202 202 FUDUTOURS International 23.11.20 23:11:16

31.05.2019 Brøndby IF – Randers FC 4:2 (0:1) / Brøndby Stadion / 16.773 Zs.

Wieder einmal erwachen wir im dänischen Fußballkeller, ohne dass wir auch nur den Hauch einer Ahnung davon haben, wie spät es wohl sein mag. Hier unten gibt es alles, was das Herz begehrt: Eine Bar, eine Großbildleinwand, Fußballtrikots an den Wänden und Matratzen auf dem Boden. Nur Tageslicht hat dieser wunderbare Ort eben noch nie gesehen und so wird der erste Schlaf in Allerød nach kräftezehrenden Arbeits- und Reisewochen in schöner Regelmäßigkeit bis in die Mittagsstunden ausgedehnt.

Kaum sind die Augen geöffnet, werden Pläne für den weiteren Tagesverlauf geschmiedet. Durch die unterirdische Unterkunft inspiriert, klicken wir uns sogleich durch die Niederungen des dänischen Vereinsfußballs und siehe da, heute könnte man in der „Danmarksserien“ Herlev IF einen Besuch abstatten oder aber seine Visitenkarte bei der FA2000 in Frederiksberg abgeben. Mit knurrendem Magen und diesem Potpourri an guten Vorschlägen wandeln wir die Kellertreppe hinauf. Ebenerdig scheint bereits die Sonne, das Kind des Hauses tobt in Uniongeschenken vergangener Urlaube durch das Wohnzimmer und obwohl es noch nicht einmal 13.00 Uhr geschlagen hat, ist der Frühstückstisch bereits für uns gedeckt. Klar, dass unsere viertklassigen Ideen in diesem Setting nicht all zu gut ankommen. Hier hat man bereits Größeres für uns vorbereitet. In einem „Do-Or-Die“-Spiel gegen Randers könnte sich Brøndby heute Abend immerhin noch gerade eben so für die Qualifikation für den UEFA-Cup qualifizieren und da gleich drei unserer dänischer Freunde samt Kind und Kegel Interesse an einem Stadionbesuch ankündigen, willigen wir natürlich begeistert ein. Nur Fetti rümpft im Hintergrund unauffällig den Rüssel – das dritte Mal nach 2013 und 2016 ins „Brøndby Stadion“? Ist das noch Hopping?

Da Brøndby erst um 19.00 Uhr zum K.O.-Spiel zum Tanz bitten wird, bleibt für FUDU und Friends auch nach dem späten Frühstück ein großer Zeitrahmen, der mit Inhalt gefüllt werden mag. Da morgen das Champions-League-Finale und das traditionell dazugehörige Grillfest auf dem Programm stehen, entschließt man sich, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und den „Fiskehoved“ auf seiner sagenumwobenen Arbeitsstelle zu besuchen. Der Legende nach veräußert er in einem Luxus-Supermarkt Edelfische, Meeresfrüchte und sündhaft teure Delikatessen an eine elitäre Käuferschaft im Nobelvorort Gentofte, Ortsteil Charlottenlund. Gentofte ist nicht weniger als die „reichste Kommune Dänemarks“ und „weist hauptsächlich exklusive Wohnlagen für Pendler nach Kopenhagen auf“. Genau der richtige Ort also, um uns mit sicherlich günstigem Grillgut eindecken und den tätowierten Armen unseres Freundes mal bei der Arbeit zusehen zu können.

Nach knappen 25 Minuten Fahrt haben wir die imposante Fischtheke erreicht. Hier steht „Ebo“, wie er leibt und lebt. Bunt bemalt und weiß bekittelt nimmt er uns herzlich in Empfang, spricht gewohnt routiniert über Bier, Fußball und zotige Videofilmchen, spielt und albert dann mit dem Kind herum und bedient parallel hierzu die Yuppie-Kundschaft, bestehend aus dänischen Dandys und alten Männern mit Polokrägen und Seglerschuhen, überaus adäquat. Der Mann ist wandlungsfähiger als ein Chamäleon – und kann uns ganz nebenbei auch einige Scampi-Spieße für das morgige BBQ zu einem angemessenen Preis veräußern. Wir verabreden uns für den Kick im „Brøndby Stadion“, ehe der Chef zu drängeln beginnt, packen schnell blattgüldenes Fleisch, Dänemarks bestes Brot, feinstes Bier und erlesene Grillsaucen in den Einkaufswagen und verlassen das „MENY“ überaus zufrieden. So fühlt es sich also an, wenn man an einem Tag ohne Arbeit etwas geschafft hat.

Im Anschluss führt uns unser Weg nach Hellerup, wo wir unser kleines Mittagshüngerchen im „Picnic“ an der Strandpromenade stillen können. Ein Stück Pizza und das dazugehörige Bier gibt es für stolze 92 DKK (~ 12,50 €) käuflich zu erwerben, dafür erhält man zusätzlich dänischen Sonnenschein und kann vom Pier auf den gar nicht mal so schönen Nordhavn schauen. Einige furchtlose Dänen stürzen sich bei 12° Luft- und 10° Wassertemperaturen in den Øresund und ein alter Mann um die 70 spult sein beeindruckendes Sportprogramm ab, während wir faul auf den Sonnenstühlen herumgammeln. Der Senior rennt den Strand auf und ab, geht schwimmen, rennt weiter hin und her, springt Springseil und präsentiert uns am Ende seiner Trainingseinheit stolz seinen athletischen Oberkörper. Wir trinken in aller Seelenruhe aus, in der Gewissheit, dass wir ja noch mindestens 30 Jahre Zeit haben, ehe wir mit Sport beginnen müssen, um so auszusehen. Kannst dein T-Shirt also wieder anziehen, Angeber!

Nun erfüllt uns unser Gastgeber einen weiteren Wunsch und wählt nicht etwa den direkten Weg zurück nach Allerød, sondern fährt immer weiter der wunderbaren Küstenstraße entlang. Wir erhaschen weitere Blicke auf den schönen Øresund bis wir in Rungsted Kyst mit dem alten Hafen kurz vor der Nivå Bugt leider doch wieder landeinwärts einbiegen müssen. Schon wirklich schön hier vor den Toren Københavns, aber nun ist es doch langsam an der Zeit, sich gedanklich endlich einmal mit dem Thema Fußball zu befassen.

Beginnen wir doch damit, uns einen Überblick über den Modus zu verschaffen, der dieses Jahr in der dänischen „Superliga“ greift. 14 Mannschaften spielen eine Doppelrunde, nach der sich die besten sechs Teams für die Meister- und die schlechteren acht für die Abstiegsrunde qualifizieren. Die Meisterrunde spielt eine weitere Doppelrunde unter Mitnahme der Punkte aus der Vorrunde, um final den Meister krönen zu können, während die acht schlechteren Teams in zwei Vierergruppen aufgeteilt werden. Die jeweils zwei schlechtesten Teams beider Gruppen können in anschließenden Play-Downs zuerst gegeneinander und dann auch noch mal gegen die Zweitligisten, die nicht direkt aufsteigen durften, nach dem letzten Strohhalm greifen. Damit alles nicht zu nachvollziehbar bleibt, ist die Saison für den Fünften und Sechsten der Meisterrunde übrigens nach 36 Spielen in jedem Fall ohne Chance auf Europapokaleinzug beendet, während die vier besten Mannschaften der beiden Abstiegs-Vierergruppen plötzlich wieder dick im Geschäft sind. Aarhus, Sønderjysk, Aalborg und Randers wittern nun jedenfalls wieder europäische Morgenluft, während die über den Saisonverlauf betrachtet eigentlich besseren Teams aus Odense und Nordsjælland schön in die Röhre gucken. Auch für den AC Horsens ist es denkbar schlecht gelaufen – als 10. der regulären Saison ist man in den letzten zehn Spielen dummerweise noch von Sønderjysk überholt worden und muss nun gegen den Abstieg statt um Europa kämpfen. Brøndby, das die reguläre Saison nur als Fünfter beendet hatte und nun nur dank der um acht Tore besseren Tordifferenz gegenüber Odense noch auf den vierten Platz der Meisterrunde vorrücken konnte, ist somit für das Finalspiel um Europa gesetzt und genießt in dem K.O.-Spiel zusätzlich Heimrecht. In der Zwischenzeit haben Aarhus, Sønderjysk, Aalborg und Randers in zwei Runden mit Hin- und Rückspiel den Finalgegner ermittelt. Und ich wiederhole: Wegen acht Toren ist die Saison für Odense beendet, obwohl man in der regulären Saison vier Punkte mehr hatte als Brøndby, sechs mehr als Nordsjælland, acht mehr als Randers, elf mehr als Aarhus und vierzehn mehr als Sønderjysk. Soweit alles klar?

Brøndby kann die turbulente Saison heute zu einem versöhnlichen Abschluss bringen. Obwohl die Fans als überaus leidenschaftlich und loyal zu beschreiben sind und der Zuschauerschnitt von 14.437 in der regulären bzw. 18.426 in der Meisterrunde diesbezüglich Bände spricht, hat man sich für dieses besondere Spiel zusätzlich einige attraktive Aktionen für seine treuen Anhänger ausgedacht, um die Hütte zum Abschluss der Saison noch einmal richtig voll zu bekommen. Die Aktivitäten rund um das Stadion (DJ Zingernagel legt in der „Fan-Zone“ auf) werden von FUDU noch milde belächelt, aber die Idee, das komplette Stadion in gelb zu tauchen („Gult Stadion!“), gefällt. Zumal Brøndby allen Stadionbesuchern, die in gelben Trikots erscheinen, den Zugang zu einer Tribünenseite kostenlos zur Verfügung stellt. Wie praktisch, dass sich mein Brøndby-Trikot bereits im Reisegepäck befindet und sich der Einkauf von 2014
(→ Langzeitinvestition) somit endgültig amortisiert hat.

Darüber hinaus bietet Brøndby eine überaus attraktive 20%-Rabattaktion auf alle gelben Trikots im Fanshop an und lockt so das Couponing-Extreme-Pärchen in den Konsumrausch. Schließlich fehlt noch ein gelbes Shirt zum kompletten FUDU-Gratiseintritt und des Hoollegen Bruder freut sich ganz bestimmt über ein Simon-Hedlund-Nicki zum Geburtstag. Einkauf und Beflockung nehmen im dichten Dänengedrängel doch einiges an Zeit in Anspruch und schon längst haben wir uns von unseren Gastgebern verabschieden müssen. Ihre Dauer- und Tageskarten sind für den Schnorrer-Sektor natürlich nicht gültig und so müssen wir das Spiel leider getrennt voneinander verfolgen. Hätten wir das in dieser Form gewusst, wer weiß, ob wir nicht doch lieber nach Herlev oder Frederiksberg gefahren wären…

Nun aber „Brøndby-Stadion“. Simon Hedlund, die geile Würgeschlange, fehlt leider gesperrt. Im letzten Meisterrundenspiel gegen Odense hatte er Hand an den Hals des Gegners angelegt und wurde nach 81 Minuten zum Duschen geschickt. Dafür agiert auf der Gegenseite in Björn Kopplin ein anderer alter Bekannter aus Berlin-Köpenick und mit Bier und Pølser für 82,50 DKK machen wir es uns auf der schattigen Tribüne bequem.

Die 16.773 Besucher sind dem Aufruf des Vereins gefolgt und haben das Stadion komplett in leuchtendes gelb gehüllt, wobei die Sonne zusätzlich für unterstützende Lichteffekte sorgt. Ein imposantes Bild, welches nur durch den hellblauen Gästeblock aus Randers getrübt wird. Brøndby-Coach Martin Retov muss mit dem zweifelhaften Erbe leben, das Alexander Zorniger ihm hinterlassen hat und so finden sich auf dem Feld mit Jung und Kaiser leider zwei Ex-Markranstädter wieder. Das Tor wird von Marvin Schwäbe gehütet und auf der Ersatzbank sitzen mit Halimi, Bellot und Röcker weitere bekannte Namen aus (längst vergangenen!) Zweitligazeiten Unions. Da hat wohl jemand seine „guten“ Kontakte nach Deutschland spielen lassen…

In der Zwischenzeit sind auf dem Rasen 30 ereignislose Minuten ins Land gegangen. Beide Mannschaften haben nicht mehr als Stückwerk anbieten können und die einzige Halbchance, die sich für Brøndby nach einem Fehlabspiel durch Randers-Schlussmann Carlgren ergeben hatte, konnte Top-Torjäger Kamil Wilczek nicht nutzen. Nach 35 Minuten hat die Frau der Reisegruppe genug gesehen und entscheidet zur Vermeidung langer Schlangen vor WC und Bierstand, ihr frisch erworbenes gelbes Shirt nicht länger als nötig auf der Tribüne zur Schau zu stellen. Eine Minute nach ihrem Abgang läuft Mikkel Kallesøe nach Balleroberung gemächlich über das Feld und kann dann vollkommen unbedrängt aus 22 Metern zentral vor dem Tor mit einem Flachschuss abschließen. Komplettversagen der Defensive Brøndbys – kein Druck auf den Gegner im Mittelfeld, eine Abwehr-Dreierkette, die sich nur zurückzieht und sich ebenfalls nicht zu Ball und Gegner orientiert und ein Schwäbe im Tor, der auch nicht besonders gut aussieht. 0:1 nach 36 Minuten – und „Nadjuschka“ noch immer ohne Tor im Rahmen dieses Dänemark-Urlaubs.

Die letzte schöne Aktion der ersten Halbzeit gehört dann Dominik Kaiser, der einen direkten Freistoß in der Nachspielzeit an das Lattenkreuz setzt. FUDU atmet auf. Zwar gönnt man Brøndby einen positiven Saisonabschluss, doch ausgerechnet dieses RBabyface, immerhin lange Zeit DAS Gesicht und Aushängeschild des Retortenclubs, muss nun nicht unbedingt zum umjubelten Held des Abends werden.

In der zweiten Hälfte müssen wir auf Björn Kopplin verzichten, der mutmaßlich verletzungsbedingt nicht aus der Kabine zurückgekehrt ist. Ach, Randers – jetzt fehlt ausgerechnet das beste Pferd im Stall. Mit frischem Bier in den Händen muss dann auch „Nadjuschka“ nicht mehr lange ausharren, bis sie endlich das erste Tor des Urlaubs miterleben kann. Gerade einmal sechs Minuten sind in der zweiten Halbzeit gespielt, als der Randers FC zu einem unnachahmlichen Angriff ansetzt. 12 Stationen, wie die spätere Videoanalyse ergibt, haben gereicht, um Mads Hinrichsen Aaquist im Strafraum freizuspielen, welcher sich die sich bietende Gelegenheit nicht nehmen lässt. Der blaue Block rastet aus, Brøndby zieht in etwa so ein langes Gesicht wie Anders fra Randers. 0:2 – der Traum von Europa scheint ausgeträumt!

Brøndby zeigt aber eine gute Reaktion und drängt darauf, eine schnelle Antwort zu finden. Endlich werden Flanken in den Strafraum geschlagen, Abschlüsse aus der zweiten Reihe gesucht und die Akteure aus Randers in die eigene Hälfte gedrängt. Nur vier Minuten nach dem 0:2 gelingt Kamil Wilczek per Kopf der Anschluss, nachdem die Flanke von links noch zu weit gewesen war und von rechts wieder zurückgeschlagen wurde – so und genau so „arbeitet“ man einen Ball in das gegnerische Tor.

Nun geht ein deutlich spürbarer Ruck durch Stadion und Mannschaft. Manchmal reicht eben ein Momentum, um einen Spielverlauf auf den Kopf zu stellen. Brøndby sucht sein Heil weiter in der Offensive und wird beinahe für sein luftiges Verteidigen bestraft, doch Lobjanidzes Schlenzer verfehlt sein Ziel nur knapp (56.). Hier ist jetzt richtig Leben in der Bude und so dauert es wieder nur 60 Sekunden, bis der nächste spektakuläre Abschluss auf der Gegenseite zu verzeichnen ist. Lasse Vigens Hammer aus knapp 25 Metern kann Carlgren sehenswert mit den Fingerspitzen über die Latte drehen. Brøndby hält die Schlagzahl hoch und Randers bleibt kaum noch Luft zum Atmen. Nach 67 Minuten ist der Druck dann zu groß geworden und eine halbhohe Hereingabe von der rechten Seite in den Rücken der Randers-Abwehr kann Kaiser vom Elfmeterpunkt volley zum Ausgleich verwerten. FUDU jubelt nur so halb.

Auch im Anschluss spielt nur noch Brøndby. Randers scheint die ersten 60 Minuten auf’s falsche Pferd gesetzt zu haben und muss nun müden Auges mit ansehen, wie mit den Hausherren die Gäule durchgehen. Anders wird es ganz anders, als fünf Minuten nach dem Ausgleich die nächste Ecke durch den Strafraum segelt und der eingewechselte Besar Halimi völlig freistehend an der Strafraumkante per Direktabnahme mit dem linken Fuß zum 3:2 verwandeln kann. Wohl das dickste Ding, das die Olsenbande jemals gedreht hat!

Nach 80 Minuten benötigt man im „Brøndby Stadion“ Flutlicht, um den sich abzeichnenden Erfolg angemessen illuminieren zu können. Randers hat nichts mehr zuzusetzen und der letzte 3 auf 1 Konter der Hausherren aus abseitsverdächtiger Position wird zu allem Überfluss auch noch mit einem Eigentor gekrönt (89. Min.). Erst sackt der Unglücksrabe Emil Riis niedergeschlagen auf dem Boden zusammen, kurz darauf tun es ihm seine Mannschaftskameraden gleich. Schiedsrichter Tykgaard hat das Spiel beendet, Brøndbys „Sydsiden“ feiert den kurz vor Schluss eingewechselten Benedikt Röcker, der keinen Anschlussvertrag erhalten wird, auf die Melodie von „I love you Baby“ von Gloria Gaynor und bis Europa sind nun nur noch vier Qualifikationsrunden zu absolvieren.

Wir fallen unseren dänischen Freunden in der „Fan-Zone“ in die Arme und werten freudestrahlend Spiel und Saison aus. Die Freude währt so lange, bis Youssuf Yurary Poulsen neben uns aufzieht und erneut zu Selfies mit Basecap bittet. Dieses Mal hat er seinen Kumpel Uffe Bech im Gepäck und bei Gott, wenn der RB-Trottel morgen auch noch auf Amager nervt, kriegt er von FUDU höchstselbst Uffe Schnauze. Nur gut, dass sich da schon längst Brøndby-Legende Thomas Kahlenberg in die Szenerie geschlichen hat und diesem die Herzen der Fans nur so zufliegen. Da kann sich Youssuf im Hintergrund schön trollen, während wir auf den sportlichen Erfolg und den großen Schritt in Richtung Europa anstoßen. Und irgendwann, irgendwann einmal, spielt Union auch international. Eines Tages vielleicht sogar im „Brøndby Stadion“. Wir würden ein viertes Mal kommen. Versprochen. /hvg

30.05.2019 Lyngby BK – Vendsyssel FF 2:1 (2:1) / Lyngby Stadion / 4.832 Zs.

Es ist vollbracht – der 1.FC Union Berlin ist in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen! Eine rauschende (Montag-)Nacht und zwei weitere Tage voll der Feierlichkeiten liegen hinter Fetti und seinen Freunden, natürlich alles eingebettet in einen gutbürgerlichen Arbeitsalltag. Mittlerweile ist es Donnerstag geworden und endlich sieht auch der Gesetzgeber einen offiziellen Feiertag für die feierwütige Meute vor, weil Christus irgendwann irgendwie in den Himmel gefahren ist. Betrachtet man die letzten Tage rückwirkend, so ist es doch immer wieder bedauerlich, dass Feiertage nicht auf individuelle Bedürfnisse abgestimmt werden, sondern man lediglich aus solch nichtigen religiösen Gründen zur Niederlegung seiner Arbeit gezwungen wird. Wie dem auch sei, FUDU hat sich schon längst gedanklich von Punktspielen in Sandhausen und Heidenheim verabschiedet und reagiert geschickt auf den geschenkten Donnerstag, proklamiert den Freitag als Brückentag und reist nach Dänemark. Ab sofort geht es für uns nämlich nur noch hoch hinaus: Internationaler Fußball, Champagner und Champions League!

Der Start in das verlängerte Wochenende verläuft nach dem kräftezehrenden Wochenauftakt etwas mühsam, trifft man schließlich bereits um sieben Uhr in aller Herrgotts-Himmelfahrtsfrüh im Friedrichshain aufeinander. Der „Japserati“ des FUDU-Pärchens ist bereits auf Hochglanz poliert und feiert heute ein gutes halbes Jahr nach seiner Taufe endlich seine Reisepremiere. Zwar fällt er insgesamt eine Nummer kleiner aus als der altehrwürdige „Tschechenbentley“, der Kofferraum ist jedoch nach wie vor groß genug, um neben dem obligatorischen Kasten „Berliner Pilsner“ auch eine erlesene Auswahl Softdrinks zu fassen. Und so freut sich die Reisegruppe darüber, dass sich alle Automatismen, die sich seit Jahren etabliert haben, auch mit dem neuen Gefährt problemlos fortsetzen lassen. Champions-League-Finale in Dänemark geht eben nur mit Mate zum Frühstück – und schon wird der Tag zum Freund!

