379 379 FUDUTOURS International 16.01.21 19:11:26

06.07.2019 Põhja-Tallinna JK Volta – Vändra JK Vaprus 1:4 (1:1) / Sõle Gümnaasiumi staadion / 102 Zs.

Drei Kilometer liegen also zwischen den beiden Spielstätten und eine knappe Stunde verbleibt uns bis zum Anpfiff. Was zunächst nach keiner all zu großen Herausforderung klingt, wird ein wenig dadurch erschwert, dass das am Wegesrand auftauchende „Kristiine Keskus“ unerwartet Begehrlichkeiten weckt. Eine handelsübliche Shopping Mall, ein Konsumtempel, wie er im Buche steht. Muss man keines Blickes würdigen, vor allen Dingen dann nicht, wenn man es eigentlich eilig hat, von A nach B zu kommen. Soweit die nüchterne Betrachtungsweise, aber in diesem Falle sollte man seine Rechnung nicht ohne den „verrückten Tischfinnen“ machen. Ihn zieht es nämlich wie von Geisterhand gesteuert ins Erdgeschoss und dann in die Apotheka, in der er gerne diverse Medikamente einkaufen würde. Schnell sind mir die eklatanten Preisdifferenzen der einzelnen Produkte gegenüber des Verkaufs in Suomi erklärt und spätestens, als einige preiswerte Schmerztabletten und baltische Grippehelferlein auch in meinem Warenkorb gelandet sind, ist der Schnäppchenjäger in mir von diesem außerplanmäßigen Shopping-Zwischenstopp vollends überzeugt.

Was dem Hund der nächste Baum, ist dem Finnen die Steckdose, heißt es dann im Anschluss. Natürlich können wir Kristiine nicht einfach verlassen, ohne sie noch richtig auszusaugen, mag sich der „Tischfinne“ gedacht haben und so hocken wir gute 20 Minuten auf dem Boden, um diverse Geräte des hochtechnisierten Skandinaviers laden zu können. Als die Akkus voll genug sind, um das Überleben in den kommenden Stunden sicherzustellen, verbleiben nur noch 30 Minuten bis zum Anpfiff und noch immer sind 2,3 Kilometer zurückzulegen.

Im Schweinsgalopp preschen wir die Hauptstraße hinunter und wähnen uns bereits am Ziel, als die Straße plötzlich nicht mehr „Tulika“, sondern „Sõle“ heißt, das Ortseingangsschild „Põhja“ gesichtet wird und das mit frischer Energie versehene Smartphone des finnischen Pfadfinders ein Gümnaasium samt Fußballfeld ausweist. Hier stimmen alle weichen Faktoren, aber wirklich auch nur die, wie wir kurz darauf feststellen müssen, als wir zwischen den Häuserschluchten auf einem Schulhof stranden und den legendären Sportplatz des „Pelgulinna Gümnaasium“ bestaunen. Hier ist sicherlich schon manch dicker Estenbengel am Cooper-Test gescheitert, aber mit hoher Sicherheit noch nie ein Ball in der dritthöchsten Spielklasse des Landes gerollt. „Vallah, is falsche Gümnaasium!“, fasst Fetti das Problem adäquat zusammen und der „Tischfinne“ justiert noch einmal nach. „Fähnlein Fieselschweif“ heißt auf finnisch übrigens „Sudenpennut“ und unser Stadion liegt wohl doch noch einmal 1,2 Kilometer entfernt.

Um Punkt 16.59 Uhr haben wir das „Sõle Gümnaasiumi staadion“ erreicht und uns über ein unverschlossenes Hintertürchen Eintritt erschlichen. In der „Esiliiga B“ spielt man also auf Breitensport-Kunstrasen und für die Zuschauermassen hat man mehrere kleine hölzerne Tribünenelemente entlang der Seitenlinien verteilt. Auf diesen lümmeln Freunde und Familien der Spieler und Hopper aus Deutschland und alle bekommen nach 16 Minuten den ersten Aufreger zu sehen. Kaarel Poldma hat soeben den Ball vor dem eigenen Strafraum vertändelt und dem Vändra-Angreifer, der alleine auf das Tor hätte zulaufen können, aus schierer Hilflosigkeit von hinten die Beine weggegrätscht. Schiedsrichter Kask lässt Gnade vor Recht ergehen und zückt die dunkelgelbe Karte. Der Gast aus dem 100 Kilometer entfernten Vändra bleibt tonangebend und hätte nach knapp 20 Minuten in Führung gehen müssen, doch Jürgenstein verlässt im 1:1 Duell gegen den Torwart der „Vaprus“ (= Mut). Besser machen es zehn Minuten später die Hausherren, die mit ihrem ersten Angriff überraschend in Führung gehen können: Arome Onogu aus Nigeria, der mittlerweile für den FC Eston Villa (= mein Humor) spielt, setzt sich mit seiner Körperlichkeit im Strafraum durch und erzielt das 1:0 per Kopf.

Wir wechseln im Anschluss auf die Haupttribünenseite, auf der es hinter den Holzpodesten zwar wirklich auch eine echte Haupttribüne gibt, von der allerdings nicht davon auszugehen ist, dass sie jemals Architekturpreise gewinnen wird. Man hat die kleineren Planungsfehler begangen, die Tribüne gut 20 Meter vom Spielfeldrand entfernt zu platzieren, einen Bürgersteig zwischen Tribüne und Feld zu pflastern und die Sicht zusätzlich durch ein Fangnetz und den Aufbau diverser Umkleide- und WC-Container zu erschweren. Drittligafußball in Estland. Kann man nicht beschreiben, muss man erlebt haben.

Schön ist das 1:1 durch Andro Aaviks direkten Freistoß in der 41. Minute, weniger schön, dass es in der Halbzeitpause kein Bier zu kaufen gibt.

In der zweiten Halbzeit rettet Volta-Schlussmann Silver Saluste seinen Mannen zunächst mit einer Glanztat nach Kopfball aus Nahdistanz die Haut (52.), um dann abermals unter Beweis zu stellen, dass er bei Freistößen gerne mal alt aussieht. Schon der erste Ball war vor der Pause direkt in der Tormitte eingeschlagen, nun lässt sich Saluste sogar mit einem direkten Freistoß in die Torwartecke düpieren – nach 55 Minuten ist Vesselov der gefeierte Mann der Gäste. Im Anschluss lässt die Qualität des Spiels deutlich nach und viele individuelle Fehler, technische Unzulänglichkeiten und Fehlpässe dominieren das Bild. Besonders bei der Heimmannschaft läuft nach 70 Minuten nur noch wenig zusammen und es scheint eine Frage der Zeit, bis die Gäste das Spiel vorentscheiden können. Das 1:3 wird wegen einer Abseitsstellung nicht anerkannt und mehrere große Gelegenheiten bleiben ungenutzt, sodass Ian-Erik Valge den Spielverlauf beinahe auf den Kopf gestellt hätte. Dass dieser nach 75 Minuten freistehend aus fünf Metern vergibt, scheint seinen Trainer so sehr auf die Palme zu bringen, dass er nur kurz darauf zur Auswechslung bittet. In den letzten Minuten geht’s für das zu offensive Volta dann dahin und der Favorit zieht von dannen. Nach 85 Minuten nimmt Jürgenstein einen Steilpass auf, umkurvt Saluste und vollstreckt zum 1:3. Die hängenden Volta-Köpfe sorgen dafür, dass nur zwei Minuten später noch einmal gejubelt werden kann, als Aavik aus fünf Metern Torentfernung ungestört einnicken kann. Schiedsrichter Kask beendet die Partie, Volta bleibt Tabellenletzter, Vändra verharrt auf Rang 3 und FUDU hat Durst.

Der ortskundige „Tischfinne“ führt uns schnurstracks in das belebte Stadtviertel Telliskivi Loomelinnak. In dem ehemaligen Industriegebiet haben sich kreative Menschen angesiedelt und hippe Cafés, Bars, Restaurants, Shops und Start-Ups gegründet. Unweit des Hipsterbezirks Kalamaja gelegen, in dem zugezogene Neureiche die alten Holzhäuser auf Vordermann gebracht und die Mieten in die Höhe getrieben haben, findet man genau das vor, wonach diese Beschreibung klingt. Eine interessante Umgebung, charmant genutzte Brache, auf der man dem Gammel neues Leben eingehaucht hat, anstatt alles abzureißen und neu zu bebauen – aber eben leider auch beinahe ausschließlich Leute, deren wichtigstes Anliegen es ist, sich permanent selbst zu produzieren und sich dabei zu fotografieren, wie man überteuertes xy-freies Essen in sich hineinstopft. Wir tappen nur kurz in eine Coolness-Falle namens „Peatus“. Hier könnte man in alten Eisenbahnwaggons samt nostalgischem Interieur bei monotoner Elektromucke hochpreisiges Bier trinken, wenn man nach 20 Minuten Wartezeit nicht nur zehn Mal begrüßt worden wäre, sondern auch etwas hätte bestellen dürfen. So besinnt sich FUDU alsbald bei seinen Leisten zu bleiben und kehrt in einem schäbigen aserbaidschanischem Imbiss-Container auf dem „Depoo-Street-Food-Market“ ein. Hier gibt es anständiges Bier, günstiges und gutes Essen, einen Sitzplatz im Warmen und die Erkenntnis, dass ich vielleicht auch besser eine Steckdose hätte nutzen sollen. Die Kamera ist jedenfalls nicht mehr in der Lage, Erinnerungsfotos des exotischen Abendbrots zu schießen und auch das Handy ist nicht mehr funktionsfähig, sodass ich Gott und die Welt der sozialen Medien leider nicht an meinem coolen Abend teilhaben lassen kann. Kurz darauf verabschiedet sich der „Tischfinne“ in sein nahe gelegenes Hotel und ich bleibe einigermaßen orientierungslos zurück.

Wie es der Zufall so will, rollt die Straßenbahn zu später Stunde wieder ohne Einschränkungen durch die Stadt und mein Problem, weder zu wissen, wo genau ich mich befinde, geschweige denn, in welcher Himmelsrichtung mein Hostel auch nur ansatzweise zu verorten ist, löst sich dank eines glücklichen Zufalls in Luft auf. Die Straßenbahnlinie 2 hält also nicht nur in Telliskivi, sondern laut Fahrplan in 24 Minuten auch in Keskturg. So mag ich das. Einen Fahrscheinautomaten gibt es zu meinem großen Bedauern weder an der Haltestelle, noch in der einfahrenden Bahn und so muss man sich wohl achselzuckend seinem Schicksal fügen. Das meiste Geld verplempert man bekanntlich eh beim Bezahlen und für’s Erste ist schwarz fahren preiswerter, als sich mit dem Taxi in die Dachkammer kutschieren zu lassen. Zur Strafe für diese Leistungserschleichung endet die Fahrt wegen eines Unfalls und eines Straßenbahnstaus zwar bereits auf halber Strecke, aber „immer den Schienen lang“ sollte eine Erfolg versprechende Methode darstellen, um das „zu Hause“ jetzt auch ohne „googlemaps“ finden zu können. Spätestens, als ich die „Jaani Seegi kirik“ erspähe, die sich als alte Holzkirche den gläsernen Wolkenkratzern der Großbanken trotzig in den Weg stellt, weiß ich, dass das Ziel nicht mehr weit ist. Um kurz vor Mitternacht grüßt Babuschka aus dem Rezeptionskabuff noch immer freundlich und nimmt meinen USB-Stick mit Flugticket bereitwillig entgegen, wird sich aber erst morgen Früh darum kümmern. Schnell habe ich mein Bett bezogen, das Handy angestöpselt und erfahren, dass Union gegen Brøndby vor 12.307 Zuschauern (darunter mindestens vier Dänen) 2:1 gewonnen hat und schon wiegt mich das Röhren der Lüftungsanlage nach einem langen Tag sanft in den Schlaf.

Bei FUDU ist es fünf vor Zwölf, als man sich am nächsten Tag zu Zwecken des Check-Out die knarzende Holztreppe hinunterquält. Die Grande Dame des Hauses hat im Gegensatz zu mir offenbar gut geschlafen und während ich noch mit meinem Luftzufuhr-Tinnitus kämpfe, händigt sie mir bestens gelaunt USB-Stick und Flugticket aus und wünscht mir einen angenehmen Tag in Tallinn. Ich will ja nicht meckern, mach es aber trotzdem – das Ticket gilt nur, wenn es auf DINA4 gedruckt ist und vor meinem inneren Auge sehe ich bereits den irischen Inkasso-Rainer das Millimeterpapier anlegen: „Fehlen 5,8 Zentimeter rechts und 6,2 unten, macht 80 €“. „Don’t worry“, entgegnet sie gelassen. Na, da bin ich ja beruhigt. Wenn sich hier jemand mit sämtlichen Preisfallen der Billigfluglinien auskennt, dann ja wohl Jetsetterin Ludmilla, die mutmaßlich das letzte Mal als Kind geflogen ist – und zwar mit Opa Olegs Roller auf die Nase.

Mein Weg führt mich also notgedrungen in den erstbesten Copyshop der estnischen Hauptstadt, bevor ich mich dem Sightseeing widmen kann. Stolze 6 Cent müssen dort investiert werden, ehe sich auch bei mir ein „Don’t worry“-Gefühl eingestellt hat. Mit einem nun definitiv gültigen Ticket im Jutebeutel kann man sich beruhigt in den Innenstadttrubel begeben. Wie schon für Gdańsk vor wenigen Tagen scheint es auch für Tallinn nur zwei Lösungsansätze zu geben: Entweder sollte man die Stadt vergrößern ODER die Anzahl der Besucher deutlich reduzieren. So schiebt und quetscht sich jedenfalls Menschenknäuel um Menschenknäuel durch die Altstadt und schmälert die Freude an Domberg, Stadtmauer und der belebten „Viru tänav“ samt Lehmpforte (Viru värava) doch erheblich. Nichtsdestotrotz erhält Tallinn erneut das Prädikat „sehr hübsch“, muss nach 2016 aber nicht zwangsläufig noch ein zweites Mal vollumfänglich touristisch erschlossen werden. Es fühlt sich jedenfalls nicht komplett falsch an, als ich nach eher kurzem Stadtbummel zu Mittagessen und Bier auf der sonnigen Terrasse des Lokals „Beer Garden“ fernab des ganz großen Gewimmels einkehre, dort dann aber trotzdem 4,50 € für 0,5 Liter zahlen muss. Wie sich bereits vor knapp drei Jahren angedeutet hat, haben die Finnen hier endgültig die Preise versaut. Wer will es den leidgeprüften Esten da verdenken, dass sie sich auch heute nach allen Regeln der Kunst gegen die finnischen Invasoren zur Wehr setzen? Ich habe jedenfalls gerade meine Hähnchenbrust für faire 10,90 € verspeist, ehe ausschließlich die beiden finnischen Dandys am Nebentisch heimtückisch mit brennenden Zigarettenkippen aus dem oberen Stockwerk attackiert werden. Mich hingegen lässt man in Ruhe austrinken und so nicke ich zum Abschied zustimmend nach oben: Make õlu 2,50 € again!

Unwesentlich später befinde ich mich in der Straßenbahnlinie 4 in Richtung „Lennujaam“. Wieder finde ich keinen Fahrkartenautomaten vor, doch lasse ich mir zum Ende des Wochenendausflugs ins Baltikum nun gerne die Welt von einer jungen Einheimischen erklären und lerne, dass Tallinn die erste Hauptstadt Europas ist, die einen kostenlosen Nahverkehr eingeführt hat. Es gibt also keine Notwendigkeit, Automaten aufzustellen oder Fahrscheine in Lottoläden zu verkaufen. Gerade, als das eingesparte Fahrgeld gedanklich dem Vergnügungsausschuss überschrieben wird, ergänzt sie jedoch, dass dies nur für Bewohner Tallinns gilt, während Touristen üppige 1,50 € berappen müssen. Sie zeigt mir eine kleine Klappe an der Scheibe des Führerstands, in die man angeblich Bargeld hineinlegen soll, um eine Karte zu erhalten. Hinter der Scheibe sitzt eine Dame, die ihr auf dem Boden liegendes Schoßhündchen krault, während sie die Tram steuert. Insgesamt also eine vertrauenswürdige Situation, doch an der nächsten roten Ampel stellt sie das Kraulen ein, lässt mein Geld klappernd auf die andere Seite der Scheibe rollen und schickt dann tatsächlich 50 Cent und einen Fahrschein retour. Das war ja einfach. Dass ich darauf gestern Abend nicht gekommen bin.

Über den weiteren Verlauf meines Sommerurlaubs hat übrigens ausschließlich der Flugplan der estnischen Hauptstadt entschieden. Wenn es einen Abendflug von Tallinn nach Paphos (Πάφος) auf Zypern (Κύπρος) gibt, braucht es nun wahrlich kein Reisebüro mehr. Ich habe noch genügend Zeit, die Nachmittagssonne im Baltikum mit einem Sag-zum-Abschied-leise-Servus-„Saku“ vor der gähnend leeren Empfangshalle zu genießen. Irgendwann sind die Fußballer des KF Shkëndija 79 neben mir aufgezogen, die in zwei Tagen in der ersten Runde der Champions-League-Qualifikation bei Nõmme Kalju antreten müssen und dieses Unterfangen offensichtlich hochprofessionell angehen. Ähnlich professionell hat derweil mein zypriotischer Gastgeber auf meine letzte Mail reagiert und meine Fragen, wie ich um 1.20 Uhr (Flug um zwei Stunden nach hinten geschoben) die Unterkunft erreichen kann, wenn am Flughafen doch kein Bus mehr fährt und wie ein Check-In um ca. 2.00 Uhr gelingen kann, wenn die Rezeption um 0.00 Uhr schließt, zu meiner vollsten Zufriedenheit beantwortet: „It’s no problem. Don’t worry!“. Nicht doch schon wieder. Dieses Mal fällt mir auf die Schnelle keine Lösung für 6 Cent ein und so muss ich mich wohl oder übel überraschen lassen, wie mein Start in den siebentägigen Strandurlaub heute Nacht wohl so verlaufen wird.

Um kurz vor 1.00 Uhr bin ich bereits auf dem „Διεθνής Αερολιμένας Πάφου“ im Südwesten der Insel gelandet. Über zwanzig Minuten vor Plan angekommen, fehlt von dem „Driver“, der irgendwann einmal großspurig angekündigt worden war, natürlich jede Spur. Don’t worry, don’t worry, don’t worry, murmele ich gleich eines Mantras vor mir her. Es befindet sich schon keine Menschenseele mehr am Flughafen, als doch noch ein letzter Wagen auf den Parkplatz einbiegt. Der Fahrer kommt auf mich zu und tatsächlich hat er ein Schild mit meinem Nachnamen gebastelt. Das hätte ich nur zu gerne am Gate gesehen – sich einmal wie die Reichen und Schönen fühlen und standesgemäß in Empfang genommen werden. Aber geschenkt. Ich bin ja zufrieden, dass es überhaupt jemanden gibt, der mich für 30 € durch die Nacht entlang der Küste zu meiner nächsten Unterkunft chauffiert. Gegen halb Zwei sind die „Panklitos Apartments“ erreicht und noch bevor ich mich der Herausforderung der liebevoll vorbereiteten nächtlichen Schnitzeljagd stellen kann, hat mich auch bereits ein englischer Stammgast begrüßt und mir seine Hilfe angeboten. Gemeinsam finden wir an der Rezeption den ersten Hinweis, in welchem der drei Gebäude sich mein Zimmer befindet und von da an geht alles leicht von der Hand. Einfach den Pfeilen auf dem Boden und im Treppenhaus folgen und siehe da, mein Name klebt an der Tür, der Schlüssel steckt, es ist 1.45 Uhr, wieder einmal hat alles irgendwie geklappt (Don’t worry, hatten sie ja gesagt!) und schon wiegt mich das Zirpen der Zikaden nach einem langen Tag sanft in den Schlaf. /hvg

06.07.2019 Tallinna FCI Levadia – Tallinna FC Flora 1:2 (0:1) / Lilleküla staadion / 1.124 Zs.

Im FUDU-Hauptquartier herrscht große Aufregung. Die Außenstelle Dänemark hat ein Testspiel geleaked. Was hierzulande noch niemand weiß, hat Brøndby bereits auf seiner Website veröffentlicht. „Gul og blå“ wird angeblich am 05.07.2019 „An der Alten Försterei“ aufdribbeln. Klar, dass es da nicht mehr lange auf sich warten lässt, bis unsere dänischen Freunde ihre Reisepläne finalisiert und sich für zwei Übernachtungen angemeldet haben. Da steht mir wohl ein „Casual Friday“ der besseren Sorte ins Haus, bevor ich am Samstag via Tallinn in meinen Sommerurlaub starten werde.

Einige Tage später bestätigt zwar auch der 1.FC Union Berlin das vereinbarte Testspiel offiziell, allerdings mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass das Spiel erst am 06.07. stattfinden wird. Brøndby reagiert geschickt, rudert klammheimlich zurück, entfernt die bereits veröffentlichte Nachricht stillschweigend von der Startseite und passt den Austragungstermin kommentarlos an. For Fanden – dieses Spiel werde ich dann wohl verpassen.

Glücklicherweise lassen sich die Dänen hiervon nicht von ihrem Plan abbringen, bereits am Freitag anzureisen. FUDU wird im Unklaren darüber gelassen, mit welchem Verkehrsmittel dies der Fall sein wird und auch die Ankunft taxieren die Nordmänner eher südländisch auf: „Around Afternoon“. Und wenn sich die Reisegruppe „Rød Raket“ gerade einmal zu einer solch vagen Auskunft hinreißen lässt, dann weiß man in Berlin mittlerweile, was die Stunde geschlagen hat. Reicht also, wenn wir uns gegen 18.30 Uhr in der Kneipe treffen und dann der Dänen harren, die da kommen mögen.

Bei sommerlichen Temperaturen ist auf der Terrasse der Stammkneipe der „dänische Afternoon“ ohne weitere Kommunikation bald so weit nach hinten gerutscht, dass sie zwischenzeitlich sogar in Afrika bereits Fußballspiele angepfiffen haben. Ab 21.00 Uhr rollt im „Africa Cup of Nations“ der Ball und FUDU fiebert mit, wie tapfer sich die 11 Mannen der Außenstelle Uganda wohl gegen Sénégal schlagen werden. Nach 15 Minuten trifft Sadio Mané zum 1:0 für den Favoriten, nach 40 Minuten fährt ein mit blau-gelben Schals geschmückter „Volvo“ hupend durch den Kreisel und mindestens drei alkoholisierte Dänen lassen laute Brøndby-Schlachtrufe durch den Friedrichshain erschallen. Keine Sorge, die gehören zu uns.

Um 22.00 Uhr kann dann endlich der gemeinsame Nachmittagsumtrunk beginnen. Bei dem einen oder anderen Pitcher Brøndbier hat man sich schnell über Ugandas Ausscheiden hinweggetröstet und mir schwant hinsichtlich meines morgigen Abflugs langsam Böses. Glücklicherweise werden wir jedoch um kurz vor 3.00 Uhr aus der Kneipe gekärchert und als eine halbe Stunde später auch der Abendbrot-Döner verzehrt ist, sind erfreulicherweise alle unisono der Meinung, dass das für heute genug Tag war. Schließlich stehen für morgen zwei schwere Spiele an, für die man doch einigermaßen ausgeschlafen sein sollte. Brøndby-Union bei Dänen, Tallinn-Derby bei mir…

Knappe vier Stunden später klingelt mein Wecker. Es gilt, meine Wohnung auf leisen Sohlen zu verlassen, ohne einen bereits am Boden liegenden Gästefan zu treten. Den inneren Hooligan nur mit Mühe und Not im Zaum gehalten und einen beachtlichen Slalom um das dänische Bettenlager gelaufen, sitze ich kurz darauf auch bereits in der Regionalbahn nach Schönefeld, in der zum wiederholten Male ein echter Expertenschaffner im vorbildlichen Umgang mit Touristen gefällt. Die Aussage „You have to stempel the Ticket, that makes sonst Strafe!“, hat wahrhaftig großes Potential, eines Tages auf die Uniformen der „DB“ gedruckt zu werden.

Leider kann ich dieses Erlebnis vorerst aber ebenso wenig mit jemandem teilen, wie das Konterbier in der Main Hall. Mit dem „Hoollegen“ und „Günter Hermann“ sind zwei Mitinitiatoren dieser Reise bereits abgesprungen und nun droht auch noch die letzte Hoffnung auf Gesellschaft zu platzen. „Der verrückte Tischfinne“ meldet aus Espoo wenig verheißungsvolles: „6.00 zu Hause oder so, mit dem City-Fahrrad habe ich gerade gelernt. Wecker hatte ich auch um 8.30 oder so, gut verpasst. 10.15 aufstehen, 10.25 Taxi rufen. Wird schön teuer, mal sehen falls ich das wirklich schaffe.

