171 171 FUDUTOURS International 04.12.21 17:44:16

17.07.2019 First Vienna FC 1894 – 1.FC Union Berlin 1:4 (0:3) / Stadion Hohe Warte / 4.100 Zs.

Eine Woche Sommerurlaub in Πάφος (Paphos) auf Κύπρος (Zypern) liegt hinter mir. Sonne, Strand, Meer, gutes Essen, dicke englische Frauen in Bademoden. Schön war’s. Haken hinter, weiter geht’s im Takt. „Halt, halt, halt!“, mag an dieser Stelle der eine oder andere aufmerksame Leser einwerfen und folgende berechtigte Frage anbringen: Allet schön und jut – aber wat is mit’m Länderpunkt Zypern?

Απόλλων Λεμεσού (Apollon Limassol) in der ersten Qualifikationsrunde zur Europa League, gerade einmal 70 Kilometer entfernt, mit dem Bus in 75 Minuten für knappe 5 € zu erreichen, das wäre es natürlich gewesen, von der UEFA aber leider erst im Rückspiel am 18.07. mit einem Heimspiel gegen Kaunas bedacht. Verblieb mit dem ΑΕΚ Λάρνακας (AEK Larnaca) eine einzige Option für den 11.07. und was hätte Fetti nicht alles möglich gemacht, um bei der historischen Erstrundenschlacht gegen den FC Petrocub Hîncești aus Moldova dabei sein zu können. Es folgt ein ausführliches ABER: Die Busreise 90 Minuten länger und mehr als doppelt so teuer (übel!), der Anschlussbus von Λεμεσού nach Λάρνακας in ungünstiger Taktung nur alle vier Stunden verkehrend und darüber hinaus keine Möglichkeit, nach Abpfiff mit öffentlichen Verkehrsmitteln noch nach Πάφος zurückkehren zu können, sodass man veranschlagte 88 € für ein Taxi investieren oder eine Nacht in Λάρνακας hätte verbringen müssen. „Können wir nicht einfach mal Urlaub ohne Fußball machen?“, zeigte sich Fetti angesichts dieser Gesamtgemengelage deutlich überhopped und der Länderpunkt war passé. Wenn die faule Sau nicht will, dann will sie eben nicht. Ist nun mal so.

Nun also beginnt der zweite Teil des Sommerurlaubs 2019. Gerade von den Festivitäten anlässlich der Meisterschaft des Wiener Sport-Club anno 1959 zurückgekehrt, schon lädt Österreichs Hauptstadt erneut zu einer großen Party. Der First Vienna FC von 1894 wird stattliche 125 Jahre alt und hat sich zu diesem Anlass niemand geringeren als den 1.FC Union Berlin zum Jubiläumsspiel eingeladen. Gegründet 1894 im Gasthaus „Zur schönen Aussicht“ – na, wenn das mal keine schönen Aussichten sind…

Nach nur einem Tag Zwischenstopp in Berlin (versüßt durch eine frankophile Geburtstagsfeier meines Bruders) sitzt Fetti also am 16.07. um 9.30 Uhr erneut im Flugzeug und kommt aus dem Feiern gar nicht mehr heraus, woran auch die attraktive blonde Stewardess, die ihn soeben so zauberhaft angelächelt hat, ihre Aktien hält. „Lass diese herrlich festliche Phase voller Glückseligkeit und Frohsinn niemals enden“, betet das ehemals atheistische Schwein und erntet postwendend Gottes Zorn, der umgehend zwei seiner dicksten jemals erschaffenen Geschöpfe in Reihe 28 neben mir einkehren lässt. Aus reiner Notwehr in die letzte Ecke des Sitzes und ans Fenster gequetscht, wirft mir die hübsche Blonde noch schnell einen mitleidsvollen Blick zu, ehe sie in den vorderen Bereich der Maschine entschwindet. Wieder einmal verlassen und auf mich allein gestellt, hat die Frau mit den wirklich sehr schweren Knochen auf dem Gangplatz den Kampf mit ihrem Anschnallgurt irgendwann gewonnen, wendet sich mir zu und fragt dann keuchend über ihren ebenso korpulenten Partner hinweg: „Geht’s?“.

