709 709 FUDUTOURS International 26.07.21 19:03:49

31.07.2019 FC Hellas Berlin 1984 – FSV Fortuna Pankow 3:5 (1:3) / Stadion an der Windmühle, Nebenplatz / 14 Zs.

Als ich am 31.07. gegen 17.30 Uhr in den „Bierseidel“ am U-Bahnhof Britz-Süd einkehre und etwas erschöpft in den Terrassenstuhl sacke, wünsche ich mir einmal mehr, die BVG würde eine „Miles and More“-Karte in ihrem Portfolio haben. Heute hätte ich zwischen Wohnung, Arbeitsstelle, Ausflugsort und Feierabendbier immerhin bereits stolze 67,4 Kilometer zurückgelegt und im Rahmen dieses nicht-existenten Bonusprogramms sicherlich einiges an Punkten gesammelt. Für eine attraktive Prämie muss ich derzeit aber (noch!) selber sorgen – da trifft es sich natürlich hervorragend, dass man bei mir für exakt 67,4 BVG-Punkte einen Kurzurlaub in Griechenland erhält. Wer dafür die Punkte nicht einlöst, ist selber Schuld!

Der FC Hellas ist das Ziel dieser Tagesreise. 1984 von griechischen Einwanderern unter dem Vereinsnamen FC Rudow gegründet, hatte der Club Mitte der 1990er Jahre als „Olympiakos Berlin“ seine Hochzeit. Dank der Unterstützung einiger windiger Fußballfunktionäre stürmte man bis in die Verbandsliga hinauf und ließ mit namhaften Transfers aufhorchen. Der wohl bekannteste Spieler, der jemals die Töppen für den FC Hellas schnürte, dürfte Iwan Jaremtschuk gewesen sein. Der Ukrainer gewann mit Dynamo Kiew den Europapokal der Pokalsieger und nahm für die Sowjetunion an den Fußball-Weltmeisterschaften 1986 und 1990 teil, ehe er sein Glück bei Blau-Weiß 90 und Hertha BSC in der zweiten Bundesliga suchte – und scheiterte. Nach einem halben Jahr nutzte Iwan Jaremtschuk das Sprungbrett „Olympiakos“ und verschwand in die weite Fußballwelt. Kurz darauf verschwanden auch die Geldgeber, Olympiakos stürzte sportlich ab und die einstigen Gründer besannen sich auf die Wurzeln des Vereins. Seit dem Jahr 2000 tritt man nun als „FC Hellas 1984“ gegen den Ball und bietet den gut 11.000 in Berlin lebenden Griechen nicht nur eine sportliche Heimat. Es ist die „Besinnung auf das Griechentum: das Essen, die Familie, die Musik, die Geselligkeit, der Stolz auf die ferne, krisengeschüttelte Heimat und natürlich die Liebe zum Fußballsport“, die die Menschen hier zusammenführt. So beschreibt es die „taz“ in einem Beitrag aus dem Jahre 2010 und rührt fortfolgend weiter kräftig die Werbetrommel für einen Tag Kurzurlaub in Griechenland bei Britz: „Die Bouzouki spielt, Retsina wird gereicht und auf dem Grill liegen die Lammkoteletts. Die Sonne scheint, die Menschen lachen und abgerechnet wird pro Tisch und nicht nach Einzelpersonen. Ein Stück gutes, altes Griechenland ist hier zu Hause – wie perfekt inszeniert für ein Werbefoto des Fremdenverkehrsamtes. Im Sommer ist es am Platz ‚An der Windmühle‘ besonders schön“, so der weitere verheißungsvolle Text im Stile einer Hochglanzbroschüre auf Menschenfang. Naja, zugegeben – in diese Falle ist FUDU dann wohl getappt…

Denn noch ist man ja gar nicht in Griechenland, man ist halt doch irgendwie nur in Britz-Süd. Architektonische Tristesse der 1960er Jahre und als Gesamtkunstwerk so langweilig, dass in Berlin der Satz „Kein Mord in Britz!“ zum geflügelten Wort wurde und nun immer dann zum Einsatz kommt, wann immer man mit Nachrichten ohne Nachrichtenwert konfrontiert wird. Aber, so ehrlich muss man an dieser Stelle gegenüber Britz schon sein, so nah dran wie gestern waren sie schon lange nicht mehr. In der Gutschmidtstraße, wenige Meter von hier, wurde vor knapp 30 Stunden ein Mann mit schweren Stichverletzungen aufgelesen. Die vierte Mordkommission ermittelt. Ganz schön was los hier!

Da trifft es sich gut, dass Fetti in der Zwischenzeit Verstärkung erhalten hat. Niemand geringeres als Johannes (der STäufer) ist soeben im „Bierseidel“ gelandet – und der wird schon genügend Schutzpatronen mit sich führen! In einem trügerischen Gefühl vollständiger Sicherheit begibt sich FUDU knapp 30 Minuten später auf den Weg in das „Stadion an der Windmühle“ und passiert hierfür einen Park, in vollkommener Verkennung der Tatsache, dass es sich hier nicht um irgendeinen x-beliebigen Park, sondern um den legendären „Britz-Buckow-Rudow-Grünzug“ handelt, „der in den 1960er Jahren geplant und zuletzt in den 1980er Jahren modernisiert“ wurde. „Der BBR-Grünzug, wie der Britz-Buckow-Rudow-Grünzug auch genannt wird, ist (Anm. d. Red.: Schon jetzt!) landschaftlich gestaltet und bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten für Spiel, Sport, Bewegung und Aufenthalt“. Da das ganze Ding gerade umgestaltet und von Barrieren befreit wird, ist davon auszugehen, dass es hier bald NOCH schöner sein wird. Solltet ihr auf eurem Weg nach Griechenland also dringend einen Zwischenhalt einlegen…

Um exakt 18.54 Uhr haben wir Griechenland am Buckower Damm erreicht. Auf dem Hauptfeld des Stadions herrscht gähnende Leere, obwohl genau auf diesem laut offizieller Ansetzung in sechs Minuten die erste Qualifikationsrunde zum Paul-Rusch-Pokal 2019/20 eröffnet werden soll. Ein Stern-Britz-Fan zeigt sich wenig auskunftsfreudig, was die Austragung des Spiels des FC Hellas betrifft. Statt Lammkoteletts vom Grill gibt es heute übrigens nur eine lieblose Currywurst mit Pommes, die Alternative zum Retsina heißt „Berliner Kindl“ aus der Flasche und anstelle der Bouzouki-Klänge im Sonnenschein gibt es immerhin einsetzenden Nieselregen. Das Spiel findet selbstredend auch nicht auf dem Rasenplatz, sondern im Kunstrasenkäfig statt (obwohl bei fussball.de eindeutig „NR“ steht – Malaka, was soll das bitte heißen, wenn nicht Naturrasen?) und zusammenfassend muss man schon sagen: Dieses ganze Potpourri an Enttäuschungen hat mit Griechenland und Lebensfreude in etwas so viel zu tun wie … sagen wir mal… Britz-Süd!

Pünktlich zum Anpfiff beziehen wir Position am Kunstgræs, wenigstens ohne ein Eintrittsgeld bezahlen zu müssen. 12 weitere Zuschauer sind erschienen, darunter drei junge Männer, die es mit den Fortunen aus Pankow halten. Kaum hat Schiedsrichter Hans Kalupa die Partie eröffnet, schon ziehen schwarze Gewitterwolken auf. Kurz darauf grummelt und grollt es, der Nieselregen ist längst einem Starkregen gewichen und eine Frau mit Regenschirm rennt mitten im Spiel hektisch auf das Feld. Der Schiedsrichterobmann hätte empfohlen, das Spiel sofort abzubrechen, lautet die Ansage. Doch Hobbymeteorologe Hans Kalupa kennt sich mit Gewitter bestens aus und sieht keinerlei Gefahr für die Austragung dieses Spiels. Die junge Frau wird mit einem Fingerzeig des Platzes verwiesen, woraufhin sie nun noch wie wild auf die Ersatzspieler des FC Hellas einredet und sich dann, ohne eine Antwort abzuwarten, zurück in die Katakomben trollt. Da zucken die Griechen nur fragend mit den Schultern. „Wenigstens riecht sie gut“, kann einer der fünf Hoffnungsträger die Gesamtsituation kunstvoll zusammenfassen und abrunden.

FUDU rettet sich im Anschluss unter das schützende Dach der Auswechselbank des Hauptspielfeldes (NR!) und hat fortan die besten Plätze mit Sichtbehinderung, die man sich am „Stadion an der Windmühle“ in diesem Moment sichern konnte. Als besonderes Highlight liegt in dem Unterschlupf mit Sichtschlitz ein Handy modernster Bauart bereit, das sämtliches zur Verfügung stehendes technisches Equipment FUDUs locker aussticht. Die Notizen werden besser denn je sein und auch die Fotos, die man mit diesem Ding anfertigen kann, hochauflösender als alles jemals dagewesene! Scheint hier unter dem Strich also so eine Art Medientribüne zu sein.

Im Kunstrasenkäfig kämpft die bunt zusammengewürfelte Griechenauswahl aus der Kreisliga C derweil tapfer gegen den Favoriten aus der Bezirksliga an. Der FC Hellas hat heute einige deutlich in die Jahre gekommenen Herren und den einen oder anderen Souvlaki-Panzer aufgeboten – im Tor steht bspw. der etatmäßige Keeper der Ü50 – aber, um die Wundertüte komplett zu machen, agiert auch der eine oder andere Akteur, der deutlich höherklassig spielen könnte und in erster Linie der Nationalität wegen bei Hellas spielt, in den eigenen Reihen. So benötigt der Favorit aus Pankow knapp 25 Minuten, ehe der Bann gebrochen ist. Dem Treffer von Michel Schwab (24.) folgt das schnelle 2:0 durch Sebastian Teuscher (31.). Aus nach wie vor sicherer Entfernung bekommen wir mit, wie der Außenseiter nach 41 Minuten durch Kerem Erman verkürzen kann, ehe Yannick Hertel im Gegenzug den alten Abstand wieder herstellt.

In der Halbzeitpause hat Schiedsrichter Kalupa sein schwarz-weiß gestreiftes „Foot Locker“-Trikot gegen einen neongelbes Hemd und Hellas Paschalidis gegen den Torschützen Erman getauscht. Der Platzwart bewirbt sich mit spielerischer Leichtigkeit für ein Greenkeeper-Aufbauseminar, da dieser die Gelegenheit für besonders günstig erachtet, trotz des Starkregens einfach mal damit zu beginnen, den Rasenplatz zu wässern. Vielleicht hat man ihn in Britz schon längst auf den Namen „Bob der Sprengmeister“ getauft. Oder schlicht: Der Typ mit dem Wasserschaden. Zwei Senioren, die sich 45 Minuten auf dem anderen Nebenplatz gegen die A-Jugend des DJK Schwarz-Weiß Neukölln gequält haben, schleichen mit Bierbecher und Kippe im Mund durch das Ambiente und versprühen Fußballweisheiten Alter Herren. „Schnell sein ist nicht das einzige, was zählt, Dicker!“ Fetti nickt zustimmend. Wo er Recht hat, hat er Recht. Ist ja schließlich kein Britzkrieg hier – und falls doch, ist Bob sicher gleich fertig mit wässern…

Nach etwas mehr als einer Stunde kann Hellas durch Georgios Iordanidis auf 2:3 verkürzen. Schade, dass der Favorit wieder keine fünf Minuten benötigt, um zurückzuschlagen. Michel Riske erzielt nach 79 Minuten die vermeintliche Vorentscheidung. Wir kauern noch immer in unserem Regenbunker, als Georgios Iordanidis Gästekeeper Zurell aus gut und gerne 40 Metern auf dem falschen Fuß erwischt. Der Ball schlägt zum 3:4 in die Maschen ein, der Regen hat endlich ein Ende und FUDU kehrt nach 75 gespielten Minuten auf den Platz zurück. Geblieben sind fünf weitere Zuschauer, darunter die drei Pankower Burschen, die die ganze Zeit tapfer an der Seitenlinie ausgeharrt hatten uns nun weismachen wollen, dass es 3:3 steht. Das kommt wohl davon, wenn man zu lange im Regen steht – von der Auswechselbank des Nebenfeldes hat man klar gesehen, dass ihr 4:3 in Führung seid, kann FUDU an dieser Stelle als Korrektiv wirken. Bitte, gern geschehen!

Von unserem neuen Premiumplatz mit bester Sicht auf das Spielfeld erleben wir die Entscheidung in der 88. Minute mit. Hertel schießt den Bezirksligisten in die erste Runde des Hauptfeldes und nimmt uns gegen 20.45 Uhr sämtliche Hoffnungen auf eine Verlängerung dieses rauschenden Pokalabends.

Zum Abschied werfen wir noch einen flüchtigen Blick auf die Britzer Mühle und düsen dann mit irgendeiner der unzähligen Buslinien zum S-Bahnhof Hermannstraße. Hier ist eine Lokführerin so freundlich, einer Touristengruppe aus ihrem Fenster heraus Fragen zu beantworten. „One Station“ müssten sie fahren, um nach Tempelhof zu kommen. Leider scheitert diese Gruppe in Folge aber an der Aufgabe, die Tür zu öffnen und während alle Mann quer über den Bahnsteig sprinten, um zur ersten geöffneten Tür zu gelangen, fordert Fetti die gute Frau im Führerstand auf: „Ach komm, fahr los!“. Diese reagiert mit Kopfschütteln und setzt dann noch einmal verbal nach: „Man, man, man – für so Leute sollte es eigentlich noch viel schwerer sein, die Türen aufzukriegen!“. Dann lächelt sie uns an, winkt freundlich und braust mit der Horde Berlinbesucher, die es gerade noch eben so in die S-Bahn geschafft hat, in Richtung Westen.

Irgendwann im Verlauf der nächsten Tage entnimmt Fetti einem Fußballfachportal, dass die Gäste aus Pankow irgendeinen schwerwiegenden Fehler im Online-Spielformular begangen haben und das Spiel mit 6:0 für den FC Hellas gewertet wird. Sollten sich die Hellenen für den DFB-Pokal qualifizieren, würden wir noch einmal wiederkommen. Bis dahin habe ich sicherlich auch wieder genügend BVG-Punkte gesammelt, die ich beim nächsten Mal dann aber bitte wirklich gegen Lammkoteletts vom Grill und Bouzouki-Klänge einlösen würde… /hvg

20.07.2019 FK Senica – FK AS Trenčín 3:1 (0:1) / Futbalový štadión Senica / 983 Zs.

Heute steht die Weiterreise von Trnava nach Senica auf dem Programm. Die Fahrt vor den Augen, den Blick weit nach vorn, setzt sich Fetti gedanklich schon einmal mit dem Reiseziel des heutigen Tages auseinander. Senica. 20.000 Einwohner, an der Myjava (→ nad Myjavou) gelegen, Wirtschaftszentrum und sicherlich eine regelrechte Perle der Westslowakei, würde ich sagen, wäre ich Beschäftigter eines Reisebüros und Menschen würden mich nach Senica fragen. Aber wann fragen normale Leute schon einmal nach Senica?

Es ist kurz nach 11.00 Uhr am Hauptbahnhof von Trnava, als ich endlich auch das nötige Handwerkszeug erworben habe, mit dessen Hilfe ich diesen Kunden den Reiseweg nach Senica erklären könnte. Senica liegt also an der 121 Jahre alten eingleisigen Bahnstrecke Trnava-Kúty und ist in unter einer Stunde mit dem Zug zu erreichen. Soweit die zufriedenstellende Ausgangslage.

Aufgrund eines defekten Ticketautomaten und der Sprachbarriere, die neben der Glasscheibe zusätzlich zwischen mir und der Frau am Fahrkartenschalter steht, geht der Einkauf des Fahrscheins als einer der etwas spektakuläreren in die Geschichte ein. Mit einem einzigen Wort („Senica“) und einem Fingerzeig auf das linke Handgelenk lässt sich aber letztlich alles klären, was geklärt werden muss. Die Dame schiebt mir den Fahrschein durch den Schlitz, nimmt 2,14 € entgegen und fertigt dann eine Notiz an, die sie hinterher reicht. „13:11“, steht auf dem kleinen Schmierzettel.

Na, dann habe ich wohl noch gut zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt meiner Bimmelbahn, sinniere ich tiefenentspannt vor mir her, während Fetti im Hintergrund kaum zu bremsen ist und Luftsprünge in der Bahnhofshalle vollführt. Die Zeit der spätwienerischen Dekadenz scheint glücklicherweise endgültig vorüber, anders ist es nicht zu erklären, wie 0,36 € derart viel Freude auslösen können. Das FUDU-Pärchen, das sich heute einige Stunden zeitversetzt auf selbigen Reiseweg begeben und am frühen Abend in Senica erwartet wird, hatte sich nämlich bereits im Vorfeld der Reise mit Online-Tickets für die Teufelsroute Trnava-Senica eingedeckt. Der aufgerufene Preis im Internetportal: 2,50 €. Horrorgebühr, Kostenfalle, Anfängerfehler. Oder: Hätten sie mal besser im Reisebüro gefragt!

Zwei Stunden später lungert am Gleis 1 eine waschechte Ostblockschönheit herum, wie sie so im Buche steht. Blondierte Haare, aufgespritzte Lippen, gemachte Brüste und künstliche Fingernägel bis Kúty. Dieses wunderbare Exemplar hier hat offenbar trotz Erfüllung aller Stereotype noch immer keinen Kanisterkopf zum Familiegründen gefunden und musste so wohl oder übel zum letzten Strohhalm greifen. Das Blood&Honour-Tattoo auf dem Unterarm wird es nun richten müssen – und zumindest in der Ordnerschaft Spartaks hätte die junge Dame nun wohl leichtes Spiel und freie Auswahl. Dieser „Gruselgrusel“-Moment währt jedoch nicht all zu lange, weil sich soeben meine Regionalbahn angenehm rumpelnd in den Bahnhof gequält hat. Von außen komplett zugebombt, von innen braunes Kunstleder, duftendes Linoleum und feinstes Sprelacart. Der spröde Charme des Sozialismus trifft auf westliche Verwahrlosung. Es ist kaum in Worte zu kleiden, wie sehr ich mich auf diese Überfahrt freue!

Mit einer Minute Verspätung verlässt der Zug um 13.12 Uhr den Bahnhof. Fetti nickt zufrieden, schaut erneut auf das leere linke Handgelenk und goutiert wohlwollend: „pünktlich!“. Das hatte der polizeikritische Flügel FUDUs offenbar genauso angeordnet. Etwas in Sorge gerät Fetti, als der Zug hinter Trnava die ersten Male Station macht. Es gibt nämlich keine Stationen im eigentlichen Sinne, vielmehr Haltepunkte auf offener Strecke, an denen Menschen aus den Türen springen, um dann über die Gleise in alle Richtungen hinfort zu eilen. Sicherlich kein Problem, wenn man weiß, wo man sich aktuell befindet, da es an Bord jedoch keine Durchsagen und natürlich keinerlei elektronische Helferlein gibt, dürfte es für Fetti später einigermaßen aussichtslos sein, intuitiv im genau richtigen Moment auszusteigen, in der vagen Hoffnung, in Senica angekommen zu sein.

Wie gut, dass da gerade der freundliche Schaffner der „ZSSK“ (→ „Žeľezničná spoločnosť Slovensko“ – das „K“ steht für Gefahr) mein Ticket kontrollieren mag und nicht nur über Englisch-, sondern sogar über etwas Deutschkenntnisse verfügt. Schnell hat er mir versichert, dass ich Senica auf keinen Fall verpassen würde („große Bahnhof!“), er mir aber zusätzlich auch noch einmal Bescheid geben wird, damit hier auch gar nichts mehr schiefgehen kann. Da die Gelegenheit gerade günstig ist und Trinken in der Öffentlichkeit nicht in allen Ländern gleich gut ankommt, erkundige ich mich, ob ich meine Dose „Šariš“ öffnen darf. Beinahe überschwänglich beantwortet er diese Frage zu meinem dreimaligen Gefallen mit einem euphorischen: „Ja, Jaa, Jaaa!“ – und ich glaube, dabei eine kleine Freudenträne in seinen funkelnden Augen gesehen zu haben…

Gegen 15.00 Uhr habe ich Senica erreicht. Der Schaffner hat nicht zu viel versprochen. Es gibt im Gegensatz zu den anderen Haltepunkten in der Tat einen Bahnsteig und ein Bahnhofsgebäude, sodass man dieses Ziel wirklich nicht hätte verfehlen können. Während ich erste Erinnerungsfotos des Reiseziels anfertige, tippt mir eine freundlichen Slowakin von hinten auf die Schulter und versucht mir wild gestikulierend Gott weiß was verständlich zu machen. Man wird nach so einer entschleunigten Fahrt („Kein Wi-Fi, keine Kartenzahlung im Bordrestaurant möglich, sehr veraltetes Ambiente, langsames Reisetempo, Plumpsklo – 10 von 10 Sternen!“) doch wohl in Ruhe fotografieren dürfen, denke ich mir zunächst, aber da die Dame ihr Gebaren ohne Unterlass fortsetzt und nun sogar an mir zu ziehen beginnt, folge ich ihr einfach treudoof. Irgendwas scheint hier wohl gerade wichtig zu sein.

Wenige Schritte später stehe ich am Bahnhofsvorplatz, auf dem bereits ein Bus auf die ankommenden Menschen wartet. „Centrum“, sagt die hilfsbereite Dame nun mit einem kleinen Fragezeichen in der Stimme. Da ich davon ausgehe, dass sich das „Grand Hotel Senica“ sicherlich irgendwo im Zentrum befinden wird, kann das hier schon so falsch nicht sein. Während der Fahrt, die mich 0,50 € kostet, wirft die Frau einen Blick auf die Buchungsbestätigung des Hotels und ihr „OK“ signalisiert mir, dass sie mir dann auch noch ein Signal geben wird, an welcher Haltestelle ich aussteigen soll. Schon jetzt bin ich ihr unheimlich dankbar, da der Bus bereits einiges an Strecke zurückgelegt hat und noch immer kein „Centrum“ in Sicht ist…

In einer späteren Recherche erfahre ich, dass der Bahnhof immerhin stolze 3,9 Kilometer von der Stadt entfernt liegt, weswegen bereits 1920 die Bürger Senicas eine Streckenverlegung eingefordert haben. Aus Unentschlossenheit des damaligen Eisenbahnministerium der Tschechoslowakei wurde dieses Projekt jedoch nie durchgeführt, könnte ich im Reisebüro sämtlichen Interessenten nun als weitere Information an die Hand gegeben. Naja, aber jetzt ist ja alles in slowakischer Hand. Kann also nur besser werden!

Darüber hinaus wird mir später bewusst, dass der Bahnhof Senica exakt alle drei Stunden aus Trnava bzw. Kúty angefahren wird, sodass nicht zwingend davon auszugehen ist, dass der ÖPNV dort in einem zehn-Minuten-Takt verkehrt wäre. Wirklich ein feiner Zug der Dame, mich in den Dorfbus zu zerren…

… in dem die gute Frau knapp 20 Minuten später auf den Halteknopf drückt. Schnell ist mir klargeworden, dass ich mit aussteigen soll. Sie geleitet mich an die Ampel, bringt mich sicher über die Straße und entlässt mich erst in die Freiheit, als sich das „Grand Hotel“ bereits in Sichtweite befindet. Ďakujem, derart komplikationslos hat man im Ausland selten seine Wegstrecken gefunden. Wäre ja früher ohne Handys so alles nie möglich gewesen…

Das Dreibettzimmer ist im „Grand Hotel“ für 85,60 € die Nacht zu erhalten und auf einen anderen Namen reserviert, dennoch lässt man mich dieses auf Vertrauensbasis bereits beziehen, nachdem man mir freundlicherweise meinen Boardingpass für morgen (Wien-Berlin) gegen eine Grand-Hotel-Gebühr von 0,10 € ausgedruckt hat. Das Zimmer besticht zunächst durch seine Größe, kann dann aber auch aufgrund der naiven Malereien über dem Doppelbett und der stillvollen Dekorationselemente punkten. Wir bei FUDU sind keine großen Kenner des Planetensystems, aber das, Freunde, das muss ein Uranus sein…

Im Anschluss begebe ich mich in die Stadt, um die Sehenswürdigkeiten Senicas zu erkunden. Und das wäre dann der Moment, in dem man im Reisebüro auf den inoffiziellen Marketingclaim der Stadt hinweisen würde, der da lauten könnte: „Fahr nach Senica – und seh nix da!“.

So bleibt also nach einem flüchtigen Blick auf die „Kostol Navštívenia Panny Márie“ (Pfarrkirche der Jungfrau Maria) genügend Zeit, erst ein Auswärtsschnitzel in der „Krušovická hospoda“ und dann das FUDU-Pärchen mit meiner Expertise zu speisen. Da ich nicht davon ausgehe, dass sich die slowakische Mutti alle drei Stunden an den Bahnhof stellt, um gestrandete Piefkes an die Hand zu nehmen, leite ich alle Erkenntnisse des heutigen Tages gerne brühwarm weiter. Bahnhofsvorplatz, Bus, Ticketpreis, Entfernung zum Stadtzentrum, Haltestelle beim „Lidl“. Stets zu ihren Diensten!

Um 18.30 Uhr schlagen die beiden Nachkömmlinge (natürlich nur) dank dieser Informationen unversehrt am „Grand Hotel“ auf. Noch verbleiben 30 Minuten bis zum Anpfiff der heutigen Partie zwischen Senica und Trenčín in der slowakischen Eliteliga, die immerhin 10 Jahre lang nach einer Brauerei benannt war und nun den Namen einer Glücksspielbude trägt. An der Stelle fühlt sich Fetti vom slowakischen Fußball abgeholt, wie man neudeutsch zu sagen pflegt.

Für 4 € erhält man dann von einer Armada junger hübscher Damen Tickets für die Gegengerade des „Futbalový štadión“ ausgehändigt. Das Stadion trägt offiziell den Namen eines Sponsors, der in der Herstellung von Leuchtmitteln tätig ist. Fetti, noch immer gezeichnet vom gescheiterten Glühbirnendiebstahl von Trnava, fühlt sich von der Slowakei nur kurz verhöhnt, ehe er sich seinerseits über das Stadion amüsiert. Immerhin eine alte Tribüne hat man hier erhalten, während das restliche Stadion von 2012 bis 2015 abgerissen und Stück für Stück neu errichtet worden ist. 5.070 Menschen finden in dem zweckmäßigen Ungetüm Platz und das verbaute Kunststoffdach in transparentem Mladá-Boleslav-Blau dürfte die Herzen eines jeden Kleingärtners, der sich schon einmal die Frage gestellt hat, wie er seine Veranda kostengünstig überdachen könnte, höher schlagen lassen.