Gänzlich unbeeindruckt von diesem Prolog bin ich um 13.05 Uhr (Ortszeit) auf dem „Lennart Meri Tallinna Lennujaam“, benannt nach dem ersten demokratischen Staatspräsidenten Estlands nach der erneuten Unabhängigkeit im Jahre 1992, gelandet. Der verschlafene Flughafen beschreibt sich selbst nicht gänzlich zu unrecht als „the world’s cosiest airport“, dennoch ist er hervorragend an das vier Kilometer entfernte Stadtzentrum angebunden. Also, außer heute natürlich – aus mir noch unbekanntem Grund ist der Straßenbahnverkehr eingestellt. Freundlicherweise hat man hier jedoch nur die besten Esten in gelbe Warnwesten gewandet, die sich nun den wenigen gestrandeten Touristen annehmen. Statt eines misanthropischen „That makes Strafe!“ lautet das baltische Credo eher „How can I help you?“ und so befinde ich mich nur wenige Augenblicke später fremdorientiert in einem Bus der Linie 2, den ich in „Keskturg“ verlassen soll. Aitäh, sagt der Este.

Dass der Bus eine kleine Schleife in die verkehrte Richtung dreht und mehr als doppelt so lange in das Stadtzentrum benötigt, lässt meinen ohnehin schon recht straffen Zeitplan ins Wanken geraten. Alle zwei Minuten hält dieser an irgendeiner Haltestelle im Nirgendwo an und an jeder Haltestelle steigen Menschen in traditionellen Trachten und Gewändern zu. Die gesamte Innenstadt ist für Feierlichkeiten abgesperrt, die offenbar so groß ausfallen werden, dass an Straßenbahnverkehr nicht zu denken ist. Wie sich später herausstellen wird, hat Fetti wieder einmal ein gutes Gespür für Timing an den Tag gelegt, denn Tallinn lädt vom 04.07.-07.07. zur 25. Ausgabe des „Laulupidu“ und dessen 150. Geburtstag ein. Dieses altüberlieferte Liederfest, erstmals 1869 in Tartu veranstaltet, findet in der Neuzeit alle fünf Jahre in Tallinn parallel zum „Tantsupidu“ (Tanzfest) statt und zieht neben 30.000 Sängern auch mehrere hunderttausend Besucher aus ganz Estland an. Das erklärt im Nachhinein natürlich auch die teils gepfefferten Übernachtungspreise und die überraschend hohe Belegungsquote in der Stadt, die mich notgedrungen auf ein Hostel haben zurückgreifen lassen.

Das „Hostel 31“, passenderweise in der „Tartu maantee“ gelegen, überzeugt auf jeden Fall durch seine Außenansicht. Das zweigeschossige Haus erweckt mit seiner hölzernen Fassade einen urgemütlichen Eindruck und versprüht den ganzen Charme des Baltikums. Etwas skeptisch werde ich, als mir die Rezeptions-Ludmilla ein wild zusammengewürfeltes Konglomerat aus Bettwäsche und Handtüchern mit blumigem Sowjetcharme in die Hände drückt und meint, mein Zimmer befände sich in der dritten Etage. Und wahrlich, an der Stelle, an der man zu der festen Überzeugung kommen kann, das Haus sei hier bereits zu seinem Ende gekommen, tut sich eine weitere Holztür und ein schmaler Treppenaufgang auf, der unter das Dach und zu meinem Zimmer führt. Das Zimmer würde ich als eine ins Dach geschlagene Ausbuchtung beschreiben, gerade lang genug, um ein Bett hineinstellen und gerade hoch genug, um die ersten beiden Schritte noch aufrecht hineingehen zu können. Zu ungefähr 70% besteht der „Raum“ jedoch aus einer holzvertäfelten Dachschräge, die den Gast in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Da die Schräge darüber hinaus über kein Fenster verfügt, hat man eine Lüftungsanlage in das dunkle Kabuff gefräst, welche mit gefühlten 200 Dezibel im Dauerröhrbetrieb für etwas Frischluftzufuhr und den einen oder anderen Hörsturz sorgen wird. Rustikal, urig, kultig. Und mit 25 € die Nacht natürlich ein echtes Schnäppchen!

Das Beziehen meines Bettes muss ich aufgrund meiner verspäteten Ankunft jedoch erst einmal verschieben. Es verbleibt nur noch ein knappes Stündchen bis zum Anpfiff auf der Uhr und angesichts der chaotischen Zustände im öffentlichen Nahverkehr entscheide ich mich, das für das Hotel gesparte Geld in ein Taxi zu investieren. „What are you doing in Arena?“, fragt mich der Fahrer und zeigt, das nicht unbedingt ganz Tallinn dem großen Derby und Spitzenspiel zwischen Levadia (2.) und Flora (1.) entgegenzufiebern scheint. Ich erkläre ihm kurz, was hier heute in seiner Stadt neben dem Tanz- und Gesangsgedöns noch so abgeht und bin dann knappe zehn Minuten zwar 12 € los, dafür aber tiefenentspannt und rechtzeitig am „Lilleküla staadion“ angekommen.

Vor der „A. Le Coq Arena“, wie die nach einer Brauerei benannte Spielstätte offiziell heißt (Werbung für Bier muss erlaubt sein!), steppen 30 Minuten vor Anpfiff nicht besonders viele Bären. Es gibt Livemusik aus einem LKW und immerhin ein aufmerksamer Zuhörer genießt die „fun TIME“ seines Lebens, als mir plötzlich der „Tischfinne“ von hinten auf die Schulter klopft. „Hallo, schön Dich zu sehen!“, könnte er sagen, aber der „Tischfinne“ wäre nicht der „Tischfinne“, wenn er anstatt dessen nicht zu einer finnisch-überschwänglichen Begrüßung ansetzen würde. „Hab überlegt, ob sich das hier lohnt!“. Recht hat er. Auch die Sachebene sollte vor dem ersten Handschlag nie unbetont bleiben!

Für 5 € erhält man Tickets für die Haupttribüne, für 4 € gibt es ein „Le Coq“ aus der Dose dazu und während sich FUDU noch fragt, wo da die Verhältnismäßigkeit bleibt, hat Schiedsrichter Roomer Tarajev das Spiel auch bereits angepfiffen. Statt der angekündigten 18 Grad und Dauerregen verwöhnt Estlands Hauptstadt die immerhin 1.124 Stadionbesucher mit 16 Grad und Sonnenschein. Es ist der 19. von 36 Spieltagen der estnischen „Premium Liiga“, die im Kalenderjahr spielt und es trifft der Rekordmeister (12x) des Jalgpalliklubi FC Flora auf den Lokalrivalen Levadia, der heute auf ein echtes Heimspiel in seinem Stadion verzichtet und lieber in der großen Arena (15.000 Plätze) antritt. Lokalrivale darf sich Levadia genaugenommen auch erst seit 1998 nennen, als man nach Fusionen, unübersichtlichen Lizenzabgaben und -übernahmen und einer Auflösung des eigentlichen FC Levadia (der dann nach Tartu weiterzog) endgültig von Maardu nach Tallinn übersiedelte. Das große I im Vereinsnamen kam dann nach einer weiteren Fusion mit dem FCI Tallinn im Jahre 2017 hinzu und fertig war ein Verein, für den sich in Tallinn gegenwärtig niemand zu interessieren scheint. Heute stehen jedenfalls gerade einmal neun Männeken hinter einer Levadia-Fahne, während im Stadion Flora-Fanartikel verkauft werden und es auf der Haupttribüne nahezu alle Zuschauer mit den nominellen Gästen halten.

Der kleine Flora-Fanblock sorgt indes für echte Fußballstimmung, begleitet das Spiel durchgehend akustisch und bringt einige bengalische Lichter und Fahnen zum Einsatz. Auf dem Rasen brennt Flora ein regelrechtes Feuerwerk ab und ist in der ersten Viertelstunde in allen Belangen überlegen. Dennoch braucht es einen dieser unsäglichen Handelfmeter, um in Führung zu gehen. Goalgetter Erik Sorga verwandelt nach 17 Minuten sicher und freut sich bereits über seinen 20. Saisontreffer. Im Anschluss verliert Flora etwas den Faden und lässt sich von der ruppigen Spielweise der Hausherren aus dem Rhythmus bringen. Dann und wann sieht der Einsatz Levadias etwas unbeholfen aus und nicht alle Attacken werden durch den Schiedsrichter unterbunden, sodass sich Flora genötigt fühlt, sich anderweitig zur Wehr zu setzen und selbige Mittel zu wählen. Die logische Konsequenz ist der erste verletzungsbedingte Wechsel nach 25 Minuten – Tkachuk muss der überharten Gangart Tribut zollen.

Nach dem Spielerwechsel besinnen sich beide Mannschaften wieder etwas mehr auf ihre spielerischen Fähigkeiten und verzeichnen jeweils Torabschlüsse. Bei Levadia zielen Stoßstürmer Andreev und Linksaußen Nesterov drei Mal zu ungenau, ehe Nesterov dem Tor mit einem Schuss ans Außennetz noch am nächsten kommt (42.). Flora, das in der Tabelle heute auf 6 Punkte davonziehen könnte, lässt in der gesamten ersten Hälfte nur noch einmal aufhorchen, doch Livaks Schlenzer ist etwas zu hoch angesetzt und gibt Levadias Keeper Lepmets keine Möglichkeit, sich auszuzeichnen.

In der zweiten Halbzeit ist die Sonne leider hinter einer dichteren Wolkendecke verschwunden. Mit frischem Dosenbier und geröstetem Knoblauchbrot haben wir es uns gerade wieder bequem gemacht, als Flora im Anschluss eines kreisligawürdigen Strafraumgewurschtels nach Eckball mit 2:0 in Führung geht. Nachdem mehrere Levadia-Verteidiger daran gescheitert waren, den Ball klärend aus dem Sechzehner zu befördern, wird Liivak, dem das Spielgerät aus heiterem Flipperhimmel vor die Füße fällt, zum Nutznießer (50.). Im Anschluss drängt Flora kurzzeitig auf das 3:0, ehe Schiedsrichter Tarajev mit einem weiteren fragwürdigen Handelfmeterpfiff neue Würze in das Spiel bringt. Markus Jürgenson lässt sich jedenfalls nicht zwei Mal bitten und verwandelt den fälligen Strafstoß nach gut einer Stunde zum 1:2.

10-15 Minuten lang keimt bei Levadia noch einmal Hoffnung auf und für den neutralen Zuseher rücken das bislang wenig überzeugende Tempo und das überschaubare technische Niveau der Partie dank der einsetzenden Spannung in den Hintergrund. Taktische Zwänge fallen, Levadia lockert nach und nach die eigene Defensive, kommt zu einigen Halbchancen und für die Gäste ergeben sich Konterräume. Die Lebendigkeit des Spiels ist zwar gegeben, doch beide Mannschaften zeigen sich in ihren Offensivbemühungen zu ungenau und so konzentriert sich Flora alsbald auf das Verteidigen des knappen Vorsprungs. Die stabile Defensive macht es Levadia zusehends schwerer und schon ab der 75. Minute hat man das Gefühl, dass Flora das Spiel heruntergekocht und alles im Griff hat.

Das einzige Highlight der letzten Minuten bleibt so Levadias Kanisterkopf Evgeniy Osipov vorbehalten. Schon in der ersten Hälfte hatte sich dieser mit endlosen Diskussionen mit dem Schiedsrichter und körperlichen Auseinandersetzungen in Rudelbildungen nachhaltig für eine gelbe Karte beworben und nach 66 Minuten auch endlich eine erhalten. Nun räumt er in der Nachspielzeit im Kopfballduell dank Einsatz seines Ellenbogens den armen Kuusk ab, geht dem am Boden liegenden Spieler an den Kragen und beweist auch gegen den heranstürmenden Pürg eine breite Brust. Wer so aufräumt wie Bud Spencer im Saloon, der darf sich auch über eine gelb-rote Karte nicht beschweren.

Meine Freude über den eingefahrenen Länderpunkt Estland währt nicht lange, schon drängelt der „Tischfinne“ zur After-Show-Party. Was man sich in Tallinn am Wochenende des 25. „Laulupidu“ auf keinen Fall entgehen lassen sollte? Im 3,1 Kilometer entfernten „Sõle Gümnaasiumi staadion“ bittet in einer Stunde niemand geringeres als der Põhja-Tallinna JK Volta zum Drittligakick und eröffnet so die Möglichkeit auf einen sagenumwobenen Eesti-Doppler. Wer da nicht Tall-In geht, ist selber Schuld. Und im Gümnaasium war ick och noch nie. /hvg

29.06.2019 Wiener Sport-Club – Celtic FC 1:2 (0:0) / Wiener Sport-Club Platz / 4.682 Zs.

Es ist irgendwann Mitte/Ende Mai, als ich mit einem Frühstückskaffee vor der Arbeit alle relevanten Fußballwebseiten abklappere. Schnell sind alle Ergebnisse aufgesogen, alle Tabellenstände auswendig gelernt und alle Transfergerüchte brühwarm weitergetratscht worden, als mir plötzlich in irgendeinem Portal ein Artikel über den Wiener Sport-Club ins Auge fällt. In der Saison 1957/58 wurde der Sport-Club österreichischer Fußballmeister. In der darauffolgenden Europapokalsaison kam es erst zu einem legendären Erstrundenspiel gegen den Juventus FC mit einem 7:0 Heimsieg im Rückspiel und später zu einem Aus im Viertelfinale gegen das große Real Madrid. Auch in der Saison 1958/59 errang man den nationalen Titel und startete erneut auf der großen internationalen Bühne, auf der dann die Eintracht aus Frankfurt im Viertelfinale die Endstation darstellte. 60 Jahre nach diesen großen Momenten der Vereinsgeschichte lädt der Wiener Sport-Club nun zu Jubiläumsfeierlichkeiten auf den „Sport-Club Platz“, der ohnehin schon länger auf der Liste der Stadien stand, die ich gerne besuchen mag, bevor sie baulich verändert werden. Eingeladen ist der Celtic FC aus Glasgow, der rein zufällig sein Trainingslager in Österreich abhält und sich für die Austragung eines Freundschaftsspiels zur Verfügung gestellt hat. Kurzum: Mein Interesse ist geweckt.

Das Spiel soll also am 29.06. ausgetragen werden. Schnell ist der Kalender gezückt und als mir so vor Augen geführt wird, dass die Saison in Berlin und Brandenburg am 23.06. endet und mein Sommerurlaub erst am 06.07. beginnt, mag man beinahe von schicksalhafter Fügung sprechen. Das Spiel, welches die Saison 2019/20 eröffnet, haben sie also mitten hinein in den einzigen weißen Wochenendfleck meines Wandkalenders geplant. „Wir rechnen mit einem restlos ausverkauften Stadion und einzigartiger britischer Fußballatmosphäre – schnell sein ist gefragt!“, schreibt der Sport-Club auf seiner Internetpräsenz. Was der Hot-Button beim Quizspiel und das hochexklusive Sonderangebot für die nächsten 100 Käufer im Home-Shopping-Sender kann, kann der Wiener Sport-Club schon lange. Psychologische Kriegsführung, Begehrlichkeiten wecken, Druck ausüben. Und es gibt schließlich immer irgendwelche Trottel, die darauf hineinfallen und so sichere ich mir noch vor Dienstbeginn zwei Flüge, ein Hotel und ein Online-Ticket für die Haupttribüne für recht knackige 24,20 €. Was soll’s. Das wird sicher ein guter Urlaub vor dem Urlaub!

Allerdings kann einem jeder noch so verheißungsvolle Kurzurlaub in gewissen Momenten auch ganz schön auf die Klötzer gehen, wie sich z.B. am Abreisetag um 3.16 Uhr in der S-Bahn herausstellt. Meinerseits hätten sicherlich keine Einwände bestanden, den Flieger erst um neun Uhr starten zu lassen, aber so weit ist es leider noch nicht, dass sich „easyjet“ nach den individuellen Bedürfnissen der Kundschaft erkundigt. Normalerweise gelingt es mir ja immer recht gut, während des Fluges verpassten Schlaf nachzuholen, doch heute bin ich chancenlos. Es ist der britischen Billigfluglinie tatsächlich gelungen, gleich 36 Reihen in diesen Flugzeugtypus zu verbauen und mir somit meine oftmals erprobte Kneipen-Schlafposition auf dem Gangplatz nehmen. Klappt man hier den Tisch aus, rammt man sich diesen zwangsläufig in den Brustkorb und um da dann noch den Kopf drauflegen zu können, muss man schon flexibel sein wie ’ne bulgarische Turnerin. Mein Ärger verfliegt jedoch kurz darauf, als ich zwei Herren mittleren Alters, die unabhängig voneinander reisen, in Fußballtrikots erspähe und ich es mir zu meiner Aufgabe mache, die Vereinsfarben und Logos zuzuordnen und Zusammenhänge herzustellen. Dynamo Moskau habe ich schnell erkannt, während das andere Jersey erst einmal grob als blau-weiß und griechisch oder zypriotisch abgespeichert wird. Das wird eine Recherche zu einem späteren Zeitpunkt erfordern.

Um 7.40 Uhr bin ich auch schon in Schwechat gelandet und stehe eine kurze Orientierungsphase später am Bahngleis des Flughafens und warte auf meine Regionalbahn in Richtung Florisdorf. Ein etwas überforderter Bengale (wohl nicht das hellste Licht) befindet sich auf der Suche nach seinem Fernzug nach Klagenfurt und bittet mich um Hilfe. Gemeinsam schauen wir auf das Display und siehe da, er befindet sich bereits am richtigen Gleis und sein Zug wird direkt auf meinen folgen. Na, dann ist ja alles klar, möchte man meinen, doch meine mustergültige und mehrsprachige Beschreibung des Umstandes, dass er hier nur noch 15 Minuten stehen und dann einsteigen muss, kann den guten Mann nicht davon abhalten, lieber noch drei weitere Passanten um Referenzmeinungen zu bitten. Als könnte man einem übernächtigten Fußballtouristen in Jogginghose (war halt kalt im Flieger) nicht trauen…

Kaum bin ich wieder auf mich alleine gestellt, schon geht wieder alles ohne Komplikationen vonstatten. Fahrt bis Praterstern, Umstieg in die U-Bahn, Ausstieg am Rathaus, kurzer Spaziergang durch den VIII. Bezirk zum „Hotel Arpi“ in der Kochgasse, Abgabe des Rucksacks und schon befinde ich mich auf der Suche nach einem Café, um die Wartezeit bis zum Check-In zu überbrücken. In der Universitätsstraße werde ich dann fündig, kehre im „Café Maximilian“ ein und könnte nun die ersten Sonnenstrahlen des Tages im Palmengarten mit Blick auf die Votivkirche genießen, wenn die freundlichen Herren Straßenbauarbeiter nicht zeitgleich zum Serviervorgang meines Frühstücks zum Schichtbeginn gerufen hätten. So reißt der Presslufthammer lärmend Löcher in den Asphalt und der Bagger schabt hinterherfahrend über den Straßenbelag, dass es morgens um 10.30 Uhr nur so eine helle Freude ist. Viel mehr als ein kurzer Kaffee und ein schnelles Helles muss es in diesem Ambiente dann doch nicht sein…

… und so stürze ich mehr oder minder gezwungenermaßen ins Sightseeing. Dieses geschieht ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne jedweden Druck, schließlich konnte Wien bereits bei vorausgegangenen Besuchen 2014, 2015 und 2017 einigermaßen komplett besichtigt werden. Wenn Rathaus, Hofburg, Stephansdom und all die anderen Sehenswürdigkeiten allerdings nur einen Schweinesprung entfernt liegen, kann es ja aber auch nicht schaden, noch einmal ein wenig Innenstadtluft zu schnuppern, bevor man sich ab 13.30 Uhr dem mitgebuchten Wellnessprogramm widmen kann.

90 Minuten Mittagsschlaf genügen, um sich von den Menschenmassen und dem innerstädtischen Trubel zu erholen. Ich fühle mich bereits wie neu geboren, als ich mich mit einem schönen 16er Blech auf der Fensterbank niederlasse und bei bestem Sonnenschein den Blick auf die schicken Wohnhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts der Kochgasse genieße. Drei Stunden vor Spielbeginn kann man sich ja nun auch langsam mal informieren, wo sich der „Sport-Club Platz“ genau befindet und wie man diesen aus der Josefstadt erreichen kann. Wie es der Zufall so will, verkehrt die Bim der Linie 43 direkt an der Hauptstraße in der Nähe des Hotels und hat bis zum Bahnhof Hernals genau 13 Minuten zurückzulegen. Ein Hoch auf den Hot Button – besser hätte ich das nicht planen können!

Überaus rechtzeitig zieht es mich hinaus in den 17. Bezirk, der aus den Gemeinden Hernals, Neuwaldegg und Dornbach besteht, was bereits meine erste Irritation auflöst, warum der Wiener Sport-Club in Hernals zu Hause ist, die Mannschaft aber unter dem Spitznamen „Dornbacher Buam“ firmiert. Bereits zwei Stunden vor Anpfiff komme ich in den Genuss, erste Bilder der Spielstätte zu schießen, die sich um dieser Uhrzeit noch im Dornröschenschlaf befindet. Der „Sport-Club Platz“ (mitunter mit dem Beinamen „An der Alszeile“ versehen) ist 1904 errichtet worden, fasst heute 7.828 Zuschauer, gilt als der älteste noch bespielte Fußballplatz Österreichs und bietet vieles, was mein Herz höher schlagen lässt. Vier Tribünen unterschiedlicher Bauart, viel Tradition, viele Geschichten und viele Kosenamen, die ich hier zusammenzufassen versuche. Dazu sollte man die fantastische Lage inmitten eines Wohngebiets hervorheben, hier noch dadurch auf die Spitze getrieben, dass das Stadion derart eng eingefasst ist, dass die Hintertortribüne („Blaue Tribüne“, vermutlich erbaut im Zuge der letzten Stadionmodernisierung 1984) nahtlos an ein Wohnhaus samt „Spar“-Markt angrenzt. Die „Ďolíček“-Gegengerade besteht aus nur wenigen Stufen und befindet sich direkt vor den Zinshäusern der Kainzgasse, aus dessen Fenstern man prima in die Spielstätte hineinschauen kann. Eine Schreinerei („Bauernstuben Dworak“) in unmittelbarer Nachbarschaft trägt ihrerseits mit der alten Typographie an der Fassade ebenfalls zu nostalgischen Gefühlen bei. Hinter dem anderen Tor wird der Dornbacher Friedhof nur durch die schmale Alszeile vom Stadion getrennt – auf dieser „Friedhofstribüne“ genannten Stehplatztribüne werden später die treuen Fans des Sport-Club stehen. Auf die Besichtigung der Haupttribüne, die mit ihren alten Holzbänken wohl das Prunkstück des Stadions darstellt, verzichte ich vorerst. Die Alszeile ist schließlich nicht umsonst für den Autoverkehr gesperrt worden und der hinter Bauzäunen errichtete Behelfsbiergarten sieht auch sehr einladend aus. Zu Reggae-, Ragga- und Ska-Klängen zechen hier bereits erste trinkfreudige Schotten (und als Schotten verkleidete Bayern und Ösis) mit den Heimfans „Ottakringer“ vom Fass in der gleißenden Nachmittagssonne. Na dann: Nichts wie rein in den Trinkerkäfig!

Eine Bierlänge später zieht es mich zum Fanartikelstand, an dem mich ein Kühlschrankmagnet mit einem Bild der Anzeigetafel des Praterstadions von 1958 zu einem eher unvernünftigen Einkauf animiert, aber so ein 7:0 kann man sich schon einmal 8 € kosten lassen. Als ich endlich das Stadion betrete, läuft dort zur Begrüßung angesichts dieser horrenden Ausgabe ein Musikwunsch meines rumänischen Kassenwarts. Selten hat man derart melancholische griechische Klagemusik in einem Fußballstadion zu hören bekommen und selbst auf dem Pissoir wird via Lautsprecher weiter gejammert. Dabei gibt’s spätestens an diesem schönen Ort nun wahrlich keinen Grund zur Klage mehr, hat doch bereits ein FUDU-Jünger auf einer vorangegangenen Reise einen wunderbaren Fetti-Sticker an exponierter Stelle hinterlassen. Wo ist Fetti? Hängt auf’m Klo!

Es folgt eine Fotosafari über die alte Haupttribüne, auf der schon jetzt 10-15 Hopper aufpassen müssen, sich nicht gegenseitig über den Haufen zu rennen oder sich über Kreuz in den Erinnerungsfotos im Wege herumzustehen. Auf dem Rasen biedert sich der Präsident des Sport-Club derweil in Schottenrock an, dazu läuft zunächst irische Pubfolklore und später sogar „Bye, Bye Rangers“ vom Band, während sich das Stadion nach und nach füllt. Nach dem sportlichen Niedergang in den 1970er-Jahren, dem Wiederaufstieg und den kostspieligen Bundesligajahren Ende der 80er (u.a. mit Hans Krankl im Kader), ging es für den Wiener Sport-Club, der 1993/94 letztmals erstklassig spielte, nach zwei Konkursen dann richtig bergab. Zwischenzeitlich war der Sport-Club in der Viertklassigkeit angekommen, arbeitete sich dann wieder bis in die 2. Bundesliga hinauf (2002/03), musste dort nach erneuten finanziellen Querelen und einer Abspaltung vom Gesamtverein aber schon als „Wiener Sportklub“ antreten, stieg umgehend wieder ab und fristete in den Folgejahren sein Schattendasein in den österreichischen Fußballniederungen. Spuren dieser Zeit lassen sich noch heute am Stadion wiederfinden, obwohl der Verein seit der Saison 2016/17 endlich wieder mit seinem Traditionsnamen an den Start geht. Nachdem man all diese Irrungen und Wirrungen der letzten Jahrzehnte überlebt hat und noch immer auf eine treue Fanbasis zählen kann, darf man sich sicherlich über einen internationalen Gegner zum etwas konstruierten Jubiläum freuen. Aber vielleicht hätte es etwas weniger Gastfreundschaft an mancher Stelle vielleicht auch getan…

Das Spiel der ersten Halbzeit ist dann recht schnell zusammengefasst. Es trifft eine hoch motivierte Regionalligamannschaft, die sich vor großem Publikum beweisen will und alle Räume zuläuft, auf eine wild zusammengewürfelte B-Elf des 50-fachen schottischen Meisters. Die „Friedhofstribüne“ ist restlos ausverkauft und stabil beflaggt, gesungen wird hier leider jedoch genau so wenig wie auf der beinahe leeren Tribüne gegenüber, auf der es sich die Celtic-Fanclubs aus München, Bad Tölz und Hintertupfingen bei Bumsdorf bequem gemacht haben. Stattdessen erfreuen sich die Menschen anderweitig an diesem „Happening“ und ein stabiles Gemurmel begleitet den Kick auf den Traversen. Britische Fußballatmosphäre halt. War ja so angekündigt.