Hundert Gedanken schießen mir gleichzeitig durch den Kopf. Ob’s geht? Was weiß ich, wie man so eine Frage politisch korrekt beantwortet. Ich sitze halt neben Reiner Calmund und Jabba the Hutt. „Könnte besser sein, aber muss ja“. So in etwa? Oder doch lieber einfach mit „Ja“ antworten? Wie das Kaninchen vor der Schlange in absoluter Ehrfurcht erstarrt, habe ich Angst vor meiner Antwort und dem weiteren Verlauf des Gesprächs. Glücklicherweise kann eine weitere Stewardess mich und die Situation retten, indem sie meinen beiden Nachbarn eine eigene Reihe hinten rechts anbietet und alle atmen gleichermaßen erleichtert auf. Bis auf den Piloten vielleicht, der jetzt wohl oder übel die komplette Statik des Fluges neu berechnen muss. Sollte er dies nicht tun, werde ich jetzt wenigstens mit angenehmer Beinfreiheit abstürzen.

Eine Stunde und 20 Minuten später bin ich mit einem Gefühl vollkommener Freiheit in Schwechat gelandet. Das „Porzellaneum“ in der Nähe des U-Bahnhof „Roßauer Lände“ ist schnell gefunden, weniger schnell geht aber der dortige Check-In von der Hand. Schuld daran ist ein gleichzeitig ankommender Kolumbianer, der großes Interesse daran hat, sich von dem hochmotivierten Studenten an der Rezeption ganz Wien erklären zu lassen. Da ich zu höflich bin, das Referat abzukürzen und einfach um Aushändigung der Schlüssel zu bitten, hänge ich also nun mit in der schier endlosen Kringel-in-den-Stadtplan-mal-Falle und lausche andächtig den englischsprachigen Ausführungen über all die Sehenswürdigkeiten, die ich eh schon kenne. Die Minuten vergehen. Das Gerede nimmt kein Ende. Die Ungeduld steigt. Ja, bist du deppat? Hoit halt dei Goschn!

Gegen 13.00 Uhr endet der monumentale Vortrag unter tosendem Applaus und kurz darauf stehe ich auch schon in meinem Zimmer, das zu 80% aus Schrankwand besteht. Viel mehr als einen Rucksack und zwei unterwegs gekaufte Dosen „Ottakringer“ habe ich jedoch nicht dabei und so wird jede Menge Stauraum ungenutzt bleiben. Die Frage, wo genau der Haken sein könnte, wenn man in einem Wiener Innenstadtbezirk ein Einzelzimmer für unter 30 € buchen kann, wäre auf diesem Wege übrigens auch bereits beantwortet. Das „Porzellaneum“ ist im Grunde genommen ein Studentenwohnheim und offenbar vermietet man hier einfach leerstehende Zimmer kurzzeitig an Touristen, ohne den Komfort auch nur ansatzweise anzupassen. Dafür darf man dann aber Partykeller, Waschküche, Sport- und Computerraum, die Gemeinschaftsküchen und natürlich auch die ganz fantastischen Gemeinschaftsduschen, die so herrlich an die der alten Grundschulturnhalle erinnern, mit benutzen. Leiwand!

Es folgt meine Wiener Routine. Wann immer ich bislang alleine in dieser Stadt zugegen war, zog es mich bei hochsommerlichen Temperaturen hinaus zur Donauinsel. So auch diesmal – und erneut gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, sich bei Σουτζουκάκια und Café Frappé derart die Taschen vollzulügen, dass man sich noch weiter südlich in so einer Art echtem Sommerurlaub wähnt. Naja, was soll man machen. Union geht eben vor und Strand geht ja notfalls auch noch im Oktober…

Am späten Nachmittag vermelden dann weitere Truppenteile FUDUs ihre Ankunft in Österreichs Hauptstadt. Als abendlichen Treffpunkt schlägt Fetti das „Mariahilferbräu“ vor, das er 2017 während meiner Residenz im „Fürstenhof“ entdeckt und mit einem Besuch beehrt hatte. Die Ćevapčići konnten ihn damals überzeugen, sodass einer Weiterempfehlung nun nichts im Wege steht. Der Vorschlag löst ungeahnte Begeisterung bei meinen Compañeros aus. Das Getränke- und Speisenangebot weiß sie zu überzeugen, zudem sei das Brauhaus von ihrer Unterkunft aus gut zu erreichen – womit sie mir bereits genau einen Schritt voraus sind. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo mein „Hotel“ auf der Landkarte Wiens genau zu verorten und wie weit das „Mariahilferbräu“ entfernt ist. Aber, wo sich ein Westbahnhof in der Nähe befindet, wird man schon irgendwie einigermaßen gut hin- und wieder wegkommen…

