656 656 FUDUTOURS International 21.09.20 21:22:14

27.04.2019 SV Blau-Weiß Petershagen-Eggersdorf – SV Grün-Weiß Lübben 3:0 (0:0) / Waldsportplatz / 171 Zs.

Noch vor wenigen Tagen bin ich mit einem lange aufgeschobenen Besuch des BSV Eintracht Mahlsdorf meinem Ziel, die Berlin-Liga irgendwann einmal komplett zu haben, etwas näher gekommen. Mitten in die noch bestehende Euphorie, ausgelöst durch die Jagd auf sinnlose Kreuze, erreicht mich eine Anfrage aus Neuruppin. Es ist genau der richtige Zeitpunkt, mich zu fragen, ob ich nicht schon immer einmal in meinem Leben nach Petershagen-Eggersdorf gewollt hätte. Sofort fühle ich mich von dieser Nachricht abgeholt und auch ohne, dass ich dieses Unterfangen auch nur ansatzweise in Frage gestellt hätte, ergänzt der Mann aus dem Speckgürtel – beinahe so, als müsse man sich für gute Ideen rechtfertigen – dass ihm nur noch der „Waldsportplatz“ zur Komplettierung der Brandenburg-Liga fehlt. Na, da komme ich doch gerne mit. Man hilft eben, wo man kann.

Nach einer kleinen Vorabrecherche ist Fetti bereits in den gastgebenden Verein und dessen Website verliebt. Die Internetpräsenz des Fünftligisten ist liebevoll gestaltet, auf tagesaktuellem Stand und kommt zudem in höchst professioneller Optik daher. Um die Vorfreude auf den Stadionbesuch bereits ins Unermessliche zu steigern, wird dem geneigten Hopper eine schöne Luftbildaufnahme des Sportplatzes präsentiert („Unser schöner Waldi!“) und die eigene Vereinsgeschichte mit einem kleinen Augenzwinkern näher gebracht. 1995 fusionierten die Fußballmannschaften aus Petershagen und Eggersdorf also und schreiben seitdem Geschichte als „blau-weißes Doppeldorf“. Mit einer angemessenen Prise Selbstironie sammelt man bei FUDU immer Punkte!

Als der Brandenburgligist kurz darauf zum „Frühjahrsputz“ auf den „Waldsportplatz“ lädt, hört der Spaß für mich jedoch auf. Ab 9.00 Uhr soll die Sportanlage am Spieltag von Unrat befreit, Sitzschalen geschrubbt und irgendwelche Rohre im Kabinentrakt neu gestrichen werden. Da muss Fetti dann wohl doch konkretisieren: Man hilft eben, wo man kann – aber nur nach dem Aufstehen…

… und das ist am Samstag mitunter eine echte Herausforderung. Heute kommt es jedenfalls zu derart vielen Verzögerungen im Betriebsablauf, dass auch die Einladung zweier FUDU-Jünger in das Ladenkino „b-ware!“ letztlich ausgeschlagen werden muss. Um 11.00 Uhr gibt man sich hier die volle Dröhnung Melancholie. „Unser Team – Nossa Chape“ ist für einen unbeschwerten Start in den Tag natürlich das optimale Programm. Unser aller Fetti hat jedoch bereits genügend Blei in den Füßen und dreht sich so mit spielerischer Leichtigkeit lieber noch einmal um, anstatt sich der Exkursion ins Lichtspielhaus anzuschließen. Naja, der Film wäre eh langweilig geworden – weiß ja jeder, wie’s ausgeht.

Irgendwann hat sich aber auch Fetti endlich aufgerappelt und sich aus der Suhle gequält. Der Film neigt sich langsam dem Ende entgegen und so begibt sich Fetti, der treue Gesell, auf den Weg in das Kino, um seine Freunde einzusammeln und emotional aufzufangen. Kurz darauf ist es jedoch er, der emotionale Unterstützung benötigt, ist doch in seinem Späti des Vertrauens das „Berliner Pilsner“ schon wieder ausverkauft. „Ja, Herrschaftszeiten, das ist ja schlimmer als ein Flugzeugabsturz!“, poltert die dumme Sau in das Ladengeschäft hinein und erntet nicht nur tröstende Blicke des Verkäufers, sondern auch einen Vorschlag zur Güte. „Wenn Du eine Stunde wartest, dann gibt es neues Berliner!“. Fetti, der mit bürgerlichem Namen übrigens Justin Acceptable heißt, lehnt dankend ab und greift anstatt dessen erneut zu B-Ware minderer Qualität.

Genau das richtige Getränk also, um kurz darauf die Ausschussware FUDUs in Empfang zu nehmen. Etwas niedergeschlagen kommen mir die beiden Cineasten schon in die Arme gelaufen, aber immerhin haben sie den Film trotz des erwartbaren dramatischen Ausgangs bis zum Ende durchgehalten. Ich ziehe meinen Hut und sag mal: ‚Chapo!‘ und kann nun meinerseits meinen Teil dazu beitragen, um in Folge für etwas Ablenkung zu sorgen. Auf in die Brandenburg-Liga, auf nach Petershagen-Eggersdorf!

Der Neuruppiner kennt sich in Berlin und Umgebung bestens aus und so kann es ihn auch nicht schocken, dass die S-Bahn heute nur bis zum Bahnhof Lichtenberg verkehrt. Schnell ist ein Plan B geschmiedet und mit einer absoluten Glaubwürdigkeit hat er selbstbewusst vorgetragen, dass die gerade einfahrende Regionalbahn nach Strausberg für uns ein absoluter Glücksfall wäre. Der Bahnhof Strausberg (nicht zu verwechseln mit Strausberg-Nord oder Strausberg-Stadt) sei ohnehin viel näher am Spielort gelegen als der ursprünglich angepeilte S-Bahnhof Petershagen Nord – und schon springt der leichtgläubige Fetti auf den Zug. Noch während der kurzen Fahrt fällt dem jungen Mann mit der ausgeprägten Selbstsicherheit trotz grenzenloser Ahnungslosigkeit auf, dass er soeben ordentlich Paste erzählt hat und nun muss dieser kleinlaut zugeben, dass der Bahnhof Strausberg stolze 4,1 Kilometer, der Bahnhof Petershagen-Nord aber lediglich 1,4 Kilometer von der Spielstätte entfernt liegt.

Fetti lässt sich hiervon jedoch nicht die Laune vermiesen, kommt er doch am Bahnhof Strausberg in den Genuss, endlich einmal wieder eine ordentliche Portion unnützes Wissen vom Stapel zu lassen, als der Zug zum Halten kommt, sich die Türen öffnen und den Ausstieg nach beiden Seiten des Gleises ermöglichen. „Wenn sich beiderseits Bahnsteige befinden, dann sprechen wir Bahnfreunde von der ‚Barcelona-Lösung’“, referiert Fetti weltmännisch geschickt, liegt hiermit aber ebenso daneben wie der ortsunkundige Kollege aus Brandenburg bezüglich der Anreiseplanung. Zwar ist damals kein Widerspruch eingelegt worden, doch die Chronistenpflicht gebietet es, auch diesen Irrtum an dieser Stelle richtig zu stellen: Es ist die „Spanische Lösung“ – die allerdings erstmals zumindest „vermeintlich“ (Quelle: Wikipedia) in den 1930er-Jahren in der Metro Barcelona zum Einsatz gekommen war. Insgesamt also alles eindeutig weniger falsch als die Sache mit dem Ausstieg in Strausberg, Kollege.

Schon die ersten Schritte durch das „Doppeldorf“ verschaffen Klarheit darüber, dass es sich bei diesem Neologismus keineswegs um eine Erfindung der Fußballabteilung handelt. Auch die Politiker, die sich auf Werbeplakaten zur Wahl der Gemeindevertretung feilbieten, wollen „das Doppeldorf im Einklang von Mensch und Natur entwickeln“ und so scheint es sich also um offiziellen Sprech zu handeln. Sozusagen Stadtmarketing im ganz Kleinen, aber der Begriff „Doppeldorf“ bleibt trotzdem charmant. Meine Stimme würde ich dennoch dem Seebären Hans-Joachim Kannekowitz geben, der nicht nur aussieht wie eine Parodie, sondern auch noch so heißt. Außerdem überzeugt sein Wahlprogramm: „Gesunder Menschenverstand!“ – kann man ja auch mal probieren.

Einige wenige Minuten später haben wir den „Waldsportplatz“ in der „Wilhelm Pieck Straße“ erreicht. Der Cheftrainer hat sein Auto vorbildlich an dem zur Verfügung stehenden Platz abgeparkt und muss heute mutmaßlich auf Unterstützung seines Co-Trainers verzichten, dessen Parkplatz 20 Minuten vor Spielbeginn noch verwaist ist. Die Gäste aus Lübben haben die 75 Kilometer lange Reise mit zwei Neunern mit Vereinsemblem hinter sich gebracht und schon kann FUDU für 5 € pro Penis den frisch aus dem Frühjahrsputz kommenden „Waldsportplatz“ betreten.

Zu bestaunen gibt es vor Anpfiff in etwa 15 Sitzschalen auf der Längsseite, die vermutlich den Ehrenmitgliedern vorbehalten sind. Der Fanshop-Container bleibt heute leider unbesetzt und auch der Schaukasten nebenan hat vermutlich schon lange auf keine Höhepunkte mehr hinweisen dürfen. Dafür punktet das liebevoll gestaltete Vereinsheim auf ganzer Ebene und für Naturfreunde ist sicherlich auch der dichte Kiefernwald (?), der das Stadion säumt, hervorzuheben. Die Tür, die bitte immer verschlossen gehalten werden muss, damit Wildschweine nicht die Sportanlage zerstören, steht sperrangelweit offen und wir können Fetti nur mit Mühe und Not im Zaum halten. Als die gefühlsduselige Hymne  mit der wunderbaren Textzeile: „Es waren zwei Vereine, die liebten sich so sehr, sie waren wie Geschwister und noch ein bisschen mehr“ erklingt, ist jedoch endgültig kein Halten mehr. Ach, Liebe unter Geschwistern ist auf dem (Doppel)Dorf ja mitunter so’ne Sache…

Bei soviel Romantik ist jedenfalls davon auszugehen, dass der uns unbekannte Sänger im Tonstudio wohl mehrere Höhepunkte zu verzeichnen hatte, als das Spiel in den ersten 25 Minuten. Auf dem „Waldsportplatz“ zu Petershagen-Eggersdorf ist jedenfalls so lange tote Hose, bis der Ball urplötzlich im Ball der Lübbener zappelt, doch zeigt der Linienrichter unverzüglich an, dass sich der zurückgelegte Ball bereits im Toraus befunden hätte. „Kann passieren!“ wird zum geflügelten Wort und ist in der ersten Halbzeit die meist gedroschene Phrase beider Mannschaften, die sich alle 30 Sekunden irgendeinen Fehlpass oder Stockfehler schönmotivieren müssen. Schiedsrichter Toni Bauer fällt zu allem Überfluss auch noch negativ auf, indem er jeden Pfiff mit endlos langen Monologen unterfüttert – oder, wie es in den Notizen geschrieben steht: „Schiedsrichter labert schlimm viel“. So geht eine recht ereignislose erste Hälfte auf wirklich schwachem Niveau, in der die Gäste aus Lübben leichte Feldvorteile hatten, torlos zu Ende.

In der Halbzeit vermissen wir den „Blaufuchs“ schmerzlich. Das Maskottchen des „Doppeldorfs“ ist nicht nur ein blauer Fuchs im eigentlichen Sinne, sondern womöglich auch eine Hommage an einen Sponsor. Das „Hotel Blaufuchs“ befindet sich jedenfalls in gerade einmal 750 Metern Entfernung zum „Waldsportplatz“ und ist hier auf der einen oder anderen Werbebande präsent. Nicht nur die Website versprüht in Petershagen-Eggersdorf Professionalität, sondern auch das dort vorgestellte „Sponsorenkonzept“. Die scheinen auf jeden Fall einen Mann in ihren Reihen zu haben, der Ahnung studiert hat. Kann man jetzt drüber streiten, ob man voller Bewunderung auf das „Doppeldorf“ schauen und neidlos anerkennen sollte, dass man sich auf diesem Wege gut in der Liga etablieren und eigentliche „Big Player“ aus größeren Städten, wie z.B. Stahl Brandenburg, FC Schwedt, FSV Brieske/Senftenberg oder den 1.FC Guben hinter sich lassen konnte, oder ob man es etwas bedauerlich finden mag, dass man mittlerweile wohl auch in der fünften Liga professionelle Strukturen etablieren muss, um konkurrenzfähig sein zu können.

In der zweiten Halbzeit wechseln wir auf die Gegengerade. Hier stehen dem geneigten Stadionbesucher Gartenstühle zur Verfügung, welche dem heutigen Frühjahrsputz aber ganz offensichtlich nicht zugeführt worden sind. Etwas pikiert schaut Fetti schon drein, dass er sich mit seiner weißen Armani-Großstädterhose hier auf das verdreckte Provinzplastik hocken soll, aber gut, wenn man die Brandenburg-Liga komplettieren kann, muss man eben Opfer bringen. Der Platz erweist sich jedoch alsbald als recht unterhaltsam, weil sich Cheftrainer Sedlak nun in schöner Regelmäßigkeit ans uns wendet. „Kam der Ball wirklich vom Gegner?“, „War doch klar Seits, oder?“, „Erste Aktion war doch aber von der 3, oder wie seht ihr das?“. Was soll man machen, wenn einem der Co-Trainer fehlt…

Die „3“ des Gegners ist übrigens niemand geringeres als René Trehkopf, der immerhin 116 Spiele in der zweiten Bundesliga, 22 Drittligaeinsätze und 54 Regionalligapartien für Aue, Chemnitz, Cottbus und Dresden in den Knochen hat und gerade zarte 39 Jahre alt geworden ist. Wie alle anderen Akteure hat er mit den Platzverhältnissen zu kämpfen. Aus unserer neuen Perspektive ist doch ersichtlich, wie viel Sand auf den Rasen gekippt worden ist, um Löcher zu stopfen. Und wie alle anderen Akteure wird auch Trehkopf Augenzeuge des ersten mustergültigen Angriffs des heutigen Abends. Zwei-Drei Pässe können die „Doppeldorf“-Kicker an den Mann bringen, was Keeper Rudolph bereits zu einem euphorischen „Das ist Fußball!“-Ruf veranlasst, doch diesen hätte er sich ruhig noch wenige Augenblicke aufheben können. Der Pass nach Linksaußen ist jedenfalls perfekt angebracht, die Flanke wohl temperiert, die Direktabnahme mit der Innenseite in den rechten oberen Winkel mustergültig. Maurice Ulm lässt sich nach 60 Minuten zurecht feiern, dazu läuft der „Superperforator“ aus dem „Schuh des Manitu“ als Torjingle. Unter diesen Umständen würde uns ein 1:0 genügen.

Ein Gefallen, den uns die nun befreit aufspielenden Hausherren nicht tun wollen. Nur neun Minuten nach dem 1:0 legt Anton Feiler nach einer Flanke von der rechten Seite per Kopf zum 2:0 nach. Im Anschluss wird wieder gebolzt und gestümpert, was das Zeug hält und hätte Lübbens Verteidiger Leupold nach 89 Minuten nicht völlig unbeholfen einen „Doppeldorf“-Angreifer im Strafraum von den Beinen geholt, hätte man auch keine weiteren Worte über das Spiel verlieren müssen. So aber kommt Kapitän Resad Demann noch in den Genuss, per Strafstoß auf 3:0 zu erhöhen. Im Anschluss holen sich die Mannen um Ex-Unioner Michael Kohlmann den verdienten Applaus der 171 Zuschauer ab – Schiedsrichter Bauer, der Name ist Programm, hat das Spiel soeben nach 89 gespielten Minuten um 16.44 Uhr abgepfiffen. Den 24. Spieltag beendet Petershagen-Eggersdorf auf Rang 11, Lübben auf 12 – womit auch in etwa das fußballerische Niveau des Spiels adäquat zusammengefasst wäre. Die Tabelle lügt eben doch nicht!

Für die Rückfahrt decken wir uns im Edeka am Kreisel noch mit einem Wegbier ein. Irgendein Aushilfsronny muss beim Auffüllen der Regale gestolpert sein, anders ist es nicht zu erklären, warum unsere Biere auf dem Weg zur S-Bahn dermaßen durch die Decke gehen. Welch eine überschäumende Freude – auch über die Unwägbarkeiten der Berliner S-Bahn. Der Zug aus Petershagen-Nord kommt aufgrund einer Signalstörung bereits in Mahlsdorf zum Erliegen und die dort einsetzende S5 schafft es mit Hängen und Würgen gerade so bis Wuhletal. Hier kann man dann aber glücklicherweise in die U5 hüpfen und die letzten Meter der Reise unterirdisch antreten. Wäre ja auch gelacht, wenn im Berliner Nahverkehr irgendwann irgendetwas mal komplikationslos vonstatten gehen würde. Aber, um es mit der B-Ware FUDUs zu sagen: So lange sie uns nicht über Kolumbien schicken, wird uns schon nichts passieren… /hvg

Und jetzt alle: Es waren zwei Vereine, die liebten sich so sehr, sie waren wie Geschwister und noch ein bisschen mehr… ♪♫♪

22.04.2019 BSV Eintracht Mahlsdorf – SC Charlottenburg 3:1 (1:1) / Sportplatz am Rosenhag / 54 Zs.

Am Montagmorgen zeigt sich der nimmermüde Fetti von den Erlanger Alkoholeskapaden gut erholt und unternehmungslustig wie eh und je. Nach einem entspannten Couchsonntag ohne Fußball sollte es heute tunlichst ein neues Abenteuer geben, möchte man meinen, wenn man sich das arme Schwein so aus der Nähe betrachtet. Wie es schon wieder aufgeregt mit dem Ringelschwänzchen wackelt, wie es rastlos durch den Flur hastet, wie es auf der Suche nach neuen Trüffeln die Schnauze in den Groundhopping-Informer bohrt. Da kann die Devise für den Menschen zwangsläufig nur lauten: Keine Erschöpfung vortäuschen, die dumme Sau will schon wieder beschäftigt werden.

Da sich meine Reiselaune jedoch noch in überschaubaren Grenzen hält, kann ich mit Fetti wenigstens einen Kompromiss aushandeln. Heute kümmern wir uns endlich einmal um die Komplettierung der Berlin-Liga, in der es sozusagen in der Nachbarschaft noch den einen oder anderen Sportplatz abzuklappern gilt, anstatt quer durch die Republik zu düsen. Nur 18 Minuten Fahrzeit müssen heute bis zum S-Bahnhof Mahlsdorf in Kauf genommen werden, um am Ostermontag ein Kreuz machen zu können. Klingt entspannt – und Fetti kommt mal wieder an die frische Luft.

Die Fahrt verläuft zunächst einmal ereignislos, jedenfalls in den ersten 23 Sekunden. Dann bleibt die Bahn auf offener Strecke zwischen Warschauer Straße und Ostkreuz stehen und eine Durchsage von „technischen Problemen“ verheißt nichts Gutes. Schlimmer noch, dass sich nur ganz kurz darauf herausgestellt hat, dass das Familiensystem auf dem Vierersitz neben mir, bestehend aus einem Satellitenelternpaar und einem Terror-Sören, hier ganz offensichtlich den größten Schaden vorzuweisen hat. Ich habe meine helle Freude damit, zu beobachten, wie der kleine Teufel durch das Abteil tobt und seinen Eltern auf der Nase herumtanzt. Ein Trauerspiel, wie die Eltern all dies über sich ergehen lassen und wie jedes Verbot als liebevoll formulierte Bitte an Klein Sören herangetragen wird. Sören denkt jedoch gar nicht daran, eine dieser Bitten auch nur in Ansätzen Folge zu leisten und anstatt nun eine Konsequenz folgen zu lassen, orientiert man sich eben an Sörens Bedürfnissen. „Oder möchtest Du doch lieber noch einmal durch den Wagen rennen?“. Ihr Kind darf sich eben frei entfalten, da muss man dann auch damit leben, dass der fünfjährige Junge zu seinem Vater „Chill mal, Alter!“ und zu seiner Mutter „Ist jetzt mal Ruhe im Karton?“ sagt. Wird sicher später mal ein wertvoller Teil der Gesellschaft, dieser Wildfang. Mit fantastisch ausgeprägten Sozialkompetenzen. Und immer in der Lage, sich in gewissen Situationen unterzuordnen und Kompromisse zu schließen, wenn es notwendig ist. Da bin ich optimistisch.

In der Zwischenzeit ist der „schadhafte Zug“ in Berlin-Lichtenberg ausgetauscht worden und ich habe mir einen Platz fernab der Sozialen Arbeit gesichert. So vergehen also auch die letzten 23 Sekunden der Fahrt ereignislos. Kurz darauf betrete ich das „Grillhaus Mahlsdorf“ und bestelle einen Döner mit Sucuk. Dies hat zur Folge, dass ich dem guten Mann erklären muss, was ich mit dieser Bestellung denn meine und er reagiert gleichermaßen überrascht wie begeistert: „Was? Sowas gibt’s auch?“. Jede Wette, dass das „Grillhaus Mahlsdorf“ schon bald auf den unaufhaltbaren Knoblauchwurstzug aufspringen wird. Noch aber kredenzt man 1500 Meter von der brandenburgischen Landesgrenze entfernt der Stadtrandbevölkerung ausschließlich Döner Kebap à la 1999. Nix mit gegrilltem Gemüse, kein Schafskäse und hau mir ab mit einem Spritzer Limette. Komm mal schön von deinem hohen Ross herunter, Innenstädter! Ich jedenfalls falle mit meinen Wünschen derart unangenehm auf, dass ich meinen Döner und das Berliner bezahlen muss, bevor ich auf der Terrasse Platz nehmen darf. Bis um 12.45 Uhr scheint mir hier die Sonne ins Gesicht und so lässt sich die kulinarische Zeitreise zurück in meine Jugend ganz gut aushalten.

