831 831 FUDUTOURS International 15.10.19 21:17:33

03.08.2018 FC Memmingen – TSV Buchbach 1:0 (0:0) / Stadion an der Bodenseestraße / 1.078 Zs.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass wieder einmal ein Sommerurlaub seinem Ende entgegengeht und man wohl oder übel aus einem schönen Land kommend in Deutschland landen muss, hat sich mein rumänischer Kassenwart in diesem Jahr ein ganz besonderes Schmankerl für mich ausgedacht. Dieses Mal darf es ein „Volotea“-Billigflug sein, der nicht nur in Deutschland landet, sondern genaugenommen auch noch in dem schlimmsten Teil Deutschlands. Herzlich Willkommen zum seichten Übergang am Flughafen Franz-Josef-Strauß in München. Ein Flughafen, der nach einem Mann benannt wurde, der 1969 sagte: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen!“ – na, da weiß man wenigstens gleich, woran man jetzt wieder ist. Willkommen im Bundesland der wohlstandverfetteten Rechten. Oder: Et boum, c’est le choc!

Wenn ich eines im Urlaub vermisst habe, dann wohl das gute billige deutsche Bier und so decke ich mich am Münchener Hauptbahnhof für die Weiterreise nach Ulm mit edlem Sud ein. Der „Sanifair“-Pullerbon zwingt mich dazu, gleich drei Flaschen einzupacken, um 0,50€ einzusparen. So also sieht „Couponing Extreme“ bei Fetti aus! Noch vor der Abfahrt des ICE um 11.28 Uhr habe ich die erste Flasche geöffnet, als Mutti (75) und Tochter (45) das Abteil betreten und mich besorgt anschauen. Die ältere der beiden nimmt neben mir Platz und muss sich nun schweren Herzens von ihrer Tochter trennen, die leider keinen Sitzplatz reserviert hat. Warum die beiden sich nicht einfach in eine der vielen freien Reihen nebeneinander setzen, wird ihr ewiges Geheimnis bleiben. Reserviert bleibt reserviert und bezahlt ist bezahlt! Allerdings wird die Tochter auf der 1h20min langen Fahrt nun vier Mal (!) nach den Rechten sehen und ihre Mama ängstlich fragen müssen: „Alles gut hier?“, bis sich die Fragestellung letztlich in ein beinahe ungläubiges: „Immer noch alles gut hier?“ gewandelt hat. Beim vierten Mal werde ich ihr zuprosten und mir denken: Alles bestens, Chérie – nur du nervst ein wenig!

In Ulm angekommen, kämpfe ich ein letztes Mal mit meiner Wochenendplanung. Ursprünglich war vorgesehen, nach Memmingen zu fahren, abends dem FC Memmingen einen Besuch abzustatten, im „Gasthof zum Lindenbad“ zu nächtigen und am Samstag zurück nach Ulm zu fahren, um dort den SSV Ulm 1846 im altehrwürdigen Donaustadion zu sehen. Rückfahrt von Ulm nach Berlin bereits eingetütet. Schade, dass der DFB offenbar irgendwann während meiner Urlaubszeit entschieden haben muss, das Spiel der Ulmer auf den Freitagabend zu verlegen und zeitgleich mit Memmingen anzusetzen. Nun also muss ich mich entscheiden: Die Buchung in Memmingen verstreichen lassen, bezüglich der Übernachtung umdisponieren und dem schöneren Stadion den Vorzug geben? Oder darauf bauen, dass man den SSV Ulm schon irgendwann einmal im Zuge eines Gastspiels in Stuttgart besuchen können wird und sich darauf besinnen, dass man sonst in seinem Leben vermutlich nie wieder nach Memmingen kommen würde…

Neun Minuten später sitze ich in der Regionalbahn nach Memmingen. Die Spatzen hatten es längst von den Dächern gepfiffen. Hier deutet sich nun recht schnell ein ansehnliches Hillbilly-Potential an, doch glücklicherweise sind im Laufe des zweiten edlen Suds alle Hinterwäldler in ihre Dörfer entschwunden. Vöhringen, Bellenberg, Illertissen – alles auf der Route.

Um kurz nach 14.00 Uhr habe ich im Gasthof mein Zimmer bezogen und dem Hr. Herb(ergsvater) auf Nachfrage erklärt, dass ich eigentlich aus Berlin, gerade aber aus Valencia-London-Bordeaux komme, um ein Fußballspiel an der Bodenseestraße zu sehen. So etwas beklopptes hat man im Allgäu offenbar noch nicht gehört und das erste „Meckatzer Löwenbräu“ geht auf’s Haus. Ich darf angesichts der morgigen Abfahrtszeit von 11.27 Uhr nach Ulm noch eben schnell entschieden widersprechen, dass ich morgen um 8.00 Uhr Frühstück serviert bekommen mag, handele eine beinahe sozialarbeiterfreundliche Uhrzeit (→ zweistellig) heraus und widme mich anschließend der allseits beliebten Sightseeingkomponente.

Um nicht enttäuscht zu werden, gehe ich diese ohne jede Erwartungshaltung an und bin recht schnell sehr positiv überrascht. Die beschaulichen Fachwerkhäuschen, die schmalen Gassen, der Marktplatz, die Stadttore und die Memminger Ach, die urgemütlich durch die Stadt hindurch plätschert, strahlen eine himmlische Ruhe aus. Klar dürfen auch hier sämtliche moralisch-ethisch-qualitative Verbrecherbuden wie „Euroshop“, „kik“ oder „Woolworth“ nicht fehlen. Memmingen aber weiß sein Stadtbild zu schützen und quartiert auch Ramschläden wie diese in vorzeigbare Fachwerkhäuser ein. Kurz überlege ich, ob ich mir beim Friseur „Gaymann“ einen goldenen Schnitt verpassen lassen, verzichte dann aber doch und kehre stattdessen auf ein Allgayer Büble im Lokal „Zur blauen Traube“ ein.

Die Sonne scheint und die Terrasse der Gaststätte ist gut besucht. Das obligatorische Auswärtsschnitzel ist gerade bestellt, als der Tisch hinter mir mit einem Passanten in das Gespräch eintritt. Hauptaufhänger der Unterhaltung ist der erste Spieltag der Fußball-Bundesliga in gut zwei Wochen und wie sich Hertha BSC in dieser Saison wohl schlagen wird. Die Mundart verrät’s – ich habe es mit drei ausgewanderten Bouletten zu tun. Schnell und unauffällig drapiere ich meinen Union-Beutel auf dem Stuhl neben mir so, dass das Wappen verschwindet. Jetzt bloß die himmlische Memminger Ruhe nicht auf’s Spiel setzen und in einen anstrengenden Smalltalk über die „Heimat“ verwickelt werden – und dann auch noch von Exil-Couch-Herthanern. Wie gut ich mit dieser Haltung fahre, zeigt sich nur wenige Minuten später, als zusätzlich eine achtköpfiger Berliner Rentner-Reisegruppe das Lokal entert und von der Wirtin mit dem Verweis auf den „Stammtisch“ wieder herausgeschickt wird. Die alten Herrschaften meckern, grummeln, echauffieren sich. „Dit kann doch wohl nich wahr sein! Kann man denn keene andren Tische zusammenschieben?“ Nee, kann man offenbar nicht.

Natürlich hat der investigative Tisch hinter mir längst bemerkt, dass weitere Berliner*innen (Männer, Frauen, Taucher) anwesend sind und auch die Seniorengruppe hat akustisch ausreichend Ressourcen, um den Berliner Zungenschlag wahrzunehmen. Und so redet also die eine Gruppe voller Neugierde über die andere und umgekehrt, beide Gruppen aber nicht aber miteinander und in der Mitte sitzt der Berliner Sozialarbeiter, dessen Rolle es nun eigentlich sein sollte, Wege zu ebnen, Menschen miteinander zu verbinden, monokulturelle Begegnungen zu schaffen. Macht er aber nicht, weil’s ihm schnuppe ist, er jenüsslich sein Schnitzel schnabuliert und danach jut jesättigt in die Brauerei rübermachen will, um noch eens zu zischen.

In der Memminger Hausbrauerei ist die Frage „Barfuß oder Lackschuh“ schnell geklärt und nach abgeschlossenem Genuss der „Barfüßer“-Pilsette das Berliner Kapitel für heute auch endlich final abgeschlossen. Kurz darauf begebe ich mich fußläufig in das Stadion, welches Schuld an einer meiner wenigen geographischen Irritationen (abgesehen von Jütland und Seeland) trägt. Wenn ich auch nur eine Erwartung an Memmingen gehabt hatte, dann, dass ich zumindest einen kurzen Blick auf den Bodensee werfen können werde. Dieser ist von Memmingen allerdings stolze 80 Kilometer entfernt. Da stößt es besonders übel auf, dass die Memminger Fußballspielstätte tatsächlich „Stadion an der Bodenseestraße“ heißt und mich sehenden Auges in diese Falle gelockt hat.

Genauso verachtenswert ist die von den Ordnern gelebte Praxis, Menschen, die lediglich über eine Stehplatzkarte verfügen, den Zugang zu der Toilette unter der Tribüne zu verwehren. Die letzte Bastion der zwei-Klassen-Pipi-Gesellschaft steht also in Memmingen. So muss ich meinen unmenschlichen Blasendruck über die Hintertortribüne bis an das Ende der Gegengerade mit mir herumschleppen, um dort in einem Kellergewölbe sozusagen das kik-Fachwerkhäuschen der Toilettenzunft betreten zu dürfen. Dumm nur, dass es neues Bier nur an der Haupttribüne käuflich zu erwerben gibt. Das hier wird mich am Ende meines Sommerurlaubs reichlich Kilometer kosten.

Unter „Hell’s Bells“-Klängen („Gänsehaut“!) betreten Memminger und Buchbacher die Spielfläche. Während die Bundesliga erst in 14 Tagen in die Saison starten wird, ist man in Bayern wieder einmal seiner Zeit voraus und trägt bereits den 5. Spieltag aus. Beide Mannschaften sind gut in die Saison der Regionalliga Bayern gestartet und rangieren mit 7 Punkten auf Platz 5 und 6 – in Schlagdistanz zu den Staffelfavoriten FC Bayern München II, SV Wacker Burghausen und 1.FC Schweinfurt 05. Beinahe ein Topspiel also, dass heute mehr als 1.000 Zuschauer bei „Badewetter“ (Quelle: fupa, ebenfalls auf der Suche nach dem See…) in das Stadion spült.

Nach zehn Minuten verzeichnen die Gäste aus Buchbach die erste glasklare Gelegenheit. Ein langer Schlag vom Leberfinger Thomas landet direkt im Fuß des Angreifers, der alleine auf den Torhüter zuläuft. Torwart Gruber reagiert blitzschnell, reißt die Fäuste hoch und lenkt den Ball über die Querlatte. Auf den Traversen entflammt ein Generationenkonflikt, herunterzubrechen auf die Frage, ob Angreifer Bauer im Abseits gestanden hat oder nicht. Die älteren sind sich sicher, dass das Gespann um den Hanslbauer Patrick unfähig ist, die jüngeren empfehlen einen Optiker in der Innenstadt.

Knapp fünf Minuten später hat auch der FCM dank eines Schlenzers von Kücük den ersten gelungenen Angriff zu Ende gespielt. Der Stadion-DJ elektrisiert die Massen mit „We will rock you“, welches er vor jeder Standardsituation einspielt und als Dank für diese kreative Animation von den Tribünen rhythmischen Applaus erhält.

In der 21. Minute geht das Stadionpublikum erneut aus dem Sattel. Nach einer missglückten – und zuvor selbstredend eingeklatschten – flachen Freistoßhereingabe, brennt es lichterloh im Stadion der Buchbacher. Den Abpraller nimmt Schmeiser elegant aus der Drehung, setzt den Ball aber an die Querlatte. Diese Körperbeherrschung in Perfektion hätte den Führungstreffer verdient gehabt.

Das Spiel bleibt unterhaltsam und nur fünf Minuten später sind es die Gäste, die wiederum am Drücker sind. Der bis hierhin souveräne Torwart Gruber zeigt, dass er Schwächen in der Strafraumbeherrschung im Portfolio hat und irrt gewaltig durch seinen Fünfer. Am langen Pfosten kommt Denk zum Kopfball, den ein Verteidiger noch gerade eben so von der Linie kratzen kann.

Den letzten Höhepunkt dieser lebhaften Partie, die davon profitiert, dass beide Teams wenig taktische Kontrolle haben und mit viel Leidenschaft ihr Heil in der Offensive suchen, setzt Memmingens Stürmer Kircicek, der sich aus einer aussichtsreichen Position aber ebenfalls abschlussschwach zeigt und den Ball unbedrängt recht weit neben das Tor schiebt.

Im zweiten Spielabschnitt gelingt es beiden Mannschaften noch besser, ihre offensiven Spielideen klarer auf den Platz zu bringen als in der ersten Halbzeit. Der geneigte Hopper freut sich über einen sehr lebendigen Kick, viele gelungene Kombinationen und hochkarätige Chancen im Minutentakt.

Den Auftakt setzen die Memminger in der 52. Minute nach einer kurzen Ecke. Ein Tor, welches etwas Vorlauf benötigt: We will rock you, Passstafette, Abschluss, Parade, zweite Welle, flach und scharf vor das Tor gebracht, Gewühl – und am Ende steht Schmeiser da und bringt das Ding mit der Hacke über die Linie. Scheint ein Mann für den chinesischen Staatszirkus zu sein.

In der 66. Minute muss das Spiel nach Menschengedenken eigentlich entschieden sein, doch einen Zwei auf Null Konter vertändelt Memmingens Rochelt fahrlässig. Die Quittung hierfür erhalten die Memminger beinahe im Gegenzug, doch abermals kann ein Verteidiger den Ball von der Linie kratzen. Nur ein paar Wimpernschläge später startet Buchbach einen wilden Angriff, wenig Struktur, viel Zufall – doch irgendwie landet der Ball im Mittelfeld bei Lutz, der geistesgegenwärtig erkennt, dass Gruber zu weit vor seinem Tor steht. Die Bogenlampe aus gut 30 Metern verfehlt ihr Ziel denkbar knapp.
Die Schlussphase läuft. Bei immernoch schwülwarmen Temperaturen drücken die Buchbacher auf den Ausgleich. Das Memminger Publikum hat sich längst von den Schalensitzen erhoben und pöbelt, was das Zeug hält, die Mannschaft wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das drohende Remis. Alle gemeinsam können nicht verhindern, dass in der 86. Minute eine Flanke auf den langen Pfosten segelt und nur knapp vorbei geköpft wird. In der 88. Minute wiederholt der TSV diesen Versuch: Flanke Drum, Petrovic steht in der Luft, fünf Meter vor dem Tor, kommt zum Kopfball – und setzt diesen freistehend Zentimeter neben das rechte Kreuzeck. Wie konnte der vorbei gehen?

Kurz darauf ist die Partie beendet und Memmingen jubelt über einen etwas glücklichen Heimsieg. Ich flaniere durch die Stadt, die nicht nur klein und gemütlich, sondern nun in den späten Abendstunden auch überraschend belebt ist. Die Straßencafés und Kneipen sind gut besucht, die Menschen zufrieden und glücklich, das Wetter angenehm warm. Erstaunlich viel Atmosphäre dafür, dass wir uns hier in Deutschland befinden. So könnte man ja glatt zum Kleinstadtfan werden.

Mit einem guten Frühstück lasse ich den Memmingen-Abstecher in der Pension „Zum Lindenbad“ ausklingen. Obwohl der SSV Ulm 1846 heute leider nicht zu Hause spielen wird, muss ich die Reise dorthin dennoch antreten. Am Samstagabend wird mein ICE aus Ulm nach Berlin aufbrechen. Wie praktisch, dass der Sommerurlaub nun offiziell zu seinem Ende gekommen ist, damit ich mich dem harten Berliner Alltag stellen kann. Am 05.08.2018 geht es direkt in die Vollen: Biermeile und Heimspiel gegen Aue. Kein Problem. Bin ja gut erhoolt und braun gebrannt. /hvg

02.08.2018 FC des Girondins de Bordeaux – FK Ventspils 2:1 (1:0) / Stade Bordeaux-Atlantique / 15.863 Zs.

Kapitel 1: One Night in London.

Als uns Sonntagnacht der letzte geöffnete Pub vor die Tür setzt, wird aus einer bösen Vorahnung bittere Gewissheit. In London wird es für wohnungslose ab Mitternacht schnell ungemütlich. Bei nasskaltem Wetter stromern Fackelmann und meine Wenigkeit rund um den Bahnhof „St. Pancras International“. Noch ungeklärt die Frage, wo und wie wir die kommenden vier Stunden unseres Lebens bis zur Abfahrt unserer Züge sinnvoll gestalten werden, als sich plötzlich das „ibis London Euston Station“ vor uns auftut. Die Eingangstür zur Lobby steht weit offen, der Nachtportier lümmelt an der Bar herum. If we can’t make it here, we won’t make it anywhere.