Irgendwann abends trudeln wir dann in der Mariahilfer Straße zusammen und genießen Speis und Trank bei hochsommerlichen Temperaturen auf den Bierbänken in der belebten Einkaufsstraße. Am Tisch drehen sich die Gespräche um Unions Neuzugänge, die Saisonprognose und eingefahrene Länderpunkte angenehm im Kreis, nur auf der Toilette wird die Themenvielfalt dezent erweitert und so kommt man in den zweifelhaften Genuss, mit betrunkenen Einheimischen u.a. über die Mondlandung zu fabulieren. Die Wiener U-Bahn befördert mich nach einem langen Tag im Sieben-Minuten-Takt irgendwann via Landstraße in gerade einmal 24 Minuten nach Hause, wo mich fatalerweise noch eine Dose „Ottakringer“ aus der Schrankwand heraus anlächelt. Ich würde es jetzt nicht zwingend als Fehler ansehen, diese Dose noch geöffnet zu haben, immerhin sorgt dieses Vorgehen kurz darauf für den Erkenntniszuwachs, das Rauchen eindeutig die gefährlichere Sucht ist. Wenn man beim Saufen einschläft, verbrennt man wenigstens nicht. Und so’ne Matratze trocknet ja auch wieder…

Am nächsten Morgen klopft der Fackelmann, der sich ebenfalls von der Idee begeistern ließ, sich im „Porzellaneum“ eine Schrankwand mit Matratze zu sichern und der zur heutigen Fußballfeier stilecht mit dem Nachtzug aus Berlin angereist ist, beschwingt an meine Tür. Der junge Mann hat Hunger und würde nun gerne etwas frühstücken, während sich mein Appetit – wie immer vor 18 Uhr oder dem ersten Bier des Tages – gewohntermaßen in Grenzen hält. Kurz darauf sitzen wir in der „Brötchenwelt“ in der Berggasse in der Sonne und während ich mich genötigt fühle, mir draußen ein opulentes „Griechisches Frühstück“ zu ordern, kehrt Fackelmann, der Fetznschedl, mit lediglich einer belegten SB-Schrippsky von drinnen wieder zurück an unseren Tisch. Wenn das mal nicht die eine oder andere Asynchronität innerhalb der Kleingruppe bezüglich weiterer Nahrungsaufnahmen im Tagesverlauf nach sich ziehen wird…

Gut (und besser) gestärkt zieht es die beiden Serviettenknödel im Anschluss durch das beinahe gleichnamige Grätzl des 9. Wiener Gemeindebezirks. Die langen, breiten Straßen sind gesäumt von eleganten Gründerzeithäusern und auch die Peregrinikapelle, der Deutschmeisterplatz und die Roßauer Kaserne bieten ansprechende Fotomotive in unmittelbarer Nachbarschaft des „Porzellaneum“.

Aber, machen wir uns nichts vor: Wenn man so früh wach ist, dass man freiwillig frühstücken geht, dann ist erfahrungsgemäß noch jede Menge Zeit bis zum Anpfiff zu überbrücken. In unserem Falle verbleiben noch knappe neun Stunden auf der Uhr, ehe im „Stadion Hohe Warte“ der Ball rollen wird.

Grund genug, sich bei strahlendem Sonnenschein für einen ausgiebigen Spaziergang (Anmerkung aus 2021: FUDU ist seiner Zeit eben immer voraus – wir waren schon spazieren, bevor es alle gemacht haben!) zu entscheiden und entlang des Donauarms solange durch die „Fairness Zone“ (taktische Fouls sind immer gelb!) zu schlendern, bis man einen Blick auf die von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Müllverbrennungsanlage Spittelau werfen kann. „Welch faszinierende Symbiose aus Technik, Ökologie und Kunst, die dort gleißend im Sonnenlicht all unsere Sehgewohnheiten irritiert“, beginnt Fetti etwas auszuARTEn, ehe er von Fackelmann Regentag Dunkelbunt jäh unterbrochen wird: „Ich hab Hunger!“.