Egal. Heute geht es nicht um Schönheitspreise. Heute ist Saisonauftakt. Und heute ist Derby! Klar, dass es sich die Jungs aus Trenčín (60 Kilometer entfernt) da nicht nehmen lassen haben, mit allen Mann anzureisen. 14 Mann im Gästeblock und insgesamt 983 im Stadion fiebern dem Anpfiff von Peter Ziemba entgegen, während der Hoollege noch in der Schlange am Bierstand, in der sich mehr Menschen als im Stadion befinden, festhängt.

Das Spiel läuft schon einige Minuten, ehe der Hoollege mit drei Bechern an unseren Platz zurückkehrt. Hier hätte es um Haaresbreite einen bedauerlichen Klappsitzunfall gegeben, doch mit viel Geschick und mit viel Liebe zum alkoholischen Getränk gelingt es dem Teufelskerl, trotz angedeuteten Sturzes und einsetzenden Schmerzes am Schienbein die gut gefüllten Bierhumpen vor dem slowakischen Supergau zu bewahren.

Auf dem grünen Rasen wird ähnliche Einsatzbereitschaft und Körperbeherrschung lange Zeit schmerzlich vermisst. Die Heimmannschaft agiert zwar etwas lebendiger, doch nach 20 trägen Minuten steht erst ein Abschluss durch den Kroaten Lovro Cvek auf den kurzen Pfosten auf der Habenseite. Nicht nur Fetti weiß: Aus dem Winkel hat’s natürlich keinen Cvek. Etwas gefährlicher ist da schon ein Freistoß der Gäste, doch Cveks Landsmann Roguljić scheitert an Senica-Schlussmann Federico Taborda. Im Anschluss bittet der Referee zur Trinkpause und FUDU konstatiert in selbiger: Das Stadionbier kostet zwar nur 1,30 €, schmeckt aber ganz schön abgestanden und die gebirgsmassivähnliche Karpatenschaumkrone hätte es in der Form auch nicht zwingend gebraucht – was den beeindruckenden Einsatz des Hoollegen von gerade eben aber natürlich in keinster Weise schmälern soll!

Nach der Trinkpause gelingt Senica nur noch ein guter Kopfballabschluss durch Baumgartner, während die Gäste langsam Oberhand gewinnen. Der Belgier Corryn in Diensten von Trenčín scheitert nach einer guten halben Stunde im 1:1 gegen Taborda, ehe dieser einige Minuten später den Stoßstürmer der Gäste, David Depetris, im Strafraum zu Fall bringt. Schiedsrichter Ziemba kann sich nicht recht entscheiden, ob ein Foulspiel oder eine Schwalbe vorgelegen hat, zeigt schon auf den Punkt, nimmt die Handbewegung aber umgehend wieder zurück, verzichtet aber auch auf eine gelbe Karte für Depetris und lässt die Partie womöglich einfach leise zweifelnd weiterlaufen. Wenig später steht Depetris, der womöglich einzige Argentino-Slowake weltweit, aber goldrichtig und kann eine Boukari-Hereingabe zum nicht gänzlich unverdienten 0:1 über die Linie drücken.

In der Halbzeitpause verzichtet FUDU auf ein weiteres abgestandenes Bier mit Karpatenschaum vom mobilen Verkaufsstand und hofft auf eine Qualitätssteigerung an anderer Schankstelle. Leider muss der Hoollege aber auch den Versuch, ein neues Bier aus der Stadionkneipe zu kaufen, angewidert abbrechen. Die Zapferinnen haben hier den unschuldigen Menschen doch allen Ernstes Eiswürfel ins Bier gemischt. Das hätte es nicht gegeben, als die Liga noch „Corgoň“ hieß!

Auch der nächste Schreck lässt nicht lange auf sich warten. In einer kurzen Handyrecherche erfährt der Hoollege, dass FUDU das Bierfest von Senica („Senické Pivné Slávnosti“) mit dem charmanten Beinamen „Štramák fest“ (zu deutsch: Fest der Dandys) nur denkbar knapp verpasst hat. Besonders bitter, dass man sich eingestehen muss, dass man somit auch den Auftritt (?) der legendären „Dicken Ballerinas“ versäumt hat. Nicht komplett auszuschließen, dass der google-Übersetzer diesen Teil des Rahmenprogramms eher etwas holprig aus dem Slowakischen ins Deutsche übertragen hat, aber immerhin ist kurzzeitig für Erheiterung auf den Tribünen gesorgt.

Unter dem Strich geht FUDU aber bier- (und in Bezug auf die weitere Abendgestaltung perspektivlos) in den zweiten Spielabschnitt. Ähnlich viel Pech haben derweil nur die Spieler aus Trenčín: Depetris scheitert nach 52 Minuten aus fünf Metern Torentfernung an der Torlatte. Gerade einmal 60 Sekunden später nimmt Bukari eine furchtbaren halbhohen Rückpass aus der Mittelfeldreihe Senicas auf, zieht auf die Abwehrkette zu, geht im Sechzehner ins Dribbling – und trifft aus der Drehung ebenfalls nur den Querbalken.

Wie gut, dass da Heimcoach Michal Ščasný zur Halbzeit den erst 20-jährigen Nigerianer Peter Moses Eneji gebracht hat. Nach 68 Minuten trifft dieser per sehenswerter Direktabnahme zum 1:1 und wird daraufhin vom Stadionsprecher frenetisch als „Energy Peter“ gefeiert. Im weiten Rund kennt ihn leider noch niemand, sodass der Stadionsprecher vorerst noch alleine schreien muss und auch in der 81. Minute, als Eneji den Ball an der rechten Strafraumkante unter Kontrolle bekommt, nach innen zieht und trocken zum 2:1 abschließt, hat sich an diesem Umstand leider noch nichts geändert. Wer weiß, ob sich „Energy“ schon heute in die Herzen der Fans gespielt hätte, hätte er den Strafstoß in der 90. Minute schießen und einen Hattrick erzielen dürfen, doch der Kolumbianer Frank Castañeda, der vermutlich schon als Kind in Senica-Bettwäsche geschlafen hat, überlässt dem Nigerianer – trotz dessen vehementen Flehens – den Ball nicht. So ist es dem Südamerikaner vorbehalten, den Endstand zum 3:1 herzustellen, der dem Spielverlauf nun wirklich nicht in Gänze gerecht wird.

Während in der „Pizzeria Maldini“ zur Pressekonferenz geladen wird, lassen wir den lauen Sommerabend im „Beer House“ zu Senica ausklingen. Fetti nimmt Schweinebacke mit Gemüse und Kartoffelstampf und auch drumherum geht es animalisch zu. Im benachbarten Freiluftkino wird heute „Leví kráľ“ (→ „Der König der Löwen“) aufgeführt, was dazu führt, dass etliche slowakische Affen- und andere Tierlaute an unseren Tisch dringen. Fetti, schon jetzt vollkommen irritiert und nervös, kann an dieser Stelle noch nicht ahnen, dass er morgen Früh auch noch in einen Disput mit der lokalen Trinkerszene verwickelt werden wird (Der Hoollege hat angefangen!), bevor er via Trnava und Wien-Schwechat die Heimreise antritt. Da kann man nur hoffen, dass ihn dieser Vorfall zusätzlich erden wird – und man ihm nach Landung in Berlin nicht erneut eine spätwienerische Dekadenz austreiben muss! /hvg

18.07.2019 FC Spartak Trnava – ФК Радник Бијељина 3:2 n.E. (1:0, 2:0, 2:0) / Štadión Antona Malatinského / 4.222 Zs.

Die feuchten slowakischen Fußballträume sind noch nicht zu Ende geträumt, da klingelt auch bereits der Handywecker. Das „Porzellaneum“ bittet um zehn Uhr um Check-Out und in gewohnter Souveränität schlagen beide FUDU-Schweine gegen 9.59 Uhr in der Lobby auf.

Abermals begrüßt Wien seine Besucher mit strahlendem Sonnenschein auf das Allerherzlichste. Angenehm, da noch gut vier Stunden bis zur Weiterfahrt nach Trnava zu überbrücken sind und man nun aufgrund des Wetters Motivation schöpft, noch ein wenig touristisches Standardprogramm abspulen zu wollen. Und so zieht es Fackelmann und mich zum Karlsplatz, von dem aus wir unsere kleine Expedition starten. Karlskirche und das Denkmal zu Ehren der Soldaten der Sowjetarmee am Schwarzenbergplatz werden eher flüchtig gestriffen, um im Anschluss das Schloss Belvedere und den dazugehörigen Garten etwas ausgiebiger in Augenschein nehmen zu können. Gegen 12.30 Uhr haben Fetti und seine Freunde dann allerdings trotz der Schönheit des Bauwerks genug von diesem touristischen Happening. Zweieinhalbstunden haben wir uns durch Menschenmassen geschoben und sind im Slalom um asiatische Touristengruppen gelaufen, nun haben Frühstücks- und Biergelüste längst die Oberhand gewonnen. Wie gut, dass wir im Wiedner Gürtel unweit des Hauptbahnhofs und fernab des großen Menschentrubels schnell fündig werden. Das „Da Biondi & Biondi“ bietet Plätze in der Sonne, „Murauer“ vom Fass und liebevoll von Mutti belegte Brote. Da wir bekanntermaßen auch sehr große Motorsportfans sind und nicht zu Unrecht den Ruf genießen, wahrhaftige PS-Junkies zu sein, kommen wir dank der Namensgebung des Frühstücks gleich doppelt auf unsere Kosten. Ein Mal „Maserati“ für mich, ein Mal „Ferrari Testarossa“ für den Fackelmann. Ach, wie wir den Geruch von Benzin am Morgen lieben. Brumm, brumm!

Kurz darauf haben wir uns voneinander verabschiedet und ich setze meine Reise mit der „ÖBB“ fort. Wirklich ein feiner Zug der österreichischen Bundesbahn, mir hier ein Exemplar im Eishockey-Design zur Verfügung zu stellen. Für 19 € darf man auf der Sparschiene zwischen Wien und Trnava also in Erinnerungen an die Eishockey-WM in Bratislava und Košice schwelgen, die am 26.05.2019 mit dem Titelgewinn der Finnen zu Ende gegangen war. 19 € für eine knapp zweistündige Direktreise im Luxuszug hält Fetti übrigens genau so lange für fair gestaltet, bis in Bratislava eine siebenköpfige Mitfünfzigerinnen-Frauengruppe die drei freien Sitze um ihn herum und die Vierergruppe nebenan in Beschlag nimmt. Slowakische Kuchenmuttis im Heavy-Kaffeeklatsch-Modus – bis Trnava in der Form kaum auszuhalten. Also entschließt sich Fetti schweren Herzens, seinen Sitzplatz aufzugeben und sich in dem mittlerweile recht gut gefüllten Zug nach einer Alternative umzusehen. Ein skandalöser Umstand, wenn man bedenkt, dass im Fahrpreis eine Sitzplatzreservierung für 5 € mit inbegriffen war, die man verbindlich hatte dazu buchen müssen…

Die Schaffnerin reicht glücklicherweise alsbald ein gratis Getränk zur Versöhnung und hat es dann selbst nicht leicht, als sie laut stöhnend, die Augen verdrehend und sichtbar gestresst irgendein achtseitiges Formular ausfüllen muss, nur weil eine mitreisende Familie mit einem falschen Ticket in den Schnellzug eingestiegen war („You have slow train, this is fast train!“). Rein spekulativ, ob sie dies genauso gestenreich getan hätte, hätte es sich um eine bioslowakische Familie gehandelt…

Um 16.30 Uhr habe ich jedenfalls den Bahnhof von Trnava erreicht. Trnava. 64.735 Einwohner, 55 Kilometer nordöstlich von Bratislava gelegen und dank der vielen Kirchen mit dem euphemistischen Spitznamen „parva Roma“ (kleines Rom) versehen. Viel mehr muss man erst einmal nicht wissen – also, vielleicht davon abgesehen, wo sich die nächste Unterkunft der Reise wohl befinden möge. Vollkommen unvermittelt beschleicht Fetti eine spätwienerische Dekadenz. „Wir sind hier schließlich in der Slowakei – was soll das schon kosten?“, sind die letzten Worte, die man vernimmt, ehe es ihn zum Taxistand zieht.

Die Taxifahrt zur „Penzion Luxor“ dauert dann handgestoppte 4:49 Minuten und kostet 4,20 € – und der Sitzplatz ist da auch schon mit drin! Mit einem „Good luck for tonight“ verabschiede ich mich von dem freundlichen, aber wortkargen Taxifahrer und zeige auf seinen Spartak-Wimpel am Rückspiegel. Ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht, welches wohl eher nicht durch das üppige Trinkgeld in Höhe von 0,80 € ausgelöst worden ist.

Auch der anschließende Check-In Smalltalk in der Pension dreht sich angenehm schnell um unser aller Lieblingsthema, nachdem 71,32 € für zwei Nächte den Besitzer gewechselt haben. Herr Anton Rijak hat schnell eruiert, dass das heutige Qualifikationsspiel durchaus Anlass meiner Reise darstellte. Mein Angebot, die Konversation auf Englisch fortzuführen, lehnt er vehement ab. Natürlich lässt er es sich nicht nehmen, seine Deutschkenntnisse aus seiner Ingenieurszeit in Süddeutschland aufzuwärmen und so geht unter anderem folgende Fußballweisheit in die Ewigkeit ein: „Bratislava gestern kaputt. Trottel!“

Anton scheint ein aufmerksamer Beobachter des slowakischen Fußballs zu sein. Tatsächlich hat der Landesmeister aus der Hauptstadt gestern Abend bereits in der ersten Qualifikationsrunde zur Champions League gegen den montenegrinischen Vertreter ФК Сутјеска Никшић (FK Sutjeska Nikšić) nach Elfmeterschießen die Segel streichen müssen. Nun droht den Lokalmatadoren des FC Spartak Trnava ein ähnliches Schicksal, schenkt man Anton, der geopolitisch nicht auf dem aller aktuellsten Stand zu sein scheint, weiter Glauben. Trnavas Gegner stammt nämlich ebenfalls „aus Jugoslawien“, das Hinspiel wurde mit 2:0 verloren, dazu habe Spartak ein „neues Team“ und einen „neuen Chef“ und mehr als 3.000 würden sich das heute im Stadion sicherlich nicht antun. Abwarten, Anton!

Ich ziehe mich auf mein Zimmer zurück. Die Pension ist aufgeräumt, sauber und hochmodern eingerichtet. Das schaue ich mir im Vorfeld auf „booking.com“ ja nie so genau an, was ich mir da so zurecht buche und das führt dann zwangsläufig dazu, dass man mitunter angenehm überrascht wird – oder manchmal eben auch etwas verwundert in Schrankwänden schlafen muss. In meiner heutigen Unterkunft steht jedenfalls exakt die selbe Stehlampe, die auch mein Wohnzimmer illuminiert. Beziehungsweise illuminieren würde, hätte ich in den letzten Monaten die Zeit gefunden, endlich zwei neue Glühlampen zu besorgen, um die defekten zu ersetzen. Und plötzlich wabern sie wieder durch den Raum, diese kleptomanischen Vibes, die mich offenbar vom Innenhof des „Porzellaneum“ bis nach „Luxor“ verfolgt haben, doch der perfide Plan wird jäh zunichte gemacht. Fetti ist traurig und wütend zugleich, kleptomanisch depressiv, angesichts des Umstandes, dass auch bei Anton nur ein Drittel der eingeschraubten Leuchtmittel funktionsfähig sind. Da wird Fetti wohl oder übel auch zu Hause in Zukunft kein Licht aufgehen…

Kaum ist dieser Schock verdaut, zieht es Fetti auch bereits zurück in die Innenstadt. Es gilt, bei Tageslicht Wegstrecken auszukundschaften und Entfernungen abzuschätzen. Keine 15 Minuten später hat er auch bereits das Stadttor „Bernolákova brána“ mit angrenzender Stadtmauer, Parkanlage und plätschernder Trnávka erreicht und steht unmittelbar darauf im Herzen der Stadt. Die Sehenswürdigkeiten entlang der Fußgängerzone „Hlávna“ werden morgen mit mehr Aufmerksamkeit bedacht, während der heutige Spaziergang noch einmal um 15 Minuten verlängert wird, um sich am „Štadión Antona Malatinského“ mit einer Eintrittskarte für die Europapokal-Partie am Abend einzudecken.

Das Stadion war übrigens von 1921 bis 2013 ein Stadion, jetzt ist es die „größte und modernste Fußballarena des Landes“ mit Platz für 19.200 Menschen, die auf den drei neuen Tribünen mit jeweils zwei Rängen und der erhalten gebliebenen Westtribüne Platz nehmen können. Das inkludierte Einkaufszentrum samt zweigeschossiger Tiefgarage lässt die Herzen von Fußballromantikern höher schlagen, die angrenzenden Büroflächen, das Multiplexkino und ein Hotel sind weiteres Balsam für die Seele der Puristen. Oder wie Fetti zu sagen pflegt: Wirklich entzückend steril hier!

Im Hotel herrscht bereits rege Betriebsamkeit: Rabatten werden gepflegt, Moos aus Pflastersteinfugen gepopelt, Fenster geputzt, rote Teppiche ausgerollt – hier bereitet man sich offenbar bereits auf die Ankunft des FUDU-Pärchens vor, welches in wenigen Tagen im „Hotel Arena“ mit Blick auf das Spielfeld logieren wird. FUDU ist zwar gegen den modernen Fußball, aber für Geburtstage mit guter Aussicht!

Kurz darauf habe ich meine Westtribünenkarte für 11 € erworben und kehre, trotz des eher deprimierenden Settings, mit einer gewissen Vorfreude auf das Flutlichtspiel zurück in die Innenstadt. Hier kann die Pizzeria „Kitty“ einen sonnigen Terrassenplatz mit Blick auf den Stadtturm „Mestská veža“ bieten und als wäre nicht bereits die schöne Aussicht Anlass zur Freude genug, gibt es in bester Lage auch noch ein großes „Staropramen“ für 1,90 € dazu. Scheiß auf die Glühbirnen. Für den Preis kann man sich ja auch hier die Lampen anmachen…

… wäre da nicht dieser unflexible Schiedsrichter Rahim Hasanov aus Aserbaidschan, der das Spiel in jedem Falle um 20.45 Uhr anpfeifen wird. Also setzt Fetti nach dem zweiten Pivo zum Bezahlvorgang an und stellt die Kellnerin mit einem 20 € Schein vor unlösbare Probleme. So sehr sie auch kramt, das Wechselgeld in Höhe von 15,50 € bekommt sie einfach nicht zusammen. Die einzige Lösung – Zahlung mit der EC-Karte – fällt dann auch noch zu meinem Vorteil aus, weil die Sprachbarriere verhindert, dass sie sich ihr Trinkgeld mit einbongt. So kann’s weitergehen.

Knapp 45 Minuten vor Anpfiff sind die Biergärten vor der Arena gut gefüllt. Mich zieht es trotzdem schon einmal ins Stadion, um fußballtouristische Fotos schießen zu können, ohne den Einheimischen damit auf die Nerven zu gehen. Nach Beendigung dieser Mission gönne ich mir ein ziemlich gutes Hähnchensteak mit Senf und Zwiebeln im Brötchen, wobei im Hintergrund drei slowakische Grillerinnen noch immer die exzellenten Sprachkenntnisse ihrer Kollegin abfeiern, die als einzige das Wort „Chicken“ kannte und so im Wesentlichen all meine Fragen in englischer Sprache beantworten konnte. Das Stadionbier für 1,50 € mundet zum Nachspülen ausgezeichnet, als plötzlich der Taxifahrer durch den ansonsten noch immer beinahe verwaisten Stadiongang schlürft, mich nett begrüßt und mit mir auf Spartaks bevorstehenden Einzug in die zweite Runde der Europa League Qualifikation anstößt. Man kennt sich halt in Trnava.

Nach und nach füllen sich die Tribünen. Auf der Hintertortribüne beziehen die Ultras von Spartak Stellung, während das Publikum auf der Westtribüne doch sehr gemischt daherkommt. Familien, Frauen, Kinder, ältere Menschen und Ostblockkanten im „Gym Beam“ Shirt – hier gibt sich alles und jeder die Klinke in die Hand.

Das Spiel beginnt. Immerhin 4.222 Menschen hat es in die „City Aréna“, wie das Stadion seit 2013 offiziell heißt, gezogen. Das wird Anton überraschen. Die sangesfreudigen Ultras sorgen für beste akustische Unterhaltung und auch aus dem kleinen Gästeblock gibt es den einen oder anderen Schlachtruf zu vernehmen. Die Heimmannschaft verzeichnet in der Frühphase des Spiels einen hohen Ballbesitzanteil, baut schnell Druck auf und kommt zu einigen Halbchancen. Alex Sobczyk, Österreicher polnischer Abstammung, ausgebildet beim Wiener Sport-Club und beim SK Rapid, kann den Ball nach 10 Minuten dann aus Nahdistanz über die Linie drücken. Bis hierhin ist der Matchplan des neuen Chefs, Ricardo Chéu aus Portugal, definitiv aufgegangen.

Nach 25 Minuten ist der Gast aus Bosnien endlich im Spiel angekommen. Die Mannen aus Bijeljina stehen gestaffelter im Mittelfeld und üben mehr Druck auf die Gegenspieler aus, sodass es für Spartak schwerer wird, das bislang so ungestörte Kombinationsspiel weiterhin aufzuziehen. So kehrt auf dem Rasen etwas Ruhe ein, während die Ultras ihre hübschesten weiblichen Geschöpfe zum Spenden sammeln durch die Reihen schicken. Da trage ich doch gerne einen kleinen Teil bei, in der Hoffnung, dass der „Hoollege“ im Ligaspiel gegen ŠKF Sereď, anlässlich seines Geburtstages in wenigen Tagen, eine hübsche Choreo zu sehen bekommen wird…

Nach 35 Minuten schießt Rafael Tavares, Trnavas 21-jährige Sturmhoffnung aus Brasilien, völlig freistehend vom Elfmeterpunkt am Kasten der Gäste vorbei, um nur wenige Minuten später nach maßgeschneiderter Flanke von Filip Oršula (Jahrhunderttalent aus der Jugend von Manchester City, 2013/14 beim MSV Duisburg unter Vertrag) nochmals sechs Meter näher am Tor stehend per Kopf an Gästekeeper Kozić zu scheitern. So geht es mit einem 1:0 in die Pause, in der ich am Bierstand zwei Jungs aus dem gestrigen Kaufhallenmob von Döbling treffe und in eine kurze Fachsimpelei eintrete. Man kennt sich halt in Trnava.

Mich zieht es nun an den rechten Rand der Tribüne, von dem aus ich auch die knapp 60 Mann im Gästeblock gut beobachten kann. Der Block des ФК Радник Бијељина (FK Radnik Bijeljina) aus Bosnien und Herzegowina ist serbisch beflaggt, aber da Fußball und Politik bekanntermaßen überhaupt nichts miteinander zu tun haben, möchte ich den Grund hierfür nicht auch noch recherchieren müssen. Die nächsten Höhepunkte lassen im zweiten Spielabschnitt nicht lange auf sich warten. Nur kurz nach Wiederanpfiff touchiert eine abgefälschte Lovat-Flanke den Querbalken und abermals ist es Tavares, der nach Freistoßflanke von Dangubić zu genau zielt und per Kopf ebenfalls an der Torlatte scheitert (61. Minute). Die Mannen aus Bijeljina sehen ihre Felle davonschwimmen und reagieren mit Rückzug. Bosnischer Beton wird angerührt, Trnava präsentiert sich recht ideenlos, der eingewechselte Kelemen lässt zwei letzte Torchancen fahrlässig liegen. Der nachlassende Esprit auf dem Rasen überträgt sich bedauerlicherweise auch auf die Tribünen und so dümpelt die bislang recht lebhafte Partie plötzlich 20 Minuten unaufgeregt vor sich hin.

Filip Oršula, der die rechte Flanke unermüdlich beackert hatte und mit vielen gefährlichen Hereingaben aufgefallen war, muss nach 80 Minuten angeschlagen das Feld verlassen. Die Gäste aus Bijeljina senden das erste offensive Lebenszeichen der zweiten Halbzeit, doch verlässt Flügelstürmer Maksimović in der vielversprechenden Kontersituation die Kraft. Gleich zwei Defensivspieler Trnavas holen die Situation im Vollsprint ein und vereiteln den 2:1 Überzahlangriff der Bosnier. Der Querpass von Maksimović landet dann im Rücken seines Kollegen und in den Füßen der Slowaken. Ach, Dejan. Das war maksimal mittelmäßić.

Die Strafe für den ausgelassenen Matchball folgt auf dem Fuße. Lucas Lovat schlägt die gefühlt 734. Flanke aus Verdacht in den Strafraum und wie bei jedem dritten Ball rauscht Gästekeeper Kozić auch unter dieser Hereingabe drunter durch. 87 Minuten lang stand ihm ein jedes Mal ein eigener Verteidiger helfend zur Seite oder die oftmals zu weit getretenen Flanken landeten im Tor- oder gar im Seitenaus, aber dieses Mal ist Kozić nicht mit dem Glück im Bunde. Dieses Mal steht nämlich Kristián Mihálek parat, der den Ball unter dem tosenden Jubel der Spartakfans ins verwaiste Tor nicken kann.

Freunde, es gibt Verlängerung. Wie praktisch, dass das Bier nur 1,50 € kostet und wie vorteilhaft, dass man es auch am Ende der ereignisarmen Extratime gegen 23.20 Uhr noch sehr gut mit kurzer Hose und T-Shirt im Stadion aushalten kann. Sieht sicher auch Trnavas Bogdan Mitrea so, der seit seiner gelb-roten Karte in Minute 108 nun nur noch zuschauend am Rand sitzen kann.