Ohne jeden Zeitstress rollt der „Japserati“ mit seinem bundesligatauglichen Füllgut in Rostock ein. Die Fähre nach Gedser verlässt pünktlich um 11.00 Uhr den Fährhafen und schätzungsweise zwei Minuten nach Öffnung des „BorderShop“ nehmen sich die beiden Herren der Reisegruppe das, was ihnen zusteht. Palettenweise Dosenbier und eine Stiege „Faxe Kondi“ wechseln den Besitzer. Erschwert wird der Einkauf durch die bloße Anwesenheit einer weiteren Männergruppe, die sich gewissenhaft auf den Herrentag vorbereitet. Aber nicht jeder verströmt eben eine erstklassige Aura und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis die sportlich-erlebnisorientierte und gleichermaßen drittklassige Hansa-Rostock-Delegation Geleitschutz von der Schiff-Security erhält und auf Schritt und Tritt überwacht wird. Wir lassen uns während dieser Beobachtungen das erste pfandfreie Dosenbier des Tages munden und gammeln gewohnt lässig auf den „Scandlines“-Kunstledermöbeln und schippern gemütlich durch die hohe See. Eine kurze Handyrecherche ergibt, dass wir unserer minutiösen Reiseplanung ein weiteres Fußballspiel hinzufügen könnten. Das Superliga-Relegationsspiel zwischen Lyngby BK und Vendsyssel FF muss offenbar recht kurzfristig für heute Nachmittag angesetzt worden sein, anders ist es nicht zu erklären, dass die Partie bislang gänzlich unter unserem Radar geblieben ist. Zwar haben 2/3 der Clique ihr breites Kreuz bereits 2016 im „Lyngby Stadion“ zur Schau gestellt, doch da die Bedürfnisse der Frau der Reisegruppe von FUDUs Edelmännern selbst am Herrentag nicht (gänzlich) außen vor gelassen werden, ist schnell klar, dass sie heute natürlich ins Stadion darf, um mit uns øliger Entourage ihr fehlendes Kreuz nachholen zu können. Und weil wir solche Gönner sind, darf sie sogar das Auto steuern, sobald wir dänischen Boden erreicht haben. Skål!

Im Verlauf der 160 Kilometer langen Fahrt bis zum „Lyngby Stadion” informieren wir unseren dänischen Gastgeber, dass sich unsere Ankunft in Allerød leider etwas verzögern wird. Es gelingt uns nicht, einen unserer dänischen Freunde zu überzeugen, uns in Lyngby (11.232 Einwohner) Gesellschaft zu leisten. Arbeit, Kinder, Badezimmer renovieren – irgendetwas is ja immer. Kurz darauf halten wir nach Zahlung von 3×130 DKK per Kreditkarte auch schon unsere formschönen schwarz-weißen Eintrittskarten in den Händen und versuchen nun, diese gleichermaßen handlichen wie praktischen Billets vor dem einsetzenden Regen zu schützen. Etwas später stellt sich heraus, dass wir uns soviel Mühe gar nicht hätten geben müssen, da die mobilen Scangeräte am Einlass heute ihren Dienst verweigern und nun den Zuschauern die DINA4-Zettel schlichtweg wieder abgenommen werden. Da kann man ja gespannt sein, welche Aushilfskraft nachher den Stapel Papier in die Hand gedrückt bekommt, um die Zuschauerzahl händisch zu ermitteln. Was muss, das Rasmus!

Die weißen L Y N G B Y – Buchstaben, die 2016 noch die unbebaute Hintertorseite geschmückt hatten, finden sich mittlerweile in einer rumpeligen Abstellkammer unter der Tribüne wieder, dafür weiß schon jetzt der Zuschauerandrang, das bunte Konfetti, das neue Maskottchen der Heimmannschaft mit „Faxe Kondi“ als Brustsponsor und der sangesfreudige Anhang aus dem 350 Kilometer entfernten Vendsyssel zu gefallen. Wir beziehen Position im ehemaligen Gästeblock und kaum hat das Spiel begonnen, geht bei mir die erste Textnachricht aus der „FUDU – Sektion Dänemark” ein. „Murermester Klaus“ würde uns im Stadion suchen. Klar, dass ich mich da nicht zwei Mal bitten lasse und eine einigermaßen exakte Beschreibung unseres aktuellen Standpunkts zurückschicke. Mit einem Auge bekomme ich dabei mit, wie Lyngby-Keeper Mikkelsen nach gerade einmal sechs Minuten den ersten Hochkaräter der Gäste entschärft – Alhaji Kamara hatte nach einer ersten Unordnung im Strafraum aus Nahdistanz aus der Drehung abgezogen. Während die Gäste frühzeitig ordentlich auf die Tube drücken, gehen bei mir weitere Nachrichten ein. Der Maurermeister hätte uns noch nicht gefunden, so voll sei es bei Lyngby schon lange nicht mehr gewesen, schreibt „Kenneth Anger“ und noch bevor ich antworten kann, hat sich die Heimelf auf denkbar günstigste Weise von dem Anfangsdruck der Gäste befreien können, indem es nach einer ersten Flanke von der rechten Seite per Flugkopfball durch Frederik Lund Gytkjær mit 1:0 in Führung (9. Minute) gegangen ist. Das FUDU-Pärchen steht zu diesem Zeitpunkt noch am Bierstand. Ich ziehe mir erneut die Handschuhe aus (→ Dänemark) und beginne in der Annahme, unser dänischer Freund würde sich bereits im Stadion befinden, Blockbezeichnung, Reihen- und Sitzplatznummerierungen in mein Handy zu tippen und verpasse dabei das 1:1 im direkten Gegenzug. Das Tor (wohl Kamara nach Konate-Flanke) müssen wir uns wohl im Verlauf der kommenden Abende alle en Detail vom „Murermester“ schildern lassen, der eine astreine Sicht auf die Szene hatte, wie sich dank der nächsten Nachricht herausstellen wird. Reihenbezeichnungen helfen ihm nämlich überhaupt nicht weiter, da sich Klaus gar nicht vor Ort befindet, sondern sich lediglich am heimischen TV-Bildschirm auf die Suche nach uns gemacht hat. Alt andet end hyggeligt!

In Folge baut das Spiel qualitativ immer weiter ab, doch trotz der hohen Fehlerquote beider Mannschaften, des erstarkenden Windes und des erneut einsetzenden Regens lassen sich die unüberdacht stehenden Gästefans die Laune nicht vermiesen. Ohne Unterlass singen sie gegen die Tristesse an, während sich unsereins daran erfreuen muss, dass der Torlinienrichter von einer verunglückten Flanke über den Haufen geschossen wird. Lange Zeit wird dies das einzige Highlight bleiben, ehe Jeppe Kjær urplötzlich von der rechten Seite frei gespielt wird und nur denkbar knapp an Gästekeeper Nicolai Flø Jepsen scheitert. Die anschließende Ecke landet jedoch genau auf dem Kopf von Lasse Fosgaard, der zum 2:1 für Lyngby einnicken kann (30. Minute). Die Gäste haben beinahe eine unmittelbare Antwort parat, allerdings scheitert der Isländer Þorsteinsson nur 180 Sekunden später aus drei Metern an Mikkelsen, der seine Stärken ganz offensichtlich auf der Linie hat.

Kurz vor der Halbzeitpause ist dann auch die Tarnung von Yussuf Poulsen aufgeflogen, der sich wie bereits anno 2016 unter das Volk gemischt hat. Schon ganz lässig, zwischen den Spielzeiten auf Heimatbesuch zu gehen und seinem alten Jugendclub einen Besuch abzustatten. Wenn er sich auf dem Fußballplatz nicht immer wie das letzte theatralische Arschloch verhalten und die Farben des Leipziger Konstrukts tragen würde, könnte er hierdurch selbst bei uns beinahe Sympathiepunkte sammeln. Und während sich all die Einheimischen in die Selfie-Warteschlange vor Yussuf Yurary begeben, zieht es uns angesichts der großen Kulisse überaus rechtzeitig an den Versorgungsstand. Øl und Pølser gibt es im Rundum-sorglos-Paket für 85 DKK und wir können unsere Plätze locker vor Anpfiff des zweiten Spielabschnitts wieder einnehmen.

Nach gut einer Stunde unterläuft Vendsyssel ein katastrophaler Fehlpass im Spielaufbau. Der Rückpass des Rechtsverteidigers ist jedenfalls deutlich zu kurz geraten, sodass Gytkjær in die Show kommt, der nun urplötzlich auf das Tor des Erstligisten zulaufen kann, am Ende aber völlig überhastet abschließt und eher kläglich scheitert, zumal in der Mitte auch noch ein besser postierter Nebenmann bereitgestanden hätte. Die Gäste brauchen gut zehn Minuten, um sich von diesem Schreck zu erholen und senden dann endlich einmal wieder ein offensives Lebenszeichen, doch rauscht Þorsteinssons Abschluss nach gelungenem Tänzchen im Sechzehner am langen Pfosten vorbei (67.). In der 71. Minute erobert Gytkjær erneut einen Ball, den Vendsyssel fahrlässig im Spielaufbau vor dem eigenen Strafraum vertändelt und legt ihn dieses Mal quer auf Sturmpartner Mohammad Adnan, doch dessen unpräziser Abschluss erklärt nachträglich, warum Gytkjær vor wenigen Minuten womöglich alleine abgeschlossen hatte. Als der Zweitligist aus der Agglomeration Københavns wenige Minuten später auch noch einen Foulelfmeter verschießt (abermals der tragische Held Gytkjær, 82. Minute), ist die Freude über die Verkündung des Saisonrekords von 4.832 Zuschauern (gut gemacht, Rasmus!) schnell wieder verflogen und auch der eingewechselte Geertsen kann nach einem Eckball in der 89. Minute die letzte gute Gelegenheit für die „Vikingerne“ nicht nutzen. So fahrlässig muss man eine bessere Ausgangslage für ein Relegationsrückspiel erst einmal liegen lassen… und trotzdem scheint das Heimpublikum zufrieden. Mit Applaus und stehenden Ovationen werden die königsblauen (kongeblå) verabschiedet und offenbar sind die Hoffnungen auf einen erfolgreichen Saisonabschluss bei den Fans heute eher gestiegen, denn geschwunden.

Im Anschluss düsen wir hinaus nach Allerød und stoßen mit unserem Gastgeber auf den Aufstieg des 1.FC Union Berlin an. Es ist Herrentag, die Frau ist glücklich über ihr Kreuz, der Pfeffi schmeckt, wir haben Urlaub. Und wir sind erstklassig. Falls der Lyngby BK vor dem Rückspiel am kommenden Sonntag Fragen haben sollte, wie man das macht – einfach mal bei uns durchklingeln! /hvg

25.05.2019 SG Rot-Weiß Frankfurt 01 – Turnerschaft 1895 Ober-Roden 2:2 (0:1) / Stadion am Brentanobad / 150 Zs.

Glück ist, wenn man um 10.20 Uhr wach wird, auf dem Nachttisch noch eine Dose „Budvar“ steht und in zehn Minuten Anpfiff ist. Für manche ist es zwar nur der „Finaltag der Amateure“, für Fetti ist es ein mehr als erstklassiger Start in den Tag. In der 10.30 Uhr Konferenz hat das Erste Deutsche Fernsehen heute gleich vier Klassiker im Programm und besonders das Bremer Pokalfinale verspricht besondere Unterhaltung. Der Bremer SV trifft auf den FC Oberneuland, bei dem niemand geringeres als Günter Hermann als sportlicher Leiter tätig ist. Klar, dass sich der Reporter vor Ort da nicht zwei Mal bitten lässt und das Gespräch zum Weltmeister von 1990 sucht. Das Interview startet mit erheblichen Tonproblemen, ehe die Regie mitten im Gespräch entscheidet, doch besser zum Hamburger Pokalfinale zu schalten. Was für ein Skandal! Niemand, aber wirklich niemand, hat das Recht, einen Weltmeister mitten im Satz.

Um 12.15 Uhr sind der FC Hansa Rostock, der TuS Dassendorf, der FC Viktoria Berlin und der FC Oberneuland in den DFB-Pokal eingezogen. Fetti verbleiben nun nur noch 15 Minuten, um schleunigst seine sieben Sachen zusammenzupacken und das „Hotel Klee“ pünktlich zur vorgegebenen Check-Out-Zeit zu verlassen.

Auf die Minute pünktlich entert das schwitzende Schwein die Lobby. Fußball am frühen Morgen kann also auch zum Stressfaktor werden. Kaum ist der erste Wettlauf gegen die Zeit gewonnen, schon sitzt sie einem erneut im Nacken. Es sollte doch wohl möglich sein, bis um 14.15 Uhr in Frankfurt-Rödelheim eine Kneipe gefunden zu haben, in der man die zweite Finalkonferenz schauen kann – so Fettis neuerliche Mission. Die S-Bahn-Fahrt von Wiesbaden nach Frankfurt nimmt lediglich 43 Minuten in Anspruch und kostet stolze 8,60 €. Das Reisegepäck wandert für vier Euro in ein Schließfach am Hauptbahnhof und schon kurz nach der Ankunft in „Mainhattan“ ist klar, dass Fetti heute wohl leider keine Hausse mehr zu erwarten hat.

Für die neunminütige Weiterfahrt wird die Fahrkarte schon noch gelten, interpretiert man im Anschluss geschickt, um den weiteren Wertverfall des eigenen Portemonnaies nicht unnötig voranzutreiben. Rödelheim entpuppt sich kurz darauf als sehr lebendiges Viertel mit vielen Restaurants und Cafés und das „Schusterstübchen“ in Alt-Rödelheim qualifiziert sich mit spielerischer Leichtigkeit für alle meine weiteren Vorhaben. Hier habe ich durch Zufall eine wirklich wunderbare fußballaffine Kiezkneipe mit einem freundlichen Wirt gefunden, der mit „Schlappeseppel“ vom Hahn für FUDUs Hühnerbrust, einer ordentlichen Schnitzelkarte und der Bereitschaft, für den einzigen Gast des Ladens den Fernseher anzuschmeißen und ihm das Programm seiner Wahl einzustellen, auf ganzer Linie punktet. Ich wiederum punkte beim Wirt, indem ich auf den Kommentar verzichte und er so weiterhin zum „Besten der 80er Jahre“ hinter der Theke Gläser polieren und schwofen kann.

Noch fünfzehn Minuten bis zum Anpfiff. Gleich werden Partien aus acht Landesverbänden in der Konferenz gezeigt und beim Servieren des ersten Glases werde ich gefragt, ob ich heute wegen der „Rödelheimer Musiknacht“ gekommen sei. Unwesentlich später bin ich bestens informiert, dass ich wieder einmal zufälligerweise genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort eingetroffen bin und erhalte ein Programmheft für die heute Abend stattfindende Freiluftveranstaltung mit mehr als 50 Bands aller Musikrichtungen und den 36 Auftrittsorten im Kiez. Womit schon jetzt die Frage geklärt wäre, was zur Hölle ich nach Abpfiff bis zur Abfahrt meines Zuges um 2.49 Uhr in der Stadt wohl so treiben werde. Im Radio läuft derweil die Nachricht, dass Fans des FC Ingolstadt 04 auf einer Autobahnraststätte von „blau-weiß vermummten Tätern“ überfallen worden wären. Es ist davon auszugehen, dass eine Tüte voll KFC-Fraß erbeutet werden konnte.

Pünktlich zum Beginn der Fußballspiele verzichtet der Wirt auf sein Musikprogramm und spendiert mir den Kommentar zur Konferenz, was besondere Unterhaltung verspricht, da die Rundfunkanstalten zum „Finaltag der Amateure“ häufig eher unbekannte Nachwuchshoffnungen von der Leine lassen, die auf der großen TV-Bühne dann und wann einigermaßen unbeholfen daherkommen. Nach und nach kehrt auch der ein oder andere Stammgast ein, doch da ein Wespennest im Innenhof die volle Aufmerksamkeit der Kundschaft auf sich zieht, bleibe ich der einzige Gast, der Umsatz verspricht. Die Halbzeitpause wird dann durch das wohl weltbeste Jägerschnitzel aller Zeiten aufgewertet und um 16.15 Uhr sind drei Bier geleert und sieben der acht Finalpartien ohne Überraschungen zu Ende gegangen. Nicht einmal der TSV Essingen konnte dem SSV Ulm ein Bein stellen, obwohl sie von ihrem Trainer Beniamino Molinari (Originalkommentar: „Der Deutsch-Schwabe“) hervorragend eingestellt waren. Ich lasse 22 € im „Schusterstübchen“, bedanke mich für die gebotene Gastfreundschaft, das leckere Bier, das gute Essen und das touristische Informationsmaterial und eile hinüber in den benachbarten Brentanopark.

Eigentlich dachte ich, dass ich meinen Frieden mit Frauenfußball geschlossen hätte. Sollen sie doch machen. Wenn Frauenfußball aber dazu führt, dass schöne Stadien kaputtmodernisiert werden, dann ist Schluss mit lustig. Das „Stadion am Brentanopark“, erbaut im Jahre 1940 und 1992 Instand gesetzt, fasste einst bis zu 20.000 Menschen. Da das Stadion in Frankfurt über die Jahre ein Schattendasein fristete, nagte der Zahn der Zeit an der Spielstätte. Weitläufige Graswälle, verwilderte Kurven und grasbewachsene Stehränge auf der Geraden waren die Konsequenz der achtlosen Behandlung. Mutter Natur nutzte die Gunst der Stunde und schuf einen Traum von Stadion, doch dann kamen die Fußballerinnen des 1.FFC Frankfurt, die sich für ihre 1.000 Zuschauerinnen im Schnitt sicherlich irgendwelchen albernen Verbandsregularien beugen und die Bagger anrollen lassen mussten. Zwar konnte die alte Haupttribüne erhalten werden, doch drei Viertel des ehemals so charmanten Stadions wurden durch lieblos akkurate Betonstufen ersetzt und verleihen dem Stadion nun die Ausstrahlung eines Nachwuchsleistungszentrum-Nebenplatzes. An dieser Stelle kann man getrost Grüße nach Hannover senden – auch hier kennt man sich mit dem Verschandeln von Tradtionsstadien bestens aus!

Heute muss ich mich gedanklich jedoch nicht länger mit Frauenfußball beschäftigen als nötig. Mit der SG Rot-Weiß Frankfurt nutzt auch ein Herrenteam traditionell diese Spielstätte. 1901 wurde der Verein gegründet, seit 1926 trug er bereits die Farben Rot-Weiß in sich verändernden Vereinsnamen und nach mehreren Fusionen tritt der Club immerhin bereits seit dem 13.01.1946 unter dem aktuell gültigen Namen an. Die Vereinsgeschichte darf man getrost als „bewegt“ beschreiben und wer mehr über „Kokain- und Kuppeleiskandale“, die Zeit in der Oberliga, gefeierte Meisterschaften und Pokalsiege oder das Abschneiden in der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga in der Saison 1990/91 erfahren mag, den darf ich gerne an den liebevoll zusammengestellten Wikipedia-Beitrag verweisen.

Nun heißt die Gegenwart „Verbandsliga Hessen-Süd“ und für diese Ligaebene stellt das „Stadion am Brentanobad“ natürlich trotz der beschriebenen Umbauten eine imposante Spielstätte dar. Dank des Bundesliga-Teppichs der Damen kann man schon darauf hoffen, dass die Sechstligakicker hier gleich all ihr technisches Potential ausschöpfen können werden, doch noch wirft der gastgebende Verein dem geneigten Hopper einen fiesen Knüppel zwischen die Beine, befindet sich doch hier allen Ernstes eine griechische Taverne samt Efeu bewachsener Terrasse mitten auf der Haupttribüne. Schweren Herzens verzichtet Fetti auf Gyros, Souvlaki und Ouzo und kann den Fokus noch gerade eben so rechtzeitig zum Anpfiff um 17.00 Uhr auf das Thema Fußball richten.

Behilflich ist hierbei, dass der Chefcoach der SG Rot-Weiß ein „Held“ meiner Kindheit ist. Dank des damaligen Auswendiglernens meiner „Panini“-Hefte kenne ich natürlich jeden Bundesligakicker der 90er Jahre aus dem Effeff. Hier sitzt niemand geringeres als Eintrachtlegende Slobodan Komljenović auf der Trainerbank (sein Vorgänger war übrigens ein gewisser Mario Basler) und dank des „ran“-Konsums bis zum Erbrechen in eben jener Zeit ist mir natürlich bekannt, dass Slobodan einst die Tochter seines Trainers geheiratet hat (keine Sorge, der besagte Kuppeleiskandal hat bereits in den 30er Jahren stattgefunden). Nur ein kurzer Blick durch das weite Rund genügt, um Slobodans Schwiegervater zu erspähen. Da sitzt er: Die Beine lässig übereinander geschlagen, weltmännisch gekleidet, das Haupthaar weiß und wallend, Weinglas in der Hand, Pilotenbrille auf der Nase, Zigarre im Mund. Dragoslav Stepanović, wie er leibt und lebt – schade, dass ich niemand bin, der andere Menschen um gemeinsame Fotos bittet.

Kurz darauf sind bedauerlicherweise meine Hoffnungen verpufft, Kachaber Zchadadse in Ordnerweste und Marek Penksa am Bierstand zu treffen, dennoch bin ich bereits vollumfänglich davon überzeugt, heute auf das richtige Pferd gesetzt zu haben. Hinter mir gesellt sich ein RW-Fan mit zwei Bierbechern in der Hand zu seinem Freund und singt dabei die Union-Hymne. Nicht ganz textsicher, aber dennoch interessant, zu welch nichtigen Anlässen Nina Hagen mittlerweile deutschlandweit angestimmt wird.

Das Spiel beginnt. Rot-Weiß spielt in gelb, die Gäste aus Ober-Roden erkennen sie an den roten Trikots. Der Mann hinter mir stimmt mittlerweile hintereinander Einracht-Frankfurt-Lieder, Borussia-Dortmund-Schlachtrufe und „Oh, RWE“ aus Essen an. So kann man sich natürlich auch die Zeit vertreiben, während unten im Kampf um die goldene Ananas der Ball rollt. Es ist der 34. und letzte Spieltag der Verbandsliga und es begegnen sich der 7. (46 Punkte) und der 9. (45 Punkte) im spektakulären Tabellenmittelfeld-Duell. Trotz der wenig verheißungsvollen Vorzeichen entwickelt sich aber ein recht lebendiges und ansehnliches Spiel. In der Frühphase der Partie lassen die Hausherren zwei recht gute Gelegenheiten ungenutzt, ehe nach einer knappen Viertelstunde der Gast aus Ober-Roden durch Mario Gotta in Führung gehen kann. „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“, schallt es von hinter mir. So langsam wird es albern.