Kurz darauf kehren wir in einem Etablissement mit dem ansprechenden Namen „Sportcafé 87“ in der Klosterneuburger Straße ein. Unser freundlicher Sitznachbar reicht uns zur Begrüßung die „Kronen Zeitung“ und gibt dann der Wirtin Bescheid, dass gleich zwei Gäste auf der „Terrasse“ Platz genommen hätten. Schnell steht das erste frisch Gezapfte auf dem Tisch und noch schneller hat sich die „Kronen Zeitung“ als das fürchterlichste rechtspopulistische Schundblatt herausgestellt, das von FUDU jemals durchblättert worden ist. Ümit Korkmaz ist heute jedenfalls der einzige Österreicher mit Migrationshintergrund, der in der Gazette nicht rassistisch beleidigt wird. Wir erfahren, dass sich der ehemalige Bundesligaprofi von Eintracht Frankfurt, der aktuell seine Karriere in Österreichs Fußballniederungen ausklingen lässt und für First Vienna die Knochen hinhält, sich ein Tattoo von Christopher Trimmel wünscht, der ja bekanntlich „die Lizenz zum Stechen“ hat. Darüber hinaus erinnert der fünfzehnzeilige Artikel an First Viennas Triumph anno 1943 im „Tschammer-Pokal“, als man im Finale von Stuttgart den Luftwaffen-Sportverein Hamburg (wohl der feuchte Traum eines jeden Krone-Redakteurs…) mit 3:2 nach Verlängerung besiegen konnte. Der Zusammenhang zu der seichten Tattoo-Story erschließt sich, die Vorfreude auf das Spiel wächst, Fackelmanns Magen knurrt.

Unser aufmerksamer Nachbar hört genau, dass wir uns über Nahrungsaufnahme unterhalten. Sein vorauseilender Gehorsam gebietet es ihm, sich bei der Wirtin zu erkundigen, was die Speisekarte heute so hergeben würde. Ungefragt informiert er uns: Käsekrainer seien heute im Angebot, dauern aber 30 Minuten, die müssen ziehen. Der Rest seines Redeschwalls versumpft in alkoholbedingter Artikulationsstörung, die auf Wienerischen Dialekt trifft. „Zugeschlagen!“, kürzt der Fackelmann die Situation ab und unser neuer Freund trottet zurück in das Lokal, um unsere Bestellungen aufzugeben, hält auf halber Strecke aber glücklicherweise noch einmal inne und erkundigt sich, ob’s denn auch noch „zwei Krügerl“ sein dürfen. Na endlich, dachte schon, der fragt gar nicht mehr. „Zugeschlagen“, bestätigt Fackelmann flugs auch den zweiten Teil des Menüs und der gastfreundliche Wiener nickt zufrieden.

Für 3,80 € lassen wir uns die Eitrige mit Kren schmecken. Ich esse aus Solidarität und aus Gründen der Synchronität einfach mit – ohne schlechtes Gewissen, da bereits feststeht, dass wir die unnötig aufgenommenen Kalorien bei einem weiteren Gewaltmarsch im Anschluss direkt wieder verbrennen werden. Schließlich werden gleich knapp 4,5 Kilometer entlang der Donau durch die ballernde Sonne zurückzulegen sein, um den „Wirtschaftsflüchtling“ auf der Donauinsel in Empfang nehmen zu können.

Kaum haben wir die Strandbar erreicht, trudelt uns dieser auch schon aus München kommend direkt in die Arme. Bis zu diesem Punkt wirkt alles einigermaßen koordiniert. Ausgemergelt von der Sommerhitze, ist das nächste Bierchen schnell bestellt. FUDU bezieht Quartier in den Sonnenstühlen auf brennend heißem Wüstensand und abermals fühlt sich „Union International“ an wie echter Urlaub. Noch vier Stunden bis zum Anpfiff und ich verspreche Euch, ab jetzt wird’s wild! Jedenfalls, was den Weg zum Stadion betrifft, der von nun an in etwa so gradlinig verlaufen wird, wie die Erwerbsbiographie eines einstigen DDR-Raketenwissenschaftlers hin zum Regalauffüller bei „Schlecker“ in der Nachwendezeit…

Plötzlich kommen nämlich die Jungs und Mädels vom Vorabend mit einer weiteren herausragenden Treffpunktidee um die Ecke. Auf einer Insel, malerisch gelegen zwischen Donaukanal und Donau im nordöstlichen Zentrum der Stadt, gerade einmal 10 Kilometer von hier entfernt, würde im „Stadl“ recht bald eine Versammlung fußballaffiner junger Männer abgehalten werden. Na, dann nichts wie hin da – auch wenn wir genaugenommen gerade mehr oder minder von genau dort hierhergekommen sind. So geht es mit den „Wiener Linien“ quasi zurück auf Los und dann zu Fuß durch die idyllische Brigittenau. Unsere Ankunft im Biergarten ist dann derart maßgeschneidert, dass sie exakt mit der Auflösung der dortigen Veranstaltung übereinstimmt. Wenn Fetti kommt, dann ist nun mal Schluss mit lustig!