Mit Reisegepäck auf dem Rücken und absoluter Selbstsicherheit entern wir den Laden und geben unsere Bestellung auf. „Two Pints, please“! Unannehmlichkeiten aller Art, wie z.B. skeptische Gegenfragen, ob wir Gäste des Hotels wären, bleiben glücklicherweise aus und so stehen schnell zwei frisch gezapfte vor unserer Nase. Eine Dreiviertelstunde später hat die spanische Servicekraft auch eine zweite Runde ohne mit der Wimper zu zucken ausgeschenkt. Wir sacken erleichtert in die Sitze, während draußen der nächste widerliche Schauer eingesetzt hat. Jetzt kann ja nun wirklich nichts mehr schiefgehen, denke ich mir, als ich mit erstem leichten Blasendruck in Richtung Toilette aufbreche.

Dumm nur, dass man seine Notdurft hier offiziell nur als Gast des Hauses verrichten darf. Es bedarf einer Schlüsselkarte, um die Tür zur Keramikabeilung öffnen zu können. Unter einem Vorwand lasse ich mir diese an der Theke aushändigen, kehre erleichtert an den Tisch zurück und informiere Herrn Fackelmann über unser Problem der kommenden Stunden. Als auch seine zwei Bier durchgelaufen sind und er sich ebenfalls nach einer Schlüsselkarte erkundigt, sollte jedem klar sein, dass wir das „ibis“ schändlicherweise als Kneipe missbrauchen. Zu unserer großen Überraschung ändert dies jedoch nichts an der Bereitschaft, uns weitere Biere auszuschenken. Fortan wird uns der Sicherheitsmann ein jedes Mal mit einem freundlich-stillschweigenden Nicken die Tür, die Erleichterung verspricht, öffnen. Um kurz nach 4 AM verabschieden sich die FUDU-Lobbyisten freundlich dankend und schwärmen in unterschiedliche Himmelsrichtungen aus. Während der Fackelmann irgendwann im Laufe des Montags in Belgien einrollen wird, lande ich bereits um 9.40 Uhr in Bordeaux. [Als kleine Serviceleistung kann ich potentiellen Nachahmern folgenden Hinweis mit an die Hand geben: Der 24/7-Tresen ist in der Zwischenzeit leider – genauso wie das Hotel drumherum – „dauerhaft geschlossen“. All good things come to an end!]

Kapitel 2: Bordeaux und das Hotel ohne Baguetteboden.

In Bordeaux beziehe ich zunächst mein Quartier. Da ich bekennender Motorsportfan bin, führte kein Weg an der Buchung des „f1“-Hotels in Bordeaux-Ville vorbei. Das Hotel ist so preiswert, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft auf einem verlassenen Industriegelände eine wilde Sinti und Roma Favella gegründet hat und man sich vor Ort leider kein Servicepersonal leisten kann. Hier muss der Gast sein Bett noch selbst beziehen. Ein Handtuch kostet drei Mark extra und jeden Tag wird die Gemeinschaftsklokabine aus weißem Campingplastik mehrmals hemdsärmelig von oben nach unten durchgekärchert. Toilette und Dusche erwecken so den Eindruck triefender Sauberkeit – mit fatalen Folgen für das Toilettenpapier und die Luftfeuchtigkeit im Hotel. Die Rezensionen weisen darauf hin, dass wir uns hier in einem Hotel für „Junggebliebene“ befinden. Ich habe plötzlich das Gefühl, dass nicht ich derjenige bin, der jung geblieben ist, sondern dass ausschließlich mein ewig junges Gehalt für diese Hotelwahl sorgte. Und so kann man es vielleicht auch anderweitig auf den Punkt bringen: Im „f1“ ist alles klamm – sogar die Gäste.

Auf der anderen Seite der „Pont de pierre“ ist Bordeaux aber in der Tat unsagbar teuer. Fetti tappt sogleich in die erste Touristenfalle und genießt ein 0,25 Liter großes Bier für sportliche 4,20 €. Doch schnell findet man Trost darin, dass die Stadt wirklich wunderschön ist und sämtliche Spaziergänge der nächsten Tage an imposanten Sehenswürdigkeiten vorbeiführen werden. Nicht völlig zu Unrecht darf sich die Altstadt von Bordeaux seit 2007 UNESCO Welterbe nennen. Gleich mehrere hübsche Stadttore, etliche sakrale Bauten und opulente Plätze, sowie die belebte Fußgängerzone „Rue Sainte-Catherine“ lassen sich durchaus vorzeigen. Und Fetti wäre nicht Fetti, wenn er nach wenigen Stunden der Schlenderei nicht auch einen Pub mit Happy Hour gefunden hätte. Bis 18.00 Uhr wird man täglich im „Brixton“ für nur 3,50 € pro halben Liter richtig glücklich. Da wird der Wirt in den nächsten Tagen wohl öfter mal Schwein haben…

… es sei denn, die dumme Sau assimiliert sich zu schnell. In Bordeaux wird selbstredend Wein getrunken! Aufgrund der Preisgestaltung der Restaurants gilt es, bei der Nahrungsaufnahme kreativ zu bleiben. Im kambodschanischen Bistro des Vertrauens ist es dann soweit. Fetti bestellt selbstsicher <<une verre de vin>> und nimmt Platz an der Hauptstraße nähe (des Place de) Stalingrad. Die jungen Franzosen am Achtertisch neben mir werden zuerst bedient. Sie alle erhalten asiatisches Flaschenbier. Mince alors, was für Banausen. Der Franzose an sich ist offenbar auch nicht mehr das, was er mal war.

Ansonsten wird aus diesem Urlaub der Tagesausflug nach Arcachon in Erinnerung bleiben. Die kleine Stadt befindet sich ca. 60 Kilometer südwestlich von Bordeaux und wird aufgrund ihrer Lage an der Atlantikküste auch gerne „Badewanne“ der Bordelesen genannt. Ziemlich spektakulär ist die „Dune du Pilat“, mit 2,7 Kilometer Länge und 110 Meter Höhe ihres Zeichens größte Wanderdüne Europas, die es in unmittelbarer Nachbarschaft zu besichtigen gilt. Fetti ist erstaunt – gibt es neben ihm also etwas noch fetteres, das ungeniert am Strand herumwandert.

In den weiteren Tagen des Urlaubs belästigt mich die rumänische Billigfluglinie „Volotea“ mit E-Mails im 12-Stunden-Rhythmus, ob ich meinen Flug nach München nicht in irgendeiner Form aufwerten wolle. Sitzplatz mit mehr Beinfreiheit, Koffer, Priority Check-In – kennt man ja. Dass ich nun aber bereits zum fünften Mal „Nein, Danke“ zu einer Tüte „M&M’s“ für 2,50€ sagen muss, die man mir am Platz servieren würde, ist dann doch eine neue Dimension der Nervtröterei.

Kapitel 3: Europapokal im Operationssaal

Ähnlich anstrengend ist da nur der Schienenersatzverkehr zwischen „Quincones“ und „Grand Parc“ am Tag des Fußballspiels. Nach vier Tagen Aufenthalt in Südwestfrankreich steht heute nämlich erneut das große Duell der Alkoholika an: Bordeaux gegen Pils! Die Girondins empfangen in der Qualifikation zur Europa League die netten Letten aus Ventspils und meine herausgesuchte Verbindung mit dem ÖPNV ist nun nicht mehr realisierbar. Immerhin komme ich daher noch in den Genuss, das „Monument aux Girondins“ zu besichtigen und mich kurz damit auseinanderzusetzen, wonach der ortsansässige Fußballclub überhaupt benannt ist. Mein rudimentäres Schulfranzösisch genügt, um im Anschluss zu verstehen, dass ich ein Stück mit dem Bus zurücklegen muss, um dann wieder in die Straßenbahnlinie C zu steigen – was mich ausschließlich deswegen in Stress versetzt, weil ich nach Abpfiff das Reisegepäck aus dem Hotel holen und den letzten Bus in Richtung Flughafen erwischen muss. Ob das zeitlich nun noch alles passen wird?

Da ich alles andere als ein großer Freund von WM- und EM-Turnieren bin, habe ich natürlich auch nicht mitbekommen, dass man in Bordeaux anlässlich des Millionärsturnfests von 2016 ein neues Stadion aus dem Boden gestampft hat. Dieser Verdacht beschleicht mich nun aber langsam, als sich die Straßenbahn immer weiter von der Stadtmitte entfernt und belanglos sterile Stadtviertel passiert, in denen sich Neubaufuzzy-Architekten nach allen Regeln der unästhetischen Kunst austoben durften. Am „Parc des Expositions – Stade Atlantique“ endet dann nicht nur die Fahrt, sondern auch ganz schnell die Hoffnung, vor Anpfiff in irgendeiner Form an gesellschaftlichem Leben teilhaben zu können. Hier draußen wohnen keine Menschen, gibt es keine Läden, keine städtische Infrastruktur, keine Kneipen, keine Treffpunkte. Dafür aber einen künstlichen See mit dem überaus kreativen Namen: „Le Lac“ und einer kleinen Badestelle mit Sandstrand, welche ich angesichts des noch weit entfernt liegenden Anpfiffs mit einem Bier im Plastikbecher eines fliegenden Händlers in den Händen ansteuere. Am Ziel des zwei Kilometer langen Spaziergangs angekommen, stelle ich fest, dass sich hier ungefähr 12 Millionen Bordelesen und Campingtrottel knäueln, die den Weg zur „Badewanne“ vor den Toren der Stadt leider nicht geschafft haben. Schön blöd ist der, der sich freiwillig in einem 10m² großen Hochsicherheitsbereich (außerhalb dieser Begrenzung ist das Baden im Lac verboten – Lebensgefahr!) in die Fluten stürzt, anstatt 60 Kilometer an das Meer zu fahren…

Ich gönne mir noch ein-zwei Bierchen an einem Imbisswagen im Wald, ehe ich mich auf den Rückweg begebe. Gut eine Stunde vor dem Anpfiff betrete ich die Arena – und bin dann doch einigermaßen schockiert. Noch nie in meinem Leben habe ich ein derart steriles Fußballstadion gesehen. Alles ist klinisch rein, alles ist weiß, alles ist auf Hochglanz poliert. Ich hoffe, dass ich hier gleich wirklich ein Europa-League-Spiel sehen darf und nicht gegen meinen Willen operiert werde. Für gerade einmal zehn Euro erhält man ein Menü, bestehend aus einem zwei Meter langem furztrockenem Brot mit einer Scheibe Wurst drauf und einem abgestandenen, warmen Bier, welches offenbar schon Stunden zuvor vorbereitet wurde und wartend auf Kundschaft lange ausharren musste. Schon vor Anpfiff steht es also 1:0 für Bordeaux – Wein wird wenigstens besser, je älter er ist!

Das Stadion ist nahezu komplett leer, als ich gut eine Stunde vor Anpfiff auf meiner Sitzschale Platz nehmen will. Nur mein freundlicher Nachbar, der ist schon da und hat offenbar (mindestens genauso lange wie das Bier) freudig erregt auf meine Ankunft gewartet. Ich jedenfalls habe die endgültige Sitzposition noch gar nicht erreicht, als der alte Mann bereits wie ein Wasserfall auf mich einredet. Vieles verstehe ich nicht und nutze nun seine erste Pause, um ihm verstehen zu geben, dass ich nur wenig französisch spreche. Kurz sieht man die Panik in seinen Augen, ehe er zu der Frage ansetzt, ob ich auch eine Jahreskarte hätte. Und ich glaube eine gewisse Erleichterung bei ihm erkannt zu haben, nachdem ich dies verneint habe. Diesem freundlichen Kerl kann man in der Saison 2018/19 einfach nur von Herzen einen Nachbarn mit offenen Ohren und ebenso hohem Kommunikationsbedarf gönnen!

Im Hintergrund läuft die erste Quizfrage des Tages über die Videowand. „Quel a été le dernier adversaire des Girondins en match préparatoire?“ – mein Nachbar kennt die Antwort nicht und auch der ahnungslose Kandidat auf dem Rasen scheitert. Es ist natürlich: UNION BERLIN!

Und Freunde, schöner wird es heute Abend in diesem Stadion auch nicht mehr werden.
25 Mann aus Ventspils entern unter gellenden Pfiffen des Heimpublikums den Gästeblock, während das Stadionpublikum mit Werbung ohne Ende, schlechter Musik und einem Marktschreier-Stadionsprecher malträtiert wird. Die Ultras in der „Virage Sud“ haben hierfür ihre ganz eigene Lösung gefunden und beschallen 20 Minuten vor Spielbeginn Teile des Stadions parallel zu dem offiziellen Programm mit ihrer eigenen Setlist. Diese hat natürlich deutlich mehr Qualität, leidet aber unter der Stadionregie, die ihrerseits am Lautstärkeregler sitzt und die offizielle Version schlicht und ergreifend durchzusetzen weiß. Au secours, au secours!

Der Futbola Klubs aus Ventspils hat das Hinspiel vor heimischer Kulisse mit 0:1 verloren und läuft heute mit einer Weltauswahl auf. Die Letten bieten in der Abwehr einen Mazedonier, einen Togolesen und einen Brasilianer auf, im Mittelfeld wirbeln drei Nigerianer, ein Angolaner und ein Georgier, während im Angriff ein Russe in der Luft hängt. Nicht nur Torhüter Maksims Uvarenko und Käptn Vitalijs Jagodinskis werden sich fragen, wie man als Spielerberater auf die Idee kommt, seine Juwelen in einer lettischen Hafenstadt zu parken.

Die Sonne verschwindet pünktlich zum Anpfiff hinter der Tribüne. Die Letten wehren sich in der Anfangsphase tapfer und imponieren den Hausherren mit ihrer Härte in der Zweikampfführung. Doch diese Herrlichkeit dauert genau neun Minuten an, dann schlägt Plašil einen zentimetergenauen langen Ball aus dem Mittelfeld auf die halblinke Position, wo Stürmer Kamano bereitsteht, um die mustergültige Vorlage per Direktabnahme über den verdutzten Keeper zu heben. Wunderschönes Tor!

Nach siebzehn Minuten haben die Gästefans aus Ventspils offenbar genug warmes Bier getrunken. Lettenstramm setzen sie sich nieder, stellen die Unterstützung ein und harren der Dinge, die kommen mögen. Auf dem wimbledonteppichähnlichen Hybridrasen haben die Franzosen längst die Spielkontrolle erlangt, lassen Ball und Gegner laufen, verlieren sich aber all zu oft in Hacke-Spitze-Einszweidrei-Schönspielereien, während die „Virage Sud“ mit ihrem melodiösen Dauersingsang auf Zimmerlautstärke ebenso in Schönheit stirbt. Lediglich der dreigeteilte Schlachtruf Gi – Ron – Dins wird mit einer spürbaren Leidenschaft vorgetragen und daher in Erinnerung bleiben.

Nach der Trinkpause in der 30. Minute lässt die Qualität des Spiels nach. Bordeaux sprüht weniger vor Spielfreude, der Gast ist oft einen Schritt zu spät und fällt mit vielen Fouls auf, die den ohnehin schon zähen Spielfluss zusätzlich stören. Igor Lewczuk verrutscht eine Flanke aus dem Halbfeld und nur der lange Pfosten verhindert eine 2:0 Pausenführung.

Im zweiten Abschnitt sind keine drei Minuten gespielt, da ist die Partie auch bereits entschieden. Eine lange Ecke bringt Pablo per Kopf zurück in den Strafraum, wo Koundé bereitsteht, um den Ball in das leere Tor zu nicken. Uvarenko irrt womöglich noch immer durch den Strafraum – das war dann eher maksimal niks.

Girondins-Legende Gernot Rohr ist noch kurz auf der Videowand zu sehen und genau wie er komme auch ich noch in den Genuss, den Anschlusstreffer der Letten mitzuerleben. Adeleke Akinyemi setzt zu einem unnachahmlichen Solo an, lässt mehrere Franzosen stehen, läuft an der Strafraumgrenze mit Ball am Fuß ungestört hin und her, ehe er genügend Platz zum Abschluss sieht. Flachschuss, das Ding sitzt unten links und anstatt nun mit freiem Oberkörper vor dem eskalierenden Gästemob zu feiern, kniet Herr Akinyemi vor der Haupttribüne nieder und nimmt spirituellen Kontakt auf. Bet and Win. Hamdullah!

Nach der zweiten Trinkpause (75. Minute, 22.15 Uhr, warm) lassen die Bordelesen noch zwei hochkarätige Gelegenheiten liegen, um das Ergebnis in die Höhe zu schrauben und dann hat Schiedsrichter Hugo Miguel aus Portugal ein Einsehen und beendet die Partie ohne unnötige Nachspielzeit.

Vor dem Stadion ist bereits eine Armada an Warnwesten aufgezogen, die in Diensten der „TBC“ (ernsthaft; Tram et Bus de la Communauté Urbaine de Bordeaux) ihre Kunden an die Hand nehmen und sicher durch den Schienenersatzverkehr manövrieren.

Um 23.30 Uhr bin ich dank weiterer Hilfe der „TBC“, die an jeder Endstation bereit stehen und die Kunden in das nächste außerplanmäßige Verkehrsmittel begleiten, in der Stadtmitte angekommen. Um 0.10 Uhr habe ich das Hotel erreicht, in dem ich freundlicherweise die Gebühr für die Aufbewahrung des Rucksacks nicht bezahlen muss. Wohl dem, der am Ankunftstag die E-Mail-Adresse der Rezeptionistin zugesteckt bekommen hat. Ich verabschiede mich nach einem letzten entspannten Smalltalk von Maëlle und erreiche den Bus um 1.00 Uhr zum Flughafen mit spielerischer Leichtigkeit.