Auch der Fußweg zum Rosenhag knüpft nahtlos an diese Dekade meines Lebens an und so hat die spießige Einfamilienwohnhaussiedlung durchaus das Potential, an Heiligensee, Konradshöhe und Co zu erinnern. Unschlagbar schlimm sind die Dekorationsartikel, die der gemeine Mahlsdorfer offenbar gerne in Fenster und vor Eingangstüren stellt oder an Wände hängt. „Zu Hause ist dort, wo jemand bellt, um dich zu begrüßen!“ landet letztlich auf dem ersten Platz der kitschigen Grausamkeiten, regt mich aber auch zum Nachdenken an. In meiner Wohnung fühle ich mich jedenfalls selten bis nie „zu Hause“, war bislang aber davon ausgegangen, dass dies andere Gründe haben könnte. Wenn’s jetzt wirklich an einem fehlenden Kläffer liegt, wünsche ich mir an der Stelle doch glatt, dass ich in meinem Leben nie wieder ein zu Hause haben werde…

Der Kiezspaziergang wird glücklicherweise durch die Gewerbetreibenden des Viertels aufgewertet. An den „Frisurentrends“ aus Mahlsdorf (vergesst Rom, Paris, Erkner!) kann ich noch gerade eben so vorbeigehen, doch bei 26 Jahren „Intimvitrine“ drohe ich schwach zu werden. Annerose „Röschen“ Koschinski (70) betreibt einen Sexshop in ihrer Gartenlaube in der Florastraße. Zu schön, um wahr zu sein. Mein lieber Kokoschinski, heute ist ja Ostermontag und sämtliche Geschäfte sind geschlossen, fällt es mir bald wie Schuppen von den Augen. Schade, kann das Röschen wohl nicht defloriert werden…

Kurz nachdem das erotische Momentum in die Hose gegangen ist, stehe ich auch bereits vor dem „Sportplatz am Rosenhag“. Gegen eine Eintrittszahlung in Höhe von 5 € darf man den Sportplatz ohne jegliche Ausbauten betreten. Wegen des enormen Zuschauerandrangs (alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation) wird das Spiel mit einer fünfzehnminütigen Verspätung beginnen. So bleibt genügend Zeit für einen kleinen Stadionrundgang und der Mahlsdorfer Schilderwald setzt sich fort. Fahrradfahren verbieten entspricht schon mal ganz meinem Geschmack, wird aber durch ein wunderschönes hundefeindliches Meisterwerk getoppt. „Hunde sind unerwünscht“ – was zumindest diesen einen Nachbarn als potentiellen Stadionbesucher ausschließen wird. Der fasst sich sicherlich just in diesem Moment an den Kopf: Und das bei einem Heimspiel? Wie soll man sich denn da wie zu Hause fühlen?

Kaum ist der Ärger über das Aufwärmtor verflogen, welches dergestalt versetzt auf der Tartanbahn herumsteht, dass die eine oder andere optische Täuschung beim Fußballgucken entsteht und welches die Fotomotive zudem enorm abwertet, sind auch schon die ersten 20 Minuten des Spiels ereignislos ins Land gezogen. Sieht ja aus wie in der Kreisliga – auf und neben dem Rasen. Nach eben diesen 20 Minuten zieht Mahlsdorf das Tempo erstmals an und geht nach einem ersten gut vorgetragenen Angriff direkt in Führung. Borchardt tankt sich auf der rechten Außenbahn durch, spielt den Ball mustergültig in den Rücken der Abwehr, wo Christoph Zorn wieder einmal an der richtigen Stelle steht und nicht nur eiskalt einschiebt, sondern sich auch derart robust gegen Charlottenburgs Verteidiger Steinert durchsetzt, dass dieser nach dem Treffer minutenlang behandelt und schließlich ausgewechselt werden muss. Bereits das 10. Saisontor von Zorn – sein 131. Karrieretor in der Berlin-Liga. Der Mann weiß, wie man sich im Strafraum bewegt.

In Folge spiegeln sich die Kräfteverhältnisse auf dem Rasen deutlich besser wider. Der Tabellensechste aus Mahlsdorf, der der Berlin-Liga seit 2006 angehört und in schöner Regelmäßigkeit in der Spitzengruppe mitmischt, spielt den Aufsteiger aus Charlottenburg nun kurzzeitig an die Wand. Der sportliche Leiter Torsten „Dackel“ Boer hat wieder einmal eine schlagkräftige Truppe zusammengestellt, zu der in diesem Jahr auch die drei Ex-Unioner Fritsche, Mrkaljević und Antunović gehören. Der Kader ist in der Spitze also bestens aufgestellt, nur in der Breite scheint es etwas zu mangeln. Neben Ersatzkeeper Greulich ist heute Adrian Antunović der einzige Auswechselspieler, der Trainer Volbert zur Verfügung steht.

Während ich diese Beobachtungen tätige, hat Christoph Zorn zwei weitere Hochkaräter auf dem Fuß. In der 25. Minute scheitert er nahezu unbedrängt aus fünf Metern Entfernung, zwei Minuten später setzt er zu einem sehenswerten Dribbling an, schickt zwei-drei SCC-Verteidiger ins Kino und lässt auch den letzten Verteidiger mit einem Haken ins Leere laufen, platziert dann den Heber aber lediglich auf das Tordach (auf das echte Tor, nicht auf das Aufwärmtor, glaube ich). Wer solche Gelegenheiten ungenutzt lässt, wird auch in der Berlin-Liga bestraft und so kommen die Gäste aus heiterem Himmel zum Ausgleich. Eine Freistoßflanke auf den ersten Pfosten kann Barz irgendwie über die Torlinie löffeln (33.). So geht es mit einem eher schmeichelhaften Remis in die Kabinen, das im zweiten Abschnitt aber für Spannung sorgen könnte.

In der Halbzeitpause statte ich natürlich dem Imbisswagen des Sportplatzes einen Besuch ab. Das Bier für 2,50 € erhalte ich jedoch leider nicht von der Tochter der Familie, die heute offenbar besseres zu tun hat, als ihren Vater beim Verkauf zu unterstützen. Es wäre sicherlich ein schönes Wiedersehen geworden, schließlich war sie es, die auf einer Hochzeitsfeier im Sommer 2013 hinter dem Tresen stehend dafür gesorgt hat, dass ich Baumstammsägen, Strumpfbandversteigern und manch unangenehmen Gast gerade so überlebt habe. Ein unvergesslicher Abend voll der Selbstgeißelung! Klar, dass die wohl schönste Erinnerung an diese Feier daher aus der S-Bahn-Fahrt nach Hause rührt und in der die Bardame eine zentrale Rolle spielt. Unvergessen, wie der feingeistige „Schurke“, kurz nachdem sie ihr Deodorant nach Abfahrt zum Einsatz gebracht hatte, lauthals durch die Bahn blökte: „Boah, Alter. Hast Du das Ding auf Nutte eingestellt?“. Naja, trotz dieser humorigen Randanekdote ist eines gewiss – sollte ich in meinem Leben jemals wieder auf einer Hochzeit (meine eigene inkludiert) erscheinen, dann könnt ihr Euch als Einladende aber sicher sein: Euch mag ich wirklich!

Die zweite Halbzeit beginnt ähnlich zäh wie die erste. Charlottenburg dicht gestaffelt, Mahlsdorf vorsichtig abtastend. Gut, dass der Wind da andere Pläne geschmiedet hat und nur zehn Minuten nach Wiederanpfiff eine eher harmlose Ecke unberechenbar auf den zweiten Pfosten verlängert, an dem natürlich Christoph Zorn parat steht, um das krumme Ding über die Linie zu drücken. So etwas kann einen Matchplan natürlich auch zunichte machen – der SCC hat nach diesem Schockmoment jedenfalls deutlich sichtbare Probleme, die Ordnung wiederherzustellen und Mahlsdorf drückt die folgenden 20 Minuten ordentlich auf die Tube, um hier den sprichwörtlichen Deckel drauf zu machen. Bis es jedoch so weit sein wird, wird mir erneut vor Augen geführt, dass man keine großen Hoffnungen in nachfolgende Generationen setzen sollte. Dieses Mal ist es ein kleiner Junge, der von seinem großen Bruder eine Schale Pommes mit Ketchup serviert bekommt, sogleich zu heulen und stampfen beginnt und die Mahlzeit wutentbrannt auf die Tartanbahn pfeffert. „Ich wollte ohne Ketchup!!! Geh neue holen!“. Ich als Vater würde jetzt vermutlich irgendetwas pädagogisch sinnvolles entgegnen (die Bandbreite reicht von „Bist du bescheuert, oder was?“ bishin zu „Kannst schön die Pommes ohne Soße von der Rennbahn lecken, du Leichtathlet!“), aber Parenting 2000 geht offenbar anders. Da ist man dermaßen stolz auf die Willens- und Meinungsstärke des Sprösslings, dass man selbstredend ohne jegliche Widerworte gen Imbiss trottet und eine neue Portion käuflich erwirbt, von der der kleine Teufel dann vier Pommes essen und dann satt sein wird.

Wird sicher später mal ein wertvoller Teil der Gesellschaft, dieser Wildfang. Mit fantastisch ausgeprägten Sozialkompetenzen. Und immer in der Lage, sich in gewissen Situationen unterzuordnen und Kompromisse zu schließen, wenn es notwendig ist. Da bin ich optimistisch, sagt Fetti und möchte am Liebsten wieder nach Hause. Genug Menschen, genug frische Luft für heute.

Glücklicherweise kann ich ihn jedoch überreden, noch bis zum Abpfiff auf der Sportanlage zu verweilen. So kommen wir in den Genuss einer sehenswerten Koproduktion der Ex-Unioner: Fritsche hebelt mit einem Pass die Abwehrkette des SCC aus, Mrkaljević läuft alleine auf Gästekeeper Bauer zu und verwandelt eiskalt (73.). Eine gute Viertelstunde später holen sich die lila-weißen Eintracht-Akteure dann den verdienten Applaus der 54 zahlenden Zuschauer ab, darunter auch fünf Ultras hinter einer Zaunfahne. FUDU hat genug gesehen und macht flinke Füße, um vor dem Rest des Mobs am einzigen Pissoirs der Sportanlage ankommen zu können. Das Kreuz am Rosenhag kann uns jetzt keiner mehr nehmen. Und bis „nach Hause“ sind es ja glücklicherweise auch nur 18 Minuten… /hvg

 

20.04.2019 ATSV Erlangen 1898 – SpVgg Ansbach 09 3:0 (2:0) / ATSV-Sportanlage Paul-Gossen-Straße / 140 Zs.

Irgendwann am späten Karfreitagabend sind die beiden wilden FUDU-Männer damit fertig geworden, im „Abgedreht“ den Grundstein für einen etwas getrübten Zeitzeugenbericht aus Erlangen zu legen.

Um 3.39 Uhr befindet sich neben FUDU auch halb Spanien in der S-Bahn. Feierwütiges Volk. Irgendeine völlig orientierungslose Frau ist auf der Suche nach der Schillingbrücke, warum auch immer. Noch fühlt sich FUDU angenehm überlegen, wie jedes Mal, wenn sich irgendjemand in der Nähe befindet, der noch derangierter ist, als man selbst. Dass sich an diesem Umstand zeitnah etwas ändern könnte, deutet sich eine knappe Stunde später an, als direkt nach Abfahrt des ICE in Richtung Erlangen osteuropäische Bierspezialitäten zischend zum Öffnen gebracht werden. Wo mag diese Rutsche „Żubr“ wohl schon wieder hergekommen sein? Wisent wir nicht, hat uns aber vermutlich irgendein polnischer Obdachloser vor dem Bahnhof aus bloßer Solidarität zugesteckt. Ein Gewinnspiel steigert unser Interesse an dem Bier zusätzlich. Teile der Reisegruppe zeigen sich zwar leicht überrascht, dass es in der polnischen Sprache überhaupt ein Wort für „Gewinner“ gibt, aber das soll uns nun nicht daran hindern, an selbigem teilzunehmen. Vielleicht heißt es auf der Sonnenseite des Lebens also bald: Fetti und die Złoty-Millionäre. Freut Euch drauf!

Weniger groß ist die Vorfreude auf das Frühstück, welches seit knapp zwei Stunden im Jutebeutel nachreifen durfte. Der gute „Backwerk“-Hot-Dog, der vermutlich ohnehin bereits seit Freitagabend in der Auslage gelegen hatte, hat mittlerweile die Tüte durchgefettet und eine Konsistenz angenommen, die jeden Saumagen vor eine echte Herausforderung stellt. Wie gut, dass Fetti noch etwas zum Nachspülen dabei hat, während der „Fackelmann“ bereits die Recherchemaschine glühen lässt. Zunächst begibt er sich auf die Suche nach einem Hotel in Nürnberg – allerhöchste Eisenbahn, wenn man plant, heute dort übernachten zu wollen. Ärgerlich, dass Nürnberg aktuell hoch im Kurs liegt und die Preise durch die Decke gehen. Ja, wie rechtzeitig soll man sich denn noch um sowas kümmern?, echauffiert sich „Facki“ und muss die Suche notgedrungen auf den Großraum Franken ausweiten. „Wohl dem, der um 20.57 Uhr eine Rückfahrt in der Tasche hat und schon um 0.31 Uhr wieder zurück in Berlin sein wird“, denke ich mir, als mein Gegenüber die Hotelsuche bereits wieder abgebrochen und den Fokus auf die wesentlichen Dinge des Lebens gerichtet hat: „Fürth II spielt heute gegen Nürnberg II“.

Glücklicherweise bringt diese Erkenntnis unseren Ursprungsplan, dem ATSV Erlangen einen Besuch abzustatten, aber nicht mehr ins Wanken. Das Derby der Zweitvertretungen ist gottlob parallel zum Auftritt des 1.FC Union Berlin bei der SpVgg Greuther Fürth angesetzt. Damit auf der „Sportanlage Burgfarrnbach, Konrad-Ammon-Platz“ auch wirklich gar nichts schiefgehen kann, haben die Sicherheitsbehörden sicherheitshalber – dafür sind sie ja da – für heute auch ein Spiel der ersten Herren des 1.FC Nürnberg in Leverkusen terminiert. Scheiß Krawallos…igkeit. So etwas will Fetti nicht sehen – und auch die absolute Geschmackslosigkeit, ein Fußballstadion nach einem Schweinemetzgermeister zu benennen, kann einem schon mehr als übel aufstoßen…

„Yeeeees!“, ruft der „Fackelmann“ mit geballter Becker-Faust euphorisiert ins Großraumabteil. „Mein Gott, kann dem Jungen vielleicht mal jemand das Handy wegnehmen, was hat er denn jetzt schon wieder?“ ist ein Gedankengang, der nicht lange unkommentiert bleibt. „Der ‚Schwarze Ritter‘ macht um 8.00 Uhr auf!“, lässt er als Begründung auf die Jubelarie folgen. Bei einer erwarteten Ankunftszeit von exakt 8.00 Uhr in Erlangen kann man sich natürlich schon mal freuen, dass die Kneipe, die man aus seinem Auslandssemester in Franken in guter Erinnerung hat, deckungsgleich öffnet. Doch nur kurz darauf verfinstert sich seine Miene: „Hmm, nee, Abbruch – die macht um 8 zu!“.

Trotz dieser ernüchternden Erkenntnis verlassen Fetti und seine Freunde kurz darauf planmäßig die Bahn. Für ein zweites Frühstück empfiehlt „Fackelmann“ die „Metzgerei Walk“. „Drei im Weggla“ (oder Weckla – angesichts dieser heiß diskutierten Frage wird in Franken höchstwahrscheinlich irgendwann einmal ein Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen…) kosten hier 2,55 €. Da lässt sich unsereins nicht lumpen und holt den ersten 50 € Schein aus dem ostdeutschen Reisekoffer. Die burschikose Fleischereifachverkäuferin (→ die grobe Dicke) hinter dem Tresen händigt 30 € Wechselgeld in Papierform aus und schüttet etliche Kilo Münzen hinterher. Bevor ich auch nur irgendwie reagieren kann, ist sie präventiv tätig: „Beschwern Sie si‘ ned, hädd a glänner sei könner!“.

Ob sie die Würstchen oder das Münzgeld meint, bleibt zunächst einmal offen. Wir schleichen lieber ohne Widerworte von dannen und werfen dank unseres ortskundigen Stadtführers einige Blicke auf die Sehenswürdigkeiten Erlangens. „Sagen Sie mal junger Mann, ich hätte mal ’ne Frage. Da rechts da steht doch so ’ne Kirche, wie heißt die denn?“. Nach Beantwortung all unserer Fragen zeigt man uns noch das „Markgräfliche Schloss“ samt Schlossgarten, Orangerie und Hugenottenbrunnen. „Fackel“ ist ein netter junger Mann, was der sich alles merken kann. Es gibt ja so viel Wissenswertes über Erlangen!

Plötzlich taucht „Richard Martin“ auf, also in den Notizen. Nicht auszuschließen, dass er bereits seit Berlin unter dem Tisch gelegen hatte, doch nun ist nachweislich er es, der das beeindruckende Kulturprogramm verknappt zusammenfasst: „Schön. Aber wo wird jetzt das Fass angestochen?“.

Bezug nimmt er hiermit auf das „Erlanger Frühlingsfest“, welches genau heute seine Pforten für Besucher öffnen wird. Offenbar hat sich bei seinem flüchtigen Blick auf ein Werbeplakat am Hauptbahnhof nur die Information „Bieranstich“ gesetzt, doch der Rest der Reisegruppe kann die fehlenden Koordinaten komplettieren. „Auf dem Schlossplatz, aber erst ab 10.00 Uhr! Stunde musste noch durchhalten!“.

Mit Mühe und Not gelingt es, den dritten wilden Mann im Zaum zu halten, doch irgendwann wird der Druck zu groß und der unbändige Bierdurst bahnt sich seinen Weg. Bereits um 8.50 Uhr kratzen wir daher an die noch verschlossenen Türen des „Mireo“, welches eigentlich erst in zehn Minuten öffnen wird. Der Kellner schließt etwas irritiert die Gaststätte auf und wundert sich angesichts der bereits wartenden Gäste: „Ist denn heute irgendetwas besonderes?“ – „Ja, Samstag!“, schallt es ihm aus drei durstigen Kehlen zurück. Kurz darauf steht ein drittes (?) Frühstück, drei doppelte Espressi (Sorry für soviel polyglottes Bildungsbürgertum an der Stelle!) und drei „Mönchshof“ vom Fass auf unserem sonnigen Terrassentisch, an den wir um 8.53 Uhr platziert worden sind. Puh, diese lange Durststrecke hätte übel enden können.

Eine Stunde später, wer hätte es geahnt, haben die drei tapferen FUDU-Schweine den Schlossplatz erreicht. Leider sind sämtliche Bierzelte und Fahrgeschäfte noch verschlossen, nur am Stand der „Brauerei Heller“ herrscht bereits rege Betriebsamkeit und die Tresenkraft agiert als pfeifender Schweinefänger von Erlangen. Den kleinen Stimmungsaufheller für zwischendurch bezahle ich auf Heller und Pfennig mit dem vorhin erhaltenen Wecklageld. Wäre ja auch Quatsch, all das Gold länger als nötig mit sich herumzutragen. Kurz nachdem wir die Gläser erhoben haben, erfahren wir, dass es erst heute Abend um 17.00 Uhr heißen wird: „O’Zapft is!“. Klar, dass man sich bei dieser FUDU-unfreundlichen Terminierung nicht zwei Mal bitten lässt und zur Verwunderung der Einheimischen ein knackiges „Anstichzeiten fair gestalten“ über den Schlossplatz hallen lässt.

So geht man jedenfalls nicht mit Gästen um. Klar, dass uns nun nichts mehr in Erlangen hält. Bereits um 11.02 Uhr nehmen wir den neunminütigen Teufelsritt nach Fürth in Angriff. Die Fahrzeit ist für eine Fürther Kutte gerade lang genug, um einem mitreisenden Unioner gleich mehrere grenzdebile Fragen zu stellen. Mit einem bedrohlichen „Eine Frage hast Du noch“ – samt erhobener Hand – beendet der Berliner das unangenehme Schauspiel. Nicht auszuhalten, wenn jemand, der Franken vermutlich noch nie verlassen hat, nach 30 Jahren Mauerfall in Erfahrung zu bringen versucht, wie der Lebensstandard im Osten denn mittlerweile so aussehen möge.

Der „Fackelmann“ erzählt uns von der Rettung des „Labieratorium“ in Cottbus und reicht eine Probierpulle für den Fußweg zum „Ronhof“. Die leere Flasche (8 Cent bares Geld!) stelle ich an einer Tankstelle an den Bordstein, was drei Fürther Senioren meckernd auf den Plan ruft und schnell die Frage im Raum steht, warum ich meinen Müll am Straßenrand stehenlassen un dnicht ordnungsgemäß entsorgen würde. Ich verzichte auf eine Diskussion mit den Provinzlern und gehe ein kalkulierbares Risiko ein. Schwerer Pfandfriedensbruch – könnte später in meiner Verurteilung stehen.

Knapp zwei Stunden später hat der 1.FC Union Berlin bei den Greuthern (nimm das, Fürther Sambaultragruppe!) immerhin ein 1:1 Remis erkämpft und wir besinnen uns direkt nach Abpfiff auf das, was wir uns im Vorfeld der Reise vorgenommen hatten. Ich zitiere aus „Fackelmanns“ letzter Textnachricht: „Arbeitstitel lautet dann 15:05 mit dem Bus ab Fürth Friedhof. Oder netten Autofahrer suchen“.

Aber da haben wir die Rechnung ohne das Fürther Verkehrsaufkommen gemacht. Unklar, ob sich Ottfried Fischer auf irgendeiner Kreuzung zum Mittagsschlaf gebettet hat, der „Superstau“ ist aber nicht von der Hand zu weisen. Hier kommt kein Bus und kein freundlicher Autofahrer auch nur annähernd schnell genug voran, um den 16.00 Uhr Anpfiff in Erlangen gewährleisten zu können. So bleibt uns gar keine andere Wahl, als mit einem Wegbier in den Händen entspannt an der Blechlawine vorbei zu laufen und darauf zu hoffen, dass der Verkehr irgendwann wieder genauso flüssig laufen wird wie unser Gerstensaft und man dann in irgendein Taxi springen können wird. Wie das Schicksal so will, löst sich die Stauung  a u s g e r e c h n e t  auf der Erlanger Straße in Wohlgefallen auf und das erstbeste Taxi, das parat steht, ist nicht irgendein Taxi, sondern eines des „Taxiunternehmen Sandra Schultheiß“. Na dann: Bierkutscher, fahr uns in die Gossenstraße!

Die große fränkische Hafenrundfahrt zu dem heiß ersehnten Spiel der Bayernliga Nord kostet FUDU stolze 30 €. Unbezahlbar ist der Schreck, der einem in die Edi Glieder fährt, als ersichtlich wird, dass drei Minuten vor Anpfiff noch keinerlei Betriebsamkeit auf dem Sportplatz herrscht. Außerdem ist „Richard Martin“ plötzlich verschwunden, also aus den Notizen. Wenigstens stellt sich alsbald heraus, dass wir nicht etwa zur falschen Zeit am falschen Ort eingetroffen sind, sondern lediglich an einem Nebenplatz an der Straße gestrandet sind und sich das Hauptfeld der Sportanlage etwas im Hinterland versteckt. Angesichts dieser guten Nachrichten kann man das Verschwinden des Freundes natürlich verschmerzen.

Für 6 € erschleichen wir uns zum 16.01 Uhr ermäßigten Eintritt auf die „ATSV-Sportanlage Paul-Gossen-Straße“. Der Ball rollt zwar bereits seit einer Minute über den grünen Rasen, doch Fetti, schon längst mit Schwanklizenz und Schnapsatmung ausgestattet, muss sich erst noch ein weiteres Kaltgetränk organisieren, bevor er sich der sportlichen Komponente des Nachmittags zuwenden kann. Zwar darf pure Vernunft niemals siegen, doch irgendetwas reitet ihn nun dazu, in der Vereinsgaststätte des ATSV lieber ein Radler zu ordern. Hat er wahrscheinlich in der Suchtberatung gelernt – 0,25 Liter Limo im Bier machen bekanntlich 10 Halbe locker wieder wett.