Immerhin können wir uns in Folge dem Trupp anschließen und unbehelligt durch den 19. Bezirk schlendern. FUDU und der Mob fallen noch in zwei Kaufhallen ein, lassen den bei Fudutours bereits zu Ehren gekommenen Karl-Marx-Hof links liegen, müssen arg hügeliges Gelände passieren (Topographie des Terrors!) und haben es dann gut eine Stunde vor Anpfiff nach einem langen Wandertag endlich geschafft, das legendäre „Stadion Hohe Warte“ in 214 Metern Höhe zu erreichen.

Bereits seit 1896 spielt First Vienna auf dem Gebiet der „Hohen Warte“ Fußball. Am 19.06.1921 wurde die Naturarena der Superlative nach Plänen von Eduard Schönecker „als größtes und modernstes Stadion Kontinentaleuropas“ feierlich eröffnet. Besonders die imposante Nordrampe leistete ihren Beitrag, das bereits in den Anfangsjahren Zuschauerrekord um Zuschauerrekord aufgestellt werden konnte. 1922 strömten 56.000 Menschen zum Länderspiel gegen Deutschland, am 15.04.1923 sollen es dann an die 90.000 gewesen sein, die sich die Partie Österreich-Italien nicht entgehen lassen wollten.

Die Vienna errang auf der „Hohen Warte“ 1931 und 1933 österreichische Meisterschaften, wobei man im Jahre 33 zusätzlich den Mitropapokal gewinnen konnte. Durch die Eröffnung des „Praterstadion“ (1931) rückte das „Stadion Hohe Warte“ zurück ins zweite Glied und verlor an Bedeutung. Noch vor Beginn des zweiten Weltkriegs zerstörte eine „Kraftradgeländefahrt der NSKK-Motorstandarte 93“ die Anlage völlig, im Krieg wurde die Naturarena durch schwere Bombentreffer beschädigt, nach dem Krieg dann von der US-Armee beschlagnahmt und zum Baseballfeld umfunktioniert – und keine Sorge, ab jetzt wird es nicht mehr schlimmer. Ab 1951 gab es die lang ersehnte positive Wendung und First Vienna kehrte nach und nach zurück in die angestammte Heimat, in der man dann zumindest wieder vereinzelt Ligaspiele austragen konnte. 1953 wurde die Anlage umfangreich instandgesetzt und mit einem Fassungsvermögen von 32.000 Zuschauern zurück in die Hände der Döblinger gegeben.

Am 03.11.1956 wurde im „Stadion Hohe Warte“ die erste Flutlichtanlage Wiens feierlich eingeweiht. Die Hoffnung, dass das Stadion nach diesem Meilenstein wieder an alte Glanzzeiten anknüpfen könnte, erfüllte sich jedoch nicht. Die Vienna stürzte in den 1960er Jahren sportlich ab, die kostenintensive Immobilie wurde zu einer finanziellen Belastung für den klammen Club und das Gelände verkam nach und nach. Erst der Bau der neuen Haupttribüne im Oktober 1974 konnte wieder eine kleine Trendwende und die letzte Glanzzeit der Vienna einleiten. In den 1980er Jahren wurden letztmals fünfstellige Zuschauerzahlen vermeldet, als u.a. die Weltstars Mario Kempes und Hans Krankl im Trikot der Vienna aufliefen und man sich Ende der 1980er Jahre zwei Mal für den UEFA-Cup qualifizieren konnte. Danach ging es steil bergab: 1992/93 Abstieg in die zweite Liga, 2000/01 Abstieg in die dritte Liga, kompletter Zerfall des Stadions mit einer Kapazitätsbegrenzung auf 4.500, Aufbau von Stahlrohrtribünen anno 2005, um weiterhin Zuschauer auf die Naturtribüne lassen zu dürfen, Insolvenz 2017, Zwangsabstieg in die fünfte Liga – was für ein Trauerspiel.