Nach mehreren vergebenen Halbchancen seiner Teamkollegen gibt Schottlands Fußballer des Jahres James Forrest nach 25 Minuten den echten wirklichen Warnschuss ab, doch sein Geschoss aus der Distanz landet krachend am Lattenkreuz. Nach 31 Minuten hätte Forrest dann für die Führung sorgen müssen, doch mit nur 1,75 Meter kann man aus Nahdistanz schon einmal daneben köpfeln.

Im Anschluss erhebt sich die „Blaue Tribüne“ erstmals und die wirklich aus Schottland eingeflogenen Schlachtenbummler stimmen einen ersten Gesang an. So schön, dass ungefähr 30 mitgereiste bayrische Celtic-Seppel natürlich sofort an der Reling hängen und Handyvideos eines unvergesslichen Nachmittags drehen müssen. Kurz darauf rettet Christian Hayden für seinen bereits geschlagenen Keeper Patrick Kostner nach Callum McGregors Schuss auf der Linie und Forrests nächstem Abschluss steht nur noch das Stangerl im Weg (38. Minute). Für den letzten Höhepunkt der ersten Hälfte sorgt hingegen Sport-Club-Akteur Jakov Josić, der den Mut fasst, einen Freistoß aus gut 35 Metern direkt auf das Tor zu schießen. Um ein Haar hätte er den dreimaligen Auswahlkeeper Scott Bain auf dem falschen Fuß erwischt, doch noch gerade eben so kann dieser den Ball unorthodox über die Latte lenken.

In der Halbzeitpause wechselt Celtic einmal komplett durch, nur Bain hat sich nach seiner „Glanzparade“ in der Nachspielzeit weitere Einsatzminuten verdient. Vier Minuten nach Wiederanpfiff blamiert sich Leigh Griffiths, der einen mustergültigen Querpass serviert bekommt, sich dann aber fünf Meter vor dem leeren Tor selbst ans Standbein schießt und die Großchance ungenutzt lässt. Nach 53 Minuten steht Josić erneut für einen Freistoß aus großer Entfernung bereit. Torwart Bain sollte gewarnt sein, doch wieder unterschätzt er Distanz und Schützen. Gegen diese Schusstechnik und diesen Flatterball ist so kein Kraut gewachsen. Unter großem Jubel der gut 4.000 Sport-Club-Fans schlägt der Ball tatsächlich hinter dem verdutzten Bain zum 1:0 ein.

Keine drei Minuten später bekommt Sport-Club-Keeper Kostner einen Rückpass in die Füße gespielt und anstatt diesen ins Seitenaus oder möglichst weit nach vorne zu befördern, schießt er den Ball an den Körper des heran eilenden Griffiths. Dieser kann den Ball kontrollieren und zum 1:1 ins verwaiste Tor schieben. Der Jubel der Mannschaftskameraden mit dem Torschützen fällt beinahe überbordend aus – Griffiths wird geherzt, gedrückt, gefeiert. Für ein 1:1 in einem Testspiel gegen einen Drittligisten aus Österreich? Für einen Schuss ins leere Tor? Eine spätere Recherche ergibt, dass Griffiths wegen psychischer Probleme vom 12.12.2018 bis zum 31.05.2019 insgesamt 170 Tage lang freigestellt war und hier gerade sein Comeback-Tor erzielt hat. Habe ich bei seiner verpassten Großchance eben etwa von einer Blamage geschrieben? Ich meinte natürlich: Das kann doch jedem einmal passieren!

Nach 65 Minuten scheitert Wiens eingewechselter Mittelfeldmann Miroslav Beljan, den sie im Stadionheft „Alszeilen“ in der Kaderauflistung vollkommen vergessen haben, zunächst am Außennetz und fünf Minuten später dann per Schlenzer am mittlerweile ebenfalls eingewechselten Conor Hazard, der etatmäßigen Nummer 5 der „Hoops“. Die unvollständige Aufstellung macht das Stadionheft aber an anderer Stelle locker wieder wett. Auf Seite 14 findet sich eine halbseitige Anzeige für das Jubiläumsspiel des First Vienna Football Club, der seinen 125. Geburtstag am 17.07. gegen den glorreichen 1.FC Union Berlin feiern wird. Meine Karte für dieses Spiel habe ich seit dem 23.06. in der Tasche (da musste man schnell sein!) und wird mich schneller nach Wien zurückkehren lassen, als ich das jemals zu träumen gewagt hätte. Das wird sicher ein guter Urlaub nach dem Urlaub!

Aber zurück zum Spiel. Zwischen Minute 65 und 80 versucht es Celtic eine Viertelstunde lang nur noch mit langem Hafer, bis sie angesichts der schwindenden Kräfte des Regionalligisten dann endlich dazu übergehen, ihre spielerische und physische Überlegenheit auszuspielen. In der 80. Minute spielt Vakoun Issouf Bayo den 19-jährigen Jungspund Henderson frei, doch scheitert dieser an der Nummer 2 des Sport-Club, Alexander Kniezanrek. Besser macht es dann Vollblutstürmer Bayo, der sechs Minuten später eine Flanke von Hayes per Dropkick zum 1:2 verwerten kann. Die große Ausgleichschance ergibt sich nach einer Ecke in der Schlussminute, die das Publikum wieder einmal mit Schlüsselbundklirren akustisch begleitet. Hazard pariert den Kopfball des Wiener Angreifers jedoch per Blitzreflex und rettet dem favorisiertem Europapokalteilnehmer so den Saisonauftakt.

Während sich der tapfere Regionalligist nach dem Abpfiff auf Ehrenrunden von seinem Publikum feiern lässt, bittet Celtic-Coach Neil Lennon seine Mannen noch zu Sprintübungen vor die „Blaue Tribüne“. Mein freundlicher Sitznachbar schenkt mir zum Abschied seine echte Eintrittskarte als Erinnerung an diesen unterhaltsamen Fußball-Sommerabend und schon ist es Zeit für ein Fazit: Solider Saisonauftakt! Überraschend enges Spielchen, wunderbares Stadion, toller Verein, entspannte Menschen – nur die Freund*innen der Friedhofstribüne dürften ihre politische Korrektheit eventuell etwas weniger vor sich hertragen und hätten heute gerne für etwas mehr Fußballatmosphäre sorgen dürfen…

Die Bim hat mich eine knappe Viertelstunde später auch bereits wieder in der Josefstadt in die Freiheit entlassen. Die kleine Terrasse des „Gasthaus Zur Böhmischen Kuchl“ in der Schlösselgasse hatte ich mir bereits heute Morgen für eine spätere Einkehr vorgemerkt. Gegen 21.00 Uhr kann man dort noch immer problemlos in Sommerkleidung Platz nehmen, schnell steht ein frisches Bier auf meinem Tisch und noch schneller bin ich als depperter Piefke aufgeflogen. „Ihr in Deutschland würdet’s wohl gpökelt nennen“, beantwortet er meine Frage nach dem „Selchfleisch im Pufferteig mit Kraut“. Für 12,50 € (mittlerweile kostet das Gericht 13,10 € – einfach mal die Website des Lokals besuchen, die Speisekarte öffnen, die Preise per Copy and Paste in ein Schreibprogramm übertragen und die Teuerungsrate mitverfolgen – viel Spaß!) werden dann drei überaus leckere Scheiben Kasseler im Kartoffelanorak serviert und am Ende des Abends braucht es den Verdauungsschnaps auf’s Haus auch zwingend, um die letzten Meter bis zum Hotel zurücklegen zu können.

Am nächsten Morgen ballert die Sonne in die schmale Kochgasse. Bereits um 9.30 Uhr zeigt das Thermometer stolze 28°C an und bis zu 34°C werden im weiteren Verlauf des Tages erwartet. Der Sommerurlaub vor dem Sommerurlaub nimmt konkrete Formen an und schnell ist ein Tagesausflug zur Donauinsel beschlossene Sache. Obwohl rund um den „Copa Beach“ diverse sonnenfeindliche Schmierereien angebracht worden sind, verrichtet das Zentralgestirn weiter zuverlässig seinen Dienst und so komme ich in den Genuss, zwei-drei Stunden lang feinste UV-Strahlung zu tanken und an der Donau zu dösen. Mit dem Nichtstun ist man übrigens immer genau dann fertig, sobald der Bierdurst einsetzt und glücklicherweise kann man sich hier in einem solch schlimmen Fall von einsetzendem Aktionismus auf diverse Strandbars verlassen, die umgehend Lösungsansätze aufzeigen. 4,30 € für ein „Ottakringer“ ist zwar alles andere als geschenkt, bei der guten Aussicht (… aber warum zur Hölle lässt man sich das Wort „Bitch“ tätowieren?) und unter Palmen sitzend, kann man das schon zwei Mal machen.

Hinter mir sitzt ein amerikanisches Pärchen, das sich vorhin am Strand schon zu dämlich angestellt hatte, einen Sonnenschirm in den Sand zu stecken und seitdem unter meiner strengen Beobachtung steht. Nun qualifizieren sie sich endgültig für die Kategorie ‚Vollidioten‘, indem sie eine freundliche Frage des Kellners („How was your Day?“) denkbar dämlich beantworten. „Amazing! We did 10.348 Steps so far!“, als wäre dieser statistische Wert das einzige Kriterium für einen gelungenen Urlaubstag. Kann man ja nur hoffen, dass ich nicht das selbe gefragt werde. Mein Tag war nämlich scheiße. Hab nur in der Sonne rumjelegen und Bier jesoffen.

Als dann auch noch Beatrice Egli „Dein Herz ist wie eine Laterne“ über den „Copa Beach“ kitschen darf, brauche ich dringend etwas Ablenkung zum Bier und erinnere mich an den offen gebliebenen Rechercheauftrag aus dem Flugzeug. Dank des freien Wi-Fi werde ich schnell fündig. Am gestrigen 29.06. sind in Hausmening (150 Km von Wien entfernt) tatsächlich Dynamo Moskau (Динамо Москва) und Apollon Limassol (Απόλλων Λεμεσού) aufeinander getroffen. Moskau ging als 2:0 Sieger aus dieser Partie hervor. Für ein belangloses Testspiel extra nach Österreich fliegen? Leute gibt’s…

Wieder einmal beherbergt mich im Anschluss die „Taverne Sokrates“ in der „Sunken City“, ehe ich den Abend im Hotel mit dem Finale der U-21 Europameisterschaft ausklingen lasse. In Udine unterliegt Deutschland mit 1:2 gegen España und ich läute nach Schlusspfiff umgehend die Bettruhe ein, schließlich muss ich am morgigen Montag bereits in aller Herrgottsfrüh zur Arbeit fliegen.

Für die Schlusspointe dieses erlebnisreichen Kurzurlaubs sorgt dann gegen 7.30 Uhr ein Typ am Gate, der ein bisschen so aussieht, als würde er auf die Loveparade 1996 fliegen, was optisch eigentlich schon unterhaltsam genug ist, aber da habe ich den „Mary Pierce“-Schriftzug auf der Wade noch gar nicht gesehen. Erst nach Ankunft in Berlin-Tegel gelingt mir am Bus endlich ein Foto dieses Meisterwerks, das mir doch ein wenig Mut spendet, mir endlich „Arantxa Sánchez Vicario“ auf den Tennisarm tätowieren zu lassen. Schön, wenn man mit einem Schmunzeln im Gesicht in den ersten von vier Arbeitstagen zwischen den Urlauben startet. Spiel, Satz und Sieg für Fetti. Pierce Out! /hvg

23.06.2019 SV Blau-Weiß Dahlewitz – SC Eintracht Miersdorf/Zeuthen II 5:4 (0:1) / Sportanlage Rangsdorfer Weg / 50 Zs.

Seit genau einer Woche hat Fetti kein Auge mehr zubekommen. Immer und immer wieder gingen ihm die selben Bilder durch den Kopf. Diese Nachspielzeit in Königs Wusterhausen am vergangenen Sonntag hat sein Leben verändert. Ein Spiel, an Dramatik nicht zu überbieten. Ein Tor des FC Viktoria Jüterbog in der 94. Minute, eine Tabellenkonstellation, die ihm den Schlaf raubte. Heute ist der Tag der Entscheidung nun endlich gekommen. Showdown in der Kreisoberliga Dahme/Fläming. Wer wird am Ende der strahlende Aufsteiger sein? Jüterbog, Dahlewitz oder doch der lachende Dritte aus Ludwigsfelde? Es kann nur einen geben!

Unter dieser „Highlander“-Losung tut sich dann im Berliner Ostbahnhof auch direkt das erste Schlachtfeld des Tages auf. Der „PENNY“ im Souterrain präsentiert sich mittlerweile jedenfalls derart unterirdisch, dass er es auf der Liste der asozialsten Supermärkte Deutschlands in der Zwischenzeit auf Rang 2 geschafft hat. Unangefochtener Spitzenreiter bleibt zwar der Discounter im Hauptbahnhof Essen, in dem die Mitarbeiter schon längst kapituliert haben und den Dingen einfach ihren Lauf lassen, aber auch den Berliner Wettbewerber verlässt man mit dem unguten Gefühl, man habe sich bei einem kurzen Einkauf alle erdenklichen Krankheiten eingefangen. Irgendeine Stelle des Körpers beginnt noch auf der Rolltreppe ins Foyer ganz automatisch zu jucken. Kannste dich drauf verlassen.

In der Regionalbahn nach Dahlewitz, das sechs Kilometer südlich der Stadtgrenze Berlins und knapp vier Kilometer südwestlich des Flughafens Berlin-Schönefeld zu verorten ist, nimmt das Unheil dann seinen Lauf. „Ist hier noch Platz?“, fragt mich ein korpulenter, verschwitzter und stinkender Mann mit tätowiertem Knutschmund am Hals und so lange er sich noch nicht hingesetzt hat, kann ich diese Frage nicht verneinen. Jetzt aber nehmen seine welken Schenkel Kontakt zu meinen auf und die plötzlich nur noch zahnstochergroße Armlehne zwischen uns sowie zwei Drittel meiner Sitzfläche verschwinden unter seinen Fleischbergen. Zurückgedrängt in die letzte Ecke meines Stuhles und ans Fenster gekauert, nehme ich wohlwollend zur Kenntnis, dass es neben mir genau einen weiteren Fahrgast gibt, der diese Bahn NICHT am Flughafen Schönefeld verlassen will. Während also rundherum rege Betriebsamkeit einsetzt und sich die Menschen mit ihren Rollkoffern in Richtung Ausgang schieben, zeigt Fetti II. keinerlei Regung. Es ist davon auszugehen, dass er auch die letzten acht Minuten der Fahrt neben mir sehr genossen hat.

Als ich um 13.30 Uhr den Bahnhof Dahlewitz erreicht habe, bin ich froh, den „PENNY“ nicht ohne Biereinkauf verlassen zu haben. Selten zuvor hat man eine derart beschwerliche Anreise zu einem Brandenburger Ground erleben müssen. Anette Halbestunde sieht jedenfalls anders aus und auf diese 33 Minuten Höllenqualen darf man ja wohl getrost ein Coping-Bier trinken, während man sich zu Fuß in den Dorfkern begibt. Dieser liegt 1,6 Kilometer vom Bahnhof entfernt und ist nach 20 Minuten Spaziergang nur dann zu finden, wenn man angesichts der überaus komplizierten Wegbeschreibung nicht den Kopf verliert: Bahnhofstraße immer geradeaus und dann rechts in die Dahlewitzer Dorfstraße. Hoffentlich geht das gut.

Dahlewitz hat 2.231 Einwohner und war bis ins Jahr 2003 eine eigenständige Gemeinde, bevor diese als Ortsteil in die amtsfreie Gemeinde Blankenfelde-Mahlow überführt wurde. Während man die menschenleere Bahnhofstraße entlang flaniert und Blicke auf Feld und Flur wirft, kommt einem das gestern noch ach so beschaulich wirkende Werder an der Havel urplötzlich unheimlich urban vor. Als hätte es noch einen Verstärker für dieses Gefühl gebraucht, rattert exactemente in dem Moment, in dem ich in die Dahlewitzer Dorfstraße einbiege, ein mit Heuballen beladener Traktor an mir vorbei und das Titelbild für diesen Bericht entsteht.

In der Dorfstraße gibt es dann noch das alte Gutshaus von 1800 mit Gutspark und Wasserturm zu bewundern, welches nach einem Brand im Jahre 2001 bedauerlicherweise nur noch als Ruine im Dorf steht und seitdem verfällt. Ändern könnte sich dies dank großer Pläne eines Investors, der das Gutshaus und dessen Nebengebäude Instand setzen und Wohnraum schaffen will. Wer hier einziehen wird, hätte zumindest beste Sicht auf die mittelalterliche Dorfkirche, die sich direkt gegenüber befindet. Die rechteckige Felssteinkirche wurde 1305 erstmals urkundlich erwähnt. Im Lauf der Jahrhunderte wurde der Westturm auf seine heutige Höhe aufgemauert und eine Herrschaftsloge mit darunterliegender Gruft angebaut. Seit ca. 1650 steht das Bauwerk in seiner heutigen Form auf dem Dahlewitzer Dorfanger und fordert wohl auch denjenigen etwas Ehrfurcht ab, die mit der Institution Kirche eher weniger am Hut haben.

Fünf Minuten später habe ich den Sportplatz erreicht. Etwas irritiert bin ich, dass mir Mutter und Sohn entgegenkommen, als ich mich gerade dem Kassenhäuschen nähere. „Wollt ihr nicht noch bleiben?“, zeigt sich auch der Kassenwart verwundert, aber die Mutti macht ihm eine unmissverständliche Ansage. „Nee, wir kaufen jetzt erst mal Spargel und denn machen wa Mittag!“. Mir scheint fast so, als wäre nicht ganz Dahlewitz im Aufstiegsfieber…

Immerhin haben sich aber 50 zahlende Zuschauer (3 €) auf der Sportanlage eingefunden, die sich an beiden Längsseiten des Sportplatzes an der Reling verteilen. Die Dahlewitzer Ultras haben den (Fang-)Zaun bereits mit ihren Bannern geschmückt, der Trommel einen Funktionstest unterzogen und ihre blau-weißen Fahnen dekorativ in die Wiese gerammt. Der Rasenplatz ist gut in Schuss und die Sportanlage punktet mit einem gemütlichen Vereinsheim samt Biergarten und der schönen Aussicht auf den Dahlewitzer Wald (den es zu retten gilt!) und das Naturschutzgebiet Zülowgrabenniederung. Auf der Gegengeraden bereitet sich neben mir auch der Mann auf das Spiel vor, der hier gleich die manuelle Anzeigetafel zu bedienen hat. Schnell ist der Anglerstuhl aufgebaut, der Sonnenschirm justiert, das Bierchen in der hierfür vorgesehenen Halterung verstaut und dann gerade noch rechtzeitig festgestellt worden, dass die Nummerntafeln fehlen. Oh man, das hätte peinlich enden können.

Die ersten 20 Minuten der Partie können wir getrost überspringen. Abtastphase, aber auf einem angenehmen Niveau mit ansprechendem Tempo und wenig technischen Katastrophen. Beendet wird diese Phase des Spiels durch einen Torerfolg der Hausherren, welcher allerdings wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung aberkannt wird. Der auffälligste Akteur der Gäste, Etoo Kofi, der auf der linken Außenbahn bislang einige gute Offensivaktionen, aber auch einige defensive Unkonzentriertheiten in seinem FUDU-Zeugnis zu stehen hat, tankt sich nach 22 Minuten am linken Flügel durch, zieht in den Strafraum, spielt zwei Verteidiger schwindelig und schließt mit einem präzisen Schuss in die lange Ecke ab. Das 0:1 ist aus Dahlewitzer Sicht doppelt ärgerlich, da just in diesem Moment das Gerücht die Runde macht, der FC Jüterbog sei „durch ein klares Abseitstor“ im lediglich vier Kilometer entfernten Blankenfelde-Mahlow mit 1:0 in Führung gegangen. Na, aber das hätte Luisa aus Senzig doch gesehen!

Nach 29 Minuten ist auf der „Sportanlage Rangsdorfer Weg“ alles gegessen. Der direkte Konkurrent aus Jüterbog ist auf 4:0 davongezogen. Nach Menschengedenken sollten die Treffer von Carlos Ngounou Happy und Bastian Lehmann (3x) zum Aufstieg reichen. Dahlewitz ist geschlagen und irgendwer muss diese Information auch bis an das Feld herangetragen haben. Zwar bleibt das Spiel intensiv, doch fehlt jetzt seitens der Heimelf der letzte Wille, sich bei 28°C so richtig in diese Partie hinein zu beißen. Tom Kirstein, der in seiner Karriere bereits deutlich höherklassig gespielt hat (Halle 96, Dessau 05, TeBe, BAK), lässt jetzt im Mittelfeld auch ab und an Fünfe gerade sein und zieht brasilianische Zaubereien dem gepflegten Pass mit der Innenseite vor. An der Seitenlinie treten die Zuschauer in den entspannten Smalltalk mit dem Linienrichter: „Willste Sonnencreme? Oder ’n Bier? Wenn Du was brauchst, drück einfach auf Deine Fahne, Herr Assistent!“ und dieser bedankt sich mit seinen Mitteln für diese kleinen Aufmerksamkeiten, indem er die glasklare Abseitsposition von Hannemann übersieht, die es für Dahlewitz schon braucht, um endlich zur ersten vernünftigen Torchance zu kommen (44. Min.).

In der Halbzeitpause lehnt Benjamin Lehmann die am Spielfeldrand angebotene Melone dankend ab, um bereits das Resümee zu ziehen. „Wir haben es uns selber versaut“, womit er wohl die Heimniederlagen gegen Blankenfelde-Mahlow II und Ludwigsfelde II sowie die Punktverluste gegen Königs Wusterhausen und den FSV Admira in der Rückrunde meint. So viele Patzer darf man sich in dieser engen Liga natürlich nicht erlauben, weiß nicht nur der um den Schlaf gebrachte Fetti.

Mittlerweile ist auch der Anzeigetafelmann mit einem neuen Bier zurückgekehrt und hat es sich in seinem Campingstuhl gemütlich gemacht. Wenn der wüsste, was hier gleich noch an Arbeit auf ihn zukommen wird… Kapitän Rosenberg hält derweil eine knackige Motivationsrede im Mittelkreis, die er mit den donnernden Worten: „Ich will hier nicht Dritter werden!“ abschließt. Seinen Teamkameraden Knochel hat er auf jeden Fall erreicht, denn nur fünf Minuten nach Wiederanpfiff schickt sich dieser an, aus gut 40 Metern einfach mal abzuziehen. Keeper Tolzin, der die Marc-Kevin-Goellner-Gedächtniskappe mittlerweile richtig herum trägt, kann gerade noch ein „Nicht, nicht, nicht!“ in die Schussbewegung schreien, doch Knochel lässt sich nicht von seinem tollkühnen Vorhaben abbringen. Gut so, da der Ball Gästekeeper Schröder, der im normalen Leben Coach der ersten Mannschaft ist, völlig auf dem falschen Fuß erwischt und zum 1:1 in den Maschen einschlägt.

Wieder vergehen nur fünf Minuten, bis es den nächsten Höhepunkt zu bestaunen gibt. Etoo Kofi taucht frei vor Tolzin auf, scheitert, doch Ben Weidemüller kann den Abpraller über die Linie drücken. Das Schiedsrichterkollektiv diskutiert lange und erkennt den Treffer letztlich an, obwohl der Linienrichter ursprünglich die Fahne gehoben hatte. Ganz so passiv war diese Abseitsstellung wahrlich nicht, da der Miersdorfer Angreifer zum Ball gegangen war und auch ohne Berührung des Spielgeräts in das Spielgeschehen eingegriffen hatte, doch Schiedsrichter Köhler setzt sich am Ende durch. 1:2 nach 55 Minuten.