„Volotea“ fragt noch zwei Mal, ob ich gleich an Bord „M&M’s“ haben mag. Aber da bin ich schon längst am Flughafen Bordeaux-Mérignac eingeschlafen und träume von Regionalligafußball im Allgäu… /hvg

28.07.2018 Queens Park Rangers FC – 1.FC Union Berlin 3:0 (2:0) / Loftus Road / 4.097 Zs.

„Irgendwann, irgendwann einmal, frühstückt Union auch international“, summt FUDU am Samstagmorgen vor sich her. Gut, dass Señor Schurke und der Fackelmann gestern bereits die nähere Hotelumgebung erkundet haben und nun in der Lage sind, zielstrebig einen arabischen Imbiss anzusteuern. Kurz nachdem auch Richard Martin eingetroffen ist, serviert der freundliche libanesische Gastgeber, dessen Bude sich inmitten von Autowerkstätten und zwielichtigen Import-Export-Schuppen irgendwo im Nirgendwo befindet, Brause und Fleisch zu unserer vollsten Zufriedenheit. Das Mahl fällt derart üppig aus, dass man hinterher nicht sagen wird, man würde voller Kraft strotzen und könnte Bäume ausreißen. Stattdessen kehrt eher eine leichte Bettschwere ein, die zum Abschluss der ersten Mahlzeit des Tages erfolgreich mit libanesischem Mokka bekämpft werden kann.

Dennoch scheint es illusorisch, die drei Meilen vom „A Kayfak“ zur Station „Shepherd’s Bush“ zu Fuß zurücklegen zu können. Sportlich ambitionierte 59 Minuten veranschlagt ein virtuelles Helferlein hierfür und so entscheidet sich FUDU, doch noch einmal die Kreditkarte an den U-Bahn-Drehkreuzen glühen zu lassen. Wunderbar, dass ich dank meiner BC25 mit Kreditkartenfunktion und dem Bonuspunktesystem nun mit jeder Undergroundfahrt in London meiner nächsten Freifahrt zu einem Auswärtsspiel des 1.FC Union etwas näher komme. Ebenso wunderbar ist das Ziel unserer Nahverkehrsfahrt. Heimlich, still und leise hat sich über alle erdenklich möglichen privaten Kommunikationskanäle ein Pub namens „BrewDog“ als Treffpunkt für die Fanszene des 1.FC Union Berlin herumgesprochen. Der offizielle Treffpunkt am U-Bahnhof Hammersmith, von dem aus ursprünglich ein Fanmarsch geplant war, war seitens der Sicherheitsbehörden abgesagt worden. Als Grund wurde ein Fahrradrennen genannt, welches angeblich dafür sorgt, dass ein Großteil der Stadt bereits für den Autoverkehr abgesperrt werden und polizeilich überwacht werden muss.

Anlass genug für all die Fußballverschwörungstheoretiker, die Kommentarspalten der bekannten Fußball- und Pseudoultraportale mit wilden Gerüchten zu überfluten: Bochum spielt parallel in Millwall und hat etliche tausend befreundete Hohenschönhausener im Schlepptau – nur logisch, dass es da bereits auf der Fähre von Calais nach Dover wilde Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Lagern gegeben hat. Klar ist auch, dass QPR einen Rachefeldzug plant, nachdem es vor gut einem Jahr beim „Hinspiel“ in Köpenick eine Auseinandersetzung in der „Abseitsfalle“ gegeben hat, bei der der eine oder andere Barhocker (= Engländer) mit dem einen oder anderen Barhocker (= Sitzgelegenheit) bekanntgemacht wurde.

Etwas ernster nimmt man da schon die Warnungen der Sicherheitsbehörden, die nicht nur den Marsch verboten, sondern auch öffentlich verkündet haben, dass dem Spiel die Absage drohen würde, würden Unioner dieses Verbot unterwandern wollen. Und so begibt sich FUDU nicht nur voller Vorfreude und Adrenalin zum neuen Treffpunkt. Es schwingt durchaus auch etwas Anspannung mit, wie die Engländer im Allgemeinen und die Polizei im Besonderen, auf diesen unerwarteten Ansturm reagieren werden.

Die Frühschicht in der Hostelbar traut jedenfalls ihren Augen nicht, als sich ihr Laden morgens um halb Elf nach und nach wie von Geisterhand mit rot-weiß gekleideten Fußballfans füllt. Eiligst wird hinter der Theke personelle Unterstützung eingefordert und mit britischer Höflichkeit und einer ziemlichen Bierruhe werden alle durstigen Kunden bedient. Da die Kapazität des Ladens jedoch schnell erschöpft ist, sich aber rein zufällig knapp 100 weitere Unioner genau diesen einen Pub für ein Pint vor dem Spiel auserkoren haben, wird das Biergelage auch auf die Straßenseite verlegt – auch weil der komplett leere Pub nebenan wenig Interesse daran hat, Geld zu verdienen: „Sorry, Home Supporters Only!“. Aber natürlich ist es in Great Britain strengstens verboten, Gläser aus Pubs zu entführen und Bier im öffentlichen Raum zu konsumieren und so dauert es selbstredend auch nicht mehr lange, bis die Polizei erscheint, mutmaßlich feststellt, dass hier etwas im Busch sein könnte und sich vor Ort einen Überblick über die Lage verschafft. „300 Lads from Germany. Drinking Beer. Nothing to worry about“, mag der Officer womöglich kurz darauf in sein Funkgerät gesäuselt haben. Mehr als Präsenz – und diese auch noch in allerhöflichster Zurückhaltung am Rande der Veranstaltung – halten die Bobbys jedenfalls nicht für nötig.

Um Punkt 12.00 Uhr setzt sich der 300 Mann starke Tross auf Kommando in Bewegung. High Noon in Shepherd’s Bush. Der rot gekleidete Pulk kommt im gegenüberliegenden Park „Shepherd’s Bush Green“ zum Stehen und erste Schlachtrufe werden der britischen Mittagssonne bzw. der ortsansässigen polnischen Trinkerszene entgegen geschrien. Die Polizei bleibt beeindruckend entspannt, flankiert den Mob und sperrt schleunigst eine Spur der Hauptstraße ab, sodass der improvisierte Corteo ungestört durchgeführt werden kann. Bei all der Anspannung im Vorfeld, überrascht die Haltung der Sicherheitskräfte doch sehr. Angenehm freundlich, zurückhaltend, teilweise sogar zu deutschsprachigem Smalltalk aufgelegt – viel mehr Deeskalation geht nicht. Noch einmal Glück gehabt, aber irgendwie auch schade um den bereits fertiggestellten kreativ-gewaltaffinen T-Shirt-Claim: „Gleich scheppert’s im Busch!“. Wäre natürlich nach „Auflaufkids Stockholm“ der zweite legendäre textile Aufdruck mit internationalem Testspielbezug geworden.

Die Vorfreude auf den Auftritt im Stadion wächst von Sekunde zu Sekunde. Weiterhin werden Lieder und Anfeuerungen durch die Straßen geschmettert und nicht wenige Einheimische hängen ungläubig guckend an den Fenstern und filmen das Spektakel mit ihren Handys. So wie damals, als man mit 150 Mann auf dem Weg zum Stadion Ortschaften wie Emden oder Torgelow vollkommen zum Erliegen gebracht hatte. Nachvollziehbar, dass singende Fußballfans den tristen Alltag in der deutschen Provinz dermaßen aufwerten, dass die Eingeborenen das Gesehene für die Nachwelt festhalten. Aber wir sind hier doch in London, der englischen Hauptstadt mit 8,9 Millionen Einwohnern, im Mutterland des Fußballs. Und die Leute gaffen, staunen, reiben sich verwundert die Augen – als wäre soeben ein Raumschiff gelandet. Das ist Fußball. Das ist Fußballkultur. Und das ist verdammt noch einmal ein ziemlich erhabenes Gefühl, Teil dieser Masse zu sein, die einen Stadtteil dieser Größenordnung für eine halbe Stunde lahmlegt und die bei den Einwohnern Eindruck hinterlassen wird. So wird man sich hier an Ort und Stelle wohl noch Jahre später erzählen: These Guys from Union, they were crazy!

Am Stadion an der „Loftus Road“ steht dann wohl der schmalste Eingang, den man je vor einem Gästeblock gesehen hat, zur Verfügung. Während wir vor dem Einlass im Stau stehen und erste Blicke auf die wunderbar gammelige Gästetribüne werfen können, kann man schon dezent darüber in Sorge geraten, welche Flüssigkeit da gleich von oben auf uns heruntertropfen wird. Ganz so schlimm wird es schon nicht sein und so bringen auch wir die nötige Geduld auf, die heute gut 2.000 Unioner aufbringen müssen, bis sich alle nach und nach durch das Drehkreuz geschoben haben. Auch die schmalen Gänge im Tribünenbauch sind dermaßen verstopft, dass der Einkauf von Bier in Plastikflaschen zu einem Vollkontaktsport wird. Im Anschluss nehmen wir unsere Plätze auf der Hintertortribüne des wunderschönen Stadions ein, welches heute außerhalb unserer Kurve leider nur spärlich gefüllt sein wird.

Vor Anpfiff gibt es dann direkt die ersten erwarteten Scharmützel mit dem Ordnungsdienst, der all das zu verteidigen weiß, das den englischen Fußball zerstört und jedwede Kultur aus den Stadien verbannt hat. Man kann sich jetzt natürlich daran aufreiben, dass man kein Bier in den Block nehmen, dass man nicht rauchen, dass man keine Banner über die Werbebanden hängen und dass man nicht zu nahe an den „Balkonen“ stehen darf. Am Ende müssen sich die Stewards so oder so eingestehen, dass man gegen 2.000 Gästefans nicht den Hauch einer Chance hat, seine idiotischen Regeln durchzusetzen. Wir feiern dieses Fest jedenfalls nach unseren Spielregeln und so wird im rot-weißen Block gesoffen, geraucht, gestanden und gesungen, was die Stimmbänder so hergeben. Da fragt man sich schon, warum sich die Engländer ihre Stadien nicht einfach zurückerobern – es scheint ja zu gehen.

Das Spiel beginnt. Die Engländer im Stadion schauen genauso ungläubig auf die Union-Kurve, wie es die Nachbarschaft vorhin am Fenster mit Blick auf den Fanmarsch tat. So etwas scheint man hier noch nicht erlebt zu haben, dass 2.000 Menschen lauthals ihre Farben in einem Testspiel nach vorne peitschen und ihre Liebe zum Club 90 Minuten am Stück stimmlich unterfüttern. Nach Abpfiff wird ein Großteil der 2.000 Heim-Supporter unserem Block applaudieren und die Videoportale des WWW mit Handyvideos fluten. Und gewissermaßen darf ich den Herren und Damen Recht geben – What a Support! Auf der anderen Seite denke ich aber auch daran, dass QPR hier in der zweithöchsten Spielklasse regelmäßig namhafte Vereine wie Nottingham Forest, Leeds United, Aston Villa etc. zu Gast hat. Immer wieder bedauerlich, den Zustand des englischen Fußballs und der Fanszenen vor Augen geführt zu bekommen. Wenn man in einem Testspiel mit 2.000 Mann derart Eindruck hinterlässt, ahnt man, dass der Alltag an der „Loftus Road“ von toter Hose geprägt sein muss.

Rein sportlich stecken uns die Rangers jedoch locker in die Tasche. Nach 18 Minuten zeigt sich Unions Außenverteidigung wenig entschlossen und setzt den Flügelstürmer QPR’s nicht ausreichend unter Druck. Dieser bringt Strafraumwühler Osayi-Samuel ins Spiel, der ebenfalls viel zu viel Platz hat und QPR mit 1:0 in Führung bringen kann. Auch beim 2:0 nach 30 Minuten lassen Unions Verteidiger Konsequenz vermissen: Einen Kopfballgegentreffer nach einem Eckball am kurzen Pfosten sollte man in dieser Form nun wirklich nicht all zu häufig kassieren…
Immerhin kommen wir so in den zweifelhafen Genuss, die Hymne der Rangers, die auch als Torjingle herhalten muss, zum dritten Mal zu hören. Spätestens jetzt hat sie sich als hinterhältiger Ohrwurm in unseren Köpfen eingenistet und wird in Cottbuser „Kernkraft 400“-Manier schlicht und ergreifend annektiert. Schnell hat „Pigbag“  auch die FUDU-Schweine im Sack: Döp döp döp döp, FC UNION!

In der Halbzeitpause darf sich Sebastian Polter einem humorigen Interview stellen. Kumpel Toni Leistner, der nun auf der Gegenseite spielt, kriegt ein wenig sein Fett weg. Polter entschuldigt sich u.a. für dessen Haircut. Naja. In etwas so kreativ wie unser Spiel in der ersten Hälfte…

… welches sich leider auch in der zweiten Hälfte nicht wesentlich bessern wird. Immer einen Schritt zu spät, kaum eigene Ideen im Spiel nach Vorne, viele überhastete Abschlüsse aus der zweiten Reihe. Spätestens nach dem Elfmeter-Gegentreffer durch Eze in der 59. ist allen klar, dass man die Heimreise mit einer Niederlage im Gepäck antreten wird. Schade, dass Mees in der 75. aus spitzem Winkel nach schönem Anspiel von Gogia scheitert und den unermüdlich singenden Gästefans ein Ehrentreffer verwehrt bleibt. Schade auch, dass der tolle Gesamteindruck der Kurve am Ende von einigen Idioten beschädigt wird, da diese dazu übergehen, die leeren Carlsberg-Plastikflaschen in Richtung Spielfeld zu entsorgen. So unnötig wie die Eier vom Papst.

 

Pünktlich zu unserer sonntäglichen Sightseeingrunde wartet London dann mit dem Wetter auf, welches man gemeinhin mit London assoziiert. Obwohl Grau die dominierende Farbe des Tages ist und der Regen kontinuierlich fällt, lässt sich die Reisegruppe nicht die Motivation nehmen, London zu erkunden. Was möglicherweise auch an der verabredeten Regelung: „Two Sights, One Pub!“ liegen könnte. So streift FUDU also den ganzen Tag durch London, hakt jeweils zwei klassische Sehenswürdigkeiten ab, um im Anschluss die malträtierten Stimmbänder mit einem neuen Pint zu umschmeicheln. Buckingham Palace, Westminster Abbey, Tower Bridge, London Eye, Big Ben, China Town, Piccadilly Circus, Trafalgar Square, das Fahrradrennen – alles gesehen.

Für den Fackelmann und mich gilt es nun, die Nacht irgendwo zu überbrücken und mit unseren 4-Uhr-Zügen nach Brüssel bzw. zum Flughafen aufzubrechen. Mich erwartet Bordeaux, der zweite Teil meines Sommerurlaubs, eine Temperatur von 29°C mit jeder Menge Sonnenschein und ein Europapokalspiel gegen Ventspils. Und irgendwann, irgendwann einmal, spielt bestimmt auch Union mal wieder international! /hvg

27.07.2018 Stevenage FC – Watford FC 0:1 (0:0) / Broadhall Way / 1.222 Zs.

Bereits auf dem Weg nach Wolfsburg hatte ich festgestellt, dass der Ausflug des 1.FC Union Berlin zu den Queens Park Rangers ausgerechnet inmitten meines zweiwöchigen Sommerurlaubs stattfinden wird. Als bekennender Fan von Strand, Sonne und Südeuropa passt London da nun genaugenommen überhaupt nicht in die Reiseplanung. In Anlehnung an einen deutschen Filmklassiker gelingt es mir allerdings auch in diesem Falle, das nicht passende passend zu machen und eine Reiseroute zusammenzustellen, die einem die Freudentränen in die Augen treibt: Berlin-Valencia-London-Bordeaux-München-Memmingen-Ulm-Berlin. Zwei Wochen aus dem Rucksack leben und Euch ein Jahr später mit Berichten darüber belästigen, ist mir stets eine große Freude.

 

Vale, Vale, dass zum Zwecke Bierchen fließe…

Gerade einmal fünf Stunden sind seit dem Ende meiner Nachtschicht vergangen und schon sitze ich im Flugzeug nach Valencia. Ich lande – wie schon in Málaga anno 2017 – während eines gigantischen Volksfests in einer hoffnungslos überlaufenen Stadt, ohne vorher davon Kenntnis gehabt zu haben. Es tobt die „Gran Fira de Valencia“, ein seit 1871 jeweils im Juli stattfindendes und über das gesamte Stadtgebiet verteiltes Großereignis mit Konzerten, künstlerischen Darbietungen verschiedenster Art, sportlichen Wettkämpfen und der traditionellen „Batalla de les Flors“ (Blumenschlacht) als Höhepunkt des Festmonats. Für genügend Abwechslung sollte in der kommenden Woche also gesorgt sein…

Leider besitze ich jedoch lediglich ein Programm in valencianischer Sprache, die Amtssprache der „Autonomen Gemeinschaft Valencia“, welche dem Katalanischen sehr ähnelt. Kurzum: Richtig viel versteht man nicht. Aber ab und zu auf Verdacht irgendwelche Bühnen ansteuern, ist immer noch um Längen besser, als sich im Touristenbüro eine Wartenummer zu ziehen (!) und sich in die kilometerlange Trottelschlange einzureihen. So kommt es, dass ich einer Partie „Futvolley“ am Strand beiwohne, einem klassischen Konzert in der architektonisch gruselig-modernen „Ciutat de les Arts i les Ciències“ meine Aufwartung mache und innerhalb weniger Augenblicke investigativ herausfinde, dass die Meisterschaften in der sagenumwobenen Sportart „Truc i Parxis“ mich nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen werden. Muss man dann mit Humor nehmen, wenn man eine Stunde quer durch die Stadt gelaufen ist, um in irgendeinem Park auf alte Männer und ein offenbar traditionelles Brettspiel zu treffen.