Pünktlich zum 125. Geburtstag des Vereins kann man nun aber die Rückkehr in die vierthöchste Spielklasse feiern – First Vienna beendete die letzte Saison auf Rang 1 der 2. Landesliga und darf sich nun stolzes Mitglied der Wiener Stadtliga nennen!

Bei all diesen beeindruckenden Anekdoten und Legenden rund um Verein und Stadion ist die Freude ganz unsererseits, dass wir anlässlich des Vereinsjubiläums für gerade einmal 18,94 € pro Ticket im „Stadion Hohe Warte“ gastieren dürfen. Dies hier ist wahrlich mehr als ein gewöhnlicher Vorbereitungskick gegen einen Viertligisten und so haben sich auch gut und gerne 500 Unioner mit auf den recht weiten Weg gemacht, um die neu zusammengestellte Bundesliga-Mannschaft begutachten und das schicke Stadion kreuzen zu können. Glücklicherweise ist der Heimanhang von der Partie gleichermaßen euphorisiert, sodass die erwartete Zuschauerzahl von „bis zu 3.000 Zusehern“ sogar noch übertroffen werden kann. 4.100 Menschen werden am Ende in die Naturarena strömen und für einen um zehn Minuten verzögerten Anpfiff sorgen.

Bei der Vienna startet Torwarttrainer Oliver Fuka (41, Karriereende 2015) zwischen den Pfosten. Dieses Spiel will sich wohl wirklich niemand entgehen lassen! Auf der Torhüterposition bleibt dies auch in Folge besonders spürbar: Nach neun Minuten wird Fuka durch Kazan ersetzt, nach 36 streift sich Chiste die Torwarthandschuhe über und ab Minute 61 agiert sogar ein halbes Hohenschönhausen-Hendl auf der Linie und auch auf den Traversen greift diese Maxime. Schließlich findet sogar der „1. Döblinger Bayern Fanclub“ das heutige Spiel derart interessant, dass dieser, ohne auch nur irgendeinen Bezug zum Spiel zu haben, seine Fanclubfahne gleichermaßen stolz wie unbewacht hinter dem Gästeblock präsentiert. Hervorragende Idee!

Als der durstige (und natürlich hungrige) Fackelmann nach gut 20 Minuten Schlangestehen an den hoffnungslos überfüllten Versorgungsständen endlich auf die Naturtribüne zurückkehrt, steht es bereits 66-37. Der weitgereiste und erfahrene Hopper von Welt lässt sich jedoch nicht ins Bockshorn jagen. Natürlich hat er die Treffer von Marius Bülter zum 0:1 (13. Minute) und Sebastian Polter zum 0:2 (15. Minute) live und in Farbe aus der Schlange heraus beobachten können. Und natürlich weiß auch er, dass auf der „Hohen Warte“ in der Regel Football gespielt wird. Die Vienna Vikings haben hier wohl aus Protest das Ergebnis ihres letzten Spiels hängen lassen – immerhin wurden diese wegen des heutigen Jubiläumsspiels schändlich vertrieben und mussten ihr Halbfinale vor drei Tagen gegen die Prague Black Panthers in Ravelin austragen, um das Spielfeld für die Fußballer zu schonen. Da waren sicherlich nicht nur Stadionsprecher Michi „The Voice“ Holub und DJ Frozen Fritz pappesatt…

Von der Stahlrohrtribüne erleben wir Joshua Mees‘ Pfostentreffer nach 23 Minuten mit. Bei der Vienna muss Demić nach einer halben Stunde das Feld mit Verdacht auf eine Bänderverletzung verlassen, während der Fackelmann noch immer von gelungenen Wortspielen aus der Bierstand-Warteschlange („Thirst Vienna“) schwärmt. Kurz vor der Pause erhöht Bülter, der nach Kopfball von Gentner und Parade von Chiste abstauben kann, auf 3:0.

In der zweiten Halbzeit zieht es uns in die unendlichen Weiten der Nordrampe. Eine Naturtribüne hat nun einmal den Vorteil, dass man so ein Fußballspiel an einem lauen Sommerabend eben auch auf einer Wiese lümmelnd verfolgen kann. So lange es hier nicht wieder zu einem Erdrutsch wie nach dem Länderspiel gegen Italien im Jahre 1923 kommt, ist das aktuell definitiv der wohl friedlichste Ort auf Erden. Da kann uns auch der Anschlusstreffer durch Kurtisi nach einer knappen Stunde nicht schocken – ganz im Gegenteil. Es ist dem sympathischen Heimpublikum durchaus zu gönnen, hier auch ein Tor feiern zu dürfen, zumal wir so in den Genuss kommen, ein wunderschön gesungenes „Yellow Submarine“ hören zu dürfen.