Glücklicherweise haben Fetti und seine Freunde rechtzeitig genug auf der Haupttribüne Platz genommen, um den Doppelschlag von Ahmet Kulabas, bekannt aus Liga 3 und den Regionalligen, in Minute 18 und 24 live und in Farbe miterleben zu können. Der verwandelte Handelfmeter in Folge einer Ecke zum 1:0 darf getrost eine schnöde Randnotiz bleiben, das 2:0 nach traumhaftem Doppelpass von Forisch und Yüce, abgeschlossen mit dem Außenrist ins lange Eck, ist dagegen wesentlich sehenswerter. Klar, dass bei einer derartigen Steigerung auch die Tormusik in nichts nachstehen darf und so dröhnen nach dem zweiten Treffer ballermanneske Klänge über den Sportplatz. Feiern ohne Ende – 138 Franken und zwei FUDU-Schweine in Ekstase!

Auch in Folge wird der ATSV spielbestimmend bleiben. Zwei-drei weitere gute Gelegenheiten lassen die Hausherren jedoch ungenutzt, während die Gäste mit einer hochnotpeinlichen Schwalbe nach 37 Minuten für den letzten Aufreger der ersten Hälfte sorgen. Doch Schiedsrichter Ziegler ist zu souverän, als dass er auf eine solch plumpe Täuschung hätte hereinfallen können und auch das fachkundige Publikum erteilt dem Ansbacher eine Absage: „In Oberbayern wird sowas net gpfiffen!“. Word.

In der Halbzeitpause bauen die emsigen Helfer des ATSV bereits den Grill ab und schieben so Fettis Pläne, es im Kampf gegen die Promille nach einem Radler nun auch noch mit Nahrungsaufnahme zu versuchen, einen Riegel vor. Die zweite Hälfte wird lümmelnd auf dem Gegengerade-Grashügel verfolgt. Klar, dass sich Narkoleptiker „Fackelmann“ da nicht mehr lange auf den Beinen halten kann und zu einem gepflegten Nickerchen übergeht. Fetti, das Wiener Schnitzel, sieht sich angesichts seiner dösenden Hopperfreunde skeptischen Blicken der Einheimischen ausgesetzt, fasst aber mit viel Schmäh souverän zusammen: „Joa mei, so ist’s halt in der Gossen!“.

Das Spiel ist in der Zwischenzeit ohne weitere Aufreger (bis auf die Einwechslung von Max Störzenhofecker und einer gelb-roten Karte für Johannes Meyer) in der Nachspielzeit angekommen und just in dem Moment, in dem „Fackelmann“ auch das zweite Auge öffnet, zappelt der Ball ein drittes Mal im Tornetz der Ansbacher. Ein wunderschöner Fernschuss von Lucas Markert aus gut zwanzig Metern ist soeben samt Pfosten- und Lattenberührung im Kreuzeck eingeschlagen und setzt der Partie die Krone auf.

FUDU ist nun pünktlich zum Abpfiff wieder hellwach und der Nachmittag klingt im Biergarten mit „Steinbach Bräu“ aus. „Fackelmann“ verschwindet kurz darauf aus den Notizen und taucht einen Tag später in Aschaffenburg wieder auf. Aber da bin ich bereits längst wieder in Berlin (…wohl dem, der die 20.57 Uhr Verbindung in der Tasche hatte!) angekommen, erhole mich von den Reisestrapazen und bereite mich auf den Ostermontag in Mahlsdorf vor. Kann man ja nur hoffen, dass man da vielleicht ohne Radler über die Runden kommen wird… /hvg

19.04.2019 SV Tasmania Berlin – Berliner SC 1:0 (0:0) / Werner-Seelenbinder-Sportpark / 185 Zs.

Alle Jahre wieder, stirbt das Jesuskind. Man verzeihe mir diesen gotteslästerlichen Einstieg, aber mit religiösen Feiertagen kann unsereins nun einmal einfach nichts anfangen. Jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Da gibt es schon andere Gründe, die man sich konstruieren muss, um sich auf Karfreitag, Ostermontag und Co zu freuen. Angefangen damit, dass sich gut 80% der zugezogenen Provinzler plötzlich daran erinnern, dass progressives Großstadtleben nicht immer erfüllend ist und sich diese dann genötigt fühlen, für einige Tage Karriere gegen Familien- und Kirchenbesuch in der Heimat einzutauschen. Für mich besteht die Freude an Feiertagen dieser Art in erster Linie schlicht und ergreifend darin, nicht arbeiten zu müssen und dass in Berlin dieser christliche Quatsch das Leben derjenigen, die eben auch dann nicht in die Kirche gehen wollen, wenn es im Kalender steht, nicht komplett zum Erliegen bringt. So habe ich am Karfreitag meinen Spaß damit, dass der gottlose Berliner Fußballverband den Mut aufbringt, einige Spiele in der Verbandsliga anzusetzen. Auch Fetti ist hellauf begeistert, verknüpft die Tradition mit der Moderne und ruft die für heute gültige Parole aus: Egal ob FUDU-Ferkel oder Jesus, niemand sollte groundlos sterben!

Trotz des Feiertages öffnet mir gleich der erste Späti auf dem Weg zum Ostkreuz die Pforten. Halleluja. An der Stelle, an der sonst die „Berliner Pilsner“ stehen, herrscht heute aber gähnende Leere im Kühlschrank. Offenbar habe ich es hier mit einem Integrationsprojekt zu tun, anders kann ich es mir nicht erklären, warum mich der freundliche Muselmann hinter der Theke derart perfide an die Karwoche gemahnt. In dieser soll sich der gemeine Christ schließlich an das Leid, Sterben und den Tod Jesu Christi erinnern und der Karfreitag ist nun einmal ein gebotener Fasten- und Abstinenztag, möchte er mir vielleicht noch erklären, aber da hat Fetti längst seine Auferstehung gefeiert und zum 30 Cent teureren „Schultheiss“ gegriffen. Soll ja keiner länger leiden, als nötig.

Der „Boxi“ ist an diesem sonnigen Freitag deutlich leerer als sonst, was die oben genannte Theorie der temporären Rückzüge auf angenehme Art und Weise untermauert. Weniger schön ist die zweite Validierung dieser Hypothese, die Fetti angesichts des anstehenden Auswärtsspiels in Fürth am morgigen Karsamstag zu spüren bekommen hatte. Wenn sich zu viele Menschen auf einmal in die selbe Richtung bewegen, kann das bei „Die Bahn“ (!) schon einmal die Preise versauen. Eines ist schon jetzt klar: Wenn Fetti morgen um 4.28 Uhr in den einzig finanzierbaren Fernzug des Samstags steigen wird, wird er jeden einzelnen Südwestaffen, der von Berlin in Richtung Dorfkirche aufbricht, in Gedanken ans Kreuz nageln…

Plötzlich weckt mich eine übermotivierte Studentin aus meinen misanthropischen Träumen, indem sie mir mit einem Klemmbrett vor der Nase herumfuchtelt. Ich habe den Bahnhof Ostkreuz bereits in Sichtweite und muss mir jetzt so knapp vor dem unbehelligten Erreichen meines Ziels irgendetwas Besorgnis erregendes über die Bebauung der Rummelsburger Bucht anhören. Als ich meine Unterschrift verweigere, versucht sie, mich „emotional zu catchen“, wie sie es in ihrem „irgendwas-mit-Medien“-Studiengang womöglich unlängst gelernt hat. Geschickt stellt sie die tollkühne These: „Aber Du lebst doch sicherlich auch gerne hier!“ in den Raum, welche ich allerdings wahrheitsgemäß mit „Naja, geht so!“ beantworten und mit dieser grundsoliden Ehrlichkeit sämtliche weitere Bemühungen ihrerseits niederschmettern kann.

Beschwingt von diesem Dialog ist die Vorfreude auf das heutige Spiel in der Berlin-Liga bereits ins Unermessliche gewachsen, als ich am S-Bahnhof Hermannstraße die Ringbahn bereits wieder verlasse. In der Emser Straße zeigt sich Fetti nur kurz durch die markige Losung „Mopped fahrn und wichsen!“ irritiert, findet dann aber auch zu Fuß den Weg in den „Werner-Seelenbinder-Sportpark“, ohne öffentliches Ärgernis zu erregen.

Am 27. Spieltag empfängt der SV Tasmania Berlin als aktueller Tabellenzweiter den nur um zwei Rängen schlechter platzierten Berliner SC zum Spitzenspiel. Für 7,00 € Eintritt erhält man eine formschöne Eintrittskarte und das Stadionmagazin „Tas Spiegel“. Auf den Schokoladenosterhasen, den man bei sonnigen 21 Grad Celsius im Turnbeutel schmelzen lassen könnte, verzichtet Fetti dankend und organisiert sich anstatt dessen lieber ein schmackhaftes Hacksteak für zwei Euro und ein erstes Stadionbier.

Der „Werner-Seelenbinder-Sportpark“ ist für Fetti kein Neuland. In einem Testspiel vor gut 13 Jahren errang der glorreiche 1.FC Union Berlin an Ort und Stelle an einem Mittwochabend ein überzeugendes 1:1. Heute sind exakt 20 Zuschauer mehr erschienen, als an diesem unvergesslichen Tag im August 2006. Klar, dass der Gastgeber bei diesem Andrang auch Sicherheitsgedanken nicht gänzlichen außen vor lassen darf und so teilt man heute die beiden mit Stehstufen und einigen Sitzschalen ausgestatteten Tribünen auf den Längsseiten in „Heim“ (links) und „Gast“ (rechts) auf.

Auf der Heimseite beziehen die Fanclubs „Tasmanische Teufel“ und die „Tasmaniacs“ Stellung. Unterstützt werden die aktiven Supporter der Neuköllner heute von einigen Freunden von Tennis Borussia und Fetti, noch nachhaltig traumatisiert vom Wasserballspiel vor gut einer Woche, zieht es umgehend in den Gästeblock. Hier füllen sich die Traversen zusehends, obwohl nur wenige Zuschauer wahrhaftig mit dem Berliner SC sympathisieren. Vielmehr ist es die Sonneneinstrahlung, die für den steigenden Beliebtheitsgrad des Gästeblocks sorgt, während TeBe also einmal mehr auf der Schattenseite des Lebens steht.

Der Stadion-Animateur spielt noch eben schnell die komplette Bandbreite öffentlich-rechtlicher WM- und EM-Popgülle aus der Event-Hölle des Weltfußballs ab und schon kann er „least but not last“ Referee Marcel Richter begrüßen, der kurz darauf die Begegnung anpfeift und die Zuschauer von allen erlittenen akustischen Qualen erlöst.

Es folgen optische Qualen. Zwar darf man den Auftakt der Gäste in die Partie durchaus gelungen nennen, doch nachdem sich Tasmania nach gut 15 Minuten endlich gefunden und Struktur in das eigene Spiel gebracht hat, ist Schluss mit der Herrlichkeit des Berliner SC. Wohlwollend mag man ab diesem Zeitpunkt vielleicht von einem ausgeglichenen Spiel im Mittelfeld sprechen, etwas weniger gönnerhaft darf getrost von einem ziemlich dürftigen Berlin-Liga-Gerumpel gesprochen werden. Schön sind da nur die „Ra-Ra-Ra Tasmania“ und „Tasmania Fantastica“ Gesänge aus dem Heimbereich, während die Wärme nach 26 Minuten bereits zwei Akteure zu längeren Verletzungspausen in die Knie gezwungen hat. Tieftraurig stimmt Fetti, dass beim Berliner SC Trainerlegende Wolfgang Sandhowe schmerzlich vermisst wird. Nach 43 Minuten stehen genau zwei mittelmäßige Torschüsse der Heimmannschaft auf dem Notizzettel, bei den Gästen ist nach den euphorischen Anfangsminuten in der Offensive rein gar nichts mehr passiert. Einen einzigen echten Aufreger hat die Partie kurz vor dem Pausenpfiff dann aber doch noch zu bieten, allerdings verwehrt der Schieds Richter den Gästen den Elfmeterpfiff, der zumindest im Rahmen des Möglichen gewesen wäre. So geht die erste enttäuschende Hälfte des vermeintlichen Spitzenspiels torlos zu Ende.

In der Halbzeit kann man sich nun endlich dem „Tas Spiegel“ zuwenden. Hier erfährt man, dass sich der SV Tasmania Berlin, der 1973 neu gegründet wurde, durchaus mit Stolz auf seinen Vorgängerverein SC Tasmania 1900 bezieht. In dem Heft wird die Bundesligasaison 1965/66 jedenfalls lang und breit thematisiert. 81.524 Zuschauer waren damals zum ersten Heimspiel gegen den KSC gekommen, um einen 2:0 Sieg erleben zu können. Wie die Saison sportlich endete, dürfte jedem Fußballfreund in Deutschland bekannt sein. Am Ende der Saison hatte sich der Zuschauerschnitt übrigens auf 19.400 eingependelt. Der damalige Negativrekord (827 gegen Borussia Mönchengladbach) stellt in der Neuzeit wohl eher eine Orientierungsmarke für die kommende Oberligasaison dar, sollte der Aufstieg aus der Berlin-Liga gelingen: 827 Zuschauer im Schnitt im Seelenbinder-Sportpark – das würde in diesem kleinen und engen Stadion schon Freude bereiten…

Der „Tas Spiegel“ erklärt heute darüber hinaus die Gründe für das sportliche Desaster und hat auch ein humoriges Interview mit dem damaligen Mannschaftskapitän Hans-Günter „Atze“ Becker zu bieten. Trainer Fritz Mauruschat habe damals in seiner Nachbarschaft gewohnt und ihn einst gefragt, ob er einen „anständigen Menschen mit zum Training nehmen könne“, woraufhin „Atze“ geantwortet haben soll: „Ja, kennen Sie denn einen?“. Außerdem lernen wir, dass „Atze“ nach dem Abstieg ein Angebot von Eintracht Braunschweig ausschlug, um seine Arbeitsstelle beim Eichamt Berlin nicht zu verlieren. Schon neigen sich die fünfzehn Pausenminuten, die deutlich unterhaltsamer waren als das Spiel, dem Ende entgegen und Fetti lässt sich von der Atze vom Eichamt das Kaltgetränk für den zweiten Spielabschnitt bis über den Strich füllen.

Gerade einmal sieben Minuten sind gespielt, als Gästestürmer Max-Fabian Woelker aus fünf Metern kläglich versemmelt. „Solche Chancen kommen nicht wieder“, hört man aus der Altherrenriege, die es mit dem Berliner SC hält. Irren ist menschlich und so vergehen wieder nur sieben Minuten, ehe Woelker urplötzlich erneut alleine vor Keeper Schelenz auftaucht, doch auch der zweite Versuch aus gleicher Distanz endet ohne Torerfolg. Tasmania-Verteidiger Mehmet Okan Kirli, der – vorsichtig formuliert – nicht ganz austrainiert wirkt, war zwei Mal nicht hinterher gekommen. Der freundliche Herr mit Sparta-Lichtenberg-Jacke hat genug gesehen und verlässt den Sportpark. Aktuell weisen die Lichtenberger zwar lediglich einen Punkt Vorsprung auf „Tas“ auf, dennoch scheint man sich aufgrund des Gesehenen seiner Sache an der Fischerstraße nun sicher zu sein. Von diesen Tasmanen dürfte keine echte Gefahr ausgehen…

Der Gast bleibt in Folge die gefährlichere Mannschaft. Nach 67 Minuten wird auf Heimseite endlich Nicola Thiele eingewechselt, der in seinen bisherigen von FUDU begleiteten Auftritten (08.04.2018 , 16.06.2018) stets überzeugen konnte. Thiele findet schnell ins Spiel und so dauert es auch nicht mehr lange, bis er maßgeblich am ersten gelungenen Angriff der Heimmannschaft beteiligt ist. Jetzt kommt noch mal Leben auf das Spielfeld und auch auf den Rängen tut sich etwas. Zur 75. Minute hat FUDU noch einmal Zuwachs bekommen – man kann den beiden sicherlich vieles vorwerfen, nicht aber, dass sie kein Gefühl für Timing hätten. Während unsereins 75 beschwerliche Minuten lang mit Rumpelfußball gequält wurde, kommt manch einer eben lieber kurz vor knapp und greift im Vorbeigehen die Rosinen ab.

In der 81. Minute vergibt Gästestürmer Önal die nächste und letzte einhundertprozentige Torchance für den BSC. Kurz darauf schlägt die große Stunde der Tasmanen. Eine völlig verunglückte Flanke sorgt zwar zunächst für einen Wutausbruch eines Seniors, der abwinkt und mit sich mit dem Begleitkommentar „Man, man, man, was für ein Niveau hier“ anschickt, den Sportplatz zu verlassen, doch noch beim Herausgehen wirft er einen flüchtigen Blick über die Schulter zurück auf den Rasen. Tatsächlich gelingt es Thiele, den vermurksten Ball irgendwie in die Gefahrenzone zu verlängern, in der Romario Hartwig völlig frei steht und den Ball geistesgegenwärtig in das Tor schieben kann. „Tas“ feiert seine mehr als schmeichelhafte Führung selbstkritisch halbherzig.

Natürlich reichen den Nachzöglingen die bescheidenen 15 Minuten Anwesenheit auch, um beide Ex-Unioner spielen sehen zu können. Erst wird auf Seiten des Berliner SC Kiyan Soltanpour eingewechselt, einige Minuten später folgt in den Neuköllner Farben Kiminu Mayoungou. Mehr gibt es heute zwar nicht mehr zu sehen, dennoch hält auch der effiziente Flügel FUDUs die letzten vier belanglosen Spielminuten aus und verschwendet seine Zeit mit mir, ehe Richter das Spiel für beendet erklärt.

Die After-Show-Party steigt heute in zwei Etappen. Zunächst wird kieznah im „Schiller’s“ angestoßen, später am Abend gesellt sich der „Fackelmann“ voller Fürth-Vorfreude dazu. Im „Abgedreht“ verköstigt man einige Getränke, darunter auch ein unfiltriertes mit dem vielversprechenden Namen „Wilder Mann“. „Der spritzige helle Sachse“ weiß zu gefallen und so vergehen die Stunden bis zur Abfahrt gen Franken aufgrund des Tanzverbots am Karfreitag eben im Sitzen und nach der Feier des höchsten Fests der Christenheit wird man dann ja auch endlich wieder die Gläser erheben und sich ein köstliches, ausgiebiges Mahl gönnen können… /hvg

13.04.2019 Ludwigsfelder FC – BSG Chemie Leipzig 1:1 (1:0) / Waldstadion Ludwigsfelde / 783 Zs.

Gestern habe ich das Heimspiel des 1.FC Union Berlin gegen den SSV Jahn Regensburg verpasst. Knapp 25 Kilometer Wegstrecke zwischen Arbeitsstelle und Fußballstadion waren in 30 Minuten einfach nicht zu realisieren – erst recht nicht, wenn die S-Bahn sich mit Schienenersatzverkehr auf der Ringbahn versucht. Noch etwas gezeichnet von dieser Schmach des freiwilligen Verzichts, treffe ich am Samstag auf den anderen FUDU-Pädagogen, der für meine bildungsfernen Plattenbauzöglinge demnächst Wildcards für ein Pankower Gymnasium organisieren kann. Endlich einmal eine wirklich sinnvolle und nachhaltige Kooperation! Doch genug der Arbeitsthemen, es soll hier schließlich darum gehen, schnellstmöglich ein gänzlich fußballfreies Wochenende zu verhindern. Da kommt es uns zupass, dass in der NOFV-Oberliga heute niemand geringeres als die BSG Chemie Leipzig ihre Visitenkarte im „Waldstadion“ zu Ludwigsfelde abgeben wird.

Um 11.36 Uhr tuckert die S-Bahn auf dem funktionierenden Teil der Ringbahnstrecke mit uns an Bord in Richtung Berlin-Südkreuz. Kaum eingestiegen, hat auch bereits der erste „motz“-Verkäufer vorgesprochen und einen kleinen Groschen von mir erhalten. Wenige Augenblicke später steigt ein Straßenmusiker zu, der mit dem „Hartz-IV-Song“ der „Monsters Of Liedermaching“ den gesamten Waggon begeistern kann und auch FUDUs Budget spielerisch um weitere Taler erleichtert. Kann ja eine richtig teure Tour werden, wenn das Tempo der unkalkulierbaren Nebenkosten im weiteren Verlauf der Anreise in dieser Form bestehen bleibt. Macht mal lieber ’n bisschen Adagio, sonst muss auch ich mir am Ende noch ein Bier mit meinem Kumpel teilen…

Glücklicherweise fallen keine weitere Zusatzabgaben im Berliner Nahverkehr an und auch auf der gerade einmal dreizehnminütigen Regionalbahnreise nach Brandenburg bleiben wir unbehelligt. Ob sich die 3,60€ + X bereits ihm Rahmen eines Ludwigsfelde-Sigthseeings amortisieren werden, darf zwar vage bezweifelt werden, dennoch ist unsere Freude groß, dass der „Sprengmeister“ bereits am Parkplatz bereit steht, um uns seine Heimatstadt zeigen zu können. „Ludwigsfelde bewegt!“ lautet der offizielle Slogan der Stadt, den man aber auch getrost gegen „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“ austauschen könnte. Wer sich nicht für Automobilproduktion (der „IFA W50“ wurde hier zwischen 1965 und 1990 gebaut, heute gehören die Werke zur Daimler-AG) oder Luft- und Raumfahrttechnik interessiert, bekommt hier wahrlich nicht viel geboten. Einen kurzen Blick auf die „Theodor-Fontane-Grundschule“ kann unser Stadtführer aber immerhin mit einer interessanten Randanekdote versehen. Vor ihm habe niemand geringeres als „Gentleman“ Henry Maske diese Schule besucht. Hier muss also ganz offensichtlich gewaltfrei erzogen worden sein.

Kurz darauf haben wir das „Waldstadion“ erreicht. Mein letzter Besuch der Spielstätte liegt bereits knappe 14 Jahre zurück. Kaum zu glauben, dass der 1.FC Union Berlin hier am 22.10.2005 um Punkte spielen musste und welche Entwicklung der Verein in den letzten Jahren genommen hat. Gerne erinnere ich mich aber an die Oberliga-Saison 05/06 zurück, in der man die eine oder andere Stadionperle in der Provinz besuchen dufte. Gefrorene Würstchen im Schneegestöber, matschige Gästeblock-Grashügel, 8:0, 15 € Eintritt im „Jahnsportpark“ auswärts gegen Türkiyem, ein 0:0 bei Falkensee/Finkenkrug und der „Texas“-Hattrick in Ludwigsfelde. Freunde, das war ’ne Saison…!