Bei der Heimmannschaft läuft der Ball auch nach dem Rückstand weiterhin gefällig. Technisch und taktisch schaut das gar nicht schlecht aus, auch wenn der eine oder andere übermütig geschlagene Diagonalball im Fanshop-Caravan des 1.FFC landet. Die Rot-Weißen können sich zwar keine klaren Chancen erspielen, kommen aber immer wieder zu schnellen Torabschlüssen. Mit ein wenig mehr Geduld sollte die Defensive der Gäste im zweiten Abschnitt auszuhebeln sein.

Marek Penksas Vertretung lässt sich in der Halbzeitpause Zeit beim Zapfen, doch ein schlechtes Gefühl für Timing kann man dem Biersommelier nicht zum Vorwurf machen. Ein gutes Bier dauert sieben Minuten nach Wiederanpfiff kehre ich mit frischem Pils pünktlich zum 1:1 an meinen Platz zurück. Torjäger Ozan Keskin braucht keine echte Torchance, um zu treffen. Ihm reicht manchmal offensichtlich auch ein unübersichtliches Gewühl im Strafraum aus, um den Ball humorlos mit der linken Bauernpike versenken zu können (53. Minute). Die Freude ist jedoch nur von kurzer Dauer, da sich Komljenovićs Mannen nun viel zu offensiv bewegen und sich nur 13 Minuten später auskontern lassen. Da kann auch Abwehrdirigent Zamir Daudi, der immerhin 16 Länderspiele für Afghanistan auf dem Buckel hat, nur staunend zugucken, wie die Gäste zwei-drei Pässe an den Mann bringen und plötzlich Tim Kalzu freistehend mit dem linken Fuß präzise ins lange Eck abschließen kann.

Rot-Weiß Frankfurt reagiert mit wütenden Gegenangriffen. Es dauert gerade einmal vier Minuten, bis die Hausherren die Turnerschaft aus Ober-Roden mit einer wilden Dreifachchance ordentlich durcheinanderwirbeln können. Ein Frankfurter scheitert mit einem guten Schuss an Gästekeeper Niklas Schwaar, der anschließende Kopfball wird auf der Linie geklärt und der dann einschussbereite Johnson Toko rabiat von Schwaar von den Beinen geholt. Toko sondert markerschütternde Schreie ab und bevor auch der Torwart schmerzerfüllt zu Boden fällt, kann dieser wenigstens mit letzter Kraft noch einen wertvollen Kommentar absondern: „Ey, Du brauchst nicht mehr zu schreien, Du kriegst wenigstens einen Elfmeter!“. Schiedsrichter Hauser gibt Schwaar Recht und zeigt auf den Punkt, dafür hat Ober-Rodens Keeper wenigstens die attraktivere Physiotherapeutin an seiner Seite. Und während Toko bereits das untrügliche Zeichen zum Wechsel gibt, lässt sich Schwaar von der hübschen Blonden noch weitere zehn Minuten (!) behandeln, ehe er in das Tor zurückkehrt, um den Elfmeter von Patrick Gürser mustergültig zu halten. Fernet Bianca. Man sagt, sie habe magische Kräfte!

Blöd nur, dass es nur drei Minuten später dann doch hinter Schwaar einschlägt. Der gerade einmal 20 Jahre alte Ozan Keskin hat soeben mit einem trockenen Linksschuss zum zweiten Mal am heutigen Nachmittag und bereits zum 16. Mal in dieser Saison getroffen. Keine fünf Minuten später lässt sich Schwaar mit Schulter-Spätfolgen der vorausgegangenen Karambolage verletzt auswechseln und das Spiel verzeichnet nur noch einen Höhepunkt, als Topić nach einer Ecke per Kopf aus fünf Metern vergibt. Das 3:2 wäre unter dem Strich für Rot-Weiß Frankfurt wohl nicht ganz unverdient gewesen, doch so gehen die beiden tabellarischen Mittelfeldhelden im Kampf um die goldene Ananas letztlich unentschieden auseinander.

Ich stürze mich nun mitten hinein in die „Rödelheimer Musiknacht“ und döse bei noch immer frühlingshaften Temperaturen im Brentanopark zu „Schlager der 60er und 70er und Oldies aus derselben Zeit. Gassenhauer, Schenkelwalzer, Klammerblues, Schmachtfetzen, Mitgröhllieder, Liebesschnulzen“, wie es im Programm geschrieben steht. Nach kurzer Rast zieht es mich zurück nach Alt-Rödelheim, wo an wirklich jeder zweiten Ecke eine Bühne aufgebaut ist und Hobbymusiker ein gut gelauntes Publikum unterhalten. In etwa so wie die „Fête de la Musique“ in Berlin – als sie noch cool, unbeschwert, unkommerziell und nicht durch Ordnungsamt und Anwohner totreglementiert war. In die Notizen können sich im Laufe des Abends aber nur „A Story For Reflection“ spielen, die vor dem „Café Laves“ bis um 20.00 Uhr ihre etwas mehr als fünf Minuten Ruhm haben. Dafür bereiten die „REWE“-Bierkäufe zur Vermeidung der überteuerten Straßenfeststände zusätzliche Freude und auch das Elektronikfachgeschäft „Kelety“ hat sich zur Feier des Tages etwas besonders ausgedacht und überträgt auf den TV-Geräten im Schaufenster das DFB-Pokalfinale zwischen Bayern und Leipzig. Nebenan beschallt eine Band die schmale Straße in Alt-Rödelheim mit solider Rockmusik, die Leute kehren vor den Fernsehern ein und nutzen abgeparkte Motorroller als Behelfstresen. Kurzum: Ein rundum gelungener und für deutsche Verhältnisse nahezu lässiger Abend!

Aber auch der ausgelassenste deutsche Abend ist nun einmal um 22.00 Uhr zu Ende. Soviel Ordnung muss sein. Ich kehre noch einmal in das „Schusterstübchen“ zurück. Das Problem mit dem Wespennest ist in der Zwischenzeit gelöst worden und der Laden nun wesentlich besser gefüllt als heute Nachmittag. Um 23.30 Uhr ist vor dem S-Bahnhof Rödelheim eine widerliche Armada an „zivilen Ticketkontrolleuren“ (sollte ich jemals Karneval feiern, ich würde mich als ziviler Kontrolleur verkleiden) aufgezogen, die die angetrunkene Feiermeute abzukassieren gedenkt. Der umsichtige und vorausschauend planende Fetti zieht sich schweren Herzens einen 2,75 € teuren Fahrschein, wird exakt sieben Minuten später kontrolliert und hat in diesem Moment 60 € gespart. Die freudige Nachricht über diesen Triumph wird stante pede an den rumänischen Kassenwart versandt – wer einmal Bilanzenfälschung in Dubrovnik studiert hat, der weiß, dass man diese 60 € nun locker in der nächsten Woche in Dänemark versaufen kann…

Der Zug um 2.49 Uhr hat bedauerlicherweise 30 Minuten Verspätung. Gemeinsam mit einigen osteuropäischen Freunden wärme ich mich im U-Bahnhof auf und Fetti grinst im Hintergrund schon wieder, nachdem er an irgendeinem Gag mit „Metropole“ gebastelt hat. Ich habe an der Stelle zugegebenermaßen genug von allem und und freue mich, als der ICE in Richtung Berlin um 3.20 Uhr endlich am Frankfurter Hauptbahnhof einrollt. Irgendwann weckt mich ein Zugbegleiter. Wir sind 23 Minuten vor Fahrplan in Berlin eingetroffen und ich wünschte, ich hätte nicht geschlafen, um mitzubekommen, wie die Teufelskerle das nun wieder geschafft haben.

Glück ist, wenn man um 9.35 Uhr wach wird, beim Verlassen des Schnellzuges 2 € auf einem Sitz findet und einen freien Sonntag vor der Brust hat, um sich von seinem Wellnesurlaub erholen zu können… /hvg

24.05.2019 SV Wehen-Wiesbaden – FC Ingolstadt 04 1:2 (0:1) / Arena Wiesbaden / 7.698 Zs.

Es ist Donnerstag, der 23.05.2019. Der 1.FC Union Berlin steht vor dem wohl wichtigsten Spiel seiner Vereinsgeschichte. Im Hinspiel beim VfB Stuttgart geht es darum, sich im Kampf um den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. Die Anspannung ist groß, die Aufregung auf die Begegnung stieg seit des Abpfiffs der Partie in Bochum (2:2, 29.05.20) nahezu minütlich. Ausgerechnet jetzt haben sich Fetti und seine Freunde allesamt einen mittelschweren Schnupfen eingefangen und müssen sich bedauerlicherweise arbeitsuntauglich melden. Naja, kriminelle Ossis supporten (koS) eben auch unter der Woche…

Nach 90 hart umkämpften Minuten hat der 1.FC Union Berlin auswärts ein phantastisches 2:2 errungen und steht mit einem Bein in der Beletage des deutschen Fußballs. Im Rückspiel, welches in vier Tagen (Montagabend) in Berlin-Köpenick stattfinden wird, würde beispielsweise schon ein 0:0 genügen, um das „Fußballwunder“ perfekt zu machen. Aber das ist alles Zukunftsmusik – jetzt muss Fetti erst einmal im Südwesten seine Rotznase auskurieren. Die Luft soll hier ja sehr gut sein.

Da sich meine Stuttgarter Freunde momentan auf Weltreise befinden, steht in der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt ausnahmsweise kein Domizil zur Verfügung. Vom „Hotel Lamm“ an den Mineralbädern verspricht sich Fetti einen überaus erholsamen Wellnessurlaub, doch schnell stellt sich heraus, dass ihm sein rumänischer Kassenwart nur eine heruntergekommene Bruchbude mit Gemeinschaftsbad gegönnt hat, die seine Landsleute hier in ruhiger Parknähe für überzogene 50 € die Nacht an gut situierte erkältete Obdachlose vermieten. Fakt ist: Auch auf der schlechtesten Matratze der Welt lässt es sich gut von der Bundesliga träumen.

Am nächsten Morgen stärkt sich Fetti zunächst am überraschend passablen Frühstücksbuffet und schlägt sich so lange den Bauch voll, bis er das Gefühl erhält, in den Wehen zu liegen. Genau der richtige Zeitpunkt also, um nach Wiesbaden aufzubrechen. Am U-Bahnhof „Mineralbäder“ packt die fancy Landeshauptstadt kurz darauf alle coolen Kids an der Emojiehre und präsentiert ein Meisterwerk des Schwachsinns, welches aufzeigt, wie 2.0 Müllentsorgung sein kann. Die „Gum-Wall“ ermöglicht all denjenigen, die zu blöd sind, ihren Kaugummi in den Mülleimer zu werfen, eine Alternative zum achtlosen Fallenlassen des klebrigen Schuhsohlenstörers. Hier kann man seinen ausgelutschten Kaugummi nun also auf ein Emoji seiner Wahl kleben. Fetti sieht vor seinem geistigen Auge bereits den armen Vasall aus dem Niedriglohnsektor, der den durchgekauten Ekel mit bloßem Fingernagel irgendwann wieder von der Wall kratzen muss und zerschlägt vor lauter Verzweiflung seine Bierflasche am Kackehaufen. Kann doch alles nicht Euer Ernst sein…

Am Stuttgarter Hauptbahnhof verkündet die „DB“ sogleich, dass mein Zug nach Mainz 20 Minuten Verspätung haben wird. Aufgewertet wird diese schlechte Nachricht durch einen kleinen Jungen neben mir, der just in diesem Moment seiner Mama offenbart, dass er jetzt sofort ganz dringend strieseln muss. Perfekter Zeitpunkt, muss sich da die Mutter denken, die angesichts fehlender Bäume und Möglichkeiten lediglich eine Flasche anbieten kann. Nun aber geht der kleine Bruder auf die Barrikaden, der nicht will, dass in seine Trinkflasche gestrullt wird, aber auch hierauf kann die Erziehungsberechtigte flexibel reagieren, leert ihre Selters in einem Zug und reicht sie für die Notdurft herüber. Kaum hat sich der Große – versteckt hinter einem durchsichtigen Wartehäuschen – erleichtert, will der Kleine natürlich auch in seine Pulle pullern, deswegen heißt sie ja auch so.

Ach, es hätte stundenlang so weitergehen können und vermutlich wäre auch noch eine „Urinella“ zum Einsatz gekommen, hätte die „DB“ diese Familie und andere Reisende nicht mit einer Durchsage aufgescheucht. „Die Abfahrtszeit ihres Zuges ist derzeit nicht absehbar“ ist eine so auch noch nie gehörte Durchsage und auch die Verbindungsalternative, die die „DB“ ihrer Kundschaft mit an die Hand gibt, ist nach kurzer Recherche als völliger Unsinn zu entlarven. So rennt also alles kreuz und quer über den Bahnhof, während unsereins entspannt am selben Gleis auf den IC von Konstanz nach Emden via Mainz wartet, der hier recht bald auf die Minute pünktlich einrollen wird. Auch die von der „DB“ verjagten Reisenden kehren nach und nach an ihr angestammtes Gleis zurück und im „Intercity“ in Richtung Ostfriesland hat sich die Aufregung dann auch schnell wieder gelegt. Nur das schwäbische Rentnerehepaar wird den Schaffner noch zwei Mal anhalten und erst einmal fragen, ob sie im richtigen Zug „hocke“ und später, ob der Zug in Köln auch wirklich „am Bahnhof“ halten wird. „Ja, natürlich am Bahnhof, wo sollten wir denn auch sonst halten?“, weiß der Zugbegleiter aber auch die letzte Unsicherheit gekonnt zu nehmen. In Mainz hüpfe ich in die S8 und ohne weitere Höhepunkte habe ich mein Ziel bereits um 14.15 Uhr erreicht, um mich sogleich in das Getümmel der hessischen Landeshauptstadt stürzen zu können.

Der Fußweg vom Bahnhof in meine Unterkunft nimmt in etwa 30 Minuten in Anspruch und sorgt dafür, dass ich mir bereits einen ersten Überblick über die Stadt verschaffen kann. Wiesbaden punktet mit einigen Vorzeigebauten (Marktkirche, Neues Rathaus, Hessisches Staatstheater, Kurhaus), wartet aber auch mit einer herben Enttäuschung auf, die es nicht einmal auf ein Foto schaffen wird. Vom Wiesbadener Stadtschloss, das als Sitz des Hessischen Landtags genutzt wird, hatte sich Fetti deutlich mehr erhofft. Gleichzeitig bietet Wiesbaden auch gepflegte westdeutsche Fußgängerzonenlangeweile mit den typischen architektonischen Verbrechen der 70er Jahre.

Ich flaniere dann lieber entlang der Wilhelmstraße, die schon eher meinen Ansprüchen genügt. Ein Boulevard, der einst vom nassauischen Baudirektor Carl Florian Goetz geplant und dann anno 1810 von Baumeister Christian Zais zwischen Kurgebiet und Friedrichstraße angelegt wurde, lässt auch Fetti mit der Zunge schnalzen. Das hier geht getrost als repräsentative Prachtstraße durch, denkt er sich gerade, aber da muss er „Am Warmen Damm“ auch schon wieder rechts einbiegen.

Das „Hotel Klee“ liegt direkt am Kurpark und für die eine Übernachtung hat Fetti 3€ FerkelKurtaxe zu entrichten. Hätte man vielleicht wissen können, dass es sich bei Wiesbaden um einen Kurort handelt, war mir und meinem Schwein im Vorfeld der Reise jedoch nicht bewusst. So aber freuen wir uns, dass das, was die Mineralbäder in Stuttgart nicht geschafft haben, nun die Thermal- und Mineralquellen der hessischen Landeshauptstadt nachholen können. Einer endgültigen Gesundung bis Montag kann man nun aufgrund der Verlängerung des Wellnessurlaubs optimistisch entgegen sehen.

Doch zunächst einmal steht der nächste Relegationsschlager auf dem Programm. Der SV Wehen-Wiesbaden aus der dritten Liga muss gegen den FC Ingolstadt 04 aus der zweiten Bundesliga ran. Wer bei diesem „Super-Plástico“ keine Gänsehaut verspürt, der ist selber Schuld. Mit meinem online gebuchten Stehplatzticket in der Tasche durchquere ich die Stadt also erneut, um die südwestlich gelegene Spielstätte zu erreichen. Da sich am Wegesrand leider keine vernünftige Gaststätte auftut, erreiche ich die Arena überpünktlich, durstig und etwas hungrig. Wenigstens komme ich so in den Genuss, den benachbarten „Helmut-Schön-Sportpark“ besuchen zu können und ausgiebig zu bewundern. Ein echtes Fußballstadion – da kann man ja angesichts dessen, was heute noch auf einen zukommen wird, schon jetzt nicht genug davon bekommen.

Dagegen wirkt die Arena nebenan, die 2007 eröffnet wurde und mit ihren Stahlrohrtribünen eigentlich nur als fünfjährige Übergangslösung gedacht war, auf den Fußballtraditionalisten von Welt in höchstem Maße bedrohlich. Bis vor kurzem fanden 12.566 Menschen Platz in der Blechbude, doch nachdem vor zwei Monaten die Westtribüne weggerissen wurde, um an selber Stelle eine neue Betontribüne mit damit einhergehender Kapazitätserweiterung auf 15.200 zu errichten, fasst die Spielstätte bis zum Abschluss der Bauarbeiten nur noch 9.100 Besucher. Was will man machen, die DFL fordert nun einmal 15.000 Plätze, so man längerfristig in der zweiten Bundesliga spielen mag. Ich darf an dieser Stelle kurz auf den aktuellen Zuschauerschnitt der Wiesbadener verweisen: 3.153. Alles in allem also eine in sich stimmige, nachvollziehbare und zwingend notwendige bauliche Veränderung.

„Herzrasen kann man nicht mähen“, steht in übergroßen Lettern an der Fassade der Stahlrohrhaupttribüne geschrieben und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Erste Schalrocktrottel mit Lederwesten, Mittfünfzigerinnen mit rosa Fanartikeln und der „SVWW Kids Club“ beziehen vor dem Stadion Position und werten das wider„Licher“ von der „Jet“-Tankstelle um die Ecke zusätzlich ab, welches ich mir mangels Optionen (Bierstand vor dem Stadion? Kneipe? Fehlanzeige!) nach der schönen Stadionbesichtigung organisiert hatte. Ein übermotivierter Ordner verweigert mir kurz nach Beendigung des Biergenuss den Einlass auf die Südtribüne, da ich einen Turnbeutel mit mir führe. Meine Argumentation, dass dieser nicht größer als DINA4 sei, soll ich mir für die Diskussion mit seinem Chef aufheben, sagt er und lässt mich passieren. Den Chef erkenne ich daran, dass seine Weste eine andere Farbe hat, ruft er mir noch hinterher, aber da stehe ich genaugenommen ja bereits auch schon mit Turnbeutel auf dem Rücken im Stadion und frage mich, warum zur Hölle ich jetzt jemanden suchen sollte, der mir auf die Nerven gehen will und entscheide mich stattdessen, einfach meinen Platz auf der „Süd“ einzunehmen.

Vor mir steht eine Frau mit SVWW-Fanshoptüte und Darmstadttrikot, neben mir befindet sich der mit 1.500 „Schanzern“ gefüllte Ingolstadtblock und die weggerissene Gegengerade zu meiner Linken ermöglicht einen unbezahlbaren Blick auf Sandhügel und Bürohäuser. Natürlich ist das Stadion trotz der begrenzten Kapazität und der Wichtigkeit der Partie nicht ausverkauft. Im „Sendung mit der Maus“-Stil wird dem geneigten Stadionbesucher die Funktion des VAR näher gebracht und auch der „taktische Sicherheitssprecher“ der Polizei erhält die Gelegenheit, sich persönlich an das Publikum zu wenden. „Bitte sprechen Sie uns an!“, bittet er beinahe flehentlich und ein Adlerträger neben mir fasst all die Absurditäten treffend zusammen: „Und ich dachte, ich hätte in der Europa League schon alles gesehen!“. Oder wie Fetti sagen würde: Schon jetzt ist klar, dass das hier das schlimmste Stadionerlebnis seit Sonnenhof Großaspach ist, aber hoppen muss manchmal eben weh tun…

Die Vereinshymne steht all den bislang erlebten Grausamkeiten in Nichts nach und weist neben hochgradig individuellen Textzeilen („Keiner wird uns jemals trennen, unser Herz wird ewig brennen!“) auch etwas Geschichtsklitterung in Bezug auf die Vereinshistorie auf („Wehen-Wiesbaden, das ist mein Verein. 1926 fing alles an und bis heute glauben wir daran!“). Kenner wissen natürlich, dass der SV Wehen-Wiesbaden den Freunden von Traditionsvereinen erst seit 2007 auf die Taunüsse geht, aber da auf der Gegenseite mit dem FC Ingolstadt 04 auch nicht gerade ein Gegenentwurf auf dem grünen Rasen steht, tut all dies heute auch nicht besonders viel zur Sache.

Die Fans des SV Wehen (der Austragungsort Wiesbaden spielt auf Fahnen, Bannern und auch in den Gesängen der Zuschauer keine Rolle – mal abgesehen von dem brachialen Wechselgesang Weeeehen – Wiesbaaaaden) rollen gerade noch die Stoffbahnen ihrer Choreographie zusammen und lassen letzte Luftballons zerplatzen, da zerplatzen auch bereits erste Aufstiegshoffnungen. Ingolstadts südamerikanischer Vollsympath Darío Lezcano kann den allerersten Angriff nach Pledl-Pass aus Nahdistanz verwerten. 31 Sekunden sind gespielt. Neben mir schlagen sich die Leute die Hände vor den Köpfen zusammen, ich juble innerlich: Yes, wenigstens kein 0:0!