Für die letzte halbe Stunde der Saison fallen dann endgültig alle taktischen Fesseln. So reicht mitunter ein einziger Pass und die Miersdorfer Verteidigung ist bereits auf Höhe der Mittellinie ausgehebelt. Beyendorf hat viel Wiese vor sich und ganz viel Zeit, sich auf den kommenden 40 Metern zu überlegen, wie er den Ball verwandeln will – und so etwas geht ja bekanntlich selten gut aus. Am Ende legt er den Ball am herauseilenden Keeper vorbei, was den Winkel zu spitz werden und Beyendorf am Außennetz scheitern lässt (61. Min.) und wird zur „Strafe“ direkt ausgewechselt. Es kommt Jungspund Grundmann, der sich dem zwei Köpfe größeren Pälchen gegenübersieht. Kapitän Rosenberg meint es noch immer ernst und geht mit seinen Mannen hart ins Gericht: „Ihr könnt doch nicht den Olli gegen den 15er spielen lassen“. Keine 10 Sekunden später segelt ein hoher Ball durch das Mittelfeld, Grundmann geht hoch, setzt sich im Duell mit Pälchen durch und Tolzin lässt ein lautes Lachen über den Platz schallen, versehen mit dem süffisanten Kommentar: „Ui, ui, ui, guck mal, wie er den Kopfball gewinnt!“.

Für beste Unterhaltung ist also weiterhin gesorgt und auch die Tore fallen im Stakkato. Rosenberg, das Motivationsmonster, setzt zu einem beherzten Solo an und schließt dieses mit dem linken Fuß zum 2:2 ab (67. Min.). Keine 60 Sekunden spielt Rosenberg einen mustergültigen Steckpass, doch Hannemann vergibt das 3:2 im 1:1 Duell mit Schröder leichtfertig. Die Reaktion von Rosenberg zeigt, dass er wirklich nicht Dritter werden mag – sollte man jemals eine Illustration eines vorweggehenden Kapitäns suchen, hier würde man fündig werden.

Im Anschluss übertreiben es die Dahlewitzer in zweierlei Hinsicht ein wenig. Zunächst einmal zieht unnötige Härte ins Spiel ein (Lehmann tritt Strandt von hinten den Schuh vom Fuß und kommt glimpflich mit Gelb davon) und dann lässt man sich von dem Wunsch, dieses Spiel zu drehen, derart übermannen, dass es hinten gleich zwei Mal einschlägt. Müller schiebt nach einer Freistoßflanke auf den zweiten Pfosten aus erneut abseitsverdächtiger Position ein (2:3, 74. Minute) und Tomislav Kresović verwandelt einen Foulelfmeter nach Halten (2:4, 82. Minute).

Normalerweise sollte es das nun gewesen sein. In acht Minuten endet die Saison, es ist immer noch schwülwarm und die Chance auf den Aufstieg ist verstrichen. Alles keine Gründe für die wahnwitzigen Dahlewitzer, hier die Köpfe hängen zu lassen und das Spiel abzuschenken. Mit beeindruckender Moral kommen sie noch einmal in das Spiel zurück. Nach einem Eckball gewinnen sie gleich zwei Kopfballduelle, Keeper Schröder irrt vollkommen orientierungslos durch seinen Strafraum und Lukas Knochel nickt den Ball zum 3:4 über die Linie (84. Minute).

Dahlewitz wirft nun alles nach vorne. Ball um Ball wird in die Hälfte der Miersdorfer geprügelt. So kann es nicht klappen, denkt sich Kirstein und setzt seinerseits in der 90. Minute noch einmal die feine Klinge an. Sein gefühlvoller Chipball aus dem Fußgelenk über die gegnerische Abwehr eröffnet Faust freie Schussbahn und ein Miersdorfer blockt den Abschluss mit der Hand. Elfmeter! Pascal Hannemann schnappt sich den Ball, Knochel bedankt sich ironisch, dass man ihm keinen Dreierpack gönnt und nur wenige Wimpernschläge später steht es tatsächlich 4:4. Eiskalt verwandelt.

Nachspielzeit. Noch immer sind 2-3 Minuten zu spielen. Dahlewitz attackiert noch einmal über die rechte Seite, Flachpass in den Rücken der Abwehr. Und wer steht da und schließt trocken mit dem linke Fuß zum 5:4 ab? Der Kirstein Tom! Mit seinem 14. Saisontreffer bringt der Mittelfeld-Rastelli alle zum Ausrasten. Was für ein verrücktes Spiel, was für ein Finish.

Die „Ultras Dahlewitz“ hüllen den Sportplatz ungeachtet dessen in schwarzen Rauch. Während der Mannschaft eher die Freude über die gute Leistung ins Gesicht geschrieben steht, ist drumherum doch die Enttäuschung über den verpassten Aufstieg spürbar. Blankenfelde-Mahlow gewinnt 5:2 und auch der Ludwigsfelder FC wäre noch an Dahlewitz vorbeigezogen, hätte man hier nicht eine solche Willenskraft gezeigt.

Ich hingegen bin nun überaus gewillt, mich vor der strapaziösen Rückfahrt auf dem Dorf zu stärken. Die ersten Tiefschläge lassen nicht lange auf sich warten. „Andy’s Getränkeshop“ sieht eher nach Bauernhof aus, als nach Späti und hat natürlich sonntags geschlossen. Team „Imbiss-Eck“ hat wohl dauerhaft die Pfanne kalt, worauf das aufgestapelte Kochgeschirr auf dem Gehweg hindeuten könnte. Die letzte Hoffnung heißt „Mutterwelt“ und befindet sich direkt am Bahnhof und lädt mit einer gemütlichen „Summerlounge Terrasse“ zum Verweilen ein. Der zahnlose Kellner bringt mir die Speisekarte und ich verfalle in eine Art Schockstarre. Bier für 4 €, das günstigste Gericht auf der Karte für 16,90 €. Ich schaue mich um. Traktor auf der Dorfstraße, Mistgabeln im Schirmständer. Bin also ganz offensichtlich nicht in Saint-Tropez.

Schweren Herzens (aber reinen Gewissens) verzichte ich also weiterhin auf Nahrungsaufnahme und gönne mir ein Bierchen in der Sonne, um die Wartezeit bis zur Abfahrt meines Zuges (18.28 Uhr) sinnvoll zu überbrücken. Wer 4 € für ein Fassbier verlangt, kriegt von mir übrigens partout kein Trinkgeld. Der Kellner rächt sich, indem er mir 16 € Wechselgeld in Münzen aushändigt und schon ist der Dahlewitz-Ausflug zu einem zwischenmenschlich gelungenem Ende gekommen.

Am Flughafen-Schönefeld füllt sich die bis dato angenehm leere Bahn bis auf den letzten Platz. Alle sind gestresst, Touristen stehen so orientierungslos in der Gegend herum wie Schröder in seinem Strafraum, alles redet und lärmt durcheinander, einer sieht blöder aus als der andere, Kinder heulen. Könnte es einen unsanfteren Berlin-Einstieg geben? Nehmt gefälligst mal Rücksicht, ich komm vom Dorf!

Um 18.57 Uhr habe ich den Ostbahnhof erreicht und spiele mit dem Gedanken, vielleicht doch einfach in das ruhige Dahlewitz zu ziehen. Spätestens, wenn das Gutshaus renoviert ist, werde ich ernsthaft darüber nachdenken – und bis dahin spielt der SV Blau-Weiß Dahlewitz hoffentlich auch schon in der Landesklasse! /hvg

22.06.2019 Werderaner FC Viktoria 1920 – FC Eisenhüttenstadt 1:4 (0:2) / Arno-Franz-Sportplatz / 88 Zs.

Einen Tag nach Beginn des kalendarischen Sommeranfangs zieht es Fetti erneut hinaus nach Brandenburg. Die „Region“ (immer noch nicht tot, obwohl Energie Cottbus vor gut vier Wochen nach einem Herzschlagfinale gegen Eintracht Braunschweig aus der dritten Liga abgestiegen ist) wartet heute mit angenehmen 26°C auf und bietet einen bunten Strauß der Möglichkeiten. Was darf es sein? Lübben, Sachsenhausen, Senftenberg, Guben, Premnitz oder Luckau?

Und dann wäre da noch Werder an der Havel. 26.412 Einwohner, vor den Toren Potsdams gelegen, wasserreich und dem Vernehmen nach sehr schön, so jedenfalls die Berichte all derjenigen, die im Verlauf ihres Lebens irgendwann einmal auf dem „Baumblütenfest“ zu Gast waren. Ich jedoch habe da ein Trauma von 2011 noch nicht überwunden, als FUDU auf der Rückfahrt aus Bochum (0:3 verloren) die Wege mit „Baumblütenfest“-Besuchern kreuzte und die letzten 45 Minuten der ohnehin schon beschwerlichen Wochenendticket-Reise noch beschwerlicher wurden. In Erinnerung geblieben sind betrunkene Menschen, blinkende Lichter an Strohhüten, schwarz-rot-güldene Hawaiiketten und tätowierte Katzentatzen auf solariumsgegerbter Lederhautbrust. Kurzum: Ich muss mich schleunigst informieren, ob dieses furchtbare Fest nicht zufällig ausgerechnet heute stattfindet.

Eine kurze Recherche später ist klar, dass das Fest traditionell immer in der Woche um den ersten Mai herum stattfindet und ich nichts zu befürchten habe. Außerdem fällt ins Auge, dass Werder an der Havel als „staatlich anerkannter Erholungsort“ geführt wird und unter diesen Vorzeichen kann es ja gar keinen besseren Ort geben, um die Saison 2018/19 zu einem versöhnlichen Abschluss zu bringen.

Um 11.59 Uhr verlässt der RE1 den Berliner Ostbahnhof. Die „Deutsche Bahn“ hat umgehend auf die Brandenburger Erderwärmung reagiert und den Zug auf gefühlte -18°C heruntergekühlt. So erreicht der geneigte Fahrgast den Bahnhof Werder(Havel) 46 Minuten später nicht etwa durchgeschwitzt, sondern schockgefrostet. Interessant wäre es zu wissen, wie viel Prozent des Fahrpreises in Höhe von 3,60 € in der letzten Dreiviertelstunde direkt durch den Betrieb der Klimaanlage aufgefressen worden sind. Fetti zittert jedenfalls noch ein wenig, als die Kühlkette endlich unterbrochen ist und er erste Blicke auf das vielversprechende Bahnhofsgebäude in gelbem Klinker werfen kann. Wenn die Stadt der Schönheit dieses Empfangsgebäudes in nichts nachstehen würde, dann könnte das hier ein richtig angenehmer Aufenthalt werden.

Um dies zu verifizieren, führt Fettis Spaziergang geradewegs vom Festland auf die historische Altstadtinsel, die den Kern der Stadt beherbergt und Namensgeberin der Stadt ist. Der Begriff „Werder“ ist nämlich nicht mehr und nicht weniger als eine topografische Bezeichnung für Flussinseln, womit wir auch unserem Bildungsauftrag an dieser Stelle nachgekommen wären.

In den kleinen Gassen der Altstadt herrscht eine verschlafene Gemütlichkeit, nirgendwo liegt Müll herum, nirgendwo riecht es nach Urin und man muss auch nicht bei jedem Dritten entgegenkommenden klären, ob dieser einfach nur mit dem Headset telefoniert oder wirklich einen an Waffel hat, was sich in Berlin bekanntlich in etwa die Waage hält. Ich gebe es zu, etwas habe ich mich von meiner einstigen Lieblingsstadt in den vergangenen Jahren schon entfremdet. Hier grüßen sich die Fahrradfahrer gegenseitig, zugezogene Studentinnen, die in Potsdam demnächst Sinnlosologie studieren werden, sonnen sich auf den saftigen Havelwiesen, von vorbeifahrenden Booten wird freundlich gewunken und alles ist ja so schön grün und ruhig. Dürfte man hier eigentlich auch herziehen, wenn man keine Kinder hat? Frage für einen CDU-Wähler!

Fetti erteilt mir dann glücklicherweise die Absolution, das hier alles toll finden zu dürfen, ohne sich dabei zu spießig zu fühlen. Ich darf mich also an der idyllischen Inselsilhouette mit Heilig-Geist-Kirche (1858) und der Bockwindmühle erfreuen, ohne ein schlechtes Gewissen zu empfinden.

Bockwindmühlen wurden in Deutschland erstmals zu Beginn des 15. Jahrhunderts errichtet. Dieses Exemplar hier ist leider nicht ganz so historisch, wie es zunächst den Anschein macht. Ich zitiere von der Stadtwebsite: „Fassungslos und erschüttert waren die Bewohner der Stadt im Dezember 1973, als nach einem Brand der Mühlenberg seines traditionsreichen Wahrzeichens beraubt wurde. Ein Wiederaufbau war aufgrund der schweren Beschädigungen unmöglich. Engagierten Werderanern – die sich mit dem Verlust nicht abfinden wollten – und der damaligen Stadtverwaltung gelang es, 1985 eine gleichartige und bis auf die Flügel recht gut erhaltene Mühle in Klossa bei Jessen aufzuspüren und für 6000 DDR-Mark zu kaufen. Nach dem Abbau wurden die einzelnen Teile erst einmal fachgerecht eingelagert und bearbeitet. Mit dem überaus mühsamen Wiederaufbau begannen private Mühlenfreunde aus der Stadt, ihres Zeichens Fachleute aus verschiedensten Gewerken, im Jahr 1987. Die Einweihung der neuen alten Mühle wurde 1991 gefeiert und im August 1993 drehten sich beim 1. Mühlenfest erstmals wieder ihre Flügel.“ Dafür verdient sich das auf dem Mühlenberg und in nächster Nähe gelegene „Historische Rathaus“ von 1879 seinen Namen aber allemal und weiß ebenfalls optisch zu überzeugen.

An der Nordspitze selbiger Insel befindet sich auch der „Arno-Franz-Sportplatz“, der an drei von vier Seiten mehr oder minder unmittelbar von der Havel umschlossen ist. Bereits eine Stunde vor Spielbeginn führt der gastgebende Verein einen Soundcheck durch, während ich mir mit pausierenden Wanderern eine Parkbank teile und mir mit Blick auf das Wasser die Sonne ins Gesicht scheinen lasse. Die Ruhe wird nicht einmal durch den Gästemob gestört, der ebenfalls am Ufer entlang flaniert und die Vorfreude auf das Stadionerlebnis in mir weckt. Ein Spiel in der Brandenburgliga mit Gästefans? Da ist eine volle Hütte garantiert…!

Fünf Euro sind heute zu berappen, um den Sportplatz betreten zu dürfen. Dieser wartet mit einer Stahlrohrtribüne mit grünen Schalensitzen auf und bezieht seinen Charme nicht nur aus seiner einzigartigen Wasserlage, sondern auch durch die herausgeputzten Schrebergärten, die sich direkt hinter und neben der Tribüne befinden. Die rostige Reling könnte man zum 100-jährigen Vereinsjubiläum eventuell mal neu streichen, dennoch bereitet dieser Ort schon jetzt richtig Laune und hätte eigentlich gar nicht durch ein Bier aufgewertet werden müssen, aber was soll man machen, wenn der Arzt doch empfiehlt, immer ausreichend zu trinken. Für mein Bier (2,50 €) halte ich einen 5 € Schein bereit und schnell ist mit dem guten Mann hinter mir ausgetüftelt worden, dass ich einfach sein bereitgelegtes Kleingeld vom Tresen nehme und sein Bier von meinem Schein mitbezahle. Diese Rechnung haben wir aber ohne den Schankwart gemacht, der zwar mit dem Rücken zu uns steht, aber trotzdem mitbekommt, wie ich das Kleingeld einstecke und der nun im Glauben, mich einen perfiden Diebstahls überführt zu haben, das Zapfen einstellt und mich zur Rede stellt. „Hey Freundchen, lässte dit mal da liegen? Dit is mein Jeld!“, womit die Eigentumsverhältnisse genau genommen auch nicht korrekt widergespiegelt wären. „Dit sieht jetzt erst mal komisch aus, aber dit is sein Wechseljeld“, versucht der Mann hinter mir die Sachlage zu klären und so schnell, wie der Wirt an die Decke gegangen ist, ist er nun auch wieder besänftigt.

Auf den Schreck brauche ich erst einmal ein Bier. Neben der Tribüne lasse ich mich im grünen Gras nieder, verabschiede mich von Schuhen und Socken und fläze mich in die Sonne. Der Stadion-DJ legt die gleiche CD auf, die bereits in Amager gespielt wurde, mit dem Unterschied, dass die Musik heute zu Wetter und Stimmungslage passt. Aus den angrenzenden Schrebergärten, die ihre Eingangstüren kurioserweise in Richtung Platz haben, haben erste Menschen Sonnenstühle in den Hintertorbereich getragen und es sich ebenfalls bequem gemacht. Am Ende werden neben diesen schmarotzenden Kleingärtnern immerhin noch 88 zahlende Zuschauer, darunter 18 aus Eisenhüttenstadt, registriert werden.

Vor Spielbeginn verabschiedet der Werderaner FC Viktoria verdiente Spieler mit üppig gefüllten Präsentkörben, der Rasen muss noch eben schnell von aus dem Gästeblock geworfenen Papierschlangen befreit werden und schon eröffnet FUDUs treuer Wegbegleiter Toni Bauer die Partie des 30. und letzten Spieltages der Brandenburgliga. Werder befindet sich auf einem tiefenentspannten 9. Tabellenrang, während sich der einstige Europapokalteilnehmer aus Eisenhüttenstadt (1991/92 im Europapokal der Pokalsieger gegen Galatasaray), der leider zur Saison 16/17 seinen Traditionsnamen „Stahl“ und das dazugehörige Logo abgelegt hat, heute mit aller Macht gegen den Abstieg stemmen muss. Aktuell hat man einen Punkt mehr auf der Habenseite als die Teams aus Brieselang und Blankenfelde-Mahlow, die auf den Abstiegsplätzen rangieren. Diesen Vorsprung gilt es heute über die Ziellinie zu retten – klar, dass die Fanszene von „Hütte“ da mobilisiert hat!

Um 15.02 Uhr habe ich meinen ersten Ballkontakt und werde mit einer Passquote von 100% in die Statistik dieses Spiels eingehen. Die Locals am Bierstand hatten sich bereits lang und breit darüber unterhalten, wie viele Stammspieler den Werderanern heute aus unterschiedlichsten Gründen fehlen würden und dass das Trainergespann Hecht / Nitzsche „das komplette Team“ habe umbauen müssen. Keine Quelle ist seriös genug, um nicht wenigstens einmal kurz überprüft zu werden und schon stellt sich heraus, dass nur vier Änderungen im Vergleich zur Vorwoche vorgenommen werden mussten, dennoch wirkt Werder in der Anfangsphase alles andere als sortiert.

Georges Florent Mooh Djike setzt den ersten sehenswerten Akzent, indem er die gesamte Hintermannschaft der Werderaner zu Fahnenstangen degradiert. Sein beherztes Solo endet jedoch mit einer guten Parade der etatmäßigen Nummer 2, Jan-Niklas Rauch (8. Minute). In der 20. Minute gelingt dem zweiten Afrikaner in Diensten des FCE, den sie alle nur „Hermann“ rufen, mit einem trockenen Fernschuss der Führungstreffer. Während ich zunächst von einem mittelmäßig amüsanten Spitznamen ausgehe, verschafft eine nachträgliche Recherche Klarheit. Der gute Mann heißt wahrhaftig Hermann Wamba Tsafak, kommt aus Kamerun und hat 20 Minuten lang derart auffällig agiert, dass man ihm gerne Torjägerqualitäten unterstellt hätte. FUDU ist jedoch soeben Zeuge seines allerersten Saisontreffers geworden. What Tsafak?

Spätestens nach 35 Minuten hätten die Gäste einen Ausbau der Führung verdient gehabt. Der quirlige Außenbahnspieler Hoang Sa Nguyen Ngoc hatte sich mit einem schnellen Dribbling durchsetzen können, seine scharfe Hereingabe wird von Djike per Direktabnahme nur knapp am linken Pfosten vorbeigelegt. Werder lässt nur gelegentlich mit Versuchen aus der Distanz aufhorchen, während die Gäste kontinuierlich mit Spielwitz und Tempo überzeugen. Ngoc und Djike krönen die erste Hälfte in der Nachspielzeit mit einem fantastischen Doppelpass, der nicht nur die gegnerische Defensive alt aussehen lässt und Ngoc hervorragend freispielt, sondern von diesem auch noch formvollendet im kurzen Eck untergebracht werden kann. Der Stadionsprecher nennt „die Nummer 23 Krüger“ als Torschützen, woraufhin sich der Vietnamese umdreht, die Faust ballt und einen Jubelschrei in die eigene Verteidigungsreihen sendet: „Jawohl, Johann!“.

Mit diesem Bonmot enden die ersten 45 Minuten, die unterhaltsamer kaum hätten sein können. Weniger erfolgreich geht es beim Grillmeister zu, der noch immer kein Essen für das hungrige Publikum zur Verfügung gestellt bekommen hat und so naturgemäß auch nichts auf den Rost legen konnte. Aber auch hier weiß man sich zu helfen: „Hab ’n paar Pizzen beim Italiener bestellt, müssten eigentlich gleich da sein!“, vertröstet der Caterer von Welt die wartende Meute und Fetti gibt sich angesichts dieser Unverbindlichkeit mit einem zweiten Stadionbier zufrieden.

Das Spiel braucht auch in der zweiten Hälfte keine lange Anlaufzeit, bis alle Akteure auf Betriebstemperatur sind. Gerade einmal fünf Minuten sind gespielt, als Rauch eine eher harmlose Flanke von der linken Seite nach vorn prallen lässt und sich dann entschließt, den zum Einschuss bereitstehenden „Hermann“ nach allen Regeln der Kunst im Strafraum umzunieten. Kapitän Tony Wernicke verwandelt den fälligen Strafstoß zum 0:3 sicher und der Klassenerhalt für „Hütte“ scheint so gut wie gesichert.

Doch diese Rechnung hat der FC Eisenhüttenstadt ohne den in der 53. Minute eingewechselten Mateuz Wallroth gemacht. Gerade einmal drei Minuten benötigt der Joker, um den Anschluss für Werder herzustellen. In der Vorwoche stand Wallroth übrigens noch in der Startformation – den Umbau des Teams hätte es zumindest an dieser Stelle also nicht zwingend gebraucht. Plötzlich droht das Spiel zu kippen. Bei den Mannen aus Eisenhüttenstadt setzt das Nervenflattern ein und Werder übernimmt das Zepter. Wer weiß, wie die Partie wohl weiter verlaufen wäre, hätte Ferdinand Becker in der 63. Minute die Riesenchance auf das 2:3 genutzt. Eisenhüttenstadts Trainer versucht von der Seitenlinie lautstark wieder Spannung in seine Mannschaft zu bekommen und auch die mitgereisten Fans pushen emotional und versuchen, den Gegner in nervenaufreibende Streitgespräche zu verwickeln. Torwart Rauch hat es nicht leicht und muss den einen oder anderen derben Kommentar über sich ergehen lassen. „Halt Dein Maul und geh in Dein Tor, Du Affe!“, ruft ein Pöbler und hat in dem Moment wahrscheinlich gar nicht auf dem Schirm, dass er sich nicht als Teil einer anonymen Masse in einem Stadion mit 60.000 Zuschauern befindet, sondern auf einem Sportplatz, auf dem Herr Rauch nach Abpfiff ohne jedwede Probleme auch mal persönlich „Guten Tag!“ sagen kommen könnte.

Die Emotionalität von außen scheint den Spielern des FC Eisenhüttenstadt jedoch gut zu tun. Sie hilft deutlich sichtbar dabei, die Druckphase der Hausherren zu überstehen und sich nach und nach freizuschwimmen. Ein erster taktischer Wechsel sorgt für weitere Ordnung im Mannschaftsgefüge, ehe man nach einer simplen kurzen Ecke und einer Flanke auf den zweiten Pfosten durch Siemund mit 4:1 in Führung gehen kann. Eine Viertelstunde ist die Sache somit entschieden und das letzte Spiel der Saison plätschert gemächlich seinem Ende entgegen. Für den letzten Lacher sorgt wiederum Hoang Sa Nguyen Ngoc, der nach seiner Auswechslung in Minute 78 bei seinem Sprint in die Kabine noch höhere Geschwindigkeiten erreicht, als auf seinen unzähligen Außenbahnläufen auf dem Feld. Nach seiner Rückkehr wird er von den Fans gleichermaßen geherzt und aufgezogen: „Du siehst so erleichtert aus. Brauchen wir neues Klopapier?“. Die Antwort geht im Jubel unter. Vielleicht stand ihm ja auch nur die Erleichterung über den geglückten Klassenerhalt ins Gesicht geschrieben.

