sie dazu veranlasst, das Glasflaschenbier in Plastikbecher umzufüllen, so wie sie es dank NOFV-Auflagen in der Oberliga auch tun muss. Also doch großer Fußball! Der Hoollege beschwert sich alsbald, dass es ein ungeschriebenes Gesetz sei, dass zu einer Wurst immer eine dreieckige Scheibe Toast gereicht werden müsse und prangert die brotlose Kunst der Cateringdame an.

Dann kann das Spiel beginnen, von dem sich nur der Vater des Autors und ausgewiesener Borsigwaldekenner Spannung erhofft. Der Rest der Reisegruppe geht von einem deutlichen Sieg des Oberligisten aus und ist gleichzeitig froh darüber, dass nach und nach Sonnenstrahlen den morgendlichen Dauerregen ablösen.

Schnell wird klar, dass der BSV hier und heute kein leichtes Spiel haben wird. Die Borsigwalder sind gut organisiert und schließen dank einer sehr hohen Laufbereitschaft jede sich öffnende Lücke und ersticken den Spielaufbau des uninspirierten Oberligisten im Keim. Nur wenige Chancen werden zugelassen, die wiederum bravourös vom Schlussmann vereitelt werden können. Gleichzeitig nimmt der SCB aber auch am Spiel teil und lässt den Ball teilweise gefällig laufen und erspielt sich seinerseits ebenfalls Abschlussgelegenheiten. Durch einen direkten Freistoß von Kucak in die Torwartecke (36. Minute) kann der Favorit etwas schmeichelhaft in Führung gehen und alles scheint nun seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Erst jetzt geben sich die Spieler des BSV lautstark Kommandos, zuvor war es in Reihen des BSV erschreckend ruhig geblieben. Vielleicht hatten sich die Spieler als Reaktion auf die schwachen sportlichen Auftritte der jüngeren Vergangenheit (Drei Niederlagen in den ersten drei Saisonspielen gegen Wismar, Fürstenwalde und den BSC Süd) aber auch erst einmal zur Ruhe ermahnt…

In der zweiten Halbzeit nehmen es die Favoriten dann etwas zu locker mit den Freizeitfußballern aus Borsigwalde, die immer besser ins Spiel kommen. Überraschend ist, dass konditionell offenbar dermaßen viele Körner vorhanden sind, dass zu keiner Sekunde des Spiels ein deutlicher Abfall der Laufbereitschaft zu konstatieren ist. Sensationell.

Die erste Chance, die sich dann eher zufällig auftut, nutzt der SCB in Person von Pierre Henkel mit etwas Glück, aber viel Geschick, zum 1:1 in der 50. Minute. Der Siegtreffer fällt 25 Minuten später durch Milewski. Und während die Führung Hürtürkels einem Torwartfehler geschuldet war und der Schütze des Ausgleichstores etwas mit dem Glück im Bunde war, ist dann der dritte Treffer wahrlich ein blitzsauber heraus gespieltes Tor mit einem wunderbaren Linksschuss an den Innenpfosten als krönender Abschluss.

Die restliche Viertelstunde bekommt der SCB gut verteidigend über die Zeit, wechselt die beiden einzig verfügbaren Auswechselspieler ein und zieht auch mit dieser dünnen Personaldecke letztlich verdient in die nächste Runde ein. Auf den BSV Hürtürkel werden in der Oberliga wohl schwere Zeiten zukommen. „Riesenjubel bei allen Borsigwaldern und den drei Fans, die den weiten Weg zur Sonnenallee gefunden hatten“, schreibt die offizielle Website des SCB tags darauf und auch auf der Titelseite der „Fußball-Woche“ vom Montag werden die Feierabendfußballer aus Borsigwalde gebührend gefeiert. /hvg

30.05.2015 Hellas Verona FC – Juventus FC 2:2 (0:1) / Stadio Marcantonio Bentegodi / 23.149 Zs.

Saisonende in Deutschland. Mit der spielfreien Leidenszeit vor der Brust entscheidet sich FUDU et la Famiglia für einen Ausflug nach Italien und das, obwohl dort bereits alle Messen gelesen sind. Juventus ist rechnerisch nicht mehr von der Tabellenspitze zu verdrängen und wird den Scudetto zum vierten Mal in Folge erhalten und Hellas hat sich im sicheren Mittelfeld der Tabelle eingependelt. Neben der sportlichen Unbedeutsamkeit bewegen sich die Flugzeiten im sportlichen, die Flugkosten (→ Lufthansa) im nicht durch Sportwetten gedeckten Bereich. Was soll’s. 26 Grad° und Sonne, Fußball und ein weiteres Stadion der Italia 90 sind bekanntermaßen immer jeden Taler wert.

Obendrein stellt sich Verona nach einer ausgiebigen Sightseeing-Runde als eine überaus schöne Stadt dar, die absolut eine Reise Wert ist. Malerische Straßen, Flaniermeilen entlang der Etsch, die Ponte Pietra, ein großes Amphittheater inmitten des Stadtzentrums, imposante Stadttore, das Castelvecchio mit der angrenzenden Ponte Scaligero und natürlich die Schauplätze von Shakespeares „Romeo et Giulietta“ lassen sich als touristische Hotspots benennen. Fetti grüßt dann ab sofort von der Wand des Innenhofes des Hauses der Julia, an dem normalerweise verliebte Paare kitschige Liebes(ge-)schwüre hinterlassen.