Soeben hat das Los ergeben: Das Elfmeterschießen steigt vor dem Gästeblock. Eine glatzöpfige Ordner-Armada zieht vor eben jenem auf und wird hier einen Platzsturm schon unterbinden können. Fetti betreibt auf die Schnelle Sozialstudien: Vier richtig sympathische Zeitgenossen, die bestimmt ehrenamtlich Spielzeugspenden für Flüchtlingskinder sammeln, wenn sie nicht gerade bosnische Blöcke bewachen müssen und die sich, wenn dann noch Zeit bleibt, auch gerne mal für die Rechte von Sinti&Roma-Familien einsetzen. Bestimmt. Mitten in diese Überlegungen startet ein qualitativ unterdurchschnittliches Elfmeterschießen, welches dank neuer UEFA-Regularien zusätzlich abgewertet wird.

Es wird nämlich fortan penibel darauf geachtet, dass der Torhüter bei Ausführung des Strafstoßes mit mindestens 87,9% der Stollenfläche oder aber mindestens 7,23cm² Sohle auf der Linie verweilt, ansonsten wird hart durchgegriffen. Schnell sieht Spartak-Schlussmann Rusov aufgrund dieser neuen Schwachsinnsregel die gelbe Karte und erste eigentlich bereits verschossene Elfmeter werden wiederholt und dann teilweise verwandelt. Jeder verschossene Elfer zieht in Folge endlos lange Diskussionen nach sich, ob man diesen denn nicht wiederholen dürfe, was besonders bitter ist, da beide Mannschaften wirklich erbärmlich schlechte Strafstöße treten und ständig verschießen. Permanent muss der arme aserbaidschanische Unparteiische auswürfeln, ob er Elfmeter zählt, oder aber wiederholen lässt und dabei auch noch den Überblick behalten, wie es denn jetzt nach all den Toren, die nicht zählten und den unzähligen Fehlschüssen, die nur teilweise zählten, überhaupt steht. Ich kürze es an dieser Stelle ab: Von zehn geschossenen Elfmetern zählen am Ende fünf, Trnava gewinnt 3:2 nach Elfmeterschießen und die glücklichen Sieger lassen es sich nicht nehmen, ihre Freude über diese sensationelle Trefferquote vom Elfmeterpunkt mit den weitgereisten Gästefans zu teilen. Was für ein jämmerliches Rumgehampel vor einem totenstillen Block, beschützt von diesen vier abartigen Kanisterköpfen mit Stiefeln bis zum Kinn, die aber nicht einmal eingreifen müssen, da es die Bosnier mit Fassung tragen. Vielleicht beim Einzug in die dritte Runde dann einfach mal vor dem eigenen Fanblock feiern?

Glücklicherweise hat in der Stadt der 1000 Pizzerien (von wegen, der Spitzname parva Roma würde sich auf die vielen Kirchen beziehen…) noch eine solche geöffnet, als ich gegen 23.45 Uhr in die „Hlavná“ einbiege. Zwei Stücken Pizza aus der „Pizzeria Piccolino“ à 1 € werden zum Mitternachtsimbiss, auf die ein großer Schwechat-Anfall einsetzt, der Fetti heute recht früh auf die Bretter schickt.

Am 19.07. ist dann endlich Zeit für einen ausgiebigen Stadtbummel, auf dem sich schnell herausstellt, dass ich im Grunde genommen bereits gestern alles gesehen habe. Trnava präsentiert sich recht kompakt und so kann man auf wenigen Quadratkilometern sämtliche Gotteshäuser, das schöne alte Rathaus und die bunten TRNAVA-Buchstaben recht schnell ablaufen. Es empfiehlt sich ein längerer Aufenthalt auf dem „Trojičné námestie“ (Dreifaltigkeitsplatz) mit der unvermeidlichen „Súsošie Najsvätejšej Trojice“ (Dreifaltigkeits- oder ugs. „Pestsäule“) und dem bereits gestern für schön befundenen Stadtturm, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf Trnava und das formschöne Atomkraftwerk Bohunice hat.

Fetti, der alte Motorsportfan, kommt dann nach der Turmbesteigung erneut vollends auf seine Kosten. Vorgestern „Maserati“ (Boah, dat is ein Quattroporte!), heute „Mustang“, wird als Motto auserkoren und so geht nicht mehr viel Zeit ins Land, bis Fetti endlich in einer Liga mit Karim Benyamina spielt und das erste frisch Gezapfte aus der „Pivovar Ostravar“ von ihm aufgezäumt wird. Allerdings von hinten, anders ist es nicht zu erklären, wie Fetti bei schwülwarmen 32°C (ohne, dass auch nur ein Sonnenstrahl am Horizont zu sehen gewesen wäre), ansonsten auf die Idee gekommen sein sollte, der „Aquapark Trnava“ einen Besuch abzustatten.

Für 8 € erhält man Eintritt in diese Freizeitattraktion Trnavas. Auf Liegestühlen im Außenbereich könnte man es sich gemütlich machen, wäre da nicht diese hart skurrile Poolanimation unter „La Bomba“- und „Macarena“-Klängen, die die junge slowakische Damenwelt dazu motiviert, mit so ziemlich allem zu wackeln, was die zarten Körperchen so hergeben. Wahrlich, Fetti hat in seinem Leben schon schlimmeres gesehen, als slowakische Frauen in Bademoden, aber das hier ist trotzdem grenzwertig. Ich schwimme derweil gemütlich zum Tresen (!), der sich inmitten des Pools befindet und am dem man entgegen jedweder Sicherheitslogik alkoholische Getränke beziehen kann. Ach, dieses Osteuropa muss man in manchen Momenten einfach lieben! Und wenn ich mir die Bademeisterin genauer betrachte, kann man ja beinahe auf einen Badeunfall hoffen…

Meine zweite Hoffnung, auf der Liegewiese noch etwas Sonne tanken zu können, erfüllt sich leider nicht. Das Wetter klart einfach nicht auf, ganz im Gegenteil, nach gut einer Stunde Aufenthalt setzt Regen ein. Gut, dass es da auch eine überdachte Gastronomie im „Aquapark“ gibt und so verbringe ich eine weitere Stunde mit Pivo und Hot Dog, breche das Unterfangen „maritimes Urlaubsfeeling in der Westslowakei“ dann aber nach 120 Minuten final und etwas unbefriedigt ab. Da waren die gestrigen 120 Minuten etwas unterhaltsamer – und die Stadionbierchen ein deutlich besserer Gegenwert (als Fetti noch ein Tr(i)n(k)ava, dementierte er immerzu seine Suchterkrankung!).

Den Trnava-Trip würde ich dann gerne mit einem traditionellen slowakischen Essen ausklingen lassen. Gar nicht so einfach in dieser vermaledeiten Pizzahochburg, doch in Städten, in denen es ein altes Rathaus gibt, kann der Ratskeller nicht weit sein. Diese Strategie stellt sich alsbald als Erfolg versprechend heraus und Fetti kehrt in der „Radničná Piváreň“ ein. Hier gibt es leider keine englische Speisekarte und kein englischsprachiges Personal, aber immerhin schon einmal ein Krügerl „Šariš“ für 1,40 € vorneweg. Der Kellner ist überaus zuvorkommend und freundlich und ich hätte ihm noch stundenlang gackern und grunzen hören können, aber irgendwann stellt er bedauerlicherweise seine pantomimischen Darstellungen der Gerichte ein, um sein Handy aus dem Gastraum zu holen. Dank des guten alten „google“-Übersetzers entscheide ich mich letztlich für „Bravčová krkovičkaso strapačkami“ und erhalte für 8,90 € einen deftigen Teller voller Schweinefleisch, Kraut und Kartoffeln.

In der Zwischenzeit hat sich die Gaststätte übrigens offenbar auf Touristen eingestellt und führt eine englischsprachige Speisekarte – einhergehend mit einer nicht unerheblichen Teuerungsrate. Mag sein, dass unser aller Fetti an dieser Veränderung eine Teilschuld trägt, doch konfrontiert mit dieser Kritik, lächelt er nur müde. Heute Abend nächtigt er im „Grand Hotel“ von Senica, soll ich Euch ausrichten. Diese gottverdammte spätwienerische Dekadenz werden wir ihm irgendwann austreiben müssen… /hvg

17.07.2019 First Vienna FC 1894 – 1.FC Union Berlin 1:4 (0:3) / Stadion Hohe Warte / 4.100 Zs.

Eine Woche Sommerurlaub in Πάφος (Paphos) auf Κύπρος (Zypern) liegt hinter mir. Sonne, Strand, Meer, gutes Essen, dicke englische Frauen in Bademoden. Schön war’s. Haken hinter, weiter geht’s im Takt. „Halt, halt, halt!“, mag an dieser Stelle der eine oder andere aufmerksame Leser einwerfen und folgende berechtigte Frage anbringen: Allet schön und jut – aber wat is mit’m Länderpunkt Zypern?

Απόλλων Λεμεσού (Apollon Limassol) in der ersten Qualifikationsrunde zur Europa League, gerade einmal 70 Kilometer entfernt, mit dem Bus in 75 Minuten für knappe 5 € zu erreichen, das wäre es natürlich gewesen, von der UEFA aber leider erst im Rückspiel am 18.07. mit einem Heimspiel gegen Kaunas bedacht. Verblieb mit dem ΑΕΚ Λάρνακας (AEK Larnaca) eine einzige Option für den 11.07. und was hätte Fetti nicht alles möglich gemacht, um bei der historischen Erstrundenschlacht gegen den FC Petrocub Hîncești aus Moldova dabei sein zu können. Es folgt ein ausführliches ABER: Die Busreise 90 Minuten länger und mehr als doppelt so teuer (übel!), der Anschlussbus von Λεμεσού nach Λάρνακας in ungünstiger Taktung nur alle vier Stunden verkehrend und darüber hinaus keine Möglichkeit, nach Abpfiff mit öffentlichen Verkehrsmitteln noch nach Πάφος zurückkehren zu können, sodass man veranschlagte 88 € für ein Taxi investieren oder eine Nacht in Λάρνακας hätte verbringen müssen. „Können wir nicht einfach mal Urlaub ohne Fußball machen?“, zeigte sich Fetti angesichts dieser Gesamtgemengelage deutlich überhopped und der Länderpunkt war passé. Wenn die faule Sau nicht will, dann will sie eben nicht. Ist nun mal so.

Nun also beginnt der zweite Teil des Sommerurlaubs 2019. Gerade von den Festivitäten anlässlich der Meisterschaft des Wiener Sport-Club anno 1959 zurückgekehrt, schon lädt Österreichs Hauptstadt erneut zu einer großen Party. Der First Vienna FC von 1894 wird stattliche 125 Jahre alt und hat sich zu diesem Anlass niemand geringeren als den 1.FC Union Berlin zum Jubiläumsspiel eingeladen. Gegründet 1894 im Gasthaus „Zur schönen Aussicht“ – na, wenn das mal keine schönen Aussichten sind…

Nach nur einem Tag Zwischenstopp in Berlin (versüßt durch eine frankophile Geburtstagsfeier meines Bruders) sitzt Fetti also am 16.07. um 9.30 Uhr erneut im Flugzeug und kommt aus dem Feiern gar nicht mehr heraus, woran auch die attraktive blonde Stewardess, die ihn soeben so zauberhaft angelächelt hat, ihre Aktien hat. „Lass diese herrlich festliche Phase voller Glückseligkeit und Frohsinn niemals enden“, betet das ehemals atheistische Schwein und erntet postwendend Gottes Zorn, der umgehend zwei seiner dicksten jemals erschaffenen Geschöpfe in Reihe 28 neben mir einkehren lässt. Aus reiner Notwehr in die letzte Ecke des Sitzes und ans Fenster gequetscht, wirft mir die hübsche Blonde noch schnell einen mitleidsvollen Blick zu, ehe sie in den vorderen Bereich der Maschine entschwindet. Wieder einmal verlassen und auf mich allein gestellt, hat die Frau mit den wirklich sehr schweren Knochen auf dem Gangplatz den Kampf mit ihrem Anschnallgurt irgendwann gewonnen, wendet sich mir zu und fragt dann keuchend über ihren ebenso korpulenten Partner hinweg: „Geht’s?“.

Hundert Gedanken schießen mir gleichzeitig durch den Kopf. Ob’s geht? Was weiß ich, wie man so eine Frage politisch korrekt beantwortet. Ich sitze halt neben Reiner Calmund und Jabba the Hutt. „Könnte besser sein, aber muss ja“. So in etwa? Oder doch lieber einfach mit „Ja“ antworten? Wie das Kaninchen vor der Schlange in absoluter Ehrfurcht erstarrt, habe ich Angst vor meiner Antwort und dem weiteren Verlauf des Gesprächs. Glücklicherweise kann eine weitere Stewardess mich und die Situation retten, indem sie meinen beiden Nachbarn eine eigene Reihe hinten rechts anbietet und alle atmen gleichermaßen erleichtert auf. Bis auf den Piloten vielleicht, der jetzt wohl oder übel die komplette Statik des Fluges neu berechnen muss. Sollte er dies nicht tun, werde ich jetzt wenigstens mit angenehmer Beinfreiheit abstürzen.

Eine Stunde und 20 Minuten später bin ich mit einem Gefühl vollkommener Freiheit in Schwechat gelandet. Das „Porzellaneum“ in der Nähe des U-Bahnhof „Roßauer Lände“ ist schnell gefunden, weniger schnell geht aber der dortige Check-In von der Hand. Schuld daran ist ein gleichzeitig ankommender Kolumbianer, der großes Interesse daran hat, sich von dem hochmotivierten Studenten an der Rezeption ganz Wien erklären zu lassen. Da ich zu höflich bin, das Referat abzukürzen und einfach um Aushändigung der Schlüssel zu bitten, hänge ich also nun mit in der schier endlosen Kringel-in-den-Stadtplan-mal-Falle und lausche andächtig den englischsprachigen Ausführungen über all die Sehenswürdigkeiten, die ich eh schon kenne. Die Minuten vergehen. Das Gerede nimmt kein Ende. Die Ungeduld steigt. Ja, bist du deppat? Hoit halt dei Goschn!

Gegen 13.00 Uhr endet der monumentale Vortrag unter tosendem Applaus und kurz darauf stehe ich auch schon in meinem Zimmer, das zu 80% aus Schrankwand besteht. Viel mehr als einen Rucksack und zwei unterwegs gekaufte Dosen „Ottakringer“ habe ich jedoch nicht dabei und so wird jede Menge Stauraum ungenutzt bleiben. Die Frage, wo genau der Haken sein könnte, wenn man in einem Wiener Innenstadtbezirk ein Einzelzimmer für unter 30 € buchen kann, wäre auf diesem Wege übrigens auch bereits beantwortet. Das „Porzellaneum“ ist im Grunde genommen ein Studentenwohnheim und offenbar vermietet man hier einfach leerstehende Zimmer kurzzeitig an Touristen, ohne den Komfort auch nur ansatzweise anzupassen. Dafür darf man dann aber Partykeller, Waschküche, Sport- und Computerraum, die Gemeinschaftsküchen und natürlich auch die ganz fantastischen Gemeinschaftsduschen, die so herrlich an die der alten Grundschulturnhalle erinnern, mit benutzen. Leiwand!

Es folgt meine Wiener Routine. Wann immer ich bislang alleine in dieser Stadt zugegen war, zog es mich bei hochsommerlichen Temperaturen hinaus zur Donauinsel. So auch diesmal – und erneut gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, sich bei Σουτζουκάκια und Café Frappé derart die Taschen vollzulügen, dass man sich noch weiter südlich in so einer Art echtem Sommerurlaub wähnt. Naja, was soll man machen. Union geht eben vor und Strand geht ja notfalls auch noch im Oktober…

Am späten Nachmittag vermelden dann weitere Truppenteile FUDUs ihre Ankunft in Österreichs Hauptstadt. Als abendlichen Treffpunkt schlägt Fetti das „Mariahilferbräu“ vor, das er 2017 während meiner Residenz im „Fürstenhof“ entdeckt und mit einem Besuch beehrt hatte. Die Ćevapčići konnten ihn damals überzeugen, sodass einer Weiterempfehlung nun nichts im Wege steht. Der Vorschlag löst ungeahnte Begeisterung bei meinen Compañeros aus. Das Getränke- und Speisenangebot weiß sie zu überzeugen, zudem sei das Brauhaus von ihrer Unterkunft aus gut zu erreichen – womit sie mir bereits genau einen Schritt voraus haben. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo sich mein „Hotel“ auf der Landkarte Wiens genau befindet und wie weit das „Mariahilferbräu“ entfernt ist. Aber, wo sich ein Westbahnhof in der Nähe befindet, wird man schon irgendwie einigermaßen gut hin- und wieder wegkommen…

Irgendwann abends trudeln wir dann in der Mariahilfer Straße zusammen und genießen Speis und Trank bei hochsommerlichen Temperaturen auf den Bierbänken in der belebten Einkaufsstraße. Am Tisch drehen sich die Gespräche über Unions Neuzugänge, die Saisonprognose und eingefahrene Länderpunkte angenehm im Kreis, nur auf der Toilette wird die Themenvielfalt dezent erweitert und so kommt man in den zweifelhaften Genuss, mit betrunkenen Einheimischen u.a. über die Mondlandung zu fabulieren. Die Wiener U-Bahn befördert mich nach einem langen Tag im Sieben-Minuten-Takt irgendwann via Landstraße in gerade einmal 24 Minuten nach Hause, wo mich fatalerweise noch eine Dose „Ottakringer“ aus der Schrankwand heraus anlächelt. Ich würde es jetzt nicht zwingend als Fehler ansehen, diese Dose noch geöffnet zu haben, immerhin sorgt dieses Vorgehen kurz darauf für den Erkenntniszuwachs, das Rauchen eindeutig die gefährlichere Sucht ist. Wenn man beim Saufen einschläft, verbrennt man wenigstens nicht. Und so’ne Matratze trocknet ja auch wieder…

Am nächsten Morgen klopft der Fackelmann, der sich ebenfalls von der Idee begeistern ließ, sich im „Porzellaneum“ eine Schrankwand mit Matratze zu sichern und der zur heutigen Fußballfeier stilecht mit dem Nachtzug aus Berlin angereist ist, beschwingt an meine Tür. Der junge Mann hat Hunger und würde nun gerne etwas frühstücken, während sich mein Appetit – wie immer vor 18 Uhr oder dem ersten Bier des Tages – gewohntermaßen in Grenzen hält. Kurz darauf sitzen wir in der „Brötchenwelt“ in der Berggasse in der Sonne und während ich mich genötigt fühle, mir draußen ein opulentes „Griechisches Frühstück“ zu ordern, kehrt Fackelmann, der Fetznschedl, mit lediglich einer belegten SB-Schrippsky von drinnen wieder zurück an unseren Tisch. Wenn das mal nicht die eine oder andere Asynchronität innerhalb der Kleingruppe bezüglich weiterer Nahrungsaufnahmen im Tagesverlauf nach sich ziehen wird…

Gut (und besser) gestärkt zieht es die beiden Serviettenknödel im Anschluss durch das beinahe gleichnamige Grätzl des 9. Wiener Gemeindebezirks. Die langen, breiten Straßen sind gesäumt von eleganten Gründerzeithäusern und auch die Peregrinikapelle, der Deutschmeisterplatz und die Roßauer Kaserne bieten ansprechende Fotomotive in unmittelbarer Nachbarschaft des „Porzellaneum“.

Aber, machen wir uns nichts vor: Wenn man so früh wach ist, dass man freiwillig frühstücken geht, dann ist erfahrungsgemäß noch jede Menge Zeit bis zum Anpfiff zu überbrücken. In unserem Falle verbleiben noch knappe neun Stunden auf der Uhr, ehe im „Stadion Hohe Warte“ der Ball rollen wird.

Grund genug, sich bei strahlendem Sonnenschein für einen ausgiebigen Spaziergang (Anmerkung aus 2021: FUDU ist seiner Zeit eben immer voraus – wir waren schon spazieren, bevor es alle gemacht haben!) zu entscheiden und entlang des Donauarms solange durch die „Fairness Zone“ (taktische Fouls sind immer gelb!) zu schlendern, bis man einen Blick auf die von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Müllverbrennungsanlage Spittelau werfen kann. „Welch faszinierende Symbiose aus Technik, Ökologie und Kunst, die dort gleißend im Sonnenlicht all unsere Sehgewohnheiten irritiert“, beginnt Fetti etwas auszuARTEn, ehe er von Fackelmann Regentag Dunkelbunt jäh unterbrochen wird: „Ich hab Hunger!“.

Kurz darauf kehren wir in einem Etablissement mit dem ansprechenden Namen „Sportcafé 87“ in der Klosterneuburger Straße ein. Unser freundlicher Sitznachbar reicht uns zur Begrüßung die „Kronen Zeitung“ und gibt dann der Wirtin Bescheid, dass gleich zwei Gäste auf der „Terrasse“ Platz genommen hätten. Schnell steht das erste frisch Gezapfte auf dem Tisch und noch schneller hat sich die „Kronen Zeitung“ als das fürchterlichste rechtspopulistische Schundblatt herausgestellt, das von FUDU jemals durchblättert worden ist. Ümit Korkmaz ist heute jedenfalls der einzige Österreicher mit Migrationshintergrund, der in der Gazette nicht rassistisch beleidigt wird. Wir erfahren, dass sich der ehemalige Bundesligaprofi von Eintracht Frankfurt, der aktuell seine Karriere in Österreichs Fußballniederungen ausklingen lässt und für First Vienna die Knochen hinhält, sich ein Tattoo von Christopher Trimmel wünscht, der ja bekanntlich „die Lizenz zum Stechen“ hat. Darüber hinaus erinnert der fünfzehnzeilige Artikel an First Viennas Triumph anno 1943 im „Tschammer-Pokal“, als man im Finale von Stuttgart den Luftwaffen-Sportverein Hamburg (wohl der feuchte Traum eines jeden Krone-Redakteurs…) mit 3:2 nach Verlängerung besiegen konnte. Der Zusammenhang zu der seichten Tattoo-Story erschließt sich, die Vorfreude auf das Spiel wächst, Fackelmanns Magen knurrt.

Unser aufmerksamer Nachbar hört genau, dass wir uns über Nahrungsaufnahme unterhalten. Sein vorauseilender Gehorsam gebietet es ihm, sich bei der Wirtin zu erkundigen, was die Speisekarte heute so hergeben würde. Ungefragt informiert er uns: Käsekrainer seien heute im Angebot, dauern aber 30 Minuten, die müssen ziehen. Der Rest seines Redeschwalls versumpft in alkoholbedingter Artikulationsstörung, die auf Wienerischen Dialekt trifft. „Zugeschlagen!“, kürzt der Fackelmann die Situation ab und unser neuer Freund trottet zurück in das Lokal, um unsere Bestellungen aufzugeben, hält auf halber Strecke aber glücklicherweise noch einmal inne und erkundigt sich, ob’s denn auch noch „zwei Krügerl“ sein dürfen. Na endlich, dachte schon, der fragt gar nicht mehr. „Zugeschlagen“, bestätigt Fackelmann flugs auch den zweiten Teil des Menüs und der gastfreundliche Wiener nickt zufrieden.

Für 3,80 € lassen wir uns die Eitrige mit Kren schmecken. Ich esse aus Solidarität und aus Gründen der Synchronität einfach mit – ohne schlechtes Gewissen, da bereits feststeht, dass wir die unnötig aufgenommenen Kalorien bei einem weiteren Gewaltmarsch im Anschluss direkt wieder verbrennen werden. Schließlich werden gleich knapp 4,5 Kilometer entlang der Donau durch die ballernde Sonne zurückzulegen sein, um den „Wirtschaftsflüchtling“ auf der Donauinsel in Empfang nehmen zu können.

Kaum haben wir die Strandbar erreicht, trudelt uns dieser auch schon aus München kommend direkt in die Arme. Bis zu diesem Punkt wirkt alles einigermaßen koordiniert. Ausgemergelt von der Sommerhitze, ist das nächste Bierchen schnell bestellt. FUDU bezieht Quartier in den Sonnenstühlen auf brennend heißem Wüstensand und abermals fühlt sich „Union International“ an wie echter Urlaub. Noch vier Stunden bis zum Anpfiff und ich verspreche Euch, ab jetzt wird’s wild! Jedenfalls, was den Weg zum Stadion betrifft, der von nun an in etwa so gradlinig verlaufen wird, wie die Erwerbsbiographie eines einstigen DDR-Raketenwissenschaftlers hin zum Regalauffüller bei „Schlecker“ in der Nachwendezeit…

Plötzlich kommen nämlich die Jungs und Mädels vom Vorabend mit einer weiteren herausragenden Treffpunktidee um die Ecke. Auf einer Insel, malerisch gelegen zwischen Donaukanal und Donau im nordöstlichen Zentrum der Stadt, gerade einmal 10 Kilometer von hier entfernt, würde im „Stadl“ recht bald eine Versammlung fußballaffiner junger Männer abgehalten werden. Na, dann nichts wie hin da – auch wenn wir genaugenommen gerade mehr oder minder von genau dort hierhergekommen sind. So geht es mit den „Wiener Linien“ quasi zurück auf Los und dann zu Fuß durch die idyllische Brigittenau. Unsere Ankunft im Biergarten ist dann derart maßgeschneidert, dass sie exakt mit der Auflösung der dortigen Veranstaltung übereinstimmt. Wenn Fetti kommt, dann ist nun mal Schluss mit lustig!

Immerhin können wir uns in Folge dem Trupp anschließen und unbehelligt durch den 19. Bezirk schlendern. FUDU und der Mob fallen noch in zwei Kaufhallen ein, lassen den bei Fudutours bereits zu Ehren gekommenen Karl-Marx-Hof links liegen, müssen arg hügeliges Gelände passieren (Topographie des Terrors!) und haben es dann gut eine Stunde vor Anpfiff nach einem langen Wandertag endlich geschafft, das legendäre „Stadion Hohe Warte“ in 214 Metern Höhe zu erreichen.

Bereits seit 1896 spielt First Vienna auf dem Gebiet der „Hohen Warte“ Fußball. Am 19.06.1921 wurde die Naturarena der Superlative nach Plänen von Eduard Schönecker „als größtes und modernstes Stadion Kontinentaleuropas“ feierlich eröffnet. Besonders die imposante Nordrampe leistete ihren Beitrag, das bereits in den Anfangsjahren Zuschauerrekord um Zuschauerrekord aufgestellt werden konnte. 1922 strömten 56.000 Menschen zum Länderspiel gegen Deutschland, am 15.04.1923 sollen es dann an die 90.000 gewesen sein, die sich die Partie Österreich-Italien nicht entgehen lassen wollten.