Die restliche Zeit verbringe ich mit „Mahou“ am „Playa de la Malvarrosa“, schlendere um das „Mestalla“ herum und gebe mich der Leidenschaft des Sightseeings hin. Besonders in Erinnerung wird das „Tribunal de las Aguas“ bleiben. Jeden Donnerstag um 12.00 Uhr tagt das Wassergericht, um seit 960 n.Chr. die Streitigkeiten zwischen den Anwohnern der sieben Bewässerungskanäle Valencias zu schlichten. Da heutzutage meist keine Beschwerden mehr vorliegen, ist die Verhandlung nach fünf Minuten auch schon wieder beendet – wenn acht schwarz gekleidete Herren und ein würdevoller Gerichtsdiener die Namen der Bewässerungszonen laut verkündet haben und aus dem Publikum, bestehend aus ca. 700 Millionen Touristen, niemand die Stimme erhebt.

Ansonsten lungere ich in meinem drei-Raum-Apartment herum, welches ich bedauerlicherweise alleine bewohne (Grüße nach Österreich!). Das lokale Fernsehen unterhält mich in den Abendstunden mit Testspielübertragungen des ortsansässigen Fußballclubs gegen Galatasaray und Lausanne, während das landesweit empfangbare TV die hochspannenden Spiele der Rollhockey-WM überträgt und einen Blick nach Barcelona wirft, wo u.a. die Wasserballer Maltas (Grüße an Günter!) um den Europameistertitel kämpfen.

Am 27.07. muss ich dann morgens um 9.45 Uhr am Flughafen von Valencia meine ganze Konzentration in die Waagschale werfen, um mich am richtigen Gate einzusortieren. Was von hier aus alles für schöne Orte angeflogen werden… Aber nein, ich muss mich tatsächlich gemeinsam mit den verbrannten Dicken, den schlecht Tätowierten und den hässlichen Frauen anstellen. Ziel: London-Gatwick. Off we go!

 

FUDU and Chips: Ein Wochenende in London.

Pünktlich um 11.45 Uhr landet meine Maschine am Flughafen Gatwick. Bei der Vorabbuchung meines Zuges in die Innenstadt habe ich dummerweise die obligatorische Passkontrolle nicht mit eingeplant. Etwas müde belächelt werde ich von einem Flughafenangestellten, als ich meinen uralten Personalausweislappen einzuscannen versuche, um mir die lange Schlange nebenan zu ersparen. Geht natürlich nicht und so reihe ich mich, immer wieder auf die Uhr schauend, deutsch-diszipliniert am Ende des boshaften Weibstücks (hat mir Word gerade ernsthaft als Synonym für „Schlange“ vorgeschlagen – wollte Euren Lesefluss nicht mit unnötigen Wortwiederholungen stören…) ein. Der Grenzbobby ist nur kurz irritiert, dass der Ausweis mit dem 15 Jahre alten Foto noch gültig ist und stellt dann diese eine Frage, die er wohl jedem stellen muss, dessen Reiseweg sich nicht auf den ersten Blick erschließt: „What’s the reason for your entry?“

„Fußball“ wäre womöglich eine Antwort, die weitere Nachfragen nach sich ziehen würde. Daher höre ich mich wie aus der Pistole geschossen sagen: „Summer holidays!“
London. 22 Grad. Wolken. Ich schäme mich für diese schäbige Lüge, aber der Bobby nickt zufrieden und lässt mich ohne zu zögern passieren. Sommerurlaub in London. So ein Schwachsinn.

Viel Zeit zum Schmunzeln und Kopfschütteln bleibt jedoch nicht – die Zeit drückt. Ohne Ball am Fuß ergibt Rennen ja grundsätzlich keinen Sinn und nun stelle ich obendrein fest, dass sich an dieser Feststellung nicht im Geringsten etwas ändert, wenn man diese Form der Bewegung darüber hinaus mit dem größtmöglich zugelassenen Handgepäcksrucksack auf dem Rücken wählt. Immerhin gelingt es mir so, genau eine Minute vor Abfahrt des Zuges am entsprechenden Bahngleis anzukommen. Eine halbe Stunde später kann ich den „Gatwick Express“ an der „Victoria Station“ verlassen und Fackelmann und den Schurken in die Arme schließen. Die beiden wollen völlig übermotiviert sofort den Weg in das Hotel antreten, aber ich kann die Kostverächter glücklicherweise zu einem Pint im gegenüberliegenden „Shakespaere“ überreden. Nachdem wir auch noch eine Portion Fish&Chips verspeist und einen ersten „Tango“ getanzt haben, gilt meine Akklimatisierung als abgeschlossen.

Am Nachmittag quälen wir uns mit der „London Underground“ durch die Stadt. Ich bin zugegebenermaßen etwas überwältigt von der Größe der Stadt und gleichermaßen entsetzt darüber, wie viele Menschen sich durch die viel zu schmalen U-Bahn-Tunnel drängeln. Gemessen an der Luftqualität unter Tage wohl eindeutig zu viele und so rennt alles hektisch durch die Gegend, um Kreislaufzusammenbrüchen in den Klaustrophobie-Röhren zu entgehen und schnellstmöglich die klimatisierten Züge zu erreichen. Mittlerweile habe ich auch verstanden, dass es die (Blue)-„Oyster Card“ nicht gebraucht hätte. Als Fahrkarte kann man schlicht und ergreifend auch seine Kreditkarte zum Entpiepen der Drehkreuze nutzen. Die freundlichen Londoner Verkehrsbetriebe errechnen einem am Ende der Reise die jeweils günstigsten Tarife und belasten die Geldkarte dementsprechend. Easy Like Sunday Morning!

An der „St. Pancras International Station“ treffen wir auf weitere Truppenteile FUDUs. Insgesamt versuchen sich nun fünf studierte Menschen – vier davon sogar mit Abschluss (kleiner Universitätssparwitz am Rande: „Hat heute erfolgreich die Hochschule abgeschlossen. Klaus-Jürgen, 56, Hausmeister“) – die Ticketfrage nach Stevenage zu klären. Die Suche nach einem Verkaufsschalter, um einen Menschen um Rat zu bitten, verläuft sich im Sande und so tingelt FUDU von Automaten zu Automaten, auf der Suche nach dem richtigen Anbieter. Quasi im Vorbeigehen hat Fackelmann so immerhin entdeckt, wo genau sein internationaler Nachtzug nach Brüssel am Montagmorgen abfahren wird. Ist immerhin schon einmal einer schlauer. Nach ewigem Hin und Her haben wir dann endlich den richtigen Verkaufsterminal gefunden und ein hoffentlich gültiges Gruppenticket nach Stevenage (Hertfordshire) und zurück nach London „King’s Cross“ gelöst. Und während man hofft, die schwerste Aufgabe bereits gemeistert zu haben, wird plötzlich allen klar, dass der Zug nach Stevenage eben auch ab „King’s Cross“ fahren wird und wir uns aktuell auf dem falschen Bahnhof befinden.

Im Schweinsgalopp werden die 207 Fuß Distanz zwischen den Bahnhöfen in spielerischer Leichtigkeit gemeistert, sodass genügend Zeit verbleibt, um Wasserflaschen am Abfahrtsgleis einzusacken, welche heute in London wegen der Hitze (!) und der schwülwarmen Luft (!) gratis zur Mitnahme bereitstehen, bevor wir in den Zug huschen. Sommerurlaub. Sag ich ja.

Für die Harry Potter Fans der Gruppe (Verzeihung, wären ja nur Fotos für die Freundinnen gewesen…) wird auf dem Rückweg ein Zeitfenster eingeplant, um auf die Schnelle das Gleis 9 ¾ kreuzen zu können.

Das Sightseeing in Stevenage (33 Minuten vom „King’s Cross“ entfernt) brechen wir nach wenigen Minuten ab, weil die Ortschaft so wenig zu bieten hat, dass sogar Busse Reißaus nehmen und als „Vermisst“ gemeldet werden müssen. Im Pub bestellt sich ein Teil der Gruppe etwas zu essen, der andere Teil setzt frohen Mutes auf das spätere Stadioncatering. Während die ersten Biere kurz darauf verzehrfertig bereit stehen, lässt das Essen gehörig auf sich warten. Noch wähnen sich die späteren Cateringverlierer an dieser Stelle auf der Gewinnerseite…

Ein leichtes Gewittergrummeln begleitet unser Trinkgelage. Der Fackelmann lotet den Fußweg zum Stadion aus und begeistert die Gruppe hellauf mit der Information, dass das Stadion am „Broadhall Way“ (natürlich offiziell mit einem Sponsorennamen ausgestattet) in seiner maps.me-App als „Anbetungsstätte“ geführt wird. Gibt vermutlich schlechtere Orte für Freitagabend-Freundschaftsspiele.

Nach der Eintrittszahlung in Höhe von 12 £ bestätigt sich diese Annahme. Drei Seiten des Stadions des Viertligisten sind ausgebaut, wobei die Stehplatzgegengerade, die heute leider gesperrt bleibt, mit ihrem kleinen Giebeldach und der alten Stadionuhr besonderen Charme versprüht. Hinter dem Tor zu unserer Linken befindet sich aktuell Brachland, welches von Ballholerkindern mit gelben Bauarbeiterhelmen bevölkert wird. Nach Beendigung des Neubaus werden dann gut 8.500 Zuschauer am „Broadhall Way“ Platz finden.

Heute kommen immerhin 1.222, um das Testspiel gegen den Premier-League-Vertreter aus Watford zu sehen. Ob die „Hornets“ mit Elch im Wappen mit der ersten Mannschaft aufdribbeln, kann ich leider nicht beurteilen. Immerhin spielt Sebastian Prödl von Beginn an und José Holebas ab der 60. Minute. Auch Ben Wilmot startet heute in Reihen des Watford FC, an dem Elton John nach gut 20-jähriger Präsidentschaft übrigens bis heute Anteile hält. Wilmot? Ein 18-jähriger Jungspund, der vor gut drei Monaten für kolportierte 1,7 Millionen € von Stevenage nach Watford gewechselt war und so zum Rekordtransfer des Viertligisten avancierte.

Auf dem Rasen dominieren erwartungsgemäß die „Hornets“. Nach zehn Minuten sind bereits drei Großchancen vergeben worden, zwei davon in Weltklassemanier von Torwart Farman vereitelt, eine von Hughes im 1:1 kläglich vertändelt. Mit einem schönen Lupfer über die Abwehr macht Hughes kurz darauf positiv auf sich aufmerksam, doch sein Kollege im Sturm scheitert am Außennetz. Bereits eine halbe Stunde ist ins Land gegangen und Watford gelingt es immer wieder, die zu hoch stehende Abwehr Stevenages zu überspielen, im Anschluss aber bemerkenswert ideenlos und abschlussschwach aufzutreten. Stevenage setzt die eine oder andere knackige Grätsche und behindert die Gäste im Spielaufbau mit der vielzitierten englischen Härte.

In der Halbzeitpause stellt sich heraus, dass die Cateringstände des Stadions heute nichts essbares – abgesehen von Kartoffelchips – im Programm haben. Es lachen die Gesättigten, es knurren die Mägen der Verlierer. Aber wenn man schon einmal quer durch das Stadion gelaufen ist, dann kann man sich ja wenigstens einen Kaffee gönnen und gegen die Müdigkeit kämpfen. Gedacht, getan. Auf die Frage, was man denn bitte an einem Kaffee falsch machen kann, könnte man dann getrost diesen Becher Plörre aus der Asservatenkammer holen. Oder: Wenn schon im Cateringsektor untergehen, dann wenigstens mit wehenden Fahnen!

Im zweiten Spielabschnitt dreht der Außenseiter gehörig auf und stellt Watford vor amtliche Probleme. In der 51. Minute scheitert Stoßstürmer Revell denkbar knapp per Kopf und bis zum Massenwechsel der „Hornets“ in der 60. Minute bleibt der Underdog am Drücker. Bei den Gästen bleiben nur der Keeper und der auffällige Hughes auf dem Feld, der heute offenbar eine gesonderte Chance erhält, sich zu zeigen und diese mit aller Leidenschaft zu nutzen gedenkt.

Leider bringt die Wechselorgie einen Bruch in das Spiel und tatsächlich gibt es in den kommenden 30 Minuten nicht einen einzigen Höhepunkt zu bestaunen. Der Stevenage FC hätte sich dank einer kompakten Mannschaftsleistung und einer grundsoliden kämpferischen Einstellung ein Unentschieden verdient, doch just im Moment dieses Fazits begeht der ansonsten tadellose Farman des Viertligisten einen fatalen Fehler, als er seine Torlinie verlässt, sich vom Stürmer nach Außen treiben lässt und dann überflankt wird. Am zweiten Pfosten köpft Gray in das verwaiste Tor und setzt so den Schlusspunkt hinter diese Partie.

Wir kehren noch einmal in unseren Stevenager Stammpub ein. Aufgrund der ungünstigen Zugtaktung, der nur kurzen Verweildauer bis zur Abfahrt unseres auserwählten Zuges und des vorhin beobachten Arbeitstempos des Küchenpersonals, entscheide ich mich als staatlich anerkannter Cateringverlierer und Langsamesser, mein Magenknurren erst einmal nur mit Bier zu betäuben. Schwerer fällt da die Nachricht ins Gewicht, dass das kleine Gewittergrummeln, welches wir vorhin vernommen hatten, in London offenbar doch eine Nummer heftiger ausgefallen sein musste.

Mehrere Flüge in London fielen diesen Wetterkapriolen jedenfalls zum Opfer. Darunter auch diverse Flieger, die sich auf dem Weg nach Berlin befunden hätten. Die Konsequenz: In Berlin fehlt es nun entweder an den Kapitänen, den Kabinencrews oder schlicht und ergreifend an den Maschinen, um den Weg zurück auf die Insel antreten zu können. Bei uns trudeln im Laufe des Abends Minute für Minute traurige Nachrichten aus Berlin ein, dass der eine oder andere Unioner momentan im Ungewissen darüber ist, wie und ob man überhaupt noch nach London fliegen können wird. Auch einige endgültige Absagen von Freunden, die bereits nach stundenlangen Wartezeiten die Hoffnung auf das Testspiel bei den Queens Park Rangers aufgegeben haben, befinden sich darunter. Leider ist auch das FUDU-Pärchen betroffen und wird die Anreise nach London nicht antreten können. Und so endet der erste schwülwarme Blitz and Donna Summerurlaubstag in London dann neben all der Union-Vorfreude und dem „Hot Stuff“ drumherum leider auch mit einigen dicken Wermutstropfen… /hvg

05.07.2018 FSV Union Fürstenwalde – 1.FC Union Berlin 1:3 (1:1) / Friedrich-Friesen-Stadion / 1.320 Zs.

Seitdem der hochprofessionalisierte 1.FC Union Berlin seine Testspiele nicht mehr selber vereinbart, sondern hiermit mutmaßlich eine international agierende Superagentur beauftragt, kommt es immer wieder zu Irritationen. In den vergangenen Wochen wurden bereits verabredete Testspiele gegen Stoke City und West Bromwich Albion wieder abgesagt und stets war es mit großer Vorsicht zu genießen, wenn andere Vereine Trainingswettkämpfe mit dem 1.FC Union ankündigten, ohne dass diese offiziell auf der Website des 1.FC Union bestätigt waren. Zuletzt tappte der SC Preußen Münster in diese Falle und lockte FUDU in einer Pressemitteilung voreilig in das legendäre „Telgter Takko Stadion“, ehe der 1.FC Union dem Ganzen final einen Riegel vorschob. Es waren natürlich noch längst nicht alle Details geklärt, die es für ein solch brisantes Testspiel zu klären gilt. So wurden die auf fupa.net veröffentlichten Gerüchte, der 1.FC Union würde am 05.07. in Fürstenwalde aufdribbeln, dann doch mit einer gewissen Skepsis aufgenommen. Was hier wohl wieder für schwerwiegende Verhandlungen anstehen mögen? Geht es um eine einvernehmliche Parkplatznutzung? Darf das Friedrich-Friesen-Stadion an diesem Tag seinen offiziellen Sponsorennamen tragen? Hat der beleuchtete Wildtierpark neben der Arena auch genügend Luchs?

Irgendwann steht dann endgültig fest, dass der Austragung der Partie tatsächlich nichts im Wege steht. Da ich das Stadion bereits am 30.06.2013 anlässlich eines Testspiels des 1.FC Union gegen Baník Most besucht habe, bleibe ich dennoch unentschlossen, ob ich die Ansetzung attraktiv genug finde, um meinen Hintern dorthin zu bewegen. Aber als am Spieltag selbst der Fackelmann um Begleitung bittet, die Sonne bei angenehmen 30 Grad Celsius auch in den Abendstunden noch genügend Kraft hat und da bereits gestern mit der Regionalbahn alles so komplikationslos geklappt hat, erwische ich mich dabei, wie ich wie von Geisterhand gesteuert eine Zusage erteile und nach Feierabend bereits wieder in der S-Bahn in Richtung Bernau sitze. Dieses Mal befördert mich die Regionalbahn pünktlich in die Innenstadt und so treffe ich am Ostkreuz doch einigermaßen entspannt auf den ebenfalls in Feierabendbierlaune befindlichen Benjamin.