Die Heimelf von Trainer Rüdiger Rehm reagiert gut auf den frühen Rückstand. Angetrieben von Routinier und „Fußballgott“ Alf Mintzel verschafft man sich in den folgenden 25 Minuten ein Übergewicht auf dem Feld und ist die deutlich aktivere Mannschaft. Immer wieder wird der starke Strafraumwühler Schäffler gesucht, doch mehr als ein Fallrückzieher springt bei allen Bemühungen nicht heraus. Der letzte Pass ist oft zu ungenau, die technischen Qualitäten mangelhaft und die Standards von Kuhn dermaßen unpräzise, dass Ingolstadt wenig Mühe hat, den knappen Vorsprung bieder verteidigend in die Kabinen zu retten. Und beinahe hätte es mit dem zweiten Angriff in der 45. Minute noch zu mehr gereicht, doch der im Strafraum freigespielte Lezcano verpasst den Wehener Kasten mit einem Heber über den herauseilenden Kolke nur knapp. Nun haben auch die mitgereisten Ingos nebenan endlich Pause und stellen ihren nervtötenden und uninspirierten Dauersingsang auf Dorfverein-Niveau ein („Werdet zur Legende. Kämpfen bis zum Ende. Für die zweite Liga. Blablabla“) und mich zieht es auf den Stadionvorplatz.

Hier wird schnell deutlich, dass die Arena auch infrastrukturell an Grenzen stößt, sobald sich mehr als die übliche Handvoll Zuschauer darin tummeln. Die vier Dixis und der WC-Container mit Pissrinne für exakt drei Menschen werden dem heutigen Zuschauerharndrang jedenfalls nicht gerecht – erst recht nicht, wenn es Spezialisten gibt, die sich nach Rückkehr vom Pissoir ihre Schnürsenkel noch auf der Treppe des Containers binden müssen. Jede Wette: Genau solche Experten entsorgen ihre Kaugummis bestimmt an der „Gum-Wall“. Da auch die Schlange vor dem Bierstand in etwa von Wiesbaden bis nach Wehen reicht, kehre ich nach 14 Minuten Wartezeit unverrichteter Dinge zurück in den Block.

Gerade habe ich meinen Platz mit nun unfassbar schlechter Sicht wieder eingenommen, da hat Schiedsrichter Winkmann auch bereits auf Elfmeter entschieden. 41 Sekunden sind gespielt. Wehens Keeper Kolke muss Darío Lezcano von den Beinen geholt haben. Lezcano selbst legt nun den arrogantesten Hurensohnanlauf aller Zeiten auf’s Parkett und verwandelt dann zittrig wie ein Kreisklassekicker. Solche Superstarimitatoren sind wohl in etwa so unnötig wie Fanfreundschaften zwischen Weltklasseszenen wie beispielsweise Wehen und Ingolstadt (wirklich wahr!). Puh. Ich habe für’s Erste genug gesehen und versuche erneut mein Glück am Bierstand.

Hier ist die Schlange nur unwesentlich kürzer geworden, aber wenigstens sind die Ingolstädter Gästefans bereits wieder in ihren Block zurückgekehrt. Und während die Wehen-Wiesbadener da in ihrem Heimbereich brav in Reih und Glied stehen, betreibt der gewitzte Fetti schnellen Handel mit der Gästeblockgastronomie und lässt sich sein Bier einfach durch den Zaun reichen. Macht’s gut, ihr Trottel, möchte man da den noch immer Wartenden im Grunde genommen zurufen, aber Contenance, wird sind hier nur zu Gast.

Mit dem frisch Gezapften in der Hand erschleiche ich mir Zutritt in einen falschen Block, aus dem die Sicht auf das Spielfeld nun wieder deutlich besser ist. Dies stellt sich alsbald als Fehler heraus, denn auf dem grünen Rasen gibt es rein gar nichts attraktives mehr zu sehen. Ingolstadt verwaltet, Alf und seine Mannen bauen außerirdisch ab und zu allem Überfluss übernehmen die Gästefans auch noch die Stimmungshoheit. „Wer nicht hüpft, ist Ingolstädter“ halten die Heimfans mit Fremdschämpotential nur einmal trotzig dagegen und verfallen sonst in eine Art Totenstarre. Nach 72 Minuten muss Wiesbadens bester Mann Schäffler verletzungsbedingt vom Platz und spätestens jetzt hätte wohl kaum noch jemand einen Pfifferling auf den SVWW gesetzt. Außer vielleicht die Herrengruppe neben mir, die nun anlässlich der Einwechslung von Niklas Schmidt regelrecht aus dem Sattel geht: „Mit dem habe ich in der Jugend mal Fußball gespielt!“. Eine Ekstase wie auf dem Dorfplatz. Und gerade, als man das Fazit der Partie aus der Sicht der Heimmannschaft bereits gezogen hat (→ in der ersten Halbzeit war mehr drin, in der zweiten klar an Grenzen gestoßen) und denkt, man hätte es überstanden, spendiert einem das Schiedsrichterkollektiv sechs Minuten Nachspielzeit und weitere Qualen zu Scooter-Klängen. Daniel Kofi Kyereh drückt nach 96 Minuten am langen Pfosten tatsächlich einen Flachpass, der quer durch den Fünfmeterraum gerauscht war, über die Linie und verkürzt zum 1:2. Döp Döp Döp de de Döp Döp Döp, sag ich mal.

Leider finde ich beim Verlassen des Stadions keine echte Eintrittskarte für die Sammlung daheim und werde so nicht zweifelsfrei beweisen können, wahrhaftig Augenzeuge dieses spektakulären Relegationsspiels gewesen zu sein. Um mich herum finden neuerliche Verbrüderungsszenen von Wehen- und Ingolstadtfans statt und Satzfetzen wie „Ihr macht eine Stimmung, das ist so geil!“ werden aufgeschnappt und schmunzelnd mit auf die Flucht genommen. Freunde, nichts wie weg hier!

Am Bahnhofsvorplatz will ich den lauen Abend bei Döner und Dosenbier aus dem „Rossmann“ (Mist. Gutscheine in Berlin vergessen. Wird der rumänische Kassenwart wieder schimpfen!) eigentlich nur unaufgeregt ausklingen lassen, bekomme aber noch ein solides Rahmenprogramm geboten. Da ist zunächst dieser Mann mit Rollator, der ungeniert die Hosen herunterlässt und auf offener Szene vor den Bahnhof uriniert und die Pfandflaschensammlerin und Neigetrinkerin in Personalunion, die dieses Bild mit einem eindringlichen „Ai, ai, ai, Leute gibt’s“ zusammenfasst. Und dann wäre da noch die Fanszene des FC Ingolstadt 04 zu beobachten: Vier betrunkene Abenteurer lassen die Köpfe hängen, der fünfte und fitteste im Bunde kauft eine Tüte Fraß beim „KFC“ und obwohl er sich mit dem Einkauf wirklich beeilt, sind in der Wartezeit zwei seiner Compañeros eingeschlafen und zwei weitere haben sich drittklassig erbrochen. Ich an seiner Stelle würde die beiden anderen jetzt besser nicht aufwecken. Was für ein jämmerlicher Haufen, dieser FC Ingolstadt 04.

Ich spaziere nach dem „Genuss“ meines lieblosen Fettdöners für 4,20 € zurück zum Hotel und bewundere neben der illuminierten Wilhelmstraße im Zuge der Entsorgung der ersten Bierdose auch einen Müllplatz, der „mit großem personellem und finanziellem Aufwand“ eingerichtet worden ist und ich frage mich ernsthaft, warum ich mich noch nie gedanklich damit auseinandergesetzt habe, wie genau ich mir den Müllplatz meiner Träume wohl so vorstelle. Diesen soll ich jedenfalls so verlassen, wie ich ihn gerne hätte antreffen wollen. Häh? Wenn Du denkst, dass ich hier jetzt meine vollen Bierdosen hinstelle, haste Dich aber geschnitten, Wiesbaden!

Ein paar Minuten später hat Fetti auch schon den warmen Damm erreicht. Nach zwei emotionalen Relegationsspielen fühlt er sich bereits deutlich besser und ist auf dem besten Weg zu endgültiger Gesundung. Ach, so ein Wellnessurlaub im Südwesten ist schon was feines… /hvg

04.05.2019 FC Gießen – FSV Lohfelden 1924 2:1 (0:1) / Waldstadion Gießen / 1.173 Zs.

Um 11.34 Uhr sitzen Fetti und seine Freunde in der „Vogelsbergbahn“, die die 105,9 Kilometer entfernten Städte Fulda und Gießen direkt miteinander verbindet. Bahnnostalgiker kommen auf der eingleisigen Strecke, die illustre und dicht besiedelte Orte wie Oberbimbach (Funfact am Rande – den Ort Oberbimbach gibt es seit einer Gebietsreform in den 70er Jahren und des Zusammenschlusses der Orte Ober- und Unterbimbach zu Bimbach gar nicht mehr, nur der Bahnhof heißt noch so), Burg- und Nieder-Gemünden (zwei Orte, ein Bahnhof – manchmal muss man auch teilen können), Mücke und Göbelnrod anfährt, vollends auf ihre Kosten. Wenn man im Verlauf der Reise den einen oder anderen Bahnmitarbeiter sieht, wie dieser im Schweiße seines Angesichts manuell Weichen stellen und Bahnschranken herunterkurbeln muss, wähnt man sich kurz im wilden Osteuropa. Aber nein, wir sind hier immer noch im Lande des Innovations-Vize-Weltmeisters mit „herausragend hoher Hightech-Dichte“ unterwegs. Auch in den alten Bundesländern gibt es also abgehängte Regionen, in denen das im Alltag nicht immer unbedingt mit jeder Faser des Körpers spürbar ist…

Kurz nach diesen Beobachtungen sind wir auch schon in der Universitätsstadt Gießen angekommen und haben unserer neuen Übergangsheimat schnell einen Kosenamen verpasst. „Die Stadt der studentischen Brillengestelle“ kann eine überlaufene Fußgängerzone sein Eigen nennen und mag sicherlich die eine oder andere passable Touristenattraktion zu bieten haben (Altes Schloss, Neues Schloss, Zeughaus, Stadttheater), für deren Besichtigung wir heute allerdings nicht genügend Zeit mit im Gepäck haben. Ein digitales Werbeplakat an einer Rolltreppe weist auf das wichtige Fußballspiel des heutigen Nachmittags hin, welches auch der Grund dafür ist, dass unsere zeitlichen Ressourcen eher spärlich gesät sind. Wir konzentrieren uns daher vorerst auf die „wuchtige Fußgängerüberführung am Selterstor“, die 1968 errichtet wurde, um auch nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmern eine Überlebensmöglichkeit einzuberaumen. Eben ein klassisches Abfallprodukt einer Städteplanung, die in den 60er und 70er Jahren ausschließlich den Autoverkehr in den Fokus nahm. Aber wenn dieses dann auch noch architektonisch derart misslungen ist, dass es zu einem regelrechten Störfaktor des Stadtbilds wird, muss man sich als Einwohner eben in Sarkasmus flüchten. So bezeichnen die Gießener das Bauwerk wegen seiner übertriebenen Größe und der drei großen kreisrunden Öffnungen oberhalb der Kreuzung als „Elefantenklo“ und schon ist für FUDU eine Sehenswürdigkeit daraus geworden.

Allgegenwärtig ist die Figur des „Schlammbeiser“. Auf Werbeplakaten für ein Bier, als Statue auf dem Kirchplatz. Der Begriff geht zurück auf das „Schlamp-Eisen“, ein Werkzeug eines Kanalreinigers („Schlamp-Eissers“), der – bevor es geschlossene Kanalisationen gab – den Müll und Schmutz der Häuser („Schlammp“) mit einer langen Eisenstange („Eisen“) holte und mit Holzkarren außerhalb des Ortes entsorgte. Zwischen den Häusern gab es oft kleine Gassen, in denen Kübel standen. In dem Freiraum über diesen Gassen hingen die Aborte der Häuser. Die Schlammbeiser zogen mit ihren langen Stangen die Kübel aus den kleinen Gassen heraus und leerten sie, sagt Wikipedia und später werden wir ein solches Bier auf dem Weg nach Darmstadt verköstigen.

Jetzt aber haben wir noch gerade genügend Zeit, um in die Falle zu tappen, in die uns ein Werbeplakat am Hauptbahnhof gelockt hatte. „Pitta Gyros bietet Ihnen schon seit 1982 hausgemachte griechische Spezialitäten in frischer Top-Qualität“ – na, dann mal nichts wie hin. Das „Gyros to go“ kostet dann zwar 7 € statt der versprochenen 4,50 € und ist unterwegs in etwa so bequem zu essen wie Erbsensuppe aus der hohlen Faust, schmeckt aber fantastisch und wirft wieder einmal die Frage auf, warum es in Berlin nicht eine einzige griechische Imbissbude gibt. Auf diese Marktlücke muss doch irgendwann mal jemand stoßen…

Nach einem knapp 30 minütigem Spaziergang haben wir das „Waldstadion Gießen“ einigermaßen unbekleckert erreicht. Der Andrang am Kassenhäuschen hält sich eine halbe Stunde vor Anpfiff noch in Grenzen und so haben wir die Stadiontore für 7 € schnell passiert und können einen ersten Blick in die Spielstätte werfen. Die Sonne scheint, es gibt wunderbare Stehränge auf der Geraden, eine kleine überdachte Haupttribüne mit 645 Schalensitzen und weitere Stehplätze links und rechts neben dieser, eine weitläufige Rasenfläche hinter dem einen Tor und viel Wald drumherum – kurzum: ein schöner Ort, um Fußball zu spielen. Seit der Saison 2018/19 trägt der ambitionierte FC Gießen (Zusammenschluss aus VfB Gießen 1900 und SC Teutonia Watzenborn-Steinberg, Gründung 2018) seine Heimspiele im Herzen Gießens aus, wodurch sich die Stadt nun die Chance verspricht, „das Waldstadion den aktuellen Anforderungen für höherklassigen Fußball anzupassen.“ – bedeutet übersetzt also, dass das Stadion nicht mehr all zu lange so schön anzusehen sein wird. Als erster Vorbote auf das, was noch so kommen dürfte, darf der Jahrmarkt gedeutet werden, den der FC Gießen heute zum Entertainment seiner Gäste hinter dem anderen Tor aufgebaut hat. Folgen werden wohl Zäune vor der Geraden, Blocktrennung, Stahlrohrtribünen zur Kapazitätserhöhung und weitere furchtbare Dinge, über die ich jetzt gar nicht weiter nachdenken mag.

Pünktlich um 15.00 Uhr eröffnet Schiedsrichter Christoffer Reimund die Partie. Hier ist heute kein Rahmen für jedwede Verzögerungen im Betriebsablauf, schließlich überträgt der „Hessische Rundfunk“ die Partie live und in Farbe auf „Hessenschau online“. Da kann man dann auch keine Rücksicht mehr drauf nehmen, dass noch technisches Equipment auf Höhe der Eckfahne auf dem Rasen herumsteht, während der Ball bereits rollt. Irgendwann ist aber auch die Anmoderation endlich im Kasten und die Herren des Senders bequemen sich, ihre sieben Sachen zusammen zu sammeln.

Auf dem Platz scheinen sich auch die Hausherren zunächst etwas sammeln zu müssen. Obwohl man die Oberliga Hessen souverän anführt und erfahrene Spieler wie Frederic Löhe, Kevin Nennhuber und allen voran Michael Fink mit seinen 37 Jahren und stolzen 137 Bundesligaspielen, 73 Zweitligaeinsätzen und 66 Schlachten in der „Süper Lig“ auf dem Buckel, in seinen Reihen weiß, ist heute eine gewisse Nervosität nicht zu leugnen. Nach Kassels Ausrutscher am gestrigen Freitag in Fulda (FUDUTOURS berichtete) kann der FC Gießen am 31. Spieltag historisches schaffen: Bereits mit einem Remis wäre der Aufstieg in die Regionalliga Südwest nach Menschengedenken gesichert (aufgrund einer wesentlich besseren Tordifferenz gegenüber der „Verfolger“ aus Kassel und Alzenau). Bei einem Heimsieg wäre den neugegründeten Gießenern die Meisterschaft auch rechnerisch nicht mehr zu nehmen. Einer Ehrung mit der Meisterschale und einer großen Aufstiegsfeier würde hier nichts mehr im Wege stehen. FUDU hofft auf Freibier und drückt dem FC die Daumen.

Nach gerade einmal zehn Minuten hat sich auch Löhe von der Nervosität seiner Vorderleute anstecken lassen. Eine furchtbar verunglückte Rückpass-Bogenlampe von Nennhuber verspringt ihm bei der Annahme, den daraus resultierenden ersten Abschlussversuch der Lohfelder kann Löhe noch gerade ebenso abwehren, doch gegen den zweiten Versuch von Nasuf Zukorlic, den Ball ins mehr oder minder leere Tor zu schieben, ist der ehemalige Drittligakeeper aus Sandhausen und Babelsberg machtlos. Na, das geht ja gar nicht gut los.

Passend zur Laune der immerhin 1.173 Zuschauer verfinstert sich nun auch das Wetter. Dunkle Wolken sind über das „Waldstadion“ gezogen, während sich die Atmosphäre im Stadion trotz Aufstiegskampf nun in etwa auf Dorfplatzniveau einpendelt. Auch der grundsympathische Kaffee- und Kuchenverkauf vor den Kabinen erinnert eher an Kreisliga, denn an Regionalliga, dennoch (oder gerade deswegen) tun wir den Kuchenmuttis nach 25 Minuten den Gefallen und bestellen im Kampf gegen den auffrischenden Wind etwas Erwärmendes. Die Einnahmen werden nicht etwa zur Aufstellung des Regionalligaetats benötigt, sondern für den Bau von Schulen in Sierra Leone. Für solch edle Spendenaktionen trinkt dann auch Fetti Leone gerne mal einen Stadionkaffee.

Auf dem Rasen hat der FC Gießen so langsam ins Spiel gefunden, während das Wetter immer noch fleißig hin- und herflippert. In klassischer Aprilwetter-Manier geben sich Sonne, Wind, Wolken, Regen und Sonne quasi im Fünfminutentakt die Klinke in die Hand und gerade ist wieder einmal eine vielversprechende Flanke von Alban Lekaj verpufft. Offensiv nun etwas agiler, lässt der FC Gießen in der Defensive aber jegliche Ordnung vermissen. Nach einer guten halben Stunde reicht ein öffnender Pass aus der Tiefe, um Zehner Zukorlic glänzend in Position zu bringen, doch jagt dieser den Ball völlig unbedrängt weit über das Tor und hinein in den Stadtwald. Keine zwei Minuten später hätten sich die Gäste für einen wunderbar vorgetragenen Angriff über die linke Seite belohnen müssen. Dieses Mal ist es Stoßstürmer Tjarde Bandowski, der in aussichtsreicher Position nur die Latte trifft. Die letzte Viertelstunde der Partie verstreicht ereignisreich und mit einem beinahe schmeichelhaften 0:1 rettet sich der Titelanwärter in die Kabinen.

Die Pause nutzt Trainer Daniyel Cimen für einen Doppelwechsel. Wohl dem, der in der Oberliga auf solch einen Kader zurückgreifen kann, dass man so einen Mann wie Markus Müller von der Bank bringen kann. Der Eberswalder steht immerhin bereits bei 13 Saisontreffern und hat in seiner Vita u.a. 31 Regionalligatore für Offenbach und 16 Drittligatreffer für Babelsberg stehen. So einer wird fünftklassig sicherlich noch einmal für Furore sorgen können…

Zunächst einmal ist es jedoch Löhe, der noch einmal Harakiri spielt und ein weiterer katastrophaler Fehlpass im Spielaufbau bringt Lohfelden in Stellung. Die Gäste sind aber längst nicht mehr so zielstrebig wie im ersten Spielabschnitt und die Hausherren übernehmen nach und nach das Kommando. Stimmungsmäßig tut der Stadionsprecher selbiges, der den trägen Gießener Haufen nach Verkündigung der Zuschauerzahl zu animieren versucht, hiermit zunächst aber scheitert.

Nach gut einer Stunde ist der Bann endlich gebrochen und eine der vielzähligen guten Flanken von Alban Lekaj findet in Damjan Marceta endlich einmal einen Abnehmer, der den Ball aus Nahdistanz einnicken kann. Nun wechselt Lohfelden doppelt, bringt hierdurch aber eher weitere Unruhe in das eigene Spiel und Gießen drückt auf das Tempo und das 2:1: Antonaci scheitert an Gästekeeper Zunker (62.) und Marceta trifft im Nachschuss etwas überhastet nur das Außennetz, nachdem er im ersten Anlauf per Kopf gescheitert war (65.). Der Stadionsprecher versucht weiterhin Aufstiegsstimmung zu generieren, die geschriene Frage „Gießen, wo seid ihr?“ hat durchaus ihre Daseinsberechtigung, aber keinen spürbaren Effekt.

Gießen bringt die eigene Spielidee mit neuem Personal und veränderter Grundformation deutlich besser auf den Platz und schnürt seinen Gegner weiter hinten ein. In der 77. Minute scheitert Fink, der den Ball nach etwas Ping-Pong im Strafraum urplötzlich auf dem Fuß hatte, aus der Drehung am glänzend aufgelegten Zunker. Vier Minuten später vergibt Müller die nächste große Gelegenheit – sein Abschluss rauscht nur knapp am langen Pfosten vorbei. Auch der Stadionsprecher wird nun energischer und bringt es auf den Punkt: „Gießen, Ihr seid zu leise!“. Nur noch neun Minuten zu spielen, die Gäste haben ordentlich Beton angerührt und Fetti, der bereits etwas traurig durch das Programmheft blättert, sieht seine Freibierchancen schwinden.

Dann aber fasst sich Johannes Hofmann ein Herz und nagelt den Ball in der 88. Minute aus gut 20 Metern in den Knick. Näher an das Tor wäre der FC Gießen heute auch nicht mehr herangekommen. Endlich brandet Jubel im weiten Rund auf, der aber schnell wieder verebbt.

Bereits die Aufstiegsfeier im direkten Anschluss darf emotional als halbgar beschrieben werden, obwohl der Hessische Fußballverband eine recht ansehnliche Schale überreicht und die Übergabe professionell vorbereitet wirkt. Verbandspräsident Reuß freut sich in seiner Rede diebisch, dass „das Konstrukt in Gießen so gut angenommen wurde“ und meint dies als aufrichtiges Lob und als solches wird es vom Publikum auch aufgefasst. Soweit ist es mit Fußballdeutschland im Jahre 2019 also schon gekommen – das Wort Konstrukt auch einfach mal positiv besetzen! Klar, dass man von so einem Verein dann auch nicht mehr zu erwarten hat, als einen Jahrmarkt hinter dem Tor, einen schreienden Stadionsprecher und eine Aufstiegsfeier mit 20 Mann auf dem Platz.