Die Vienna errang auf der „Hohen Warte“ 1931 und 1933 österreichische Meisterschaften, wobei man im Jahre 33 zusätzlich den Mitropapokal gewinnen konnte. Durch die Eröffnung des „Praterstadion“ (1931) rückte das „Stadion Hohe Warte“ zurück ins zweite Glied und verlor an Bedeutung. Noch vor Beginn des zweiten Weltkriegs zerstörte eine „Kraftradgeländefahrt der NSKK-Motorstandarte 93“ die Anlage völlig, im Krieg wurde die Naturarena durch schwere Bombentreffer beschädigt, nach dem Krieg dann von der US-Armee beschlagnahmt und zum Baseballfeld umfunktioniert – und keine Sorge, ab jetzt wird es nicht mehr schlimmer. Ab 1951 gab es die lang ersehnte positive Wendung und First Vienna kehrte nach und nach zurück in die angestammte Heimat, in der man dann zumindest wieder vereinzelt Ligaspiele austragen konnte. 1953 wurde die Anlage umfangreich instandgesetzt und mit einem Fassungsvermögen von 32.000 Zuschauern zurück in die Hände der Döblinger gegeben.

Am 03.11.1956 wurde im „Stadion Hohe Warte“ die erste Flutlichtanlage Wiens feierlich eingeweiht. Die Hoffnung, dass das Stadion nach diesem Meilenstein wieder an alte Glanzzeiten anknüpfen könnte, erfüllte sich jedoch nicht. Die Vienna stürzte in den 1960er Jahren sportlich ab, die kostenintensive Immobilie wurde zu einer finanziellen Belastung für den klammen Club und das Gelände verkam nach und nach. Erst der Bau der neuen Haupttribüne im Oktober 1974 konnte wieder eine kleine Trendwende und die letzte Glanzzeit der Vienna einleiten. In den 1980er Jahren wurden letztmals fünfstellige Zuschauerzahlen vermeldet, als u.a. die Weltstars Mario Kempes und Hans Krankl im Trikot der Vienna aufliefen und man sich Ende der 1980er Jahre zwei Mal für den UEFA-Cup qualifizieren konnte. Danach ging es steil bergab: 1992/93 Abstieg in die zweite Liga, 2000/01 Abstieg in die dritte Liga, kompletter Zerfall des Stadions mit einer Kapazitätsbegrenzung auf 4.500, Aufbau von Stahlrohrtribünen anno 2005, um weiterhin Zuschauer auf die Naturtribüne lassen zu dürfen, Insolvenz 2017, Zwangsabstieg in die fünfte Liga – was für ein Trauerspiel.

Pünktlich zum 125. Geburtstag des Vereins kann man nun aber die Rückkehr in die vierthöchste Spielklasse feiern – First Vienna beendete die letzte Saison auf Rang 1 der 2. Landesliga und darf sich nun stolzes Mitglied der Wiener Stadtliga nennen!

Bei all diesen beeindruckenden Anekdoten und Legenden rund um Verein und Stadion ist die Freude ganz unsererseits, dass wir anlässlich des Vereinsjubiläums für gerade einmal 18,94 € pro Ticket im „Stadion Hohe Warte“ gastieren dürfen. Dies hier ist wahrlich mehr als ein gewöhnlicher Vorbereitungskick gegen einen Viertligisten und so haben sich auch gut und gerne 500 Unioner mit auf den recht weiten Weg gemacht, um die neu zusammengestellte Bundesliga-Mannschaft begutachten und das schicke Stadion kreuzen zu können. Glücklicherweise ist der Heimanhang von der Partie gleichermaßen euphorisiert, sodass die erwartete Zuschauerzahl von „bis zu 3.000 Zusehern“ sogar noch übertroffen werden kann. 4.100 Menschen werden am Ende in die Naturarena strömen und für einen um zehn Minuten verzögerten Anpfiff sorgen.

Bei der Vienna startet Torwarttrainer Oliver Fuka (41, Karriereende 2015) zwischen den Pfosten. Dieses Spiel will sich wohl wirklich niemand entgehen lassen! Auf der Torhüterposition bleibt dies auch in Folge besonders spürbar: Nach neun Minuten wird Fuka durch Kazan ersetzt, nach 36 streift sich Chiste die Torwarthandschuhe über und ab Minute 61 agiert sogar ein halbes Hohenschönhausen-Hendl auf der Linie und auch auf den Traversen greift diese Maxime. Schließlich findet sogar der „1. Döblinger Bayern Fanclub“ das heutige Spiel derart interessant, dass dieser, ohne auch nur irgendeinen Bezug zum Spiel zu haben, seine Fanclubfahne gleichermaßen stolz wie unbewacht hinter dem Gästeblock präsentiert. Hervorragende Idee!

Als der durstige (und natürlich hungrige) Fackelmann nach gut 20 Minuten Schlangestehen an den hoffnungslos überfüllten Versorgungsständen endlich auf die Naturtribüne zurückkehrt, steht es bereits 66-37. Der weitgereiste und erfahrene Hopper von Welt lässt sich jedoch nicht ins Bockshorn jagen. Natürlich hat er die Treffer von Marius Bülter zum 0:1 (13. Minute) und Sebastian Polter zum 0:2 (15. Minute) live und in Farbe aus der Schlange heraus beobachten können. Und natürlich weiß auch er, dass auf der „Hohen Warte“ in der Regel Football gespielt wird. Die Vienna Vikings haben hier wohl aus Protest das Ergebnis ihres letzten Spiels hängen lassen – immerhin wurden diese wegen des heutigen Jubiläumsspiels schändlich vertrieben und mussten ihr Halbfinale vor drei Tagen gegen die Prague Black Panthers in Ravelin austragen, um das Spielfeld für die Fußballer zu schonen. Da waren sicherlich nicht nur Stadionsprecher Michi „The Voice“ Holub und DJ Frozen Fritz pappesatt…

Von der Stahlrohrtribüne erleben wir Joshua Mees‘ Pfostentreffer nach 23 Minuten mit. Bei der Vienna muss Demić nach einer halben Stunde das Feld mit Verdacht auf eine Bänderverletzung verlassen, während der Fackelmann noch immer von gelungenen Wortspielen aus der Bierstand-Warteschlange („Thirst Vienna“) schwärmt. Kurz vor der Pause erhöht Bülter, der nach Kopfball von Gentner und Parade von Chiste abstauben kann, auf 3:0.

In der zweiten Halbzeit zieht es uns in die unendlichen Weiten der Nordrampe. Eine Naturtribüne hat nun einmal den Vorteil, dass man so ein Fußballspiel an einem lauen Sommerabend eben auch auf einer Wiese lümmelnd verfolgen kann. So lange es hier nicht wieder zu einem Erdrutsch wie nach dem Länderspiel gegen Italien im Jahre 1923 kommt, ist das aktuell definitiv der wohl friedlichste Ort auf Erden. Da kann uns auch der Anschlusstreffer durch Kurtisi nach einer knappen Stunde nicht schocken – ganz im Gegenteil. Es ist dem sympathischen Heimpublikum durchaus zu gönnen, hier auch ein Tor feiern zu dürfen, zumal wir so in den Genuss kommen, ein wunderschön gesungenes „Yellow Submarine“ hören zu dürfen.

Knapp zwanzig Minuten später stellt die in der Halbzeit komplett ausgetauschte Union-Elf den alten Abstand wieder her. Anthony Ujah, der einen klugen Steckpass von Dahl aufnehmen kann, ist vor dem Tor eiskalt geblieben. Am Ende gewinnt der 1.FC Union Berlin mit 4:1, Christopher Trimmel wird dazu genötigt, Selfies mit Wutbürgern zu schießen und hat keine Gelegenheit, Ümit Korkmaz noch auf dem Spielfeld zu tätowieren und uns zieht es zum Ausklang des Abends in Richtung Innenstadt.

Der Bahnhof Heiligenstadt wird zum Ausgangspunkt des nächsten Irrlaufs, der zunächst zum Schwedenplatz und dann an die Donau führt. Da am Ufer irgendeine sagenumwobene Bar unauffindbar bleibt, tritt FUDU alsbald seinen Rückweg zum Schwedenplatz an, verzichtet schweren Herzens auf das Zejnullahu-Mobil (= E-Roller), aktiviert letzte Spaziergängerkräfte und hofft auf einen Zufallsfund. Fackelmann nimmt auf irgendeiner Brücke Kontakt zur lokalen Kleintierszene auf und merkt an, dass man nun nur noch dem „Pilsspürhund“ folgen müsse, woraufhin er böse Blicke des Frauchen erntet. „Oh, ich glaube, das ist gar kein Pilsspürhund!“, weiß er die entstandene Spannung aber direkt wieder geschickt aufzulösen. Gegen 22.00 Uhr ist dann aber auch ohne tierische Hilfe (außer der von Fetti) eine vielversprechende Lokalität gefunden. Wenn man im „Bermuda Bräu“ mit der dazugehörigen Tanzlokalität „Die Brennerei“ keine Getränke erhält, die man am nächsten Morgen bereut, wo denn dann?

Das Problem, dass der Tisch nur für vier Menschen vorbereitet ist, wir aber zu fünft einkehren wollen, stellt die Kellnerin vor keine großen Herausforderungen, dennoch weist sie uns darauf hin, dass es ihr eigentlich nicht erlaubt sei, einen fünften Stuhl in Richtung Gehweg zur Verfügung zur stellen. Wir mögen doch bitte darauf achten, dass Vorbeilaufende genügend Platz haben. So schnell ist FUDU wahrhaftig noch nie „in der Gossen“ gelandet, aber was tut man nicht alles, um sich um 22.30 Uhr noch über eine Portion Biergulasch hermachen zu können…

Am Ende des Abends habe ich vier Euro Schulden beim Croupier (Kapitel 1 der Autobiographie von Jean-Jacques Gelee) gemacht und der Fackelmann verliert beinahe sein gesamtes Hab und Gut auf dem Gossenplatz, doch glücklicherweise funktioniert mein Pädagogenblick noch zuverlässig. Kinder, guckt noch mal nach, ob ihr alles habt, bloß nix vergessen!

Und so ist die Stimmung relativ ausgelassen, als wir nur unwesentlich später im Innenhof des „Porzellaneum“ den Abend mit einem letzten Bier ausklingen lassen. Der FackelKleptomann schlürft stilecht in IC-Schlappen durch das Ambiente und kann darüber hinaus auch noch das formschöne Nachtzugset, bestehend aus Handtuch und Waschlappen, aus dem beinahe vergessenen Turnbeutel verkaufsfördernd präsentieren. Kurz darauf träume ich von weiteren Eskapaden und Abenteuern in Trnava und Senica, wo meine Reise ab morgen ihre Fortsetzung finden wird und wo es vielleicht auch Fußballspiele zu sehen geben wird. Und bevor hier irgendjemand fragt: „Wie? Wat? Vielleicht? Wat is mit’m Länderpunkt Slowakei?“, dem sei nur soviel gesagt: Beruhigt Euch, Bürger – den habe ich glücklicherweise schon seit dem 16.03.2013! /hvg

06.07.2019 Põhja-Tallinna JK Volta – Vändra JK Vaprus 1:4 (1:1) / Sõle Gümnaasiumi staadion / 102 Zs.

Drei Kilometer liegen also zwischen den beiden Spielstätten und eine knappe Stunde verbleibt uns bis zum Anpfiff. Was zunächst nach keiner all zu großen Herausforderung klingt, wird ein wenig dadurch erschwert, dass das am Wegesrand auftauchende „Kristiine Keskus“ unerwartet Begehrlichkeiten weckt. Eine handelsübliche Shopping Mall, ein Konsumtempel, wie er im Buche steht. Muss man keines Blickes würdigen, vor allen Dingen dann nicht, wenn man es eigentlich eilig hat, von A nach B zu kommen. Soweit die nüchterne Betrachtungsweise, aber in diesem Falle sollte man seine Rechnung nicht ohne den „verrückten Tischfinnen“ machen. Ihn zieht es nämlich wie von Geisterhand gesteuert ins Erdgeschoss und dann in die Apotheka, in der er gerne diverse Medikamente einkaufen würde. Schnell sind mir die eklatanten Preisdifferenzen der einzelnen Produkte gegenüber des Verkaufs in Suomi erklärt und spätestens, als einige preiswerte Schmerztabletten und baltische Grippehelferlein auch in meinem Warenkorb gelandet sind, ist der Schnäppchenjäger in mir von diesem außerplanmäßigen Shopping-Zwischenstopp vollends überzeugt.

Was dem Hund der nächste Baum, ist dem Finnen die Steckdose, heißt es dann im Anschluss. Natürlich können wir Kristiine nicht einfach verlassen, ohne sie noch richtig auszusaugen, mag sich der „Tischfinne“ gedacht haben und so hocken wir gute 20 Minuten auf dem Boden, um diverse Geräte des hochtechnisierten Skandinaviers laden zu können. Als die Akkus voll genug sind, um das Überleben in den kommenden Stunden sicherzustellen, verbleiben nur noch 30 Minuten bis zum Anpfiff und noch immer sind 2,3 Kilometer zurückzulegen.

Im Schweinsgalopp preschen wir die Hauptstraße hinunter und wähnen uns bereits am Ziel, als die Straße plötzlich nicht mehr „Tulika“, sondern „Sõle“ heißt, das Ortseingangsschild „Põhja“ gesichtet wird und das mit frischer Energie versehene Smartphone des finnischen Pfadfinders ein Gümnaasium samt Fußballfeld ausweist. Hier stimmen alle weichen Faktoren, aber wirklich auch nur die, wie wir kurz darauf feststellen müssen, als wir zwischen den Häuserschluchten auf einem Schulhof stranden und den legendären Sportplatz des „Pelgulinna Gümnaasium“ bestaunen. Hier ist sicherlich schon manch dicker Estenbengel am Cooper-Test gescheitert, aber mit hoher Sicherheit noch nie ein Ball in der dritthöchsten Spielklasse des Landes gerollt. „Vallah, is falsche Gümnaasium!“, fasst Fetti das Problem adäquat zusammen und der „Tischfinne“ justiert noch einmal nach. „Fähnlein Fieselschweif“ heißt auf finnisch übrigens „Sudenpennut“ und unser Stadion liegt wohl doch noch einmal 1,2 Kilometer entfernt.

Um Punkt 16.59 Uhr haben wir das „Sõle Gümnaasiumi staadion“ erreicht und uns über ein unverschlossenes Hintertürchen Eintritt erschlichen. In der „Esiliiga B“ spielt man also auf Breitensport-Kunstrasen und für die Zuschauermassen hat man mehrere kleine hölzerne Tribünenelemente entlang der Seitenlinien verteilt. Auf diesen lümmeln Freunde und Familien der Spieler und Hopper aus Deutschland und alle bekommen nach 16 Minuten den ersten Aufreger zu sehen. Kaarel Poldma hat soeben den Ball vor dem eigenen Strafraum vertändelt und dem Vändra-Angreifer, der alleine auf das Tor hätte zulaufen können, aus schierer Hilflosigkeit von hinten die Beine weggegrätscht. Schiedsrichter Kask lässt Gnade vor Recht ergehen und zückt die dunkelgelbe Karte. Der Gast aus dem 100 Kilometer entfernten Vändra bleibt tonangebend und hätte nach knapp 20 Minuten in Führung gehen müssen, doch Jürgenstein verlässt im 1:1 Duell gegen den Torwart der „Vaprus“ (= Mut). Besser machen es zehn Minuten später die Hausherren, die mit ihrem ersten Angriff überraschend in Führung gehen können: Arome Onogu aus Nigeria, der mittlerweile für den FC Eston Villa (= mein Humor) spielt, setzt sich mit seiner Körperlichkeit im Strafraum durch und erzielt das 1:0 per Kopf.

Wir wechseln im Anschluss auf die Haupttribünenseite, auf der es hinter den Holzpodesten zwar wirklich auch eine echte Haupttribüne gibt, von der allerdings nicht davon auszugehen ist, dass sie jemals Architekturpreise gewinnen wird. Man hat die kleineren Planungsfehler begangen, die Tribüne gut 20 Meter vom Spielfeldrand entfernt zu platzieren, einen Bürgersteig zwischen Tribüne und Feld zu pflastern und die Sicht zusätzlich durch ein Fangnetz und den Aufbau diverser Umkleide- und WC-Container zu erschweren. Drittligafußball in Estland. Kann man nicht beschreiben, muss man erlebt haben.

Schön ist das 1:1 durch Andro Aaviks direkten Freistoß in der 41. Minute, weniger schön, dass es in der Halbzeitpause kein Bier zu kaufen gibt.

In der zweiten Halbzeit rettet Volta-Schlussmann Silver Saluste seinen Mannen zunächst mit einer Glanztat nach Kopfball aus Nahdistanz die Haut (52.), um dann abermals unter Beweis zu stellen, dass er bei Freistößen gerne mal alt aussieht. Schon der erste Ball war vor der Pause direkt in der Tormitte eingeschlagen, nun lässt sich Saluste sogar mit einem direkten Freistoß in die Torwartecke düpieren – nach 55 Minuten ist Vesselov der gefeierte Mann der Gäste. Im Anschluss lässt die Qualität des Spiels deutlich nach und viele individuelle Fehler, technische Unzulänglichkeiten und Fehlpässe dominieren das Bild. Besonders bei der Heimmannschaft läuft nach 70 Minuten nur noch wenig zusammen und es scheint eine Frage der Zeit, bis die Gäste das Spiel vorentscheiden können. Das 1:3 wird wegen einer Abseitsstellung nicht anerkannt und mehrere große Gelegenheiten bleiben ungenutzt, sodass Ian-Erik Valge den Spielverlauf beinahe auf den Kopf gestellt hätte. Dass dieser nach 75 Minuten freistehend aus fünf Metern vergibt, scheint seinen Trainer so sehr auf die Palme zu bringen, dass er nur kurz darauf zur Auswechslung bittet. In den letzten Minuten geht’s für das zu offensive Volta dann dahin und der Favorit zieht von dannen. Nach 85 Minuten nimmt Jürgenstein einen Steilpass auf, umkurvt Saluste und vollstreckt zum 1:3. Die hängenden Volta-Köpfe sorgen dafür, dass nur zwei Minuten später noch einmal gejubelt werden kann, als Aavik aus fünf Metern Torentfernung ungestört einnicken kann. Schiedsrichter Kask beendet die Partie, Volta bleibt Tabellenletzter, Vändra verharrt auf Rang 3 und FUDU hat Durst.

Der ortskundige „Tischfinne“ führt uns schnurstracks in das belebte Stadtviertel Telliskivi Loomelinnak. In dem ehemaligen Industriegebiet haben sich kreative Menschen angesiedelt und hippe Cafés, Bars, Restaurants, Shops und Start-Ups gegründet. Unweit des Hipsterbezirks Kalamaja gelegen, in dem zugezogene Neureiche die alten Holzhäuser auf Vordermann gebracht und die Mieten in die Höhe getrieben haben, findet man genau das vor, wonach diese Beschreibung klingt. Eine interessante Umgebung, charmant genutzte Brache, auf der man dem Gammel neues Leben eingehaucht hat, anstatt alles abzureißen und neu zu bebauen – aber eben leider auch beinahe ausschließlich Leute, deren wichtigstes Anliegen es ist, sich permanent selbst zu produzieren und sich dabei zu fotografieren, wie man überteuertes xy-freies Essen in sich hineinstopft. Wir tappen nur kurz in eine Coolness-Falle namens „Peatus“. Hier könnte man in alten Eisenbahnwaggons samt nostalgischem Interieur bei monotoner Elektromucke hochpreisiges Bier trinken, wenn man nach 20 Minuten Wartezeit nicht nur zehn Mal begrüßt worden wäre, sondern auch etwas hätte bestellen dürfen. So besinnt sich FUDU alsbald bei seinen Leisten zu bleiben und kehrt in einem schäbigen aserbaidschanischem Imbiss-Container auf dem „Depoo-Street-Food-Market“ ein. Hier gibt es anständiges Bier, günstiges und gutes Essen, einen Sitzplatz im Warmen und die Erkenntnis, dass ich vielleicht auch besser eine Steckdose hätte nutzen sollen. Die Kamera ist jedenfalls nicht mehr in der Lage, Erinnerungsfotos des exotischen Abendbrots zu schießen und auch das Handy ist nicht mehr funktionsfähig, sodass ich Gott und die Welt der sozialen Medien leider nicht an meinem coolen Abend teilhaben lassen kann. Kurz darauf verabschiedet sich der „Tischfinne“ in sein nahe gelegenes Hotel und ich bleibe einigermaßen orientierungslos zurück.

Wie es der Zufall so will, rollt die Straßenbahn zu später Stunde wieder ohne Einschränkungen durch die Stadt und mein Problem, weder zu wissen, wo genau ich mich befinde, geschweige denn, in welcher Himmelsrichtung mein Hostel auch nur ansatzweise zu verorten ist, löst sich dank eines glücklichen Zufalls in Luft auf. Die Straßenbahnlinie 2 hält also nicht nur in Telliskivi, sondern laut Fahrplan in 24 Minuten auch in Keskturg. So mag ich das. Einen Fahrscheinautomaten gibt es zu meinem großen Bedauern weder an der Haltestelle, noch in der einfahrenden Bahn und so muss man sich wohl achselzuckend seinem Schicksal fügen. Das meiste Geld verplempert man bekanntlich eh beim Bezahlen und für’s Erste ist schwarz fahren preiswerter, als sich mit dem Taxi in die Dachkammer kutschieren zu lassen. Zur Strafe für diese Leistungserschleichung endet die Fahrt wegen eines Unfalls und eines Straßenbahnstaus zwar bereits auf halber Strecke, aber „immer den Schienen lang“ sollte eine Erfolg versprechende Methode darstellen, um das „zu Hause“ jetzt auch ohne „googlemaps“ finden zu können. Spätestens, als ich die „Jaani Seegi kirik“ erspähe, die sich als alte Holzkirche den gläsernen Wolkenkratzern der Großbanken trotzig in den Weg stellt, weiß ich, dass das Ziel nicht mehr weit ist. Um kurz vor Mitternacht grüßt Babuschka aus dem Rezeptionskabuff noch immer freundlich und nimmt meinen USB-Stick mit Flugticket bereitwillig entgegen, wird sich aber erst morgen Früh darum kümmern. Schnell habe ich mein Bett bezogen, das Handy angestöpselt und erfahren, dass Union gegen Brøndby vor 12.307 Zuschauern (darunter mindestens vier Dänen) 2:1 gewonnen hat und schon wiegt mich das Röhren der Lüftungsanlage nach einem langen Tag sanft in den Schlaf.

Bei FUDU ist es fünf vor Zwölf, als man sich am nächsten Tag zu Zwecken des Check-Out die knarzende Holztreppe hinunterquält. Die Grande Dame des Hauses hat im Gegensatz zu mir offenbar gut geschlafen und während ich noch mit meinem Luftzufuhr-Tinnitus kämpfe, händigt sie mir bestens gelaunt USB-Stick und Flugticket aus und wünscht mir einen angenehmen Tag in Tallinn. Ich will ja nicht meckern, mach es aber trotzdem – das Ticket gilt nur, wenn es auf DINA4 gedruckt ist und vor meinem inneren Auge sehe ich bereits den irischen Inkasso-Rainer das Millimeterpapier anlegen: „Fehlen 5,8 Zentimeter rechts und 6,2 unten, macht 80 €“. „Don’t worry“, entgegnet sie aber gelassen, nachdem ich ihr meine Bedenken vorgetragen habe. Na, da bin ich ja beruhigt. Wenn sich hier jemand mit sämtlichen Preisfallen der Billigfluglinien auskennt, dann ja wohl Jetsetterin Ludmilla, die mutmaßlich das letzte Mal als Kind geflogen ist – und zwar mit Opa Olegs Roller auf die Nase.

Mein Weg führt mich also notgedrungen in den erstbesten Copyshop der estnischen Hauptstadt, bevor ich mich dem Sightseeing widmen kann. Stolze 6 Cent müssen dort investiert werden, ehe sich auch bei mir ein „Don’t worry“-Gefühl eingestellt hat. Mit einem nun definitiv gültigen Ticket im Jutebeutel kann man sich beruhigt in den Innenstadttrubel begeben. Wie schon für Gdańsk vor wenigen Tagen scheint es auch für Tallinn nur zwei Lösungsansätze zu geben: Entweder sollte man die Stadt vergrößern ODER die Anzahl der Besucher deutlich reduzieren. So schiebt und quetscht sich jedenfalls Menschenknäuel um Menschenknäuel durch die Altstadt und schmälert die Freude an Domberg, Stadtmauer und der belebten „Viru tänav“ samt Lehmpforte (Viru värava) doch erheblich. Nichtsdestotrotz erhält Tallinn erneut das Prädikat „sehr hübsch“, muss nach 2016 aber nicht zwangsläufig noch ein zweites Mal vollumfänglich touristisch erschlossen werden. Es fühlt sich jedenfalls nicht komplett falsch an, als ich nach eher kurzem Stadtbummel zu Mittagessen und Bier auf der sonnigen Terrasse des Lokals „Beer Garden“ fernab des ganz großen Gewimmels einkehre, dort dann aber trotzdem 4,50 € für 0,5 Liter zahlen muss. Wie sich bereits vor knapp drei Jahren angedeutet hat, haben die Finnen hier endgültig die Preise versaut. Wer will es den leidgeprüften Esten da verdenken, dass sie sich auch heute nach allen Regeln der Kunst gegen die finnischen Invasoren zur Wehr setzen? Ich habe jedenfalls gerade meine Hähnchenbrust für faire 10,90 € verspeist, ehe ausschließlich die beiden finnischen Dandys am Nebentisch heimtückisch mit brennenden Zigarettenkippen aus dem oberen Stockwerk attackiert werden. Mich hingegen lässt man in Ruhe austrinken und so nicke ich zum Abschied zustimmend nach oben: Make õlu 2,50 € again!