Mich zieht es nun in das Herz der Altstadtinsel, wo man meinen Hunger hoffentlich besser stillen kann als am Grillstand des Werderaner FC Viktoria. „Am Markt“ gibt es nicht nur etliche liebevoll sanierte Häuschen zu bestaunen, sondern mit einem Besuch des unscheinbaren Ladens „Pizza in Piazza“ auch noch einen echten Volltreffer zu landen. Von außen betrachtet sieht die Bude so aus, als würde man gleich Analogkäse und Formfleischschinken über sich ergehen lassen müssen, doch öffnet man die Tür, steht man plötzlich mitten in Italien. „Ciao, Buona Sera“, wird man von Inhaber Adolfo Ferraro freundlich begrüßt und bekommt eine waschechte Diavolo aus dem Steinofen für gerade einmal 5,90 € auf rot-weiß-karierter Trattoria-Tischdecke serviert. Plötzlich fällt mir der schmissige Marketingclaim von „Havelland Tourismus“ wieder ein, auf den ich heute Morgen im Zuge der Suche nach den Terminen des „Baumblütenfest“ gestoßen war und der mich ein wenig amüsiert hatte. „Werder – Ein Hauch von Toscana mitten in Brandenburg“. Nun gut, da könnte man jetzt schon drüber streiten, inwieweit Bockwindmühlen aus Klossa bei Jessen was mit der Toscana zu tun haben. Auf jeden Fall für heute aber genug Hauch, um mich endgültig darüber hinwegzutrösten, dass ich aus Gründen schweren Herzens auf eine Reise zur U21-EM in Bella Italia verzichten musste. Viel schöner hätte es rund um die Partie España – Polska in Bologna kaum werden können…

Während ich um kurz nach 18 Uhr in der Regionalbahn sitze, bereiten sich die Stadtväter Werders womöglich gerade auf ihre nächste Sitzung vor. Das „Baumblütenfest“ mit mittlerweile durchschnittlich 500.000 (!) Besuchern ist nämlich auch den Verantwortlichen ein Dorn im Auge und so ist man aktuell fieberhaft auf der Suche nach neuen Konzepten für 2020. Geplant ist, den Suffrummel von der Altstadtinsel zu verbannen und sich wieder darauf zu besinnen, was das „Baumblütenfest“ im Ursprung einst darstellte. Wenn alles gut läuft, öffnen 2020 also wieder nur noch die Obstbauern ihre Plantagen und Höfe und Anwohner ihre Gärten für ein kleines Publikum. In gemütlicher Runde werden dort süffige lokale Obstweine zur Verköstigung angeboten, während das Hillbilly-Volksfest ersatzlos gestrichen wird – und das wiederum würde wohl all die furchtbaren Strohhüte, Hawaiiketten und Katzentatzen ein für allemal aus Werder verbannen. 2020 könnt ihr also jederzeit einen Abstecher in die „Blütenstadt“ unternehmen. Toscana geht immer. Sogar rund um den ersten Mai. /hvg

16.06.2019 FSV Eintracht 1910 Königs Wusterhausen – FC Viktoria Jüterbog 0:1 (0:0) / Sportplatz Zeesen / 70 Zs.

Gerade ist Fetti wieder in Deutschland und im Arbeitsleben angekommen, schon packt ihn erneut die Abenteuerlust. Irgendetwas mit Strand und Fußball wäre doch nett, um den Sonntag aufzuwerten. Wo er Recht hat, hat er Recht – doch nach den vergangenen Urlauben in Danmark und Polska kommt das Konto doch einigermaßen geplündert daher. Da muss man dann eben auch einmal kleinere Brötchen backen und so gerät das „Strandbad Zeesen“ ins Visier des unternehmungslustigen Schweins. Mit dem Kategorie-C-Ticket für gerade einmal 3,20 € erreichbar, Eintritt frei, sanitäre Anlagen und Imbiss vorhanden und ausschließlich hervorragende Online-Rezensionen: „Die rechte Uferseite war komplett zugekotet“ und „das Publikum ist sehr primitiv“. Na, wenn das mal nicht nach mindestens 4 von 5 Sternen klingt.

Um 9.51 Uhr ist die Vorfreude daher mit Händen greifbar, als die Regionalbahn das Berliner Ostkreuz in Richtung König Wusterhausen verlässt. An Bord befinden sich abertausende Studenten, die alle noch überhaupt gar nichts für die Klausur morgen gelernt haben, weil sie total unvorbereitete Eisvögel sind, die das alles locker aus dem Ärmel schütteln werden. Bleibt die Frage, warum man sich dann während der zwanzigminütigen Fahrt ausschließlich über Entwicklungspsychologie und andere klausurrelevante Themen unterhalten muss. Da kommt ja beinahe der Verdacht auf, dass die Ullas und Maltes am Samstag doch mal das Müsli bei Seite gestellt und heimlich in den Schnellhefter gespitzt haben. Das aber soll nicht weiter meine Sorge sein, als sich unsere Wege am Bahnhof Königs Wusterhausen trennen. Das Ziel meiner abgespeckten Reiseträume liegt nun nur noch eine Station entfernt, die ich in himmlischer Ruhe in einem menschenleeren Zug anfahren kann.

Es ist exakt 10.26 Uhr, als ich den Bahnhof Zeesen, Ortsteil von Königs Wusterhausen, erreicht habe. Hier ist man so nett und stellt auf dem Bahnhofsvorplatz, der 2010 neu gestaltet worden ist, eine kleine Schautafel zur ersten Orientierung bereit. Der Himmel ist wolkenverhangen und bei kühlen 22°C ist ein gewisser Ärger über die Wettervorhersagen der letzten 48 Stunden nicht zu leugnen. Gestern wurde eindringlich vor einem Gewitter gewarnt, sodass ich nach meinem samstäglichen Lehmofen-Fundament-Aushub-Subbotnik in Berlin-Buch auf einen Abstecher zum Wandlitzsee verzichtet hatte, nur um dann zu Hause sitzend festzustellen, dass die Sonne den ganzen Tag unbekümmert ihren Dienst verrichtete. Heute wiederum waren sich die Herren Meteorologen sicher, dass ein wunderbarer Sommertag bevor steht und haben mit dieser Prognose dafür gesorgt, dass ich sogar auf die Socken in den Sandalen verzichtet habe. Und jetzt friert man sich hier einen ab. Vielleicht schneidet ihr euch einfach mal eine Scheibe bei euren polnischen Kollegen ab. Die lagen wenigstens immer richtig und schreiben einem sogar Textnachrichten, wenn wirklich Gefahr im Verzug ist!

Dennoch nehme ich den 20-minütigen Spaziergang zum „Strandbad Zeesen“ noch einigermaßen unerschrocken auf mich. Ganz warm ums Herz wird mir dann in der Uferstraße, in der ein Anwohner seinen Vorgarten mit einer RB-Leipzig-Hissflagge geschmückt hat. Ach, wäre das toll, wenn wir mit einem echten Ostderby in die Bundesliga starten dürften. Abwarten. In 12 Tagen wird der Spielplan veröffentlicht…

Am Zeesener See herrscht um 11.00 Uhr noch gähnende Leere. Klar, bei dem Wetter jagt man ja auch keinen Hund vor die Tür. Ich spaziere kurz über den Holzsteg, begutachte das kotfreie Ufer, inspiziere Sandstrand und Liegewiese und bin unter dem Strich mit meiner Idee, an diesem Ort ein Sonnenbad zu nehmen und schwimmen zu gehen, bevor man sich einen Kick in der Kreisoberliga Dahme/Fläming gönnt, im Reinen. Aufgrund der Wetterbedingungen und des ausbleibenden Sommerfeelings verzichte ich jedoch schweren Herzens darauf, meine guten Vorsätze in die Tat umzusetzen. Stattdessen genieße ich die Ruhe am Wasser, sinniere vor mir her, lasse meine Blicke über den See schweifen und wirke lesend sicherlich unglaublich intellektuell, dabei kämpfe ich im Grunde genommen nur dagegen an, nicht wie Trinker-Kalle an den verschlossenen Imbiss-Jalousien zu kratzen.

Um kurz vor Zwölf kehrt im „Zeesener Strandimbiss“ endlich Leben ein und aus sicherer Entfernung beobachte ich den Fortschritt der einsetzenden Betriebsamkeit. In der Zwischenzeit sind auch einige Familien mit Kindern am See eingetrudelt und haben schon längst dafür gesorgt, dass es mit der Ruhe in Ufernähe schnell vorbei war. So führt doppelt und dreifach kein Weg daran vorbei, sich heute zum ersten Gast des Tages aufzuschwingen und die Terrasse im Eingangsbereich des Strandbades einzunehmen. Noch bevor der Wirt den letzten Rollladen hochgezogen hat, hat er auch bereits meine Bestellung aufgenommen und kredenzt kurz darauf ein frisches „Berliner Pilsner“ mit Seeblick, also jedenfalls, wenn man weit gucken kann. Irgendwann beschleicht mich ein kleines Mittagshüngerchen und wie es der Zufall so will, kann man das mit dem traditionellen Auswärtsschnitzel auch direkt hier erledigen. Kaum ist das TK Schnitzel in der Fritteuse gelandet, besetzt ein brandenburgisches Vorzeige-Vater-Sohn-Gespann den Nachbartisch. Der durchtrainierte Vati im Thor-Steinar-Shirt, im Schlepptau einen Jungen des Phänotyps ‚adipöser Tyson Lennox‘, dessen Augen diese unbeschreibliche Bedürftigkeit ausstrahlen, dass man am liebsten direkt Flyer verteilt hätte, aber ich bin ja nicht dienstlich hier. Primitives Publikum. Da hat jemand nicht zu viel versprochen.

„Pommes“ will der Junge natürlich haben, woraufhin der Vater das Kommando „Sitz!“ von sich gibt und allen ernstes ein „Fein!“ folgen lässt, nachdem Tyson Lennox den Anweisungen Folge geleistet hat, ohne den Aufstand zu proben. Das könnte eine interessante Interaktionsstudie werden, aber da werden am Nebentisch leider auch schon die Pommes serviert und zwei-drei Wespen machen mir einen Strich durch die Rechnung. „Komm, Dicker!“, spricht der Vater zu dem Sohn und läuft im Stile eines Alpha-Männchens voran. Der Dicke trottet wortlos und Pommes essend hinterher. Wenn Nazis ihre Kinder wie Hunde erziehen, ist es ja eigentlich auch kein Wunder, dass auch diese irgendwann rechte Parolen bellen…

Dieser bedrückende Spaß wäre mir also genommen und während man vor wenigen Tagen am Strand von Gdynia noch attraktiven Frauen beim Beachvolleyballspiel zusehen konnte, schickt Brandenburg nun Tyson Lennox und drei andere dicke Kinder ins Rennen, die ihr Geschick bei einer Partie „Ball über die Schnur“ unter Beweis stellen. Ach, schon schön wieder zu Hause zu sein! Wenigstens bewegen sich aber die Preise auf polnischem Urlaubsniveau und so verlasse ich das Strandbad nach zwei Bier und einem Schnitzel mit Pommes für weniger als 40 Zł mit einem formschönen polnischen Abgang.

Nur noch 90 Minuten bis zum Anpfiff des Spitzenspiels der Kreisoberliga. Heute empfängt der FSV Eintracht 1910 Königs Wusterhausen am 29. und vorletzten Spieltag den FC Viktoria Jüterbog. Absteiger Königs Wusterhausen hat als Tabellenvierter bereits stolze 19 Punkte Rückstand auf den aktuellen Spitzenreiter aus Jüterbog (65 Punkte) und sich schon lange vom direkten Wiederaufstieg verabschieden müssen. Im Fernduell mit Dahlewitz (64 Punkte) und Ludwigsfelde II (62 Punkte) wird Jüterbog heute nichts liegen lassen dürfen, wenn man den Aufstiegsambitionen in die Landesklasse Ost Nachdruck verleihen mag. Beste Voraussetzungen also für ein attraktives Amateurfußballspiel!

Der „Sportplatz Zeesen“ liegt 1,5 Kilometer vom Strandbad entfernt und befindet sich in der Nähe der Haltestelle „Zossen, Gewerbepark Nord“ und so sieht es hier auch aus. Glücklicherweise bietet die freundliche Tankstelle von nebenan ein Überbrückungsbierchen zum „TOTAL“ fairen Preis von 1,18 € an und so kann man sich immerhin die Wartezeit bis zum Anpfiff einigermaßen angenehm verkürzen. Sicherlich wäre auch eine Einkehr in das griechische Restaurant „Ikaros“, welches direkt neben der Sportstätte zu finden ist und selbige in eine wunderbar knoblauchlastige Duftwolke taucht, eine Option gewesen, doch leider muss Fetti sein Budget etwas nachhaltiger schonen.

Zumal dieses nur wenige Augenblicke schon wieder belastet wird, fordert der gastgebende Verein doch tatsächlich drei Euro Eintrittsgeld und zwei weitere Euro für ein Flaschenbier am Spielfeldrand. Man, man, man, was das wieder kostet! Der Sportplatz ist sein Eintrittsgeld aber wert, besticht dieser doch durch einen wunderbar gepflegten Rasenplatz und einer gut gemähten Zuschauerwiese, auf der einige Sitzbänke zum Verweilen einladen. Beeindruckend, dass der Sportplatz komplett von dicht stehenden Laubbäumen umschlossen ist. Hier hat es ganz offenbar rund um den Sportplatz mal einen Wald gegeben, der irgendwann dem Gewerbegebiet zum Opfer gefallen sein muss. Ich habe in diesem ruralen Ambiente jedenfalls schon zu Anpfiff kräftig mit unangenehmen Allergiebeschwerden zu kämpfen und muss etwas länger nach einem Stückchen Wiese Ausschau halten, auf der keine todbringenden Gräser wachsen. Auf diese Art des Sommerfeelings hätte ich getrost verzichten können, werde aber wenigstens auf Höhe der linken Eckfahne fündig und kann von dort aus einigermaßen unbeschwert Fußball gucken.

Ein Junge, der ganz offenbar eine Mutprobe zu absolvieren hat, was mir das Kichern seines Freundes verrät, der sich in sicherer Entfernung befindet, kommt auf mich zu. „Sag mal Tomate!“, fordert er mich auf. „Klassiker!“, denke ich mir und kontere brillant: „Deine Oma kann Karate!“. Bääm, da guckt er aber doof aus der Wäsche. Den Spruch hat man sich in Berlin schon 1990 um die Ohren gehauen. Aber schön, dass der sich jetzt auch bis nach Brandenburg herumgesprochen hat.

All das kann ich in aller Bierruhe erzählen, weil das Spitzenspiel nicht einmal in Ansätzen halten kann, was es versprochen hatte und sich so nahtlos in den bisherigen Tagesverlauf einreiht. Der Gast versucht sich in der ersten halben Stunde mit einem Heber aus 40 Metern Entfernung, doch Heimkeeper Steve Bonkowski lässt sich nicht übertölpeln. Eintracht-Elvis Amabo vergibt zehn Minuten später eine Halbchance und beide Szenen haben nicht das Potential, als Höhepunkt der ersten Hälfte in die Annalen einzugehen. Dafür braucht es schon den betagten Ordner, der beim Zurückspielen eines Balles seinen Schuh verliert und sich nun dem Spott der drei Auswechselspieler Königs Wusterhausens ausgesetzt sieht. Schon bittet Schiedsrichter André Mally zum Pausentee und ich glaube, dass ich für die nächsten 45 Minuten noch ein Bier brauche.

Der Ordner kommt barfuß aus der Kabine zurück und der Gast forsch. In den ersten zehn Minuten des zweiten Abschnitts drängen die Jüterboger auf die Führung, vergeben aber zwei gute Torchancen in der Frühphase und lassen in Person von Kevin Foller nach einer Stunde auch die dickste Gelegenheit liegen, die sich nach katastrophalem Fehlpass im Aufbauspiel der Heimelf ergeben hatte. Leider verpufft dieser Anfangsschwung aufgrund einer längeren Verletzungspause wieder und spätestens nachdem Pascal Hollwitz den Platz letztlich verletzt verlassen muss, ist der Faden auch schon wieder gerissen. Königs Wusterhausen konzentriert sich auf das Verteidigen des Unentschieden, Jüterbog ist nicht mutig und handlungsschnell genug, den Abwehrriegel zu knacken. So wird der Ball auf beiden Seiten träge durch das Mittelfeld geschleppt und der neutrale Beobachter spricht von einem stetig sinkenden Niveau, während die mitgereisten Jüteboger (immerhin knapp 75 Km waren zurückzulegen) an den Fingernägeln kauen, es vor Spannung kaum aushalten, alle 30 Sekunden auf das Handy starren und Zwischenstände der Konkurrenten verlesen. Dahlewitz und Ludwigsfelde liegen beide in Führung und aktuell hätte man die Tabellenführung abgegeben – klar, dass es da keinen mehr auf den Sitzen hält. Mich erinnert die Situation in ihrer Gesamtheit ein wenig an diese legendäre Szene und so kann mir dieses recht triste Fußballspiel schon wieder ein Schmunzeln entlocken. Fußball ist eben ein komplexes Spiel, das manchmal auch ein wenig Empathie einfordert!

Da ich heute emotional allerdings keineswegs involviert bin, fällt es mir schwer, die mexikanische Sichtweise einzunehmen. Als der Gast nach 87 Minuten die erste herausgespielte Chance aus fünf Metern Torentfernung ungenutzt lässt und in den verbleibenden Spielminuten wohl kaum noch einmal derart nahe an das gegnerische Tor kommen wird, ziehe ich bereits meinen Schlussstrich unter die Partie. 0:0, aber es hätte auch andersherum enden können!

So widme ich meinem Handy schon vor dem Abpfiff etwas (zu viel) Aufmerksamkeit, werfe einen Blick auf die Endstände anderer Ligen und werde dann von einem markerschütternden Torjubel aus meinem schönem Traum vom großen Fußball geweckt. Die Jüterboger Spieler liegen zu einer großen Jubeltraube aufgetürmt auf dem Rasen und sehen so aus, wie ihr Spieler mit der Nummer 8 heißt (→ Carlos Ngounou Happy). Der Schlachtenbummler mit Handy umarmt seinen Sohnemann überschwänglich und KW’s Abwehrspieler Björn Beuthke lehnt wie ein Häufchen Elend am Pfosten. Wie ich später Presse, Funk und Fernsehen entnehmen werde, hat es Beuthke in der Nachspielzeit tatsächlich fertig gebracht, den Ball über die eigene Torlinie zu befördern. Und so steht Jüterbog dank eines Eigentores mit einem Bein in der Landesklasse und hat nun ein echtes Endspiel bei der Zweitvertretung des BSC Blankenfelde-Mahlow vor der Brust. Fudutours.de wünscht viel Erfolg!

Ich lasse meinen Zeesen-Abstecher in „Moni’s Café“ in der Karl-Liebknecht-Straße ausklingen. Das Budget reicht noch gerade eben so für ein hemdsärmeliges Menü, bestehend aus Absackerbier und Leberkäs mit Bratkartoffeln und Ei, das von Moni höchstpersönlich im kleinen Garten der Gaststätte serviert wird. In Anwesenheit des letzten Cowboys von Königs Wusterhausen habe ich während des Essens herausgefunden, dass es um 18.33 Uhr eine attraktive Direktverbindung zum Ostkreuz gibt und drücke ordentlich auf die Tube. Um 18.29 Uhr kredenzt mir Moni die Rechnung über 12,40 € und füllt mir den Rest Bier dankenswerterweise in einen Kaffeebecher aus Pappe. Der hektische Großstädter hat’s eben gerne To-Go.

Da der Bahnhof Zeesen über keinen Automaten verfügt, spart man sich für die 25-minütige Rückreise gar den Einkauf des 1,60 € teuren Anschlusstickets. Im Zug werfe ich noch einmal einen prüfenden Blick auf die Rechnung: „Moni’s Café, Inhaber Dang Thi Lan“. Jetzt nehmen die Ausländer auch noch die Moni ihr Kaffe weg!!1!, wird der Thor-Steinar-Vati wahrscheinlich bei „facebook“ kommentieren, wenn er das herausbekommt. Ich muss mir nun eine Strategie zurechtlegen, wie ich dem rumänischen Kassenwart erkläre, dass ich für einen wolkenverhangenen Tag am See und ein dürftiges Spiel in der Kreisoberliga insgesamt doch an die 35 € losgeworden bin. Vielleicht kann man es ja auch einfach verknappen: Schöner Tag – und außer Zeesen nüscht jewesen! /hvg

11.06.2019 Italia U20 – Україна U20 0:1 (0:0) / Stadion Miejski w Gdyni / 7.776 Zs.

Zweieinhalb Tage liegen zwischen dem besuchten Viertelfinal- und dem heutigen Halbfinalspiel in Gdynia. In der Zwischenzeit habe ich mich etwas über die Stadt belesen und mir vor Ort ein eigenes Bild machen können. Diejenigen, die jetzt große Ängste hegen, ich würde nun mit einem dreiseitigen Aufsatz über die Sehenswürdigkeiten der Stadt daherkommen, kann ich beruhigen. Kürzen wir die Sightseeing-Komponente doch einfach mit einem kurzen Hinweis auf die Historie der Stadt ab: 1939 von den Nazis besetzt, die Einheimischen vertrieben, den Ort in „Gotenhafen“ umbenannt (weil der eigentliche deutsche Name „Gdingen“ nicht mehr deutsch genug war) und von einem Badeort in einen wichtigen Stützpunkt der U-Boot-Flotte und Kriegsmarine verwandelt, wurde die Stadt gegen Ende des Krieges durch britische und US-amerikanische Luftangriffe folgerichtig nahezu vollständig zerstört. In direkter Nachbarschaft zur „Willa Rybitwa“ befand sich einst das örtliche Büro der Danziger Zweigstelle der Gestapo. Nachvollziehbar, dass man von so einer Stadt nicht viel übrig gelassen hat. Dieses traurige Schicksal sieht man Gdynia noch heute an – viel Beton, viel Zweckmäßigkeit, wenig alte Bausubstanz, trostlose sozialistische Kunst. Hier kann man sich bedenkenlos darauf konzentrieren, sich an den Strand zu legen, Menschen zu beobachten und sich der guten polnischen Küche zu widmen.

So spielt sich also ein Großteil meines Urlaubs am Meer ab und während meiner Sauf- und Fressgelage in den Büdchen entlang des „Park Rady Europy“ stelle ich fest, dass Gdynia eine recht sportbegeisterte Stadt zu sein scheint. Neben dem Halbmarathon, der alljährlich im Frühjahr in Gdynia stattfindet, fiebern Jung und Alt in diesem Jahr offenbar einem ganz besonderen Event entgegen. Vom 27.-30.06. finden die „Obstacle Course Racing European Championships 2019“ (kurz: OCREC) an Ort und Stelle statt und hierfür muss man ganz offensichtlich tagtäglich rund um den Strand trainieren gehen. Es handelt sich schließlich um einen Extremhindernislauf, der von den Athleten Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Balance und Koordination einfordert, erklärt mir „Wikipedia“, während mir der Kellner des „Kandelabry“ eine mit Wurst gefüllte Schweineroulade serviert. Etwas mehr Bewunderung als diese Extremsportler entlockt mir da schon ein älterer Herr, der gerade durch den Park joggt, als ihn seine Freunde von der Terrasse des Lokals grüßen. Der Amateursportler lässt sich nicht zwei Mal bitten, passt seine Joggingroute an, nähert sich dem Tisch seiner beiden Kumpels an und verfällt dann während eines Gesprächs in diesen albernen Tippelschritt-Modus, wie man ihn von urbanen Joggern kennt, die sich an roten Ampeln warm halten müssen. Doch noch nie habe ich einen tippelnden Jogger beobachten dürfen, wie dieser in einer einzigen fließenden Bewegung einen halben Liter Bier mit seinen Jungs auf Ex trinkt, bevor er seine Joggingrunde fortsetzt. Die Goldmedaille geht auf jeden Fall an Paweł Piwowicz – da können die anderen „Sportler“ aber allesamt einpacken!

Glücklicherweise tun sich aber über den Müßiggang hinaus dann doch noch zwei-drei andere Attraktionen auf. Entlang der Südmole (Molo Południowe) gibt es neben einem charmanten Ostblock-Aquarium auch Auftrags-Streetart gegen Stereotypen sowie ein Museumsschiff (ORP Błyskawica) und ein mächtiges historisches Segelschiff (Dar Pomorza) zu bewundern. Auch die „Allee der Passagierschiffe“ (Aleja Statków Pasażerskich odwiedzających Gdynię), welche an all die Kreuzfahrtschiffe aus aller Welt erinnert, die in Gdynia eingelaufen sind, kann man mal entlang flanieren, ohne dass es weh tut. Als Highlight wäre aber vermutlich die „Mole von Orlowy“ (Molo w Gdyni Orłowie) und das dazugehörige Fischerdörfchen in diesen Reisebericht eingegangen, hätte mir das Wetter keinen Strich durch die Rechnung gemacht. So wird in erster Linie der gut einstündige Spaziergang am Ufer inklusive Blick auf die majestätische Klippe des Naturschutzgebietes „Kępa Redłowska“ in Erinnerung bleiben, doch gerade als die 180 Meter lange Mole am Horizont auftaucht, verdunkelt sich der Himmel wieder einmal schlagartig. Aus sicherer Distanz schieße ich ein schnelles Foto und sehe zu, dass ich schleunigst den Rückweg antrete. Der Hinweg über Stock und Stein war bereits ohne Gewitter und Sturmböen beschwerlich genug und nach meinen bisherigen Erfahrungswerten mit dem Juni-Wetter in der Danziger Bucht kann es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis hier die Welt erneut untergeht. Meine Unterkunft erreiche ich zwar nicht gänzlich trockenen Fußes, doch als ich nur wenige Minuten nach meiner Ankunft in den heimischen vier Willa-Wänden eine Warnung in Form einer SMS erhalte, kann ich nur erahnen, was hier im Laufe des Abends noch auf mich zukommen wird und ich schätze mich glücklich, rechtzeitig genug zu Hause angekommen zu sein. In der Textnachricht werden Windstärken jenseits von Gut und Böse genannt und die dringende Empfehlung ausgesprochen, die Wohnung nicht mehr zu verlassen, um nicht von Bäumen oder herabfallenden Dachziegeln erschlagen zu werden. Ich antworte auf diese Nachricht, bedanke mich auf diesem Wege herzlich bei meiner Gastgeberin für diese rührende Fürsorglichkeit, schalte den Fernseher ein und mache es mir halt mit dem Finale der „Nations League“ in meinem Zimmer gemütlich. Es spielt Portugal gegen Nederland und als TV-Experten hat der polnische Sender ernsthaft Artur Wichniarek ausgegraben, um die Bedeutung des Spiels noch einmal zusätzlich zu illustrieren. Schade, dass Piotr Reiss keine Zeit hatte…!