Immerhin schreit der Schreihals nur noch einmal und das was er schreit, ist wie Musik für FUDUs Ohren. Es gibt 200 Liter Freiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiibiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiier! Klar, dass wir da noch ein wenig im Stadion verweilen, um mit den 50 Fans, die nicht sofort nach Hause eilen, den Aufstieg begießen zu können. In der Regionalliga Südwest starten in der kommenden Saison wirklich viele Traditionsvereine. Und der FC Gießen. In einem noch schönen Stadion. /hvg

03.05.2019 SG Barockstadt Fulda-Lehnerz – KSV Hessen Kassel 6:2 (3:0) / Stadion Johannisau / 1.300 Zs.

Am zweiten Mai 2019 hat die SG Eintracht Frankfurt im Hinspiel der Europa League dem Chelsea FC ein 1:1 abgeknöpft. In Berlin wurden zum Fußball Äppelwoi, Rindswurst und „Frankfurter Pilsener“ gereicht. Selten fühlte sich Fetti auf eine Reise derart gut vorbereitet, als er nur einen Tag später in Richtung Hessen aufbricht. Die Vorfreude auf diese Reise ist groß, seit im Gruppenforum FUDUs ein Wahlplakat von 2013 aufgetaucht war: „Chancen, Bildung, Beer“, lautete der verheißungsvolle Dreiklang, der Hessen in Fettis Wahrnehmung seitdem zu einer Art gelobtes Land hat werden lassen. Klar, dass da auch ein eigener Dreiklang komponiert werden musste: Einmal Fulda, Gießen und einen Auswärtssieg in Darmstadt, bitte.

Als ich am Freitagmorgen um 7.28 Uhr den ICE betrete, ist der Erholungsaspekt meines eingereichten Urlaubstages bereits ganzheitlich spürbar. Es ist zwar noch früh am Morgen, aber Fetti ist schon Fulda! Wer würde sich nicht darüber freuen, endlich einmal wieder mitten in der Nacht aufzustehen, um ein Oberligaspiel sehen zu können? Zwar wird der 31. Spieltag der „Hessenliga“ mit dem ewig jungen Klassiker zwischen Osthessen (Fulda) und Nordhessen (Kassel) heute erst um 18.30 Uhr im „Stadion Johannisau“ eröffnet, doch wer mag sich schon mit dem rumänischen Kassenwart anlegen, wenn dieser wieder einmal eine Direktverbindung für 21,75 € ausfindig gemacht hat? So kommt man also in den etwas zweifelhaften Genuss, die „wunderschöne Barockstadt Fulda“, wie der Zugbegleiter vollmundig verspricht, bereits um 10.48 Uhr erreicht zu haben.

Das „Altstadthotel Arte“ punktet zunächst einmal mit seiner Adresse, die die erste Steilvorlage für einen gelungenen Scherz liefert. Ich tippe also die Anschrift „Doll 2-4“ in mein Handy und schicke im Geiste Grüße nach Hannover, wo Thomas Jens-Uwe „Ist doch alles Blablabla“ Doll seit seines Amtsantritts in etwa 2-4 Punkte geholt haben dürfte. Hoffentlich kein schlechtes Omen für die spätere Hotelbewertung bei booking, denkt sich Fetti, als er kurz darauf um die Ecke biegt und erspäht, dass sich direkt gegenüber seiner Unterkunft das „Hohmanns Brauhaus“ befindet. „Gute Lage“, notiert Fetti und nickt wohlwollend. Die ersten fünf von zehn Punkten sind dem Hotel nicht mehr zu nehmen.

Es ist mittlerweile 11.09 Uhr geworden. 50% der Bestbewertung hat das „Arte“ also bereits wenig kunstvoll eingestrichen, doch die halbe Miete ist das bekanntlich ja noch lange nicht. Es folgt jedenfalls ein ordentlicher Schlag in den Schweinemagen, als Fetti verkündet wird, dass sein Zimmer leider erst um 15.00 Uhr bezugsfertig sein wird. Immerhin ist man hier jedoch so freundlich und kann den Rucksack zur Aufbewahrung entgegennehmen. 6/10!

Im Folgenden stürzt sich Fetti ins Getümmel des „kulturellen Zentrums Osthessens“ mit immerhin 68.635 Einwohnern. Geprägt ist das Stadtbild zunächst einmal von Plakaten, Wimpeln und Fähnchen, die auf ein Stadtjubiläum hinweisen. Erstmals wurde Fulda im Jahre 744 urkundlich erwähnt, da liegt es Anno 2019 natürlich auf der Hand, den 1275. Geburtstag der Stadt zu feiern. Der wohl unrundeste Geburtstag, der jemals auf diese Art und Weise präsentiert worden ist. Da wird man schon neugierig, in welcher Amtsstube so wenig zu tun war, dass irgendwer so lange gelangweilt auf einem Taschenrechner herumdrücken konnte (7353315!), bis das mit dem „Jubiläum“ zufällig ans Tageslicht gekommen war…

1275 Jahre nach Stadtgründung ist das „Tourismus- und Kongressmanagement Fulda“ am Bonifatiusplatz jedenfalls bestens auf Gäste eingestellt, die sicherlich eigens wegen dieser Feierlichkeiten anreisen werden. Einen Stadtplan und eine Übersicht über die Sehenswürdigkeiten kann man hier entgeltfrei aushändigen und auch die darauf folgende Werbeveranstaltung hält sich hinsichtlich ihrer Penetranz in Grenzen. Um 12.00 Uhr würde hier eine 60 minütige Stadtführung starten und für gerade einmal neun Euro könnte man dabei sein, wenn in gut 45 Minuten irgendein Schirmträger so eine Art Rentner-Tinder anleiten und einem vermutlich über jedes einzelne Fenster des Fuldaer Doms Legenden erzählen wird. Da ich bereits kurz nach Check-In ausführlich von dem etwas schrulligen Rezeptionisten des „Altstadthotel Arte“ auf diesen „einzigartigen Stadtrundgang“ hingewiesen worden bin, höre ich eh nur noch halbherzig zu, bedanke mich dann artig, lehne aber dankend ab. Zum Abschied winke ich mit dem Gratisstadtplan, mit dem es mir unter Umständen gelingen wird, wirklich alle Hotspots der Weltstadt Fulda selbstständig zu finden.

Und siehe da, kaum hat man das Informationsgeschäft verlassen, schon tun sich in Sichtweite die beiden wichtigsten touristischen Anlaufstellen der Stadt auf. Vis-a-vis befindet sich das Fuldaer Stadtschloss mit Schlossgarten, dreht man sich einmal nach links, schon hat man freie Sicht auf den Dom St. Salvator und den Domplatz. Die beiden Prachtbauten nach Plänen von Johann Dientzenhofer bilden das Herzstück des sogenannten Barockviertels – und damit wäre im Grunde genommen auch schon alles gesehen. Joa. Wieder neun Euro gespart, würde ich sagen.

Eine knappe Stunde führe ich mich dann aber doch durch die Stadt, erkunde den wirklich schönen Schlossgarten samt Orangerie und „Floravase“ (heute stilvoll hinter Bauzäunen präsentiert) etwas genauer und treffe hierbei sogar auf freilebende Krokodile. Wie sich dieses kreative Performancekünstlerkollektiv wohl nennen mag? Vielleicht Ali and the Gators? Muss ich nachher im „Arte“ mal nachfragen…

Das Wetter ist prächtig und so versprühen im weiteren Verlauf des Stadtspaziergangs auch die Gassen der Altstadt in der Mittagssonne einen gewissen Charme. Sollte der erst heute Abend eintreffende Speckgürtel FUDUs (Zitat: „Ich habe die Buchung für Fulda etwas verkackt. Gestern waren da noch schön günstige Tickets und dann kam Besuch und ich habe meine Buchung nicht beendet. Es wird bei mir wohl darauf hinaus laufen, dass ich doch erst abends komme und die erste Halbzeit verpasse.“) morgen Interesse an einer Stadtführung haben, ich wäre bereit dafür. Für nur acht Euro zeige ich ihm in 55 Minuten Fulda in seiner ganzen Pracht – und der „Hexenturm“ ist da dann auch schon mit dabei!

Für mich ist es nun an der Zeit für mein traditionelles Auswärtsschnitzel. Zwei Stunden vor Check-In beziehe ich Quartier im „Hohmanns Brauhaus“ und schaue wehmütig auf mein Hotel gegenüber. Das Essen mundet, allerdings weiß ein regionaler Hit-Radiosender mit grenzdebilen Moderatoren aus dem Animateurseminar und einem Musikpotpourri aus der Hölle geschickt zu verhindern, dass man hier freiwillig noch eine zweite Runde bestellen mag. Auch, wenn mich das „Fuldaer Kellerbier“ durchaus interessiert hätte. So aber muss ich noch andernorts ein wenig Zeit überbrücken und das Motto: „Bring mal ’n Bier mit, Du wirst schon wieder hessisch!“ wird geboren. In der Kaufhalle bietet man dem geneigten Touristen mit Hang zu Alkoholismus regionale Spezialitäten feil: Neben zwei Flaschen „Hochstift Pils“ wandert auch ein Sechserträger „Fuldaer Stadtbräu“ selbiger Brauerei in den Jutebeutel. Da wird der Nachkömmling aber Augen machen, wenn er unser Hotelzimmer nach Abpfiff derart attraktiv dekoriert sehen wird.

Der Check-In mit den klimpernden Flaschen im Bierigel animiert den Rezeptionisten dazu, mir feierlich zu verkünden, dass das Frühstück morgen im Brauhaus gegenüber gereicht wird. Ich sag mal: 7/10! – und verschwinde zwecks Verköstigung des ersten der ersten beiden „Stadtbräus“ im Zimmer und verliere so wertvolle Zeit. Richtig Stress ist, wenn man im Urlaub seinen Mittagsschlaf auf TM legen muss.

Nach dem Nickerchen geht der zwanzigminütige Spaziergang zum „Stadion Johannisau“ leicht von der Hand. Nur kurz beschäftigt mich das Schicksal der „Rhöner Rosetteneule“, schon bin ich am vermeintlichen Ziel meines Fußwegs angekommen. Angesichts der vielen Kasseler Schlachtenbummler um mich herum, wähne ich mich allerdings zunächst am Gästeblock. Der Ordner meines Vertrauens entschuldigt sich, dass er heute zum ersten Mal eingesetzt wird und nicht weiß, wo er gerade steht und wo sich die anderen Eingänge des Stadions befinden. Für die Auseinanderhaltung von Heim- und Auswärtsfans ist er offenbar ebenfalls nicht ausgebildet und so umkreise ich in Folge die Spielstätte, die mitten im Grünen liegt und rund um Käsbach und Aueweiher nahezu phantastische Möglichkeiten für Drittortauseinandersetzungen bieten würde. Doch auf derartige Gewaltphantasien muss man sich hier gar nicht erst weiter einlassen – kurz darauf hat sich nämlich herausgestellt, dass sich Fuldaer und Kasseler Fußballfreunde heute einen Eingang teilen müssen und sich dann ohne Taschen- oder Leibesvisitation im Stadion, in dem es keine Blocktrennung im eigentlichen Sinne gibt, selbst in Gast- und Heimbereich einsortieren dürfen. „Derby“ mal anders!

Das Stadion hat sich bereits weit vor Anpfiff ordentlich gefüllt. Beim Erwärmen der Mannschaften spielen die gastfreundlichen Fuldaer erst die Hymne des KSV Hessen Kassel ein und setzen im Anschluss auf eine musikalische Bandbreite von „Bamboleo“ bis „Böhse Onkelz“. Ein Kassel-Fan mit Thorhammer-Kettenanhänger, der den Gästeblock in der Kurve noch nicht gefunden hat und unnötigerweise auf der Gegengerade herumlungert, singt begeistert mit – ich verrate aber nicht, bei welchem der beiden genannten Lieder. Abzüge in der B-Note erhält Fuldas Spielstätte wegen der überraschend modernen sanitären Anlagen und aufgrund des Umstandes, dass es kein Fassbier zu erwerben gibt. Das aus 0,33 Liter Flaschen abgefüllte „Stadtbräu“ schlägt mit stolzen 2,40 € zu Buche. Zusätzlich übertreibt es der Stadionsprecher in Folge mit der Anbiederei gegenüber der 350 mitgereisten Nordhessen, indem er die „großartige Vereinsgeschichte“ der Gäste hervorhebt und dann weitere Vereinslieder des KSV vorspielt. Was man eben so macht, wenn es über den eigenen Verein nichts zu senden gibt – aber dazu später mehr.

Hessen Kassel bietet laut Programmheft das kongeniale Innenverteidigerduo Tim-Philipp Brandner und Tim Philipp Brandner auf und wirft im Sturm Sympathieträger Mahir Sağlık nach abgesessener Sperre (gelb-rot im „Rekordspiel“ gegen den KSV Baunatal vor 15.488 Zuschauern → Rekord verpasst) wieder ins Rennen. Bei den Gastgebern vermisst man Sturmlegende Christopher Bieber schmerzlich, der überraschend nicht im Kader steht. Und schon eröffnet Schiedsrichter Gahis Safi die Partie zwischen dem Tabellenfünften und den um zwei Rängen besser positionierten Gast aus Kassel, der mit aller Macht in die Regionalliga drängt.

Gerade einmal zwei Minuten sind gespielt, als ein Akteur des KSV mit einem Heber aus gut 30 Metern Fulda-Schlussmann Wolf um ein Haar überraschen kann. Die Schlagzahl des Spiels bleibt hoch. Wieder vergehen nur zwei Minuten bis zum nächsten Höhepunkt – eine Broschke-Flanke von der rechten Seite kann Fuldas Mittelstürmer Dominik Rummel per Kopf verwerten. Da im Stadion kaum jemand lautstark jubelt, folgt Rummels Tor eben auch ein Rummel vom Band. Unfassbar ohrenbetäubendes Geschrei (Tor! Tor! Tor!) dringt durch die Lautsprecher, ein älterer Herr wendet sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ab. So kann man Freude über Treffer der eigenen Mannschaft natürlich auch im Keim ersticken. Der zweite Hörsturz folgt lediglich sechs Minuten später, als Fulda seinen zweiten Angriff über drei Stationen eiskalt verwerten kann. 2:0 durch Strangl – Jabbadabbadoo!

Der nächste Angriff der Barockstadt ist wunderbar vorgetragen. Mit 5-6 Pässen ist man in den Strafraum des KSV eingedrungen und ich ertappe mich dabei, wie ich regelrecht darauf hoffe, dass der letztlich durch einen Doppelpass freigespielte Broschke aus Nahdistanz scheitern möge – aus bloßer Angst vor dem erneut einsetzenden Torjingle. Doch diesen Gefallen tut der zweite nominelle Stürmer der Hausherren mir und den anderen 1.299 Zuschauern nicht und so steht es bereits nach 20 Minuten völlig überraschend 3:0.

Der melodiöse Dauersingsang aus Kassel verklingt und im Stadion hört man nun die Vögel zwitschern. Ansonsten herrscht die sprichwörtliche Totenstille, während das eigentlich zu Euphorie anregende Spiel dem Halbzeitpfiff entgegen plätschert. Das hat man nun davon, wenn man es sich mit der aktiven Fanszene verscherzt – aber dazu später mehr.

In der Halbzeitpause gibt es auf dem Grill leider keine Wurst mehr, dafür steht das vorbereitete Bier in der Abendkühle herum und lädt Zechpreller geradezu dazu ein, 2,40 € zu sparen. Klar, dass sich Fetti, der gerade erst in einem Crashkurs seines rumänischen Kassenwarts gelernt hat, dass man das meiste Geld beim Bezahlen verplempert, sich da nicht zwei Mal bitten lässt. Kurz darauf kommt auch FUDUs zweiter Mann, der noch immer über keinen passablen Spitznamen verfügt, endlich mit einem Bus am Stadion an. Kurzzeitig stand die Überlegung im Raum, auf ein Taxi zurückzugreifen, da der gemeine Fuldaer keine Busverbindung in die Sportstätte benennen konnte. Wie auch immer, die Kosenamenfindung wird in jedem Fall vorerst vertagt, da sich Wortspiele mit dem Wiewort „dumm“ und unserem aktuellen Standort „Johanissau“ natürlich verbitten lassen.

Gemeinsam werfen wir dann endlich einen Blick in das weite Rund, um die Schönheit der Spielstätte angemessen würdigen zu können. Eine große Haupttribüne, eine unüberdachte Gegengerade, ein wenig Gebüsch zwischen den Blöcken, ausufernde Kurvenbereiche, wunderschöne Flutlichtmasten. Kurzum: Ein Stadion, das genau diesen Namen verdient und ein Ort, an dem ich mich immer sehr viel wohler fühle, als in einer dieser modernen Arenen, in denen es nicht mehr um Fußball geht, sondern nur noch darum, wer die tollste Lichtorgel vorzuweisen hat. Das „Stadion Johannisau“ existiert jedenfalls seit 1957, wurde dann und wann baulich verändert und fasste zu Hochzeiten an die 30.000 Zuschauer. 1963 strömten 26.000 Besucher zu genau der Partie des heutigen Tages, später wurde die Kapazität „aus Sicherheitsgründen“ nach und nach reduziert. Nunmehr fasst das Stadion noch 18.000 Zuschauer. Längerfristig soll es zur Erfüllung der aktuellen Auflagen der Regionalliga modernisiert und auf 10.000 Plätze zurückgebaut werden. Es ist davon auszugehen, dass spätestens dann von dem aktuellen Charme nicht mehr viel übrig bleiben dürfte.

Die geäußerten Sorgen des zu spät gekommenen, dass hier bei einem Spielstand von 3:0 zur Halbzeit nicht mehr viel passieren wird, sind alsbald obsolet. Es sind erst acht Minuten im zweiten Abschnitt gespielt, als Fuldas Dennis Müller irgendwo im Niemandsland des Mittelfelds völlig übermotiviert, überhart und einigermaßen sinnlos in Brian Schwechel rauscht. Der Brian schwächelt zwar nur kurz und kann dann glücklicherweise weiterspielen, doch die einzig logische Konsequenz für Müller lautet: glatt Rot!

Das sollte den Gästen, die gegen Ende der ersten Hälfte schon zu zwei Chancen auf den Anschlusstreffer gekommen waren, doch in die Karten spielen – doch weit gefehlt. Hessen Kassel agiert in Folge völlig kopflos, stürmt ohne taktisches Kalkül nach Vorne und löst viel zu früh die Defensive auf. In Unterzahl nimmt Strangl einen weiten Ball aus der eigenen Hälfte bereits an der Mittellinie auf und hat nur noch einen einzigen Zweikampf zu führen, bevor er den Ball zum „umjubelten“ (Tor! Tor! Tor! Jabbadabbadoo!) 4:0 ins lange Eck legen kann. Und die Demütigung des KSV nimmt kein Ende – nur vier Minuten später verlieren die Nordhessen einen Ball im Mittelfeld, hinten fehlt es an jeglicher Absicherung und so rennt Broschke, der den Ball selbst erobert hatte, 50 Meter alleine auf den Keeper zu und schiebt überlegt zum 5:0 ein (62. Minute).

Eine rote Karte und zwei Tore in einer knappen Viertelstunde. Nicht schlecht, Dr. Specht! Als hätte sich das Nachkommen nicht ohnehin bereits völlig ausgezahlt, kann der Dramaturgie des Abends noch ein weiteres Schmankerl hinzugefügt werden. Nach 65 Minuten beziehen ein Dutzend Männer Stellung in der verwaisten Kurve zu unserer Linken und recken Spruchbänder empor. „Borussia grüßt den KSV!“, so die Aufschrift der zuerst gezeigten Tapete, beantwortet durch „In Fulda, in Fulda, nur Borussia!“-Rufe des Gästeblocks. Dies ruft wiederum den Stadionsprecher auf den Plan, der nun trotzig entgegnet: „Die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz begrüßt die ehemaligen Fans der Borussia!“. Weitere Tapeten folgen: „SG Barackenstadt. Keine Fans! Kein Erfolg! Keine Zukunft!“ und „Fulda ist Borussia“ steht auf diesen geschrieben. „Tradition, Kampf und Leidenschaft – sonntags bei Borussia“ wird zum Abschluss samt etwas Pyrotechnik präsentiert und lädt den geneigten Stadionbesucher zum nächsten Heimspiel der neugegründeten Borussia Fulda in die Kreisliga auf Kunstrasen, der regelmäßig von 300-400 verprellten Fuldaer Fußballfans gesäumt wird. Die Fusion im Jahr 2018 von Borussia Fulda und dem TSV Lehnerz 1965 mit einhergehender Aufgabe des Traditionslogos und des Vereinsnamens war mit absoluter Sicherheit eine ganz hervorragende Idee…

Die letzten Highlights des Abends werden wieder auf dem grünen Rasen verzeichnet. In der 75. Minute wird ein Abschluss von Sağlık noch gerade eben so von der Linie gekratzt, im Gegenzug bestraft Strangl die Auflösungserscheinungen in der Defensive des KSV mit dem 6:0. Erst durch den sechsten Treffer werden die Nordhessen etwas wachgerüttelt, schließlich könnte es am Ende der Saison im Duell mit Bayern Alzenau auch um die Tordifferenz gehen, um als Tabellenzweiter noch aufsteigen zu können. So werden trotz des aussichtslosen Spielstandes noch einmal neue Kräfte geweckt. In der 86. ist es erneut Sağlık, der scheitert, doch nach zwei Eckstößen kommt der KSV wenigstens noch zu zwei späten Toren (Sebastian Schmeer, 86. und 90. Minute), die dazu führen, dass man hier glimpflich mit einer -4 davonkommt.

Die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz qualifiziert sich im Anschluss mit spielerischer Leichtigkeit für die Rubrik Scheißverein, indem der Stadionsprecher nun lauthals den „Sieg der neuen Fußballtradition“ verkündet. Das Stadion leert sich, ein paar Kinder schwenken alte Borussia-Fahnen und der Inklusions-Heimblock, bestehend aus vier Menschen mit Tröten und einer Trommel, läuft noch einmal zu Hochform auf.