Unwesentlich später befinde ich mich in der Straßenbahnlinie 4 in Richtung „Lennujaam“. Wieder finde ich keinen Fahrkartenautomaten vor, doch lasse ich mir zum Ende des Wochenendausflugs ins Baltikum nun gerne die Welt von einer jungen Einheimischen erklären und lerne, dass Tallinn die erste Hauptstadt Europas ist, die einen kostenlosen Nahverkehr eingeführt hat. Es gibt also keine Notwendigkeit, Automaten aufzustellen oder Fahrscheine in Lottoläden zu verkaufen. Gerade, als das eingesparte Fahrgeld gedanklich dem Vergnügungsausschuss überschrieben wird, ergänzt sie jedoch, dass dies nur für Bewohner Tallinns gilt, während Touristen üppige 1,50 € berappen müssen. Sie zeigt mir eine kleine Klappe an der Scheibe des Führerstands, in die man angeblich Bargeld hineinlegen soll, um eine Karte zu erhalten. Hinter der Scheibe sitzt eine Dame, die ihr auf dem Boden liegendes Schoßhündchen krault, während sie die Tram steuert. Insgesamt also eine vertrauenswürdige Situation, doch an der nächsten roten Ampel stellt sie das Kraulen ein, lässt mein Geld klappernd auf die andere Seite der Scheibe rollen und schickt dann tatsächlich 50 Cent und einen Fahrschein retour. Das war ja einfach. Dass ich darauf gestern Abend nicht gekommen bin.

Über den weiteren Verlauf meines Sommerurlaubs hat übrigens ausschließlich der Flugplan der estnischen Hauptstadt entschieden. Wenn es einen Abendflug von Tallinn nach Paphos (Πάφος) auf Zypern (Κύπρος) gibt, braucht es nun wahrlich kein Reisebüro mehr. Ich habe noch genügend Zeit, die Nachmittagssonne im Baltikum mit einem Sag-zum-Abschied-leise-Servus-„Saku“ vor der gähnend leeren Empfangshalle zu genießen. Irgendwann sind die Fußballer des KF Shkëndija 79 neben mir aufgezogen, die in zwei Tagen in der ersten Runde der Champions-League-Qualifikation bei Nõmme Kalju antreten müssen und dieses Unterfangen offensichtlich hochprofessionell angehen. Ähnlich professionell hat derweil mein zypriotischer Gastgeber auf meine letzte Mail reagiert und meine Fragen, wie ich um 1.20 Uhr (Flug um zwei Stunden nach hinten geschoben) die Unterkunft erreichen kann, wenn am Flughafen doch kein Bus mehr fährt und wie ein Check-In um ca. 2.00 Uhr gelingen kann, wenn die Rezeption um 0.00 Uhr schließt, zu meiner vollsten Zufriedenheit beantwortet: „It’s no problem. Don’t worry!“. Nicht doch schon wieder. Dieses Mal fällt mir auf die Schnelle keine Lösung für 6 Cent ein und so muss ich mich wohl oder übel überraschen lassen, wie mein Start in den siebentägigen Strandurlaub heute Nacht wohl so verlaufen wird.

Um kurz vor 1.00 Uhr bin ich bereits auf dem „Διεθνής Αερολιμένας Πάφου“ im Südwesten der Insel gelandet. Über zwanzig Minuten vor Plan angekommen, fehlt von dem „Driver“, der irgendwann einmal großspurig angekündigt worden war, natürlich jede Spur. Don’t worry, don’t worry, don’t worry, murmele ich gleich eines Mantras vor mir her. Es befindet sich schon keine Menschenseele mehr am Flughafen, als doch noch ein letzter Wagen auf den Parkplatz einbiegt. Der Fahrer kommt auf mich zu und tatsächlich hat er ein Schild mit meinem Nachnamen gebastelt. Das hätte ich nur zu gerne am Gate gesehen – sich einmal wie die Reichen und Schönen fühlen und standesgemäß in Empfang genommen werden. Aber geschenkt. Ich bin ja zufrieden, dass es überhaupt jemanden gibt, der mich für 30 € durch die Nacht entlang der Küste zu meiner nächsten Unterkunft chauffiert. Gegen halb Zwei sind die „Panklitos Apartments“ erreicht und noch bevor ich mich der Herausforderung der liebevoll vorbereiteten nächtlichen Schnitzeljagd stellen kann, hat mich auch bereits ein englischer Stammgast begrüßt und mir seine Hilfe angeboten. Gemeinsam finden wir an der Rezeption den ersten Hinweis, in welchem der drei Gebäude sich mein Zimmer befindet und von da an geht alles leicht von der Hand. Einfach den Pfeilen auf dem Boden und im Treppenhaus folgen und siehe da, mein Name klebt an der Tür, der Schlüssel steckt, es ist 1.45 Uhr, wieder einmal hat alles irgendwie geklappt (Don’t worry, hatten sie ja gesagt!) und schon wiegt mich das Zirpen der Zikaden nach einem langen Tag sanft in den Schlaf. /hvg

06.07.2019 Tallinna FCI Levadia – Tallinna FC Flora 1:2 (0:1) / Lilleküla staadion / 1.124 Zs.

Im FUDU-Hauptquartier herrscht große Aufregung. Die Außenstelle Dänemark hat ein Testspiel geleaked. Was hierzulande noch niemand weiß, hat Brøndby bereits auf seiner Website veröffentlicht. „Gul og blå“ wird angeblich am 05.07.2019 „An der Alten Försterei“ aufdribbeln. Klar, dass es da nicht mehr lange auf sich warten lässt, bis unsere dänischen Freunde ihre Reisepläne finalisiert und sich für zwei Übernachtungen angemeldet haben. Da steht mir wohl ein „Casual Friday“ der besseren Sorte ins Haus, bevor ich am Samstag via Tallinn in meinen Sommerurlaub starten werde.

Einige Tage später bestätigt zwar auch der 1.FC Union Berlin das vereinbarte Testspiel offiziell, allerdings mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass das Spiel erst am 06.07. stattfinden wird. Brøndby reagiert geschickt, rudert klammheimlich zurück, entfernt die bereits veröffentlichte Nachricht stillschweigend von der Startseite und passt den Austragungstermin kommentarlos an. For Fanden – dieses Spiel werde ich dann wohl verpassen.

Glücklicherweise lassen sich die Dänen hiervon nicht von ihrem Plan abbringen, bereits am Freitag anzureisen. FUDU wird im Unklaren darüber gelassen, mit welchem Verkehrsmittel dies der Fall sein wird und auch die Ankunft taxieren die Nordmänner eher südländisch auf: „Around Afternoon“. Und wenn sich die Reisegruppe „Rød Raket“ gerade einmal zu einer solch vagen Auskunft hinreißen lässt, dann weiß man in Berlin mittlerweile, was die Stunde geschlagen hat. Reicht also, wenn wir uns gegen 18.30 Uhr in der Kneipe treffen und dann der Dänen harren, die da kommen mögen.

Bei sommerlichen Temperaturen ist auf der Terrasse der Stammkneipe der „dänische Afternoon“ ohne weitere Kommunikation bald so weit nach hinten gerutscht, dass sie zwischenzeitlich sogar in Afrika bereits Fußballspiele angepfiffen haben. Ab 21.00 Uhr rollt im „Africa Cup of Nations“ der Ball und FUDU fiebert mit, wie tapfer sich die 11 Mannen der Außenstelle Uganda wohl gegen Sénégal schlagen werden. Nach 15 Minuten trifft Sadio Mané zum 1:0 für den Favoriten, nach 40 Minuten fährt ein mit blau-gelben Schals geschmückter „Volvo“ hupend durch den Kreisel und mindestens drei alkoholisierte Dänen lassen laute Brøndby-Schlachtrufe durch den Friedrichshain erschallen. Keine Sorge, die gehören zu uns.

Um 22.00 Uhr kann dann endlich der gemeinsame Nachmittagsumtrunk beginnen. Bei dem einen oder anderen Pitcher Brøndbier hat man sich schnell über Ugandas Ausscheiden hinweggetröstet und mir schwant hinsichtlich meines morgigen Abflugs langsam Böses. Glücklicherweise werden wir jedoch um kurz vor 3.00 Uhr aus der Kneipe gekärchert und als eine halbe Stunde später auch der Abendbrot-Döner verzehrt ist, sind erfreulicherweise alle unisono der Meinung, dass das für heute genug Tag war. Schließlich stehen für morgen zwei schwere Spiele an, für die man doch einigermaßen ausgeschlafen sein sollte. Brøndby-Union bei Dänen, Tallinn-Derby bei mir…

Knappe vier Stunden später klingelt mein Wecker. Es gilt, meine Wohnung auf leisen Sohlen zu verlassen, ohne einen bereits am Boden liegenden Gästefan zu treten. Den inneren Hooligan nur mit Mühe und Not im Zaum gehalten und einen beachtlichen Slalom um das dänische Bettenlager gelaufen, sitze ich kurz darauf auch bereits in der Regionalbahn nach Schönefeld, in der zum wiederholten Male ein echter Expertenschaffner im vorbildlichen Umgang mit Touristen gefällt. Die Aussage „You have to stempel the Ticket, that makes sonst Strafe!“, hat wahrhaftig großes Potential, eines Tages auf die Uniformen der „DB“ gedruckt zu werden.

Leider kann ich dieses Erlebnis vorerst aber ebenso wenig mit jemandem teilen, wie das Konterbier in der Main Hall. Mit dem „Hoollegen“ und „Günter Hermann“ sind zwei Mitinitiatoren dieser Reise bereits abgesprungen und nun droht auch noch die letzte Hoffnung auf Gesellschaft zu platzen. „Der verrückte Tischfinne“ meldet aus Espoo wenig verheißungsvolles: „6.00 zu Hause oder so, mit dem City-Fahrrad habe ich gerade gelernt. Wecker hatte ich auch um 8.30 oder so, gut verpasst. 10.15 aufstehen, 10.25 Taxi rufen. Wird schön teuer, mal sehen falls ich das wirklich schaffe.

Gänzlich unbeeindruckt von diesem Prolog bin ich um 13.05 Uhr (Ortszeit) auf dem „Lennart Meri Tallinna Lennujaam“, benannt nach dem ersten demokratischen Staatspräsidenten Estlands nach der erneuten Unabhängigkeit im Jahre 1992, gelandet. Der verschlafene Flughafen beschreibt sich selbst nicht gänzlich zu unrecht als „the world’s cosiest airport“, dennoch ist er hervorragend an das vier Kilometer entfernte Stadtzentrum angebunden. Also, außer heute natürlich – aus mir noch unbekanntem Grund ist der Straßenbahnverkehr eingestellt. Freundlicherweise hat man hier jedoch nur die besten Esten in gelbe Warnwesten gewandet, die sich nun den wenigen gestrandeten Touristen annehmen. Statt eines misanthropischen „That makes Strafe!“ lautet das baltische Credo eher „How can I help you?“ und so befinde ich mich nur wenige Augenblicke später fremdorientiert in einem Bus der Linie 2, den ich in „Keskturg“ verlassen soll. Aitäh, sagt der Este.

Dass der Bus eine kleine Schleife in die verkehrte Richtung dreht und mehr als doppelt so lange in das Stadtzentrum benötigt, lässt meinen ohnehin schon recht straffen Zeitplan ins Wanken geraten. Alle zwei Minuten hält dieser an irgendeiner Haltestelle im Nirgendwo an und an jeder Haltestelle steigen Menschen in traditionellen Trachten und Gewändern zu. Die gesamte Innenstadt ist für Feierlichkeiten abgesperrt, die offenbar so groß ausfallen werden, dass an Straßenbahnverkehr nicht zu denken ist. Wie sich später herausstellen wird, hat Fetti wieder einmal ein gutes Gespür für Timing an den Tag gelegt, denn Tallinn lädt vom 04.07.-07.07. zur 25. Ausgabe des „Laulupidu“ und dessen 150. Geburtstag ein. Dieses altüberlieferte Liederfest, erstmals 1869 in Tartu veranstaltet, findet in der Neuzeit alle fünf Jahre in Tallinn parallel zum „Tantsupidu“ (Tanzfest) statt und zieht neben 30.000 Sängern auch mehrere hunderttausend Besucher aus ganz Estland an. Das erklärt im Nachhinein natürlich auch die teils gepfefferten Übernachtungspreise und die überraschend hohe Belegungsquote in der Stadt, die mich notgedrungen auf ein Hostel haben zurückgreifen lassen.

Das „Hostel 31“, passenderweise in der „Tartu maantee“ gelegen, überzeugt auf jeden Fall durch seine Außenansicht. Das zweigeschossige Haus erweckt mit seiner hölzernen Fassade einen urgemütlichen Eindruck und versprüht den ganzen Charme des Baltikums. Etwas skeptisch werde ich, als mir die Rezeptions-Ludmilla ein wild zusammengewürfeltes Konglomerat aus Bettwäsche und Handtüchern mit blumigem Sowjetcharme in die Hände drückt und meint, mein Zimmer befände sich in der dritten Etage. Und wahrlich, an der Stelle, an der man zu der festen Überzeugung kommen kann, das Haus sei hier bereits zu seinem Ende gekommen, tut sich eine weitere Holztür und ein schmaler Treppenaufgang auf, der unter das Dach und zu meinem Zimmer führt. Das Zimmer würde ich als eine ins Dach geschlagene Ausbuchtung beschreiben, gerade lang genug, um ein Bett hineinstellen und gerade hoch genug, um die ersten beiden Schritte noch aufrecht hineingehen zu können. Zu ungefähr 70% besteht der „Raum“ jedoch aus einer holzvertäfelten Dachschräge, die den Gast in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Da die Schräge darüber hinaus über kein Fenster verfügt, hat man eine Lüftungsanlage in das dunkle Kabuff gefräst, welche mit gefühlten 200 Dezibel im Dauerröhrbetrieb für etwas Frischluftzufuhr und den einen oder anderen Hörsturz sorgen wird. Rustikal, urig, kultig. Und mit 25 € die Nacht natürlich ein echtes Schnäppchen!

Das Beziehen meines Bettes muss ich aufgrund meiner verspäteten Ankunft jedoch erst einmal verschieben. Es verbleibt nur noch ein knappes Stündchen bis zum Anpfiff auf der Uhr und angesichts der chaotischen Zustände im öffentlichen Nahverkehr entscheide ich mich, das für das Hotel gesparte Geld in ein Taxi zu investieren. „What are you doing in Arena?“, fragt mich der Fahrer und zeigt, das nicht unbedingt ganz Tallinn dem großen Derby und Spitzenspiel zwischen Levadia (2.) und Flora (1.) entgegenzufiebern scheint. Ich erkläre ihm kurz, was hier heute in seiner Stadt neben dem Tanz- und Gesangsgedöns noch so abgeht und bin dann knappe zehn Minuten später zwar 12 € los, dafür aber tiefenentspannt und rechtzeitig am „Lilleküla staadion“ angekommen.

Vor der „A. Le Coq Arena“, wie die nach einer Brauerei benannte Spielstätte offiziell heißt (Werbung für Bier muss erlaubt sein!), steppen 30 Minuten vor Anpfiff nicht besonders viele Bären. Es gibt Livemusik aus einem LKW und immerhin ein aufmerksamer Zuhörer genießt die „fun TIME“ seines Lebens, als mir plötzlich der „Tischfinne“ von hinten auf die Schulter klopft. „Hallo, schön Dich zu sehen!“, könnte er sagen, aber der „Tischfinne“ wäre nicht der „Tischfinne“, wenn er anstatt dessen nicht zu einer finnisch-überschwänglichen Begrüßung ansetzen würde. „Hab überlegt, ob sich das hier lohnt!“. Recht hat er. Auch die Sachebene sollte vor dem ersten Handschlag nie unbetont bleiben!

Für 5 € erhält man Tickets für die Haupttribüne, für 4 € gibt es ein „Le Coq“ aus der Dose dazu und während sich FUDU noch fragt, wo da die Verhältnismäßigkeit bleibt, hat Schiedsrichter Roomer Tarajev das Spiel auch bereits angepfiffen. Statt der angekündigten 18 Grad und Dauerregen verwöhnt Estlands Hauptstadt die immerhin 1.124 Stadionbesucher mit 16 Grad und Sonnenschein. Es ist der 19. von 36 Spieltagen der estnischen „Premium Liiga“, die im Kalenderjahr spielt und es trifft der Rekordmeister (12x) des Jalgpalliklubi FC Flora auf den Lokalrivalen Levadia, der heute auf ein echtes Heimspiel in seinem Stadion verzichtet und lieber in der großen Arena (15.000 Plätze) antritt. Lokalrivale darf sich Levadia genaugenommen auch erst seit 1998 nennen, als man nach Fusionen, unübersichtlichen Lizenzabgaben und -übernahmen und einer Auflösung des eigentlichen FC Levadia (der dann nach Tartu weiterzog) endgültig von Maardu nach Tallinn übersiedelte. Das große I im Vereinsnamen kam dann nach einer weiteren Fusion mit dem FCI Tallinn im Jahre 2017 hinzu und fertig war ein Verein, für den sich in Tallinn gegenwärtig niemand zu interessieren scheint. Heute stehen jedenfalls gerade einmal neun Männeken hinter einer Levadia-Fahne, während im Stadion Flora-Fanartikel verkauft werden und es auf der Haupttribüne nahezu alle Zuschauer mit den nominellen Gästen halten.

Der kleine Flora-Fanblock sorgt indes für echte Fußballstimmung, begleitet das Spiel durchgehend akustisch und bringt einige bengalische Lichter und Fahnen zum Einsatz. Auf dem Rasen brennt Flora ein regelrechtes Feuerwerk ab und ist in der ersten Viertelstunde in allen Belangen überlegen. Dennoch braucht es einen dieser unsäglichen Handelfmeter, um in Führung zu gehen. Goalgetter Erik Sorga verwandelt nach 17 Minuten sicher und freut sich bereits über seinen 20. Saisontreffer. Im Anschluss verliert Flora etwas den Faden und lässt sich von der ruppigen Spielweise der Hausherren aus dem Rhythmus bringen. Dann und wann sieht der Einsatz Levadias etwas unbeholfen aus und nicht alle Attacken werden durch den Schiedsrichter unterbunden, sodass sich Flora genötigt fühlt, sich anderweitig zur Wehr zu setzen und selbige Mittel zu wählen. Die logische Konsequenz ist der erste verletzungsbedingte Wechsel nach 25 Minuten – Tkachuk muss der überharten Gangart Tribut zollen.

Nach dem Spielerwechsel besinnen sich beide Mannschaften wieder etwas mehr auf ihre spielerischen Fähigkeiten und verzeichnen jeweils Torabschlüsse. Bei Levadia zielen Stoßstürmer Andreev und Linksaußen Nesterov drei Mal zu ungenau, ehe Nesterov dem Tor mit einem Schuss ans Außennetz noch am nächsten kommt (42.). Flora, das in der Tabelle heute auf 6 Punkte davonziehen könnte, lässt in der gesamten ersten Hälfte nur noch einmal aufhorchen, doch Livaks Schlenzer ist etwas zu hoch angesetzt und gibt Levadias Keeper Lepmets keine Möglichkeit, sich auszuzeichnen.

In der zweiten Halbzeit ist die Sonne leider hinter einer dichteren Wolkendecke verschwunden. Mit frischem Dosenbier und geröstetem Knoblauchbrot haben wir es uns gerade wieder bequem gemacht, als Flora im Anschluss eines kreisligawürdigen Strafraumgewurschtels nach Eckball mit 2:0 in Führung geht. Nachdem mehrere Levadia-Verteidiger daran gescheitert waren, den Ball klärend aus dem Sechzehner zu befördern, wird Liivak, dem das Spielgerät aus heiterem Flipperhimmel vor die Füße fällt, zum Nutznießer (50.). Im Anschluss drängt Flora kurzzeitig auf das 3:0, ehe Schiedsrichter Tarajev mit einem weiteren fragwürdigen Handelfmeterpfiff neue Würze in das Spiel bringt. Markus Jürgenson lässt sich jedenfalls nicht zwei Mal bitten und verwandelt den fälligen Strafstoß nach gut einer Stunde zum 1:2.

10-15 Minuten lang keimt bei Levadia noch einmal Hoffnung auf und für den neutralen Zuseher rücken das bislang wenig überzeugende Tempo und das überschaubare technische Niveau der Partie dank der einsetzenden Spannung in den Hintergrund. Taktische Zwänge fallen, Levadia lockert nach und nach die eigene Defensive, kommt zu einigen Halbchancen und für die Gäste ergeben sich Konterräume. Die Lebendigkeit des Spiels ist zwar gegeben, doch beide Mannschaften zeigen sich in ihren Offensivbemühungen zu ungenau und so konzentriert sich Flora alsbald auf das Verteidigen des knappen Vorsprungs. Die stabile Defensive macht es Levadia zusehends schwerer und schon ab der 75. Minute hat man das Gefühl, dass Flora das Spiel heruntergekocht und alles im Griff hat.

Das einzige Highlight der letzten Minuten bleibt so Levadias Kanisterkopf Evgeniy Osipov vorbehalten. Schon in der ersten Hälfte hatte sich dieser mit endlosen Diskussionen mit dem Schiedsrichter und körperlichen Auseinandersetzungen in Rudelbildungen nachhaltig für eine gelbe Karte beworben und nach 66 Minuten auch endlich eine erhalten. Nun räumt er in der Nachspielzeit im Kopfballduell dank Einsatz seines Ellenbogens den armen Kuusk ab, geht dem am Boden liegenden Spieler an den Kragen und beweist auch gegen den heranstürmenden Pürg eine breite Brust. Wer so aufräumt wie Bud Spencer im Saloon, der darf sich auch über eine gelb-rote Karte nicht beschweren.

Meine Freude über den eingefahrenen Länderpunkt Estland währt nicht lange, schon drängelt der „Tischfinne“ zur After-Show-Party. Was man sich in Tallinn am Wochenende des 25. „Laulupidu“ auf keinen Fall entgehen lassen sollte? Im 3,1 Kilometer entfernten „Sõle Gümnaasiumi staadion“ bittet in einer Stunde niemand geringeres als der Põhja-Tallinna JK Volta zum Drittligakick und eröffnet so die Möglichkeit auf einen sagenumwobenen Eesti-Doppler. Wer da nicht Tall-In geht, ist selber Schuld. Und im Gümnaasium war ick och noch nie. /hvg

29.06.2019 Wiener Sport-Club – Celtic FC 1:2 (0:0) / Wiener Sport-Club Platz / 4.682 Zs.

Es ist irgendwann Mitte/Ende Mai, als ich mit einem Frühstückskaffee vor der Arbeit alle relevanten Fußballwebseiten abklappere. Schnell sind alle Ergebnisse aufgesogen, alle Tabellenstände auswendig gelernt und alle Transfergerüchte brühwarm weitergetratscht worden, als mir plötzlich in irgendeinem Portal ein Artikel über den Wiener Sport-Club ins Auge fällt. In der Saison 1957/58 wurde der Sport-Club österreichischer Fußballmeister. In der darauffolgenden Europapokalsaison kam es erst zu einem legendären Erstrundenspiel gegen den Juventus FC mit einem 7:0 Heimsieg im Rückspiel und später zu einem Aus im Viertelfinale gegen das große Real Madrid. Auch in der Saison 1958/59 errang man den nationalen Titel und startete erneut auf der großen internationalen Bühne, auf der dann die Eintracht aus Frankfurt im Viertelfinale die Endstation darstellte. 60 Jahre nach diesen großen Momenten der Vereinsgeschichte lädt der Wiener Sport-Club nun zu Jubiläumsfeierlichkeiten auf den „Sport-Club Platz“, der ohnehin schon länger auf der Liste der Stadien stand, die ich gerne besuchen mag, bevor sie baulich verändert werden. Eingeladen ist der Celtic FC aus Glasgow, der rein zufällig sein Trainingslager in Österreich abhält und sich für die Austragung eines Freundschaftsspiels zur Verfügung gestellt hat. Kurzum: Mein Interesse ist geweckt.

Das Spiel soll also am 29.06. ausgetragen werden. Schnell ist der Kalender gezückt und als mir so vor Augen geführt wird, dass die Saison in Berlin und Brandenburg am 23.06. endet und mein Sommerurlaub erst am 06.07. beginnt, mag man beinahe von schicksalhafter Fügung sprechen. Das Spiel, welches die Saison 2019/20 eröffnet, haben sie also mitten hinein in den einzigen weißen Wochenendfleck meines Wandkalenders geplant. „Wir rechnen mit einem restlos ausverkauften Stadion und einzigartiger britischer Fußballatmosphäre – schnell sein ist gefragt!“, schreibt der Sport-Club auf seiner Internetpräsenz. Was der Hot-Button beim Quizspiel und das hochexklusive Sonderangebot für die nächsten 100 Käufer im Home-Shopping-Sender kann, kann der Wiener Sport-Club schon lange. Psychologische Kriegsführung, Begehrlichkeiten wecken, Druck ausüben. Und es gibt schließlich immer irgendwelche Trottel, die darauf hineinfallen und so sichere ich mir noch vor Dienstbeginn zwei Flüge, ein Hotel und ein Online-Ticket für die Haupttribüne für recht knackige 24,20 €. Was soll’s. Das wird sicher ein guter Urlaub vor dem Urlaub!

Allerdings kann einem jeder noch so verheißungsvolle Kurzurlaub in gewissen Momenten auch ganz schön auf die Klötzer gehen, wie sich z.B. am Abreisetag um 3.16 Uhr in der S-Bahn herausstellt. Meinerseits hätten sicherlich keine Einwände bestanden, den Flieger erst um neun Uhr starten zu lassen, aber so weit ist es leider noch nicht, dass sich „easyjet“ nach den individuellen Bedürfnissen der Kundschaft erkundigt. Normalerweise gelingt es mir ja immer recht gut, während des Fluges verpassten Schlaf nachzuholen, doch heute bin ich chancenlos. Es ist der britischen Billigfluglinie tatsächlich gelungen, gleich 36 Reihen in diesen Flugzeugtypus zu verbauen und mir somit meine oftmals erprobte Kneipen-Schlafposition auf dem Gangplatz zu nehmen. Klappt man hier den Tisch aus, rammt man sich diesen zwangsläufig in den Brustkorb und um da dann noch den Kopf drauflegen zu können, muss man schon flexibel sein wie ’ne bulgarische Turnerin. Mein Ärger verfliegt jedoch kurz darauf, als ich zwei Herren mittleren Alters, die unabhängig voneinander reisen, in Fußballtrikots erspähe und ich es mir zu meiner Aufgabe mache, die Vereinsfarben und Logos zuzuordnen und Zusammenhänge herzustellen. Dynamo Moskau habe ich schnell erkannt, während das andere Jersey erst einmal grob als blau-weiß und griechisch oder zypriotisch abgespeichert wird. Das wird eine Recherche zu einem späteren Zeitpunkt erfordern.