14 Jahre später hat sich das „Waldstadion“ baulich ein wenig verändert. Das ohnehin bereits recht schicke Stadion ist 2010 um eine moderne Haupttribüne mit 368 überdachten Sitzplätzen erweitert worden und könnte nunmehr 7.868 der insgesamt 27.000 Ludwigsfelder in Empfang nehmen. Der Verein, der Ende der 80’er Jahre als BSG Motor einige Spielzeiten in der zweiten Liga der DDR verbracht hat, dümpelte zwischenzeitlich nur noch in der siebtklassigen Landesliga herum, hat in den letzten Jahren aber wieder den Weg nach oben gefunden und spielt nun seit dieser Saison wieder in der Oberliga. Während man in den Spielzeiten 04/05 bis 10/11 jedoch im Norden eingegliedert war, darf oder muss man sein Glück in dieser Saison in der Südstaffel versuchen. Die attraktiven Spiele gegen die BSG Chemie Leipzig und das Derby gegen den FSV Luckenwalde dürften über die ansonsten recht weiten Fahrtwege bis hinaus nach Gera, Plauen und Co hinwegtrösten.

Wir nehmen zunächst Platz auf der neuen Tribüne, um festzustellen, dass man es hier dank mobiler Lautsprecherboxen nicht aushalten kann. Die Durchsagen des Stadionsprechers werden dem gemeinen Fußballfreund jedenfalls in einer Lautstärke in das Trommelfell gehämmert, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Als dann auch noch minderjährige Cheerleaderinnen zu utopisch lauter Plastikmusik unter Beweis stellen dürfen, was die dürren Kinderbeinchen so hergeben, zieht es uns zur Abwendung von Fremdscham an den Getränkeausschank. Hier beobachten wir kleine und große Menschen, die sich vergnügt mit dem Maskottchen des LFC fotografieren lassen. „Ludwig“ scheint hier sehr beliebt zu sein, obwohl er ein bisschen so aussieht wie ein Tier, das es nicht schnell genug über die Autobahn geschafft hat. Taufen wir das Ungetüm mit den leeren Augenhöhlen einfach auf den Namen „Krüppelteddy“ und fangen uns den nächsten Shitstorm ein. Hoch die Gläser!

Im Anschluss setzen wir unseren Stadionrundgang fort und stellen wohlwollend fest, dass sich die alte Gegengerade mit den Stehstufen und den weißen Plastikbänken in den letzten 14 Jahren kein Stück verändert hat. Auch hier trifft man unverabredet auf bekannte Gesichter, die mit der BSG Chemie sympathisieren und kommt so in den Genuss weiterer gepflegter Smalltalks, sodass die verbleibenden Minuten bis zum Anpfiff nahezu verfliegen, obwohl einem die Cheerleaderinnen mit ihrer Performance parallel noch immer auf die Nerven gehen. Die Zeit reicht vor Anpfiff noch gerade eben so für ein gepflegtes wildes Urinieren im Kurvenbereich, wobei man gestehen muss, dass es schon einmal unverfänglichere Situationen gegeben hat, um auf einen kleinen Jungen zu treffen, der auf der Suche nach Schnecken ist. Um Missverständnisse zu vermeiden, verzichten wir auf das verlockende Angebot, uns seine Sammlung en Detail anzuschauen und eilen zurück auf unsere muckeligen Sitzschalen unter dem Tribünendach.

Das Spiel beginnt. Heute haben gut 400 Chemiker die 137 Kilometer Anreise aus Leipzig auf sich genommen, um ihre Farben gewohnt sangesfreudig unterstützen zu können. Dazu gesellen sich einige neutrale Fußballfreunde und ein Lokist. Die Resonanz auf der Heimseite ist etwas enttäuschend, sodass am Ende die erhoffte Marke von 1000 Zuschauern deutlich verfehlt wird und auch das Spiel kann den hohen Erwartungen zu keiner Zeit gerecht werden. Schnell sind 25 ereignislose Minuten verstrichen, die so ereignislos sind, dass wir uns mit unseren Gedanken bereits beim Abendprogramm befinden. FUDU ist schließlich eine derartige Eliteeinheit, dass es dann und wann schon etwas gehobeneres braucht als Oberligafußball. Champions League ist da schon eher unsere Kragenweite und so freuen wir uns bereits jetzt auf die Partie zwischen Spandau (bei Berlin) und Ολυμπιακός aus Piräus um 19.00 Uhr. Okay, zwar nur Champions League im Wasserball, aber Champions League bleibt Champions League!

Neben uns werden dann übrigens auch unsere Wasserfreunde von Tennis Borussia anwesend sein, die gerade durch Berlin tingeln, um singend darauf aufmerksam zu machen, dass ihnen irgendein windiger Geschäftsmann den Fußballverein entrissen hat. Na, dann weiß man wenigstens schon, von welchen queerschnittsgelähmten der Krüppelteddy-Shitstorm kommen wird…

Gerade, als wir uns die Frage stellen, ob man sich vor Betreten der Schwimmhalle wohl abduschen muss und ob es im Fanshop der Wasserfreunde Bademantel und -latschen käuflich zu erwerben geben wird, weckt uns die Heimmannschaft mit einer Doppelchance. 27 Minuten sind bereits ins Land gegangen, als Romanovski aus spitzem Winkel und Lemke mit dem anschließenden Schuss aus zweiter Reihe scheitern. Bei der bis hierhin pomadig auftretenden BSG bleibt Ex-Unioner Kai Druschky der auffälligste Spieler (nicht nur wegen seiner furchtbaren Frisur), doch auch seine zweite Halbchance nach gut 30 Spielminuten kann Keeper Lindner am kurzen Pfosten mit einem guten Reflex vereiteln.

Nach 42 Minuten gehen die Hausherren, die wesentlich spritziger und agiler als ihre Gegner wirken, verdient in Führung. Nach einem Einwurf können die Ludwigsfelder den Ball gut behaupten und über 3-4 Stationen in den eigenen Reihen laufen lassen. An der Strafraumkante schüttelt Sturmspitze Paul van Humbeeck einen Verteidiger mit einer einfachen Körpertäuschung ab, dringt in den Strafraum ein und schließt beherzt in das lange Eck ab.

In der Halbzeitpause begrüßt der Stadionsprecher den ältesten Fan im Stadion, doch leider weigert sich der „Sachse“ etwas beschämt, aufzustehen und in die Runde zu winken. Am Getränkestand erhalten 2/3 der Reisegruppe ein komplettes Bier vom Hahn, während sich der Kaffeetrinker mit einem halben Becher des Heißgetränks zufrieden stellen muss. Offensichtlich hat der LFC nicht genügend Thermoskannen abgefüllt und so wandert die letzte Pfütze Kaffee immerhin als Geschenk in die Reihen FUDUs.

Den zweiten Spielabschnitt erleben wir von der Gegengerade. Gerade einmal sieben Minuten sind gespielt, als LFC-Akteur Goede im Spielaufbau ein verheerender Schnitzer unterläuft. Seinen Fehlpass kann Böttger im Mittelfeld aufnehmen und mit Tempo auf das gegnerische Tor zulaufen. Sein Querpass zu Alexander Bury durch den Sechzehner sitzt und der schnelle Ausgleich nach Wiederanpfiff für die BSG ist gefallen. Direkt im Gegenzug scheitert Lemke mit einer Direktabnahme aus fünf Metern nach Romanovsky-Flanke an Keeper Latendresse und spätestens nach einer Stude hätte sich der LFC die erneute Führung verdient gehabt. Allerdings kann Lemke auch die zweite mustergültige Flanke seines ukrainischen Mitspielers nicht im Tor unterbringen – dieses Mal verhindert die Querlatte den Einschlag.

In den letzten 30 Minuten verflacht die Partie. Der BSG merkt man den Kräfteverschleiß der vergangenen Wochen, in denen sie eine Vielzahl an Spielen zu absolvieren hatte, deutlich an. Auch auf den Rängen bieten die „Diablos“ heute bestenfalls Durchschnitt und tun es ihrer Mannschaft gleich, die nun komplett in einen Verwaltungsmodus schaltet. Insgesamt hat man heute zu wenig Elan und Esprit, um das Spiel aktiv zu gestalten und in dieser durchaus enttäuschenden Gesamtkonstellation hofft man auf ein baldiges Ende des Spiels. Letztlich gelingt es Chemie mit diesem biederen Beamtenfußball einen Punkt aus dem „Waldstadion“ zu entführen und für uns endet der erste Teil des sportlichen Samstags.

Nach Abpfiff zieht es uns vorbei am wunderschönen Rathaus Ludwigsfelde in die „Gaststätte Landlord“, wo sich das verschnörkelte „S“ im Logo des hier ausgeschenkten Bieres bei genauerem Hinsehen leider als „H“ entpuppt. Geschenkt, jetzt haben wir schon „zwei Sauff-Bräu“ und eine deftige Grundlage für den Abend in der Königsklasse bestellt. Glücklicherweise trennen uns vom Bahnhof nur noch fünf Meter Fußweg, sodass im Anschluss der Nahrungsaufnahme einer zweiten Runde „Sauff“ nichts mehr im Wege steht. Nicht nur in Jena weiß man: „Saufen schmeckt gut!“

Um 18.00 Uhr haben wir wieder Berliner Boden unter den Füßen und nun noch exakt eine Stunde Zeit, vom Bahnhof Südkreuz in die Schwimmhalle zu gelangen. Für den 1,3 Kilometer langen Teufelsmarsch decken wir uns glücklicherweise noch mit einem Wegbier ein, welches nach 15 Minuten zum Stehbier wird. Wir haben die „Sport- und Lehrschwimmhalle Schöneberg“ bereits vor der Nase und nun genügend Ruhe und Muße, die als TeBe-Fans verkleideteten Wasserballfreunde zu beobachten. Diesen Auftritt darf man schon jetzt getrost als hochnotpeinlich bezeichnen, als plötzlich der „Sachse“ vom gleichnamigen Damm winkt. Da hat wohl heute jemand die gleichen Samstagspläne…

Für den Eintritt in die „Sport- und Lehrschwimmhalle“ verlangen die Spandauer von Vollzahlern stolze 10 €, was mich dazu animiert, mir eine ermäßigte Karte zu ergaunern. Als Ermäßigungsgrund gebe ich im Dialog mit der Kassiererin einfach ‚Nichtschwimmer‘ an, was sie glücklicherweise amüsant findet, mit einem Lächeln quittiert und mich gegen eine Zahlung von nun nur noch 5 € und ohne Dusche passieren lässt.

Die Schwimmhalle ist auf einer Seite mit einer großen Tribüne ausgestattet und auf ungefähr 32 Grad aufgeheizt worden. Das nächste Bier fühlt sich angesichts der Temperatur und des rinnenden Kondenswassers an den Wänden ein wenig wie Alkoholmissbrauch in der Herrensauna an und schon betreten die durchtrainierten Athleten den Innenraum.

Einige von Euch kennen vielleicht den einen oder anderen legendären youtube-Clip großer Fanszenen südosteuropäischer Fußballvereine (z.B. Roter Stern, Partizan, Galatasaray, Panathinaikos o.ä.) in ungewohnten Umgebungen. Viele Fanszenen begleiten nachweislich auch gerne mal die anderen Abteilungen ihrer Clubs akustisch. Mit Fahnen, Trommeln, Gesängen, Nebeltöpfen und Bengalos werten sie so gelegentlich den einen oder anderen Hallensport auf. Immer wieder ein Genuss, 200-300 Ultras dabei zuzusehen, wie man beim Basket-, Wasser- oder Volleyball mit geschlossenen Auftritten regelrecht die Hallendächer abreißen kann. Heute erwartet FUDU mindestens 300 heißblütige Griechen, die das Wasser der „Sport- und Lehrschwimmhalle“ zum Kochen bringen.

Um Punkt 19.00 Uhr wird das Spiel der Champions League (Vorrunde, Gruppe B) eröffnet. Die 300 Griechen stehen leider noch im Stau, stattdessen nerven die TeBe-Trottel mit Gesängen. Der Hallensprecher weist darauf hin, dass man heute extra Trommeln an die Reling gehangen hätte und bittet die Zuschauer, diese nun auch zu benutzen. Knapp 250 Menschen haben sich immerhin auf der Tribüne versammelt, während die Spandauer dem amtierenden Champion aus Piräus im ersten Viertel Paroli bieten können. Nach den ersten acht Minuten steht es 2:2, doch bereits zur Pause liegen die Wasserfreunde mit 2:6 im Hintertreffen und die Wasserball-Regularien bitten Fetti nach lediglich 16 effektiven Spielminuten schon wieder zum nächsten Bier. Die enthusiastischen Griechen haben die Halle in der Zwischenzeit leider noch immer nicht erreicht. Vielleicht versehentlich ins „Stadtbad Schöneberg“ gefahren – Anfängerfehler.

Am Ende werden sie ein 11:3 ihrer Helden verpassen und der durchgeschwitzte Fetti wird auch beim Verlassen der Halle nicht abgeduscht. Nicht einmal mit Champagner. Dann am nächsten Wochenende doch lieber wieder unterklassiger Fußball statt Champions League in der Herrensauna! /hvg

06.04.2019 FK Litoměřicko – SK Benešov 2:4 (1:3) / Fotbalový stadion Litoměřice / 150 Zs.

Anfang April herrscht helle Aufregung. Ein echter Weltmeister ist in der Stadt! Selbstverständlich, dass ich mich da am Freitagabend nicht lange bitten lasse und nach Feierabend schnellstmöglich quer durch die Walachei düse, um diesen treffen zu können. Wenn sich Günter Hermann schon einmal die Ehre gibt, den weiten Weg nach Berlin auf sich zu nehmen, dann hat man gefälligst parat zu stehen, wenn dieser Hoppinggelüste verspürt. Schnell ist die Wahl auf das „Karl-Liebknecht-Stadion“ in Potsdam-Babelsberg gefallen. Das Spiel gegen den FC Viktoria von 1889 könnte man sich beinahe als „Derby“ schönreden und sicherlich wären auch die ausklappbaren Flutlichtmasten des SV Babelsberg 03 einen Abstecher nach Brandenburg wert gewesen, aber der Konjunktiv bleibt eben das Stilmittel der Gescheiterten. All dies hätte nämlich geklappt, wären die Halbstarken am S-Bahnhof Charlottenburg nicht auf die geniale Idee gekommen, ihre Turnstunde im Gleisbett abzuhalten. So wird der Zugverkehr in Richtung Südwesten bedauerlicherweise so lange ausgesetzt, bis wir keine Chance mehr haben, es pünktlich zum Anpfiff hinaus nach Babelsberg zu schaffen. Kurz nachdem uns klar geworden ist, dass wir nahezu die gesamte erste Halbzeit verpassen werden, rollt endlich ein Zug ein. Etwas trotzig steigen wir zu. Wenn wir hier jetzt schon so lange gewartet haben, dann fahren wir auf jeden Fall nach Potsdam!!! – um dann unterwegs festzustellen, dass das ganz schöner Quatsch wäre. Am S-Bahnhof Wannsee endet unser Fußballausflug folgerichtig und wird flugs gegen eine Einkehr in „Lorettas Almhütte“ mit Seeblick ausgetauscht. A Mordsgaudi.

Um 3.36 Uhr sitze ich dann auch schon in der M10 zum Berliner Hauptbahnhof. In der Hand halte ich eine Fahrkarte, die der „Generation Y“ die Freudentränen in die Augen treiben würde und an der die tschechischen Spielplan-Pavels eine gewisse Mitschuld tragen. Berlin-Dresden-Praha-Brno lautet die auf dem Billet aufgedruckte Bandbreite an Möglichkeiten. Sich für 24,90 € einfach mal alle Türen offen halten, so die Devise bei Kauf vor wenigen Wochen. In der Zwischenzeit hat mir der tschechische Fußballverband jedoch alle Türen vor der Nase zugeschlagen und sowohl die Partie der Bohemians als auch die von Zbrojovka Brno auf Sonntag terminiert. Leute, ein bisschen mitdenken, bitte. Da hat Fetti doch einen Termin in Dresden.

Nur gut, dass auch das endgültige Ziel der Reise auf dieser Multifunktionsfahrkarte vermerkt ist. So komme ich also in den zweifelhaften Genuss, bereits einen Tag vor Beginn des Auswärtsspiels in Dresden um 4.28 Uhr nach Sachsen aufbrechen zu dürfen. Die Laune ist ohnehin bereits morgenmuffelig genug, als am Abfahrtsgleis die Lautsprecherdurchsage erschallt, dass sich die Abfahrt des „Eurocity“ nach Praha hlavní nádraží heute um 30 Minuten verzögern wird. Wie sagt man so schön? Das frühe Schwein fängt sich gleich eine!

Um 7.40 Uhr (+33) ist die Notlösung Dresden mit latenter Müdigkeit in den Knochen erreicht. Während des Konsums einer angemessenen Menge Kaffee fällt Fetti auf, dass er wegen der Verspätung in Praha seinen Anschlusszug nach Brno verpassen und 90 Minuten verspätet am Zielort eintreffen wird. Es ist doch zum Mäusemelken! Da ist es nur als ’schlüssig‘ zu bezeichnen, dass man schon jetzt damit liebäugelt, wieder einmal ein Mäusemelkformular auszufüllen und sich wenigstens 25% des Fahrkartenpreises zurück zu ergaunern. Schon ist es um die Laune etwas besser bestellt, was aber auch daran liegen könnte, dass nach den gescheiterten Plänen A und B heute der ohnehin viel bessere Plan Č FL greifen wird: Anstatt in Dresden gelangweilt 30 Stunden auf den morgigen Anpfiff zu warten, folgt Fetti den Verlockungen des tschechischen Drittligafußballs.

Glücklicherweise ist es gelungen, für den Ausflug in die Drittklassigkeit einen erstklassigen Mitreisenden zu akquirieren. „Danger-Mike“ fährt um 8.30 Uhr helldunkelwach mit seinem wie immer auf Hochglanz polierten weißen Tschechenboliden vor und schon kann die wilde Fahrt in das 93 Kilometer entfernte Litoměřice beginnen. Die Frontscheibe weist zwar einen erheblichen Steinschlag auf, doch mit einer Bierruhe versichert der Fahrer, dass diese die gut einstündige Tour locker überstehen wird. Wer eine Kindheit im Erzgebirge überlebt hat, fürchtet sich nicht vor Autobahnfahrten ohne Scheibe, nehme ich an und bin trotzdem beruhigt, dass „Danger-Mike“ bereits ein Konzept zur Wiederherstellung entwickelt hat. Das „Autoskloteam“ ist schließlich Sponsor seines Lieblingseishockeyvereins aus Usti und wirbt seit Wochen am Videowürfel der Eishalle mit einem Cartoon, in dem tschechische Randalierer einen Schulbus mit Bierflaschen bewerfen. Geschichten, die das Leben schreibt. Der tschechische Alltag ist eben rau, aber so ist wenigstens gewährleistet, dass man problemlos an jeder Ecke Kontakte zu Menschen herstellen kann, die Glas reparieren können…

Um kurz vorm Wachwerden haben wir das Auto mit noch immer bestehender Windschutzscheibe am besten Platz der Stadt abgestellt. Wir werfen einen ersten flüchtigen Blick über die schönen Bauten des Marktplatzes und werden nach Abpfiff sicherlich genügend Zeit haben, um der Stadt eines genaueren Blickes zu würdigen. Zur Spielstätte des ortsansässigen FK Litoměřice, welche navigationsgerätefreundlich mit der Adresse „U Stadionu“ aufwartet, sind fußläufig nur noch 1,5 Kilometer zurückzulegen und bis zum „familienfreundlichen“ Anpfiff um 10.30 Uhr verbleiben noch gut 40 Minuten auf der Uhr.

Gut, dass sich in der Nähe des Stadions ein „Kaufland“ auftut. Ich nutze die Gelegenheit, um mir etwas Bargeld zu ziehen und „Danger-Mike“ imitiert einen Sonntagseinkauf, um seinen 1000 Kč Schein ein wenig zu verkleinern, damit es an der Stadionkasse angesichts des Wertpapiers in Ermangelung von Wechselgeld gleich keine Nervenzusammenbrüche oder Panikattacken gibt. Fünf Minuten später erscheint „Danger-Mike“, wer hätte es ahnen können, mit zwei Flaschen Bier in der Hand auf dem Parkplatz des Supermarktes. Hatten wahrscheinlich nichts anderes.
Nur noch 20 Minuten bis zum Anpfiff. Und jetzt? Naja, auf den nächsten Schulbus können wa lange warten, also müssen wir es wohl austrinken…

An der Stadionkasse müssen wir humane 50 Kč berappen, um das Spiel gegen Benešov erleben zu dürfen. Die Gäste haben für dieses Drittligaspiel heute exakt 108 Kilometer zurückzulegen – und damit 15 mehr als wir aus Dresden – dennoch geht dieses Spiel für „Danger-Mike“ heute als „Derby“ durch, wie er mehrfach betont und damit eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass auch er die hohe Kunst des Schönredens beherrscht. Ich prügele die letzte Pfütze Pivo in den Schluckdarm und kann mich dann kurz vor Anpfiff noch gerade eben rechtzeitig mit einer herrlichen Frühstücks-Klobása und einem frisch Gezapften eindecken. Ein Senior, der mit seinen Freunden auf Bierbänken vor der Tribünen-Kneipe sitzt, bietet mir einen Flachmann mit „Becherovka“ an. Ich lehne dankend ab und frage mich so langsam aber sicher, was daran jetzt so „familienfreundlich“ sein soll, wenn Vati um 12.30 Uhr besoffen zum Mittag nach Hause kommt. Aber vielleicht ist auch das einfach nur ein stinknormaler Teil des rauen tschechischen Alltags.

Das schöne städtische Stadion hat seine besten Tage längst hinter sich. Die alte Haupttribüne hat die Zeiten jedoch überdauert und glänzt mit überragend schönen Klappbänken aus blau und rot lackiertem Metall, die man quietschend aus der Verankerung lösen muss, damit diese dann krachend herab scheppern. Neben der Tribüne sind Teile der alten Kurven in rudimentären Resten erhalten geblieben, während der der Rest des Stadions ohne Ausbauten auskommen muss. 150 Zuschauer sind erschienen und würde es die akustische Untermalung der Sitzgelegenheiten nicht geben, man würde hier die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören.

Die aufgetakelte „Präsidentengattin“ flaniert mit Minirock, Schnürstiefeln (von der Stange) und einem Schoßhündchen an der Leine um den Platz und erntet lüsterne Blicke der alten Männer vor der Kneipe. Wohl dem, der im Alter an Kurzsichtigkeit leidet. Uns bleibt die gegerbte Lederhaut der Mittfünfzigerin jedoch keineswegs verborgen. Der Fluch der Kabelkaribik ist dann aber auch recht schnell überstanden und nach nur drei Runden hat Fiffi glücklicherweise auch genug, sodass sich Dame und Hund außerhalb unseres Sichtfeldes auf der Tribüne niederlassen.