Uns zieht es zielstrebig in den „Hansa-Keller“, auf den ich im Rahmen meines Stadtspaziergangs aufmerksam geworden war. Wie der Name verspricht, wird hier feinste Balkanküche im Souterrain geboten und der Wirt ist so freundlich, uns gegen 22.00 Uhr noch einmal den Ćevapi-Grill anzuschmeißen und dazu „Hochstift“ aus dem Tonkrug zu reichen. Der Abend endet dann mit „Stadtbräu“ im Hotelzimmer und der erwarteten Freude des Nachkömmlings, der das Ambiente des „Arte“ so locker mit 7,5 von 10 bewerten kann.

Am nächsten Morgen begrüßt uns ein widerlicher Graupelschauer, der an unsere Fenster peitscht. Das Frühstück im Brauhaus gegenüber ist zwar durchaus attraktiv verortet, führt nun aber auch dazu, dass man eben über die Straße und durch den Schneeregen laufen muss. Klarer Abzug hinsichtlich des Komforts, zurück auf 7 von 10! Gut gestärkt kann ich im Anschluss die Schönheiten Fuldas bei eher mittelmäßiger Wetterlage auch in weniger als 55 Minuten präsentieren und schon steht die 78 Kilometer lange Weiterreise gen Westen in die Universitätsstadt auf dem Programm. Hoffentlich gibt es da auch Chancen, Bildung und Beer. Und hoffentlich wird’s nicht den ganzen Tag gießen. /hvg

27.04.2019 SV Blau-Weiß Petershagen-Eggersdorf – SV Grün-Weiß Lübben 3:0 (0:0) / Waldsportplatz / 171 Zs.

Noch vor wenigen Tagen bin ich mit einem lange aufgeschobenen Besuch des BSV Eintracht Mahlsdorf meinem Ziel, die Berlin-Liga irgendwann einmal komplett zu haben, etwas näher gekommen. Mitten in die noch bestehende Euphorie, ausgelöst durch die Jagd auf sinnlose Kreuze, erreicht mich eine Anfrage aus Neuruppin. Es ist genau der richtige Zeitpunkt, mich zu fragen, ob ich nicht schon immer einmal in meinem Leben nach Petershagen-Eggersdorf gewollt hätte. Sofort fühle ich mich von dieser Nachricht abgeholt und auch ohne, dass ich dieses Unterfangen auch nur ansatzweise in Frage gestellt hätte, ergänzt der Mann aus dem Speckgürtel – beinahe so, als müsse man sich für gute Ideen rechtfertigen – dass ihm nur noch der „Waldsportplatz“ zur Komplettierung der Brandenburg-Liga fehlt. Na, da komme ich doch gerne mit. Man hilft eben, wo man kann.

Nach einer kleinen Vorabrecherche ist Fetti bereits in den gastgebenden Verein und dessen Website verliebt. Die Internetpräsenz des Sechstligisten ist liebevoll gestaltet, auf tagesaktuellem Stand und kommt zudem in höchst professioneller Optik daher. Um die Vorfreude auf den Stadionbesuch bereits ins Unermessliche zu steigern, wird dem geneigten Hopper eine imposante Luftbildaufnahme des Sportplatzes präsentiert („Unser schöner Waldi!“) und die eigene Vereinsgeschichte mit einem kleinen Augenzwinkern näher gebracht. 1995 fusionierten die Fußballmannschaften aus Petershagen und Eggersdorf also und schreiben seitdem Geschichte als „blau-weißes Doppeldorf“. Mit einer angemessenen Prise Selbstironie sammelt man bei FUDU immer Punkte!

Als der Brandenburgligist kurz darauf zum „Frühjahrsputz“ auf den „Waldsportplatz“ lädt, hört der Spaß für mich jedoch auf. Ab 9.00 Uhr soll die Sportanlage am Spieltag von Unrat befreit, Sitzschalen geschrubbt und irgendwelche Rohre im Kabinentrakt neu gestrichen werden. Da muss Fetti dann wohl doch konkretisieren: Man hilft eben, wo man kann – aber nur nach dem Aufstehen…

… und das ist am Samstag mitunter eine echte Herausforderung. Heute kommt es jedenfalls zu derart vielen Verzögerungen im Betriebsablauf, dass auch die Einladung zweier FUDU-Jünger in das Ladenkino „b-ware!“ letztlich ausgeschlagen werden muss. Um 11.00 Uhr gibt man sich hier die volle Dröhnung Melancholie. „Unser Team – Nossa Chape“ ist für einen unbeschwerten Start in den Tag natürlich das optimale Programm. Unser aller Fetti hat jedoch bereits genügend Blei in den Füßen und dreht sich so mit spielerischer Leichtigkeit lieber noch einmal um, anstatt sich der Exkursion ins Lichtspielhaus anzuschließen. Naja, der Film wäre eh langweilig geworden – weiß ja jeder, wie’s ausgeht.

Irgendwann hat sich aber auch Fetti endlich aufgerappelt und sich aus der Suhle gequält. Der Film neigt sich langsam dem Ende entgegen und so begibt sich Fetti, der treue Gesell, auf den Weg in das Kino, um seine Freunde einzusammeln und emotional aufzufangen. Kurz darauf ist es jedoch er, der emotionale Unterstützung benötigt, ist doch in seinem Späti des Vertrauens das „Berliner Pilsner“ schon wieder ausverkauft. „Ja, Herrschaftszeiten, das ist ja schlimmer als ein Flugzeugabsturz!“, poltert die dumme Sau in das Ladengeschäft hinein und erntet nicht nur tröstende Blicke des Verkäufers, sondern auch einen Vorschlag zur Güte. „Wenn Du eine Stunde wartest, dann gibt es neues Berliner!“. Fetti, der mit bürgerlichem Namen übrigens Justin Acceptable heißt, lehnt dankend ab und greift anstatt dessen erneut zu B-Ware minderer Qualität.

Genau das richtige Getränk also, um kurz darauf die Ausschussware FUDUs in Empfang zu nehmen. Etwas niedergeschlagen kommen mir die beiden Cineasten schon in die Arme gelaufen, aber immerhin haben sie den Film trotz des erwartbaren dramatischen Ausgangs bis zum Ende durchgehalten. Ich ziehe meinen Hut und sag mal: ‚Chapo!‘ und kann nun meinerseits meinen Teil dazu beitragen, um in Folge für etwas Ablenkung zu sorgen. Auf in die Brandenburg-Liga, auf nach Petershagen-Eggersdorf!

Der Neuruppiner kennt sich in Berlin und Umgebung bestens aus und so kann es ihn auch nicht schocken, dass die S-Bahn heute nur bis zum Bahnhof Lichtenberg verkehrt. Schnell ist ein Plan B geschmiedet und mit einer absoluten Glaubwürdigkeit hat er selbstbewusst vorgetragen, dass die gerade einfahrende Regionalbahn nach Strausberg für uns ein absoluter Glücksfall wäre. Der Bahnhof Strausberg (nicht zu verwechseln mit Strausberg-Nord oder Strausberg-Stadt) sei ohnehin viel näher am Spielort gelegen als der ursprünglich angepeilte S-Bahnhof Petershagen Nord – und schon springt der leichtgläubige Fetti auf den Zug. Noch während der kurzen Fahrt fällt dem jungen Mann mit der ausgeprägten Selbstsicherheit trotz grenzenloser Ahnungslosigkeit auf, dass er soeben ordentlich Paste erzählt hat und nun muss dieser kleinlaut zugeben, dass der Bahnhof Strausberg stolze 4,1 Kilometer, der Bahnhof Petershagen-Nord aber lediglich 1,4 Kilometer von der Spielstätte entfernt liegt.

Fetti lässt sich hiervon jedoch nicht die Laune vermiesen, kommt er doch am Bahnhof Strausberg in den Genuss, endlich einmal wieder eine ordentliche Portion unnützes Wissen vom Stapel zu lassen, als der Zug zum Halten kommt, sich die Türen öffnen und den Ausstieg nach beiden Seiten des Gleises ermöglichen. „Wenn sich beiderseits Bahnsteige befinden, dann sprechen wir Bahnfreunde von der ‚Barcelona-Lösung’“, referiert Fetti weltmännisch geschickt, liegt hiermit aber ebenso daneben wie der ortsunkundige Kollege aus Brandenburg bezüglich der Anreiseplanung. Zwar ist damals kein Widerspruch eingelegt worden, doch die Chronistenpflicht gebietet es, auch diesen Irrtum an dieser Stelle richtig zu stellen: Es ist die „Spanische Lösung“ – die allerdings erstmals zumindest „vermeintlich“ (Quelle: Wikipedia) in den 1930er-Jahren in der Metro Barcelona zum Einsatz gekommen war. Insgesamt also alles eindeutig weniger falsch als die Sache mit dem Ausstieg in Strausberg, Kollege.

Schnell ist die eine Station retour zurückgelegt und schon die ersten Schritte durch das „Doppeldorf“ verschaffen Klarheit darüber, dass es sich bei diesem Neologismus keineswegs um eine Erfindung der Fußballabteilung handelt. Auch die Politiker, die sich auf Werbeplakaten zur Wahl der Gemeindevertretung feilbieten, wollen „das Doppeldorf im Einklang von Mensch und Natur entwickeln“ und so scheint es sich also um offiziellen Sprech zu handeln. Sozusagen Stadtmarketing im ganz Kleinen, aber der Begriff „Doppeldorf“ bleibt trotzdem charmant. Meine Stimme würde ich dennoch dem Seebären Hans-Joachim Kannekowitz geben, der nicht nur aussieht wie eine Parodie, sondern auch noch so heißt. Außerdem überzeugt sein Wahlprogramm: „Gesunder Menschenverstand!“ – kann man ja auch mal probieren.

Einige wenige Minuten später haben wir den „Waldsportplatz“ in der „Wilhelm Pieck Straße“ erreicht. Der Cheftrainer hat sein Auto vorbildlich an dem zur Verfügung stehenden Platz abgeparkt und muss heute mutmaßlich auf Unterstützung seines Co-Trainers verzichten, dessen Parkplatz 20 Minuten vor Spielbeginn noch verwaist ist. Die Gäste aus Lübben haben die 75 Kilometer lange Reise mit zwei Neunern mit Vereinsemblem hinter sich gebracht und schon kann FUDU für 5 € pro Penis den frisch aus dem Frühjahrsputz kommenden „Waldsportplatz“ betreten.

Zu bestaunen gibt es vor Anpfiff in etwa 15 Sitzschalen auf der Längsseite, die vermutlich den Ehrenmitgliedern vorbehalten sind. Der Fanshop-Container bleibt heute leider unbesetzt und auch der Schaukasten nebenan hat vermutlich schon lange auf keine Höhepunkte mehr hinweisen dürfen. Dafür punktet das liebevoll gestaltete Vereinsheim auf ganzer Ebene und für Naturfreunde ist sicherlich auch der dichte Kiefernwald (?), der das Stadion säumt, hervorzuheben. Die Tür, die bitte immer verschlossen gehalten werden muss, damit Wildschweine nicht die Sportanlage zerstören, steht sperrangelweit offen und wir können Fetti nur mit Mühe und Not im Zaum halten. Als die gefühlsduselige Hymne  mit der wunderbaren Textzeile: „Es gab mal zwei Vereine, die liebten sich so sehr, die waren wie Geschwister und noch ein bisschen mehr…“ erklingt, ist jedoch endgültig kein Halten mehr. Ach, Liebe unter Geschwistern ist auf dem (Doppel)Dorf ja mitunter so’ne Sache…

Bei soviel Romantik ist jedenfalls davon auszugehen, dass der uns unbekannte Sänger im Tonstudio wohl mehrere Höhepunkte zu verzeichnen hatte, als das Spiel in den ersten 25 Minuten. Auf dem „Waldsportplatz“ zu Petershagen-Eggersdorf ist jedenfalls so lange tote Hose, bis der Ball urplötzlich im Ball der Lübbener zappelt, doch zeigt der Linienrichter unverzüglich an, dass sich der zurückgelegte Ball bereits im Toraus befunden hätte. „Kann passieren!“ wird zum geflügelten Wort und ist in der ersten Halbzeit die meist gedroschene Phrase beider Mannschaften, die sich alle 30 Sekunden irgendeinen Fehlpass oder Stockfehler schönmotivieren müssen. Schiedsrichter Toni Bauer fällt zu allem Überfluss auch noch negativ auf, indem er jeden Pfiff mit endlos langen Monologen unterfüttert – oder, wie es in den Notizen geschrieben steht: „Schiedsrichter labert schlimm viel“. So geht eine recht ereignislose erste Hälfte auf wirklich schwachem Niveau, in der die Gäste aus Lübben leichte Feldvorteile hatten, torlos zu Ende.

In der Halbzeit vermissen wir den „Blaufuchs“ schmerzlich. Das Maskottchen des „Doppeldorfs“ ist nicht nur ein blauer Fuchs im eigentlichen Sinne, sondern womöglich auch eine Hommage an einen Sponsor. Das „Hotel Blaufuchs“ befindet sich jedenfalls in gerade einmal 750 Metern Entfernung zum „Waldsportplatz“ und ist hier auf der einen oder anderen Werbebande präsent. Nicht nur die Website versprüht in Petershagen-Eggersdorf Professionalität, sondern auch das dort vorgestellte „Sponsorenkonzept“. Die scheinen auf jeden Fall einen Mann in ihren Reihen zu haben, der Ahnung studiert hat. Kann man jetzt drüber streiten, ob man voller Bewunderung auf das „Doppeldorf“ schauen und neidlos anerkennen sollte, dass man sich auf diesem Wege gut in der Liga etablieren und eigentliche „Big Player“ aus größeren Städten, wie z.B. Stahl Brandenburg, FC Schwedt, FSV Brieske/Senftenberg oder den 1.FC Guben hinter sich lassen konnte, oder ob man es etwas bedauerlich finden mag, dass man mittlerweile wohl auch in der sechsten Liga professionelle Strukturen etablieren muss, um konkurrenzfähig sein zu können.

In der zweiten Halbzeit wechseln wir auf die Gegengerade. Hier stehen dem geneigten Stadionbesucher Gartenstühle zur Verfügung, welche dem heutigen Frühjahrsputz aber ganz offensichtlich nicht zugeführt worden sind. Etwas pikiert schaut Fetti schon drein, dass er sich mit seiner weißen Armani-Großstädterhose hier auf das verdreckte Provinzplastik hocken soll, aber gut, wenn man die Brandenburg-Liga komplettieren kann, muss man eben Opfer bringen. Der Platz erweist sich jedoch alsbald als recht unterhaltsam, weil sich Cheftrainer Sedlak nun in schöner Regelmäßigkeit ans uns wendet. „Kam der Ball wirklich vom Gegner?“, „War doch klar Seits, oder?“, „Erste Aktion war doch aber von der 3, oder wie seht ihr das?“. Was soll man machen, wenn einem der Co-Trainer fehlt…

Die „3“ des Gegners ist übrigens niemand geringeres als René Trehkopf, der immerhin 116 Spiele in der zweiten Bundesliga, 22 Drittligaeinsätze und 54 Regionalligapartien für Aue, Chemnitz, Cottbus und Dresden in den Knochen hat und gerade zarte 39 Jahre alt geworden ist. Wie alle anderen Akteure hat er mit den Platzverhältnissen zu kämpfen. Aus unserer neuen Perspektive ist doch ersichtlich, wie viel Sand auf den Rasen gekippt worden ist, um Löcher zu stopfen. Und wie alle anderen Akteure wird auch Trehkopf Augenzeuge des ersten mustergültigen Angriffs des heutigen Abends. Zwei-Drei Pässe können die „Doppeldorf“-Kicker an den Mann bringen, was Keeper Rudolph bereits zu einem euphorischen „Das ist Fußball!“-Ruf veranlasst, doch diesen hätte er sich ruhig noch wenige Augenblicke aufheben können. Der Pass nach Linksaußen ist jedenfalls perfekt angebracht, die Flanke wohl temperiert, die Direktabnahme mit der Innenseite in den rechten oberen Winkel mustergültig. Maurice Ulm lässt sich nach 60 Minuten zurecht feiern, dazu läuft der „Superperforator“ aus dem „Schuh des Manitu“ als Torjingle. Unter diesen Umständen würde uns ein 1:0 genügen.

Ein Gefallen, den uns die nun befreit aufspielenden Hausherren nicht tun wollen. Nur neun Minuten nach dem 1:0 legt Anton Feiler nach einer Flanke von der rechten Seite per Kopf zum 2:0 nach. Im Anschluss wird wieder gebolzt und gestümpert, was das Zeug hält und hätte Lübbens Verteidiger Leupold nach 89 Minuten nicht völlig unbeholfen einen „Doppeldorf“-Angreifer im Strafraum von den Beinen geholt, hätte man auch keine weiteren Worte über das Spiel verlieren müssen. So aber kommt Kapitän Resad Demann noch in den Genuss, per Strafstoß auf 3:0 zu erhöhen. Im Anschluss holen sich die Mannen um Ex-Unioner Michael Kohlmann den verdienten Applaus der 171 Zuschauer ab – Schiedsrichter Bauer, der Name ist Programm, hat das Spiel soeben nach 89 gespielten Minuten um 16.44 Uhr abgepfiffen. Den 24. Spieltag beendet Petershagen-Eggersdorf auf Rang 11, Lübben auf 12 – womit auch in etwa das fußballerische Niveau des Spiels adäquat zusammengefasst wäre. Die Tabelle lügt eben doch nicht!

Für die Rückfahrt decken wir uns im Edeka am Kreisel noch mit einem Wegbier ein. Irgendein Aushilfsronny muss beim Auffüllen der Regale gestolpert sein, anders ist es nicht zu erklären, warum unsere Biere auf dem Weg zur S-Bahn dermaßen durch die Decke gehen. Welch eine überschäumende Freude – auch über die Unwägbarkeiten der Berliner S-Bahn. Der Zug aus Petershagen-Nord kommt aufgrund einer Signalstörung bereits in Mahlsdorf zum Erliegen und die dort einsetzende S5 schafft es mit Hängen und Würgen gerade so bis Wuhletal. Hier kann man dann aber glücklicherweise in die U5 hüpfen und die letzten Meter der Reise unterirdisch antreten. Wäre ja auch gelacht, wenn im Berliner Nahverkehr irgendwann irgendetwas mal komplikationslos vonstatten gehen würde. Aber, um es mit der B-Ware FUDUs zu sagen: So lange sie uns nicht über Kolumbien schicken, wird uns schon nichts passieren… /hvg

Und jetzt alle: Es gab mal zwei Vereine, die liebten sich so sehr, die waren wie Geschwister und noch ein bisschen mehr… ♪♫♪

22.04.2019 BSV Eintracht Mahlsdorf – SC Charlottenburg 3:1 (1:1) / Sportplatz am Rosenhag / 54 Zs.

Am Montagmorgen zeigt sich der nimmermüde Fetti von den Erlanger Alkoholeskapaden gut erholt und unternehmungslustig wie eh und je. Nach einem entspannten Couchsonntag ohne Fußball sollte es heute tunlichst ein neues Abenteuer geben, möchte man meinen, wenn man sich das arme Schwein so aus der Nähe betrachtet. Wie es schon wieder aufgeregt mit dem Ringelschwänzchen wackelt, wie es rastlos durch den Flur hastet, wie es auf der Suche nach neuen Trüffeln die Schnauze in den Groundhopping-Informer bohrt. Da kann die Devise für den Menschen zwangsläufig nur lauten: Keine Erschöpfung vortäuschen, die dumme Sau will schon wieder beschäftigt werden.

Da sich meine Reiselaune jedoch noch in überschaubaren Grenzen hält, kann ich mit Fetti wenigstens einen Kompromiss aushandeln. Heute kümmern wir uns endlich einmal um die Komplettierung der Berlin-Liga, in der es sozusagen in der Nachbarschaft noch den einen oder anderen Sportplatz abzuklappern gilt, anstatt quer durch die Republik zu düsen. Nur 18 Minuten Fahrzeit müssen heute bis zum S-Bahnhof Mahlsdorf in Kauf genommen werden, um am Ostermontag ein Kreuz machen zu können. Klingt entspannt – und Fetti kommt mal wieder an die frische Luft.

Die Fahrt verläuft zunächst einmal ereignislos, jedenfalls in den ersten 23 Sekunden. Dann bleibt die Bahn auf offener Strecke zwischen Warschauer Straße und Ostkreuz stehen und eine Durchsage von „technischen Problemen“ verheißt nichts Gutes. Schlimmer noch, dass sich nur ganz kurz darauf herausgestellt hat, dass das Familiensystem auf dem Vierersitz neben mir, bestehend aus einem Satellitenelternpaar und einem Terror-Sören, hier ganz offensichtlich den größten Schaden vorzuweisen hat. Ich habe meine helle Freude damit, zu beobachten, wie der kleine Teufel durch das Abteil tobt und seinen Eltern auf der Nase herumtanzt. Ein Trauerspiel, wie die Eltern all dies über sich ergehen lassen und wie jedes Verbot als liebevoll formulierte Bitte an Klein Sören herangetragen wird. Sören denkt jedoch gar nicht daran, eine dieser Bitten auch nur in Ansätzen Folge zu leisten und anstatt nun eine Konsequenz folgen zu lassen, orientiert man sich eben an Sörens Bedürfnissen. „Oder möchtest Du doch lieber noch einmal durch den Wagen rennen?“. Ihr Kind darf sich eben frei entfalten, da muss man dann auch damit leben, dass der fünfjährige Junge zu seinem Vater „Chill mal, Alter!“ und zu seiner Mutter „Ist jetzt mal Ruhe im Karton?“ sagt. Wird sicher später mal ein wertvoller Teil der Gesellschaft, dieser Wildfang. Mit fantastisch ausgeprägten Sozialkompetenzen. Und immer in der Lage, sich in gewissen Situationen unterzuordnen und Kompromisse zu schließen, wenn es notwendig ist. Da bin ich optimistisch.