Ein Blick vom Balkon schafft dann schnell Klarheit, dass ich meine Wohnung auch ohne Warn-SMS freiwillig nicht mehr verlassen hätte. Als ich selbige Nachricht in den nächsten Tagen übrigens noch zwei Mal erhalte, dämmert es mir langsam, dass nicht etwa meine Vermieterin hinter dieser Benachrichtigung steckt, sondern vermutlich der polnische Wetterdienst, der offenbar automatisiert vor Unwettern und Gefahren warnt. Glücklicherweise bietet das TV-Programm auch an den weiteren Unwetterabenden beste Unterhaltung und auch der Kühlschrank ist mit „Harnaś“ und „Žatecký“ stets gut gefüllt. Also berichte ich mit exakt einem Jahr Verzögerung aus Klosterfelde und komme in den Genuss des EM-Qualifikationsspiels Polska – ישראל, anstatt unbedarft in Orkanböen, Blitz und Donner zu geraten. Sehr aufmerksam, liebe polnische Wetterfrösche – Dziękuję! Nur vor den bösen Bulgaren hättet ihr mich noch warnen können. Kann ja keiner ahnen, dass ausgerechnet am 90. Geburtstag von Harald Juhnke das „Barfuß oder Lackschuh”-Spiel meines Wettscheins in die Hose geht. 9 von 10 Tipps stimmen bereits, ehe Bella България in der letzten Viertelstunde noch zwei Gegentreffer schluckt. Macht ipso facto 0 von 156 möglichen €uro. Kosovo is … zumindest Schuld daran, dass ich am 10.06.2019 leer ausgehe und dieser Urlaub in der Jahresbilanz nicht auf der Positivseite der Flipchart auftauchen wird.

Am Spieltag selbst werde ich wieder einmal in aller Frühe vom Familienhund geweckt, der laut bellend durch Untergeschoss und Garten tobt. Vielleicht wittert das Biest Deutsche und schlägt dann an, was man dem Tier bei der Stadtgeschichte und der einstigen Gestapo-Nachbarschaft nicht einmal verübeln könnte. Heute kommt mir das frühe Aufstehen aber ohnehin zupass. Das Wetter präsentiert sich nämlich von seiner besten Seite und um 7.30 Uhr zeigt das Thermometer bereits stolze 26°C an. Auf einem Sonnenseitenbalkon mit Meerblick werde sogar ich zum Frühstücksfan und schnell ist der Plan für den Verlauf des Tages (bis zum Stadionbesuch) bei einem frischen Instant Kaffee geschmiedet: Ab an den Strand!

Hier gibt es ab 11.00 Uhr bei 33° und Sonne satt wieder einmal sportliche Polen und kunstvolle Ergebnisse plastischer Chirurgie in aufreizenden Bademoden zu bestaunen. Bei den Herren Kanisterköpfen trendet dahingegen ein Tattoo-Motiv, welches mir dann und wann ein Schmunzeln entlockt. Während einer Ration „Tyskie” wird selbiges gleich an drei verschiedenen Körpern zur Schau gestellt und je nach Qualität des Künstlers kann es schon einmal vorkommen, dass „das Baby, das den Daumen des Vaters umschließt” zu einem Kunstwerk wird, das Missverständnisse hervorrufen kann. Manchmal sagen Bilder ja mehr als tausend Worte und wirft man nur einen kurzen Blick ins Internet, so fällt auf, dass offenbar auch schon andere Menschen an anderen Orten ähnliche Beobachtungen getätigt haben. Członek rodziny, sag ich mal.

Das „Kandelabry” ist unterdessen zu meinem Lieblingslokal avanciert. Heute lasse ich mir „Koftas” mit Ayvar für 19 Zł schmecken, ehe ich mit dem Zug zum „Stadion Miejski w Gdyni” aufbreche. Hier angekommen, schicken mich die freundlichen Volunteers auf die mir bislang unbekannte Hintertorseite und dieses Mal habe ich auch nur 30 Minuten bis zum Anpfiff zu überbrücken.

Im Halbfinale werden sich hier gleich die U20 Nationalmannschaften Italiens und der Ukraine duellieren, die bislang recht geschmeidig durch den Turnierverlauf gekommen sind. Prominenz gibt es meiner bescheidenen Expertise nach heute weder auf den Trainerbänken noch auf dem Rasen hervorzuheben, dafür bezieht das Spiel seinen Reiz daraus, dass die Sympathien des Publikums klar verteilt sind. Nicht wenige ukrainische Schlachtenbummler haben sich heute in Gdynia eingefunden und so hallt bereits vor Anpfiff ein unterstützendes „Ukraina, Ukraina, Ukraina” durch das weite Rund, das ja auch farblich zur Nationalflagge des vermeintlichen Underdorgs passt. In diesen Schlachtruf stimmen auch die polnischen Zuschauer mit ein – nachdem die Italiener die polnischen Gastgeber im Achtelfinale aus dem Turnier geworfen haben, hat es sich die „Squadra Azzurra” mit dem einheimischen Publikum offensichtlich verscherzt. Für Fußballatmosphäre (light) dürfte also wenigstens gesorgt sein.

Bei strahlendem Sonnenschein und noch immer stolzen 28°C pfeift Schiedsrichter Claus aus Brasilien die „mit Spannung erwartete Partie“ pünktlich um 17.30 Uhr an. Meine nagelneue „Invicta“-Jacke, die ich mir nach der Fröstelei des Viertelfinales im Verlauf der letzten Tage für gerade einmal 107 Zł im „TK Maxx” des örtlichen Shoppingcenters „Riviera” geschossen habe, werde ich heute wohl nicht brauchen. Mit dem italienischen Fabrikat in wunderbarem Grünton mit rot-weißen Applikationen hätte ich inmitten des ukrainischen Fanlagers ohnehin keine Freunde gefunden und so drücke ich heute eher still und heimlich die Daumen für die „Squadra Azzurra”.

Keine 30 Sekunden sind gespielt und schon scheppert der erste Ukrainer in italienisches Gebein hinein. Gelbe Karte für Stoßstürmer Danylo Sikan, der direkt nach Anpfiff mal einen umgewemst hat – auch eine Art Statement. Danach entwickelt sich ein wirklich lauer Sommerkick, den ich mit einer inneren Anspannung verfolge, die in etwa der entspricht, die ich auch einem Kreisligaspiel im Oberhavelland entgegengebracht hätte. Das Stadion scheint am heutigen Dienstag deutlich leerer zu sein als am vergangenen Samstag und so entscheide ich mich bereits frühzeitig für den ersten Wechsel (10. Min.) und tausche Hintertortribüne gegen Haupttribüne. Nach 20 Minuten hat sich das Stadion dann doch deutlich gefüllt – da hat wohl der eine oder andere a) noch etwas länger am Strand gelegen oder b) im Büro sitzen müssen. Verpasst haben die Zuspätgekommenen bis dato jedenfalls rein gar nichts, was das FIFA-Highlight-Video, welches erst in Spielminute 22 mit einem zaghaften Kopfballversuch von Sportfreund Sikan beginnt, stumm bezeugen kann. Nach einer halben Stunde gepflegter Langeweile begebe ich mich in Erinnerung an das Viertelfinal-Fiasko bereits in Richtung der Versorgungsstände und staune nicht schlecht, dass die Warteschlangen vor der einzigen Bier- und der einzigen Imbissbude in etwa die selben unerträglichen Längen aufweisen wie das Spiel. Zu allem Überfluss geht es auch noch mit dem gleichen Tempo voran wie auf dem Feld. Zähe 15 Minuten später bin ich endlich am Tresen angekommen. Dort arbeiten zwei junge Männer, die in einer unfassbaren Langsamkeit Bestellungen aufnehmen, Geld kassieren und Bier zapfen, welches sein Übriges tut und auch nicht schneller läuft als Dennis Daube. Im Hintergrund stehen derweil vier aufgetakelte Polenpüppchen, die Löcher in die Luft starren und immer nur dann die künstlichen Fingernägel krumm machen, wenn sie in ihrer Muttersprache explizit zum Arbeiten aufgefordert werden. Puh. Was für ein erdrückender Hauch Sozialismus. Ich konstatiere: So ein kleiner „Time-is-Money-Kapitalist” scheint dann irgendwie doch in mir zu stecken.

Immerhin reicht die Zeit jedoch gerade noch so aus, um mich zusätzlich mit einer meterlangen Stadionwurst einzudecken, ohne etwas vom Spiel zu verpassen. Rechtzeitig zum Wiederanpfiff des Halbfinales habe ich eine neue Sitzschale auf der Haupttribüne eingenommen. Das bereits erwähnte FIFA-Video verschafft im Nachhinein Klarheit, dass ich auch während der 30-minütigen Wartezeit auf (Flüssig-)Nahrung keine sportlichen Höhepunkte verpasst habe. Einen harmlosen Freistoß von Buletsa hat man beinahe mitleidig in die Zusammenfassung geschnitten, doch mehr konnte auch der geschulte Medienprofi dieser Partie beim besten Willen nicht entnehmen.

Die Hoffnung auf Besserung keimt nach genau 52 Minuten auf: Die erste Kombination, der erste schnelle Angriff, das erste Mal Fußball! Italias Kapitän und Sturmhoffnung Andrea Pinamonti wird mit einem Traumpass aus dem Mittelfeld mustergültig freigespielt, gewinnt einen Zweikampf kurz vor dem Sechzehner und kommt dann frei vor Lunin zum Abschluss, agiert aber zu unpräzise. Dennoch kehrt nun etwas mehr Leben in die Partie ein, wobei die Italiener nun auch noch ihren letzten Kredit beim Publikum verspielen, indem sie einen verletzt auf dem Rasen liegenden Ukrainer ignorieren und einen ihrer wenigen Angriffe unfair zu Ende spielen, welchen Pinamonti aber abermals nicht mit einem Tor krönen kann (63. Min.).

So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Zuschauer komplett aus dem Sattel gehen, als die Ukrainer ihrerseits mit ihrem allersten Angriff einen sehenswerten Treffer erzielen können. Konoplya spielt vom rechten Flügel einen Flachpass in den Rücken der italienischen Abwehr, der Laufweg von Buletsa stimmt und auch die One-Touch-Abnahme vom Elfmeterpukt mit der rechten Innenseite sitzt perfekt. Nach 65 Minuten geht der Außenseiter also in Führung, welche dieser nur sieben Minuten später hätte ausbauen müssen. Ein simpler Chipball aus der eigenen Hälfte hebelt die komplette Defensive der Italiener aus, doch der eingewechselte Supryaga offenbart bei der Ballannahme technisches Unvermögen und bringt sich für die bevorstehende 1:1 Situation gegen Keeper Plizzari in eine unnötig schlechte Ausgangsposition, aus welcher heraus er den Ball letztlich kläglich am langen Pfosten vorbeischiebt.

Die Italiener enttäuschen weiterhin auf ganzer Linie. Noch immer hat sich kein Akteur nachhaltig in die Notizzettel Fettis spielen können und es ist zu befürchten, dass aus dieser Elf niemand groß herauskommen wird. Schade um den Satz: „Den habe ich damals schon in Gdynia spielen sehen, als den noch überhaupt niemand kannte!”. Werde ich wohl leider niemals anwenden können.

Nach 79 Minuten ist es Schiedsrichter Claus, der dem Spiel neues Leben einhaucht. Einen eher harmlosen Kopfballzweikampf im Mittelfeld nimmt der Referee zum Anlass, den ukrainischen Innenverteidiger Popov mit gelb-rot zum Duschen zu schicken. 11 Minuten verbleiben den Italienern also noch, die nun etwas weniger massive ukrainische Defensive ins Wanken zu bringen und endlich selbst offensive Impulse setzen zu können. Doch auch der eingewechselte Hoffenheimer Alberico schafft es nicht, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken und so ist den Ukrainern das nächste Highlight vorbehalten. Nach 82 Minuten traut sich Kashchuk an der rechten Strafraumkante ein Dribbling zu, wackelt einen Italiener aus, zieht nach innen und schließt unnachahmlich mit dem linken Fuß ab. Sein eleganter Schlenzer endet jedoch am Lattenkreuz und lässt die Italiener am Leben, die nun ihrerseits e n d l i c h aufwachen und auf den Ausgleich drängen. Ab der 90. Minute überschlagen sich dann die Ereignisse. Ein Geistesblitz von Scamacca, der den Ball über die Abwehrkette der Ukrainer löffelt, führt zur ersten klaren Torchance der „Squadra Azzurra” seit knapp einer halben Stunde, doch der eingewechselte Capone jagt die Kugel aus fünf Metern über den Kasten. Wenige Augenblicke später segelt die nächste Flanke in den Strafraum der Ukrainer, die Schwierigkeiten haben, den Ball sauber zu klären. Kyrylo Dryshlyuk wird von einem Teamkameraden angeschossen, das Spielgerät segelt im hohen Bogen durch den Strafraum und Scamacca haut sich mit seinem ganzen Körper dazwischen und nagelt den Ball in der Nachspielzeit sehenswert aus der Drehung ins Netz. Die Freude über den Ausgleich währt jedoch nicht all zu lange, da sich der „VAR” einschaltet und das Tor nun einer Prüfung unterzogen wird. Alle Akteure sacken auf dem Rasen zusammen und warten kauernd auf die Entscheidung, die sich schier endlos in die Länge zieht. Am Ende erstickt Referee Claus die Freude der Italiener im Keim, erkennt das Tor wegen eines vermeintlichen Foulspiels ab und beendet die Partie.

Auf dem Rasen zeigen die wild diskutierenden und gestikulierenden Italiener nun endlich die Leidenschaft, die man in ihrem Spiel so schmerzlich vermisst hatte. Die Ukraine feiert den sensationellen Einzug in das Finale der U20-WM und ich bin etwas erleichtert, dass dieser Kick mit erschreckend wenig Elan nicht in die Verlängerung gegangen ist.

Dieses Mal bin ich bestens vorbereitet und nun schnell genug zu Fuß unterwegs, um den im Vorfeld recherchierten Zug um 19.28 Uhr zu erwischen. So spare ich mir den lästigen Umweg über den Bahnhof Redłowo und/oder die einstündige Wartezeit auf den nächsten Zug (→ ungünstige Zugtaktung), der direkt am Stadion abfahren wird. Aus Fehlern wird man klug und aller guten Gdingen sind eben immer zwei!

Am Mittwochmorgen erwache ich schon vor dem Familienhund und kann mich gerade eben so zurückhalten, diesen nicht aus seinem Schlaf zu bellen. Ich habe Gott sei Dank wichtigeres zu tun und mich für eine frühe Abfahrt entschieden, um den Urlaub mit zumindest 1,5 Tagen Gdańsk ausklingen lassen zu können. Die polnische Bahn (PKP) ist im „Ballungsraum Dreistadt“ (Trójmiasto) im Zehn-Minuten-Takt zwischen Gdynia, Zopot und Gdańsk unterwegs. Für 6,50 Zł ist man mit Umstieg in Wrzczescz (immer wieder schön!) in 30 Minuten am Hauptbahnhof von Gdańsk angekommen und muss sich nun gedanklich mit einem bevorstehenden Downgrade auseinandersetzen. Von der Skyline zum Bordstein, aus der Villa ins Hostel!

Das „Happy 7 Hostel” hält für mich ein modernes Einzelzimmer bereit und ist aufgrund seiner Lage und der touristischen Attraktivität der Stadt 5 € teurer als die Villa in Gdynia. Von wegen Downgrade, hier muss man also richtig Geld in die Hand nehmen. Für utopische 29 € die Nacht gibt es allerdings nichts zu meckern. Das gemütliche Hostel befindet sich malerisch am Flüsschen Motława gelegen und ist somit nur einen Steinwurf von der historischen „Rechtstadt” (Główne Miasto) mit all ihren Sehenswürdigkeiten entfernt, womit bereits das erste Kuriosum benannt wäre. Die „Altstadt” (Stare Miasto) ist historisch nämlich weitaus weniger relevant und bietet dem Touristen von Welt, der für eine kurze Stippvisite vorbeikommt, nur wenig Attraktives. Einen Anfängerfehler begeht also derjenige, der sich „im Herzen der Altstadt” einquartiert und meint, er wäre mittendrin statt nur dabei.

In den kommenden Stunden werde ich das komplette Kontrastprogramm zu Gdynia erleben, wo ich vier Tage lang kaum einen Touristen gesehen und den Aufenthalt in einer Stadt genossen habe, die nur wenig vorzuzeigen hatte. Nun bin ich also angekommen im wunderschönen Gdańsk mit all seinen Prachtbauten und spannenden Geschichten. All die Kirchen, Stadttore, Brunnen und historischen Gassen der „Rechtstadt” wären durchaus einen eigenen Bericht wert und auch auf die „Solidarność”-Bewegung unter der Führung von Lech Wałęsa könnte man 30 Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs etwas näher eingehen. Aber all das hebe ich mir besser für meinen ersten Besuch des „Stadion Miejski” und den dazugehörigen Bericht zum Lechia-Heimspiel auf…

… und weise heute eher auf die Kehrseite der Medaille hin. Die ganze Schönheit Gdańsks wird nämlich in nicht ganz unerheblichen Maße abgewertet. Unzählige Reisegruppen werden von Stadtführern mit Regenschirmen begleitet, die schmalen Gassen sind unangenehm überlaufen, polnische Schülergruppen erhalten Geschichtsunterricht, Asiaten fotografieren jeden einzelnen gottverdammten Pflasterstein und stehen im Weg herum, aufgetakelte Britcats stellen ihre ultraknappen Silvesterkleider zur Schau (die sie auch hier nicht tragen können, auch wenn wenigstens das Wetter angemessen ist) und überall wird für das hippe junge Publikum überteuertes Craftbeer ausgeschenkt. Zwar genieße ich das Sightseeing als perfekte Ergänzung zum Faulenzerurlaub sehr, bin unter dem Strich aber glücklich, dass ich vier Tage Sozialismus mit Strand und lediglich einen kurzen Guck- und Staunabstecher in die ehemalige Hansestadt gebucht habe. Mit umgekehrter Planung hätte ich mir wohl keinen Gefallen getan, werde ich am Donnerstagabend in Borsigwalde zum Abendbrot berichten können und unter Umständen auch der neuen Kollegin am Freitag, so sie in meiner Abwesenheit noch nicht das Weite gesucht hat.

Das Finale der U20-WM gewinnt die Ukraine vor 16.344 Zuschauern in Łódź mit 3:1 gegen Südkorea. Torschützenkönig des Turniers wird ein gewisser Erling Braut Haaland mit neun Treffern, darunter neun, die er beim 12:0 Erfolg gegen Honduras erzielt hat. Das scheint ein Mann für die wichtigen Tore in den wirklich wichtigen Spielen zu werden. Und auch den habe ich in Gdynia nicht spielen sehen, als ihn noch keiner kannte! /hvg

08.06.2019 Ecuador U20 – USA U20 2:1 (2:1) / Stadion Miejski w Gdyni / 6.389 Zs.

Drei Monate harter Arbeit liegen hinter mir. Wie so oft in den vergangenen Jahren hatte ich erneut das zweifelhafte Vergnügen, den Betrieb in einer kräftezehrenden One-Man-Show aufrechtzuerhalten. Seit Anfang der Woche hat man mir nun endlich wieder eine Kollegin an die Seite gestellt, die dieses Mal hoffentlich nicht all zu schnell schwanger oder ausbrennen wird.

„Wir müssen uns endlich einmal belohnen!“, philosophiert Fetti, der bekanntermaßen nebenberuflich Interviewphrasen für Fußballfunktionäre schreibt, direkt nach der Einstellung der neuen Kollegin vor sich her und verweist auf den anstehenden Pfingstmontag. Da Fetti auch über einen Lehrstuhl an der Fernuniversität Rimini im Fachgebiet „Life-Coaching“ verfügt, macht er mich darüber hinaus darauf aufmerksam, dass mir für jeden Monat, den ich alleine gearbeitet habe, ein zusätzlicher Tag Urlaub zusteht. Interessant, interessant.

Es locken sechs freie Tage am Stück. Frühsommer. Der neuen Kollegin schnell erklärt, wo der Hase langläuft. Urlaub eingereicht. Sie schafft das schon. Und so begab es sich also im Jahre 2019, dass ich mich kurz darauf durch Spielpläne klickte und Landkarten wälzte. Auf die verheißungsvolle Kombination aus Sonne, Strand, Meer, Sightseeing und Fußball stieß ich letztlich in der Rzeczpospolita Polska. U20-Weltmeisterschaft in Gdynia, einer Hafenstadt in der Danziger Bucht mit feinstem Sandstrand, dazu die wunderschöne Stadt Gdańsk in unmittelbarer Nachbarschaft, die auch noch für einen Appel und ’n Ei von Berlin aus angeflogen wird. Zugeschlagen. Ja, so einfach war das anno Dunnemals mit der Work-Life-Balance, als es noch so etwas wie ein Life gab. Aus heutiger Sicht (12/20) klingt dieses Planungs- und Buchungsprocedere ja beinahe wie Science-Fiction, nur rückwärts. Damals war alles irgendwie futuristisch. Könnte glatt ein neues Genre werden.

Nun befinden wir uns gedanklich also wieder im Juni 2019. Da hat man sich noch über ganz andere Sachen mokiert. Zum Beispiel darüber, wer zur Hölle auf die Idee kommt, einen Flug von Berlin-Tegel zum „Port lotniczy Gdańsk im. Lecha Wałęsy“ samstags um 6.00 Uhr morgens anzusetzen? Wenn man sich bereits um 3.30 Uhr zur S-Bahn schleppen muss, um pünktlich am Gate zu erscheinen, dann kann man zwischen Freitagabendfeierabend und Samstagmorgenabflug auch getrost auf einen Aufenthalt im Bett verzichten, denkt sich Fetti und überzeugt auch mich von diesem Plan. Mit kleinen Augen habe ich den Westberliner Superflughafen um kurz vor fünf Uhr erreicht. Größer werden die Augen nur kurz, als die ersten blondierten Damen mit künstlichen Fingernägeln, Schlauchbootlippen und Dekolletés bis Schönefeld in das Flugzeug staksen und Duftwolken nach sich ziehen, die hinsichtlich der Gefährdung der Flugsicherheit durch terroristische Angriffe mindestens im Graubereich zu verorten sind. Scheint heute irgendwas mit plastischer Chirurgie in der Stadt los zu sein, denke ich mir, schließe die Augen und lande bereits um 7.20 Uhr doch einigermaßen ermüdet in Polskas sechstgrößter Stadt. So kurze Flüge sollten verboten werden, wenn man nicht einmal vernünftig ausschlafen kann.

Gute Ausgangssituation, um direkt in die Falle zu tappen. Als waschechter Cateringverlierer lasse ich mich im erstbesten Café der Haupthalle nieder und ordere im Sinne einer lebenserhaltenden Sofortmaßnahme einen Kaffee. Macht 23 Zł, bitte. Ich zahle bereitwillig und kaum sind erste Hirnareale nach den ersten Schlücken wieder wachgeküsst, wird mir plötzlich klar, dass ich Bartek dem Barista soeben über 5 € zum Fraß vorgeworfen habe. Kurwa mać!

Dafür könnte man nun für gerade einmal 6,50 Zł die 25-minütige Zugfahrt direkt vom Flughafen nach Gdynia antreten – wenn der Automat doch bloß die EC-Karte oder einen Geldschein anerkennen würde. Tut er aber nicht und so fährt mir der Zug genau vor der Nase weg, während ich das Kleingeld der vergangenen Abstecher nach Polska aus der Tasche krame, um passend zahlen zu können. Die nächsten Verbindungen werden glücklicherweise auch nicht all zu lange auf sich warten lassen, auch wenn die große digitale Abfahrtstafel doch mittelschwere Verwirrung auslöst. Laut dieser werden hier demnächst nämlich sowohl auf Gleis 1 als auch auf Gleis 2 Züge mit dem Ziel „Gdynia Głowny“ einrollen. Verwunderlich, da laut analoger Ausschilderung die Züge auf Gleis 1 allesamt ausschließlich in Richtung „Gdańsk Głowny“ und nur auf Gleis 2 in Richtung Gdynia fahren sollen. Menschen gibt es leider auch nicht all zu viele, die man fragen könnte und so entscheidet sich der progressive Fetti, sein Handy zu zücken und zu recherchieren. „Wir können auf Gleis 1 bleiben, der fährt wirklich nach Gdynia“, verkündet er triumphal und ich bin trotz des einen Kaffees zu schwach, dagegen zu argumentieren. „Aber ist doch Quatsch, steht doch eindeutig hier, dass der von hier in Richtung Danzig Hauptbahnhof fährt und das ist nun einmal die falsche Richtung“, hätte ich vielleicht noch hervorbringen sollen. Aber was soll’s, das Smartphone, das hat ja eh immer Recht. Da kann gesunder Menschenverstand nicht gegen anstinken.

