813 813 FUDUTOURS International 02.02.23 09:41:52

25.06.2016 JFV Nordwest U19 – 1.FC Union Berlin U19 8:7 n.E. (1:1, 3:3, 3:3) / Stadion Alexanderstraße / 400 Zs.

Sechs Tage liegen zwischen den beiden richtungsweisenden Spielen für Unions wichtigster Nachwuchsmannschaft. Sechs Tage, in denen Fetti zwar wenig gerannt ist, sich dafür aber einige Fleißbienchen in der Recherchearbeit verdienen konnte. Mahnend hebt er den Zeigefinger und sagt: Obacht, Ziel der Reise ist Oldenburg in Oldenburg. Nicht, dass man am Ende in Holstein sein ganz persönliches Aalen/Ahlen erleben muss. Darüber hinaus weist er darauf hin, dass die Auswärtstorregelung nach dem 2:2 im Hinspiel heute nicht zur Anwendung kommen wird. Schon mal gut!

Um 5:26 Uhr startet die Low-Budget-Intercity Verbindung vom Berliner Hauptbahnhof und führt die Ein-Mann-Reisegruppe via Hamburg und Bremen überpünktlich ans Ziel. Bereits um 9.23 Uhr ist Oldenburg erreicht. Angesichts des strömenden Regens sinkt die Motivation, den Bahnhof vorschnell zu verlassen. Stattdessen wird der Rundumblick geworfen und festgestellt, dass der Bahnhof in Oldenburg aktuell 100. Geburtstag feiert. Besonders astronomisch hohe Punktzahlen auf der Eisenbahnromantikskala kann kurz darauf die historische alte Wartehalle erzielen. Allerdings nur aufgrund der Außenansicht – innen schaut es aus wie in jedem anderen x-beliebigen „Service-Center“ der DB. Noch attraktiver findet Fetti daher eine dicke Frau, die ernsthaft vor dem McDonald’s stehend Selfies von sich schießt. Kannste dir nicht ausdenken.

Gegen 10.00 Uhr lässt der Regen ein wenig nach und Fetti beschließt, die zwei Kilometer Fußweg in Richtung Stadion anzugehen. Wird ja vielleicht schon irgendein bekanntes Gesicht in der Nähe des Stadions auftauchen. Und wird schon irgendeine Gaststätte auf dem Weg liegen. Wird schon, wird schon.

Nur wenige Minuten später setzt der Regen wieder ein. Fetti passiert den Pferdemarkt und stellt zu seiner Ernüchterung fest, dass jegliche Gaststätten einer Einkehr vor 11.00 Uhr den Riegel vorgeschoben haben. So erreicht er ordentlich durchnässt bereits um 10.30 Uhr zwei Stunden vor Anpfiff die Spielstätte an der Alexanderstraße. Zu sehen gibt es bereits jetzt eine kleine Tribüne mit dunkelgrünen Sitzschalen, eine unausgebaute Gegengerade, einen Grashügel hinter dem einen, eine Backsteinwand hinter dem anderen Tor und Kunstrasen. Von Zuschauern aus Oldenburg, geschweige denn aus Berlin, keine Spur. In Kombination mit dem immer stärkeren Regenfall ergibt sich eine Gesamtgemengelage, für die man an einem Samstagmorgen nicht unbedingt 450 Kilometer hätte fahren müssen.

Dreißig Minuten später öffnet die Pizzabude in der Alexanderstraße ihre Pforten und ich falle dem Wirt in die Arme. Der Laden gehört mir, die nassen Klamotten sind schnell großflächig über den Heizkörpern verteilt. Eine Pizza Sucuk und ein Bier, bitte. Bier haben sie nicht, dafür Uludağ, welches ich weltmännisch geschickt bestellen kann, seit mich einst ein Dönermann in Königs-Wusterhausen in die Welt des stimmlosen G der türkischen Sprache eingeführt hatte.

Gegen 11.40 Uhr erreicht mich eine Nachricht der bekannten Gesichter. Ich habe das Gefühl, noch unheimlich viel Zeit für das Verspeisen meiner Pizza zu haben, sie hingegen haben es mit dem Auto jetzt auch bis an die Spielstätte geschafft und fragen, wo ich denn wäre. Im Verlauf der schriftlichen Konversation erinnern sie mich glücklicherweise daran, dass bereits um 12.00 angepfiffen werden wird. Hastig wird das letzte Drittel der Pizza herunter geschlungen und die nassen Klamotten an den Kadaver geschnallt.

Für sportliche 9 €uro erhalte ich wenige Augenblicke später das Rundum-sorglos-Paket aus Eintrittskarte und Stadionbier. Die ohnehin bereits langweilige Sportanlage wird durch das musikalische Rahmenprogramm zusätzlich abgewertet. Angesichts der Beschallung mit deutschem Schlagerliedgut bin ich heilfroh darüber, erst kurz vor dem Anpfiff meinen Platz inmitten der bekannten Gesichter auf der überdachten Tribüne einzunehmen.