Hellas Verona feiert derweil den Gewinn des Scudetto von 1984/85. Alkoholiker und Rechenfüchse haben blitzschnell erkannt, dass es an der Zeit für ein Jubiläumspilsner ist. Die schlauen Marketingstrategen Hellas‘ geben anlässlich dieses Umstandes wirklich schicke Retrotrikots heraus, die mich beinahe zu einem Kauf animieren. Wesentlicher Bestandteil der Meistermannschaft 85 war neben Preben Elskjær Larsen übrigens ein gewisser Hans-Peter Briegel, der Hellas noch heute eine „Fan“-Freundschaft mit dem 1.FC Kaiserslautern beschert. Am Stadion Marcantonio Bentegodi angekommen ist jedoch schnell klar, dass es sich eher um eine Freundschaft zu einer zumindest hooligannahen Gruppe namens „Brigade Barbarossa“ handelt. Selten so viele ekelhafte Kanten auf einem Haufen gesehen – und auch Hellas bietet mit das Beste auf, was der rechte Rand in Venetien so zu bieten hat. Fette, muskulöse, tätowierte, glatzköpfige Stiernacken und eine gut bestückte Casual-Fraktion schleichen bereits frühzeitig um das Stadion herum, sodass es einem schon ein wenig mulmig werden kann. Und immer, wenn man denkt, schlimmer wird’s nicht mehr, laufen dir noch scheinbare Normalos über den Weg, die dann aber blau-gelbe Shirts mit Reichsadler, Hellas-Logo und dem schmissigen Slogan „Gott mit uns“ darauf am Leib tragen und hiermit ungehindert durch die Straßen flanieren können. Vermutlich hatte die Wehrmacht einige gute Kicker in ihren Reihen, anders kann ich mir die Wahl dieses Mottos nicht erklären – Politik und Fußball haben ja bekanntermaßen nichts miteinander zu tun…

Angesichts der bedrohlichen Figuren kann ich meinen Bruder überreden, seine Juve-Mütze abzusetzen, die er dann, angekommen auf der scheinbar sicheren Haupttribüne auf Höhe der Mittellinie des monumentalen Stadions, welches der Schönheit der Stadt in Nichts nachsteht, wieder aufsetzt. Bei einem leckeren Paulaner aus der Dose für 4,00 Euro wird schnell klar, dass wir mit unseren 40,00 Euro teuren Tickets richtig Pech haben und aus Versehen inmitten eines Hellas-Stimmungsblocks gelandet sind. Keine fünf Minuten später haben uns auch schon erste Einheimische fixiert, die spürbar unsere Nähe suchen und uns argwöhnisch beäugen. Nur wenige Minuten später kommt ein älterer Mann auf uns zu und gibt uns auch ohne fundierte Italienischkenntnisse unsererseits zu verstehen, dass wir den Block zu verlassen haben. Dieser nachdrücklich vorgetragenen „Bitte“ kommen wir nach und finden mit nicht all zu viel Aufwand nicht viel schlechtere Plätze in der Kurve, von denen wir dann das Spiel ungestört – und nun auch endgültig gänzlich in zivil gekleidet – verfolgen können. Puh, aufregend.

Dafür, dass es in dem Spiel um nichts mehr geht, ist die Stimmung sehr gereizt und angespannt. Hellas gibt auf den Rängen Vollgas und kann in einigen Momenten mehr als nur überzeugen. In anderen Momenten geht es auf der Negativskala wieder ganz weit nach vorne, als es gegen Pogba deutlich vernehmbare Affenlaute aus dem ganzen Rund zu hören gibt. Juve hält mit gerade einmal 300-400 Mann dagegen. Auf dem Rasen zerreißen sich die blau-gelben Akteure, dem übermächtigen Gegner ein Bein zu stellen. Die abgebrühten Triple-Anwärter gehen aber durch Pereyra und Llorente zwei Mal in Führung. Im direkten Duell um die Torjägerkanone duellieren sich Toni, der das zwischenzeitliche 1:1 und somit seinen 22. Saisontreffer erzielen kann und Carlos Tévez – ein Zweikampf, der seinen Höhepunkt erreicht, als Tévez einen Elfmeter verschießt (88. Minute) und das Stadion im Anschluss ausrastet, als sei man gerade Meister geworden. Dieser scheinbare Stimmungssiedepunkt wird dann aber noch getoppt, als Gómez in der Nachspielzeit das 2:2 erzielt und man sich Sorgen machen muss, dass das an der einen oder anderen Stelle doch arg baufällige Stadion (Holzbänke im Unterrang, verrostetes Dach…) einstürzen könnte. Wie sehr hier alles unter Strom steht, zeigt sich noch einmal in der Nachspielzeit des 38. und letzten Spieltages, als sich Juve-Akteur Pepe sinnloserweise noch eine rote Karte wegen groben Foulspiels einhandelt und die Hellas-Tifosi noch weiter aus dem Sattel gehen und frenetischer Jubel einsetzt. Sensationelle Atmosphäre für ein solch belangloses Spiel!

Unter dem Strich bin ich nach dem Abpfiff angesichts der Begleitumstände dennoch froh, mir nicht vorschnell ein Trikot gekauft zu haben. Denn Fetti hebt den rechten Schweinefuße nur sehr ungern hoch zum deutschen Gruße!

Neben uns versucht sich derweil ein Prototyp mehrerer Generationen Pfälzer Inzucht im Hellas-Shop in ein XL-Hemd zu quetschen und kann es im Schweiße seines Angesichts kaum fassen, nicht in das Trikot hinein zu passen, doch freundlicherweise weist der Verkäufer ihn irgendwann darauf hin, dass es sich um ein hoffnungsloses Unterfangen und bei dem von ihm gewählten Nicki um eine Kindergröße handelt.

So darf man am Ende des Ausflugs also getrost festhalten: Wunderbares Stadion, wunderschöne Stadt – aber beim Fußball sollte hier offenbar gelten: FORZA CHIEVO! /hvg