Währenddessen hat Schiedsrichter Severýn die Partie längst eröffnet. In der „Česka Fotbalova Liga“, die 18 Vereine umfasst, trifft heute der 13. auf den 9. und der erste Höhepunkt lässt gerade einmal 12 Minuten auf sich warten. Gästespieler Michael Azilinon trifft nach einem mustergültigen Querpass völlig freistehend aus vier Metern vor dem mehr oder weniger leeren Tor nur die Latte und erntet hämisches Lachen aus dem Publikum – welches den Anhängern der Heimmannschaft aber wenige Sekunden später im Halse stecken bleibt. Der Ball verlässt den Strafraum nicht, ein Verteidiger Litoměřices stellt sich im Zweikampf überaus stümperhaft an und Vojtěch Engelmann, der beherzt nachgesetzt hatte, befördert den Ball mit dem linken Fuß an den Innenpfosten und ins Netz.

Nur sechs Minuten später entscheidet Severýn zurecht auf Foulelfmeter für die Hausherren. Marek Hanuš schnappt sich den Ball und verwandelt eiskalt, doch die Freude über den schnellen Ausgleich währt nicht lange. Die Defensive Litoměřices ist heute nämlich in etwa so ausgeschlafen wie Fetti und seine Freunde und so endet nur drei Minuten später eine eigentlich sehr harmlose Situation im Strafraum mit einem erneuten Elfmeterpfiff. Die gesamte Abwehrriege hatte tatenlos mit angesehen, wie der Ball wie ein Flummi durch den eigenen Sechzehner gehüpft war. Besonders enttäuscht sind wir vom Argentinier Paulo Ippolito, den Litoměřice sicherlich für viel Geld aus einem Steakhouse verpflichtet hat und der hier auch keine Anstalten macht, zum Spielgerät zu gehen. Erst, als der Ball im Zentrum angekommen ist, setzt Miroslav Verner dem Schauspiel mit einem beherzten Tritt gegen den heran eilenden Stürmer ein Ende. Hätte man eleganter lösen können. Kapitän Vrňák sagt „Děkuji!“, hat bei der Verwandlung des Strafstoßes aber das Glück auf seiner Seite, denn beinahe hätte Keeper Ordelt das Ding über die Latte gelenkt.

Im Anschluss beruhigt sich die Partie ein wenig, das Niveau verflacht und Aufregung gibt es immer nur dann, wenn die Defensive des FK Litoměřicko neue Böcke schießt. Nach 33 Minuten kann Gästespieler Hampl das erste Fehlpass-Geschenk noch nicht annehmen, aber keine 10 Minuten später spielt Šimkovský einen weiteren verunglückten Rückpass noch ein wenig genauer in die Füße des Gegners, so dass Lauricella plötzlich frei vor Ordelt auftaucht. Der Angreifer bleibt cool und legt zurück an den Elfmeterpunkt, von dem Engelmann den Ball ins leere Tor schieben kann.

So also geht es mit 1:3 in die Kabinen und Heimcoach Zdeněk Hašek wird hinterher zu Protokoll geben: „Naše individuální chyby zavinily dnešní prohru. Bohužel naše lajdáckost v řešení defenzivy nás sráží!“. Eines muss man ihm lassen – der Mann hat Sachverstand!

Litoměřice startet beherzt und mutig in den zweiten Spielabschnitt. Es dauert keine fünf Minuten und schon hat sich Gästeschlussmann Rotbauer von Novák schön einen durch die Hosenträger knödeln lassen. Das 2:3 gibt deutlich sichtbaren Rückenwind und so drängt der FKL bis zur 70. Minute auf den Ausgleich, bleibt aber nur in Ansätzen gefährlich und kann zu wenig klare Torchancen kreieren. Etwas unbeholfen löst man viel zu früh sämtliche taktische Fesseln und der Gast aus Benešov ist clever genug, um auf den richtigen Moment zu warten. In der 73. Minute sitzt dann auch der erste Angriff nach 25 Minuten Defensivarbeit: Flanke von links, Kopfball Engelmann, 2:4! Gut eine Viertelstunde später bilden die Gästespieler, die das Ergebnis souverän über die Ziellinie gebracht haben, eine Jubeltraube auf dem Rasen. Torwart Rotbauer verpasst dem dreifachen Torschützen Vojtěch Engelmann den Spitznamen „Hattrick-Man“ und uns zieht es nach einem ansehnlichen Fußballspiel in einem schönen Stadion (und einem schnellen Einkauf von Käse und Klobása im Supermarkt für den häuslichen Eigengebrauch) schnellstmöglich zurück in die Stadtmitte.

Auch in Tschechien grassiert offenbar mittlerweile der todbringende Latte-Macchiato-Cocktailbar-Healthy-Food-Lounge-Virus. Man muss sich zumindest deutlich häufiger im Kreis drehen, um eine altböhmische Bierstube zu finden, als dies einst der Fall war. Ach, diese Generation wird uns noch alle umbringen! Wir enden jedenfalls in einem recht steril eingerichteten Pub namens „Budvarka“, in dem es aber immerhin diverse tschechische Biere vom Fass und Essen mit lokalem Einschlag zu bestellen gibt. Neben uns nervt eine sächsische Herrengruppe von Bahnfreunden, die nicht nur von irgendwelchen großdeutschen Schienennetzen erzählen, sondern sich gegenüber der armen tschechischen Kellnerin auch noch benehmen wie Kaiser Wilhelm beim Kolonialisieren. Wir haben das Mensa-Ambiente mit Kartoffelquark vom Nachbartisch jedenfalls recht bald satt und entscheiden einstimmig, lieber noch einen kleinen Stadtbummel vor der neunzigminütigen Rückfahrt auf die Tagesordnung zu schreiben.

Litoměřice hat immerhin 24.000 + 1 Einwohner (Stand: Januar 2019) und kann einen durchaus attraktiven Stadtmittelpunkt vorweisen. Das historische Zentrum rund um den Marktplatz (Mírové náměstí) zählt nicht völlig zu unrecht zur „Liste der städtischen Denkmalreservate in Tschechien“, auf der die 40 schönsten Altstadtkerne der Republik geführt sind. Wer einmal das Vergnügen hat, in Litoměřice Station zu machen, der sollte es nicht verpassen, entlang der gotischen Wälle entlang zu flanieren, die das Denkmalschutzgebiet eingrenzen. Von der Zwingertreppe (Máchovy schody) gibt es dann auch den einen oder anderen schönen Blick auf das „alte“ Litoměřice zu erhaschen, bevor der Tschechenbolide wieder angeschmissen und uns von Leitmeritz nach Drážďany befördern wird.

Auf der Rücktour machen wir Halt in einem „Border Shop“ in Petrovice, um unsere übrig gebliebenen Kronen unters Volk zu bringen. Die Reisegruppe interessiert sich für „Zigretten“ und Schnaps und wird schnell fündig. Nach diversen gescheiterten Anläufen in verschiedensten tschechischen Supermärkten steht sie nun endlich vor mir und funkelt goldgelb in der Mittagssonne: Eine Flasche „Praděd“. Klar, dass das flüssige Gold umgehend in den Einkaufswagen wandert. Die letzten Runden dieses edlen Gesöffs hatte der Weltmeister (…der übrigens zu seinem Bedauern auch das heutige Spiel von Lichtenberg 47 gegen Greifswald verpasst hat. Da kommt man nichtsahnend nach Berlin zum Familienbesuch – und dann will einen die Familie auch noch sehen!) im November in der „Prager Hopfenstube“ in der Karl-Marx-Allee vor einem „IDLES“-Konzert spendiert. Die nächste Runde geht dann wohl auf den „Alkvater“!

Völlig euphorisiert von diesem Fund, packe ich im Vorbeigehen noch einen finnischen Schnaps in den Warenkorb. „Haltitunturi“. Na, da wird der „verrückte Tischfinne“ aber Augen machen, wenn ich ihm den morgen rund um das Spiel im „Rudolf-Harbig-Stadion“ anbieten werde…

Um 16.00 Uhr haben wir die Autobahnausfahrt Dresden-Südvorstadt erreicht. „Nur, damit Du Dich nicht wunderst, meine Große lässt sich jetzt auch von Fremden streicheln“, lässt mich „Danger-Mike“ wissen. Etwas später wird sich herausstellen, dass er leider wieder nur von seiner Katze gesprochen hat, während mein Böhmen-Jetlag unerbittlich zuschlägt. Wach seit Freitagmorgen, ein Arbeitstag, ein Abendprogramm, eine Reise und ein Fußballspiel in den Knochen, fühlt es sich aktuell eher nach Schlafenszeit als nach Halli-Galli in Dresden an. Gut, dass auch „Danger-Mike“ und der „Sprengmeister“, den wir kurz darauf in Empfang nehmen, heute nicht mehr im Schilde führen, als auf der Couch zu versacken und Fußball zu schauen. Merke: Auf das medial ausgeschlachtete schwachsinnige „Deutsche Clásico“ zwischen reich und reicher kann derjenige getrost verzichten, der auch die österreichische Bundesliga in der Konferenz empfängt.

Nach einer geruhsamen Nacht in Wismut-Aue-Fleecedecke geht es im „Rudolf-Harbig-Stadion“ schon um 13.30 Uhr wieder zur Sache. „Familienfreundliche Anstoßzeit“ sagt die DFL, der gemeine Tscheche ist da vom Sportplatz bereits längst wieder besoffen in die Häuslichkeit zurückgekehrt und kann nur müde lächeln. Der 1.FC Union Berlin erkämpft sich in einem an Höhepunkten armen Spiel ein 0:0 und nimmt einen Punkt mit nach Hause. Im „Augustiner an der Frauenkirche“ trudeln „Danger-Mike“, der „Sprengmeister“ und der „verrückte Tischfinne“ ab 15.30 Uhr nach und nach aus allen Himmelsrichtungen ein. Ich bestelle Schweinebraten und Bier und bekomme immerhin Bier und zeige dem Finnen, der gleich zurück nach Helsinki fliegen wird, noch eben schnell voller Stolz den erbeuteten „ Haltitunturi“. „Hat nix mit Finnland zu tun, außer finnisch Name“, so seine nüchterne Reaktion. Ich mustere die schöne Glasflasche mit eingefasstem „Helsinki“-Schriftzug nun etwas genauer. Steht doch da tatsächlich „Helsinkigroup.cz“. Ach herrje. Wenn der waschechte Cateringverlierer da mal nicht auf die international agierende tschechische Schnapsfälscherbande hereingefallen ist…

Auf der Rückfahrt nach Berlin lerne ich im Coupé des „Eurocity“ eine junge Tschechin namens Clara kennen, die am Wochenende an einer Veranstaltung des deutsch-tschechischen Jugendforums in der deutschen Botschaft in Prag teilgenommen hat. Das überaus charmante Gespräch rundet die Reise ab, da kann ich es auch verschmerzen, dass ich meinen Käse und die Klobása im Dresdner Kühlschrank vergessen habe. Mittlerweile sind auch die Ergebnisse der beiden ersten tschechischen Fußballligen bei mir eingetrudelt: Bohemians 1905 – Mladá Boleslav 0:0, Zbrojovka Brno – Ústí nad Labem 0:0 und so wertet die Torarmut in den oberen Spielklassen den ohnehin gelungenen Tagesausflug nach Litoměřice noch einmal nachträglich auf.

Eines ist gewiss, irgendwann werden wir das wiederholen, möglicherweise sogar mit reparierter Windschutzscheibe. Und wer weiß, vielleicht lässt sich bis dahin dann sogar seine Kleine von Fremden streicheln… /hvg

31.03.2019 VSG Altglienicke II – SC Borsigwalde 1910 2:2 (1:2) / Stadion Altglienicke / 63 Zs.

Das „Stadion Altglienicke“ ist vermutlich einer der letzten Berliner Fußballplätze mit Ausbau, die ich bislang noch nicht besucht habe. Die Volkssportgemeinschaft aus Altglienicke ist über all die Jahre, in denen der Stadionbesuch von mir immer wieder aufgeschoben wurde, regelrecht durch das Ligasystem geflogen. 2004 startete man den Aufstiegsreigen in der Kreisliga B. Sechs Jahre später war man bereits in der Berlin-Liga angekommen. Die Oberliga wurde in der Saison 2012/13 erreicht und nur aufgrund eines Rückzugs aus wirtschaftlichen Gründen – nach zwei gespielten Saisons – wurde der Höhenflug vorerst gestoppt. Doch mit neuem Anlauf gelang der Wiederaufstieg in die Oberliga im Jahre 2016 und dieses Mal verweilte man nur eine Spielzeit in der fünften Liga, um als Staffelmeister direkt in die Regionalliga Nordost durchzumarschieren. Spätestens jetzt war das „Stadion Altglienicke“ mit seinem schmalen Kunstrasenfeld und der einen Tribüne mit knapp 360 Sitzschalen und einigen wenigen Betonstufen zu klein geworden. Dem Stadion wurde aus nachvollziehbaren Gründen die Regionalligatauglichkeit abgesprochen, die VSG zog in den „Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark“ um und ich hatte die letzte Chance versäumt, in diesem doch eher unattraktiven Stadion ein möglichst sinnvolles Spiel zu sehen.

Mittlerweile ist es März 2019 geworden. In der Bezirksliga (Staffel 2) mischt die Zweitvertretung der VSG Altglienicke seit einigen Jahren munter mit und schickt sich nun an, den Abstand zur ersten Mannschaft etwas zu verringern. So grüßt man aktuell von der Tabellenspitze, während der SC Borsigwalde 1910 auf Rang 5 liegt und noch Tuchfühlung zur Spitzengruppe hat. Also, wenn das nicht das Spiel ist, um endlich das „Stadion Altglienicke“ zu kreuzen, dann weiß ich es auch nicht…

Dennoch steht auch dieses Vorhaben zunächst unter keinem guten Stern. Mein Vater, mit dessen Teilnahme ich fest gerechnet hatte, muss bedauerlicherweise wegen einer Familienfeier absagen. Es ist unbestritten, dass wir uns eigentlich eine Familie teilen, nichtsdestotrotz habe ich keine Ahnung, wer da jetzt schon wieder Geburtstag hat. Vielleicht auch nur eine faule Ausrede meines alten Herren, der den Ground zu meiner Überraschung schon vor mehr oder minder exakt zwei Jahren im Paul-Rusch-Pokal gegen Lichterfelde „weggescheppert“ hat. Da wird ja noch jemand zum richtigen Hopper, wenn das so weiter geht!

Zusätzlich schmieden die Berliner Verkehrsbetriebe bzw. deren Mitarbeiter Pläne, die den Stadionbesuch alles andere als erleichtern würden. Die S-Bahn-Berlin wartet mit Schienenersatzverkehr in Richtung Altglienicke auf und Gerüchte gehen um, dass die BVG aufgrund eines Warnstreiks erst gar nicht fahren wird. Tja, da muss das „Stadion Altglienicke“ wohl noch einmal mehrere Jahre auf meinen Besuch warten.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Mein Vater informiert mich darüber, dass die Feierlichkeiten verlegt worden sind (neuer Termin nun sicherlich unter der Woche, 17.30 Uhr, an einem Ort, der möglichst weit von Berlin entfernt ist, so kenne ich das jedenfalls) und er nun doch Interesse an einem Besuch „seiner“ Borsigwalder hätte. Selbst aus den Reihen FUDUs wird urplötzlich Interesse an dem Ground verkündet und so meldet ein weiterer Fettijünger seine Teilnahme an. Die BVG-Mitarbeiter kommunizieren zeitgleich transparent, dass ihr Streik am 01.04. durchgeführt werden wird und um jedwede Missverständnisse vorzubeugen, betonen sie in der öffentlichen Verlautbarung mehr als deutlich, dass es sich bei dieser Ankündigung keineswegs um einen Aprilscherz handelt. Besser kann man Deutschland wohl auch nicht definieren – hier werden sogar Warnstreiks auf Termin gelegt, damit sich niemand zu sehr ärgern muss. Selbst im Arbeitskampf bitte immer angepasst und obrigkeitstreu bleiben. Danke!

Am Spieltag stehe ich in Köpenick vor einem verschlossenen „REWE“ und muss wohl oder übel auf mein Mettbrötchen-Frühstück verzichten, auf das ich mich so sehr gefreut hatte. Hätte ich vor Aufbruch in Richtung Altglienicke auf den Kalender geschaut, hätte ich eventuell festgestellt, dass heute Sonntag ist und unter Umständen eine schlauere Frühstücks-Taktik ausgetüftelt. So sitze ich zwar mit knurrendem Magen in Straßenbahn und Bus, versuche aber, die knapp 25 Minuten Fahrzeit richtig auszukosten und zu genießen. Morgen wird all das hier schließlich gar nicht möglich sein, weswegen die montägliche „BVG-Apokalypse“ auch das Gesprächsthema Nummer 1 in den Verkehrsmitteln darstellt. Herrlich, wie sich Rentner darüber aufregen können, einen Tag lang nicht auf die Alltagsroutine zurückgreifen zu können, doch beide mitgehörten Gespräche in Bus und Bahn enden wenigstens wohlwollend: „Aber is ja jut, dasse wenigstens vorher Bescheid sagen!“. Hat sich also „gelohnt“, den Streik anzukündigen – wieder ein paar Kunden besänftigt.

Für 3,50 € Eintritt darf man heute das „Stadion Altglienicke“, bzw. das Funktionsgebäude, betreten. Noch sind einige Meter durch das Vereinscasino zurückzulegen und auch den Kunstrasen-Nebenplatz muss man passieren, um letztlich die Tribüne zu erreichen. Dort treffen dann die geprügelten Hunde des Wochenendes aufeinander: Vadderns Hertha hat in Leipzig 5:0 auf die Gusche bekommen, Union ist zu Hause gegen Paderborn mit 1:3 unter die Räder gekommen. Da gerät man schon etwas in Sorge, dass auch der SC Borsigwalde heute ordentlich vor den Zahn bekommen könnte…

Im Hinspiel konnte die Zweitvertretung der Volkssportgemeinschaft drei Punkte von der Tietzstraße entführen. Beim überaus lebhaften 4:6 hatte sich Tormaschine Patrick Kroll bereits nach zehn Spielminuten zwei Mal in die Torschützenliste eingetragen. So liegt der Fokus heute auf dem ehemaligen Regionalligaspieler mit der Trikotnummer 11. Diesen Mann mit seinen bislang 59 (!) Saisontoren nach 21 Spielen an die Kette zu legen, das dürfte beinahe ein Ding der Unmöglichkeit werden.

Das Spiel beginnt. Zur Überraschung aller sucht der SC Borsigwalde sein Heil in der Offensive. Auffällig forsch geht man in die Partie und kann mit dieser überfallartigen Taktik die VSG doch einigermaßen überraschen. Nach 120 Spielsekunden stehen bereits drei Eckstöße für den SCB zu Buche und auch Schlussmann Meurer muss bereits in der frühesten Frühphase der Partie sein ganzes Können unter Beweis stellen. Es sind erst vier Minuten gespielt, als die furios aufspielenden Borsigwalder für einen Auftakt nach Maß sorgen. Auch begünstigt durch das Schiedsrichtgespann, das eine klare Abseitsposition übersieht, zieht „Momo“ Yildirim an allen Abwehrspielern vorbei und schiebt überlegt zum 0:1 ein.

Als Folgeerscheinung des Führungstreffers schwillt die Brust der Borsigwalder weiter an. Beinahe übermütig attackiert man weiterhin frühzeitig und spielt mit einer Selbstsicherheit, die einen kurz glauben lässt, dass heute alles klappen kann. Beinahe wird Sahin nach einer Viertelstunde eines Besseren belehrt, doch sein völlig deplatzierter Fallrückzieher vor dem eigenen Sechzehner, der in den Füßen von Mehls landet, wird letztlich nur mit einem Pfostenschuss bestraft. Drei Minuten später erobert Alexander Balke mit einem robusten Körpereinsatz im gegnerischen Strafraum das Spielgerät, fackelt nicht lange und nagelt den Ball aus halbrechter Position ins Netz. Während die Altglienicker ein Foulspiel gesehen haben wollen und vehement protestieren, feiern sich die Borsigwalder für diese sinnbildliche Szene zurecht selbst. Mutig, offensiv, giftig, gallig, entschlossen – so kann man dem großen Staffelfavoriten Paroli bieten!

Mein Vater und sein neuer Bekannter, den er im Bus kennengelernt hat und der die weite Reise aus Borsigwalde ebenfalls in Kauf genommen hat, sind sichtlich zufrieden und auch FUDU erfreut sich an dem überraschenden Spielverlauf. Nicht ganz so zufrieden ist man auf der Bank der VSG, auf der man einige deutliche Worte verliert, bereits jetzt erste Wechsel vorzubereiten scheint und die Ersatzspieler während der Aufwärmübungen ins Gebet nimmt.

Zunächst einmal ändert sich auf dem Spielfeld aber wenig am Gesamtbild. Altglienicke lässt den Ball zwar hübsch laufen und deutet mit schnellen Spielzügen und auf den Millimeter genau geschlagenen Diagonalbällen seine Klasse an, doch immer, wenn es Ernst wird, sind mindestens zwei-drei Borsigwalder zur Stelle und hauen dazwischen. Viel unangenehmer kann man für einen Gegner nicht sein, vor allen Dingen, wenn man auch weiterhin konstruktiv am Spiel teilnimmt und eigene Gelegenheiten kreiert. So hätte Dmytro Fomin nach 25 Minuten beinahe für den nächsten Schockmoment gesorgt, doch leider landet sein Kopfball nach Eckstoß am Querbalken.

Ein katastrophaler Fehlpass im Aufbauspiel der VSG bringt Trainer Bethke dann kurz darauf vollends zur Verzweiflung und noch während er seinen Verteidiger zusammenschreit, hat Yildirim die sich ergebene Chance mit einem etwas überheblichen Heber recht jämmerlich liegen lassen – und so etwas rächt sich ja meistens umgehend. Mit seinem dritten guten Versuch aus der Distanz kann Lukas Müller nach 28 gespielten Minuten auf 1:2 verkürzen. Müller, der aus der Jugend des FC Energie Cottbus stammt, ist dort und auch in der ersten Mannschaft der VSG bereits zu einigen Einsätzen in der Regionalliga gekommen. Nur, um hier noch einmal zu verdeutlichen, wie die Kräfteverhältnisse auf dem Platz eigentlich aussehen müssten. Dennoch gehört die letzte gute Möglichkeit wieder dem SCB, doch der agile Yildirim versucht sein Glück aus spitzem Winkel und übersieht dabei den einschussbereiten Zahlan im Rückraum völlig. So geht der Underdog mit einem klaren Chancenplus, aber „nur“ mit einer 2:1 Führung in die Kabinen.

In der Pause knurrt Fettis Saumagen erneut deutlich hörbar. Im Vereinscasino scheint es auf den ersten Blick eine passable Speisenauswahl zu geben, feilgeboten auf einer Schiefertafel, von oben nach unten immer unattraktiver werdend. Arbeiten wir uns also durch die Speisekarte:

Boulette?
Ham wa nich!
Knacker?
Is aus!
Eintopf?
Is heute nich jebracht worden!
Bocki?
Nur noch eene da, aber die is schon vorbestellt! Wiener Würstchen könnt ick Dir machen, aber Brot is alle.
Okay. Dann ein Bier, bitte.