So kommt es, wie es kommen muss und ich lasse mich breitschlagen, in den gefühlt falschen Zug einzusteigen. Dieser weist aber immerhin auch über dem Lokführerstand das richtige Fahrtziel aus. Ich werde also in jedem Falle an meinem Reiseziel ankommen und ohne jeglichen Zeitstress bin ich nach wie vor gespannt, wo genau wohl der Haken an dieser Verbindung liegen mag. Schnell hat sich nach der Abfahrt herausgestellt, dass der Zug natürlich zunächst in die falsche Richtung fährt und einen riesigen Bogen durch die Innenstadt von Gdańsk dreht, ehe er in Wrzeszcz (den Knoten in Euren Köpfen würde ich beim Lesen nur all zu gerne sehen!) endlich die Fahrtrichtung wechselt und gemütlich wieder hinaus in Richtung Westen tuckert. Nach etwas mehr als 40 Minuten Fahrtzeit habe ich dann um 9.15 Uhr „Gdynia Głowny“ erreicht und hatte somit genau genommen doppelt so viel Fahrspaß für den selben Preis. Ach, Fetti ist schon ein alter Pfennigfuchser!

Der Himmel über Gdynia präsentiert sich nahezu wolkenlos und die Sonne lässt die Temperaturen bereits in den frühen Morgenstunden auf angenehme 25°C klettern. Mein Zimmer in der „Willa Rybitwa“ ist noch lange nicht bezugsfertig und so führt mich mein erster Weg naturgemäß direkt ans Meer. Nach einer kurzen Erkundung des Yachthafens und des Beton-Boulevards entlang der Küste (Bulwar Nadmorski im. Feliksa Nowowiejskiego, benannt nach einem polnischen Komponisten, der einst in Berlin-Moabit lebte und arbeitete und dessen Musik ich am Ende der Reise in Form eines Glockenspiels vom Danziger Rathausturm vernehmen werde), kehre ich auf der Terrasse der Strandbar „F. Minga“ ein. Mit einem eisgekühlten Piwo für 12 Zł (dem Touristen von Welt, der sich nicht schnell genug wehrt, wird hier „Grolsch“ eingeschenkt) lasse ich es mir gut gehen, während vis-à-vis am Stadtstrand von Gdynia (Plaża Gdynia Śródmieście) beste sportliche Unterhaltung geboten wird. Fetti war ja schon immer ein großer Fan von Frauen-Beachvolleyball und so lässt er es sich auch heute nicht nehmen, die (sportlichen Qualitäten der) jungen Damen zu bewerten, während die Sonne auf seinen mittlerweile freigelegten Speckbauch herunter scheint. Zum Mittag darf man sich ruhig noch ein zweites Bier gönnen, wobei dieses Mal die holländische Touristenfalle schon etwas geschickter umschifft wird und man mit einer deutlichen „Tyskie“-Bestellung einheimisches Bier einfordert, den Genussfaktor erhöht und gleichzeitig 3 Zł spart.

Die Suche nach meiner Unterkunft wird im Anschluss zu einem echten Abenteuer. Mit dem schweren Reisegepäck auf dem Rücken, den zwei Bier im Schädel und der nach wie vor kontinuierlichen Sonneneinstrahlung kommt wenig Freude auf, den dürftigen Hinweisen des kleinen Handydisplays nachzugehen. Die Straßen sind leider nur schlecht oder gar nicht ausgeschildert, die gesuchten Straßen unauffindbar und die Menschen, die ich nach Hilfe frage, sprechen entweder kein Englisch oder sind nicht von hier. Ganz zu schweigen davon, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wie man die Straßennamen wohl aussprechen mag (vgl. → Wrzeszcz), was die Kommunikation zusätzlich erschwert. Irgendwann begegne ich einer hilfsbereiten Dame, die ihre beiden Kinder kurz unbeaufsichtigt über die Straßen toben lässt, ihr modernes Telefon zückt und nach kurzer Recherche auf den Hügel weist. Your place to stay is up the hill! Na, da hätte ich hier unten ja lange im Kreis herumrennen können.

Etwas beschwerlich ist der Aufstieg auf die Anhöhe namens „Kamienna Góra“ schon, den ich über diverse verstecke Treppenanlagen im Zickzackkurs nach und nach meistern muss. Auf den Zwischenebenen tauchen dann auch die Straßen auf, in die man laut „googlemaps“ angeblich ach so einfach hätte einbiegen können. Irgendwann stehe ich inmitten des gleichnamigen Stadtviertels, welches „als das luxuriöseste Viertel der Stadt und als eines der angesehensten in Polen“ gilt, so man „Wikipedia Polska“ Glauben schenken darf. Mitten in diesem Villenviertel, in dem die Reichen und Schönen wohnen, tut sich dann hinter den sieben Bergen auch endlich die unverputzte „Willa Rybitwa“ mit Baustelle im Garten auf, in der mich die Gastgeberin freundlich in Empfang nimmt, mir mein schönes Zimmer, die gut ausgerüstete Gemeinschaftsküche und das Gemeinschaftsbad mit fragwürdigem Farbkonzept zeigt. Für den Rückweg in die Innenstadt hat sie einen guten Tipp parat und macht mich – nachdem sie sich ausgiebig über mich lustig gemacht hat, dass ich mein Gepäck den Hügel hinaufgeschleppt habe – darauf aufmerksam, dass man den beschwerlichen Weg bergauf bzw. hinunter ins Tal auch einfach mit einer Seilbahn (Kolej linowo-terenowa) zurücklegen könnte.

Die Seilbahn liegt an einer Aussichtsplattform, von der aus man eine wunderbare Panoramasicht auf Stadt, Strand und Meer genießt. Fertiggestellt wurde das praktische Transportmittel anno 2015 und setzt im Design auf die „Gdynia-Moderne“. Der schmissige Flyer spricht von der „Einfachheit der Karosserie“, den „Minimalismus der Details“ und verweist auf die „Verwendung wertvoller Materialien“, was übersetzt wohl so viel heißt wie: Sieht nach nüscht aus, aber hält ewig. In der nachhaltig produzierten Gondel finden jedenfalls bis zu zwölf Personen Platz und ein alter Mann freut sich hier diebisch über jeden Fahrgast, den er auf der zweiminütigen und kostenlosen Fahrt begrüßen kann.

Kaum bin ich unten angekommen, schlägt das Wetter um. Statt strahlendem Sonnenschein dominieren von einer Sekunde auf die andere dunkle Wolken das Bild, ein unangenehmer Wind zieht auf und keine fünf Minuten später setzt ein Starkregen ein, den man in dieser Form auch noch nicht all zu oft erlebt hat. Ich breche das gerade erst begonnene Sightseeing ab und flüchte in eine Gaststätte unweit des Bahnhofs. In dem Zufallstreffer des Vertrauens gibt es dann sogleich maritimes Ambiente zu bestaunen, traditionelle polnische Küche mit unaussprechlichen Namen [ohne jede Hoffnung auf Übersetzung] auf der Speisekarte und später Abzüge in der B-Note für langweilige Tiefkühlwedges, die man hier als Bratkartoffeln verkauft. 90 Minuten später hat es aufgehört zu regnen und ich bin für ein Bier, ein „Kotlety po parysku“ (Glückstreffer!) und einen Espresso inklusive Trinkgeld knapp 40 Zł losgeworden.

Für Sightseeing ist nun nicht mehr genügend Zeit auf der Uhr, sodass ich mich entschließe, direkt in Richtung Stadion aufzubrechen. Das „Stadion Miejski w Gdyni“, welches teilweise auch als „Stadion GOSiR“ geführt wird, ist von 2009 bis 2011 umgebaut worden und sieht mittlerweile aus, wie der feuchte Traum eines jeden FIFA-Funktionärs. Komplett überdacht, keine Stehplätze, 15.139 bunte Sitzschalen, familienfreundlich gestaltet und mit hochmodernen sanitären Anlagen ausgestattet. Aus Hoppersicht also etwas fad, wenigstens aber scheint die infrastrukturelle Anbindung zu stimmen und so wird die Fahrt vom Hauptbahnhof zur Station „Stadion“ gerade einmal sieben Minuten in Anspruch nehmen. Darüber hinaus gilt das Ende Mai erworbene Online-Ticket für das Spiel W43-W40 (für ohnehin schon faire 20 Zł) zusätzlich auch noch als Fahrschein – und schon wieder hat der Pfennigfuchser 3,20 Zł gespart.

Im Zug sitzen bereits erste ecuadorianische Schlachtenbummler und ich freue mich diebisch, dass ich neben den vielen gelben Farbtupfern auch die Trikots des Barcelona SC und des CS Emelec aus Guayaquil erkenne. Wohl dem, der schon einmal das „Clásico del Astillero“ miterleben durfte. Noch immer feiere ich diesen glücklichen Umstand, als ich im Rahmen eines Familienurlaubs in Madrid anno 2014 Groundfotos vom „Estadio Vicente Calderón“ schießen wollte und plötzlich von überall herkommend bunt gewandete, singende, tanzende und musizierende Südamerikaner die Straßen fluteten. Ich schwöre, dass ich von der Ansetzung dieses Spiels keinen blassen Schimmer hatte – es muss eine schicksalhafte Fügung gewesen sein, die mich mit der nur teilweise fußballbegeisterten Familie im Schlepp am richtigen Tag zur richtigen Zeit hinaus an das Ufer des Manzanares zog. Ich glaube, immerhin 3/5 hatten einen ganz wunderbaren Tag. Aber das ist eine andere Geschichte.

Direkt vom Bahnsteig hat man besten Blick auf das Stadion und auf den Kunstrasen-Nebenplatz der Arena, auf dem gerade polnische Nachwuchsteams dem Ball hinterherjagen. Doch noch bevor man kurz inne halten und hinunterschauen kann, sind bereits erste übereifrige Volunteers aufgezogen und bieten ihre Hilfe an. Ob ich den Weg zum Stadion kenne? Joa, Treppe runter und dann links das große Ding mit Flutlicht, nehme ich an? Auch auf den verbleibenden 150 Metern stehen alle 10 Meter irgendwelche Neonwesten, werfen Blicke auf meine Karte und dirigieren mich in den richtigen Block. Hier hat man keine Chance, sich zu verlaufen.

Leider ist die französische U20-Nationalmannschaft um Moussa Diaby, Dan-Axel Zagadou, Evan N’Dicka und Michaël Cuisance vor vier Tagen an den USA gescheitert. Schade. Die von Bernard Diomède trainierte Mannschaft hätte ich gerne gesehen, aber so muss ich mich eben mit den Vereinigten Staaten begnügen, die ich sowohl als Reiseland als auch als Fußballnation in etwa so interessant finde wie einen Beipackzettel. Aber so ist das eben mit Eintrittskarten, die man sich im Voraus für ein Viertel- und Halbfinale kauft – muss man eben so nehmen, wie es kommt.

Wenigstens aber gibt es auch in der U20-Nationalmannschaft der USA einige wenige Prominente zu bestaunen. Wenn es hier in einer knappen Stunde losgeht, wird auf dem grünen Rasen mit Timothy Weah der Sohn der Stürmerlegende George zu beobachten sein und in der Innenverteidigung ist Bayerns Nachwuchshoffnung Chris Richards aufgeboten. Noch spektakulärer geht es auf der Bank der Amerikaner zu, hat hier doch niemand geringeres als Tab Ramos das Sagen. Da hat unsere Generation natürlich sofort das „Panini“-Bild von 1990 vor Augen oder aber diese eine Szene der WM 1994, als Brasiliens Raubein Leonardo mit gezieltem Ellenbogenschlag den Tab geschlossen hat.

Auf der anderen Seite hat sich Ecuador als Gruppendritter im Achtelfinale überraschend gegen das bis dato ungeschlagene Uruguay durchsetzen können und noch bevor ich tiefer in die Materie einsteigen kann, werde ich unsanft beim Fotografieren der Spielstätte gestört. Es sind noch immer 40 Minuten bis zum Anpfiff, das Stadion ist zwar komplett leer, aber dennoch gibt es keinen Grund für den polnischen Familienvater, auf SEINE Sitzschale zu verzichten und so fuchtelt er mir aufgeregt mit seiner Platzkarte vor der Nase herum. Junge, da kann man sich über Kartoffeln ärgern, wie man will – woanders sind die Menschen auch nicht immer klüger, denke ich mir und trete den Rückzug an. Ich fühle mich genötigt, mir ein Stadionbier für 9 Zł zu kaufen und das bunte Treiben auf dem Stadionvorplatz zu beobachten. Nach und nach strömen Familien mit Kindern, als Fußballfans verkleidete und geschminktes Eventpublikum in die Spielstätte. Es ist das erwartete FIFA-Fanfest-Publikum, das normalerweise wohl eher an den TV-Bildschirmen als bei „Arka“ mitfiebert und heute das erste Mal echte Stadionluft schnuppern will. Nachvollziehbar, dass man solchen Leuten erklären muss, wie man eine Treppe vom Bahnhof nach unten läuft und dass das „Gate I20 next to I21“ liegt, so wie eben bei mir geschehen.

Das Bier ist mittlerweile geleert, die Mannschaften stehen schon am Spielfeldrand bereit und selbst auf der Toilette verpasst man keine Sekunde des durchsynchronisierten FIFA-Spektakels, werden doch sämtliche Kniffe der Stadionregie über die Lautsprecher bis ans Pissoir übertragen. Ein eingespielter Herzschlag in epischer Schwingung soll dann wohl Spannung suggerieren und ich eile zurück auf die noch immer einigermaßen leere Hintertortribüne. Vor irgendeiner der vielen leeren Sitzschalen verharre ich, um den Hymnen der beiden Nationen zu lauschen und schon eröffnet Schiedsrichter Benoît Bastien die Partie.

Der Außenseiter aus Ecuador (seit dieses zeitlos schöne Stück Musikgeschichte neulich beim Akademisk Boldklub im Vorprogramm lief, kann ich mich dieser Nation nicht mehr entziehen!) startet forsch und hochmotiviert in die Begegnung. Nach sieben Minuten klärt Sergio Quintero einen vollkommen belanglosen Ball im Niemandsland des Mittelfelds derart resolut, dass er beinahe eine junge Dame in den vorderen Reihen der Haupttribüne erschießt. Hätte die plastische Chirurgie in Gdańsk sicher richten können.

Eine Viertelstunde lang toben sich die Ecuadorianer nach allen Regeln der wilden Kunst aus. Nur mit viel Mühe erarbeiten sich die US of A Zugriff auf das Spiel. Ich kämpfe mit müden Augen, mit zwei Fernschüssen nach 20 Minuten hat Ecuadors Schlussmann Ramírez deutlich weniger Mühe. Allgemein wirken die US-Boys recht fahrig und mit hohem Pressing provozieren die Südamerikaner immer wieder katastrophale erste Pässe im Aufbauspiel des bieder agierenden Gegners, allerdings ohne hieraus Profit ziehen zu können. Der Führungstreffer nach 30 Minuten ist sinnbildlich für die bisher gezeigte Leistung. Dynamisch, mutig, entschlossen – so zieht Ecuadors Mittelfeldspieler José Cifuentes vom linken Flügel nach innen, wird nicht gestellt und schweißt den Ball aus gut 25 Metern mit einem satten Rechtsschuss ins Netz. Team USA lässt sein Können einzig und allein nach Standardsituationen aufblitzen und kommt im Anschluss einer Ecke zum schnellen Ausgleich. Ein Verteidiger Ecuadors hatte den ersten Kopfball von Richards abblocken können, doch Timothy Weah steht goldrichtig und drückt den Ball aus Nahdistanz über die Linie (36.). Das letzte Kapitel der ersten Hälfte schreiben jedoch wieder die quirligen Ecuadorianer: Gonzalo Plata nagelt den Ball aus wieder über 20 Metern nahezu ansatzlos ans Lattenkreuz, Soto verarbeitet den Abpraller, legt ihn quer in den Strafraum und mit unbändigem Willen grätscht Jhon Espinoza die Kugel über die Linie. Ein Tor des Willens, über das die Ecuadorianer so lange jubeln, bis der Linienrichter plötzlich die Fahne hebt und sich Bastien bemüßigt fühlt, den VAR zu konsultieren. Nach einigen Minuten der Ungewissheit erteilt er dem Tor letztlich die Anerkennung und mich gruselt es schon jetzt vor der kommenden Bundesliga-Saison. So eine Wartezeit fühlt sich sicherlich großartig an, wenn man emotional in ein Spiel involviert ist…

In der Halbzeitpause haben die findigen Organisatoren genau einen Bierstand geöffnet und die Schlange vor diesem reicht in etwa bis Danzig. Ich nutze die Gunst der Stunde und verfeinere die freie Platzwahl und wechsele auf die deutlich höherpreisige Haupttribüne, die nicht nur den Vorteil einer besseren Sicht verschafft, sondern einem auch etwas Sonneneinstrahlung gönnt. Die Temperaturen sind am frühen Abend doch deutlich gefallen und bei nur noch 15°C habe ich mit meinem T-Shirt wohl aufs falsche Pferd gesetzt.

Die erste Viertelstunde des zweiten Abschnitts verstreicht ereignislos. Nach gut einer gespielten Stunde wage ich den erneuten Gang zum Bierstand, bekomme noch mit einem Auge mit, wie die USA ihre erste herausgespielte Gelegenheit ungenutzt lässt und kehre nur wenige Augenblicke später mit Bier zurück auf die Haupttribüne. Gerade noch rechtzeitig, um mitzuerleben, wie zunächst Alvarado freistehend per Kopf an Keeper Ochoa scheitert. Gut zehn Minuten später hätte Jackson Porozo nach einer Freistoßflanke beinahe für die Entscheidung gesorgt, doch sein Kopfball klatscht nur an die Querlatte (68.). Die Ecuadorianer sind sich ihrer Sache nun beinahe zu sicher und eine gefährliche Lässigkeit zieht in ihr Spiel ein. Hacke, Spitze, 1-2-3! Viel zu verspielt wird der eine oder andere Ball im Mittelfeld hergeschenkt, doch die USA agieren weiterhin viel zu pomadig und es fehlt der vielzitierte Ruck, der hier langsam mal durch die Mannschaft gehen sollte. So bleibt tatsächlich den Mannen aus Ecuador die letzte Chance der Partie vorbehalten, allerdings kann Soto den kläglichen Fehler der US-Defensive nicht nutzen und schiebt den Ball aus fünf Metern Entfernung nur knapp neben das Tor. Ecuador zieht verdient in das Halbfinale ein, die USA sagen „Do widzenia“ und ich finde dank der Unterstützung der Volunteers mit nahezu spielerischer Leichtigkeit aus dem Stadion heraus.

Die Zugtaktung in die Innenstadt ist vom Stadion-Bahnhof derart ungünstig (1x in der Stunde), dass ich kurzentschlossen den Massen in Richtung „Gdynia Redłowo“ folge. Durch diesen geschickten Schachzug erspare ich mir unter dem Strich mehr als 40 Minuten Wartezeit, die sich noch auszahlen werden.

Erst einmal traue ich meinen Augen kaum, als sich auf meinem Nachhauseweg plötzlich ein griechischer Imbiss am Wegesrand auftut. Klar, dass ich da nicht um den Einkauf einer Gyros Pita und zwei Feierabendbierchen zum Mitnehmen drumherumkomme. Im „Hellas Gyradiko Gdynia“ arbeiten waschechte Griechen, die sich über ein kleines Trinkgeld und ein „Ευχαριστώ” derart freuen, dass ich direkt noch einen Schnaps aufs Haus erhalte. Um 21.30 Uhr habe ich den „Plac Grunwaldzki“ erreicht und mich gedanklich bereits damit abgefunden, nun den Hügel hinaufkraxeln zu müssen. Aber wieder traue ich meinen Augen kaum, als ich völlig unerwartet den armen, alten Seilbahnmann erspähe, wie er gelangweilt vor der Gondel stehend rauchend auf Kundschaft wartet. Ein kurzes Hand-Fuß-Gespräch später ist klar – er raucht dann bitte noch entspannt auf und fährt mich dann gerne nach oben. Das macht er übrigens jeden Tag mit stoischer Ruhe, von 10.00 bis 20.00 Uhr und am Wochenende eben sogar bis 22.00 Uhr. Und so komme ich erstmals in meinem Leben in den Genuss, von einem Seilbahn-Privatchauffeur unentgeltlich nach Hause gefahren zu werden. Aber über’n Berg ist Fetti noch lange nicht… /hvg

02.06.2019 Akademisk Boldklub Gladsaxe – Kolding IF 1:2 (0:0) / Gladsaxe Idrætspark Marielyst / 274 Zs.

Nach der rauschenden Champions-League-Nacht erwachen immerhin 2/3 des Fußballkellers ohne größere Probleme. Auch der „Fischkopf“, der es gestern nicht mehr bis nach Hause geschafft hat, hat auf der Wohnzimmercouch mittlerweile die Rückkehr zu den Lebendigen mit spielerischer Leichtigkeit gemeistert. Der Gastgeber, Liverpoolfan, Familienvater und Jungspund in Personalunion hat den gestrigen Abend erwartungsgemäß eh bereits locker aus den Klamotten geschüttelt. Geschniegelt und gestriegelt steht er – nachdem er sicherlich bereits joggen war und einige Bahnen im Swimmingpool der Kommune gezogen hat – bereits im Flur bereit, um mit uns gemeinsam den Frühstückseinkauf vorzunehmen. Der Plan, nach Ballerup zu fahren und uns dort mit Smørrebrød einzudecken, löst mittelschwere Begeisterung aus. Nur im „Basement“ herrscht weiterhin Katerstimmung und die Gruppe scheitert daran, das schwächste Glied (der Nahrungskette) zum Mitkommen zu motivieren. Das arme schwächelnde FUDU-Schwein wird folgerichtig zurückgelassen und zu viert begibt man sich auf die gut 20 Kilometer lange Reise in das Paradies der üppig belegten Brote. „The Best Asian Tapas in Danmark!“, würden wir als Slogan an die Schaufenster kleben, wenn wir etwas zu sagen hätten. Die Servicekraft kann mittlerweile die Uhr danach stellen, dass FUDU hier einmal im Jahr vorbei schneit, die Vitrine mit den „Replica“-Fanartikeln diverser europäischer Spitzenvereine links liegen lässt und den Kofferraum des „Volvo“ mit einer feinen Selektion Smørrebrød füllt.

Zurück in Allerød ist die Laune im Keller noch immer im Keller, während der Rest der Bande ebenerdig leichte Katererscheinungen mit dem soeben gekauften Frühstück bewältigen kann. Hhm, det smager godt! Von unten werden derweil Signale gesendet, etwas Smørrebrød im Kühlschrank zu deponieren und der Wunsch geäußert, auch weiterhin vorerst auf Tageslicht zu verzichten, sodass wir im Anschluss der Mahlzeit leider auch den Weg in Richtung „Gladsaxe Stadion“, wie der Ground von 1938 seit 1999 offiziell heißt, ohne das schwächste Glied (der Hopperkette) antreten müssen. Nun ist es ja so, dass wir hier aus Persönlichkeitsrechten keine Namen nennen oder mit dem Finger auf jemanden zeigen wollen, nur weil dieser jemand am Vorabend unter Umständen aus Versehen 1-2 „Pillen“ zu viel geschluckt hat, aber eines ist gewiss: Wenn sie im nächsten Jahr auf der Fähre in Richtung Dänemark anmerken wird, dass ihr das Kreuz im „Gladsaxe Stadion“ noch fehlt und es der Spielplan hergibt, werden wir ihr wohl auch diesen Wunsch nicht abschlagen können… ❤

Das „Gladsaxe Stadion“ liegt unweit der Autobahn 16 und ist bereits mehrfach von FUDU auf Vorbeifahrten gesichtet worden. Bislang hatte sich wegen ungünstiger Terminlage nie ein Stadionbesuch ergeben, doch heute meint es der dänische Fußballverband endlich einmal gut mit uns und wir können der Stadionperle mit 13.507 Plätzen (auf zwei überdachten Sitzplatztribünen auf den Längsseiten und zwei unüberdachten Stehplatztribünen hinter den Toren) einen Besuch abstatten. In der Aufstiegsrunde der 2. Division (= dritthöchste Spielklasse) empfängt der Akademisk BK am 8. Spieltag die Fußballabteilung des Kolding IF zum Stelldichein. Während Akademisk mit 49 Punkten einem unaufgeregten Saisonende entgegensieht, hält Kolding vier Spieltage vor Schluss mit 59 Punkten einen direkten Aufstiegsplatz inne. Es ist davon auszugehen, dass sie alles daran setzen werden, den aktuellen Vorsprung von nur einem Punkt gegenüber Brabrand in den kommenden 90 Minuten zu verteidigen.