Um 7.40 Uhr bin ich auch schon in Schwechat gelandet und stehe eine kurze Orientierungsphase später am Bahngleis des Flughafens und warte auf meine Regionalbahn in Richtung Florisdorf. Ein etwas überforderter Bengale (wohl nicht das hellste Licht) befindet sich auf der Suche nach seinem Fernzug nach Klagenfurt und bittet mich um Hilfe. Gemeinsam schauen wir auf das Display und siehe da, er befindet sich bereits am richtigen Gleis und sein Zug wird direkt auf meinen folgen. Na, dann ist ja alles klar, möchte man meinen, doch meine mustergültige und mehrsprachige Beschreibung des Umstandes, dass er hier nur noch 15 Minuten stehen und dann einsteigen muss, kann den guten Mann nicht davon abhalten, lieber noch drei weitere Passanten um Referenzmeinungen zu bitten. Als könnte man einem übernächtigten Fußballtouristen in Jogginghose (war halt kalt im Flieger) nicht trauen…

Kaum bin ich wieder auf mich alleine gestellt, schon geht wieder alles ohne Komplikationen vonstatten. Fahrt bis Praterstern, Umstieg in die U-Bahn, Ausstieg am Rathaus, kurzer Spaziergang durch den VIII. Bezirk zum „Hotel Arpi“ in der Kochgasse, Abgabe des Rucksacks und schon befinde ich mich auf der Suche nach einem Café, um die Wartezeit bis zum Check-In zu überbrücken. In der Universitätsstraße werde ich dann fündig, kehre im „Café Maximilian“ ein und könnte nun die ersten Sonnenstrahlen des Tages im Palmengarten mit Blick auf die Votivkirche genießen, wenn die freundlichen Herren Straßenbauarbeiter nicht zeitgleich zum Serviervorgang meines Frühstücks zum Schichtbeginn gerufen hätten. So reißt der Presslufthammer lärmend Löcher in den Asphalt und der Bagger schabt hinterherfahrend über den Straßenbelag, dass es morgens um 10.30 Uhr nur so eine helle Freude ist. Viel mehr als ein kurzer Kaffee und ein schnelles Helles muss es in diesem Ambiente dann doch nicht sein…

… und so stürze ich mehr oder minder gezwungenermaßen ins Sightseeing. Dieses geschieht ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne jedweden Druck, schließlich konnte Wien bereits bei vorausgegangenen Besuchen 2014, 2015 und 2017 einigermaßen komplett besichtigt werden. Wenn Rathaus, Hofburg, Stephansdom und all die anderen Sehenswürdigkeiten allerdings nur einen Schweinesprung entfernt liegen, kann es ja aber auch nicht schaden, noch einmal ein wenig Innenstadtluft zu schnuppern, bevor man sich ab 13.30 Uhr dem mitgebuchten Wellnessprogramm widmen kann.

90 Minuten Mittagsschlaf genügen, um sich von den Menschenmassen und dem innerstädtischen Trubel zu erholen. Ich fühle mich bereits wie neu geboren, als ich mich mit einem schönen 16er Blech auf der Fensterbank niederlasse und bei bestem Sonnenschein den Blick auf die schicken Wohnhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts der Kochgasse genieße. Drei Stunden vor Spielbeginn kann man sich ja nun auch langsam mal informieren, wo sich der „Sport-Club Platz“ genau befindet und wie man diesen aus der Josefstadt erreichen kann. Wie es der Zufall so will, verkehrt die Bim der Linie 43 direkt an der Hauptstraße in der Nähe des Hotels und hat bis zum Bahnhof Hernals genau 13 Minuten zurückzulegen. Ein Hoch auf den Hot Button – besser hätte ich das nicht planen können!

Überaus rechtzeitig zieht es mich hinaus in den 17. Bezirk, der aus den Gemeinden Hernals, Neuwaldegg und Dornbach besteht, was bereits meine erste Irritation auflöst, warum der Wiener Sport-Club in Hernals zu Hause ist, die Mannschaft aber unter dem Spitznamen „Dornbacher Buam“ firmiert. Bereits zwei Stunden vor Anpfiff komme ich in den Genuss, erste Bilder der Spielstätte zu schießen, die sich um dieser Uhrzeit noch im Dornröschenschlaf befindet. Der „Sport-Club Platz“ (mitunter mit dem Beinamen „An der Alszeile“ versehen) ist 1904 errichtet worden, fasst heute 7.828 Zuschauer, gilt als der älteste noch bespielte Fußballplatz Österreichs und bietet vieles, was mein Herz höher schlagen lässt. Vier Tribünen unterschiedlicher Bauart, viel Tradition, viele Geschichten und viele Kosenamen, die ich hier zusammenzufassen versuche. Dazu sollte man die fantastische Lage inmitten eines Wohngebiets hervorheben, hier noch dadurch auf die Spitze getrieben, dass das Stadion derart eng eingefasst ist, dass die Hintertortribüne („Blaue Tribüne“, vermutlich erbaut im Zuge der letzten Stadionmodernisierung 1984) nahtlos an ein Wohnhaus samt „Spar“-Markt angrenzt. Die „Ďolíček“-Gegengerade besteht aus nur wenigen Stufen und befindet sich direkt vor den Zinshäusern der Kainzgasse, aus dessen Fenstern man prima in die Spielstätte hineinschauen kann. Eine Schreinerei („Bauernstuben Dworak“) in unmittelbarer Nachbarschaft trägt ihrerseits mit der alten Typographie an der Fassade ebenfalls zu nostalgischen Gefühlen bei. Hinter dem anderen Tor wird der Dornbacher Friedhof nur durch die schmale Alszeile vom Stadion getrennt – auf dieser „Friedhofstribüne“ genannten Stehplatztribüne werden später die treuen Fans des Sport-Club stehen. Auf die Besichtigung der Haupttribüne, die mit ihren alten Holzbänken wohl das Prunkstück des Stadions darstellt, verzichte ich vorerst. Die Alszeile ist schließlich nicht umsonst für den Autoverkehr gesperrt worden und der hinter Bauzäunen errichtete Behelfsbiergarten sieht auch sehr einladend aus. Zu Reggae-, Ragga- und Ska-Klängen zechen hier bereits erste trinkfreudige Schotten (und als Schotten verkleidete Bayern und Ösis) mit den Heimfans „Ottakringer“ vom Fass in der gleißenden Nachmittagssonne. Na dann: Nichts wie rein in den Trinkerkäfig!

Eine Bierlänge später zieht es mich zum Fanartikelstand, an dem mich ein Kühlschrankmagnet mit einem Bild der Anzeigetafel des Praterstadions von 1958 zu einem eher unvernünftigen Einkauf animiert, aber so ein 7:0 kann man sich schon einmal 8 € kosten lassen. Als ich endlich das Stadion betrete, läuft dort zur Begrüßung angesichts dieser horrenden Ausgabe ein Musikwunsch meines rumänischen Kassenwarts. Selten hat man derart melancholische griechische Klagemusik in einem Fußballstadion zu hören bekommen und selbst auf dem Pissoir wird via Lautsprecher weiter gejammert. Dabei gibt’s spätestens an diesem schönen Ort nun wahrlich keinen Grund zur Klage mehr, hat doch bereits ein FUDU-Jünger auf einer vorangegangenen Reise einen wunderbaren Fetti-Sticker an exponierter Stelle hinterlassen. Wo ist Fetti? Hängt auf’m Klo!

Es folgt eine Fotosafari über die alte Haupttribüne, auf der schon jetzt 10-15 Hopper aufpassen müssen, sich nicht gegenseitig über den Haufen zu rennen oder sich über Kreuz in den Erinnerungsfotos im Wege herumzustehen. Auf dem Rasen biedert sich der Präsident des Sport-Club derweil in Schottenrock an, dazu läuft zunächst irische Pubfolklore und später sogar „Bye, Bye Rangers“ vom Band, während sich das Stadion nach und nach füllt. Nach dem sportlichen Niedergang in den 1970er-Jahren, dem Wiederaufstieg und den kostspieligen Bundesligajahren Ende der 80er (u.a. mit Hans Krankl im Kader), ging es für den Wiener Sport-Club, der 1993/94 letztmals erstklassig spielte, nach zwei Konkursen dann richtig bergab. Zwischenzeitlich war der Sport-Club in der Viertklassigkeit angekommen, arbeitete sich dann wieder bis in die 2. Bundesliga hinauf (2002/03), musste dort nach erneuten finanziellen Querelen und einer Abspaltung vom Gesamtverein aber schon als „Wiener Sportklub“ antreten, stieg umgehend wieder ab und fristete in den Folgejahren sein Schattendasein in den österreichischen Fußballniederungen. Spuren dieser Zeit lassen sich noch heute am Stadion wiederfinden, obwohl der Verein seit der Saison 2016/17 endlich wieder mit seinem Traditionsnamen an den Start geht. Nachdem man all diese Irrungen und Wirrungen der letzten Jahrzehnte überlebt hat und noch immer auf eine treue Fanbasis zählen kann, darf man sich sicherlich über einen internationalen Gegner zum etwas konstruierten Jubiläum freuen. Aber vielleicht hätte es etwas weniger Gastfreundschaft an mancher Stelle vielleicht auch getan…

Das Spiel der ersten Halbzeit ist dann recht schnell zusammengefasst. Es trifft eine hoch motivierte Regionalligamannschaft, die sich vor großem Publikum beweisen will und alle Räume zuläuft, auf eine wild zusammengewürfelte B-Elf des 50-fachen schottischen Meisters. Die „Friedhofstribüne“ ist restlos ausverkauft und stabil beflaggt, gesungen wird hier leider jedoch genau so wenig wie auf der beinahe leeren Tribüne gegenüber, auf der es sich die Celtic-Fanclubs aus München, Bad Tölz und Hintertupfingen bei Bumsdorf bequem gemacht haben. Stattdessen erfreuen sich die Menschen anderweitig an diesem „Happening“ und ein stabiles Gemurmel begleitet den Kick auf den Traversen. Britische Fußballatmosphäre halt. War ja so angekündigt.

Nach mehreren vergebenen Halbchancen seiner Teamkollegen gibt Schottlands Fußballer des Jahres James Forrest nach 25 Minuten den echten wirklichen Warnschuss ab, doch sein Geschoss aus der Distanz landet krachend am Lattenkreuz. Nach 31 Minuten hätte Forrest dann für die Führung sorgen müssen, doch mit nur 1,75 Meter kann man aus Nahdistanz schon einmal daneben köpfeln.

Im Anschluss erhebt sich die „Blaue Tribüne“ erstmals und die wirklich aus Schottland eingeflogenen Schlachtenbummler stimmen einen ersten Gesang an. So schön, dass ungefähr 30 mitgereiste bayrische Celtic-Seppel natürlich sofort an der Reling hängen und Handyvideos eines unvergesslichen Nachmittags drehen müssen. Kurz darauf rettet Christian Hayden für seinen bereits geschlagenen Keeper Patrick Kostner nach Callum McGregors Schuss auf der Linie und Forrests nächstem Abschluss steht nur noch das Stangerl im Weg (38. Minute). Für den letzten Höhepunkt der ersten Hälfte sorgt hingegen Sport-Club-Akteur Jakov Josić, der den Mut fasst, einen Freistoß aus gut 35 Metern direkt auf das Tor zu schießen. Um ein Haar hätte er den dreimaligen Auswahlkeeper Scott Bain auf dem falschen Fuß erwischt, doch noch gerade eben so kann dieser den Ball unorthodox über die Latte lenken.

In der Halbzeitpause wechselt Celtic einmal komplett durch, nur Bain hat sich nach seiner „Glanzparade“ in der Nachspielzeit weitere Einsatzminuten verdient. Vier Minuten nach Wiederanpfiff blamiert sich Leigh Griffiths, der einen mustergültigen Querpass serviert bekommt, sich dann aber fünf Meter vor dem leeren Tor selbst ans Standbein schießt und die Großchance ungenutzt lässt. Nach 53 Minuten steht Josić erneut für einen Freistoß aus großer Entfernung bereit. Torwart Bain sollte gewarnt sein, doch wieder unterschätzt er Distanz und Schützen. Gegen diese Schusstechnik und diesen Flatterball ist so kein Kraut gewachsen. Unter großem Jubel der gut 4.000 Sport-Club-Fans schlägt der Ball tatsächlich hinter dem verdutzten Bain zum 1:0 ein.

Keine drei Minuten später bekommt Sport-Club-Keeper Kostner einen Rückpass in die Füße gespielt und anstatt diesen ins Seitenaus oder möglichst weit nach vorne zu befördern, schießt er den Ball an den Körper des heran eilenden Griffiths. Dieser kann den Ball kontrollieren und zum 1:1 ins verwaiste Tor schieben. Der Jubel der Mannschaftskameraden mit dem Torschützen fällt beinahe überbordend aus – Griffiths wird geherzt, gedrückt, gefeiert. Für ein 1:1 in einem Testspiel gegen einen Drittligisten aus Österreich? Für einen Schuss ins leere Tor? Eine spätere Recherche ergibt, dass Griffiths wegen psychischer Probleme vom 12.12.2018 bis zum 31.05.2019 insgesamt 170 Tage lang freigestellt war und hier gerade sein Comeback-Tor erzielt hat. Habe ich bei seiner verpassten Großchance eben etwa von einer Blamage geschrieben? Ich meinte natürlich: Das kann doch jedem einmal passieren!

Nach 65 Minuten scheitert Wiens eingewechselter Mittelfeldmann Miroslav Beljan, den sie im Stadionheft „Alszeilen“ in der Kaderauflistung vollkommen vergessen haben, zunächst am Außennetz und fünf Minuten später dann per Schlenzer am mittlerweile ebenfalls eingewechselten Conor Hazard, der etatmäßigen Nummer 5 der „Hoops“. Die unvollständige Aufstellung macht das Stadionheft aber an anderer Stelle locker wieder wett. Auf Seite 14 findet sich eine halbseitige Anzeige für das Jubiläumsspiel des First Vienna Football Club, der seinen 125. Geburtstag am 17.07. gegen den glorreichen 1.FC Union Berlin feiern wird. Meine Karte für dieses Spiel habe ich seit dem 23.06. in der Tasche (da musste man schnell sein!) und wird mich schneller nach Wien zurückkehren lassen, als ich das jemals zu träumen gewagt hätte. Das wird sicher ein guter Urlaub nach dem Urlaub!

Aber zurück zum Spiel. Zwischen Minute 65 und 80 versucht es Celtic eine Viertelstunde lang nur noch mit langem Hafer, bis sie angesichts der schwindenden Kräfte des Regionalligisten dann endlich dazu übergehen, ihre spielerische und physische Überlegenheit auszuspielen. In der 80. Minute spielt Vakoun Issouf Bayo den 19-jährigen Jungspund Henderson frei, doch scheitert dieser an der Nummer 2 des Sport-Club, Alexander Kniezanrek. Besser macht es dann Vollblutstürmer Bayo, der sechs Minuten später eine Flanke von Hayes per Dropkick zum 1:2 verwerten kann. Die große Ausgleichschance ergibt sich nach einer Ecke in der Schlussminute, die das Publikum wieder einmal mit Schlüsselbundklirren akustisch begleitet. Hazard pariert den Kopfball des Wiener Angreifers jedoch per Blitzreflex und rettet dem favorisiertem Europapokalteilnehmer so den Saisonauftakt.

Während sich der tapfere Regionalligist nach dem Abpfiff auf Ehrenrunden von seinem Publikum feiern lässt, bittet Celtic-Coach Neil Lennon seine Mannen noch zu Sprintübungen vor die „Blaue Tribüne“. Mein freundlicher Sitznachbar schenkt mir zum Abschied seine echte Eintrittskarte als Erinnerung an diesen unterhaltsamen Fußball-Sommerabend und schon ist es Zeit für ein Fazit: Solider Saisonauftakt! Überraschend enges Spielchen, wunderbares Stadion, toller Verein, entspannte Menschen – nur die Freund*innen der Friedhofstribüne dürften ihre politische Korrektheit eventuell etwas weniger vor sich hertragen und hätten heute gerne für etwas mehr Fußballatmosphäre sorgen dürfen…

Die Bim hat mich eine knappe Viertelstunde später auch bereits wieder in der Josefstadt in die Freiheit entlassen. Die kleine Terrasse des „Gasthaus Zur Böhmischen Kuchl“ in der Schlösselgasse hatte ich mir bereits heute Morgen für eine spätere Einkehr vorgemerkt. Gegen 21.00 Uhr kann man dort noch immer problemlos in Sommerkleidung Platz nehmen, schnell steht ein frisches Bier auf meinem Tisch und noch schneller bin ich als depperter Piefke aufgeflogen. „Ihr in Deutschland würdet’s wohl gpökelt nennen“, beantwortet er meine Frage nach dem „Selchfleisch im Pufferteig mit Kraut“. Für 12,50 € (mittlerweile kostet das Gericht 13,10 € – einfach mal die Website des Lokals besuchen, die Speisekarte öffnen, die Preise per Copy and Paste in ein Schreibprogramm übertragen und die Teuerungsrate mitverfolgen – viel Spaß!) werden dann drei überaus leckere Scheiben Kasseler im Kartoffelanorak serviert und am Ende des Abends braucht es den Verdauungsschnaps auf’s Haus auch zwingend, um die letzten Meter bis zum Hotel zurücklegen zu können.

Am nächsten Morgen ballert die Sonne in die schmale Kochgasse. Bereits um 9.30 Uhr zeigt das Thermometer stolze 28°C an und bis zu 34°C werden im weiteren Verlauf des Tages erwartet. Der Sommerurlaub vor dem Sommerurlaub nimmt konkrete Formen an und schnell ist ein Tagesausflug zur Donauinsel beschlossene Sache. Obwohl rund um den „Copa Beach“ diverse sonnenfeindliche Schmierereien angebracht worden sind, verrichtet das Zentralgestirn weiter zuverlässig seinen Dienst und so komme ich in den Genuss, zwei-drei Stunden lang feinste UV-Strahlung zu tanken und an der Donau zu dösen. Mit dem Nichtstun ist man übrigens immer genau dann fertig, sobald der Bierdurst einsetzt und glücklicherweise kann man sich hier in einem solch schlimmen Fall von einsetzendem Aktionismus auf diverse Strandbars verlassen, die umgehend Lösungsansätze aufzeigen. 4,30 € für ein „Ottakringer“ ist zwar alles andere als geschenkt, bei der guten Aussicht (… aber warum zur Hölle lässt man sich das Wort „Bitch“ tätowieren?) und unter Palmen sitzend, kann man das schon zwei Mal machen.

Hinter mir sitzt ein amerikanisches Pärchen, das sich vorhin am Strand schon zu dämlich angestellt hatte, einen Sonnenschirm in den Sand zu stecken und seitdem unter meiner strengen Beobachtung steht. Nun qualifizieren sie sich endgültig für die Kategorie ‚Vollidioten‘, indem sie eine freundliche Frage des Kellners („How was your Day?“) denkbar dämlich beantworten. „Amazing! We did 10.348 Steps so far!“, als wäre dieser statistische Wert das einzige Kriterium für einen gelungenen Urlaubstag. Kann man ja nur hoffen, dass ich nicht das selbe gefragt werde. Mein Tag war demnach nämlich ziemlich scheiße. Wenig Steps so far – hab nur in der Sonne rumjelegen und Bier jesoffen.

Als dann auch noch Beatrice Egli „Dein Herz ist wie eine Laterne“ über den „Copa Beach“ kitschen darf, brauche ich dringend etwas Ablenkung zum Bier und erinnere mich an den offen gebliebenen Rechercheauftrag aus dem Flugzeug. Dank des freien Wi-Fi werde ich schnell fündig. Am gestrigen 29.06. sind in Hausmening (150 Km von Wien entfernt) tatsächlich Dynamo Moskau (Динамо Москва) und Apollon Limassol (Απόλλων Λεμεσού) aufeinander getroffen. Moskau ging als 2:0 Sieger aus dieser Partie hervor. Für ein belangloses Testspiel extra nach Österreich fliegen? Leute gibt’s…

Wieder einmal beherbergt mich im Anschluss die „Taverne Sokrates“ in der „Sunken City“, ehe ich den Abend im Hotel mit dem Finale der U-21 Europameisterschaft ausklingen lasse. In Udine unterliegt Deutschland mit 1:2 gegen España und ich läute nach Schlusspfiff umgehend die Bettruhe ein, schließlich muss ich am morgigen Montag bereits in aller Herrgottsfrüh zur Arbeit fliegen.

Für die Schlusspointe dieses erlebnisreichen Kurzurlaubs sorgt dann gegen 7.30 Uhr ein Typ am Gate, der ein bisschen so aussieht, als würde er auf die Loveparade 1996 fliegen, was optisch eigentlich schon unterhaltsam genug ist, aber da habe ich den „Mary Pierce“-Schriftzug auf der Wade noch gar nicht gesehen. Erst nach Ankunft in Berlin-Tegel gelingt mir am Bus endlich ein Foto dieses Meisterwerks, das mir doch ein wenig Mut spendet, mir endlich „Arantxa Sánchez Vicario“ auf den Tennisarm tätowieren zu lassen. Schön, wenn man mit einem Schmunzeln im Gesicht in den ersten von vier Arbeitstagen zwischen den Urlauben startet. Spiel, Satz und Sieg für Fetti. Pierce Out! /hvg

23.06.2019 SV Blau-Weiß Dahlewitz – SC Eintracht Miersdorf/Zeuthen II 5:4 (0:1) / Sportanlage Rangsdorfer Weg / 50 Zs.

Seit genau einer Woche hat Fetti kein Auge mehr zubekommen. Immer und immer wieder gingen ihm die selben Bilder durch den Kopf. Diese Nachspielzeit in Königs Wusterhausen am vergangenen Sonntag hat sein Leben verändert. Ein Spiel, an Dramatik nicht zu überbieten. Ein Tor des FC Viktoria Jüterbog in der 94. Minute, eine Tabellenkonstellation, die ihm den Schlaf raubte. Heute ist der Tag der Entscheidung nun endlich gekommen. Showdown in der Kreisoberliga Dahme/Fläming. Wer wird am Ende der strahlende Aufsteiger sein? Jüterbog, Dahlewitz oder doch der lachende Dritte aus Ludwigsfelde? Es kann nur einen geben!

Unter dieser „Highlander“-Losung tut sich dann im Berliner Ostbahnhof auch direkt das erste Schlachtfeld des Tages auf. Der „PENNY“ im Souterrain präsentiert sich mittlerweile jedenfalls derart unterirdisch, dass er es auf der Liste der asozialsten Supermärkte Deutschlands in der Zwischenzeit auf Rang 2 geschafft hat. Unangefochtener Spitzenreiter bleibt zwar der Discounter im Hauptbahnhof Essen, in dem die Mitarbeiter schon längst kapituliert haben und den Dingen einfach ihren Lauf lassen, aber auch den Berliner Wettbewerber verlässt man mit dem unguten Gefühl, man habe sich bei einem kurzen Einkauf alle erdenklichen Krankheiten eingefangen. Irgendeine Stelle des Körpers beginnt noch auf der Rolltreppe ins Foyer ganz automatisch zu jucken. Kannste dich drauf verlassen.

In der Regionalbahn nach Dahlewitz, das sechs Kilometer südlich der Stadtgrenze Berlins und knapp vier Kilometer südwestlich des Flughafens Berlin-Schönefeld zu verorten ist, nimmt das Unheil dann seinen Lauf. „Ist hier noch Platz?“, fragt mich ein korpulenter, verschwitzter und stinkender Mann mit tätowiertem Knutschmund am Hals und so lange er sich noch nicht hingesetzt hat, kann ich diese Frage nicht verneinen. Jetzt aber nehmen seine welken Schenkel Kontakt zu meinen auf und die plötzlich nur noch zahnstochergroße Armlehne zwischen uns sowie zwei Drittel meiner Sitzfläche verschwinden unter seinen Fleischbergen. Zurückgedrängt in die letzte Ecke meines Stuhles und ans Fenster gekauert, nehme ich wohlwollend zur Kenntnis, dass es neben mir genau einen weiteren Fahrgast gibt, der diese Bahn NICHT am Flughafen Schönefeld verlassen will. Während also rundherum rege Betriebsamkeit einsetzt und sich die Menschen mit ihren Rollkoffern in Richtung Ausgang schieben, zeigt Fetti II. keinerlei Regung. Es ist davon auszugehen, dass er auch die letzten acht Minuten der Fahrt neben mir sehr genossen hat.

Als ich um 13.30 Uhr den Bahnhof Dahlewitz erreicht habe, bin ich froh, den „PENNY“ nicht ohne Biereinkauf verlassen zu haben. Selten zuvor hat man eine derart beschwerliche Anreise zu einem Brandenburger Ground erleben müssen. Anette Halbestunde sieht jedenfalls anders aus und auf diese 33 Minuten Höllenqualen darf man ja wohl getrost ein Coping-Bier trinken, während man sich zu Fuß in den Dorfkern begibt. Dieser liegt 1,6 Kilometer vom Bahnhof entfernt und ist nach 20 Minuten Spaziergang nur dann zu finden, wenn man angesichts der überaus komplizierten Wegbeschreibung nicht den Kopf verliert: Bahnhofstraße immer geradeaus und dann rechts in die Dahlewitzer Dorfstraße. Hoffentlich geht das gut.

Dahlewitz hat 2.231 Einwohner und war bis ins Jahr 2003 eine eigenständige Gemeinde, bevor diese als Ortsteil in die amtsfreie Gemeinde Blankenfelde-Mahlow überführt wurde. Während man die menschenleere Bahnhofstraße entlang flaniert und Blicke auf Feld und Flur wirft, kommt einem das gestern noch ach so beschaulich wirkende Werder an der Havel urplötzlich unheimlich urban vor. Als hätte es noch einen Verstärker für dieses Gefühl gebraucht, rattert exactemente in dem Moment, in dem ich in die Dahlewitzer Dorfstraße einbiege, ein mit Heuballen beladener Traktor an mir vorbei und das Titelbild für diesen Bericht entsteht.