 

Schiedsrichter Jan-Malte Meyer eröffnet den zweiten Abschnitt. Altglienicke hat tatsächlich gleich drei Mal gewechselt und neben dieser Geste muss es durch das Trainergespann auch noch einen verbalen Tritt in den Hintern gegeben haben. Altglienicke wird die zweite Hälfte jedenfalls nach allen Regeln der Kunst beherrschen und sich Borsigwalde regelrecht zurecht spielen. Nach 60 Minuten lässt die Kraft der Gäste etwas nach, doch noch immer wirft man sich voller Leidenschaft in jeden Zweikampf und Ball und kann so mehrere Großchancen in letzter Sekunde vereiteln. Mehrere kleinere taktische Fouls im Mittelfeld illustrieren, dass man dann und wann einen Schritt zu langsam geworden ist. Fomyn kommentiert seine gelbe Karte spöttisch: „Wat? Für dit Ding?“ und hätte sicherlich am liebsten noch ein „da habe ich in der ersten Halbzeit aber schlimmeres getan“ hinzugefügt. Das Publikum, hauptsächlich bestehend aus keifenden Frauen und Typen in Camp-David-Klamotten, die allesamt in etwa so laut wie ahnungslos sind, spielt sich nun unangenehm in den Vordergrund. Jeder Zweikampf wird lautstark kommentiert, jedes kleine Foulspiel zur groben Unsportlichkeit hochstilisiert und die Spieler des SCB zu Unrecht als „Tretertruppe“ gebrandmarkt.

Toptorjäger Kroll, der sich nach wie vor in doppelter Manndeckung befindet, kaum in Erscheinung getreten ist, keine Bewegungsfreiheit und ständig einen Gegner auf den Füßen stehen hat, lässt sich jedoch von all der Hektik nicht anstecken. Wirklich beeindruckend, wie souverän er toleriert, mit welchen Mitteln man ihn hier aus dem Spiel zu nehmen gedenkt und wie er sich über 90 Minuten ausnahmslos fußballerisch gegen diese zugegebenermaßen ekligen Mittel wehrt.

In der 66. Minute hebelt ein gefühlvoller Chipball die Abwehr der Borsigwalder aus. Juhle nimmt den Ball hervorragend an und mit, zieht nach innen und schließt eiskalt in die lange Ecke ab. 2:2 – und noch ein verdammt langer Weg für „Borsig“. Kapitän Kroll tritt nun endlich deutlicher in Erscheinung, doch sein mit nur einem Kontakt brillant weitergeleiteter Ball in die Sturmspitze kann sein Kollege nicht im Tor unterbringen. Noch gerade ebenso kann die Kugel von der Linie gegrätscht werden (74.). Zwei Minuten später kulminieren die aggressiv geführten Zweikämpfe im Mittelfeld und Altglienickes Lukas Bache knallen die Sicherungen durch. Mit der gelb-roten Karte ist der ebenfalls regionalligaerfahrene (30 Spiele für den BFC, 23 für Altglienicke) Spieler noch recht gut bedient, da manch ein Schiedsrichter dieses Einsteigen womöglich gar als Tätlichkeit gewertet hätte. Es wird der einzige Platzverweis der VSG im gesamten Saisonverlauf bleiben.

In personeller Überzahl schöpft Borsigwalde neuen Mut und kommt nach gut 25 Minuten, in denen man ausschließlich mit dem Rücken zur Wand gestanden hatte, endlich wieder zu Entlastungsangriffen. Büttner scheitert aus 16 Metern, einen Konter kann Balke zum Abschluss bringen. Das Spiel steht nun auf Messers Schneide, denn auch Altglienicke gibt sich mit dem Remis nicht zufrieden. In der 85. Minute ist es endlich soweit und Kroll gelingt es das erste Mal, sich im Strafraum seiner Bewacher zu entledigen. Sein Schuss aus Nahdistanz kann Keeper Rostom nur nach vorne abwehren und ein Altglienicker staubt per Kopf zum 3:2 ab. „Schieber, Beschiss, Blindmann, nie im Leben abseits“, wird die ‚Sektion Stadtrandmutti‘ kurz darauf durch das Stadion blöken, aber es ist nun einmal wie es ist und das Schiedsrichterkollektiv verweigert dem Treffer die Anerkennung. Es wird der letzte Aufreger der Partie bleiben. Dieses Spiel hat Kraft gekostet und wirklich alle Akteure auf dem Rasen sind deutlich am Limit. So schaukelt das ansehnliche Bezirksligaspiel seinem Ende entgegen und Borsigwalde freut sich über den unerwarteten Punktgewinn. Nunmehr ist Borsigwalde seit der 4:6 Hinspielniederlage im Oktober 2018 14 Partien ungeschlagen geblieben und wird um den Aufstieg sicherlich ein Wörtchen mitreden können.

Am Ende der Saison wird Patrick Kroll in 26 Spielen 74 Tore erzielt haben – nur in drei Saisonspielen ist er torlos geblieben. Große Berliner Medien werden nach Saisonschluss auf den Feuerwehrmann aufmerksam, der wegen seines Berufs freiwillig auf die Regionalliga verzichtet und widmen ihm Artikel (B.Z.) und Videointerviews (rbb, Link nicht mehr verfügbar). Der SC Borsigwalde 1910 wird die Saison auf dem vierten Rang beenden und in der Saison 2019/20 einen neuen Anlauf nehmen müssen, um in die Landesliga aufzusteigen.

Wir lassen den Ausflug im „Restaurant Croatia“ bei Pljeskavica und Bier ausklingen. Es ist mittlerweile 14.30 Uhr geworden – allerhöchste Eisenbahn für ein Frühstück. Fetti freut sich darüber, dass sein Plan mit dem Stadionbesuch aufgegangen ist. Es hätte wahrlich kein besseres Spiel geben können, um dem „Stadion Altglienicke“ endlich einen Besuch abzustatten. Doch gleichzeitig guckt etwas nervös auf die Uhr. Nur noch neuneinhalb Stunden, dann fährt hier kein Bus und keine Straßenbahn mehr. Aber is ja jut, dasse vorher Bescheid sagen! /hvg

24.03.2019 FSV Kali Werra Tiefenort – SG FC Borchfeld 2:1 (1:1) / Waldstadion Kaffeetälchen / 99 Zs.

Am Sonntag steht dann endlich der Höhepunkt der Tour de Thüringen auf dem Programm. Schon seit Wochen steht Fetti in regem Austausch mit dem FSV Kali Werra Tiefenort und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass er seitdem von dem einen oder anderen feuchten Traum heimgesucht wurde, in dem das „Waldstadion Kaffeetälchen“ eine Hauptrolle gespielt hatte. Nun ist es endlich soweit und die angestaute Vorfreude auf ein Kreisligaspiel im Wartburgkreis entweicht fröhlich pfeifend auf dem Fußweg zum Bahnhof Eisenach.

Dort steht um 10.16 Uhr die „Süd-Thüringen-Bahn“ zur Abfahrt bereit. Die Schaffnerin kontrolliert mein Eisenach-Bad Salzungen-Eisenach-Erfurt-Berlin-Ticket mit dickem „Zugbindung aufgehoben“-Stempel und einer planmäßigen Ankunft um 22.29 Uhr in der Bundeshauptstadt mit einer gewissen Skepsis. Ihre Fragestellungen „Was ist denn das für eine Fahrkarte?“, „Warum fahren Sie denn hin und her?“ und „Warum brauchen Sie so lange bis Berlin?“ zeigen deutlich, dass auch sie die Buchungsmöglichkeiten der Deutschen Bahn nicht kennt und für diesen Tagesausflug höchstwahrscheinlich das Dreifache gezahlt hätte. Naja, kann eben nicht jeder vom Fach sein.

Knapp 20 Minuten später ist der Bahnhof Oberrhon erreicht. Der Himmel zeigt sich wolkenverhangen und ein leichter Nieselregen hat eingesetzt. Grund genug, einen der Insidertipps aus den vorausgegangenen Konversationen mit dem FSV Kali Werra zu missachten. Sicherlich wäre der empfohlene Waldwanderweg, der von der Haltestelle in ca. 45 Minuten ins Kaffeetälchen führen soll, bei besserem Wetter ein Erlebnis wert gewesen. So aber entscheide ich mich, einfach noch fünf Minuten im Zug sitzen zu bleiben und bis Bad Salzungen durchzustarten. Tiefenort ist schließlich ein Ortsteil von Bad Salzungen und es wäre doch gelacht, wenn sich hier in den kommenden vier Stunden bis zum Anpfiff nicht irgendeine Möglichkeit auftun würde, die 7,5 Kilometer bis zum Stadion mit einem öffentlichen Verkehrsmittel zurücklegen zu können.

Nun aber bleibt zunächst einmal genügend Zeit auf der Uhr, um den Kurort Bad Salzungen zu erkunden. Rund um den Bahnhof herrscht zwar auf einer Großbaustelle Ausnahmezustand, doch glücklicherweise bietet eine letzte freie Wand in einer Fußgängerunterführung gerade ausreichend Platz für ein mehrdeutiges Graffito-Kunstwerk mit Lokalkolorit. „KRISTALLE FÜR ALLE!“ schreit es einem hier entgegen und sicherlich könnte man nun vortrefflich in einem „arte“-Stuhlkreis darüber sinnieren, ob wir es mit kleinkriminellen Methdiener-Phantasien oder aber mit einem tiefgründigen Hinweis auf die hier betriebene Salzgewinnung durch das Gradierverfahren sowie die Salzquellen, die Salzungen eben zum Kurort haben werden lassen, zu tun haben.

Die Frage bleibt zunächst einmal unbeantwortet. Fakt ist jedoch, dass es fußläufig vom Bahnhof gar nicht mehr lange dauert, bis sich das sehenswerte Gradierhaus am Wegesrand auftut. Selbstverständlich liegt es da im Interesse der Stadt, sich als Kurort zu vermarkten und Gäste anzulocken. So kommt Fetti in den Genuss, endlich einmal wieder ein touristisches Informationsbüro betreten zu können. Hier erhält er einen schönen Stadtplan mit all den Sehenswürdigkeiten des Kurorts ausgehändigt und nutzt die Gunst der Stunde, um sich nach einer Busverbindung nach Tiefenort zu erkundigen. Die mittelalte Dame hinter dem Tresen atmet tief ein und richtet die Brille. Mit einem „An einem Sonntag nach Tiefenort? Das ist eine Herausforderung!“ leitet sie das spektakuläre Schauspiel der kommenden Minuten ein. Hochkonzentriert wie ein Hacker, der sich gerade in den Zentralrechner des FBI einschleicht, lässt sie ihre Finger über die Tastatur fliegen, klickt bedächtig auf die Maus, hämmert dann und wann auf die Löschtaste, schüttelt den Kopf, verzieht das Gesicht, beginnt von vorn, um dann am Ende triumphal zu verkünden: „Ich habe einen Bus gefunden!“.

Doch gerade, als sie mir die Verbindung ausdrucken mag, muss sie auch schon wieder kleinlaut zurückrudern. „Oh, halt!“. Der Bus fährt ja leider erst am Montag um 14.18 Uhr.

Eine Stadt, die an einem gewöhnlichen Sonntag im März einen ihrer Ortsteile nicht mit dem öffentlichen Personennahverkehr ansteuert. Ich gebe zu, dass ich aus einer gewissen großstädtischen Überheblichkeit heraus nicht mit einer solchen Eventualität gerechnet habe und lasse ungeahnt die nächste arrogante Frage folgen. „Okay, kann man nichts machen. Dann markieren Sie mir doch bitte auf dem Stadtplan, wo ich den nächstgelegenen Taxistand finde!“.

Die Frau räuspert sich erneut und setzt die Brille wieder ab, um dann etwas verschämt zu Boden zu gucken. „Wir haben in Bad Salzungen leider keinen Taxistand“. Da sie aber weiterhin serviceorientiert bleibt, händigt sie mir immerhin die Rufnummern all der Taxiunternehmen aus der näheren Umgebung aus, bei denen ich später mein Glück versuchen könnte und versieht die Übergabe noch mit einem Warnhinweis. Der Landkreis sei doch recht groß und je nachdem, wie weit die Anfahrt des Taxiunternehmens nach Bad Salzungen ausfällt, desto höher wird sich der Preis für die eigentlich recht kurze Fahrt nach Tiefenort gestalten. Bis zu 35 € sollte ich schon einplanen – und dem rumänischen Kassenwart verkrampft die Magengegend. Da schickt er Fetti e i n m a l in die Kreisliga, um das Budget zu schonen und trotzdem stellt das dumme Schwein hinterher Spesenrechnungen auf Champions-League-Niveau.

In Folge dieser wenig verheißungsvollen Informationen klappere ich mit meinem Stadtplan die übriggebliebenen Sehenswürdigkeiten mit einem Lächeln im Gesicht ab. Schon recht absurd, dass es einem auf seinen Fußballreisen gelungen ist, nach Streit mit Zugbegleiterinnen in überfüllten Regionalbahnen ohne Ticket mitzufahren (Litauen) und Mietautos von dubiosen Gestalten auf offener Straße zu chartern (Rumänien), um alle geplanten Spiele sehen zu können. Aber auf einer viertägigen Tour de Thüringen an infrastrukturellen Hürden scheitern – damit konnte nun wirklich niemand rechnen.

Heerscharen von Rentnern tummeln sich rund um den Burgsee, an dessen Ufer eine Rehaklinik malerisch gelegen ist. Auch in den schmalen Altstadtgassen sieht sich Fetti einer nicht enden wollenden Rentnerschwemme ausgesetzt und inmitten dieses Geriatrie-Trubels fälle ich den Entschluss, einfach einen Hilferuf an meine Facebook-Freunde von Kali Werra zu senden. Noch heute Morgen um 6.00 Uhr hatten diese mir eine Nachricht geschickt und mich in dieser darum gebeten, dass ich mich bitte später am Kiosk erkenntlich machen solle, damit sie mir ein Bier ausgeben können. Als hätte es noch mehr Punkte auf der Sympathieskala gebraucht, lässt die Antwort auf meine Mitteilung, ich sei einigermaßen hilflos in Bad Salzungen gestrandet, auch nicht lange auf sich warten: Um 13.20 Uhr wird mich ein grauer VW Tiguan am Bahnhof einsammeln und mich ins „Waldstadion“ fahren!

Wir verabreden uns vor dem „sky“-Schild der „Sportsbar Moritz“ in der Bahnhofstraße, um gemeinsam ein Zeichen gegen den modernen Fußball zu setzen. Um Punkt 13.20 Uhr fährt der VW dann auch tatsächlich vor. Am Steuer sitzt ein junger Mann, seines Zeichens Ersatztorwart des FSV Kali Werra und neben ihm seine Mutter, die ihn aufgrund der Bestimmungen des § 48a FeV beim Fahren zu begleiten hat (Urlaub in Deutschland – da können ein paar Paragraphen nicht schaden!). In einem charmanten Smalltalk berichtet sie ausgiebig von einem Familien-Wochenendurlaub in Berlin und schwärmt in erster Linie über den Besuch des Schloss Sanssouci (… das ja bekanntermaßen mit Abstand das schönste Schloss der Bundeshauptstadt ist!), als er sich plötzlich umdreht und mit einem „…aber An der Alten Försterei war’s tausend Mal geiler!“ dem Gespräch einen angenehmen Impuls verleiht. Es habe ihm in Coepenick so gut gefallen, dass er auf die Idee gekommen ist, auf der Facebook-Seite Unions Werbung für Kali Werra und das „Kaffeetälchen“ zu schalten, als er auf das Freundschaftsspiel in Erfurt aufmerksam geworden ist. Ob er damals wohl bereits geahnt hat, dass er hierdurch selbst verschuldet eines Tages Fetti durch Bad Salzungen chauffieren werden muss?

Angekommen am Stadion werde ich sogleich von dem nächsten freundlichen Menschen in Empfang genommen. Ich bekomme das „versprochene“ Willkommensbier in die Hand gedrückt und eine kleine Führung durch das Funktionsgebäude, welches mit Fotos, Wimpeln und anderen Relikten vergangener Tage liebevoll dekoriert ist. Die BSG Kali Werra Tiefenort konnte sich immerhin 21 Spielzeiten (!) in der zweithöchsten Liga der DDR halten – da gibt es wahrlich die eine oder andere Anekdote von „früher“ zu erzählen!

Im Anschluss zeigt man mir voller Stolz das „Waldstadion“, welches seit 1966 über den heute faszinierenden Ausbau verfügt und einst bis zu 8.000 Zuschauern auf seinen mächtigen Natursteintribünen Platz bot. Und das, obwohl Tiefenort, das erst 2018 in die Stadt Bad Salzungen eingegliedert wurde, nicht einmal 4.000 Einwohner vorzuweisen hat. Mit den schiefen Steinstufen, den alten Holzbänken und seiner Lage mitten im Wald, stellt es heute ein echtes Kleinod in der deutschen Stadionlandschaft dar. Schön, dass die Akteure des heutigen FSV Kali Werra diese Stadionperle zu schätzen wissen und das Erbe voller Leidenschaft pflegen und ganz offensichtlich auch nachfolgende Generationen hierfür begeistern können. Unabhängig davon, dass man den sportlichen Absturz seit der Wende, der Hand in Hand mit dem Niedergang des Kalibergbaus ging, leider nicht abwenden konnte.

Vor Anpfiff der Begegnung bleibt mir genügend Zeit, ein wenig durch das angrenzende Werratal zu schlendern, die himmlische Ruhe zu genießen und Blicke in die unendlichen Weiten der Landschaft zu werfen. Einige Meter später stößt man auf einen Zeppelinstein, der an ein Unglück des Jahres 1917 erinnert, als ein Marine-Luftschiff auf dem Rückweg nach Kriegseinsatz in England hier in 7500 Metern Höhe (womit Tiefenort indirekt auch einen Weltrekord hält…) in Schwulitäten geraten war und notlanden musste. Natürlich sehr traurig, dass der zwei Fußballfelder lange Koloss, ein Meisterwerk teutonischer Ingenieurskunst, im Anschluss abgewrackt werden musste. Erst andere Länder angreifen und dann rumjammern. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
Spannend bleibt da nur noch die Klärung der Frage, wie Kommandant Hans-Curt Flemming (gestorben 1935) bei der Einweihung des Gedenksteins im August 1937 persönlich anwesend sein konnte. Diese unkaputtbaren Deutschen damals. Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, einfach nicht tot zu kriegen!

Nun aber endlich Fußball. Der gute Mann, der mir eben Stadion und Vereinsgeschichte näher gebracht hat, hat in der Zwischenzeit seine Kasse aufgebaut. Ich muss ihn mehr oder minder dazu zwingen, mir 3 € Eintritt abzunehmen. Der Senior neben mir bemerkt süffisant, dass die Spieler der Kreisligamannschaft im Laufe der Saison offenbar die Fangnetze zerschossen haben, während die Tornetze allem Anschein nach unversehrt geblieben sind. Da weiß ich dank der Stadionführung schon längst, dass es sich um Sturmschäden aus der vergangenen Woche handelt und auch die Geschichte des Rasens, der noch aus Liga-Zeiten stammt und sich mittlerweile in bemitleidenswertem Zustand befindet, ist mir bekannt. Im trockenen und heißen Sommer 2018 hatte der Verein mehrere Tausend Euro aufgebracht, um das Feld in Eigenregie möglichst oft wässern zu können – scheinbar jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Die Hoffnungen ruhen nun auf der Stadt Bad Salzungen, zu der die Sportstätte seit Januar 2019 offiziell gehört. Sollte hier etwas Geld zur Sanierung des „Kaffeetälchen“ bereitgestellt werden, würde sich sicherlich auch der charmante Trainingsplatz neben dem Hauptfeld über etwas Zuneigung freuen…

Nachdem ich als weit gereister Gast diverse Hände geschüttelt habe und die Entschuldigung, dass es heute nur Bock- und keine Grillwurst gibt, da sich für den Spieltag nicht genügend ehrenamtliche Helfer gemeldet haben, gerade so annehmen kann, eröffnet Schiedsrichter Boronowski die Partie. Vor 99 zahlenden Zuschauern muss der junge Mann mit Brille heute ohne Hilfe von Schiedsrichterassistenten auskommen.

Das 1:0 gelingt den Hausherren nach gerade einmal sieben Minuten Spielzeit und schon hat es sich für Kali Werra bezahlt gemacht, dass in dieser Liga ohne Linienrichter gespielt wird. Aus stark abseitsverdächtiger Position gestartet, sitzt der Querpass des Außenspielers dann letztlich perfekt. Stark bedrängt kann Marcus Preißel den Ball am zweiten Pfosten über die Linie drücken und bleibt dann schmerzerfüllt am Boden liegen. Markerschütternde Schreie hallen durch das „Kaffeetälchen“ und schnell ist klar, dass hier etwas schlimmeres passiert sein muss. Wie die aufgescheuchten Hühner irren Ersatzspieler und Mannschaftsbetreuer durch die Gegend, um eine Decke zu beschaffen, einen Notarzt zu rufen und letztlich den jungen Ersatztorhüter zu bitten, eine Trage zu organisieren. Taxifahrer für Hopper, Sanitäter in der Not – er ist der Mann, der alles kann!

15 Minuten später ist Preißel von seinen Mannschaftskameraden offenbar mit einer Armverletzung vom Platz gebracht worden und das Spiel findet seine Fortsetzung. Kaum ist der Wiederanpfiff erfolgt, scheppert es erneut. Nun ist es Tiefenorts Spieler Jantzen, der ordentlich was auf die Socken bekommen hat und sich am Boden windet. Das wirklich üble Einsteigen des Gegenspielers lässt der unerfahrene Schiedsrichter Boronowski gänzlich ungesühnt, während im Hintergrund der RTW gut 25 Minuten nach erfolgtem Notruf gemächlich den Hang hinunterrollt und vor dem Stadion Halt macht.

Auch in Folge bleibt das Spiel zerfahren, regelrecht wild und immer wieder scheppern die Akteure recht unbeholfen ineinander, wobei auch das schwer zu bespielende Geläuf seinen Beitrag an dem niveauarmen Geknüppel leistet. So gibt es auch weiterhin wesentlich mehr Foulspiele als gelungene Spielzüge oder gar Torchancen zu notieren. Nur einmal wird es aufregend, als Gästekeeper Hannes Veit einen der vielen harmlosen Weitschüsse aus der Hand rutschen lässt und emotional die Frage diskutiert wird, ob sich der Ball eventuell hinter der Torlinie befunden hat. Ein Linienrichter hätte eventuell auch hierzu eine andere Meinung gehabt als der Unparteiische. So aber bleibt es vorerst beim 1:0. Das 2:0 verpasst Kali Werra kurz vor dem Pausenpfiff – Scharfenberg legt mustergültig quer auf Römhild, der Ball holpert durch den Strafraum-Acker wie ein Wartburg über Geschwindigkeitshügel in der Spielstraße und der letzte Maulwurf auf der Buckelpiste macht der Chance dann endgültig den Garaus. Platzfehler aus der Hölle. Da kann man aus gefühlten fünf Metern schon einmal das leere Tor verfehlen, ohne jedwede Schuld daran zu tragen. Als wäre all das nicht schon ärgerlich genug gewesen, gelingt den Gästen aus Borchfeld in der Nachspielzeit nach einem Freistoß auf den langen Pfosten auch noch der Ausgleich. Aus dem Gewühl heraus quält Andy Klinzing den Ball mit dem kahlgeschorenen Haupt irgendwie über die Linie.