Nicht in Worte zu kleiden ist unsere Begeisterung darüber, als direkt nach dem Anstoßen eine freundliche Mitreisende mittleren Alters direkt neben uns auf dem Bahnsteig zur großen Taubenfütterung ansetzt. Als wäre diese ganze Aktion nicht schon schwachsinnig genug gewesen, beginnt die Dame nun auch noch damit, einige der dazukommenden Flugviecher zu verscheuchen und nur ausgewählte Prachtexemplare zur Speisung zuzulassen. Als am Ende die Brotkrumen ausgehen, wirft sie der Einfachheit halber mit ganzen TUC-Keksen wild um sich und geht so nahtlos von der liebevollen Fütterung zur Schädlingsbekämpfung über.

Selbst als Stadttaube entkommt man also der Idiotie der Menschheit nicht, denke ich mir, während ich mir dank der BC25 ein ermäßigtes Ticket für 4,20 € nach Fürstenwalde löse. Um 17.38 Uhr haben wir die bevölkerungsreichste Stadt des Landkreises Oder-Spree erreicht und werden sogleich von einem sportlichen Kategorie-C-Empfangskommando übersehen. Unsere Flucht in den gegenüberliegenden Späti gelingt spielend, wo wir uns mit zwei neuen Radler ohne Limonade (gab nichts anderes) eindecken, während die Dorfschlägertruppe bereits in Richtung Stadion aufbricht.

Mit etwas Sicherheitsabstand folgen wir unauffällig und passieren die altbekannten Wegstrecken. Quer durch den Brunnenpark, vorbei am Bisongehege des Wildtierparks, schräg über den Parkplatz, auf dem sich Schmolke damals auf einem Trödelmarkt „1,2 Polizei“ von MODO auf Maxi-CD gekauft hatte, die brachliegende alte Schule links liegen lassend, über die Dr.-Wilhelm-Külz-Straße bishin zur Arena. Die Abläufe sitzen – auch, weil ich sie vor wenigen Wochen anlässlich des Herrentages auf einer Wanderung von Fürstenwalde nach Hangelsberg zugegebenermaßen noch einmal trainiert hatte.

Am Stadion angekommen, reihen wir uns sogleich in eine endlos lange Schlange ein. Mit mehr als 1.300 Besuchern hatte hier ganz offenbar niemand gerechnet. Der 1.FC Union Berlin schickt heute fantechnisch sein allerletztes Aufgebot und so schüttelt es uns angesichts der hohen Frei.Wild-Quote und des einen oder anderen Thor-Steinar-Prunkstücks doch gewaltig. Und da haben wir noch nicht einmal über die Rednecks mit Techno-Musikbox in der Schlange neben uns und über all die Yakuza- und Tribal-Trottel gesprochen. Die Vorstellung, dass all diese Menschen womöglich tagtäglich in Union-Kutte über ihre Brandenburger Dörfer laufen und so zwangsläufig optisch unseren Verein repräsentieren, kann einen schon in die Verzweiflung treiben.

Auch auf dem Rasen wird Union heute nicht durch die allererste Garde vertreten sein. Moser, Dietz, Lenz, Kurzweg, Parensen, Kahraman, Zejnullahu und Hosiner wird man in der kommenden Saison wohl auch nicht all zu häufig in der Startformation zu Gesicht bekommen. Bei Fürstenwalde sitzt in Persona André Meyer der letztjährige A-Jugend-Coach des 1.FC Union auf der Bank. In seinem Kader befinden sich neben den heutigen Testspielern Stang und Pratsler in Meyer, Stettin und Schulz weitere ehemalige Spieler aus unserem Nachwuchsbereich. Noch mehr Union gibt es indes auf den Tribünen zu sehen: Mittlerweile haben es die ausrangierten grünen Sitzschalen der alten Haupttribüne des Stadions An der Alten Försterei in die Spielstätte des FSV geschafft. Noch immer ist jedoch nichts von der alten Tribüne als solches zu sehen, die man komplett nach Fürstenwalde verkauft hatte und die von den Fürstenwaldern bis heute ganz offensichtlich nicht ohne Weiteres wieder aufgestellt werden konnte. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass die 2013 noch unbebaute Hintertorseite mittlerweile ebenfalls über Stehränge verfügt und aus der Anlage ein echtes Schmuckkästchen geworden ist. Fehlt nur noch die überdachte Sitzplatztribüne und angeblich haben sich beide Vereine bereits vor Gericht getroffen. Es steht wohl der Vorwurf im Raum, die Tribüne sei mit falschen Versprechungen nach Brandenburg veräußert worden. Im Juni 2017 ließ es sich Dirk Zingler im Zuge der Veröffentlichung der Erweiterungspläne des Stadions An der Alten Försterei auch nicht nehmen, einen kleinen Seitenhieb nach Oder-Spree auszuteilen. Auf die Frage, was im neuen Stadion mit den alten Flutlichtmasten passieren würde, antwortete Zingler trocken: „Unioner mit großem Garten, die Interesse haben, können sich bereits bewerben. Oder wir verkaufen die Dinger halt einfach nach Fürstenwalde!“

 

In der zweiten Minute geht der 1.FC Union Berlin in Führung. Ein Verteidiger Fürstenwaldes hat den Ball im Spielaufbau völlig unbedrängt bei der Annahme verstolpert, sodass Zejnullahu wie aus dem Nichts heraus alleine auf Torwart Büchel zulaufen kann. Eroll bleibt eiskalt und schiebt den Ball flach in die Ecke. In Folge kommt Union noch zu kleineren Torgelegenheiten, doch nach und nach erlangt Fürstenwalde Zugriff auf das Spiel. Dank der guten Zweikampfhärte und einer recht hohen Motivation, dem Favoriten hier Paroli bieten zu wollen, kann man das Spiel recht ausgeglichen gestalten.

Der Ausgleich in der 35. Minute fällt so auch nicht gänzlich unverdient. Nach einem Rückpass gerät Union-Torwart Moser in Schwierigkeiten, den Ball solide zu verarbeiten. Sein Fehlpass im Spielaufbau mündet in einem Foulspiel von Zejnullahu im Strafraum. Andor Bolyki kann den Elfmeter sicher verwandeln. Kurz darauf geht der Außenseiter beinahe in Führung, doch dieses Mal ist Moser zur Stelle: Rupp scheitert aus Nahdistanz am glänzend reagierenden Keeper.

In der Halbzeitpause profitieren wir davon, dass Fackelmanns Kumpel in Fürstenwalde bei genau der Firma arbeitet, nach der hier das Stadion benannt ist. Aus genau diesem Grund genießt der junge Mann Zugangsrechte zum VIP-Bereich und kann uns warmes Flaschenbier für lau besorgen. Hmm, lecker. Brandenburger Feste muss man feiern, wie sie fallen!

Fürstenwalde nutzt die Pause hingegen, um mehr oder weniger einmal komplett durchzuwechseln und kehrt gleich mit sieben neuen Spielern auf das Feld zurück. Der 1.FC Union Berlin startet personell unverändert und tritt fortan wesentlich dominanter auf. Hosiner verpasst eine gute Flanke nur knapp, der sonnengebräunte Gogia kann die zweite Welle dieses Angriffs mit einem sehenswerten Fernschuss positiv abschließen (53.). Wenige Minuten später erhöht Hosiner auf 3:1, nachdem er wunderbar von Gogia freigespielt wurde. Nach 65 Minuten tauscht dann auch der 1.FC Union acht Spieler auf einen Streich aus und nur 10 Minuten später sorgt der Rasensprenger, der sich während der Partie selbstständig macht, für Erfrischung, Abwechslung und Erheiterung im ansonsten eher banalen Testspielambiente.

In der Schlussphase überbieten sich beide Teams im Auslassen bester Torgelegenheiten. Fürstenwalde (oder besser gesagt Stettin) scheitert aus fünf Metern per Kopf (80.), Gogia ballert einen Handelfmeter nach einem Eckball an die Querlatte (85.) und Ken Reichel bringt in der 88. Minute das Kunststück fertig, den Ball völlig freistehend über das verwaiste Tor zu jagen.

Kurz darauf hat Schiedsrichter Riemer aus Eisenhüttenstadt ein Einsehen und pfeift die Partie bei immer noch sengender Hitze ab. Etwas gezeichnet von der Sonne und dem warmen Stadionbier schleppen sich Fetti und seine Freunde in das „Red Fox“, wo es vor der Rückfahrt noch eine ordentliche Stärkung gibt. Am Ende vergisst man bei Speis und Trank beinahe die Uhrzeit und kann nahezu dankbar sein, dass man als Schwein ganz offensichtlich keinen Zutritt in das „Filmtheater Union“ erhält. So schafft es FUDU pünktlich zu 21.50 Uhr – und somit ganze drei Minuten vor Abfahrt des Zuges – auf den Bahnsteig. Auch auf dem Rückweg bleibt die Kontrolle des abermals nur 4,20 € teuren Billets aus. Da kann man wirklich nur von Glück reden, dass die Testspielagentur Unions an der einen oder anderen Stelle etwas genauer hinschaut. /hvg

04.07.2018 Chemnitzer FC – 1.FC Union Berlin 1:3 (0:0) / Werner-Seelenbinder-Sportstätten / 939 Zs.

Vor 11 Jahren ist der VfB Herzberg 100 Jahre alt geworden. Zur Feier des Tages wurde damals ein Fußballspiel zwischen dem 1.FC Union Berlin und dem FC Energie Cottbus auf dem Hauptfeld der Werner-Seelenbinder-Sportstätten vor 3.150 Zuschauern abgehalten. 11 Jahre später, der eine oder andere Rechenfuchs mag es vielleicht bereits erraten haben, feiert die Fußballabteilung des VfB Herzberg ihr Jubiläum bereits zum 111. Mal. Doppelten Grund zur Freude haben die Herzberger, da auch ihre Kegelabteilung im Jahre 2018 nullt: Bereits seit 60 Jahren kann man an der Elster eine ruhige Kugel schieben. Zu diesem spektakulären Doppelereignis ist abermals der 1.FC Union Berlin eingeladen. Ich sage meine Teilnahme an der Veranstaltung zu, ohne zu wissen, ob wir anlässlich des Fußballjubiläums oder zum Kegeln eingeladen sind.

Einige wenige Tage später ist klar, dass es am 04.07. um 18.30 Uhr um Fußball gehen wird. Gott sei Dank. Der Gegner der ersten auswärts stattfindenden Partie der Sommervorbereitung auf den Bundesligaaufstieg wird der nationale Chemnitzer FC sein. Da müssen die tapferen Kicker aus Herzberge wohl erst 150 werden, um wenigstens einmal selbst gegen den großen 1.FC Union Berlin antreten zu dürfen.

Anpfiff um 18.30 Uhr, planmäßiger Feierabend um 15.30 Uhr. Die Distanz zwischen meiner Arbeitsstelle und dem Austragungsort beträgt lediglich 122 Kilometer. Vielleicht waren auch das die Koordinaten, die mich spontan zusagen ließen. Nun rückt der Tag des Spieles immer näher und ich stelle bei der ersten ernsthaften Recherche nach Bahnverbindungen fest, dass das ganze Unterfangen aufgrund der ungünstigen Zugtaktungen doch auf sehr wackeligen Beinen steht.

So kommt es, dass ich am 04.07. um 11.30 Uhr mit der Arbeit beginne, um 12.00 Uhr meine Mittagspause genieße, um dann im Anschluss die Kollegin zu bitten, die Arbeitsstelle heute ausnahmsweise bereits um 14.30 Uhr verlassen zu dürfen. Let me tell you ´bout hard work! Aber bei diesem vermaledeiten S2-Schienenersatzverkehr in die Innenstadt und des daraus resultierenden Umwegs über Bernau, um von hier mit der Regionalbahn zum Hauptbahnhof vorzustoßen, führt an dieser schäbigen Bettelei leider kein Weg dran vorbei.

Kurz vor dem Bahnhof Gesundbrunnen kommt es für meine Regionalbahn zu einem außerplanmäßigen Halt. Es ist bereits 15.43 Uhr und der zwingend benötigte Anschlusszug in Richtung Jüterbog soll bereits um 16.06 Uhr abfahren. Von Minute zu Minute steigt meine Nervosität und die SMS-Drähte glühen. Meine beiden Kompagnons, die bereits am Hauptbahnhof herumlungern, versprechen, die Abfahrt des Zuges ohne mich schon zu verhindern zu wissen und sich notfalls in die Tür zu stellen. Um 15.56 Uhr setzen wir uns am Gesundbrunnen in Bewegung. Erwartete Ankunftszeit am Hauptbahnhof: 16.05 Uhr. Na, passt doch.

Mit einem beherzten Sprint quer über den Bahnsteig rette ich mich pünktlich in den Anschlusszug. Soviel Stress hat es nach diesem harten Arbeitstag nun wirklich gerade noch gebraucht! In der Mitte des Zuges treffe ich auf meine Verbündeten, die – wie versprochen – quer in der Tür hängen und die Ärmel für den erwarteten Kampf gegen den Schaffner bereits hochgekrempelt haben. Freundlicherweise haben mir die beiden sogar ein Feierabendbier gekauft und so kann man es sich im Anschluss dieser sportlichen Höchstleistungen im Gang des hoffnungslos überfüllten Zuges, der heute auch diverse Hippies kutschiert, die es auf das „Wurzelfestival“ in Niedergörsdorf verschlagen wird, gemütlich machen.

In Herzberg angekommen, schreit uns direkt ein überdimensioniertes Holzschild am Ortseingang ein herzliches Willkommen ins Gesicht. Noch trennen uns 3,3 Kilometer von den Werner-Seelenbinder-Sportstätten und so gilt es im Rahmen eines Dauermarschs erneut, unsere ganze Sportlichkeit unter Beweis zu stellen. Die olympischen Ringe samt Feuerschale am Stadion sind untrügliches Zeichen dafür, dass wir unseren Marathon zu einem erfolgreichen Ende gebracht haben, die Dorfdicken in Jogginghosen dafür, dass hier schon lange niemand mehr ernsthaft für Olympia trainiert hat.

Allgemein ist das Publikum auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig. Unioner und Chemnitzer Kutten stehen wild durcheinander gemischt und der Dorfpöbel hat einfach das angezogen, was im Kleiderschrank noch am meisten nach Fußball ausgesehen hat. Ob man jetzt zwangsläufig ein Dynamo-Dresden-Trikot als Ausgehanzug nutzen muss, wenn man ein Spiel zwischen dem Chemnitzer FC und dem 1.FC Union Berlin an einem neutralen Ort sehen mag, darf gerne an anderer Stelle diskutiert werden.

Eine richtige Augenweide ist jedoch das Stadion, welches über eine wirklich beeindruckend große Haupttribüne mit 416 Sitzplätzen verfügt, auf die so manch ein Berliner Oberligist oder Regionalligist aus der Region (Grüße nach Bautzen und Neugersdorf, zum Beispiel) neidisch sein dürfte. Tief in der brandenburgischen Provinz, in den Niederungen der achten Liga, wartet man darüber hinaus auch noch mit einem echten Wimbledon-Teppich auf, den man Gerüchten zu Folge den Großherren von Robby Bubble Leipzig zu verdanken hat. Angeblich hätten diese anlässlich eines Trainingslagers und eines Testspiels die Rasenqualität der Sportstätten als zu minderwertig empfunden und flugs aus eigener Tasche nachgebessert. Es findet sich jedoch keinerlei Verifikation dieser Geschichte im Internet, amüsant wäre es aber schon, wenn sich diese Anekdote 2015 im Vorlauf des Benefizspiels zwischen Leipzig und dem Berliner AK wirklich zugetragen hätte. Auch hier hätte der VfB Herzberg bei einem besonderen Spiel also nur zuschauen dürfen…

Während das Spiel läuft, machen sogleich die nächsten Gerüchte die Runde. Angeblich würde Simon Hedlund keine großen Hoffnungen auf viele Einsatzzeiten hegen und kurz vor dem Absprung stehen. Als Interessent wird der Barnsley FC genannt, immerhin ein englischer Drittligist, sodass man rumänisch seriös mit einer Einnahme von ungefähr 19 Millionen Pfund planen kann. Auch das Testspiel bei den Queens Park Rangers wirft seine Schatten voraus und ist bestimmendes Gesprächsthema. Die Vorfreude auf diesen Ausflug ist bei allen Anwesenden mit Händen greifbar und etwas fassungslos schaut man doch drein, als ein Insider die Zahl der bereits verkauften Tickets für den Gästeblock in London auf 1.300 beziffert. Nach drei Tagen Vorverkauf!

Da huscht doch ein weiteres Lächeln über unsere sonnengegerbten Gesichter. Noch immer zeigt das Thermometer stolze 29 Grad, auf dem Rasen hinterlässt der Viertligist aus Chemnitz, der vom Ex-Unioner David Bergner auf der Trainerbank wieder in den bezahlten Fußball zurückgeführt werden soll, den etwas besseren Eindruck. Die Neuzugänge Unions (Mees, Hübner, Reichel, Andersson) fallen weniger auf, als die beiden Trinkpausen, die auch wir an der Sportplatzreling für weitere Erfrischungen nutzen.