In der Dorfstraße gibt es dann noch das alte Gutshaus von 1800 mit Gutspark und Wasserturm zu bewundern, welches nach einem Brand im Jahre 2001 bedauerlicherweise nur noch als Ruine im Dorf steht und seitdem verfällt. Ändern könnte sich dies dank großer Pläne eines Investors, der das Gutshaus und dessen Nebengebäude Instand setzen und Wohnraum schaffen will. Wer hier einziehen wird, hätte zumindest beste Sicht auf die mittelalterliche Dorfkirche, die sich direkt gegenüber befindet. Die rechteckige Felssteinkirche wurde 1305 erstmals urkundlich erwähnt. Im Lauf der Jahrhunderte wurde der Westturm auf seine heutige Höhe aufgemauert und eine Herrschaftsloge mit darunterliegender Gruft angebaut. Seit ca. 1650 steht das Bauwerk in seiner heutigen Form auf dem Dahlewitzer Dorfanger und fordert wohl auch denjenigen etwas Ehrfurcht ab, die mit der Institution Kirche eher weniger am Hut haben.

Fünf Minuten später habe ich den Sportplatz erreicht. Etwas irritiert bin ich, dass mir Mutter und Sohn entgegenkommen, als ich mich gerade dem Kassenhäuschen nähere. „Wollt ihr nicht noch bleiben?“, zeigt sich auch der Kassenwart verwundert, aber die Mutti macht ihm eine unmissverständliche Ansage. „Nee, wir kaufen jetzt erst mal Spargel und denn machen wa Mittag!“. Mir scheint fast so, als wäre nicht ganz Dahlewitz im Aufstiegsfieber…

Immerhin haben sich aber 50 zahlende Zuschauer (3 €) auf der Sportanlage eingefunden, die sich an beiden Längsseiten des Sportplatzes an der Reling verteilen. Die Dahlewitzer Ultras haben den (Fang-)Zaun bereits mit ihren Bannern geschmückt, der Trommel einen Funktionstest unterzogen und ihre blau-weißen Fahnen dekorativ in die Wiese gerammt. Der Rasenplatz ist gut in Schuss und die Sportanlage punktet mit einem gemütlichen Vereinsheim samt Biergarten und der schönen Aussicht auf den Dahlewitzer Wald (den es zu retten gilt!) und das Naturschutzgebiet Zülowgrabenniederung. Auf der Gegengeraden bereitet sich neben mir auch der Mann auf das Spiel vor, der hier gleich die manuelle Anzeigetafel zu bedienen hat. Schnell ist der Anglerstuhl aufgebaut, der Sonnenschirm justiert, das Bierchen in der hierfür vorgesehenen Halterung verstaut und dann gerade noch rechtzeitig festgestellt worden, dass die Nummerntafeln fehlen. Oh man, das hätte peinlich enden können.

Die ersten 20 Minuten der Partie können wir getrost überspringen. Abtastphase, aber auf einem angenehmen Niveau mit ansprechendem Tempo und wenig technischen Katastrophen. Beendet wird diese Phase des Spiels durch einen Torerfolg der Hausherren, welcher allerdings wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung aberkannt wird. Der auffälligste Akteur der Gäste, Etoo Kofi, der auf der linken Außenbahn bislang einige gute Offensivaktionen, aber auch einige defensive Unkonzentriertheiten in seinem FUDU-Zeugnis zu stehen hat, tankt sich nach 22 Minuten am linken Flügel durch, zieht in den Strafraum, spielt zwei Verteidiger schwindelig und schließt mit einem präzisen Schuss in die lange Ecke ab. Das 0:1 ist aus Dahlewitzer Sicht doppelt ärgerlich, da just in diesem Moment das Gerücht die Runde macht, der FC Jüterbog sei „durch ein klares Abseitstor“ im lediglich vier Kilometer entfernten Blankenfelde-Mahlow mit 1:0 in Führung gegangen. Na, aber das hätte Luisa aus Senzig doch gesehen!

Nach 29 Minuten ist auf der „Sportanlage Rangsdorfer Weg“ alles gegessen. Der direkte Konkurrent aus Jüterbog ist auf 4:0 davongezogen. Nach Menschengedenken sollten die Treffer von Carlos Ngounou Happy und Bastian Lehmann (3x) zum Aufstieg reichen. Dahlewitz ist geschlagen und irgendwer muss diese Information auch bis an das Feld herangetragen haben. Zwar bleibt das Spiel intensiv, doch fehlt jetzt seitens der Heimelf der letzte Wille, sich bei 28°C so richtig in diese Partie hinein zu beißen. Tom Kirstein, der in seiner Karriere bereits deutlich höherklassig gespielt hat (Halle 96, Dessau 05, TeBe, BAK), lässt jetzt im Mittelfeld auch ab und an Fünfe gerade sein und zieht brasilianische Zaubereien dem gepflegten Pass mit der Innenseite vor. An der Seitenlinie treten die Zuschauer in den entspannten Smalltalk mit dem Linienrichter: „Willste Sonnencreme? Oder ’n Bier? Wenn Du was brauchst, drück einfach auf Deine Fahne, Herr Assistent!“ und dieser bedankt sich mit seinen Mitteln für diese kleinen Aufmerksamkeiten, indem er die glasklare Abseitsposition von Hannemann übersieht, die es für Dahlewitz schon braucht, um endlich zur ersten vernünftigen Torchance zu kommen (44. Min.).

In der Halbzeitpause lehnt Benjamin Lehmann die am Spielfeldrand angebotene Melone dankend ab, um bereits das Resümee zu ziehen. „Wir haben es uns selber versaut“, womit er wohl die Heimniederlagen gegen Blankenfelde-Mahlow II und Ludwigsfelde II sowie die Punktverluste gegen Königs Wusterhausen und den FSV Admira in der Rückrunde meint. So viele Patzer darf man sich in dieser engen Liga natürlich nicht erlauben, weiß nicht nur der um den Schlaf gebrachte Fetti.

Mittlerweile ist auch der Anzeigetafelmann mit einem neuen Bier zurückgekehrt und hat es sich in seinem Campingstuhl gemütlich gemacht. Wenn der wüsste, was hier gleich noch an Arbeit auf ihn zukommen wird… Kapitän Rosenberg hält derweil eine knackige Motivationsrede im Mittelkreis, die er mit den donnernden Worten: „Ich will hier nicht Dritter werden!“ abschließt. Seinen Teamkameraden Knochel hat er auf jeden Fall erreicht, denn nur fünf Minuten nach Wiederanpfiff schickt sich dieser an, aus gut 40 Metern einfach mal abzuziehen. Keeper Tolzin, der die Marc-Kevin-Goellner-Gedächtniskappe mittlerweile richtig herum trägt, kann gerade noch ein „Nicht, nicht, nicht!“ in die Schussbewegung schreien, doch Knochel lässt sich nicht von seinem tollkühnen Vorhaben abbringen. Gut so, da der Ball Gästekeeper Schröder, der im normalen Leben Coach der ersten Mannschaft ist, völlig auf dem falschen Fuß erwischt und zum 1:1 in den Maschen einschlägt.

Wieder vergehen nur fünf Minuten, bis es den nächsten Höhepunkt zu bestaunen gibt. Etoo Kofi taucht frei vor Tolzin auf, scheitert, doch Ben Weidemüller kann den Abpraller über die Linie drücken. Das Schiedsrichterkollektiv diskutiert lange und erkennt den Treffer letztlich an, obwohl der Linienrichter ursprünglich die Fahne gehoben hatte. Ganz so passiv war diese Abseitsstellung wahrlich nicht, da der Miersdorfer Angreifer zum Ball gegangen war und auch ohne Berührung des Spielgeräts in das Spielgeschehen eingegriffen hatte, doch Schiedsrichter Köhler setzt sich am Ende durch. 1:2 nach 55 Minuten.

Für die letzte halbe Stunde der Saison fallen dann endgültig alle taktischen Fesseln. So reicht mitunter ein einziger Pass und die Miersdorfer Verteidigung ist bereits auf Höhe der Mittellinie ausgehebelt. Beyendorf hat viel Wiese vor sich und ganz viel Zeit, sich auf den kommenden 40 Metern zu überlegen, wie er den Ball verwandeln will – und so etwas geht ja bekanntlich selten gut aus. Am Ende legt er den Ball am herauseilenden Keeper vorbei, was den Winkel zu spitz werden und Beyendorf am Außennetz scheitern lässt (61. Min.) und wird zur „Strafe“ direkt ausgewechselt. Es kommt Jungspund Grundmann, der sich dem zwei Köpfe größeren Pälchen gegenübersieht. Kapitän Rosenberg meint es noch immer ernst und geht mit seinen Mannen hart ins Gericht: „Ihr könnt doch nicht den Olli gegen den 15er spielen lassen“. Keine 10 Sekunden später segelt ein hoher Ball durch das Mittelfeld, Grundmann geht hoch, setzt sich im Duell mit Pälchen durch und Tolzin lässt ein lautes Lachen über den Platz schallen, versehen mit dem süffisanten Kommentar: „Ui, ui, ui, guck mal, wie er den Kopfball gewinnt!“.

Für beste Unterhaltung ist also weiterhin gesorgt und auch die Tore fallen im Stakkato. Rosenberg, das Motivationsmonster, setzt zu einem beherzten Solo an und schließt dieses mit dem linken Fuß zum 2:2 ab (67. Min.). Keine 60 Sekunden spielt Rosenberg einen mustergültigen Steckpass, doch Hannemann vergibt das 3:2 im 1:1 Duell mit Schröder leichtfertig. Die Reaktion von Rosenberg zeigt, dass er wirklich nicht Dritter werden mag – sollte man jemals eine Illustration eines vorweggehenden Kapitäns suchen, hier würde man fündig werden.

Im Anschluss übertreiben es die Dahlewitzer in zweierlei Hinsicht ein wenig. Zunächst einmal zieht unnötige Härte ins Spiel ein (Lehmann tritt Strandt von hinten den Schuh vom Fuß und kommt glimpflich mit Gelb davon) und dann lässt man sich von dem Wunsch, dieses Spiel zu drehen, derart übermannen, dass es hinten gleich zwei Mal einschlägt. Müller schiebt nach einer Freistoßflanke auf den zweiten Pfosten aus erneut abseitsverdächtiger Position ein (2:3, 74. Minute) und Tomislav Kresović verwandelt einen Foulelfmeter nach Halten (2:4, 82. Minute).

Normalerweise sollte es das nun gewesen sein. In acht Minuten endet die Saison, es ist immer noch schwülwarm und die Chance auf den Aufstieg ist verstrichen. Alles keine Gründe für die wahnwitzigen Dahlewitzer, hier die Köpfe hängen zu lassen und das Spiel abzuschenken. Mit beeindruckender Moral kommen sie noch einmal in das Spiel zurück. Nach einem Eckball gewinnen sie gleich zwei Kopfballduelle, Keeper Schröder irrt vollkommen orientierungslos durch seinen Strafraum und Lukas Knochel nickt den Ball zum 3:4 über die Linie (84. Minute).

Dahlewitz wirft nun alles nach vorne. Ball um Ball wird in die Hälfte der Miersdorfer geprügelt. So kann es nicht klappen, denkt sich Kirstein und setzt seinerseits in der 90. Minute noch einmal die feine Klinge an. Sein gefühlvoller Chipball aus dem Fußgelenk über die gegnerische Abwehr eröffnet Faust freie Schussbahn und ein Miersdorfer blockt den Abschluss mit der Hand. Elfmeter! Pascal Hannemann schnappt sich den Ball, Knochel bedankt sich ironisch, dass man ihm keinen Dreierpack gönnt und nur wenige Wimpernschläge später steht es tatsächlich 4:4. Eiskalt verwandelt.

Nachspielzeit. Noch immer sind 2-3 Minuten zu spielen. Dahlewitz attackiert noch einmal über die rechte Seite, Flachpass in den Rücken der Abwehr. Und wer steht da und schließt trocken mit dem linke Fuß zum 5:4 ab? Der Kirstein Tom! Mit seinem 14. Saisontreffer bringt der Mittelfeld-Rastelli alle zum Ausrasten. Was für ein verrücktes Spiel, was für ein Finish.

Die „Ultras Dahlewitz“ hüllen den Sportplatz ungeachtet dessen in schwarzen Rauch. Während der Mannschaft eher die Freude über die gute Leistung ins Gesicht geschrieben steht, ist drumherum doch die Enttäuschung über den verpassten Aufstieg spürbar. Blankenfelde-Mahlow gewinnt 5:2 und auch der Ludwigsfelder FC wäre noch an Dahlewitz vorbeigezogen, hätte man hier nicht eine solche Willenskraft gezeigt.

Ich hingegen bin nun überaus gewillt, mich vor der strapaziösen Rückfahrt auf dem Dorf zu stärken. Die ersten Tiefschläge lassen nicht lange auf sich warten. „Andy’s Getränkeshop“ sieht eher nach Bauernhof aus, als nach Späti und hat natürlich sonntags geschlossen. Team „Imbiss-Eck“ hat wohl dauerhaft die Pfanne kalt, worauf das aufgestapelte Kochgeschirr auf dem Gehweg hindeuten könnte. Die letzte Hoffnung heißt „Mutterwelt“ und befindet sich direkt am Bahnhof und lädt mit einer gemütlichen „Summerlounge Terrasse“ zum Verweilen ein. Der zahnlose Kellner bringt mir die Speisekarte und ich verfalle in eine Art Schockstarre. Bier für 4 €, das günstigste Gericht auf der Karte für 16,90 €. Ich schaue mich um. Traktor auf der Dorfstraße, Mistgabeln im Schirmständer. Bin also ganz offensichtlich nicht in Saint-Tropez.

Schweren Herzens (aber reinen Gewissens) verzichte ich also weiterhin auf Nahrungsaufnahme und gönne mir ein Bierchen in der Sonne, um die Wartezeit bis zur Abfahrt meines Zuges (18.28 Uhr) sinnvoll zu überbrücken. Wer 4 € für ein Fassbier verlangt, kriegt von mir übrigens partout kein Trinkgeld. Der Kellner rächt sich, indem er mir 16 € Wechselgeld in Münzen aushändigt und schon ist der Dahlewitz-Ausflug zu einem zwischenmenschlich gelungenem Ende gekommen.

Am Flughafen-Schönefeld füllt sich die bis dato angenehm leere Bahn bis auf den letzten Platz. Alle sind gestresst, Touristen stehen so orientierungslos in der Gegend herum wie Schröder in seinem Strafraum, alles redet und lärmt durcheinander, einer sieht blöder aus als der andere, Kinder heulen. Könnte es einen unsanfteren Berlin-Einstieg geben? Nehmt gefälligst mal Rücksicht, ich komm vom Dorf!

Um 18.57 Uhr habe ich den Ostbahnhof erreicht und spiele mit dem Gedanken, vielleicht doch einfach in das ruhige Dahlewitz zu ziehen. Spätestens, wenn das Gutshaus renoviert ist, werde ich ernsthaft darüber nachdenken – und bis dahin spielt der SV Blau-Weiß Dahlewitz hoffentlich auch schon in der Landesklasse! /hvg

22.06.2019 Werderaner FC Viktoria 1920 – FC Eisenhüttenstadt 1:4 (0:2) / Arno-Franz-Sportplatz / 88 Zs.

Einen Tag nach Beginn des kalendarischen Sommeranfangs zieht es Fetti erneut hinaus nach Brandenburg. Die „Region“ (immer noch nicht tot, obwohl Energie Cottbus vor gut vier Wochen nach einem Herzschlagfinale gegen Eintracht Braunschweig aus der dritten Liga abgestiegen ist) wartet heute mit angenehmen 26°C auf und bietet einen bunten Strauß der Möglichkeiten. Was darf es sein? Lübben, Sachsenhausen, Senftenberg, Guben, Premnitz oder Luckau?

Und dann wäre da noch Werder an der Havel. 26.412 Einwohner, vor den Toren Potsdams gelegen, wasserreich und dem Vernehmen nach sehr schön, so jedenfalls die Berichte all derjenigen, die im Verlauf ihres Lebens irgendwann einmal auf dem „Baumblütenfest“ zu Gast waren. Ich jedoch habe da ein Trauma von 2011 noch nicht überwunden, als FUDU auf der Rückfahrt aus Bochum (0:3 verloren) die Wege mit „Baumblütenfest“-Besuchern kreuzte und die letzten 45 Minuten der ohnehin schon beschwerlichen Wochenendticket-Reise noch beschwerlicher wurden. In Erinnerung geblieben sind betrunkene Menschen, blinkende Lichter an Strohhüten, schwarz-rot-güldene Hawaiiketten und tätowierte Katzentatzen auf solariumsgegerbter Lederhautbrust. Kurzum: Ich muss mich schleunigst informieren, ob dieses furchtbare Fest nicht zufällig ausgerechnet heute stattfindet.

Eine kurze Recherche später ist klar, dass das Fest traditionell immer in der Woche um den ersten Mai herum stattfindet und ich nichts zu befürchten habe. Außerdem fällt ins Auge, dass Werder an der Havel als „staatlich anerkannter Erholungsort“ geführt wird und unter diesen Vorzeichen kann es ja gar keinen besseren Ort geben, um die Saison 2018/19 zu einem versöhnlichen Abschluss zu bringen.

Um 11.59 Uhr verlässt der RE1 den Berliner Ostbahnhof. Die „Deutsche Bahn“ hat umgehend auf die Brandenburger Erderwärmung reagiert und den Zug auf gefühlte -18°C heruntergekühlt. So erreicht der geneigte Fahrgast den Bahnhof Werder(Havel) 46 Minuten später nicht etwa durchgeschwitzt, sondern schockgefrostet. Interessant wäre es zu wissen, wie viel Prozent des Fahrpreises in Höhe von 3,60 € in der letzten Dreiviertelstunde direkt durch den Betrieb der Klimaanlage aufgefressen worden sind. Fetti zittert jedenfalls noch ein wenig, als die Kühlkette endlich unterbrochen ist und er erste Blicke auf das vielversprechende Bahnhofsgebäude in gelbem Klinker werfen kann. Wenn die Stadt der Schönheit dieses Empfangsgebäudes in nichts nachstehen würde, dann könnte das hier ein richtig angenehmer Aufenthalt werden.

Um dies zu verifizieren, führt Fettis Spaziergang geradewegs vom Festland auf die historische Altstadtinsel, die den Kern der Stadt beherbergt und Namensgeberin der Stadt ist. Der Begriff „Werder“ ist nämlich nicht mehr und nicht weniger als eine topografische Bezeichnung für Flussinseln, womit wir auch unserem Bildungsauftrag an dieser Stelle nachgekommen wären.

In den kleinen Gassen der Altstadt herrscht eine verschlafene Gemütlichkeit, nirgendwo liegt Müll herum, nirgendwo riecht es nach Urin und man muss auch nicht bei jedem Dritten entgegenkommenden klären, ob dieser einfach nur mit dem Headset telefoniert oder wirklich einen an Waffel hat, was sich in Berlin bekanntlich in etwa die Waage hält. Ich gebe es zu, etwas habe ich mich von meiner einstigen Lieblingsstadt in den vergangenen Jahren schon entfremdet. Hier grüßen sich die Fahrradfahrer gegenseitig, zugezogene Studentinnen, die in Potsdam demnächst Sinnlosologie studieren werden, sonnen sich auf den saftigen Havelwiesen, von vorbeifahrenden Booten wird freundlich gewunken und alles ist ja so schön grün und ruhig. Dürfte man hier eigentlich auch herziehen, wenn man keine Kinder hat? Frage für einen CDU-Wähler!

Fetti erteilt mir dann glücklicherweise die Absolution, das hier alles toll finden zu dürfen, ohne sich dabei zu spießig zu fühlen. Ich darf mich also an der idyllischen Inselsilhouette mit Heilig-Geist-Kirche (1858) und der Bockwindmühle erfreuen, ohne ein schlechtes Gewissen zu empfinden.

Bockwindmühlen wurden in Deutschland erstmals zu Beginn des 15. Jahrhunderts errichtet. Dieses Exemplar hier ist leider nicht ganz so historisch, wie es zunächst den Anschein macht. Ich zitiere von der Stadtwebsite: „Fassungslos und erschüttert waren die Bewohner der Stadt im Dezember 1973, als nach einem Brand der Mühlenberg seines traditionsreichen Wahrzeichens beraubt wurde. Ein Wiederaufbau war aufgrund der schweren Beschädigungen unmöglich. Engagierten Werderanern – die sich mit dem Verlust nicht abfinden wollten – und der damaligen Stadtverwaltung gelang es, 1985 eine gleichartige und bis auf die Flügel recht gut erhaltene Mühle in Klossa bei Jessen aufzuspüren und für 6000 DDR-Mark zu kaufen. Nach dem Abbau wurden die einzelnen Teile erst einmal fachgerecht eingelagert und bearbeitet. Mit dem überaus mühsamen Wiederaufbau begannen private Mühlenfreunde aus der Stadt, ihres Zeichens Fachleute aus verschiedensten Gewerken, im Jahr 1987. Die Einweihung der neuen alten Mühle wurde 1991 gefeiert und im August 1993 drehten sich beim 1. Mühlenfest erstmals wieder ihre Flügel.“ Dafür verdient sich das auf dem Mühlenberg und in nächster Nähe gelegene „Historische Rathaus“ von 1879 seinen Namen aber allemal und weiß ebenfalls optisch zu überzeugen.

An der Nordspitze selbiger Insel befindet sich auch der „Arno-Franz-Sportplatz“, der an drei von vier Seiten mehr oder minder unmittelbar von der Havel umschlossen ist. Bereits eine Stunde vor Spielbeginn führt der gastgebende Verein einen Soundcheck durch, während ich mir mit pausierenden Wanderern eine Parkbank teile und mir mit Blick auf das Wasser die Sonne ins Gesicht scheinen lasse. Die Ruhe wird nicht einmal durch den Gästemob gestört, der ebenfalls am Ufer entlang flaniert und die Vorfreude auf das Stadionerlebnis in mir weckt. Ein Spiel in der Brandenburgliga mit Gästefans? Da ist eine volle Hütte garantiert…!

Fünf Euro sind heute zu berappen, um den Sportplatz betreten zu dürfen. Dieser wartet mit einer Stahlrohrtribüne mit grünen Schalensitzen auf und bezieht seinen Charme nicht nur aus seiner einzigartigen Wasserlage, sondern auch durch die herausgeputzten Schrebergärten, die sich direkt hinter und neben der Tribüne befinden. Die rostige Reling könnte man zum 100-jährigen Vereinsjubiläum eventuell mal neu streichen, dennoch bereitet dieser Ort schon jetzt richtig Laune und hätte eigentlich gar nicht durch ein Bier aufgewertet werden müssen, aber was soll man machen, wenn der Arzt doch empfiehlt, immer ausreichend zu trinken. Für mein Bier (2,50 €) halte ich einen 5 € Schein bereit und schnell ist mit dem guten Mann hinter mir ausgetüftelt worden, dass ich einfach sein bereitgelegtes Kleingeld vom Tresen nehme und sein Bier mit meinem Schein mitbezahle. Diese Rechnung haben wir aber ohne den Schankwart gemacht, der zwar mit dem Rücken zu uns steht, aber trotzdem mitbekommt, wie ich das Kleingeld einstecke und der nun im Glauben, mich einen perfiden Diebstahls überführt zu haben, das Zapfen einstellt und mich zur Rede stellt. „Hey Freundchen, lässte dit mal da liegen? Dit is mein Jeld!“, womit die Eigentumsverhältnisse genau genommen auch nicht korrekt widergespiegelt wären. „Dit sieht jetzt erst mal komisch aus, aber dit is sein Wechseljeld“, versucht der Mann hinter mir die Sachlage zu klären und so schnell, wie der Wirt an die Decke gegangen ist, ist er nun auch wieder besänftigt.

Auf den Schreck brauche ich erst einmal ein Bier. Neben der Tribüne lasse ich mich im grünen Gras nieder, verabschiede mich von Schuhen und Socken und fläze mich in die Sonne. Der Stadion-DJ legt die gleiche CD auf, die bereits in Amager gespielt wurde, mit dem Unterschied, dass die Musik heute zu Wetter und Stimmungslage passt. Aus den angrenzenden Schrebergärten, die ihre Eingangstüren kurioserweise in Richtung Platz haben, haben erste Menschen Sonnenstühle in den Hintertorbereich getragen und es sich ebenfalls bequem gemacht. Am Ende werden neben diesen schmarotzenden Kleingärtnern immerhin noch 88 zahlende Zuschauer, darunter 18 aus Eisenhüttenstadt, registriert werden.

Vor Spielbeginn verabschiedet der Werderaner FC Viktoria verdiente Spieler mit üppig gefüllten Präsentkörben, der Rasen muss noch eben schnell von aus dem Gästeblock geworfenen Papierschlangen befreit werden und schon eröffnet FUDUs treuer Wegbegleiter Toni Bauer die Partie des 30. und letzten Spieltages der Brandenburgliga. Werder befindet sich auf einem tiefenentspannten 9. Tabellenrang, während sich der einstige Europapokalteilnehmer aus Eisenhüttenstadt (1991/92 im Europapokal der Pokalsieger gegen Galatasaray), der leider zur Saison 16/17 seinen Traditionsnamen „Stahl“ und das dazugehörige Logo abgelegt hat, heute mit aller Macht gegen den Abstieg stemmen muss. Aktuell hat man einen Punkt mehr auf der Habenseite als die Teams aus Brieselang und Blankenfelde-Mahlow, die auf den Abstiegsplätzen rangieren. Diesen Vorsprung gilt es heute über die Ziellinie zu retten – klar, dass die Fanszene von „Hütte“ da mobilisiert hat!

Um 15.02 Uhr habe ich meinen ersten Ballkontakt und werde mit einer Passquote von 100% in die Statistik dieses Spiels eingehen. Die Locals am Bierstand hatten sich bereits lang und breit darüber unterhalten, wie viele Stammspieler den Werderanern heute aus unterschiedlichsten Gründen fehlen würden und dass das Trainergespann Hecht / Nitzsche „das komplette Team“ habe umbauen müssen. Keine Quelle ist seriös genug, um nicht wenigstens einmal kurz überprüft zu werden und schon stellt sich heraus, dass nur vier Änderungen im Vergleich zur Vorwoche vorgenommen werden mussten, dennoch wirkt Werder in der Anfangsphase alles andere als sortiert.