Es ist mittlerweile kurz nach 16 Uhr geworden. Zur besten Kaffee&Kuchen-Zeit jagt man in Tiefenort „Antenne Thüringen“ mit all den musikalischen Ausfallerscheinungen und diesen fröhlich-beschwingten Moderationen über den Äther, die man genau jetzt vor dem geistigen Auge hat. Müssen wir jetzt alle durch.

Wesentlich schöner ist da der erste Angriff Kali Werras nach Wiederanpfiff. Der Gast aus Borchfeld (oder Immelborn, schenkt man den Aufwärm-Shirts Glauben) ist noch nicht wieder richtig sortiert, steht hinten zu offen und wird durch einen blitzsauber vorgetragenen Spielzug überrascht. Wunderbar kombiniert, die Abwehr ausgespielt, den finalen Pass an den Mann gebracht – 2:1 durch Jantzen nach 49 Minuten. Wenn Fußball in der Kreisliga doch bloß immer so aussehen würde…

Der Rest des Spiels sieht dann aber leider wieder so aus, wie Kreisliga eben aussieht – mal abgesehen von dem ansprechenden Ambiente drumherum. Viel Stückwerk, viele Missverständnisse, aber eben auch viel Leidenschaft und sportlicher Ehrgeiz. Während einige Kinder den Hintertorhügel zum Spielplatz umfunktioniert haben, diesen quietschfidel herunterrollen und die Nerven von Kali-Werra-Keeper Matthä auf eine Zerreißprobe stellen, ist nach 75 Minuten auf dem Platz das letzte Pulver verschossen. Nach einer letzten Gelegenheit für Kali Werra in Folge einer abgefälschten Ecke gibt es nun nur noch Gezeter und Gemecker zu goutieren, in dessen Irrungen und Wirrungen der Schiedsrichter-Bubi nun völlig die Übersicht verliert und sich vom Gästetrainer widerstandslos als „Halbaffe“ und „Spast“ beschimpfen lässt.

So geht das Spiel also ausschließlich mit verbalen Auffälligkeiten zu Ende. Die Spieler des FSV Kali Werra zieht es anlässlich der Feierlichkeiten des 2:1 Heimsieges schnell in die Kabine und so langsam drängelt die Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges in Bad Salzungen ein wenig. Ich wende mich noch einmal vertrauensvoll an den „Manager“ und frage diesen um Rat, ob er mir eines der vielen Taxiunternehmen für die baldige Rückfahrt empfehlen kann. Natürlich müsse ich mir kein Taxi organisieren, da sich sicherlich jemanden finden lässt, der mich zum Bahnhof fahren wird, sprach er und verschwand.

Keine zehn Minuten später werde ich von drei Spielern der Gästemannschaft begrüßt. Gerne nehmen mich diese in ihre Fahrgemeinschaft auf und befördern mich freundlicherweise zum Bahnhof, um mir auf der Fahrt Erfolgsgeschichten des „Dorfclubs“ aus Borchfeld/Immelborn zu erzählen und beispielsweise die regional sehr erfolgreiche Jugendarbeit des Vereins zu thematisieren. Ach, wenn sogar schon die Gäste gastfreundlich sind, dann ist wohl der Höhepunkt der Tour de Thüringen erreicht…

In Eisenach schlägt sich Fetti im „Orient Grill“ schnell den Wanst voll und erreicht dann noch gerade eben so rechtzeitig das Bahnhofsgebäude, um mitzubekommen, dass der ICE von Eisenach nach Berlin 40 Minuten Verspätung aufweist und in wenigen Augenblicken in der Wartburgstadt einrollen wird. Dank der aufgehobenen Zugbindung ist die Entscheidung schnell getroffen, in das Glück namens Direktverbindung zu springen, sich den Umweg via Erfurt zu sparen und bereits eine Stunde vor der eigentlichen Planung wieder zu Hause zu sein. Positiver Nebeneffekt: So bleibt nicht mehr genügend zeitlicher Spielraum, um sich im „Reisemarkt“ mit drei „Beck’s“ zum Preis von Zweien einzudecken…

Völlig unbebiert kehrt Fetti im Bordbistro ein und lässt die Tour de Thüringen in der rollenden Kneipe Revue passieren. Man kann also auch etwas erleben, wenn man Urlaub in Deutschland macht, denkt sich Fetti, als er plötzlich wie von der Tarantel gestochen feststellt, dass er den Sinn des Soldatenseins noch immer nicht erfasst hat. Wie auch, wenn man die Lektüre noch vor dem Kapitel „Von der Beherrschung der Waffe“ aus zeitlichen Gründen hatte abbrechen müssen. Zwei-Drei Bier und Klicks später hat Fetti seine Bibliothek erweitert und das Meisterwerk bei „ebay“ bestellt. Na, da bin ich ja mal gespannt, wie das an der Grenze wohl ausgehen wird…

 

Am 29.03. hole ich einen dicken Umschlag aus meinem Briefkasten und bin ob der Absenderadresse etwas irritiert. Meine Freunde aus Tiefenort haben mir geschrieben? Einerseits freue ich mich über die nächste nette Geste, doch zeitgleich gerate ich etwas in Unruhe, woher die engagierten Herren wohl meine Adresse haben mögen. Und bereits während ich so das Treppenhaus hinauflaufe und grübele, an welcher Stelle ich wieder unbedarft meine Daten verramscht habe, öffne ich die Sendung und muss dann doch etwas schmunzeln. „Vom Sinn des Soldatenseins“. Zwischen Bordbistro und Arbeitsalltag ist diese wahnwitzige Bestellung irgendwie in Vergessenheit geraten. In meiner Wohnung angekommen, schlage ich die erste Seite auf. „Ein Ratgeber für den Soldaten“. Enttäuschung keimt auf. Wie jetzt? Nur für den Soldaten?

Fetti seufzt im Hintergrund. Noch in Eisenach war er waschechter Grenzer gewesen und nun hat er für dieses schändliche Downgrade im Online-Auktionshaus 2,75 € berappt. Hinfort mit dem Schund für das einfache Fußvolk! Da würde man sich ja glatt wünschen, man würde diese Randanekdote bis zur Fertigstellung des Berichtes ebenso vergessen, wie die getätigte Bestellung an sich. Aber keine Chance, denn die Notizen, die bleiben bestehen – und die Datei, die Datei, die hat immer Recht! /hvg

 

23.03.2019 FC Eisenach – SG SV Borsch 1925 1:1 (1:0) / Wartburgstadion / 95 Zs.

21.03.2019 Weimar
Nachdem ich den altehrwürdigen „Lindenberg“ zu Weimar bereits am 22.08.2015 gekreuzt habe, kann ich mich anlässlich meiner Tour de Thüringen dieses Mal komplett auf die Stadt einlassen, ohne dass mich der Fußballsport ablenkt. Standesgemäß darf ich in der Villa des „Schurken“ residieren, die gerade eben pompös genug war, um einst der Kreisverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit ein zu Hause zu bieten. Derart sicher gebettet und dementsprechend ausgeschlafen hole ich am Donnerstag das nach, was ich 2015 gänzlich verpasst habe und verschaffe mir einen Überblick über die Schönheiten Weimars. Schnell kann die „Kulturstadt“ auf ganzer Linie überzeugen. Der strahlende Sonnenschein trägt seinen Teil dazu bei, dass Rathaus, Herderkirche, Anna-Amalia-Bibliothek, Stadtschloss, Herz-Jesu-Kirche und das Deutsche Nationaltheater – inklusive dem davor befindlichen Goethe-Schiller-Denkmal – in allerbestem Licht erscheinen. Und wenn Euch dann der „Schurke“ auch noch herzzereißende Geschichten über Goethe und seiner geliebten Charlotte erzählt, dann wird es auch um Euch geschehen sein. Es bleibt kein Höschen trocken, wenn der „Schurke“ referiert, wie Charlotte mit einer brennenden Kerze im Fenster die Abwesenheit ihres Ehemannes signalisierte, um den Dichter aus seiner schäbigen Gartenlaube zu sich nach Hause locken zu können. Wohl dem, der solche Sichtachsen hat!

Richtig romantisch wird es dann aber erst auf dem „Historischen Friedhof Weimar“, auf dem der „Schurke“ eine weitere gefühlsduselige Episode zum Besten geben kann. Hier liegen – neben den bereits genannten großen Persönlichkeiten Weimars – auch Carl August (Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach) und seine russische Ehefrau Maria Pawlowna begraben. Da Frauen nun einmal anspruchsvoll sind, war diese Beerdigung von besonderen Begleitumständen geprägt. Ihr Wunsch war es nämlich, auf russischem Boden nach orthodoxen Bräuchen beerdigt zu werden, doch da Carl August seiner Liebsten auch nach dem Tode nahe sein wollte, konnte er auch diesem Wunsch auf höchstkreative Weise nachkommen. Flugs wurde russische Erde aus der Heimat Marias herangekarrt und eine russisch-orthodoxe Kirche auf dem Friedhof errichtet. Die Mausoleen der beiden wurden unterirdisch miteinander verbunden und schwupps waren die beiden Turteltäubchen trotz unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen auch post mortem unzertrennlich geworden. Also, wenn dieser Absatz keine gänzlich neue Leserschaften erschließen wird…

Ich hingegen erlebe meinen persönlichen unvergesslichen Weimar-Moment in der „Altweimarische Bierstube“ am Goethebrunnen. Während ich gemütlich in der Sonne am Frauenplan (einer der bedeutendsten Plätze Weimars – Goethes Wohnhaus in der Nachbarschaft sei Dank) sitze, mein lokales „Ehringsdorfer“ genieße und ein traditionelles Auswärtsschnitzel speise, nähert sich schnellen Schrittes ein Rentnerehepaar. „Entschuldigung, dürfen wir uns hier zu Ihnen setzen“, fragt er. Ich schaue mich um und stelle augenrollend fest, dass ich nahezu der einzige Gast des Lokals bin und sich um mich herum schätzungsweise 784 leere Tische befinden. „Nein, sind Sie bescheuert, oder was?“ ist in etwa das, was mir just in diesem Moment durch den Kopf geht, aber meistens sorgt irgendein vermaledeites Sozialarbeiter-Gen in mir dafür, dass das, was in Folge dem Mund entweicht, mit diesen ehrenwerten Gedanken nur wenig gemein hat und sich dann zu meinem persönlichen Nachteil auswirkt. „Nein. Setzen Sie sich doch bitte einfach an einen der freien Tische“, antworte ich zu meiner eigenen Überraschung. Das „schmale Handtuch“, wie das altehrwürdige Haus im Volksmund genannt wird, scheint mich irgendwie zu inspirieren. „Aber bei Ihnen scheint so schön die Sonne!“, setzt der Senior noch einmal nach, doch mit einem „ja, deswegen sitze ich ja auch hier“, erkläre ich die unangenehme Situation für beendet, während die Dame ihrem grantelnden Heinz am Arm packt und in den Schatten zieht. Endlich die eigenen Bedürfnisse über die der anderen gestellt – da wächst die Brust des schmalen Handtuchs!

22.03.2019 Eisenach
Am Freitagmorgen verlasse ich um kurz nach 11.00 Uhr das wunderschöne Weimar in Richtung Eisenach. Für horrende 15,90 € könnte man in einer Stunde mit der Bimmelbahn dorthin gelangen, oder aber man nimmt einen Euro mehr in die Hand, gönnt sich ab Erfurt eine dekadente Überfahrt im ICE und spart 15 Minuten Fahrzeit. Die Preispolitik der „DB“ macht es möglich, dass Fetti langsam aber sicher die Bodenhaftung verliert. Regionalbahn fahren ist schon lange unter seinem Niveau!

Der Weg vom Bahnhof Eisenach zu meiner Pension bereitet mich dann auf das vor, was in den nächsten Stunden so auf mich zukommen wird. Jeder gottverdammte Stromkasten, jede einzelne Laterne und jeder Mülleimer ist hier mit widerlicher Nazi-Propaganda beklebt. „FCKANTIFA“, „Nazizone“, „Abrakadabra Antifa ins Arbeitslager“, „unser Kampf bleibt National“, „Nationaler Aufbau“, „NS Zone“, „Die Identitären“, „Patrioten Propaganda“ – nur, um die Bandbreite der bedrückenden Sticker-Slogans und der Graffiti-Schmierereien grob anzudeuten.

Mit einem einigermaßen beklemmenden Gefühl in der Brust habe ich nach einem 40-minütigem Spaziergang meine Ferienwohnung am Stadtrand erreicht. Hier empfängt mich ein Schnurrbart im Blaumann, der gerade im Garten arbeitet und den Check-In mit einem eleganten Smalltalk begleitet. „Du kommst aus Berlin? Ost oder West?“. Meine diplomatisch geschickt gewählte Antwort, dass ich in Ostberlin lebe, scheint ihn zu beruhigen. Er lässt es sich nun jedenfalls nicht nehmen, mir von seinem Militärdienst in Hennigsdorf und Oranienburg zu berichten und dass sich erst neulich wieder irgendein „Westler“ über die Toilette auf halber Treppe beschwert hätte. Im Wohnzimmer liegt ein Meisterwerk der politischen Hauptverwaltung der Nationalen Volksarmee zur Lektüre bereit. Der geneigte Eisenachbesucher darf sich hier „Vom Sinn des Soldatenseins“ überzeugen, wobei das Kapitel VI des „Ratgeber für den Grenzsoldaten“ über den Klassenfeind und seine Absichten von meinem Gastgeber offenbar besonders häufig quergelesen wurde. Flucht in die Vergangenheit. Auch nicht immer eine absolute Gewinnerstrategie.

Nach all den gewonnenen Eindrücken ringe ich mit mir, ob ich die Wohnung überhaupt noch einmal verlassen mag, kann mir dann aber glücklicherweise einen Ruck geben, der Innenstadt eines Blickes zu würdigen. Hier kann Eisenach einiges wieder wettmachen und punktet durch seine historischen Bauten und dem schönen Marktplatz mit Rathaus und Georgienkirche auf ganzer Linie. Johann Sebastian Bach erblickte 1685 in Eisenach das Licht der Welt. Dort, wo heute das „Bachhaus“ auf 600² Ausstellungsfläche dem bekanntesten Sohn der Stadt gedenkt, ist er jedoch womöglich gar nicht geboren worden. Der historische Irrtum über das Geburtshaus Bachs besteht seit Mitte des 19. Jahrhunderts und hält sich dank einer Schautafel am Museum bis heute. Dabei geht man mittlerweile davon aus, dass Bach die ersten 10 Jahre seiner Kindheit nicht in diesem Haus, sondern in irgendeinem der umstehenden Häuser in einem Umkreis von ca. 100 Metern verbracht haben muss. Damit scheidet das „Schmale Haus“, welches am Johannisplatz steht, als potentielles Geburtshaus natürlich aus, ist aber dennoch von besonderer Bedeutung für die Stadt. Es ist nämlich nur 2,05 Meter breit, ist somit das schmalste bewohnte Fachwerkhaus Deutschlands und verfügt gar über eine eigene Internetpräsenz. Urlaub in Deutschland. Da kann man was erleben.

Trotz der recht schönen Ablenkung fallen die anhaltenden Schmierereien derart schwer ins Gewicht, dass ich von einer Einkehr in eine Gaststätte mit Wartburgblick absehe. Wer weiß, auf wie viele Wutbürger in ostdeutsch karierten Shorts man hier treffen würde. In der Tat hat mich die ganze Nazischeiße im Stadtbild derart in die Knie gezwungen, dass ich mich freiwillig dazu entscheide, mich in meine Ferienwohnung zurückzuziehen und mir mein Abendessen selbst zu „kochen“. Heute gibt es also rucksackgelagertes Formfleischschnitzel aus Pforzheim, einen Snacksalat vom „Nahkauf“, zwei-drei „Wartburg Export“ und der Bericht aus Stendal entsteht. Na, Prost Mahlzeit!
Da kann Fetti nur den Kopf schütteln. Arbeit im Urlaub? Ist doch kein Auswärtsblog hier…

23.03. Eisenach
Am Samstag zeigt sich aber recht schnell, dass gestern Abend keine verkehrte Entscheidung getroffen worden ist. Die „White Power“-Sudelei an der Bahntrasse ist schon ekelhaft genug, aber als kurz darauf ein Jugendlicher seiner Mutter gegenüber auf offener Straße ungeniert von „dreckigen Juden“ spricht, ist für mich das Maß des Erträglichen genaugenommen bereits wieder voll. Wie soll das erst nachher beim Fußball werden? Ich kämpfe gegen größer werdende Rückzuggedanken an und gehe aus dieser Schlacht wohl nur als Sieger hervor, da ich die Wartburg zumindest einmal gesehen haben möchte und ich aktuell nicht davon ausgehe, in meinem Leben jemals freiwillig nach Eisenach zurückzukehren. Plötzlich erkennt man wie von Geisterhand hinter jeder Sonnenbrille mit Kurzhaarfrisur eine Nazifresse und auch die „Zecken umklatschen“-Aufkleber sowie die eingeschmissenen Scheiben des „Eisenacher Aufbruch“ tragen nicht unbedingt zum verbesserten Wohlbefinden meinerseits bei. Ich bin zwar weit davon entfernt, zu behaupten, dass jeder Eisenacher ein Nazi ist, aber offenbar gibt es doch verdammt wenige Menschen, die sich aktiv einsetzen und wenigstens das Straßenbild retten. Ist es zu viel verlangt, dass ein paar engagierte Menschen all die Sticker überkleben oder entfernen? Gibt es keine jungen Menschen, die in der Lage sind, eine Sprühdose zu bedienen und zumindest die schlimmsten Ausfälle zu übermalen? Wie dem auch sei, im Wald hat man dann schließlich seine Ruhe und kann sich von den innerstädtischen Strapazen erholen. Dennoch hat es mir die Laune verhagelt und nach gut 45 Minuten Fußweg reicht es mir dann trotz eher schlechter Aussicht, ein Foto der Wartburg aus sicherer Entfernung zu schießen und dann wieder umzukehren. Ist vielleicht doch besser, so wenig Menschen wie möglich zu treffen.

Um 12.15 Uhr fährt in der selbsternannten Automobilstadt endlich der erste „Wartburg“ an mir vorbei und ich bin mit dem abgebrochenen Burgbesuch bereits wieder soweit versöhnt, dass ich auch dem Fußballspiel eine Chance geben mag. Mein Fußweg führt also weiter in Richtung „Wartburgstadion“, in dessen unmittelbarer Nähe auch der FSV Eintracht Eisenach sein zu Hause hat. Die Sportanlagen beider Vereine sind malerisch zwischen Hörsel und Michelsbach in der Katzenaue gelegen und auf einem wunderbaren Ascheplatz knödeln Geflüchtete miteinander. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.

45 Minuten vor Spielbeginn decke ich mich im „REWE“ mit einem frischen „Wartburg Export“ ein und erkunde dank eines offen stehenden Tores die Spielstätte. Das Stadion wurde 1955 eröffnet und fasste einst bis zu 20.000 Zuschauer. Der Zuschauerrekord stammt aus dem Jahre 1967, als bei einem Länderspiel der B-Elf der DDR gegen Ungarn 14.000 Menschen in das Stadion gepilgert waren. Der Eisenacher Fußballclub hieß damals BSG Motor und spielte zeitweise immerhin in der zweithöchsten Spielklasse der DDR. In der Nachwendezeit startete der Verein als SV, später als FC Wartburgstadt Eisenach bis in die Thüringenliga durch. Nach der Fusion mit zwei weiteren Eisenacher Vereinen nannte man sich im Jahre 2011 in FC Eisenach um und erzielte mit dem Aufstieg in die Oberliga 2013/14 den größten Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte. Das Spiel gegen den 1.FC Lokomotive Leipzig mit 1.620 Zuschauern ist hier vielen in besonderer Erinnerung geblieben.

Während in den 1990er Jahren die Stehstufen in den Kurven und auf der Geraden abgerissen und begrünt worden sind, sind die alte hölzerne Haupttribüne und der Sprecherturm mit den dazugehörigen Maueranlagen aus Naturstein der Nachwelt erhalten geblieben. Auf der begrünten Gegengeraden, auf der sich dank ihrer Weitläufigkeit und rudimentär erhaltener Treppenanlagen die einstigen Größendimension des Stadions erahnen lassen, stehen heute einige Parkbänke in blau und weiß, von denen man die Spiele Landesklasse-Kicker entspannt verfolgen kann. Ob die Bänke offiziell zu den 139 Sitzen unter den insgesamt 4.500 Plätzen des Stadions zählen, ist jedoch nicht überliefert.

Als ich von meinem Toilettengang in der „Werner-Aßmann-Halle“ der Handballer des ThSV Eisenach zurückkehre, ist das offen stehende Tor des benachbarten Stadions verschlossen worden. Am Haupteingang werde ich freundlich begrüßt und dann mit 4 € zur Kasse gebeten. Dadurch, dass ich bereits beim Fotografieren aufgefallen bin, habe ich dem FC Eisenach von 2011 die Tageseinnahmen gerettet, ansonsten wäre das Schlupfloch wohl unentdeckt geblieben, wie der Kassierer ehrlich zugibt. „Dein Bier hast Du ja schon ausgetrunken, habe ich gesehen, aber trotzdem muss ich noch in Deinen Beutel schauen, damit du nichts dabei hast, um irgendwelche Menschen zu töten“, sagt er erst und händigt mir erst nach der Taschenkontrolle eine formschöne Kino-Abrisskarte aus, die er „extra noch aus der Metro geholt“ hat, um mir eine Erinnerung an den Stadionbesuch zu verschaffen. Netter Mensch.

Ich lasse mich mit einem kühlen Stadionbier in einem schönen Plastikbecher mit FC Eisenach Logo auf dem Grashügel der Gegengerade nieder. Das Publikum ist in etwa 100x angenehmer, als ich es erwartet hatte. Schon jetzt hat sich der Besuch des „Wartburgstadion“ ausgezahlt und über die anderen geschilderten Eisenach-Eindrücke etwas hinweggetröstet.