Im zweiten Spielabschnitt werden dann auch endlich die neuen Tore, die sich der gastgebende Verein zum 111. Geburtstag gegönnt hat, angemessen eingeweiht. Mit einem schnellen Doppelschlag nach Wiederanpfiff schrauben Hedlund und Redondo das Ergebnis bis zur 49. Minute auf 2:0 in die Höhe. Kurz darauf kann Chemnitz‘ Božić verkürzen, ehe es nach einer Stunde zu einer regelrechten Wechselarie kommt, die einen Bruch in das Spiel bringt. Manuel Schmiedebach ist als Sechser jedoch gleich so präsent, dass man sich so weit aus dem Fenster lehnen und sagen wird: Der wird uns noch eine Menge Freude bereiten. Nach einer flachen Hereingabe von der rechten Seite stellt Marvin Friedrich knapp 20 Minuten vor Abpfiff der Partie den Endstand her, weil Lenz kurz vor Feierabend noch gehörig einen verbaselt, um so die Aufmerksamkeit seines schweizer Trainers zu erhaschen. Aber ob das bei seinem neuen Coach wirklich urs gut ankam?

Den lockeren Aufgalopp in die Spielzeit 18/19 gedenken die FUDU-Schweine in einer Dorfpinte mit Speis und Trank ausklingen zu lassen. Leider stellt sich beim ersten Dorfbummel schnell heraus, dass man hier um 20.30 Uhr bereits die Bürgersteige hochklappt. Alle Lokalitäten haben bereits geschlossen – sogar die Gaststätte, die laut Aushang erst ab übermorgen schließen und sich einen Urlaub bis zum 11.08. gönnen wird. Wer hat, der kann!

Kurz darauf haben sich die Ethnologen FUDUs, die sich gerne einmal in ihrer Freizeit mit fremden Kulturen und ihren Riten, Bräuchen und Verhaltensweisen auseinandersetzen, darauf besonnen, wie der gemeine Brandenburger in seinem Lebensumfeld auf die Bürgersteighochklappproblematik reagiert: Er trifft sich an der Tanke.

Also zieht es auch FUDU vorbei an Wald, Wiesen hinaus zu ARAL, dem Sonnenuntergang entgegen. Und in der Tat, hier sitzen sie, die geschlechtsreifen Stammeshalter der Elbe-Elster-Niederung, auf Klappstühlen vor der Waschanlage, ihre aufgemotzten Volkswagen dekorativ vor sich aufgereiht. Die ARAL-Servicekraft hat FUDU kurz darauf ein Ciabatta und einen überbackenen Bockwurstsnack verkauft und einen Hot Dog wie eine lukullische Weltsensation angepreist, so als sei ihr vor kurzem der Leibhaftige erschienen. „Der ist jetzt ganz neu im Sortiment, super lecker, müsst ihr probieren!“ – da lässt sich der Städter nicht zwei Mal bitten und schlägt zu. An Kreativität nicht zu überbieten. Eine Wurst im Brot. Muss man erst einmal drauf kommen.

Immerhin bewahrt uns die gute Dame vor einem Irrweg, da es sich bei dem zweiten Bahnhof der Stadt Herzberg, zu dem wir beinahe fälschlicherweise gelaufen wären, lediglich um einen Busbahnhof handelt. Hier hätten wir uns eventuell in der „Schweinebar“ beim vergeblichen Warten auf einen Regionalzug trösten können, so sie denn geöffnet gehabt hätte.

Dank des freundlichen Hinweises der Hot-Dog-Fee treten wir so aber die knapp zwei Kilometer auf direktem Wege zum echten Bahnhof an. Jäger und Sammler außergewöhnlicher Immobilien sollten zum Abschluss des Berichts noch darauf hingewiesen werden, dass das Bahnhofsgebäude Herzbergs aktuell zum Verkauf angeboten wird. Noch wird es aber bewohnt – offenbar von einem sehr freundlichen Menschen, der nun aus seinem Domizil heraus die wartenden Unioner, gezeichnet von der Hitze des Tages und den Reisestrapazen, mit Trinkwasser versorgt.

Knappe 90 Minuten später ist Berlin erreicht. Morgen werden wir die Saisonvorbereitung in Fürstenwalde fortsetzen. Und spätestens zum 150. Geburtstag kehren wir nach Herzberg an der Elster zurück. Es sei denn, einem von uns überkommt schon vorher ein unbändiger Appetit auf Hot Dogs. /hvg

16.06.2018 Berliner SC – SV Tasmania Berlin 2:2 (2:1) / Hubertussportplatz / 50 Zs.

Heute hat Fetti einen Tagesausflug nach Grunewald geplant. Berlin-Grunewald ist ja bekanntermaßen der Teil der Stadt, in dem das abgehängte Prekariat separiert am Stadtrand sein tristes Dasein fristet. Damit diese armen Seelen untereinander nicht in Kontakt treten können, wohnen sie nicht etwa in Mehrfamilienhäusern, sondern in abgesonderten und hermetisch abgeriegelten Stadtvillen. Auch den Austausch mit dem Rest der Berliner Bevölkerung wissen die Hintermänner dieses Paralleluniversums geschickt zu verhindern. So endete der letzte Fluchtversuch eines Hinter(grune)wäldlers damit, dass ein Künstler das verwendete Fluchtfahrzeug schlicht und ergreifend abgefangen und in Beton gegossen hat. Noch immer steht dieses Mahnmal in der Nähe des S-Bahnhofs Halensee am Rathenauplatz und kann von der interessierten Weltöffentlichkeit bestaunt werden.

Das Strandbad Halensee nennt sich dank irgendeines Marketingstudenten „Ku’damm Beach“ und besticht durch exklusive Atmosphäre im „Grand Café“, feinsten Sandstrand und luxuriöse Sonnenliegen in elegantem Weiß. Selbst bei dem überaus fairen Eintrittspreis von gerade einmal 12 € kann sich in diesem sozialen Brennpunkt bedauerlicherweise niemand den Besuch des Freibades leisten und so zeigt sich der „Ku’damm Beach“ heute menschenleer. Aus reiner Rücksichtnahme auf all die Abgehängten verzichtet Fetti auf einen Strandbesuch und somit auch darauf, seinen unendlichen Reichtum zur Schau zu stellen. Die 120-minütige Wartezeit bis zum Anpfiff wird er auch anderweitig überbrücken können und parallel zu dieser hoffnungsvollen Losung trudeln die ersten positiven Nachrichten seiner Freunde ein. Im Laufe der nächsten Stunden werden sich auch der Hoollege und Günter Hermann durch den Stadtdschungel bis in dieses Elendsviertel vorkämpfen.

Fetti zieht es zwecks Zeitüberbrückung an den Hubertussee. Der Hubertussee ist 1889 künstlich erschaffen worden und wird nun aus der Straßenentwässerung des umliegenden Wohngebiets gespeist. Weitere Wasserzufuhr erfährt er übrigens aus dem Herthasee, was letztlich die besorgniserregende und gesundheitsgefährdende Wasserqualität erklären sollte. Hier ist Baden strengstens verboten und damit sich die ohnehin bereits Dahinsiechenden aus der Nachbarschaft nicht auch noch zusätzlich mit Kolibakterien verseuchen, sind die villenähnlichen Gefängnisse in Ufernähe mannshoch eingezäunt. Manchmal muss man Menschen eben vor sich selbst schützen.

Auf der Suche nach einem Bier stellt Fetti kopfschüttelnd fest, dass es auch um die Versorgungslage vor Ort nicht gut bestellt ist. Anschläge an Bäumen und Anhänger krimineller Vereinigungen (ruhig Blut, Herr Innenminister!) bieten Eigentumswohnungen und Katzen feil. Hier versucht man offenbar wirklich alles zu Geld zu machen. Fetti, durstig, aber voll des Mitleids, erschrickt kurz darauf und schaudert, als die SS durch die Straßen marschiert. Im Hintergrund parken mit Hakenkreuzfahnen geschmückte Militärfahrzeuge vor einem mondänen Herrenhaus. Nazis! Ach, die gibt’s hier noch? Fetti ist ganz offenbar einer großen Sache auf der Spur, doch eine neongelbe Warnweste mit dem mysteriösen Aufdruck „Filmcrew“ weiß geschickt zu verhindern, dass er Beweisfotos anfertigen kann.

Immerhin stößt Fetti kurz darauf dank dieses erfrischenden Ausflugs nach Nazideutschland auf einen Einkaufsladen der Handelskette „Netto City“. Hier gibt es Dosenbier in wohlig warmer Raumtemperatur käuflich zu erwerben. Fetti schlägt angesichts der verheerenden Zustände, die er bislang erleben musste, dennoch zu. „Verdurstet im Grunewald“ ist wirklich nichts, was man auf seinem Grabstein stehen haben mag.

Mit der Bierdose in der Hand wird der Spaziergang fortgesetzt. Fetti passiert die Botschaft des Staates Israel und überlegt kurz, ob er mal klingeln und das mit den Nazis brühwarm weitertratschen sollte. Ein Schutzmann schaut grimmig herüber und verhindert so, dass sich Fetti näher herantraut, um die gutgemeinte Warnung auszusprechen.

Es verbleibt immer noch eine dreiviertel Stunde bis zum Anpfiff. Fetti stellt die leere Bierdose an den Straßenrand. Nur wenige Minuten später nähert sich ein Mann in Polohemd und Lederslippern – anhand des verwahrlost schief sitzenden Kragens deutlich als Unterschichtler zu erkennen – schaut sich verschämt um und greift dann beherzt zu. Wie schlimm es um dieses Banlieue bestellt ist, wird Fetti erst in diesem Moment eindringlich klar. Hier müssen die Menschen sogar den Müll von der Straße sammeln. Die politische Aktion „Dose runter! 25 Cent zur Rettung des Grunewalds!“ wird zeitnah initiiert.

Fetti spaziert in Folge dieses Trauerspiels noch einmal 650 Meter zurück, um sich das Bismarck-Denkmal am Bismarckplatz anschauen zu können. Da steht er, der Otto! Gut behütet, den Hering unter dem langen Mantel versteckt, der muskulöse Vierbeiner treudoof neben ihm. „Hübschet Tier“, würde Günter jetzt sagen, wäre er schon in Gruselwald angekommen.

Nur noch 30 Minuten bis zum Anpfiff. Die Schweinefußsohlen qualmen ein wenig. Fetti spielt mit dem Gedanken, einen Bus zu besteigen. Jenes Fortbewegungsmittel der einfachen Leute, die kein Geld für Benzin besitzen und gerne einmal auf Sitzgelegenheiten Platz nehmen, von denen man nicht genau weiß, welche Flüssigkeiten sich in welcher Häufigkeit bereits auf ihnen befunden haben. Da die Station am Sportplatz jedoch „Herthastraße“ heißt, verzichtet Fetti auf diese wohl heftigste Grenzerfahrung der heutigen Expedition, mobilisiert die letzten Kraftreserven und erreicht den „Hubertussportplatz“ fußläufig, ermattet, pünktlich.

Hier trifft heute am letzten Spieltag der Berlin-Liga der ortsansässige Berliner SC in einem unbedeutsamen Spiel auf den SV Tasmania Berlin. In der Zwischenzeit ist auch der Hoollege eingetroffen und so freut man sich gemeinsam, dass man den Sportplatz unentgeltlich betreten darf. Wir nehmen auf grauen Sitzschalen auf einem Nebenfeld Platz, da das Hauptfeld an diesem Nachmittag für die rugbyspielende Bevölkerung reserviert ist. Klar, dass diese barbarische Klopperei von den Grunewalder Rednecks eher goutiert wird als das elitäre Fußballspiel.

Trainerlegende Wolfgang Sandhowe schleppt sich mit Hüftschaden die Treppen herunter und während wir im Stadionheft amüsiert feststellen, dass seine Frau mit ihrem Bestattungsunternehmen zu den Sponsoren des Vereins zählt, nimmt auch Günter neben uns Platz. FUDU ist also vollzählig, als Schiedsrichter Metin Ucar, der heute das letzte Spiel seiner Karriere leiten wird, mit einem Blumenstrauß und einigen warmen Worten bedacht wird. Bereits in der vergangenen Woche hatten sich FUDUs Wege mit denen Ucars gekreuzt. So wird das Blog noch zum Fortsetzungsroman – liest man nicht alle Artikel, kommt man irgendwann gar nicht mehr rein…

Der Anpfiff verzögert sich um zehn Minuten. Zeit, um sich im Casino noch eben auf die Schnelle mit einem kleinen Bayreuther oder Veltins im gelben Plastikbecher ohne Eichstrich für 2,20 € zu bewaffnen. Auf die Frage, wie viel Bier der Becher fassen würde, antwortet der Zapfer nicht zufriedenstellend: „So annähernd 0,3. Kommt halt drauf an, wie viel Schaum mit drin ist“. Echt keine Kultur hier.

Tasmania geht durch Kirli sehr früh in Führung, nachdem man bereits einen vielversprechenden Angriff ausgelassen hatte. In der 11. und 13. Minute muss Wolfgang Sandhowe zwei eklatante Abwehrfehler seiner Mannen notieren, doch beide Ausrutscher lässt Tas ungesühnt. Mit dem ersten Angriff der eigenen Farben kann Ex-Unioner Ricky Djan-Okai mit seinem 23. Saisontreffer die Partie etwas überraschend ausgleichen (24.). Nur fünf Minuten später kommt es noch besser, als Kota Murakami mit einem schönen Rechtsschuss in die lange Ecke für die insgesamt eher unverdiente Halbzeitführung des BSC sorgen kann.

Nach Wiederanpfiff vergibt Djan-Okai die letzte gute Gelegenheit seiner Mannschaft. Die Partie trudelt im Stile eines klassischen Sommerkicks 30 Minuten ereignislos vor sich her, ehe sie dann in der letzten Viertelstunde noch einmal explodiert. Unser Lieblingsspieler Nicola Thiele, bislang mit einigen maßgeschneiderten Diagonalbällen positiv aufgefallen, erzielt mit einem geschickten und eleganten Heber aus vollem Lauf in die lange Ecke das 2:2 (72.). Da jubelt der kleine, aber feine Tasmanen-Gästeanhang ausgelassen. Nachdem sich BSC-Akteur Burak Nas wegen Drüberhaltens die gelb-rote Karte eingehandelt hat, setzt Thiele zum Schlussakkord an, doch leider trifft sein sehenswerter Fernschuss lediglich die Querlatte. Kurz darauf sammelt Wolfgang Sandhowe schwerfällig die Eckfahnen ein und sieht hierbei etwas älter aus als das Bismarck-Denkmal.

Uns zieht es nach Schlusspfiff in die Stadiongastronomie, in der irgendein Banause im weißen Kochjäckchen vor dem Grill steht. Die Salatbar ist üppig gefüllt, doch die Preisgestaltung intransparent. Der Hoollege soll sich einfach so viel auftun, wie er mag – der „Koch“ würde dann schon sagen, wie teuer die Mahlzeit wäre. Schön die Städter verarschen – dit ham wa jerne.

Dennoch verweilen wir noch ein wenig und erleben gemeinsam mit dem Subproletariat den zeitlos schönen WM-Klassiker Argentinien gegen Island vor dem TV-Bildschirm. Am Ende entführen die tapferen Wikinger nach beeindruckendem Kampf einen Punkt aus der Schlacht. Der eine oder andere Randberliner mag angesichts der Spieler aus fernen Ländern womöglich vom Reisen und der weiten Welt geträumt haben. Ein kurzer Moment der Hoffnung, zerplatzt wie eine Seifenblase, wohlwissend, dass Träume und Reisen in Ghetto-Grunewald spätestens am Rathenauplatz enden. Manchmal sogar in Beton. /hvg

10.06.2018 Türkiyemspor Berlin 1978 – Berlin Hilalspor 1:1 (0:0) / Katzbachstadion / 150 Zs.

Der Verfassungsschutz hat längst festgestellt, dass es in den beiden Organisationen „FUDU“ und „FABIO“ deutliche Überschneidungen in den Mitgliederkarteien gibt. Heute lädt „FABIO Deutschland“ zu seiner alljährlichen Mitgliederversammlung in einen Kreuzberger Hinterhof und gleich drei säumige FUDU-Jünger lassen sich die Chance nicht entgehen, ihre FABIO-Ausstände zu begleichen. Mit großer Gelassenheit lauscht man den Rechenschaftsberichten des Vorstands und blickt der Liveschalte nach Uganda erwartungsfroh entgegen. „Ugandaschorsch“, ausgewanderter Unioner und Ehrenmitglied FUDUs, berichtet mit afrikanischer Lässigkeit über Tücken des Alltags, aber auch über Erfolge der ersten Projekte. Wer den einen oder anderen Euro übrig und bereits genug für DEUTSCHE ODBACHLOSE!!1! getan haben sollte, ist herzlich eingeladen, auch „unsere“ gute Sache mit einer Spende oder einer Mitgliedschaft zu unterstützen.

Die Mitgliederversammlung ist noch nicht ganz an ihrem Ende angelangt, als Fackelmann und ich uns bereits wieder auf dem Sprung befinden. Im nur wenige Meter entfernten „Katzbachstadion“, welches mittlerweile offiziell nach dem ehemaligen Kreuzberger Bezirksbürgermeister Willy Kressmann benannt ist, empfängt heute Türkiyemspor Berlin seine Kreuzberger Nachbarn von Hilalspor zum Derby der Landesliga. Beinahe ganz Kreuzberg ist auf den Beinen, um der Partie des Tabellenzweiten gegen den Dritten am vorletzten Spieltag beizuwohnen. Es riecht nach Aufstieg! Vermutlich wäre auch „Texas-Willy“ mit von der Partie gewesen und vermutlich hätte auch er angesichts von 6 € Eintritt (bei einer besonders fair gestalteten Ermäßigung von 5 € – dafür lohnt sich ja nicht einmal die Studentenlüge…) die unscheinbaren Augenbrauen gerümpft.