Das Spiel beginnt und von der ersten Sekunde an ist klar, dass beide Mannschaften heute dazu beitragen werden, dass der etwas unrunde Vorlauf schnell vergessen sein wird. Es entsteht ein rassiges Fußballspiel mit viel Tempo, viel Leidenschaft und viel Finesse, welches durch die etwas instabilen Defensivreihen beider Teams zusätzliche Würze erhält. Der Zuschauer kommt vollends auf seine Kosten, im Minutentakt gibt es attraktive Spielszenen und Torabschlüsse zu bestaunen.

Den noch besseren Start erwischen die Oldenburger. Nach nur fünf Minuten sorgt Kolodziej für die Führung und im Zuge des Treffers auch dafür, dass die vielen Regenschirme im Stadionumfeld ekstatisch in die Höhe gereckt werden. Schöne Jubel-Choreographie! Die Unioner lassen sich jedoch nicht einschüchtern, spielen ihren erfrischenden Offensivfußball unbeirrt weiter und werden bereits nach 15 Minuten belohnt: Sakar zum Ersten!

Richtig spektakulär wird es dann in der zweiten Halbzeit. Oldenburg gelingt nach einer Ecke die Führung, Union kann per Strafstoß egalisieren. Sakar zum Zweiten! Das Spiel wird nun auch körperlich intensiver, es gibt das eine oder andere Wortgefecht an der Außenlinie, eine Rudelbildung endet mit gelben Karten gegen Unions Torwart und einen Oldenburger. Hier ist Feuer unter’m Dach!

Das 3:2 für Oldenburg fällt dann wie aus dem Nichts. Es sind nur noch neun Minuten zu spielen. Unions Trainerduo Meyer/Stuff wirft den erst 17-jährigen B-Jugendspieler Kotchev zur Stärkung der Offensive auf das Feld. Die reguläre Spielzeit ist abgelaufen. Oldenburg sehnt den Schlusspfiff herbei und igelt sich hinten ein. Die Nachspielzeit läuft, als eine Flanke aus dem Halbfeld in Oldenburgs Strafraum segelt. Der 1,84 Meter große Stoßstürmer Unions steigt hoch und wuchtet den Ball in die Maschen. Sakar zum Dritten!
Warum greift hier eigentlich nicht die Auswärtstorregelung? Gar nicht mal so gut!

Dennoch sind die 25 mitgereisten Unioner aus dem Häuschen, es gibt ein Elfmeterschießen!
Sagen jedenfalls die Oldenburger Zuschauer um uns herum. Die Oldenburger Zeitung hatte dem Spiel heute eine Sonderseite gewidmet und einen Einblick in das Regelwerk verschafft. Oder halt. Doch nicht? Die Unparteiischen stecken die Köpfe mit den Trainern beider Teams zusammen, es wird angeregt diskutiert und kurz darauf ist klar: es gibt dann wohl doch Verlängerung!

In dieser lassen es die Teams etwas verhaltener angehen. Den einzigen Aufreger liefert der eingewechselte Oldenburger Stürmer Gyabaa, der völlig freistehend aus fünf Metern Entfernung den Matchball liegen lässt. Leider veranlasst dies einen älteren Herren dazu, sein wahres Gesicht zu zeigen. Im Verlauf des Spiels hatte man sich mit dem ehemaligen Vorstandsmitglied des VfB Oldenburg noch gemütlich über Fußball unterhalten und der einen oder anderen Anekdote aus Oldenburger Zweitligazeiten und über das legendäre Stadion Donnerschwee gelauscht. Nun beginnt er einen Satz mit: „Nicht falsch verstehen, aber…“ und man ahnt bereits, was nun folgen könnte, „der Schwarze an sich…“, man wendet sich bereits angewidert ab, „ist ja von seiner Kultur her…“, Würgereiz, „gar kein Torjäger!“. Das Elfmeterschießen verfolge ich von 10 Meter weiter links.

Die Oldenburger verwandeln in Folge alle fünf Versuche sicher. Unions jüngster Spieler auf dem Platz, Lennart Maloney, 16 Jahre alt, vergibt seinen Strafstoß. Die Unioner sacken zusammen, Oldenburg jubelt, auch dank der drei Flaschen Rotkäppchen, die ein Fan des 1.FC Union den siegreichen Hausherren zum Feiern überreicht hat. Während im Hintergrund die Korken knallen und mit ostdeutschem Champagner geduscht wird, verlassen wir das Stadion mit leicht hängenden Köpfen. Der 1.FC Union Berlin und die Aufstiegsrelegation – das wird wohl keine Erfolgsgeschichte mehr…

Die Autobesatzung braust sofort auf und davon in Richtung Berlin. Fetti muss noch knappe zwei Stunden überbrücken, ehe die Deutsche Bahn ihn via Hannover zurück nach Berlin-Gesundbrunnen befördern wird. Es regnet nach wie vor, sodass sich Fetti, die Sau, nicht zwecks Sightseeing durch das Dorf treiben lässt. Hat er ja auch schon im Mai 2014 anlässlich eines Besuchs des Marschwegstadions des VfB erledigt. Stattdessen versorgt man sich in Bahnhofsnähe mit einem Oldenburger Pilsner und trinkt den einen oder anderen Schluck auf die fragile minderjährige Seele des gescheiterten Jungunioners. Die Zukunft der A-Jugend liegt also zunächst in der Regionalliga, meine auf Malta. Denn nach dem Qualifikationsspiel ist bekanntlich vor dem Qualifikationsspiel! /hvg