Dank der guten Kontakte seines Schwiegervaters in die Welt des dänischen Fußballs hat uns unser Gastgeber wieder einmal auf der Gästeliste unterbringen können. Der VIP-Status bringt dieses Mal eine angenehme Ersparnis in Höhe von 80 DKK mit sich, die es natürlich umgehend in ein Konterbier zu investieren gilt. Nur kurz steht die Frage im Raum, warum zur Hölle in einem dänischen Fußballstadion „Heineken“ ausgeschenkt wird, dann verschafft der Rundumblick und die Expertise unser dänischen Freunde Klarheit. Hier hat gestern Abend ein Public Viewing (Eintritt: 299 DKK) stattgefunden, welches von der „Redmen Family“ organisiert wurde. Die „Redmen Family“ ist die größte unabhängige Vereinigung für Liverpool-Supporter in Deutschland, Dänemark, Österreich, Schweiz und Liechtenstein und noch vor wenigen Stunden wurde hier von der Sektion Danmark der Triumph des englischen Traditionsvereins gefeiert. Als offizieller Sponsor der Champions League durfte „Heineken“ da natürlich nicht fehlen und abgesehen von den Zapfhähnen ist auch der Rest des Stadions in der Kürze der Zeit noch nicht wiederhergestellt worden. Hier sieht es jedenfalls so aus, wie es nach einer guten Fußballparty nun einmal aussieht. Leere Bierbecher, tonnenweise Müll und vergessene rote Winkelemente säumen das Ambiente, während Schiedsrichter Martin Outzen die Partie eröffnet.

Gestern strömten übrigens an die 3.000 Zuschauer zum gemeinsamen TV glotzen in das Stadion, doch das heutige Spiel des lokalen Fußballclubs hat gerade einmal 274 Menschen hinter dem Ofen hervorlocken können. Schöne neue Fußballwelt. Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass ich diesbezüglich in einem Märchenland lebe. Nie wieder wird der Amateurfußball die Menschen auch nur ansatzweise so sehr begeistern können, wie es die großen Stars der Glitzerwelt tun. Aber hätte man hier nicht wenigstens (von mir normalerweise ebenfalls verhasste) Vermarktungsexperten oder Eventplaner von der Leine lassen können? Eine schöne Doppelveranstaltung – 15.00 Uhr Akademisk und danach die alberne irische Livemusik und das Picknick auf der Wiese mit anschließender Liveübertragung für die als Engländer verkleideten Dänen – das wäre es doch gewesen. 3.500 Zuschauer in der Aufstiegsrunde – das klingt doch angemessen, oder?

Nun gut, lassen wir die Träumereien bei Seite. Im Gegensatz zu der Zuschauerzahl sind wenigstens der Spielort und das Wetter angemessen. Bei schwülwarmen Temperaturen bahnt sich auch endlich einmal die Sonne, die wir in den letzten drei Tagen schmerzlich vermisst haben, ihren Weg durch die Wolken. In der dänischen Demse dauert es auch nicht mehr lang, bis die ersten Hellhäutigen dafür plädieren, sich besser in den Schatten zu setzen. Der Oberrang der erst 1998 errichteten Doppelstocktribüne auf der Längsseite bietet schließlich eine optimale Kompromisslösung. Während die vorderen Reihen ein Sonnenbad allererster Güte versprechen, sind die grünen Sitzschalen aber Reihe 5 bereits gänzlich in Schatten gehüllt. Leichte Abzüge in der B-Note gibt es von den Sonnenanbetern für die Balustrade, die sich nun im Sichtfeld befindet, aber mit ein klein wenig Euphemismus kann sich das der Fußballtourist von Welt ja auch als „San Siro Feeling“ schönreden.

Auf dem grünen Geläuf gibt es dahingegen eher weniger des selben Feelings zu erhaschen. Etwas mürbe von den vielen Spielen der letzten Tage und womöglich auch vom gestrigen Abend, dem leichten Kopfschmerz und der permanenten Sonneneinstrahlung, kann man die erste Hälfte getrost als „belanglos“ zusammenfassen. Viel Stückwerk auf beiden Seiten, kaum Abschlussgelegenheiten. Wann immer auch nur ansatzweise so etwas wie eine Torchance entsteht, ist zwangsläufig ein vermeidbarer Fehler der gegnerischen Verteidigung vorausgegangen. Größere Spielanteile haben zweifelsfrei die Gäste, die auch etwas häufiger mit Ball am Fuß zumindest in der Nähe des gegnerischen Strafraums auftauchen. Lobenswert ist der gute Fahneneinsatz auf unserer Seite, auch wenn keine Mannschaft in rot agiert, lässt sich der „Fischkopf“ das Gewedel mit der Liverpool-Folie nicht nehmen. In dem ansonsten beinahe menschenleeren Stadion überzeugt auch der kleine Heimblock auf der ebenfalls recht mächtigen Gegengeraden, der eventuell von einem Sieg und vermutlich von besseren Zeiten träumt. Der Akademisk Boldklub war immerhin neunmal dänischer Meister (zuletzt 1967), errang 1999 den dänischen Pokal und spielte letztmals in der Saison 2003/2004 erstklassig, in der auch der Zuschauerrekord für das „Gladsaxe Stadion“ aufgestellt wurde (10.039 Zuschauer gegen den FCK).

Von diesem Niveau wird man zwar auch in der zweiten Halbzeit meilenweit entfernt bleiben, aber immerhin kann man dem Spiel etwas Würze verleihen und dem Gast mit Aufstiegsambitionen die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Nach knapp 60 Minuten tankt sich AB über den Flügel durch, der Pass in den Rücken der Abwehr sitzt und Seejou King verwandelt zum 1:0. 50 mitgereisten Schlachtenbummlern aus Südjütland missfällt das.

Beflügelt vom Führungstor gelingt den Akademikern nun deutlich mehr als in der ersten zähen Stunde. Nur knappe 120 Sekunden nach dem Erfolgserlebnis kann Petersen einen wirklich schönen Angriff über 3-4 Stationen leider nicht krönen. Sein Abschluss mit dem rechten Innenrist streicht nur knapp über das Tor. Wieder dauert es keine fünf Minuten, bis Kolding-Keeper Rinke sein ganzes Können unter Beweis stellen muss, indem er einen sehenswerten Fernschuss von King gerade eben so aus der Ecke kratzen kann. Spätestens durch den Schlenzer von Sylvester Seeger-Hansen hätte der AB dann 2:0 in Führung gehen müssen, aber auch diese gute Chance verpufft ungenutzt und so endet die dominante Phase der Hausherren zwischen Minute 45 und 70 bedauerlicherweise ohne weiteren zählbaren Erfolg.

Erfahrene Beobachter von Fußballspielen dürften da bereits eine leise Vorahnung entwickelt haben, was sich in den verbleibenden 20 Minuten im „Gladsaxe Stadion“ wohl noch so zutragen möge. Und wahrlich, nur sechs Minuten nach der Äußerung dieses Verdachts passiert das Unvermeidliche. Hat der Favorit aus Kolding doch glatt seinen allerersten seriös vorgetragenen Angriff der Partie zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht. Kapitän Rune Nautrup jubelt nur kurz und peitscht seine Mannen dann um so vehementer an. Eine Aktion, die Wirkung zeigt – Kolding gewinnt nun Oberwasser und drängt darauf, die Partie in der Schlussviertelstunde zu drehen. Sebastian Sommer scheitert nach einer Standardsituation in Minute 85 völlig freistehend, ehe Kolding in den letzten fünf Minuten wirklich All-In geht. Alles oder Nichts wird zum mutigen Motto auserkoren, im Fernduell mit Brabrand scheint man sich mit einem Punkt nicht zufrieden geben zu wollen. Beinahe fahrlässig, wie Kolding die eigene Defensive nun nahezu komplett auflöst, doch da AB selbst einen wilden Drei auf Null Konter durch Tangvig vertändelt und Nautrup in der Nachspielzeit einen scharf hereingetretenen Flachpass am langen Pfosten mit letztem Einsatz tatsächlich noch über die Linie grätschen kann, geht der etwas kopflose Plan letztlich auf. Kolding siegt mit 2:1 und bleibt weiterhin aussichtsreich im Kampf um den Aufstieg in die 1. Division, während dem AB in den nächsten Wochen noch ein Heimspiel verbleibt, um den scheidenden Trainer Madsen wenigstens mit einem Sieg verabschieden zu können.

Und Abschied ist ja bekanntlich immer ein scharfes Schwert. Wir jedenfalls düsen in Windeseile zurück nach Allerød und sind dann erleichtert darüber, dass es auch das letzte Gruppenmitglied in der Zwischenzeit aus dem Keller ins Tageslicht geschafft hat. Prädikat: magnolienfrisch! Nach einigen wenigen gemeinsamen letzten Sonnenstrahlen im Garten heißt es dann auch für uns, Abschied zu nehmen. Schnell sind die sieben Sachen im „Japserati“ verstaut und mit etwas Wehmut hat man sich kurz darauf von all den lieben Leuten verabschiedet, die alljährlich dieses lange Mai-Wochenende mitgestalten. Wir haben bis zur Abfahrt unserer Fähre in Gedser etwas mehr Zeit im Gepäck, um uns neben den Leuten auch angemessen vom Land verabschieden zu können und so führt uns unser Weg quasi direkt vom „Idrætspark Marielyst“ in den schönen Ferienort Marielyst.

Nur knappe 15 Kilometer vom Fährhafen entfernt, decken wir uns im Supermarkt mit Abendbrot und „Booster“ ein (Zitat Wikipedia: „Im Ort sind die Discounter ‚Aldi‘, ‚Rema 1000‘ und ‚Netto‘ ansässig“) und lassen den Dänemark-Urlaub standesgemäß picknickend mit Sonnenuntergang am Strand ausklingen. Wieder geht eine Reise, die mühsam begonnen hatte, mit Mühsam zu Ende: „Weiter, weiter – unermüdlich! Westlich, östlich, nördlich, südlich. Suche, Seele, suche! Sonnen strahlen, Sonnen schwinden. Nördlich, südlich, westlich, östlich. Such das Glück. Das Glück ist köstlich!“

Nächstes Jahr zur selben Zeit sind wir ja garantiert wieder hier. Da kann Mühsam unken, wie er will: „Schönheit, Freuden, Räusche, Frieden sind dir, Seele, nicht beschieden. Fluche, Seele, fluche!“. Amateurfußball im Großraum København und ein Gala-Abend in der Königsklasse stehen dessen ungeachtet auch für 2020 fest im FUDU-Kalender. Komme, was wolle. /hvg

01.06.2019 Boldklubben 1908 – Kastrup BK 1:1 (0:1) / Sundby Idrætspark / 318 Zs.

Heute können Fetti und seine Berliner Freunde endlich ihr wahres Gesicht zeigen. Nachdem man sich gestern noch von einigen hochklassigen Skandinaviern zu einem Erstligaspiel überreden ließ, sollte heute dem Fußball an der Basis nichts mehr im Wege stehen. In der viertklassigen „Danmarksserien“ trifft der Boldklubben 1908 (Kurzform B1908, übrigens nicht zu verwechseln mit B1909 und B1913, die beide in Odense beheimatet sind) auf den Kastrup BK. Die FA2000 hat gestern Abend in der Staffel 2 mit einem Heimsieg gegen Allerød den Aufstieg in die 2. Division bereits perfekt gemacht, sodass der Zug für B1908 diesbezüglich leider bereits abgefahren ist und die Saison nun gemütlich im Verfolgerfeld auspendeln wird. Der Kastrup BK hingegen greift heute nach dem letzten Strohhalm. Nachdem Ishøj ebenfalls am Freitagabend in Valby einen Punkt erkämpfen konnte, beträgt Kastrups Rückstand auf das rettende Ufer drei Spiele vor Schluss nunmehr acht Punkte. Da MUSS heute also was kommen!

Mit all diesen guten Argumenten gehen wir auf unsere dänischen Freunde zu – zugegebenermaßen mit wenig Hoffnung, den einen oder anderen von unserem Plan des Stadionbesuchs überzeugen zu können. Erwartungsgemäß flattern uns die Absagen und Ausreden schneller ins Haus, als Mahnungen unseres schwäbischen Vermieters. Einer muss mauern, zwei weitere kriegen von ihren Familien nur für das abendliche Champions-League-Finale frei und ein richtig helles Nordlicht geht lieber mit einer Wandergruppe 45 Kilometer bis nach Helsingør spazieren. Etwas kreativer fallen da schon die Argumente des „Fiskhoved“ aus, der schlicht und ergreifend keine Lust hat, nach Amager zu fahren und eindringlich warnt. „They are eating strange things“, „The Island is made out of garbage“, „You can’t understand them because of their fucking dialect“, „They have a weird sense of humour“, „It once was a prison where people get killed“ oder verknappt zusammengefasst: „Be careful, crazy people are living out there!“.

Unbeeindruckt von all diesen Warnungen lassen wir es uns nicht nehmen, kurz darauf auch ohne dänischen Geleitschutz in Richtung Amager zu unserer gefühlten Dschungelprüfung aufzubrechen. Gibt eben nur waghalsige Höllenhunde bei FUDU!

Nichtsdestotrotz haben die Informationen unser Interesse geweckt und noch während der halbstündigen Fahrt durch das Herz der dänischen Hauptstadt werden diese fischköpfigen Fakenews auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft:

Auf Amager befand sich zwar tatsächlich eine Hinrichtungsstätte, in der zum Tode verurteilte Straftäter geköpft worden sind, doch dass die letzte Exekution bereits am 22.04.1845 stattgefunden hat, hat sich womöglich noch nicht bis Skovlunde herumgesprochen. Geblieben ist laut Wikipedia in der dänischen Umgangssprache übrigens eine Interjektion, die auf die Geschichte Amagers Bezug nimmt und heuer eine Art Schwur ausdrückt: „’Kannst du schwören, dass du das nicht warst?‘ – ‚Amager!’“ (Wirklich! Ernsthaft!) – verbunden mit der Geste einer ausgestreckten Hand, die den Kehlkopf streift.

Seit 2017 befindet sich auf Amager wahrhaftig eine Müllverbrennungsanlage, die auf ihrem schräg abfallenden Dach ganzjährig kunstschneebedeckte Skipisten (CopenHill) zur Vergnügung der Einwohner und Touristen bietet. Ob der künstlich aufgeschüttete „Amager Strandpark“ (60 Hektar, 4,6 Kilometer langer Badestrand, Promenade, Hafen, Baukosten: 200 Millionen DKK) auf Müll errichtet wurde, ist jedoch nicht überliefert.

Dafür scheint es den gewöhnungsbedürftigen Dialekt wirklich zu geben (Amagermål), aber so gut ist unser Dänisch nun auch nicht, als dass wir einen Unterschied zur Hochsprachlichkeit (Rigsmål oder Rigsdansk) bemerkt hätten.

Doch da laufen bei uns im Auto ohnehin schon längst die Vengaboys und unter „Whoah! Back to the Island, we’re gonna have a Party!“-Gegröhle düst FUDU seinem Samstagsziel entgegen. Was der Fischkopf vermutlich nicht weiß, ist, dass FUDU bereits überaus amagererfahren ist, hat man hier 2013 doch bei „Master Thomas“ und seiner liebreizenden Frau genächtigt und u.a. dem sehenswerten Fischerdorf Dragør einen Besuch abgestattet. So schnell kann uns hier also nichts mehr aus der Ruhe bringen.

Beunruhigender ist da schon die Dichte an penetranter Wahlwerbung. Selbst an Autobahnbrücken werben die dänischen Partien um Stimmen für die „Folketing“-Wahl, die am 05.06.19 am Tag des dänischen Grundgesetzes stattfinden wird. Ob man sich bei 130 km/h zwingend Gedanken über die politische Ausrichtung des Landes machen sollte, lassen wir jetzt einmal dahingestellt sein, aber immerhin erfahren wir so, dass Samira Nawa Amini noch in der Politik tätig ist. 2014 sah sie zwar wesentlich besser aus, als ihr der „Fackelmann“ kurzzeitig sein Gesicht lieh, aber gut, der Zahn der Zeit nagt eben an allen von uns…

Während einige Dänen womöglich noch unentschlossen sind, wo sie in wenigen Tagen ihr Kreuz setzen werden, ist sich FUDU seiner Sache sicher. Unsere Wahl ist längst auf den sehenswerten „Sundby Idrætspark“ gefallen, der auf einer großen Haupttribüne und einer charmanten Gegengeradenkonstruktion aus Holz immerhin 7.200 Menschen Platz bietet und damit eines der 25 größten Fußballstadien Dänemarks ist. Den Sportpark haben wir mit einer Punktlandung um kurz vor 13.00 Uhr erreicht, sodass wir nach Zahlung des Eintrittsgelds (40 DKK) noch gerade genügend Zeit haben, um uns mit frischem „Carlsberg“ vom Hahn (30 DKK) einzudecken.

Im Stadion haben sich in etwa 100 Menschen eingefunden, wovon sich die meisten auf der großen Haupttribüne von 1975 niedergelassen haben. Hier sind bereits einige Trikots der Finalteilnehmer des heutigen Abends zu sehen. Unseren ersten Beobachtungen zufolge scheinen auf Amager die Sympathien für Liverpool und Tottenham gerecht verteilt, während der B1908 bezüglich der Beliebtheit die Nase gegenüber des Lokalrivalen von Fremad vorne zu haben scheint. Sportlich befindet sich Fremad zwar zwei Ligaebenen höher, doch im Stadion sucht man Spuren des erfolgreicheren Clubs auf den ersten Blick vergeblich. Das mittlerweile veraltete Logo von B1908 ist auf der Tribüne jedenfalls omnipräsent, während von Fremad jede Spur fehlt. Dafür hat man Fremad aber genau genommen das Flutlicht (seit 2018) zu verdanken, welches man für die Teilnahme an den höheren dänischen Spielklassen vorzuweisen hat. Auch die Umwandlung des Rasenfeldes in einen Kunstrasenplatz (ebenfalls 2018) geht wohl auf die Kappe des höherklassigen Vereins.

Gerade haben wir auf den Holzbohlen Platz genommen, da eröffnet Schiedsrichter Sebastian Friis Aagerup auch bereits die Partie. Es weht eine steife Amager-Brise und wir werfen sehnsüchtige Blicke auf den Berliner Wetterbericht. Dort schwitzt man aktuell bei 32°C in kurzen Hosen, während man hier bei gerade einmal 14°C doch etwas fröstelt, der „gefühlten Temperatur“ geschuldet. Nichtsdestotrotz lässt es sich ein Hipster-Däne nicht nehmen, hier mit Extra Long T-Shirt, abgeschnittener Jeans, Bananen in der Gesäßtasche und Schoßhündchen auf dem Arm durch die Szenerie zu schleichen. Was für ein Gesamtkunstwerk – das hätte der Friedrichshain kaum besser hinbekommen können.

Auf dem Kunstrasen tritt der abgeschlagene letzte aus Kastrup in den ersten Minuten recht solide auf. Mit dem Mute der Verzweiflung versucht man, seine allerletzte Chance auf den (direkten) Klassenerhalt zu nutzen. Darüber hinaus wirken die Spieler des B1908 nicht unbedingt bis in die Haarspitzen motiviert und so gelingt es den Mannen aus Kastrup, die Insulaner vom eigenen Tor fernzuhalten und nach und nach Oberwasser im Mittelfeld zu gewinnen. Die ersten beiden vielversprechenden Abschlusssituationen werden zwar noch kläglich vergeben, doch nach 29 Minuten kann Tobias Hansen einen schönen Steckpass aufnehmen und diesen eiskalt vollstrecken. Sein sechstes Saisontor – 23 mitgereiste Gästefans aus dem 3,2 Kilometer entfernten Kastrup jubeln ausgelassen!

Mittlerweile ist die Führung für den Gast durchaus als verdient zu bezeichnen und womöglich wäre die Hoffnung auf den Klassenerhalt noch einmal zusätzlich gestiegen, hätte Oskar Munk Egestorp nach 37 Minuten den Ball nicht so dermaßen knapp neben den Pfosten gesetzt, sondern zum 0:2 im Tor untergebracht. So aber geht die Partie mit einem 0:1 in die Halbzeitpause, in der B1908-Coach Sten Svendsen wohl das eine oder andere ansprechen und umstellen muss. Wirklich Amagerer Auftritt bis hierhin.
Første halvleg blev ikke nogen stor fodboldoplevelse! heißt es hierzu später kurz und bündig auf der Website des B1908. So kann man es natürlich auch sagen.

Der Platzwart nutzt die Gunst der Stunde und stellt die imposante Bewässerungsanlage der Sportstätte zur Schau. Besonders angenehm, dass der Wind auf Amager dafür Sorge trägt, dass sich die Wasserfontänen der Rasensprenger ihren Weg bis auf die Gegengerade bahnen. Zwar versucht der Stadion-DJ mit „Cafe del Mar“-Klängen mediterranes Feeling aufkommen zu lassen, doch angesichts unserer leichten Erkältungen lassen wir uns nicht lange einreden, wir würden hier nur etwas Meerwasser vom warmen Sommerwind in die Gesichter getragen bekommen und wandern gesundheitsbewusst mit bereits leicht durchnässten Klamotten auf die überdachte Haupttribüne.

Nachdem wir nunmehr das gesamte Stadion umrundet haben, können wir uns zumindest sicher sein, dass wir Youssuf Poulsen heute nicht erneut treffen müssen. Die Freude hierüber währt jedoch nicht lange, stattdessen setzt leichter Ärger ein, habe ich doch nur wenige Augenblicke nach Wiederanpfiff glatt das 1:1 verpasst, weil ich mich zu intensiv mit monumentaler Stadionkunst auseinandergesetzt habe. ‚Der nackte Fußballer, der einen Ball älteren Typs tritt‘ (Carl Morgenstern, 1903) ist aber auch wirklich zu schön anzusehen. Bestimmt schöner als das Tor, welches der „Hoollege“ nüchtern wie folgt schildert: „Schuss aus dem Gewusel, irgendwie abgefälscht“. Und wahrlich, später wird Unglücksrabe Christian Grand als Eigentorschütze geführt werden.

Die offizielle Zuschauerzahl wird per Durchsage mit über 300 angegeben, was man durchaus mit einem Schmunzeln quittieren kann. Sind wohl 200 Dauerkarteninhaber und die drei Jungs, mit denen sich das Gesamtkunstwerk die Bananen teilen wollte, nicht gekommen, aber mit in die Wertung eingegangen. Auf dem gewässerten Geläuf gibt Kastrup die letzten Zuckungen von sich. Als nach 60 Minuten ein hervorragend herausgespielter Konter mit perfekt temperiertem Diagonalball zum 1:2 abgeschlossen werden kann, dem Treffer wegen einer Abseitsstellung aber die Anerkennung verwehrt wird, gehen die ersten Köpfe bei den Gästen doch deutlich nach unten. Der auffällige Tobias Hansen überzeugt noch mit einer schönen Volleyabnahme nach Flanke aus dem Halbfeld, aber spätestens nachdem auch der nächste vielversprechende 2 auf 1 Konter verdaddelt ist, sind hier alle Messen gelesen. So kommt der B1908 in den Schlussminuten noch zu zwei verheißungsvollen Gelegenheiten, doch Kastrup-Keeper Gustav Drejer Hansen kann jeweils vereiteln und wenigstens den einen Punkt retten, der aber auch nicht mehr hilft. Kastrup wird die Saison in jedem Falle als 10. und Letzter beenden und muss den bitteren Gang in die Relegation antreten.

Wir hingegen treten den Rückweg nach Allerød an und sind einigermaßen verwundert, hier auf ein leeres Nest zu treffen. Noch sechs Stunden bis zum Anpfiff des Finales und noch immer keine Vorbereitungen für das legendäre Champions-League-Final-BBQ im Gange? Uns bleibt keine andere Wahl und wir machen uns fußläufig auf in Richtung „Pillen“, um in Lillerøds Vorzeigebodega etwas Zeit zu überbrücken. Irgendwann gibt es dann ein dänisches Lebenszeichen und wir kehren nach zwei Runden „Tuborg Grøn“ zurück in unser Domizil, um in der Küche mit anzupacken und dabei zu unterstützen, den wie immer gut gefüllten Bierschuppen zu leeren. Nach und nach trudeln die Gäste ein, um ihre Fußballtrikots zu präsentieren und sich am Grill den Bauch vollzuschlagen. Der Fußballkeller ist um 21.00 Uhr bis auf den letzten Platz ausverkauft, als im „Wanda Metropolitano“ das Finale der Champions League eröffnet wird. Hier unten halten es alle mit dem Liverpool FC, wohl auch die, die heute mit Brøndby-Trikots und Dressen südamerikanischer Supertruppen angerückt sind. Salah trifft nach zwei, Origi nach 87 Minuten – dazwischen gibt es viel Langeweile und Leerlauf zu bestaunen, ehe der Liverpool FC seinen längst verdienten Titel eingefahren hat.

Frauen, Kinder und Familienväter ziehen nach und nach von dannen, zurück bleibt der Darts spielende Bodensatz, der sich weiter anschickt, die Biervorräte im Schuppen zu vernichten. Kurzum: Die Situation ist besäufniserregend und so verwundert es auch nicht, dass irgendwann jemand auf die Spitzenidee kommt, noch einmal in das „Pillen“ zurückzukehren. Ich klinke mich an der Stelle aus, schließlich steht morgen bereits das nächste niveauvolle Highlight auf dem Programm. Und beim „akademischen Ballklub“ wie Mollenmanne in der Kurve hängen, das schickt sich ja nun wirklich nicht… /hvg