Wenige Minuten vor Anpfiff huschen wir etwas in Eile durch den Stadioneinlass. Auf den ersten Blick können die hungrigen und durstigen FUDU-Schweine keinen Grill und keinen Getränkeausschank erspähen, was aber nicht vollends verwundert. Der Fastenmonat Ramadan wird erst in vier Tagen mit dem Zuckerfest enden und so genießt die Catering-Frage heute für viele türkischstämmige Besucher keine oberste Priorität.

Bei leichtem Gewittergrummeln machen wir es uns auf der Gegengerade bequem. Einige hundert Besucher fluten das an zwei Seiten mit Stehstufen ausgebaute Berliner Fußballkleinod. Die offizielle Zuschauerzahl soll später auf 150 taxiert werden, während in dem euphorischen Spielbericht auf der vereinseigenen Website von „über 500“ Fans die Rede sein wird. Die Wahrheit liegt mutmaßlich irgendwo dazwischen – und sowieso immer auf dem Platz…

… auf welchem es die ersten 25 Minuten recht nickelig zugeht. Viele Foulspiele bestimmen das Bild zwischen den Teams, die beide von der selben türkischen Versicherungsagentur finanziell unterstützt werden. Noch mag in dem Spitzenspiel kein wirklicher Spielfluss aufkommen, ehe ziemlich starker Regen einsetzt und auf den beiden Geraden eine bunte Regenschirmparade gezeigt wird. Besonders kreativ werden einige Zuschauer, die Werbeplanen vom Zaun lösen, um sie als Regenschutz verwenden zu können. Noch nie zuvor hat die Firma „Jako“ so etwas gutes für den Fußballsport getan…

Nach 32 Minuten gibt es den ersten Aufreger zu bestaunen. Und wer hätte auch nur ansatzweise ahnen können, dass es sich bei diesem Aufreger des Kreuzberger Lokalderbys zwischen Türkiyemspor und Hilalspor um eine Tätlichkeit handeln würde? Türkiyems Beyazit Taflan streckt Hilalspors Tahsin Özkara jedenfalls mit einem beherzten Faustschlag auf den Solarplexus zu Boden, gänzlich unbemerkt von Schiedsrichter Stolze. Wer weiß, ob Schiedsrichter Metin Ucar, der eigentlich für diese Partie angesetzt war, dieses Vergehen geahndet hätte. Hilalspor hatte im Vorfeld der Partie allerdings Protest gegen diese Schiedsrichter-Ansetzung eingelegt, da Ucar wenige Wochen zuvor ein Jubiläumsspiel von Türkiyemspor-Legenden geleitet hatte. Beeindruckend in jedem Fall, dass die Allzweckwaffe Eisspray auch in dieser Situation zum Einsatz kommt und Özkara so lange die Brust vereist bekommt, bis er sich aus Sorge vor Erfrierungen recht schnell aufraffen kann, das Fußballspiel fortzusetzen.

Kurz vor dem Ende des ersten Spielabschnitts drehen die Gäste noch einmal auf. Mit einem Fernschuss (38.) senden sie ein erstes Warnsignal und spätestens in der 45.+1 wäre die Führung fällig gewesen, doch Stoßstürmer Caliskan mit der 99 auf dem Rücken scheitert per Kopf aus Nahdistanz eher kläglich.

In der Halbzeitpause stürmen Kinder auf das Feld und dürfen die Sportanlage zum Knödeln nutzen. Mein Gott, da hätte uns Platzwart Lothar aber früher den Marsch geblasen, hätten wir uns das damals während der Kreisligaspiele der ersten Männer getraut. Wir freuen uns zunächst über soviel südländische Gelassenheit und dann darüber, in einem kleinen gekachelten Häuschen doch einen Versorgungsstand entdeckt zu haben. Ein freundlicher Herr mit Migrationshintergrund erklärt uns das System und wie wir uns in die Warteschlangen einzureihen hätten. Ein bisschen Lothar steckt ganz offensichtlich in allen von uns. Am Ende des Procedere wandern je eine Sucuk – frisch zubereitet in einer kleinen Pfanne auf mobiler Kochplatte – und Limonade der Marke „Uludağ Gazoz“ in unseren Besitzstand.

In der zweiten Halbzeit traut sich auch der Gastgeber etwas aus der Defensive. In den Spielminuten 45-60 verzeichnet Türkiyem einen guten Angriff, eine gefährliche Situation nach einem Eckstoß und eine Großchance nach einer verpatzten Kopfballrückgabe der Gäste – drei gute Gelegenheiten, die allerdings allesamt nicht in Tore umgemünzt werden können. Wesentlich effektiver zeigen sich da die Gäste, die nur kurz darauf durch Temel in Führung gehen können. Ein schöner Heber in den Lauf des Spielgestalters hatte die gesamte Abwehr ausgehebelt.

Der „Stimmungskern“ Türkiyems setzt nun auch die Pauke ein, um seine Mannen nach vorne zu peitschen. Drei zarte Kinderstimmchen skandieren „Türkiyem“ – das war es aber auch schon in Punkto Atmosphäre. In den späten 1980er Jahren wurde diesbezüglich sicherlich etwas mehr geboten, als regelmäßig mehrere Tausend Menschen das „Katzbachstadion“ in einen Hexenkessel verwandelten. Kreuzberger Punks, Alternative, Tagediebe und Migranten standen Seite an Seite und begleiteten Türkiyemspor durch die Oberliga. Noch heute erzählt man sich von dem legendären Derby gegen Hertha BSC im Jahre 1987, als 12.000 Zuschauer im Poststadion mehrheitlich den Kreuzbergern die Daumen drückten. Mehrere Jahre in Folge scheiterte Türkiyem nur denkbar knapp am Aufstieg in die 2. Bundesliga. Der rasante Absturz erfolgte in den 1990er Jahren und setzte sich im neuen Jahrhundert nahtlos fort. 2011 musste der Club schließlich Insolvenz anmelden. Nach dem Abstieg aus der Berlin-Liga spielt man seit 2013 nur noch siebtklassig.

Nun könnte man pünktlich zum 40. Vereinsgeburtstag also endlich einmal wieder einen Schritt nach oben gehen, auch wenn dies vor Saisonbeginn der von Lars Mrosko trainierten Mannschaft niemand zugetraut hatte. Doch noch haben die Gäste, die heute die Favoritenrolle inne haben und vor der Saison das Ziel „Aufstieg“ offen propagiert hatten, auf dem Spielfeld alles im Griff. Bei schwülwarmen Temperaturen und immer wieder einsetzenden Regenschauern bleibt das Spiel hart umkämpft, ohne dass eines der beiden Teams mit spielerischer Klarheit überzeugen könnte. Die Partie lebt einzig und allein von der Spannung, die die aktuelle Tabellensituation hergibt.

In der 78. Minute hat Türkiyems Mittelfeldlenker Stawrakakis einen genialen Geistesblitz. Mit einem wunderbaren Pass in die Schnittstelle der Abwehrkette schickt er den eingewechselten Gündüzer auf die Reise, der aber im 1:1 gegen Gästekeeper Celik scheitert und nur den Pfosten trifft. Torjäger Bekai Jagne (35 Saisontreffer) kann den Ball aber an der Außenlinie ersprinten und diesen flach in den Rückraum passen. Dort steht Ömer Tetik bereit, um den Ball aus gut 16 Metern unhaltbar in den Winkel zu schweißen. Dem vielumjubelten Ausgleichstreffer folgt ein regelrechter Sturmlauf Hilalspors, doch auch wenn Türkiyems Keeper Lüttschwager in der einen oder anderen Situation nicht den aller sattelfestesten Eindruck hinterlässt, kommt Türkiyem glimpflich davon. Mit einem 1:1 hat man nun alles selbst in der Hand – gelingt am letzten Spieltag ein Sieg in Adlershof, ist die Rückkehr in die Berlin-Liga perfekt.

Fetti und seine Freunde zieht es nach bislang alkoholfreiem Fußballrausch schleunigst in den benachbarten Biergarten „Golgatha“. Von der Dachterrasse hat man bei einem kühlen Bier beste Sicht in das Stadion und auch die nächste wasserfallartige Starkregeneinheit lässt sich unter den gespannten Schirmen unbeschadet überstehen. Um den touristischen Anteil des Tagesausflugs, der uns bislang gedanklich nach Uganda, Texas und in die Türkei geführt hatte, nun auch um eine Berliner Ebene zu erweitern, gönnt sich FUDU im Anschluss noch einen kurzen Besuch des Viktoriaparks mit Kreuzberg und Wasserfall. Und nicht nur Willy Kressmann weiß: Für diese Art von Wasserfall braucht es weder Schirm, noch Jako-Plane, noch Stetson-Hut. Was Willy Kressmann vielleicht nicht ad hoc wüsste, ist, dass der Verlauf des Wasserfalls dem des Zackelfalls im Riesengebirge nachempfunden wurde und dass der Kreuzberg, von welchem er herunterfällt, exakt 66 Meter hoch ist. Erst 1821 wurde der ehemalige „Sandberg“, „runder Weinberg“ oder „Tempelhofer Berg“ auf seinen heute gültigen Namen getauft, als König Friedrich Wilhelm das deutsche Nationaldenkmal für die Siege in den Befreiungskriegen feierlich eröffnete. Und so kann Fetti endlich einmal etwas weitergebildet erleichtert sein eisernes Kreuz hinter diesen Tag setzen. /hvg

09.06.2018 SG Union Klosterfelde – SV Falkensee-Finkenkrug 0:0 (0:0) / Sportplatz an der Mühlenstraße / 83 Zs.

Am vorletzten Spieltag der Brandenburgliga geht es noch richtig um die Wurst. Sowohl die Mannen aus Klosterfelde als auch die aus Falkensee-Finkenkrug haben zwei Spieltage vor Ultimo nur vier Punkte Vorsprung vor dem ersten Abstiegsrang, den aktuell Waltersdorf innehält. Dank des guten Wetters bin auch ich hochmotiviert und nehme mir am Samstag vor, möglichst früh aufzustehen und noch vor dem Spiel einen Abstecher zum Wandlitzsee zu unternehmen.

Selbstverständlich scheitert dieser Plan daran, dass ich undiszipliniert lange schlafe. Dennoch verbleibt nach dem Wachwerden eine Zugverbindung, die mich pünktlich zum Anpfiff nach Klosterfelde befördern kann. So trete ich also den Weg nach Berlin-Karow an, um dort die „Heidekrautbahn“ nach Klosterfelde via Wandlitz besteigen zu können. Es ist zunächst der gleiche Fahrtweg, den ich tagtäglich zur Arbeitsstelle zurücklegen muss und kurz ärgere ich mich darüber, dass ich jetzt auch noch am Wochenende im Norden Pankows herumlungern muss.

Nun also stehe ich – später als gehofft, aber so rechtzeitig wie nötig – am vollkommen überfüllten Bahnhof Karow und reihe mich in die Schlange vor dem Ticketautomaten ein. Es verbleiben noch gute zehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Genau in dem Moment, in dem der Zug in den Bahnhof einfährt, druckt der Automat schließlich mein Ticket aus. Eine klassische Punktlandung, die mich zu einem kurzen Sprint nötigt, damit mir die Bahn nicht unmittelbar vor der Nase davonfährt. Einen Sprint, den ich mir hätte sparen können, heißt doch die Aufgabe des überaus entspannten Zugbegleiters in den kommenden 10-15 Minuten, alle Menschen und Fahrräder zu stapeln, die sich Zugang zu dem bereits maximal ausgelasteten Personenbeförderungsmittel verschaffen wollen. Angesichts unzähliger englischsprachiger Touristen an Bord scheint der Wandlitzsee nun wahrlich kein Insidertipp mehr zu sein. Danke, Tripadvisor!

Am Bahnhof Wandlitzsee hat sich der Zug dann schlagartig geleert und die wenig verbliebenen Fahrgäste, die irgendwo hier in der Pampa wohnen oder zum Hoppen nach Klosterfelde fahren wollen, atmen erleichtert auf.

Im Anschluss verschaffe ich mir einen kurzen Überblick über die heftige Dorftristesse in Klosterfelde, seines Zeichens Ortsteil von Wandlitz. Das Schulgebäude ist für (vermutlich alle vier) Grund- und Oberschüler des Ortes gedacht. Eine Mutter ruft ihre Kinder zu Kaffee und Kuchen zu Tisch. „Samantha, Sarafina, Sara-Jane und Estefania, hochkommen jetzte!“ – und bei Gott, ich hoffe, dass es sich hierbei um einen verdammt guten Scherz handelt und dass man sich in Klosterfelde in der Namensgebung der eigenen Kinder nicht etwa von den Trailerpark-Wollnys animieren lassen hat. Ich entscheide jedenfalls, nicht länger spazieren zu gehen als nötig und steuere kurz nach dieser Grenzerfahrung zielstrebig den „Sportplatz an der Mühlenstraße“ an.

Dort läuft noch die zweite Halbzeit des Vorspiels. Der rumänische Kassenwart meldet sich per Liveschalte aus Craiova: „Ja, geil, dann kommst Du heute ja umsonst rein!“, aber da hat er seine Rechnung ohne den Kassierer der SG Union gemacht. „Die Zweite spielt nur noch eine halbe Stunde – die schenk ick Dir. Aber für das Spiel danach sind 5 € fällig!“ Ich zahle artig, melde zurück, dass man hier auch bei rechtzeitigem Erscheinen nicht um eine Zahlung drumrum(änien) kommt und bestaune die Qualität der Rasenfläche. Das war es aber auch schon, was in der Mühlenstraße für Verzückung sorgt. Es gibt keinerlei Ausbauten, nur auf der Hauptseite des Feldes hat man neben dem Kabinentrakt einige höhergelegene Stehstufen errichtet. Aufgrund der angrenzenden Häuser, des Nebenplatzes, der Gastronomie und der Straße, gibt es hier auch keinerlei Potential für mehr. In Klosterfelde wird man also bis in alle Ewigkeit auf einem Dorfsportplatz spielen und die Brandenburgliga stellt ganz offenbar das höchste der Gefühle dar.

Für mich bleibt noch genügend Zeit, um ein leckeres Hacksteak vom Grill zu verköstigen, während die Akteure Falkensees das Aufwärmprogramm auf dem benachbarten Knöchelbruchacker recht schnell abbrechen. Dann lieber doch nur Muskelerwärmungsübungen in der Kabine. Beim Sammeln dieser Eindrücke werde ich etwas argwöhnisch von „zwölften Mann“ der SG Union beäugt. Der zwölfte Mann, das sind in Klosterfelde von links nach rechts (mutmaßlich): Manfred, Sven, Dieter, Rayko, Karl-Heinz, Jürgen, Klaus, Peter, Wilfried und Lothar, die hier auf einer Art Mannschaftsbild neben dem Versorgungsstand für die Ewigkeit festgehalten worden sind.

Mich zieht es im Anschluss auf die einzige „Tribüne“ in unmittelbare Nachbarschaft des Gästefanblocks, der von den Fußballfreunden aus Falkensee bei Spandau (Wie schlimm kann es eigentlich noch werden?) mit einigen schönen Zaun- und Schwenkfahnen optisch enorm aufgewertet wird. Zudem lockt mich ein Stehtisch in Fußballfeldoptik an und ich kann mit meinen schäbigen Veltins-Bechern die taktische Formation der Klosterfelder im Verlauf des Spiels bestens nachstellen und deren Fehler fachmännisch analysieren. Nach fünfzehn Minuten verzeichne ich meinen ersten Ballkontakt. Diesen Ball hatte ich natürlich längst antizipiert und kann ihn nun unter Applaus der Falkenseer locker volley mit dem rechten Fuß zurückspielen, weiß ich doch als erfahrener Sechstligahase mittlerweile längst, wo Freistöße in der Regel landen, wenn irgendein Breitensportler versucht, eine Standardvariante scharf auf den langen Pfosten zu ziehen. Dabei sieht das im Fernsehen immer so einfach aus.

In der 17. Minute rollt ein Eckball der SG Union in Zeitlupentempo vorbei an Freund und Feind durch den Strafraum. Diese Szene ist sinnbildlich für diesen Sommerkick, in welchem man sich gegenseitig nicht weh tun mag und sich daher bis dato außer Mittelfeldgeplänkel nicht sonderlich viel ereignet hat. Ein Schelm, der an dieser Stelle darauf hinweist, dass beide Mannschaften mit einem Remis an diesem 29. von insgesamt 30 Spieltagen nach Menschengedenken den Klassenerhalt sicher haben sollten. Zum Star des ersten Spielabschnitts schwingt sich derweil der Schiedsrichterassistent auf, der sämtliche verbalen Angriffe der Falkenseer Spieler mit einer rotzig-arroganten Hochnäsigkeit kontert, die ihresgleichen sucht. „Guck zum Ball, Dein Gequatsche interessiert mich nicht!“ oder „Du hast mir nix zu sagen, aber wenn ich die Fahne hebe, habe ich Dir etwas zu sagen – das ist der Unterschied!“

Sechzehn Minuten nach der ersten Trinkpause bei sengender Hitze gelingt Klosterfelde so etwas wie ein Abschluss, der allerdings dermaßen weit über das Tor streicht, dass er niemals Erwähnung gefunden hätte, hätte es darüber hinaus ernsthafte Torchancen gegeben.