Nach 13 Minuten verzeichnen die Gäste aus Borsch die erste Großchance, doch Bittorf scheitert mit einem sehenswerten Flugkopfball am glänzend aufgelegten Keeper Ivan Renić, der eigentlich nur die Nummer 2 des FCE ist. Der etatmäßige Stammkeeper Hristo Kovachev sitzt heute verletzungsbedingt lediglich auf der Bank, doch bei diesem Vertreter muss einem nicht Angst und Bange werden. Außerdem sind diese beiden Personalien eine gesonderte Erwähnung wert, weil sich außer ihnen 31 deutsche Vornamen auf dem Spielberichtsbogen befinden. Bei all den Sebastians, Pauls, Roberts und Christians wird einem ja ganz schwindelig…

Nach 15 Minuten deutet sich bereits der erste Wechsel an. Gästekapitän Kraus ist angeschlagen, ganz zum Ärger der Wechselspieler, die vom Co-Trainer nun zum Warmmachen animiert werden müssen. „Echt? Jetzt schon? Wir wollten uns noch ein bisschen sonnen!“, äußert einer der Aufgescheuchten und zeigt so, dass er bis in die Haarspitzen motiviert ist. Wenige Minuten später kann der gute Mann doppelt aufatmen: Der Fernschuss des Eisenacher Kiesel rauscht knapp über das Tor und Kraus signalisiert, dass er doch weiterspielen können wird.

Nach 25 Minuten fällt das erste Tor des Tages. Eine kurz ausgeführte Ecke überrascht die Gäste, die den flachen und scharf hereingespielten Ball an den kurzen Pfosten nun nicht mehr vernünftig verteidigen können. Galozy und sein Gegenspieler Schel aus Borsch ringen um den Ball und irgendeiner der beiden drückt das Spielgerät im Infight über die Linie. Tendenz: Eigentor.

In Folge neutralisieren sich beide Mannschaften im Mittelfeld, ohne dass es weitere nennenswerte Höhepunkte zu verzeichnen gibt. Sicherlich ein Erfolg für die Hausherren, die dem amtierenden Landesklassenmeister und Tabellendritten hier gut Paroli bieten können. In der 41. Minute kann der FC Eisenach das Ergebnis beinahe in die Höhe schrauben, doch leider scheitert Kraiczi letztlich an der Latte, nachdem er sich im Zweikampf schön behauptet und einen Gegenspieler abgeschüttelt hatte.

In der Halbzeit kann sich Fetti endlich über die erste Thüringer Rostbratwurst des Urlaubs hermachen, nachdem man in Erfurt noch die Dreistigkeit besessen hatte, im Gästeblock lediglich Currywurst anzubieten. Dazu gibt es ein weiteres kühles Bier und schon kann man frohen Mutes in den zweiten Durchgang starten, welchen der Gästetrainer mit der knackigen Ansage „einfache Bälle spielen, die schwierigen können wir nicht!“ eröffnet.

Seine Spieler leisten ihm Folge und gewinnen Oberwasser. Gerade einmal 60 Sekunden sind gespielt, als sich der auffällige Bittorf auf der rechten Seite gleich gegen zwei Gegenspieler durchsetzen kann, in den Strafraum eindringt und den Rückpass mustergültig an den Mann bringt. René Metzler hat keine große Mühe, den Ball zum 1:1 einzuschieben. In Folge drückt der Gast, lässt Ball und Gegner laufen und schiebt immer wieder an, ohne jedoch gute Abschlussgelegenheiten kreieren zu können. Bis zum Schlusspfiff riecht es permanent nach Auswärtssieg, doch fehlt den Gästen aus Borsch letztlich die finale Überzeugung. So muss sich das fußballerisch bessere Team schlussendlich mit einem Remis begnügen, was die Eisenacher mit den gut 100 Zuschauern im Rücken sichtlich erleichtert zu feiern wissen. Ich verlasse die Spielstätte gut gelaunt und doch einigermaßen erleichtert, dass es auch im Eisenach-Bericht zumindest an einer Stelle eine uneingeschränkte Reiseempfehlung geben wird. Das „Wartburgstadion“ ist in jedem Falle einen Besuch wert!

Als ich wieder vor meiner Ferienwohnung angekommen bin, werkelt der Schnurrbart im Blaumann erneut im Garten herum. Heute reinigt er gemeinsam mit seinem Sohn einen Grill und hübscht die Terrasse auf. „Wir wollen heute grillen, magst Du mit hinterkommen?“, fragt er mich. „Hinterkommen“ ist auch so ein Wort, das ich seit 10 Jahren nicht mehr gehört habe. Erinnerungen an mein Praktikum im DDR-Erzieherinnenkollektiv werden wach, aber die tun hier jetzt nichts zur Sache. „Wo kriege ich denn jetzt auf die Schnelle etwas zum Grillen her?“, halte ich für eine durchaus relevante Gegenfrage, die aber nicht nötig gewesen wäre. Wir Ossis halten eben zusammen und so erhalte ich eine herzliche Einladung zu Bier und Fleisch auf’s Haus, die ich – in der Hoffnung, dass es nicht politisch werden möge – dankend annehme. Für eine halbe Stunde verschwinde ich auf dem Zimmer und bereite mich mental auf alle Eventualitäten vor. Gedanklich erstelle ich eine Liste mit Tabuwörtern, die zum sofortigen Abbruch des Grillabends führen würden. Flüchtlinge, Merkel, Kuscheltierwerfer, Gutmenschen, so etwas. Damit ich nicht komplett ohne Mitbringsel dastehe, schnappe ich mir die gestern Abend übrig gebliebenen Auberginen in Tomatensoße in formschöner Konservendose, atme tief ein und wage mich dann in das Abenteuer ‚Grillabend in Westthüringen‘.

Die beiden freuen sich wirklich aufrichtig und ehrlich, als ich wieder im Vorgarten aufschlage. Die Auberginen kennen sie nicht und essen sie nicht. Hätte ich damals schon gewusst, dass „Eierfrucht“ die deutsche Bezeichnung für dieses fremdländische Gemüse ist, hätte ich eventuell bessere Vermarktungsmöglichkeiten gehabt. Aber offenbar habe ich ihnen bereits mit meiner bloßen Anwesenheit einen großen Gefallen getan und schon lassen sie erste gastfreundliche Taten folgen. Keine 30 Sekunden später kriege ich ein gekühltes tschechisches in die Hand gedrückt und die ersten Steaks und Würste werden kredenzt. Der Herr des Hauses erzählt, was seit 1990 in seinem Leben alles schiefgegangen ist, nachdem er sich damals das Haus für 60.000 D-Mark gekauft hat. Das Haus gegenüber steht seit 10 Jahren leer, seine Nachbarn sind alle arbeitslos und leben von Hartz IV, während die „schweren Westler“ alle Blöcke im Viertel aufgekauft haben. Und die Spare Ribs aus dem „Kaufland“, die kann man auch vergessen, weil die „Amis“ immer alles zu süß würzen. Der gute Mann geht auf die 70 zu und ich hätte ihn gut 20 Jahre jünger geschätzt. Eine gewisse Schwere liegt in der Luft, sein Gesicht ist von Traurigkeit gezeichnet, der Blick geht melancholisch in die Leere. Im Verlauf der nächsten beiden Stunden wird er nicht eine Anekdote erzählen, die positiv konnotiert ist. Hier kann man Sozialstudien anfertigen – oder sich einfach über die Herzlichkeit und Gastfreundschaft von Vater und Sohn freuen und darüber, dass irgendwann ein schöner Abend zu Ende geht, ohne dass die Tabuliste zum Einsatz kommen musste. Am Ende verabschiedet er mich mit einem freundlichen Händedruck und einem „Schön, dass Du da warst“.

Und ich meine, dass ich sogar ein kleines Lächeln in seinem Gesicht gesehen habe. Gut, dass Fetti und das schmale Handtuch zu Besuch waren. In Eisenach hat man ja offenbar sonst nichts zu lachen… /hvg

20.03.2019 FC Rot-Weiß Erfurt – 1.FC Union Berlin 1:4 (1:3) / Steigerwaldstadion / 2.728 Zs.

Mitte Dezember verkündet der 1.FC Union Berlin, dass er im März 2019 zum Zwecke eines Benefizspiels beim FC Rot-Weiß Erfurt aufdribbeln wird. Es ist noch gar nicht sonderlich viel Zeit ins Land gegangen, seitdem es den „Spreewaldschurken“ aus beruflichen Gründen nach Weimar verschlagen hat und natürlich ist dieser sofort Feuer und Flamme für dieses Spiel in unmittelbarer Nachbarschaft. Auch in den Berliner Reihen FUDUs weckt das Spiel Begehrlichkeiten, schließlich liegt der letzte Besuch des Erfurter „Steigerwaldstadion“ bereits annähernd 12 Jahre zurück (09.09.2007, 0:2 Niederlage, Torschützen Kumbela und Bunjaku, Schiedsrichter Rafati) und in der Zwischenzeit hat sich baulich an der Spielstätte bekanntermaßen einiges verändert (… und bevor mich aufmerksame Unioner mit Hassmails bombardieren – beim 1:1 am 06.12.2008 habe ich – im Gegensatz zum „Hoollegen“ – mit Magen-Darm und Attest gefehlt!). So ist es nicht zu leugnen, dass das Spiel auch aus Hopping-Gesichtspunkten einen gewissen Reiz versprüht.

Da stellt sich für unsereins nur noch die Frage, ob man sich für einen solchen Kick unbedingt einen Tag Urlaub nehmen sollte. Es ist den Vereinsverantwortlichen nämlich gelungen, für dieses Rettungsspiel des finanziell schwer angeschlagenen Regionalligisten einen denkbar fanunfreundlichen Termin zu finden: Mittwoch, 18.00 Uhr. Dabei lernt man doch bereits im ersten Semester Bilanzfälschung an der Fernuni Dubrovnik: Wenn Dir die Menschen ihr Geld geben sollen, gebe Ihnen die Gelegenheit dazu…

Einige Tage später taucht auf der Facebook-Seite des 1.FC Union Berlin dann ein Kommentar auf, der neuen Wind in die Sache bringt. Der FSV Kali-Werra Tiefenort lädt alle Unioner, die noch etwas in der Gegend bleiben wollen, herzlich in ihr „Kaffeetälchen“ ein. Ein Klick auf den beigefügten Link später hat der postende Mensch erreicht, dass ich ernsthaft beginne, über diese Einladung intensiv nachzudenken. Was für ein wunderschönes Stadion. So funktioniert Marketing!

Vier Wochen lang kämpfe ich mit mir. Urlaub in Deutschland ist grundsätzlich etwas, das ich in etwa so spannend finde wie einen Bodensee-Tatort ohne Untertitel. Als ich dann aber auch noch feststelle, dass am Wochenende nach dem Benefizspiel aufgrund einer Länderspielpause kein Ball in der zweiten Bundesliga rollen wird, ist die Entscheidung final getroffen. Fünf Tage auf großer Tour de Thüringen.

In der Zwischenzeit hat sich auch der FC Rot-Weiß Erfurt aufgemacht, das Spiel im großen Stil zu vermarkten. Wer weiß, wie viele kreative Köpfe da wohl monatelang zusammengesessen haben mögen, um dieses geniale Motto für das Retterspiel zu ersinnen. Es lautet „Currywurst vs Bratwurst“, sorgt in Berlin für mitleidige Schmunzler und kommt auch in der Fanszene Erfurts eher nur so semi gut an. So funktioniert Marketing nicht!

Als wäre dieser Slogan an peinlicher Belanglosigkeit ohnehin kaum zu überbieten, wird Erfurt auch noch in unfassbar hässlichen Sondertrikots auflaufen müssen und diese hinterher versteigern. Kreativer ist man da bei FUDU und so lässt es sich der „Hoollege“ nicht nehmen, seine Zusage an einem Tagesausflug mit einem süffisanten Seitenhieb zu versehen: „Die Currywurst mit Naturdarm ist mit an Bord!“.

So also begeben sich am 20.03.2019 zwei Berliner auf den Weg nach Erfurt. Nach einer Stunde und 47 Minuten Fahrt ist die thüringische Landeshauptstadt um 11.52 Uhr erreicht. Gegenüber des schönen Hauptbahnhofs befindet sich der „Erfurter Hof“, welcher früher als Bahnhofshotel fungierte und heute als Geschäftshaus genutzt wird. 1970 fand hier das „Erfurter Gipfeltreffen“ statt, auf dem Willy Brandt und Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates der DDR, deutsch-deutsche Annäherungsgespräche führten. Die Leuchtschrift auf dem Dach des Gebäudes („Willy Brandt ans Fenster“) ist bereits aus dem Zug zu erkennen und ich habe im Rahmen diverser Vorbeifahrten sicherlich schon zehn Mal recherchiert, was es mit dieser Zeile auf sich hat. Sie erinnert also an die Ausrufe der begeisterten Erfurter Bevölkerung, die seinerzeit dem Bundeskanzler zuwinken wollten. Schreibe ich jetzt einfach mal auf. In der Hoffnung, dass sich die Information jetzt endlich setzt und ich beim nächsten Mal das internetfähige Handy nicht schon wieder zücken muss, wenn ich Erfurt im ICE passiere und „Willy Brandt ans Fenster“ soll …

Das Wetter zeigt sich heute von seiner besten Seite und lädt förmlich zu einem Stadtspaziergang ein. Wir steuern zielstrebig die „Krämerbrücke“ an und erfreuen uns an den vielen kleinen Cafés und Ladengeschäften. „Ist ja genau so schön hier wie in Italien“, hört man die Rentnergruppen ringsherum raunen. Übrigens auch so ein Satz, der letztlich nur illustriert, dass genaugenommen niemand Lust auf Urlaub in Deutschland hat. Warum sonst sollte man sich das Gesehene durch Vergleiche mit schier unerreichbar fernen Ländern schöner lügen, als es ist? Andersherum betrachtet hat es sicherlich auch seinen Grund, warum niemand in Venezia über die „Ponte Rialto“ flaniert und dabei sagt: „So etwas schönes sieht man ja ansonsten nur in Erfurt!“…

Versteht mich nicht falsch. Keineswegs soll dies die Schönheit der Brücke schmälern, aber sie ist de facto nicht „so schön wie in Italien“, sondern maximal so schön, wie eine Brücke in Thüringen eben sein kann. Im weiteren Verlauf des Spaziergangs erhalten aber auch Rathaus, Severikirche und Dom thüringische Bestnoten, ehe wir im „Braugold-Treff“ am Domplatz unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Das bestellte Eisbein schmeckt fatalerweise so wie es aussieht (also in etwa so alt wie das an der Eingangstür angebrachte Werbeplakat für ein „Tatort“ Public-Viewing von 2015) und auch die „Knobländer“, die der „Hoollege“ in Erwartung einer sensationell interessanten Wurstspezialität bestellt, entpuppt sich lediglich als ca. zwei Meter lange Bockwurst. Untermalt wird das Ganze von permanentem Lärm und der einen oder anderen Staubwolke, die von der Großbaustelle neben uns herüber wabert. Zunächst sind wir beide gleichermaßen enttäuscht ob der Qualität und etwas später mehr oder minder zeitgleich geradezu angeekelt von unseren georderten Speisen. Förderlich ist es da, dass wir zu zweit am Tisch sitzen und so wenigstens einem Tellertausch in der „Halbzeit“ nichts mehr im Wege steht. Mit einem tröstenden „Ja, dein Essen schmeckt auch scheiße!“ geben wir uns gegenseitig das Gefühl, bei der Bestellung nichts falsch gemacht zu haben. Ach, hätten wir doch bloß damals schon die „Thüringer Allgemeine“ konsultiert, die den Artikel zwar hinter einer Bezahlschranke versteckt, doch bereits mit der Überschrift durch die Blume eine mehrdimensionale Warnung ausspricht: „Raschid Berrasched betreibt den „Braugold-Treff“ am Dom und bietet für Rentner und Touristen Thüringer Küche“. Mehr hätte man nicht wissen müssen.

Glücklicherweise glänzt wenigstens das „Braugold“ recht schön in der Sonne und holt für den Laden die Kastanien noch gerade eben so aus dem Feuer. Zu diesem Zeitpunkt kennen wir das Sortiment der lokalen Brauerei noch nicht vollumfänglich, ansonsten hätten wir eventuell nach der Spezialität des Hauses mit dem politisch unverfänglichen Namen „18 achtundachtzig“ gefragt. Wie geht Marketing doch gleich noch mal?

Leider können wir auch nach der zweiten Goldelse einem etwas derangiert wirkenden niederländischen Streuner nicht weiterhelfen, da wir auf seine Frage, wo er in Erfurt etwas zum Rauchen kaufen könne, keine Antwort parat haben. Wir sind dann aber hochgradig erleichtert, dass sich der junge Mann selbst zu helfen weiß und bei der Wahl seiner Betäubungsmittel Flexibilität an den Tag legen kann. So lässt er sich einfach neben einem Domplatz-Clochard nieder und trinkt gemeinsam mit diesem Wein aus dem Tetra Pak.
Fast wie in Italien.

Uns zieht es im Anschluss hinaus in das „Steigerwaldstadion“, welches genaugenommen gar nicht im Steigerwald, sondern nordnordöstlich davon liegt. Mittlerweile ist auch der „Schurke“ in seinem Feierabend angekommen und hat es immerhin zu 16.45 Uhr geschafft, die knapp 30 Kilometer von Weimar nach Erfurt zurückzulegen. So bleibt vor Anpfiff noch genügend Zeit auf der Uhr, um auch den „Sprengmeister“ mit Wismut-Aue-Affinität, der aktuell in Erfurt wohnt und heute mit einem Bekannten im Heimblock gammeln wird, auf einen kurzen Smalltalk zu treffen. Schon jetzt erweckt hier alles den Eindruck, als wären mehr Gäste, Hopper und hinsichtlich der Abwendung der Insolvenz des RWE eher emotional unbeteiligte Fußballfreunde rund um das Stadion unterwegs, als Erfurter, die auf Gedeih und Verderb ihren Herzensverein zu retten gedenken.

Auf dem Weg zum Gästeblock erhalten wir sogleich ein kleines Begleitheft, welches allen Ernstes der Insolvenzverwalter Volker Reinhard mit einem Vorwort versehen durfte. Der „Kultverein aus Berlin“ wird begrüßt und die Kampagne „Currywurst vs Bratwurst“ wird in ein nicht vorhandenes Rampenlicht gestellt, um heute „die Spezialitäten aus der Heimat der beiden Vereine hervorheben“ zu können. Die Sondertrikots mit Senf- und Ketchupflecken suggerieren derweil, dass der gemeine Thüringer offenbar zu blöd zum Selberkleckern ist und gehen an den Fanständen sprichwörtlich weg wie alte Schrippe. Schlimmer wird es dann nur noch im Gästeblock, in dem es neben Currywurst auch – Achtung, festhalten, was für ein Brüller! – „Berliner, gefüllt“ für 2,00 € käuflich zu erwerben gibt, doch werden diese von den knapp 150 Unionern irritierenderweise konsequent verschmäht.

Heute sind nicht einmal 3.000 Menschen in das neue „Steigerwaldstadion“ gekommen, obwohl der RWE um das Überleben kämpft und trotzdem habe ich plötzlich Verständnis für jeden Erfurter, der angesichts dieses „Events“ Scham erfüllt zu Hause geblieben ist. Ich verstehe jeden RWE-Ultra, der unter diesen Umständen keinen Finger krumm macht, um den Verein mit diesen handelnden Personen zu retten. Und bei Gott, ich wünsche der Werbeagentur-Amöbe, die diesen unfassbar irrelevanten Zinnober ausgeheckt hat, dass sie all die übrig gebliebenen „Berliner“ (es heißt übrigens „Pfannkuchen“, du Idiot!) zur Strafe bis zum letzten Krümel in sich hineinfressen und sich mit den übrig gebliebenen Trikots so lange in der Fußgängerzone beschimpfen lassen muss, bis auch das letzte Nicki über den Bauchladentisch gewandert ist…

Puh. Jetzt erst einmal ein leckeres „Köstritzer“ Kellerbier vom Fass zur Beruhigung und dann kann auch schon Fußball gespielt werden. Das „neue“ Stadion ist durchaus ansehnlich. Glücklicherweise haben die alten Flutlichtmasten im Gegensatz zum Marathontor überlebt und auch die alte Haupttribüne mit dem Zeltdach konnte in das neue Stadion integriert worden. Nichtsdestotrotz befindet sich diese leider nach wie vor gefühlte 100 Meter vom Spielfeld entfernt und auch die Tartanbahn braucht es für ein Fußballstadion nicht zwingend, ist aber für die Erfurter Leichtathleten erhalten geblieben. Der Rest des Stadions ist ansprechend saniert, modernisiert und überdacht worden und so kann der kriselnde Regionalligist nunmehr ein brandneues Stadion bespielen, welches beinahe 20.000 Zuschauer fasst. Thüringen thinks big!

Für die Gäste aus Berlin ist für 8,50 € Eintritt heute nur der Sitzplatzblock geöffnet worden, was sehr viel Sinn ergibt, so man nach dem Spiel unbedingt eine Putzkolonne zur Reinigung der strahlend weißen Sitzschalen bezahlen möchte, um unter dem Strich bloß nicht zu viel Geld zur Rettung des eigenen Clubs zusammenzubekommen. Das Retterspiel beginnt. Fast 17.000 leere Stühle sorgen für ein tristes Ambiente, in dem Stimmung nicht so recht aufkommen mag, aber wenigstens schmeckt das Jens Kellerbier. Nachdem die Anfangsviertelstunde durchaus RWE gehört, zeigt sich Suleiman „Manni“ Abdullahi in Folge bestens aufgelegt und bringt Union mit drei Toren innerhalb weniger Minuten (22., 23., 26.) frühzeitig auf die Siegerstraße, wobei er die Schönheit der Tore angemessen steigert: Tor 1 ein Abpraller, Tor 2 ein Flachschuss von der Strafraumkante, Tor 3 ein Traumtor in den Giebel. Schade, dass nach dem dritten Geniestreich nur eine Minute vergeht, bis Erfurts Kelbel der Ehrentreffer zum 1:3 gelingt und die Standing Ovations für „Manni“ dadurch deutlich zu kurz ausfallen.

Im Laufe der zweiten Halbzeit wechselt Union mit Florian Sander, Laurenz Dehl, Daniel Eidtner und Stefan Rankić gleich vier Nachwuchsspieler ein, wobei ins Besondere letzterer eine interessante Vita vorweisen kann. Geboren in Bosnien und offenbar so gut, dass man ihn zum 01.01.18 mit lediglich 16 Jahren vom Омладински фудбалски клуб Београд (OFK Belgrad) nach Köpenick gelotst hat. Den behalten wir mal im Auge, auch wenn es Daniel Eidtner ist, der mit seinem Treffer zum 4:1 in der 82. Minute heute für etwas mehr Aufsehen sorgen kann. Schiedsrichter Lossius beendet kurz darauf die Partie und am Bahnhof von Erfurt trennen sich unsere Wege. Der „Hoollege“ muss zurück ins Currywurstland, während ich um 21.01 Uhr gemeinsam mit dem „Schurken“ in Richtung Weimarer Bratwurstparadies aufbreche. Das hier war schließlich erst der Aufgalopp in die Tour de Thüringen… /hvg