In der Zwischenzeit ist der „schadhafte Zug“ in Berlin-Lichtenberg ausgetauscht worden und ich habe mir einen Platz fernab der Sozialen Arbeit gesichert. So vergehen also auch die letzten 23 Sekunden der Fahrt ereignislos. Kurz darauf betrete ich das „Grillhaus Mahlsdorf“ und bestelle einen Döner mit Sucuk. Dies hat zur Folge, dass ich dem guten Mann erklären muss, was ich mit dieser Bestellung denn meine und er reagiert gleichermaßen überrascht wie begeistert: „Was? Sowas gibt’s auch?“. Jede Wette, dass das „Grillhaus Mahlsdorf“ schon bald auf den unaufhaltbaren Knoblauchwurstzug aufspringen wird. Noch aber kredenzt man 1500 Meter von der brandenburgischen Landesgrenze entfernt der Stadtrandbevölkerung ausschließlich Döner Kebap à la 1999. Nix mit gegrilltem Gemüse, kein Schafskäse und hau mir ab mit einem Spritzer Limette. Komm mal schön von deinem hohen Ross herunter, Innenstädter! Ich jedenfalls falle mit meinen Wünschen derart unangenehm auf, dass ich meinen Döner und das Berliner bezahlen muss, bevor ich auf der Terrasse Platz nehmen darf. Bis um 12.45 Uhr scheint mir hier die Sonne ins Gesicht und so lässt sich die kulinarische Zeitreise zurück in meine Jugend ganz gut aushalten.

Auch der Fußweg zum Rosenhag knüpft nahtlos an diese Dekade meines Lebens an und so hat die spießige Einfamilienwohnhaussiedlung durchaus das Potential, an Heiligensee, Konradshöhe und Co zu erinnern. Unschlagbar schlimm sind die Dekorationsartikel, die der gemeine Mahlsdorfer offenbar gerne in Fenster und vor Eingangstüren stellt oder an Wände hängt. „Zu Hause ist dort, wo jemand bellt, um dich zu begrüßen!“ landet letztlich auf dem ersten Platz der kitschigen Grausamkeiten, regt mich aber auch zum Nachdenken an. In meiner Wohnung fühle ich mich jedenfalls selten bis nie „zu Hause“, war bislang aber davon ausgegangen, dass dies andere Gründe haben könnte. Wenn’s jetzt wirklich an einem fehlenden Kläffer liegt, wünsche ich mir an der Stelle doch glatt, dass ich in meinem Leben nie wieder ein zu Hause haben werde…

Der Kiezspaziergang wird glücklicherweise durch die Gewerbetreibenden des Viertels aufgewertet. An den „Frisurentrends“ aus Mahlsdorf (vergesst Rom, Paris, Erkner!) kann ich noch gerade eben so vorbeigehen, doch bei 26 Jahren „Intimvitrine“ drohe ich schwach zu werden. Annerose „Röschen“ Koschinski (70) betreibt einen Sexshop in ihrer Gartenlaube in der Florastraße. Zu schön, um wahr zu sein. Mein lieber Kokoschinski, heute ist ja Ostermontag und sämtliche Geschäfte sind geschlossen, fällt es mir bald wie Schuppen von den Augen. Schade, kann das Röschen wohl nicht defloriert werden…

Kurz nachdem das erotische Momentum in die Hose gegangen ist, stehe ich auch bereits vor dem „Sportplatz am Rosenhag“. Gegen eine Eintrittszahlung in Höhe von 5 € darf man den Sportplatz ohne jegliche Ausbauten betreten. Wegen des enormen Zuschauerandrangs (alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation) wird das Spiel mit einer fünfzehnminütigen Verspätung beginnen. So bleibt genügend Zeit für einen kleinen Stadionrundgang und der Mahlsdorfer Schilderwald setzt sich fort. Fahrradfahren verbieten entspricht schon mal ganz meinem Geschmack, wird aber durch ein wunderschönes hundefeindliches Meisterwerk getoppt. „Hunde sind unerwünscht“ – was zumindest diesen einen Nachbarn als potentiellen Stadionbesucher ausschließen wird. Der fasst sich sicherlich just in diesem Moment an den Kopf: Und das bei einem Heimspiel? Wie soll man sich denn da wie zu Hause fühlen?

Kaum ist der Ärger über das Aufwärmtor verflogen, welches dergestalt versetzt auf der Tartanbahn herumsteht, dass die eine oder andere optische Täuschung beim Fußballgucken entsteht und welches die Fotomotive zudem enorm abwertet, sind auch schon die ersten 20 Minuten des Spiels ereignislos ins Land gezogen. Sieht ja aus wie in der Kreisliga – auf und neben dem Rasen. Nach eben diesen 20 Minuten zieht Mahlsdorf das Tempo erstmals an und geht nach einem ersten gut vorgetragenen Angriff direkt in Führung. Borchardt tankt sich auf der rechten Außenbahn durch, spielt den Ball mustergültig in den Rücken der Abwehr, wo Christoph Zorn wieder einmal an der richtigen Stelle steht und nicht nur eiskalt einschiebt, sondern sich auch derart robust gegen Charlottenburgs Verteidiger Steinert durchsetzt, dass dieser nach dem Treffer minutenlang behandelt und schließlich ausgewechselt werden muss. Bereits das 10. Saisontor von Zorn – sein 131. Karrieretor in der Berlin-Liga. Der Mann weiß, wie man sich im Strafraum bewegt.

In Folge spiegeln sich die Kräfteverhältnisse auf dem Rasen deutlich besser wider. Der Tabellensechste aus Mahlsdorf, der der Berlin-Liga seit 2006 angehört und in schöner Regelmäßigkeit in der Spitzengruppe mitmischt, spielt den Aufsteiger aus Charlottenburg nun kurzzeitig an die Wand. Der sportliche Leiter Torsten „Dackel“ Boer hat wieder einmal eine schlagkräftige Truppe zusammengestellt, zu der in diesem Jahr auch die drei Ex-Unioner Fritsche, Mrkaljević und Antunović gehören. Der Kader ist in der Spitze also bestens aufgestellt, nur in der Breite scheint es etwas zu mangeln. Neben Ersatzkeeper Greulich ist heute Adrian Antunović der einzige Auswechselspieler, der Trainer Volbert zur Verfügung steht.

Während ich diese Beobachtungen tätige, hat Christoph Zorn zwei weitere Hochkaräter auf dem Fuß. In der 25. Minute scheitert er nahezu unbedrängt aus fünf Metern Entfernung, zwei Minuten später setzt er zu einem sehenswerten Dribbling an, schickt zwei-drei SCC-Verteidiger ins Kino und lässt auch den letzten Verteidiger mit einem Haken ins Leere laufen, platziert dann den Heber aber lediglich auf das Tordach (auf das echte Tor, nicht auf das Aufwärmtor, glaube ich). Wer solche Gelegenheiten ungenutzt lässt, wird auch in der Berlin-Liga bestraft und so kommen die Gäste aus heiterem Himmel zum Ausgleich. Eine Freistoßflanke auf den ersten Pfosten kann Barz irgendwie über die Torlinie löffeln (33.). So geht es mit einem eher schmeichelhaften Remis in die Kabinen, das im zweiten Abschnitt aber für Spannung sorgen könnte.

In der Halbzeitpause statte ich natürlich dem Imbisswagen des Sportplatzes einen Besuch ab. Das Bier für 2,50 € erhalte ich jedoch leider nicht von der Tochter der Familie, die heute offenbar besseres zu tun hat, als ihren Vater beim Verkauf zu unterstützen. Es wäre sicherlich ein schönes Wiedersehen geworden, schließlich war sie es, die auf einer Hochzeitsfeier im Sommer 2013 hinter dem Tresen stehend dafür gesorgt hat, dass ich Baumstammsägen, Strumpfbandversteigern und manch unangenehmen Gast gerade so überlebt habe. Ein unvergesslicher Abend voll der Selbstgeißelung! Klar, dass die wohl schönste Erinnerung an diese Feier daher aus der S-Bahn-Fahrt nach Hause rührt und in der die Bardame eine zentrale Rolle spielt. Unvergessen, wie der feingeistige „Schurke“, kurz nachdem sie ihr Deodorant nach Abfahrt zum Einsatz gebracht hatte, lauthals durch die Bahn blökte: „Boah, Alter. Hast Du das Ding auf Nutte eingestellt?“. Naja, trotz dieser humorigen Randanekdote ist eines gewiss – sollte ich in meinem Leben jemals wieder auf einer Hochzeit (meine eigene inkludiert) erscheinen, dann könnt ihr Euch als Einladende aber sicher sein: Euch mag ich wirklich!

Die zweite Halbzeit beginnt ähnlich zäh wie die erste. Charlottenburg dicht gestaffelt, Mahlsdorf vorsichtig abtastend. Gut, dass der Wind da andere Pläne geschmiedet hat und nur zehn Minuten nach Wiederanpfiff eine eher harmlose Ecke unberechenbar auf den zweiten Pfosten verlängert, an dem natürlich Christoph Zorn parat steht, um das krumme Ding über die Linie zu drücken. So etwas kann einen Matchplan natürlich auch zunichte machen – der SCC hat nach diesem Schockmoment jedenfalls deutlich sichtbare Probleme, die Ordnung wiederherzustellen und Mahlsdorf drückt die folgenden 20 Minuten ordentlich auf die Tube, um hier den sprichwörtlichen Deckel drauf zu machen. Bis es jedoch so weit sein wird, wird mir erneut vor Augen geführt, dass man keine großen Hoffnungen in nachfolgende Generationen setzen sollte. Dieses Mal ist es ein kleiner Junge, der von seinem großen Bruder eine Schale Pommes mit Ketchup serviert bekommt, sogleich zu heulen und stampfen beginnt und die Mahlzeit wutentbrannt auf die Tartanbahn pfeffert. „Ich wollte ohne Ketchup!!! Geh neue holen!“. Ich als Vater würde jetzt vermutlich irgendetwas pädagogisch sinnvolles entgegnen (die Bandbreite reicht von „Bist du bescheuert, oder was?“ bishin zu „Kannst schön die Pommes ohne Soße von der Rennbahn lecken, du Leichtathlet!“), aber Parenting 2000 geht offenbar anders. Da ist man dermaßen stolz auf die Willens- und Meinungsstärke des Sprösslings, dass man selbstredend ohne jegliche Widerworte gen Imbiss trottet und eine neue Portion käuflich erwirbt, von der der kleine Teufel dann vier Pommes essen und dann satt sein wird.

Wird sicher später mal ein wertvoller Teil der Gesellschaft, dieser Wildfang. Mit fantastisch ausgeprägten Sozialkompetenzen. Und immer in der Lage, sich in gewissen Situationen unterzuordnen und Kompromisse zu schließen, wenn es notwendig ist. Da bin ich optimistisch, sagt Fetti und möchte am Liebsten wieder nach Hause. Genug Menschen, genug frische Luft für heute.

Glücklicherweise kann ich ihn jedoch überreden, noch bis zum Abpfiff auf der Sportanlage zu verweilen. So kommen wir in den Genuss einer sehenswerten Koproduktion der Ex-Unioner: Fritsche hebelt mit einem Pass die Abwehrkette des SCC aus, Mrkaljević läuft alleine auf Gästekeeper Bauer zu und verwandelt eiskalt (73.). Eine gute Viertelstunde später holen sich die lila-weißen Eintracht-Akteure dann den verdienten Applaus der 54 zahlenden Zuschauer ab, darunter auch fünf Ultras hinter einer Zaunfahne. FUDU hat genug gesehen und macht flinke Füße, um vor dem Rest des Mobs am einzigen Pissoirs der Sportanlage ankommen zu können. Das Kreuz am Rosenhag kann uns jetzt keiner mehr nehmen. Und bis „nach Hause“ sind es ja glücklicherweise auch nur 18 Minuten… /hvg

 

20.04.2019 ATSV Erlangen 1898 – SpVgg Ansbach 09 3:0 (2:0) / ATSV-Sportanlage Paul-Gossen-Straße / 140 Zs.

Irgendwann am späten Karfreitagabend sind die beiden wilden FUDU-Männer damit fertig geworden, im „Abgedreht“ den Grundstein für einen etwas getrübten Zeitzeugenbericht aus Erlangen zu legen.

Um 3.39 Uhr befindet sich neben FUDU auch halb Spanien in der S-Bahn. Feierwütiges Volk. Irgendeine völlig orientierungslose Frau ist auf der Suche nach der Schillingbrücke, warum auch immer. Noch fühlt sich FUDU angenehm überlegen, wie jedes Mal, wenn sich irgendjemand in der Nähe befindet, der noch derangierter ist, als man selbst. Dass sich an diesem Umstand zeitnah etwas ändern könnte, deutet sich eine knappe Stunde später an, als direkt nach Abfahrt des ICE in Richtung Erlangen osteuropäische Bierspezialitäten zischend zum Öffnen gebracht werden. Wo mag diese Rutsche „Żubr“ wohl schon wieder hergekommen sein? Wisent wir nicht, hat uns aber vermutlich irgendein polnischer Obdachloser vor dem Bahnhof aus bloßer Solidarität zugesteckt. Ein Gewinnspiel steigert unser Interesse an dem Bier zusätzlich. Teile der Reisegruppe zeigen sich zwar leicht überrascht, dass es in der polnischen Sprache überhaupt ein Wort für „Gewinner“ gibt, aber das soll uns nun nicht daran hindern, an selbigem teilzunehmen. Vielleicht heißt es auf der Sonnenseite des Lebens also bald: Fetti und die Złoty-Millionäre. Freut Euch drauf!

Weniger groß ist die Vorfreude auf das Frühstück, welches seit knapp zwei Stunden im Jutebeutel nachreifen durfte. Der gute „Backwerk“-Hot-Dog, der vermutlich ohnehin bereits seit Freitagabend in der Auslage gelegen hatte, hat mittlerweile die Tüte durchgefettet und eine Konsistenz angenommen, die jeden Saumagen vor eine echte Herausforderung stellt. Wie gut, dass Fetti noch etwas zum Nachspülen dabei hat, während der „Fackelmann“ bereits die Recherchemaschine glühen lässt. Zunächst begibt er sich auf die Suche nach einem Hotel in Nürnberg – allerhöchste Eisenbahn, wenn man plant, heute dort übernachten zu wollen. Ärgerlich, dass Nürnberg aktuell hoch im Kurs liegt und die Preise durch die Decke gehen. Ja, wie rechtzeitig soll man sich denn noch um sowas kümmern?, echauffiert sich „Facki“ und muss die Suche notgedrungen auf den Großraum Franken ausweiten. „Wohl dem, der um 20.57 Uhr eine Rückfahrt in der Tasche hat und schon um 0.31 Uhr wieder zurück in Berlin sein wird“, denke ich mir, als mein Gegenüber die Hotelsuche bereits wieder abgebrochen und den Fokus auf die wesentlichen Dinge des Lebens gerichtet hat: „Fürth II spielt heute gegen Nürnberg II“.

Glücklicherweise bringt diese Erkenntnis unseren Ursprungsplan, dem ATSV Erlangen einen Besuch abzustatten, aber nicht mehr ins Wanken. Das Derby der Zweitvertretungen ist gottlob parallel zum Auftritt des 1.FC Union Berlin bei der SpVgg Greuther Fürth angesetzt. Damit auf der „Sportanlage Burgfarrnbach, Konrad-Ammon-Platz“ auch wirklich gar nichts schiefgehen kann, haben die Sicherheitsbehörden sicherheitshalber – dafür sind sie ja da – für heute auch ein Spiel der ersten Herren des 1.FC Nürnberg in Leverkusen terminiert. Scheiß Krawallos…igkeit. So etwas will Fetti nicht sehen – und auch die absolute Geschmackslosigkeit, ein Fußballstadion nach einem Schweinemetzgermeister zu benennen, kann einem schon mehr als übel aufstoßen…

„Yeeeees!“, ruft der „Fackelmann“ mit geballter Becker-Faust euphorisiert ins Großraumabteil. „Mein Gott, kann dem Jungen vielleicht mal jemand das Handy wegnehmen, was hat er denn jetzt schon wieder?“ ist ein Gedankengang, der nicht lange unkommentiert bleibt. „Der ‚Schwarze Ritter‘ macht um 8.00 Uhr auf!“, lässt er als Begründung auf die Jubelarie folgen. Bei einer erwarteten Ankunftszeit von exakt 8.00 Uhr in Erlangen kann man sich natürlich schon mal freuen, dass die Kneipe, die man aus seinem Auslandssemester in Franken in guter Erinnerung hat, deckungsgleich öffnet. Doch nur kurz darauf verfinstert sich seine Miene: „Hmm, nee, Abbruch – die macht um 8 zu!“.

Trotz dieser ernüchternden Erkenntnis verlassen Fetti und seine Freunde kurz darauf planmäßig die Bahn. Für ein zweites Frühstück empfiehlt „Fackelmann“ die „Metzgerei Walk“. „Drei im Weggla“ (oder Weckla – angesichts dieser heiß diskutierten Frage wird in Franken höchstwahrscheinlich irgendwann einmal ein Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen…) kosten hier 2,55 €. Da lässt sich unsereins nicht lumpen und holt den ersten 50 € Schein aus dem ostdeutschen Reisekoffer. Die burschikose Fleischereifachverkäuferin (→ die grobe Dicke) hinter dem Tresen händigt 30 € Wechselgeld in Papierform aus und schüttet etliche Kilo Münzen hinterher. Bevor ich auch nur irgendwie reagieren kann, ist sie präventiv tätig: „Beschwern Sie si‘ ned, hädd a glänner sei könner!“.

Ob sie die Würstchen oder das Münzgeld meint, bleibt zunächst einmal offen. Wir schleichen lieber ohne Widerworte von dannen und werfen dank unseres ortskundigen Stadtführers einige Blicke auf die Sehenswürdigkeiten Erlangens. „Sagen Sie mal junger Mann, ich hätte mal ’ne Frage. Da rechts da steht doch so ’ne Kirche, wie heißt die denn?“. Nach Beantwortung all unserer Fragen zeigt man uns noch das „Markgräfliche Schloss“ samt Schlossgarten, Orangerie und Hugenottenbrunnen. „Fackel“ ist ein netter junger Mann, was der sich alles merken kann. Es gibt ja so viel Wissenswertes über Erlangen!

Plötzlich taucht „Richard Martin“ auf, also in den Notizen. Nicht auszuschließen, dass er bereits seit Berlin unter dem Tisch gelegen hatte, doch nun ist nachweislich er es, der das beeindruckende Kulturprogramm verknappt zusammenfasst: „Schön. Aber wo wird jetzt das Fass angestochen?“.

Bezug nimmt er hiermit auf das „Erlanger Frühlingsfest“, welches genau heute seine Pforten für Besucher öffnen wird. Offenbar hat sich bei seinem flüchtigen Blick auf ein Werbeplakat am Hauptbahnhof nur die Information „Bieranstich“ gesetzt, doch der Rest der Reisegruppe kann die fehlenden Koordinaten komplettieren. „Auf dem Schlossplatz, aber erst ab 10.00 Uhr! Stunde musste noch durchhalten!“.

Mit Mühe und Not gelingt es, den dritten wilden Mann im Zaum zu halten, doch irgendwann wird der Druck zu groß und der unbändige Bierdurst bahnt sich seinen Weg. Bereits um 8.50 Uhr kratzen wir daher an die noch verschlossenen Türen des „Mireo“, welches eigentlich erst in zehn Minuten öffnen wird. Der Kellner schließt etwas irritiert die Gaststätte auf und wundert sich angesichts der bereits wartenden Gäste: „Ist denn heute irgendetwas besonderes?“ – „Ja, Samstag!“, schallt es ihm aus drei durstigen Kehlen zurück. Kurz darauf steht ein drittes (?) Frühstück, drei doppelte Espressi (Sorry für soviel polyglottes Bildungsbürgertum an der Stelle!) und drei „Mönchshof“ vom Fass auf unserem sonnigen Terrassentisch, an den wir um 8.53 Uhr platziert worden sind. Puh, diese lange Durststrecke hätte übel enden können.

Eine Stunde später, wer hätte es geahnt, haben die drei tapferen FUDU-Schweine den Schlossplatz erreicht. Leider sind sämtliche Bierzelte und Fahrgeschäfte noch verschlossen, nur am Stand der „Brauerei Heller“ herrscht bereits rege Betriebsamkeit und die Tresenkraft agiert als pfeifender Schweinefänger von Erlangen. Den kleinen Stimmungsaufheller für zwischendurch bezahle ich auf Heller und Pfennig mit dem vorhin erhaltenen Wecklageld. Wäre ja auch Quatsch, all das Gold länger als nötig mit sich herumzutragen. Kurz nachdem wir die Gläser erhoben haben, erfahren wir, dass es erst heute Abend um 17.00 Uhr heißen wird: „O’Zapft is!“. Klar, dass man sich bei dieser FUDU-unfreundlichen Terminierung nicht zwei Mal bitten lässt und zur Verwunderung der Einheimischen ein knackiges „Anstichzeiten fair gestalten“ über den Schlossplatz hallen lässt.

So geht man jedenfalls nicht mit Gästen um. Klar, dass uns nun nichts mehr in Erlangen hält. Bereits um 11.02 Uhr nehmen wir den neunminütigen Teufelsritt nach Fürth in Angriff. Die Fahrzeit ist für eine Fürther Kutte gerade lang genug, um einem mitreisenden Unioner gleich mehrere grenzdebile Fragen zu stellen. Mit einem bedrohlichen „Eine Frage hast Du noch“ – samt erhobener Hand – beendet der Berliner das unangenehme Schauspiel. Nicht auszuhalten, wenn jemand, der Franken vermutlich noch nie verlassen hat, nach 30 Jahren Mauerfall in Erfahrung zu bringen versucht, wie der Lebensstandard im Osten denn mittlerweile so aussehen möge.