Georges Florent Mooh Djike setzt den ersten sehenswerten Akzent, indem er die gesamte Hintermannschaft der Werderaner zu Fahnenstangen degradiert. Sein beherztes Solo endet jedoch mit einer guten Parade der etatmäßigen Nummer 2, Jan-Niklas Rauch (8. Minute). In der 20. Minute gelingt dem zweiten Afrikaner in Diensten des FCE, den sie alle nur „Hermann“ rufen, mit einem trockenen Fernschuss der Führungstreffer. Während ich zunächst von einem mittelmäßig amüsanten Spitznamen ausgehe, verschafft eine nachträgliche Recherche Klarheit. Der gute Mann heißt wahrhaftig Hermann Wamba Tsafak, kommt aus Kamerun und hat 20 Minuten lang derart auffällig agiert, dass man ihm gerne Torjägerqualitäten unterstellt hätte. FUDU ist jedoch soeben Zeuge seines allerersten Saisontreffers geworden. What Tsafak?

Spätestens nach 35 Minuten hätten die Gäste einen Ausbau der Führung verdient gehabt. Der quirlige Außenbahnspieler Hoang Sa Nguyen Ngoc hatte sich mit einem schnellen Dribbling durchsetzen können, seine scharfe Hereingabe wird von Djike per Direktabnahme nur knapp am linken Pfosten vorbeigelegt. Werder lässt nur gelegentlich mit Versuchen aus der Distanz aufhorchen, während die Gäste kontinuierlich mit Spielwitz und Tempo überzeugen. Ngoc und Djike krönen die erste Hälfte in der Nachspielzeit mit einem fantastischen Doppelpass, der nicht nur die gegnerische Defensive alt aussehen lässt und Ngoc hervorragend freispielt, sondern von diesem auch noch formvollendet im kurzen Eck untergebracht werden kann. Der Stadionsprecher nennt „die Nummer 23 Krüger“ als Torschützen, woraufhin sich der Vietnamese umdreht, die Faust ballt und einen Jubelschrei in die eigene Verteidigungsreihen sendet: „Jawohl, Johann!“.

Mit diesem Bonmot enden die ersten 45 Minuten, die unterhaltsamer kaum hätten sein können. Weniger erfolgreich geht es beim Grillmeister zu, der noch immer kein Essen für das hungrige Publikum zur Verfügung gestellt bekommen hat und so naturgemäß auch nichts auf den Rost legen konnte. Aber auch hier weiß man sich zu helfen: „Hab ’n paar Pizzen beim Italiener bestellt, müssten eigentlich gleich da sein!“, vertröstet der Caterer von Welt die wartende Meute und Fetti gibt sich angesichts dieser Unverbindlichkeit mit einem zweiten Stadionbier zufrieden.

Das Spiel braucht auch in der zweiten Hälfte keine lange Anlaufzeit, bis alle Akteure auf Betriebstemperatur sind. Gerade einmal fünf Minuten sind gespielt, als Rauch eine eher harmlose Flanke von der linken Seite nach vorn prallen lässt und sich dann entschließt, den zum Einschuss bereitstehenden „Hermann“ nach allen Regeln der Kunst im Strafraum umzunieten. Kapitän Tony Wernicke verwandelt den fälligen Strafstoß zum 0:3 sicher und der Klassenerhalt für „Hütte“ scheint so gut wie gesichert.

Doch diese Rechnung hat der FC Eisenhüttenstadt ohne den in der 53. Minute eingewechselten Mateuz Wallroth gemacht. Gerade einmal drei Minuten benötigt der Joker, um den Anschluss für Werder herzustellen. In der Vorwoche stand Wallroth übrigens noch in der Startformation – den Umbau des Teams hätte es zumindest an dieser Stelle also nicht zwingend gebraucht. Plötzlich droht das Spiel zu kippen. Bei den Mannen aus Eisenhüttenstadt setzt das Nervenflattern ein und Werder übernimmt das Zepter. Wer weiß, wie die Partie wohl weiter verlaufen wäre, hätte Ferdinand Becker in der 63. Minute die Riesenchance auf das 2:3 genutzt. Eisenhüttenstadts Trainer versucht von der Seitenlinie lautstark wieder Spannung in seine Mannschaft zu bekommen und auch die mitgereisten Fans pushen emotional und versuchen, den Gegner in nervenaufreibende Streitgespräche zu verwickeln. Torwart Rauch hat es nicht leicht und muss den einen oder anderen derben Kommentar über sich ergehen lassen. „Halt Dein Maul und geh in Dein Tor, Du Affe!“, ruft ein Pöbler und hat in dem Moment wahrscheinlich gar nicht auf dem Schirm, dass er sich nicht als Teil einer anonymen Masse in einem Stadion mit 60.000 Zuschauern befindet, sondern auf einem Sportplatz, auf dem Herr Rauch nach Abpfiff ohne jedwede Probleme auch mal persönlich „Guten Tag!“ sagen kommen könnte.

Die Emotionalität von außen scheint den Spielern des FC Eisenhüttenstadt jedoch gut zu tun. Sie hilft deutlich sichtbar dabei, die Druckphase der Hausherren zu überstehen und sich nach und nach freizuschwimmen. Ein erster taktischer Wechsel sorgt für weitere Ordnung im Mannschaftsgefüge, ehe man nach einer simplen kurzen Ecke und einer Flanke auf den zweiten Pfosten durch Siemund mit 4:1 in Führung gehen kann. Eine Viertelstunde vor Schluss ist die Sache somit entschieden und das letzte Spiel der Saison plätschert gemächlich seinem Ende entgegen. Für den letzten Lacher sorgt wiederum Hoang Sa Nguyen Ngoc, der nach seiner Auswechslung in Minute 78 bei seinem Sprint in die Kabine noch höhere Geschwindigkeiten erreicht, als auf seinen unzähligen Außenbahnläufen auf dem Feld. Nach seiner Rückkehr wird er von den Fans gleichermaßen geherzt und aufgezogen: „Du siehst so erleichtert aus. Brauchen wir neues Klopapier?“. Die Antwort geht im Jubel unter. Vielleicht stand ihm ja auch nur die Erleichterung über den geglückten Klassenerhalt ins Gesicht geschrieben.

Mich zieht es nun in das Herz der Altstadtinsel, wo man meinen Hunger hoffentlich besser stillen kann als am Grillstand des Werderaner FC Viktoria. „Am Markt“ gibt es nicht nur etliche liebevoll sanierte Häuschen zu bestaunen, sondern mit einem Besuch des unscheinbaren Ladens „Pizza in Piazza“ auch noch einen echten Volltreffer zu landen. Von außen betrachtet sieht die Bude so aus, als würde man gleich Analogkäse und Formfleischschinken über sich ergehen lassen müssen, doch öffnet man die Tür, steht man plötzlich mitten in Italien. „Ciao, Buona Sera“, wird man von Inhaber Adolfo Ferraro freundlich begrüßt und bekommt eine waschechte Diavolo aus dem Steinofen für gerade einmal 5,90 € auf rot-weiß-karierter Trattoria-Tischdecke serviert. Plötzlich fällt mir der schmissige Marketingclaim von „Havelland Tourismus“ wieder ein, auf den ich heute Morgen im Zuge der Suche nach den Terminen des „Baumblütenfest“ gestoßen war und der mich ein wenig amüsiert hatte. „Werder – Ein Hauch von Toscana mitten in Brandenburg“. Nun gut, da könnte man jetzt schon drüber streiten, inwieweit Bockwindmühlen aus Klossa bei Jessen was mit der Toscana zu tun haben. Auf jeden Fall für heute aber genug Hauch, um mich endgültig darüber hinwegzutrösten, dass ich aus Gründen schweren Herzens auf eine Reise zur U21-EM in Bella Italia verzichten musste. Viel schöner hätte es rund um die Partie España – Polska in Bologna kaum werden können…

Während ich um kurz nach 18 Uhr in der Regionalbahn sitze, bereiten sich die Stadtväter Werders womöglich gerade auf ihre nächste Sitzung vor. Das „Baumblütenfest“ mit mittlerweile durchschnittlich 500.000 (!) Besuchern ist nämlich auch den Verantwortlichen ein Dorn im Auge und so ist man aktuell fieberhaft auf der Suche nach neuen Konzepten für 2020. Geplant ist, den Suffrummel von der Altstadtinsel zu verbannen und sich wieder darauf zu besinnen, was das „Baumblütenfest“ im Ursprung einst darstellte. Wenn alles gut läuft, öffnen 2020 also wieder nur noch die Obstbauern ihre Plantagen und Höfe und Anwohner ihre Gärten für ein kleines Publikum. In gemütlicher Runde werden dort süffige lokale Obstweine zur Verköstigung angeboten, während das Hillbilly-Volksfest ersatzlos gestrichen wird – und das wiederum würde wohl all die furchtbaren Strohhüte, Hawaiiketten und Katzentatzen ein für allemal aus Werder verbannen. 2020 könnt ihr also jederzeit einen Abstecher in die „Blütenstadt“ unternehmen. Toscana geht dann immer. Sogar rund um den ersten Mai. /hvg

16.06.2019 FSV Eintracht 1910 Königs Wusterhausen – FC Viktoria Jüterbog 0:1 (0:0) / Sportplatz Zeesen / 70 Zs.

Gerade ist Fetti wieder in Deutschland und im Arbeitsleben angekommen, schon packt ihn erneut die Abenteuerlust. Irgendetwas mit Strand und Fußball wäre doch nett, um den Sonntag aufzuwerten. Wo er Recht hat, hat er Recht – doch nach den vergangenen Urlauben in Danmark und Polska kommt das Konto doch einigermaßen geplündert daher. Da muss man dann eben auch einmal kleinere Brötchen backen und so gerät das „Strandbad Zeesen“ ins Visier des unternehmungslustigen Schweins. Mit dem Kategorie-C-Ticket für gerade einmal 3,20 € erreichbar, Eintritt frei, sanitäre Anlagen und Imbiss vorhanden und ausschließlich hervorragende Online-Rezensionen: „Die rechte Uferseite war komplett zugekotet“ und „das Publikum ist sehr primitiv“. Na, wenn das mal nicht nach mindestens 4 von 5 Sternen klingt.

Um 9.51 Uhr ist die Vorfreude daher mit Händen greifbar, als die Regionalbahn das Berliner Ostkreuz in Richtung König Wusterhausen verlässt. An Bord befinden sich abertausende Studenten, die alle noch überhaupt gar nichts für die Klausur morgen gelernt haben, weil sie total unvorbereitete Eisvögel sind, die das alles locker aus dem Ärmel schütteln werden. Bleibt die Frage, warum man sich dann während der zwanzigminütigen Fahrt ausschließlich über Entwicklungspsychologie und andere klausurrelevante Themen unterhalten muss. Da kommt ja beinahe der Verdacht auf, dass die Ullas und Maltes am Samstag doch mal das Müsli bei Seite gestellt und heimlich in den Schnellhefter gespitzt haben. Das aber soll nicht weiter meine Sorge sein, als sich unsere Wege am Bahnhof Königs Wusterhausen trennen. Das Ziel meiner abgespeckten Reiseträume liegt nun nur noch eine Station entfernt, die ich in himmlischer Ruhe in einem menschenleeren Zug anfahren kann.

Es ist exakt 10.26 Uhr, als ich den Bahnhof Zeesen, Ortsteil von Königs Wusterhausen, erreicht habe. Hier ist man so nett und stellt auf dem Bahnhofsvorplatz, der 2010 neu gestaltet worden ist, eine kleine Schautafel zur ersten Orientierung bereit. Der Himmel ist wolkenverhangen und bei kühlen 22°C ist ein gewisser Ärger über die Wettervorhersagen der letzten 48 Stunden nicht zu leugnen. Gestern wurde eindringlich vor einem Gewitter gewarnt, sodass ich nach meinem samstäglichen Lehmofen-Fundament-Aushub-Subbotnik in Berlin-Buch auf einen Abstecher zum Wandlitzsee verzichtet hatte, nur um dann zu Hause sitzend festzustellen, dass die Sonne den ganzen Tag unbekümmert ihren Dienst verrichtete. Heute wiederum waren sich die Herren Meteorologen sicher, dass ein wunderbarer Sommertag bevor steht und haben mit dieser Prognose dafür gesorgt, dass ich sogar auf die Socken in den Sandalen verzichtet habe. Und jetzt friert man sich hier einen ab. Vielleicht schneidet ihr euch einfach mal eine Scheibe bei euren polnischen Kollegen ab. Die lagen wenigstens immer richtig und schreiben einem sogar Textnachrichten, wenn wirklich Gefahr im Verzug ist!

Dennoch nehme ich den 20-minütigen Spaziergang zum „Strandbad Zeesen“ noch einigermaßen unerschrocken auf mich. Ganz warm ums Herz wird mir dann in der Uferstraße, in der ein Anwohner seinen Vorgarten mit einer RB-Leipzig-Hissflagge geschmückt hat. Ach, wäre das toll, wenn wir mit einem echten Ostderby in die Bundesliga starten dürften. Abwarten. In 12 Tagen wird der Spielplan veröffentlicht…

Am Zeesener See herrscht um 11.00 Uhr noch gähnende Leere. Klar, bei dem Wetter jagt man ja auch keinen Hund vor die Tür. Ich spaziere kurz über den Holzsteg, begutachte das kotfreie Ufer, inspiziere Sandstrand und Liegewiese und bin unter dem Strich mit meiner Idee, an diesem Ort ein Sonnenbad zu nehmen und schwimmen zu gehen, bevor man sich einen Kick in der Kreisoberliga Dahme/Fläming gönnt, im Reinen. Aufgrund der Wetterbedingungen und des ausbleibenden Sommerfeelings verzichte ich jedoch schweren Herzens darauf, meine guten Vorsätze in die Tat umzusetzen. Stattdessen genieße ich die Ruhe am Wasser, sinniere vor mir her, lasse meine Blicke über den See schweifen und wirke lesend sicherlich unglaublich intellektuell, dabei kämpfe ich im Grunde genommen nur dagegen an, nicht wie Trinker-Kalle an den verschlossenen Imbiss-Jalousien zu kratzen.

Um kurz vor Zwölf kehrt im „Zeesener Strandimbiss“ endlich Leben ein und aus sicherer Entfernung beobachte ich den Fortschritt der einsetzenden Betriebsamkeit. In der Zwischenzeit sind auch einige Familien mit Kindern am See eingetrudelt und haben schon längst dafür gesorgt, dass es mit der Ruhe in Ufernähe schnell vorbei war. So führt doppelt und dreifach kein Weg daran vorbei, sich heute zum ersten Gast des Tages aufzuschwingen und die Terrasse im Eingangsbereich des Strandbades einzunehmen. Noch bevor der Wirt den letzten Rollladen hochgezogen hat, hat er auch bereits meine Bestellung aufgenommen und kredenzt kurz darauf ein frisches „Berliner Pilsner“ mit Seeblick, also jedenfalls, wenn man weit gucken kann. Irgendwann beschleicht mich ein kleines Mittagshüngerchen und wie es der Zufall so will, kann man das mit dem traditionellen Auswärtsschnitzel auch direkt hier erledigen. Kaum ist das TK Schnitzel in der Fritteuse gelandet, besetzt ein brandenburgisches Vorzeige-Vater-Sohn-Gespann den Nachbartisch. Der durchtrainierte Vati im Thor-Steinar-Shirt, im Schlepptau einen Jungen des Phänotyps ‚adipöser Tyson Lennox‘, dessen Augen diese unbeschreibliche Bedürftigkeit ausstrahlen, dass man am liebsten direkt Flyer verteilt hätte, aber ich bin ja nicht dienstlich hier. Primitives Publikum. Da hat jemand nicht zu viel versprochen.

„Pommes“ will der Junge natürlich haben, woraufhin der Vater das Kommando „Sitz!“ von sich gibt und allen ernstes ein „Fein!“ folgen lässt, nachdem Tyson Lennox den Anweisungen Folge geleistet hat, ohne den Aufstand zu proben. Das könnte eine interessante Interaktionsstudie werden, aber da werden am Nebentisch leider auch schon die Pommes serviert und zwei-drei Wespen machen mir einen Strich durch die Rechnung. „Komm, Dicker!“, spricht der Vater zu dem Sohn und läuft im Stile eines Alpha-Männchens voran. Der Dicke trottet wortlos und Pommes essend hinterher. Wenn Nazis ihre Kinder wie Hunde erziehen, ist es ja eigentlich auch kein Wunder, dass auch diese irgendwann rechte Parolen bellen…

Dieser bedrückende Spaß wäre mir also genommen und während man vor wenigen Tagen am Strand von Gdynia noch attraktiven Frauen beim Beachvolleyballspiel zusehen konnte, schickt Brandenburg nun Tyson Lennox und drei andere dicke Kinder ins Rennen, die ihr Geschick bei einer Partie „Ball über die Schnur“ unter Beweis stellen. Ach, schon schön wieder zu Hause zu sein! Wenigstens bewegen sich aber die Preise auf polnischem Urlaubsniveau und so verlasse ich das Strandbad nach zwei Bier und einem Schnitzel mit Pommes für weniger als 40 Zł mit einem formschönen polnischen Abgang.

Nur noch 90 Minuten bis zum Anpfiff des Spitzenspiels der Kreisoberliga. Heute empfängt der FSV Eintracht 1910 Königs Wusterhausen am 29. und vorletzten Spieltag den FC Viktoria Jüterbog. Absteiger Königs Wusterhausen hat als Tabellenvierter bereits stolze 19 Punkte Rückstand auf den aktuellen Spitzenreiter aus Jüterbog (65 Punkte) und sich schon lange vom direkten Wiederaufstieg verabschieden müssen. Im Fernduell mit Dahlewitz (64 Punkte) und Ludwigsfelde II (62 Punkte) wird Jüterbog heute nichts liegen lassen dürfen, wenn man den Aufstiegsambitionen in die Landesklasse Ost Nachdruck verleihen mag. Beste Voraussetzungen also für ein attraktives Amateurfußballspiel!

Der „Sportplatz Zeesen“ liegt 1,5 Kilometer vom Strandbad entfernt und befindet sich in der Nähe der Haltestelle „Zossen, Gewerbepark Nord“ und so sieht es hier auch aus. Glücklicherweise bietet die freundliche Tankstelle von nebenan ein Überbrückungsbierchen zum „TOTAL“ fairen Preis von 1,18 € an und so kann man sich immerhin die Wartezeit bis zum Anpfiff einigermaßen angenehm verkürzen. Sicherlich wäre auch eine Einkehr in das griechische Restaurant „Ikaros“, welches direkt neben der Sportstätte zu finden ist und selbige in eine wunderbar knoblauchlastige Duftwolke taucht, eine Option gewesen, doch leider muss Fetti sein Budget etwas nachhaltiger schonen.

Zumal dieses nur wenige Augenblicke schon wieder belastet wird, fordert der gastgebende Verein doch tatsächlich drei Euro Eintrittsgeld und zwei weitere Euro für ein Flaschenbier am Spielfeldrand. Man, man, man, was das wieder kostet! Der Sportplatz ist sein Eintrittsgeld aber wert, besticht dieser doch durch einen wunderbar gepflegten Rasenplatz und einer gut gemähten Zuschauerwiese, auf der einige Sitzbänke zum Verweilen einladen. Beeindruckend, dass der Sportplatz komplett von dicht stehenden Laubbäumen umschlossen ist. Hier hat es ganz offenbar rund um den Sportplatz mal einen Wald gegeben, der irgendwann dem Gewerbegebiet zum Opfer gefallen sein muss. Ich habe in diesem ruralen Ambiente jedenfalls schon zu Anpfiff kräftig mit unangenehmen Allergiebeschwerden zu kämpfen und muss etwas länger nach einem Stückchen Wiese Ausschau halten, auf der keine todbringenden Gräser wachsen. Auf diese Art des Sommerfeelings hätte ich getrost verzichten können, werde aber wenigstens auf Höhe der linken Eckfahne fündig und kann von dort aus einigermaßen unbeschwert Fußball gucken.

Ein Junge, der ganz offenbar eine Mutprobe zu absolvieren hat, was mir das Kichern seines Freundes verrät, der sich in sicherer Entfernung befindet, kommt auf mich zu. „Sag mal Tomate!“, fordert er mich auf. „Klassiker!“, denke ich mir und kontere brillant: „Deine Oma kann Karate!“. Bääm, da guckt er aber doof aus der Wäsche. Den Spruch hat man sich in Berlin schon 1990 um die Ohren gehauen. Aber schön, dass der sich jetzt auch bis nach Brandenburg herumgesprochen hat.

All das kann ich in aller Bierruhe erzählen, weil das Spitzenspiel nicht einmal in Ansätzen halten kann, was es versprochen hatte und sich so nahtlos in den bisherigen Tagesverlauf einreiht. Der Gast versucht sich in der ersten halben Stunde mit einem Heber aus 40 Metern Entfernung, doch Heimkeeper Steve Bonkowski lässt sich nicht übertölpeln. Eintracht-Elvis Amabo vergibt zehn Minuten später eine Halbchance und beide Szenen haben nicht das Potential, als Höhepunkt der ersten Hälfte in die Annalen einzugehen. Dafür braucht es schon den betagten Ordner, der beim Zurückspielen eines Balles seinen Schuh verliert und sich nun dem Spott der drei Auswechselspieler Königs Wusterhausens ausgesetzt sieht. Schon bittet Schiedsrichter André Mally zum Pausentee und ich glaube, dass ich für die nächsten 45 Minuten noch ein Bier brauche.

Der Ordner kommt barfuß aus der Kabine zurück und der Gast forsch. In den ersten zehn Minuten des zweiten Abschnitts drängen die Jüterboger auf die Führung, vergeben aber zwei gute Torchancen in der Frühphase und lassen in Person von Kevin Foller nach einer Stunde auch die dickste Gelegenheit liegen, die sich nach katastrophalem Fehlpass im Aufbauspiel der Heimelf ergeben hatte. Leider verpufft dieser Anfangsschwung aufgrund einer längeren Verletzungspause wieder und spätestens nachdem Pascal Hollwitz den Platz letztlich verletzt verlassen muss, ist der Faden auch schon wieder gerissen. Königs Wusterhausen konzentriert sich auf das Verteidigen des Unentschieden, Jüterbog ist nicht mutig und handlungsschnell genug, den Abwehrriegel zu knacken. So wird der Ball auf beiden Seiten träge durch das Mittelfeld geschleppt und der neutrale Beobachter spricht von einem stetig sinkenden Niveau, während die mitgereisten Jüteboger (immerhin knapp 75 Km waren zurückzulegen) an den Fingernägeln kauen, es vor Spannung kaum aushalten, alle 30 Sekunden auf das Handy starren und Zwischenstände der Konkurrenten verlesen. Dahlewitz und Ludwigsfelde liegen beide in Führung und aktuell hätte man die Tabellenführung abgegeben – klar, dass es da keinen mehr auf den Sitzen hält. Mich erinnert die Situation in ihrer Gesamtheit ein wenig an diese legendäre Szene und so kann mir dieses recht triste Fußballspiel schon wieder ein Schmunzeln entlocken. Fußball ist eben ein komplexes Spiel, das manchmal auch ein wenig Empathie einfordert!

Da ich heute emotional allerdings keineswegs involviert bin, fällt es mir schwer, die mexikanische Sichtweise einzunehmen. Als der Gast nach 87 Minuten die erste herausgespielte Chance aus fünf Metern Torentfernung ungenutzt lässt und in den verbleibenden Spielminuten wohl kaum noch einmal derart nahe an das gegnerische Tor kommen wird, ziehe ich bereits meinen Schlussstrich unter die Partie. 0:0, aber es hätte auch andersherum enden können!

So widme ich meinem Handy schon vor dem Abpfiff etwas (zu viel) Aufmerksamkeit, werfe einen Blick auf die Endstände anderer Ligen und werde dann von einem markerschütternden Torjubel aus meinem schönem Traum vom großen Fußball geweckt. Die Jüterboger Spieler liegen zu einer großen Jubeltraube aufgetürmt auf dem Rasen und sehen so aus, wie ihr Spieler mit der Nummer 8 heißt (→ Carlos Ngounou Happy). Der Schlachtenbummler mit Handy umarmt seinen Sohnemann überschwänglich und KW’s Abwehrspieler Björn Beuthke lehnt wie ein Häufchen Elend am Pfosten. Wie ich später Presse, Funk und Fernsehen entnehmen werde, hat es Beuthke in der Nachspielzeit tatsächlich fertig gebracht, den Ball über die eigene Torlinie zu befördern. Und so steht Jüterbog dank eines Eigentores mit einem Bein in der Landesklasse und hat nun ein echtes Endspiel bei der Zweitvertretung des BSC Blankenfelde-Mahlow vor der Brust. Fudutours.de wünscht viel Erfolg!

Ich lasse meinen Zeesen-Abstecher in „Moni’s Café“ in der Karl-Liebknecht-Straße ausklingen. Das Budget reicht noch gerade eben so für ein hemdsärmeliges Menü, bestehend aus Absackerbier und Leberkäs mit Bratkartoffeln und Ei, das von Moni höchstpersönlich im kleinen Garten der Gaststätte serviert wird. In Anwesenheit des letzten Cowboys von Königs Wusterhausen habe ich während des Essens herausgefunden, dass es um 18.33 Uhr eine attraktive Direktverbindung zum Ostkreuz gibt und drücke ordentlich auf die Tube. Um 18.29 Uhr kredenzt mir Moni die Rechnung über 12,40 € und füllt mir den Rest Bier dankenswerterweise in einen Kaffeebecher aus Pappe. Der hektische Großstädter hat’s eben gerne To-Go.

Da der Bahnhof Zeesen über keinen Automaten verfügt, spart man sich für die 25-minütige Rückreise gar den Einkauf des 1,60 € teuren Anschlusstickets. Im Zug werfe ich noch einmal einen prüfenden Blick auf die Rechnung: „Moni’s Café, Inhaber Dang Thi Lan“. Jetzt nehmen die Ausländer auch noch die Moni ihr Kaffe weg!!1!, wird der Thor-Steinar-Vati wahrscheinlich bei „facebook“ kommentieren, wenn er das herausbekommt. Ich muss mir nun eine Strategie zurechtlegen, wie ich dem rumänischen Kassenwart erkläre, dass ich für einen wolkenverhangenen Tag am See und ein dürftiges Spiel in der Kreisoberliga insgesamt doch an die 35 € losgeworden bin. Vielleicht kann man es ja auch einfach verknappen: Schöner Tag – und außer Zeesen nüscht jewesen! /hvg