In der zweiten Halbzeit läuft die Partie gerade einmal eine Viertelstunde, als Klosterfeldes Jerôme Ehweiner im gegnerischen Strafraum zu einem unnachahmlichen Seitfallzieher ansetzt. Bedauerlich, dass das Spielgerät bei Fertigstellung seiner akrobatischen Übung schon lange aus dem Gefahrengebiet befördert worden war und nun nur noch ein Falkenseer Verteidigerkopf zum wenig umjubelten Einschlag bereit steht. Die Konsequenz: Gelb-Rot. Wie sang schon Lykke Li? Ooh, ooh Jerôme!

Nach 63 Minuten brennt es endlich einmal lichterloh im Strafraum der Falkenseer und einige langgezogene Union-Schlachtrufe des zwölften Mannes schallen durch das mit lediglich 83 Zuschauern spärlich gefüllte Rund. Nach 68 Minuten wäre beinahe der erlösende Treffer gefallen, doch Unions Laletin scheitert nach einer Ecke per Kopf am Pfosten. Während sich Laletin kurz darauf bei einer zweiten Trinkpause von dem Negativerlebnis erholen kann, schwinden meine Hoffnungen, hier an Ort und Stelle ein Tor miterleben zu dürfen.

Die Sonne brutzelt ohne Erbarmen auf die schwitzenden Spieler und Zuschauer hinab. Das Spiel bleibt erschreckend farblos – oder wie es sportbuzzer.de zusammenfassen wird: „Die Torwarte auf beiden Seiten brauchten die gesamten 90 Minuten so gut wie keine Paraden zeigen und waren eigentlich nur mit Abstößen beschäftigt.“ Da stößt es einem schon besonders übel auf, dass einem nun andere Truppenteile FUDUs von ihren Brandenburger Dorfplätzen die lange Nase drehen. „In Lübben gibt es jetzt Freibier“, ist eine dieser Nachrichten, über die man sich – empathisch wie eh und je – bei hochsommerlichen Temperaturen und einem biederen 0:0 natürlich besonders freut und dann geradezu ausufernd von seinen Erlebnissen im Parallelspiel berichten mag. Oder man antwortet eben so etwas wie: „Schön. Hier nicht!“.

Der letzte Gag des Tages verpufft, als klar wird, dass der eingewechselte Christian Stender gar nicht Stender, sonder Schlender heißt. Auch der Schiedsrichter hat die Nase gestrichen voll, pfeift die Partie zwei Minuten vor dem regulären Ende ab und sorgt (auch dank der Niederlage Woltersdorfs) für Klassenerhaltsjubel auf beiden Seiten.

Nach der Partie kehre ich im „MiEtropa-Bistro“ am Bahnhof Klosterfelde ein und verpasse bei Bier und Currywurst meinen Zug zum Wandlitzsee. Diese logistische Meisterleistung führt dazu, dass ich mich leicht angetrunken dazu aufraffen kann, die verbleibenden 6,7 Kilometer bis zum See zu Fuß zurückzulegen. Weitere 88 Minuten später stromere ich um private Grundstücke mit eigenen Anlegestellen herum und suche verzweifelt nach einem Zugang zum Gewässer für das niedere Fußvolk. Irgendwann habe ich in der Abenddämmerung eine Badestelle gefunden und kann auch endlich das „Bad im Wandlitzsee“ von meiner To-Do-Liste streichen.

Am Bahnhof Wandlitzsee ist der Bahnsteig erneut hoffnungslos überfüllt. Ich habe den Tag über an Kraftreserven eingebüßt und zeige mich auf dem Slalom-Parcours zum Ticketautomaten weniger kämpferisch als heute Morgen. Es gilt nun die altbewährte Devise: „Wer blau ist, fährt schwarz“. Schade, dass der entspannte Zugbegleiter von heute Morgen nun seinen frustrierten Bruder zur Abendschicht geschickt hat. Während in der Frühe noch alles mit einem Lächeln im Gesicht im Sinne friedlicher Koexistenz moderiert werden konnte, ist es nun ein unlösbares Politikum, dass Fahrräder an „nicht vorgeschriebenen Stellen“ abgeparkt worden sind. Der Zugbegleiter fordert, dass „mindestens drei Radfahrer“ den Zug zu verlassen haben. Die Fahrgäste an Bord sind sich jedoch einig, dass kein einziger Radfahrer auch nur annähernd stört und einer Abfahrt würde nun eigentlich nichts mehr im Wege stehen, hätte das Anti-Konflikt-Team der Niederbarnimer Eisenbahn sich nicht soeben dazu entschlossen, die Maschinen herunterzufahren und die Bundespolizei zur Räumung des Zuges (!!!) dazuzurufen.

Unter diesen Umständen können sich dann doch drei Drahteselbesitzer kopfschüttelnd dazu durchringen, den Zug zu verlassen und nur kurz darauf startet der Gratisshuttle in Richtung Berlin-Karow. Mit noch leicht klammer Buchse, zwei im Sinn und einem im Tee geht mein Tagesausflug zu Ende. Und wenn ich irgendwann einmal den 1.FV Eintracht Wandlitz besuchen werde, dann gelingt es mir sicherlich auch, vor Anpfiff einen längeren Aufenthalt am See einzurichten. /hvg

 

03.06.2018 SC Staaken 1919 – Tennis Borussia Berlin 2:0 (0:0) / Sportpark Staaken / 323 Zs.

Staaken-Hahneberg. Der Alptraum unserer Jugend, die wir im Norden Berlins verbringen mussten. Bis an das Ende unserer Tage wird dieser Ortsname mit der bitteren Erkenntnis verbunden bleiben, im Nachtbus nach Hause eingeschlafen zu sein. Wer auch nur einmal an der Endstation Staaken-Hahneberg erwacht ist, weiß, was es bedeutet, wenn man aus Versehen gut 22 Kilometer zu weit gefahren ist. Da ich ansonsten keinerlei Berührungspunkte mit diesem abgelegenen Winkel Berlins habe, steht für mich dennoch eine Reise in unbekanntes Terrain an. Der SC Staaken 1919 wird heute in der Oberliga Nordost-Nord den Champions-League-Aspiranten in lila und weiß zum Stelldichein empfangen.

Wann immer ich fremdes Gefilde bereise, belese ich mich im Vorfeld über das Reiseziel. So auch am heutigen Morgen des 03. Juni. Dank Wikipedia erfahre ich, was mich rund um den „Sportpark Staaken“ so alles erwarten wird. Der Stadtteil Spandaus hat einen alten Dorfkern zu bieten, die Wohnsiedlung „Gartenstadt Staaken“, die zu den bedeutendsten Berliner Bau- und Gartendenkmälern des 20. Jahrhunderts zählt, sowie architektonisch weniger spektakuläre Neubausiedlungen der 1960er und 70er Jahre in Neu-Staaken. Hahneberg hat offenbar neben dem Hahneberg (65 stolze Meter hoch!) für neugierige Touristen auch ein Fort im Portfolio. Aufgrund seiner Rolle im geteilten Deutschland darf man darüber hinaus durchaus von einer historischen Relevanz sprechen, wenn man seinen Blick auf Staaken richtet. Zu Zeiten des Kalten Krieges war das Siedlungsgelände wegen der Nähe zur Berliner Mauer zu Sperrgebiet erklärt worden. Auf der anderen Seite der Berliner Mauer befand sich das von West-Berlin losgelöste West-Staaken, welches am 01.06.1952 auf die zur DDR gehörige Gemeinde Falkensee übertragen wurde. Hier kam am 03.12.1965 niemand geringeres als Katarina Witt zur Welt. So entscheiden eben manchmal wenige schicksalhafte Meter darüber, welchem politischen System man sein hübsches Antlitz zur Verfügung stellen muss. Am 01. Januar 1971 wurde West-Staaken dann ausgegliedert und bildete fortan die Gemeinde Staaken in der DDR. Nach der Wende war „das schönste Gesicht des Sozialismus“ übrigens exakt 148 Tage lang mit MacGyver liiert – aber ich schweife womöglich etwas ab.

Richte ich die Konzentration also lieber auf die Frage, wie Berlin-Staaken bestmöglich zu erreichen ist. Die Website der Deutschen Bahn schlägt mir vor, einen ICE vom Ostbahnhof nach Spandau zu nehmen und taxiert hierfür 8,60 € mit der Bahncard25. Interessante Idee, innerhalb der eigenen Stadt mit einem Fernverkehrszug zum Hoppen zu fahren, sinniere ich vor mir hin, als mir der rumänische Kassenwart aus dem Nichts heraus eine Nackenschelle gibt. Okay, dann wird es wohl doch die Regionalbahn werden, die mich um 12.58 Uhr im Rahmen des BVG-Abonnements für lau in 15 Minuten Fahrzeit vom Hauptbahnhof nach Staaken Central Station befördern wird.

Mit einigen wenigen TeBe-Fans verlasse ich die Regionalbahn und erhasche auf dem Weg zum Sportpark erste Eindrücke der Gartenstadt. Eine beklemmende Spießigkeit liegt in der Luft, welche kurz vor dem Erreichen des Sportparks kulminiert. Neben Blumenkübeln und kitschigen Lebensweisheiten auf Holztäfelchen grüßt hier zu allem Überfluss beinahe vor jeder Tür ein Kunststoffdackel vorbeilaufende Passanten.

Für schlanke 5 € erhalte ich ermäßigten Eintritt und ein Stadionheftchen, ohne lästige Gegenfragen beantworten oder Nachweise erbringen zu müssen. Auf den sündhaft süßen Donut eines Sponsoren verzichte ich höflich und bereite mich gedanklich auf die Partie vor. Schon im Hinspiel war FUDU übrigens Zeuge einer geschlossenen Mannschaftsleistung der Staakener geworden, die dazu führte, dem Staffelfavoriten aus dem Mommsenstadion einen Punkt abzuluchsen.

Besondere Brisanz erfährt die heutige Partie dadurch, dass es am 10.05.2018 im Rahmen des U19-Pokalfinales, welches Tennis Borussia letztlich mit 2:1 für sich entscheiden konnte, zwischen Staakener und Charlottenburger Fans zu Handgreiflichkeiten samt Polizeieinsatz gekommen war. Die Ursache für die Auseinandersetzung ist dem Autor nicht bekannt, es steht aber die Vermutung im Raum, dass irgendein Staakener Senior zu oft „negativ“ gesagt hat oder schlecht über seinen Urlaub auf Lesbos gesprochen hat. Irgendein Moralapostel vom Eichkamp wird dann schon im richtigen Moment genau das gehört haben, was er gerne hören wollte.

Trotz der Vorzeichen gibt es heute keine sichtbare Polizeipräsenz auf dem Kunstrasenplatz mit vielleicht 200 Sitzschalen und der breitensporttypischen Reling zum Abstützen. Tennis Borussia ist mit annähernd 150 Mensch*innen angereist, die sich im Verlauf des Spiels aber jedweden akustisch vernehmbaren Supports verwehren werden. Cheftrainer Thomas Brdarić hat indes unlängst bekanntgegeben, dass er Tennis Borussia als Sprungbrett in den höherklassigen Fußball nutzen und zu Rot-Weiß Erfurt wechseln wird und auch der Aufstieg in die Regionalliga ist in weite Ferne gerückt. Am letzten Spieltag der Oberliga-Saison führt Optik Rathenow die Tabelle nahezu uneinholbar an. Tennis Borussia fehlen vor Anpfiff der Partie drei Punkte und stolze 11 Tore, um die Optiker in einem furiosen Schlussspurt abfangen zu können.

Aber was kümmern mich am Wochenende schon die Probleme anderer, denke ich mir, während ich mich dazu entschließe, mir noch eben schnell eine Sucuk vom Grill im Brötchen mit geheimer Soße aus dem Plastikeimer für sehr kulante 1,50 € und ein Bier der Marke „Schaumparty“ für alles relativierende 2,60 € zu gönnen.

Das Spiel beginnt. Schon in den ersten fünfzehn Minuten lässt Tennis Borussia eine „All-In-Mentalität“ vollends vermissen. Anstatt alles nach vorne zu werfen, um das Wunder zu ermöglichen, erlangt man stupide Spielkontrolle durch Ballsicherheit und Quergeschiebe im Mittelfeld. Die ersten etwas mutigeren Angriffe samt zweier Abschlüsse können dann sogar die Staakener für sich verbuchen, die die Saison als Aufsteiger mit einem Sieg auf einem sehr guten 5. Rang beenden könnten. Im Hintergrund rauschen Fernzüge durch das Ambiente, während ein Kind vom Nebenplatz einen Ball über den Zaun auf das Oberliga-Spielfeld schießt und für eine Spielunterbrechung sorgt (24.). Spätestens jetzt fühlt man sich wie in der Kreisliga, konterkariert durch einen TeBe-Fan, der einen Staakener Kleingärtner stolz darauf hinweist, dass ihr Trainer einst Nationalspieler war.

In einem ansonsten ereignisarmen Spiel wird eine vermeintliche Abseitsfehlentscheidung des Linienrichters zum größten Aufreger der ersten halben Stunde. Hätte er die Fahne nicht gehoben, wäre Staakens Stürmer urplötzlich im 1:1 Duell mit TeBe-Keeper Flauder gewesen. So aber bleibt für den Stadionsprecher genügend Zeit, die Berliner A-Jugend-Meisterschaft zu feiern – mit einem 3:3 Remis gegen den Frohnauer SC hatten die Staakener Jungspunde um 11.00 Uhr den Aufstieg in die Regionalliga perfekt gemacht. Die Flanke, die abgefälscht durch ein TeBe-Bein in der 36. Minute beinahe im Gehäuse der Charlottenburger eingeschlagen wäre, geht im Hupkonzert einiger A-Jugendlicher unter, die den Platz noch während der ersten Halbzeit mangels Interesse verlassen.

Sie verpassen, wie auch die Borussen zu leidtragenden der Entscheidungen des Schiedsrichtergespanns werden. In der 52. Minute pfeift Referee Wessel einen lupenreinen Vorteil ab und nimmt TeBe so die Chance, einen brandgefährlichen Konter auszuspielen. Vier Minuten später scheitert Rockenbach da Silva per Kopf – und dann ist es vorbei mit der lila-weißen Herrlichkeit. Spätestens als Gigold mit seinem 20. Saisontreffer in der 62. Minute mit Hilfe des Innenpfostens die Führung gelingt, sind hier alle Messen gesungen. Schön, dass sich die verliebenden A-Jugendlichen nun an die Auseinandersetzungen im Berliner Pokalfinale erinnern und bierselig die eine oder andere Provokation von der Reling auf den Breitensportkunstrasen entsenden. TeBe-Vollprofi Iyad Al-Khalaf lässt sich nicht zwei Mal bitten und erhält nach einer Tätlichkeit sowie stattlichen Spuckens in das Publikum eine rote Karte.

Plötzlich fühlen sich die 150 Tennisnasen unheimlich unfair behandelt und man unterstellt den Gastgebern zum Himmel schreiende Unsportlichkeit. Natürlich stellt man noch einmal zur Schau, dass man wegen des Finales über die Maße nachtragend ist, vermutlich besonders wegen des Lesbos-Skandals. Dass genau diesen Grantler*innen das 0:2 durch Engel in der 79. Minute vollkommen egal ist, passt nur in das bereits fertiggestellte Bild. Fußball ist denen wirklich nicht sonderlich wichtig.

11 Minuten später steht fest: Tennis Borussia ist der Klassenerhalt gelungen. Ich gratuliere herzlich und verlasse den Sportpark mit einem weiteren Schaumbier in der Hand. Nur wenige Minuten später treffe ich vor der Sportanlage auf den ungeduschten Karim Benyamina, der offenbar auch nicht länger in Staaken verweilen will, als nötig. Vor seinem unprätentiösen Oberliga-Mustang verwickele ich ihn in ein kurzes Gespräch: „Da haben sie dich ja ganz schön in der Luft hängen lassen da vorne!“ – „Ja, was soll ich machen, ich bin 37!“ – „War trotzdem schön, Dich mal wieder spielen zu sehen, Eisern bleiben!“, woraufhin Karim sich ein Grinsen nicht verkneifen kann und mit einem „Eisern“ zurückgrüßt, während 2-3 TeBe-Gestalten ungläubig guckend an mir und ihrem Starstürmer vorbeihuschen.

Mir bleibt nun genügend Zeit, das vorbereitete Sightseeing in Staaken-Hahneberg bei bestem Wetter abzuspulen. Gartenstadt, Dorfkirche, Mauerweg. Eine Gedenktafel erinnert an Dieter Wohlfahrt, der am 09.12.1961 als Fluchthelfer von DDR-Grenzposten erschossen wurde. Wahrlich, manchmal gibt es eben doch wichtigeres als Fußball – es sei denn, man ist gerade beim Fußball. Und so werfe ich nur noch einen kurzen Blick auf das Fort Hahneberg von 1888 und halte dann fest: Staaken-Hahneberg. Ein guter Ort, um wieder fort zu fahren. Oder eben schlicht und ergreifend: Der Alptraum unserer Jugend. /hvg