Der „Fackelmann“ erzählt uns von der Rettung des „Labieratorium“ in Cottbus und reicht eine Probierpulle für den Fußweg zum „Ronhof“. Die leere Flasche (8 Cent bares Geld!) stelle ich an einer Tankstelle an den Bordstein, was drei Fürther Senioren meckernd auf den Plan ruft und schnell die Frage im Raum steht, warum ich meinen Müll am Straßenrand stehenlassen und nicht ordnungsgemäß entsorgen würde. Ich verzichte auf eine Diskussion mit den Provinzlern und gehe ein kalkulierbares Risiko ein. Schwerer Pfandfriedensbruch – könnte später in meiner Verurteilung stehen.

Knapp zwei Stunden später hat der 1.FC Union Berlin bei den Greuthern (nimm das, Fürther Sambaultragruppe!) immerhin ein 1:1 Remis erkämpft und wir besinnen uns direkt nach Abpfiff auf das, was wir uns im Vorfeld der Reise vorgenommen hatten. Ich zitiere aus „Fackelmanns“ letzter Textnachricht: „Arbeitstitel lautet dann 15:05 mit dem Bus ab Fürth Friedhof. Oder netten Autofahrer suchen“.

Aber da haben wir die Rechnung ohne das Fürther Verkehrsaufkommen gemacht. Unklar, ob sich Ottfried Fischer auf irgendeiner Kreuzung zum Mittagsschlaf gebettet hat, der „Superstau“ ist aber nicht von der Hand zu weisen. Hier kommt kein Bus und kein freundlicher Autofahrer auch nur annähernd schnell genug voran, um den 16.00 Uhr Anpfiff in Erlangen gewährleisten zu können. So bleibt uns gar keine andere Wahl, als mit einem Wegbier in den Händen entspannt an der Blechlawine vorbei zu laufen und darauf zu hoffen, dass der Verkehr irgendwann wieder genauso flüssig laufen wird wie unser Gerstensaft und man dann in irgendein Taxi springen können wird. Wie das Schicksal so will, löst sich die Stauung  a u s g e r e c h n e t  auf der Erlanger Straße in Wohlgefallen auf und das erstbeste Taxi, das parat steht, ist nicht irgendein Taxi, sondern eines des „Taxiunternehmen Sandra Schultheiß“. Na dann: Bierkutscher, fahr uns in die Gossenstraße!

Die große fränkische Hafenrundfahrt zu dem heiß ersehnten Spiel der Bayernliga Nord kostet FUDU stolze 30 €. Unbezahlbar ist der Schreck, der einem in die Edi Glieder fährt, als ersichtlich wird, dass drei Minuten vor Anpfiff noch keinerlei Betriebsamkeit auf dem Sportplatz herrscht. Außerdem ist „Richard Martin“ plötzlich verschwunden, also aus den Notizen. Wenigstens stellt sich alsbald heraus, dass wir nicht etwa zur falschen Zeit am falschen Ort eingetroffen sind, sondern lediglich an einem Nebenplatz an der Straße gestrandet sind und sich das Hauptfeld der Sportanlage etwas im Hinterland versteckt. Angesichts dieser guten Nachrichten kann man das Verschwinden des Freundes natürlich verschmerzen.

Für 6 € erschleichen wir uns zum 16.01 Uhr ermäßigten Eintritt auf die „ATSV-Sportanlage Paul-Gossen-Straße“. Der Ball rollt zwar bereits seit einer Minute über den grünen Rasen, doch Fetti, schon längst mit Schwanklizenz und Schnapsatmung ausgestattet, muss sich erst noch ein weiteres Kaltgetränk organisieren, bevor er sich der sportlichen Komponente des Nachmittags zuwenden kann. Zwar darf pure Vernunft niemals siegen, doch irgendetwas reitet ihn nun dazu, in der Vereinsgaststätte des ATSV lieber ein Radler zu ordern. Hat er wahrscheinlich in der Suchtberatung gelernt – 0,25 Liter Limo im Bier machen bekanntlich 10 Halbe locker wieder wett.

Glücklicherweise haben Fetti und seine Freunde rechtzeitig genug auf der Haupttribüne Platz genommen, um den Doppelschlag von Ahmet Kulabas, bekannt aus Liga 3 und den Regionalligen, in Minute 18 und 24 live und in Farbe miterleben zu können. Der verwandelte Handelfmeter in Folge einer Ecke zum 1:0 darf getrost eine schnöde Randnotiz bleiben, das 2:0 nach traumhaftem Doppelpass von Forisch und Yüce, abgeschlossen mit dem Außenrist ins lange Eck, ist dagegen wesentlich sehenswerter. Klar, dass bei einer derartigen Steigerung auch die Tormusik in nichts nachstehen darf und so dröhnen nach dem zweiten Treffer ballermanneske Klänge über den Sportplatz. Feiern ohne Ende – 138 Franken und zwei FUDU-Schweine in Ekstase!

Auch in Folge wird der ATSV spielbestimmend bleiben. Zwei-drei weitere gute Gelegenheiten lassen die Hausherren jedoch ungenutzt, während die Gäste mit einer hochnotpeinlichen Schwalbe nach 37 Minuten für den letzten Aufreger der ersten Hälfte sorgen. Doch Schiedsrichter Ziegler ist zu souverän, als dass er auf eine solch plumpe Täuschung hätte hereinfallen können und auch das fachkundige Publikum erteilt dem Ansbacher eine Absage: „In Oberbayern wird sowas net gpfiffen!“. Word.

In der Halbzeitpause bauen die emsigen Helfer des ATSV bereits den Grill ab und schieben so Fettis Pläne, es im Kampf gegen die Promille nach einem Radler nun auch noch mit Nahrungsaufnahme zu versuchen, einen Riegel vor. Die zweite Hälfte wird lümmelnd auf dem Gegengerade-Grashügel verfolgt. Klar, dass sich Narkoleptiker „Fackelmann“ da nicht mehr lange auf den Beinen halten kann und zu einem gepflegten Nickerchen übergeht. Fetti, das Wiener Schnitzel, sieht sich angesichts seiner dösenden Hopperfreunde skeptischen Blicken der Einheimischen ausgesetzt, fasst aber mit viel Schmäh souverän zusammen: „Joa mei, so ist’s halt in der Gossen!“.

Das Spiel ist in der Zwischenzeit ohne weitere Aufreger (bis auf die Einwechslung von Max Störzenhofecker und einer gelb-roten Karte für Johannes Meyer) in der Nachspielzeit angekommen und just in dem Moment, in dem „Fackelmann“ auch das zweite Auge öffnet, zappelt der Ball ein drittes Mal im Tornetz der Ansbacher. Ein wunderschöner Fernschuss von Lucas Markert aus gut zwanzig Metern ist soeben samt Pfosten- und Lattenberührung im Kreuzeck eingeschlagen und setzt der Partie die Krone auf.

FUDU ist nun pünktlich zum Abpfiff wieder hellwach und der Nachmittag klingt im Biergarten mit „Steinbach Bräu“ aus. „Fackelmann“ verschwindet kurz darauf aus den Notizen und taucht einen Tag später in Aschaffenburg wieder auf. Aber da bin ich bereits längst wieder in Berlin (…wohl dem, der die 20.57 Uhr Verbindung in der Tasche hatte!) angekommen, erhole mich von den Reisestrapazen und bereite mich auf den Ostermontag in Mahlsdorf vor. Kann man ja nur hoffen, dass man da vielleicht ohne Radler über die Runden kommen wird… /hvg

19.04.2019 SV Tasmania Berlin – Berliner SC 1:0 (0:0) / Werner-Seelenbinder-Sportpark / 185 Zs.

Alle Jahre wieder, stirbt das Jesuskind. Man verzeihe mir diesen gotteslästerlichen Einstieg, aber mit religiösen Feiertagen kann unsereins nun einmal einfach nichts anfangen. Jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Da gibt es schon andere Gründe, die man sich konstruieren muss, um sich auf Karfreitag, Ostermontag und Co zu freuen. Angefangen damit, dass sich gut 80% der zugezogenen Provinzler plötzlich daran erinnern, dass progressives Großstadtleben nicht immer erfüllend ist und sich diese dann genötigt fühlen, für einige Tage Karriere gegen Familien- und Kirchenbesuch in der Heimat einzutauschen. Für mich besteht die Freude an Feiertagen dieser Art in erster Linie schlicht und ergreifend darin, nicht arbeiten zu müssen und dass in Berlin dieser christliche Quatsch das Leben derjenigen, die eben auch dann nicht in die Kirche gehen wollen, wenn es im Kalender steht, nicht komplett zum Erliegen bringt. So habe ich am Karfreitag meinen Spaß damit, dass der gottlose Berliner Fußballverband den Mut aufbringt, einige Spiele in der Verbandsliga anzusetzen. Auch Fetti ist hellauf begeistert, verknüpft die Tradition mit der Moderne und ruft die für heute gültige Parole aus: Egal ob FUDU-Ferkel oder Jesus, niemand sollte groundlos sterben!

Trotz des Feiertages öffnet mir gleich der erste Späti auf dem Weg zum Ostkreuz die Pforten. Halleluja. An der Stelle, an der sonst die „Berliner Pilsner“ stehen, herrscht heute aber gähnende Leere im Kühlschrank. Offenbar habe ich es hier mit einem Integrationsprojekt zu tun, anders kann ich es mir nicht erklären, warum mich der freundliche Muselmann hinter der Theke derart perfide an die Karwoche gemahnt. In dieser soll sich der gemeine Christ schließlich an das Leid, Sterben und den Tod Jesu Christi erinnern und der Karfreitag ist nun einmal ein gebotener Fasten- und Abstinenztag, möchte er mir vielleicht noch erklären, aber da hat Fetti längst seine Auferstehung gefeiert und zum 30 Cent teureren „Schultheiss“ gegriffen. Soll ja keiner länger leiden, als nötig.

Der „Boxi“ ist an diesem sonnigen Freitag deutlich leerer als sonst, was die oben genannte Theorie der temporären Rückzüge auf angenehme Art und Weise untermauert. Weniger schön ist die zweite Validierung dieser Hypothese, die Fetti angesichts des anstehenden Auswärtsspiels in Fürth am morgigen Karsamstag zu spüren bekommen hatte. Wenn sich zu viele Menschen auf einmal in die selbe Richtung bewegen, kann das bei „Die Bahn“ (!) schon einmal die Preise versauen. Eines ist schon jetzt klar: Wenn Fetti morgen um 4.28 Uhr in den einzig finanzierbaren Fernzug des Samstags steigen wird, wird er jeden einzelnen Südwestaffen, der von Berlin in Richtung Dorfkirche aufbricht, in Gedanken ans Kreuz nageln…

Plötzlich weckt mich eine übermotivierte Studentin aus meinen misanthropischen Träumen, indem sie mir mit einem Klemmbrett vor der Nase herumfuchtelt. Ich habe den Bahnhof Ostkreuz bereits in Sichtweite und muss mir jetzt so knapp vor dem unbehelligten Erreichen meines Ziels irgendetwas Besorgnis erregendes über die Bebauung der Rummelsburger Bucht anhören. Als ich meine Unterschrift verweigere, versucht sie, mich „emotional zu catchen“, wie sie es in ihrem „irgendwas-mit-Medien“-Studiengang womöglich unlängst gelernt hat. Geschickt stellt sie die tollkühne These: „Aber Du lebst doch sicherlich auch gerne hier!“ in den Raum, welche ich allerdings wahrheitsgemäß mit „Naja, geht so!“ beantworten und mit dieser grundsoliden Ehrlichkeit sämtliche weitere Bemühungen ihrerseits niederschmettern kann.

Beschwingt von diesem Dialog ist die Vorfreude auf das heutige Spiel in der Berlin-Liga bereits ins Unermessliche gewachsen, als ich am S-Bahnhof Hermannstraße die Ringbahn bereits wieder verlasse. In der Emser Straße zeigt sich Fetti nur kurz durch die markige Losung „Mopped fahrn und wichsen!“ irritiert, findet dann aber auch zu Fuß den Weg in den „Werner-Seelenbinder-Sportpark“, ohne öffentliches Ärgernis zu erregen.

Am 27. Spieltag empfängt der SV Tasmania Berlin als aktueller Tabellenzweiter den nur um zwei Rängen schlechter platzierten Berliner SC zum Spitzenspiel. Für 7,00 € Eintritt erhält man eine formschöne Eintrittskarte und das Stadionmagazin „Tas Spiegel“. Auf den Schokoladenosterhasen, den man bei sonnigen 21 Grad Celsius im Turnbeutel schmelzen lassen könnte, verzichtet Fetti dankend und organisiert sich anstatt dessen lieber ein schmackhaftes Hacksteak für zwei Euro und ein erstes Stadionbier.

Der „Werner-Seelenbinder-Sportpark“ ist für Fetti kein Neuland. In einem Testspiel vor gut 13 Jahren errang der glorreiche 1.FC Union Berlin an Ort und Stelle an einem Mittwochabend ein überzeugendes 1:1. Heute sind exakt 20 Zuschauer mehr erschienen, als an diesem unvergesslichen Tag im August 2006. Klar, dass der Gastgeber bei diesem Andrang auch Sicherheitsgedanken nicht gänzlichen außen vor lassen darf und so teilt man heute die beiden mit Stehstufen und einigen Sitzschalen ausgestatteten Tribünen auf den Längsseiten in „Heim“ (links) und „Gast“ (rechts) auf.

Auf der Heimseite beziehen die Fanclubs „Tasmanische Teufel“ und die „Tasmaniacs“ Stellung. Unterstützt werden die aktiven Supporter der Neuköllner heute von einigen Freunden von Tennis Borussia und Fetti, noch nachhaltig traumatisiert vom Wasserballspiel vor gut einer Woche, zieht es umgehend in den Gästeblock. Hier füllen sich die Traversen zusehends, obwohl nur wenige Zuschauer wahrhaftig mit dem Berliner SC sympathisieren. Vielmehr ist es die Sonneneinstrahlung, die für den steigenden Beliebtheitsgrad des Gästeblocks sorgt, während TeBe also einmal mehr auf der Schattenseite des Lebens steht.

Der Stadion-Animateur spielt noch eben schnell die komplette Bandbreite öffentlich-rechtlicher WM- und EM-Popgülle aus der Event-Hölle des Weltfußballs ab und schon kann er „least but not last“ Referee Marcel Richter begrüßen, der kurz darauf die Begegnung anpfeift und die Zuschauer von allen erlittenen akustischen Qualen erlöst.

Es folgen optische Qualen. Zwar darf man den Auftakt der Gäste in die Partie durchaus gelungen nennen, doch nachdem sich Tasmania nach gut 15 Minuten endlich gefunden und Struktur in das eigene Spiel gebracht hat, ist Schluss mit der Herrlichkeit des Berliner SC. Wohlwollend mag man ab diesem Zeitpunkt vielleicht von einem ausgeglichenen Spiel im Mittelfeld sprechen, etwas weniger gönnerhaft darf getrost von einem ziemlich dürftigen Berlin-Liga-Gerumpel gesprochen werden. Schön sind da nur die „Ra-Ra-Ra Tasmania“ und „Tasmania Fantastica“ Gesänge aus dem Heimbereich, während die Wärme nach 26 Minuten bereits zwei Akteure zu längeren Verletzungspausen in die Knie gezwungen hat. Tieftraurig stimmt Fetti, dass beim Berliner SC Trainerlegende Wolfgang Sandhowe schmerzlich vermisst wird. Nach 43 Minuten stehen genau zwei mittelmäßige Torschüsse der Heimmannschaft auf dem Notizzettel, bei den Gästen ist nach den euphorischen Anfangsminuten in der Offensive rein gar nichts mehr passiert. Einen einzigen echten Aufreger hat die Partie kurz vor dem Pausenpfiff dann aber doch noch zu bieten, allerdings verwehrt der Schieds Richter den Gästen den Elfmeterpfiff, der zumindest im Rahmen des Möglichen gewesen wäre. So geht die erste enttäuschende Hälfte des vermeintlichen Spitzenspiels torlos zu Ende.

In der Halbzeit kann man sich nun endlich dem „Tas Spiegel“ zuwenden. Hier erfährt man, dass sich der SV Tasmania Berlin, der 1973 neu gegründet wurde, durchaus mit Stolz auf seinen Vorgängerverein SC Tasmania 1900 bezieht. In dem Heft wird die Bundesligasaison 1965/66 jedenfalls lang und breit thematisiert. 81.524 Zuschauer waren damals zum ersten Heimspiel gegen den KSC gekommen, um einen 2:0 Sieg erleben zu können. Wie die Saison sportlich endete, dürfte jedem Fußballfreund in Deutschland bekannt sein. Am Ende der Saison hatte sich der Zuschauerschnitt übrigens auf 19.400 eingependelt. Der damalige Negativrekord (827 gegen Borussia Mönchengladbach) stellt in der Neuzeit wohl eher eine Orientierungsmarke für die kommende Oberligasaison dar, sollte der Aufstieg aus der Berlin-Liga gelingen: 827 Zuschauer im Schnitt im Seelenbinder-Sportpark – das würde in diesem kleinen und engen Stadion schon Freude bereiten…

Der „Tas Spiegel“ erklärt heute darüber hinaus die Gründe für das sportliche Desaster und hat auch ein humoriges Interview mit dem damaligen Mannschaftskapitän Hans-Günter „Atze“ Becker zu bieten. Trainer Fritz Mauruschat habe damals in seiner Nachbarschaft gewohnt und ihn einst gefragt, ob er einen „anständigen Menschen mit zum Training nehmen könne“, woraufhin „Atze“ geantwortet haben soll: „Ja, kennen Sie denn einen?“. Außerdem lernen wir, dass „Atze“ nach dem Abstieg ein Angebot von Eintracht Braunschweig ausschlug, um seine Arbeitsstelle beim Eichamt Berlin nicht zu verlieren. Schon neigen sich die fünfzehn Pausenminuten, die deutlich unterhaltsamer waren als das Spiel, dem Ende entgegen und Fetti lässt sich von der Atze vom Eichamt das Kaltgetränk für den zweiten Spielabschnitt bis über den Strich füllen.

Gerade einmal sieben Minuten sind gespielt, als Gästestürmer Max-Fabian Woelker aus fünf Metern kläglich versemmelt. „Solche Chancen kommen nicht wieder“, hört man aus der Altherrenriege, die es mit dem Berliner SC hält. Irren ist menschlich und so vergehen wieder nur sieben Minuten, ehe Woelker urplötzlich erneut alleine vor Keeper Schelenz auftaucht, doch auch der zweite Versuch aus gleicher Distanz endet ohne Torerfolg. Tasmania-Verteidiger Mehmet Okan Kirli, der – vorsichtig formuliert – nicht ganz austrainiert wirkt, war zwei Mal nicht hinterher gekommen. Der freundliche Herr mit Sparta-Lichtenberg-Jacke hat genug gesehen und verlässt den Sportpark. Aktuell weisen die Lichtenberger zwar lediglich einen Punkt Vorsprung auf „Tas“ auf, dennoch scheint man sich aufgrund des Gesehenen seiner Sache an der Fischerstraße nun sicher zu sein. Von diesen Tasmanen dürfte keine echte Gefahr ausgehen…

Der Gast bleibt in Folge die gefährlichere Mannschaft. Nach 67 Minuten wird auf Heimseite endlich Nicola Thiele eingewechselt, der in seinen bisherigen von FUDU begleiteten Auftritten (08.04.2018 , 16.06.2018) stets überzeugen konnte. Thiele findet schnell ins Spiel und so dauert es auch nicht mehr lange, bis er maßgeblich am ersten gelungenen Angriff der Heimmannschaft beteiligt ist. Jetzt kommt noch mal Leben auf das Spielfeld und auch auf den Rängen tut sich etwas. Zur 75. Minute hat FUDU noch einmal Zuwachs bekommen – man kann den beiden sicherlich vieles vorwerfen, nicht aber, dass sie kein Gefühl für Timing hätten. Während unsereins 75 beschwerliche Minuten lang mit Rumpelfußball gequält wurde, kommt manch einer eben lieber kurz vor knapp und greift im Vorbeigehen die Rosinen ab.

In der 81. Minute vergibt Gästestürmer Önal die nächste und letzte einhundertprozentige Torchance für den BSC. Kurz darauf schlägt die große Stunde der Tasmanen. Eine völlig verunglückte Flanke sorgt zwar zunächst für einen Wutausbruch eines Seniors, der abwinkt und mit sich mit dem Begleitkommentar „Man, man, man, was für ein Niveau hier“ anschickt, den Sportplatz zu verlassen, doch noch beim Herausgehen wirft er einen flüchtigen Blick über die Schulter zurück auf den Rasen. Tatsächlich gelingt es Thiele, den vermurksten Ball irgendwie in die Gefahrenzone zu verlängern, in der Romario Hartwig völlig frei steht und den Ball geistesgegenwärtig in das Tor schieben kann. „Tas“ feiert seine mehr als schmeichelhafte Führung selbstkritisch halbherzig.

Natürlich reichen den Nachzöglingen die bescheidenen 15 Minuten Anwesenheit auch, um beide Ex-Unioner spielen sehen zu können. Erst wird auf Seiten des Berliner SC Kiyan Soltanpour eingewechselt, einige Minuten später folgt in den Neuköllner Farben Kiminu Mayoungou. Mehr gibt es heute zwar nicht mehr zu sehen, dennoch hält auch der effiziente Flügel FUDUs die letzten vier belanglosen Spielminuten aus und verschwendet seine Zeit mit mir, ehe Richter das Spiel für beendet erklärt.

Die After-Show-Party steigt heute in zwei Etappen. Zunächst wird kieznah im „Schiller’s“ angestoßen, später am Abend gesellt sich der „Fackelmann“ voller Fürth-Vorfreude dazu. Im „Abgedreht“ verköstigt man einige Getränke, darunter auch ein unfiltriertes mit dem vielversprechenden Namen „Wilder Mann“. „Der spritzige helle Sachse“ weiß zu gefallen und so vergehen die Stunden bis zur Abfahrt gen Franken aufgrund des Tanzverbots am Karfreitag eben im Sitzen und nach der Feier des höchsten Fests der Christenheit wird man dann ja auch endlich wieder die Gläser erheben und sich ein köstliches, ausgiebiges Mahl gönnen können… /hvg