Knapp zwanzig Minuten später stellt die in der Halbzeit komplett ausgetauschte Union-Elf den alten Abstand wieder her. Anthony Ujah, der einen klugen Steckpass von Dahl aufnehmen kann, ist vor dem Tor eiskalt geblieben. Am Ende gewinnt der 1.FC Union Berlin mit 4:1, Christopher Trimmel wird dazu genötigt, Selfies mit Wutbürgern zu schießen und hat keine Gelegenheit, Ümit Korkmaz noch auf dem Spielfeld zu tätowieren und uns zieht es zum Ausklang des Abends in Richtung Innenstadt.

Der Bahnhof Heiligenstadt wird zum Ausgangspunkt des nächsten Irrlaufs, der zunächst zum Schwedenplatz und dann an die Donau führt. Da am Ufer irgendeine sagenumwobene Bar unauffindbar bleibt, tritt FUDU alsbald seinen Rückweg zum Schwedenplatz an, verzichtet schweren Herzens auf das Zejnullahu-Mobil (= E-Roller), aktiviert letzte Spaziergängerkräfte und hofft auf einen Zufallsfund. Fackelmann nimmt auf irgendeiner Brücke Kontakt zur lokalen Kleintierszene auf und merkt an, dass man nun nur noch dem „Pilsspürhund“ folgen müsse, woraufhin er böse Blicke des Frauchen erntet. „Oh, ich glaube, das ist gar kein Pilsspürhund!“, weiß er die entstandene Spannung aber direkt wieder geschickt aufzulösen. Gegen 22.00 Uhr ist dann aber auch ohne tierische Hilfe (außer der von Fetti) eine vielversprechende Lokalität gefunden. Wenn man im „Bermuda Bräu“ mit der dazugehörigen Tanzlokalität „Die Brennerei“ keine Getränke erhält, die man am nächsten Morgen bereut, wo denn dann?

Das Problem, dass der Tisch nur für vier Menschen vorbereitet ist, wir aber zu fünft einkehren wollen, stellt die Kellnerin vor keine großen Herausforderungen, dennoch weist sie uns darauf hin, dass es ihr eigentlich nicht erlaubt sei, einen fünften Stuhl in Richtung Gehweg zur Verfügung zur stellen. Wir mögen doch bitte darauf achten, dass Vorbeilaufende genügend Platz haben. So schnell ist FUDU wahrhaftig noch nie „in der Gossen“ gelandet, aber was tut man nicht alles, um sich um 22.30 Uhr noch über eine Portion Biergulasch hermachen zu können…

Am Ende des Abends habe ich vier Euro Schulden beim Croupier (Kapitel 1 der Autobiographie von Jean-Jacques Gelee) gemacht und der Fackelmann verliert beinahe sein gesamtes Hab und Gut auf dem Gossenplatz, doch glücklicherweise funktioniert mein Pädagogenblick noch zuverlässig. Kinder, guckt noch mal nach, ob ihr alles habt, bloß nix vergessen!

Und so ist die Stimmung relativ ausgelassen, als wir nur unwesentlich später im Innenhof des „Porzellaneum“ den Abend mit einem letzten Bier ausklingen lassen. Der FackelKleptomann schlürft stilecht in IC-Schlappen durch das Ambiente und kann darüber hinaus auch noch das formschöne Nachtzugset, bestehend aus Handtuch und Waschlappen, aus dem beinahe vergessenen Turnbeutel verkaufsfördernd präsentieren. Kurz darauf träume ich von weiteren Eskapaden und Abenteuern in Trnava und Senica, wo meine Reise ab morgen ihre Fortsetzung finden wird und wo es vielleicht auch Fußballspiele zu sehen geben wird. Und bevor hier irgendjemand fragt: „Wie? Wat? Vielleicht? Wat is mit’m Länderpunkt Slowakei?“, dem sei nur soviel gesagt: Beruhigt Euch, Bürger – den habe ich glücklicherweise schon seit dem 16.03.2013! /hvg