492 492 FUDUTOURS International 18.10.21 15:18:38

10.08.2019 KSV Baunatal – VfL Bochum 1848 2:3 (2:1) / Parkstadion Baunatal / 5.748 Zs.

Ein Skandal sondergleichen erschüttert dieser Tage Fußballdeutschland. Von Nord bis Süd hält man den Atem an und auch Fetti verneigt sich nun im ICE nach Kassel-Wilhelmshöhe voller Ehrfurcht vor den wachsamen Regelhütern des Deutschen Fußballbundes. Diese haben glücklicherweise ganz genau Maß genommen und festgestellt, dass das Logo des KSV Baunatal auf dem Trikot exakt 0,5 Zentimeter zu groß ist. Wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder machen würde? Da ist es nur folgerichtig, dass man es dem Oberligisten für das größte Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte zur Auflage gemacht hat, für das heutige DFB-Pokal-Erstrundenspiel gegen den VfL Bochum diesbezüglich nachzubessern.

Bis zu 8.000 Zuschauer erwartet man heute Abend im „Parkstadion“, wenn der KSV Baunatal das erste Mal seit der Saison 1987/88 wieder im DFB-Pokal starten wird. Für Fetti eine gute Gelegenheit, das schöne Fußballstadion mit Anwesenheit von Zuschauern zu kreuzen und den Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe endlich einmal kennenzulernen, ohne im Vollsprint irgendwelche Anschlusszüge erwischen zu müssen. Jeder, der in seinem Leben mit dem „Schönen-Wochenend-Ticket“ gereist ist, wird wissen, welch traumatische Flashbacks das arme Schwein zu erwarten hat, wenn es nun gleich gemütlich über den Bahnhof der weiten Wege schlendern wird, um in aller Seelenruhe den Ausgang zu suchen. Was haben sich hier zwischen Gleis 1 und Gleis 8 schon alles für Dramen abgespielt…

Das „SWT“ gehört längst der Vergangenheit an und auch das Hinterherrennen von Regionalbahnen in Wilhelmshöhe, nur um gefühlte 8 Stunden später bei irgendeinem Auswärtsspiel anzukommen, darf getrost als Relikt aus Fettis Jugend angesehen werden. Heute geht es etwas beschaulicher zu und so checkt man logistisch klug, bereits die morgige Weiterreise nach Halberstadt im Visier, im benachbarten „IntercityHotel“ ein. Hier erhält „IntercityFetti“ einen gratis Fahrschein für den ÖPNV in Kassel und muss zu seiner Verwunderung zusätzlich zu den 55,30 € Übernachtungsgebühren 0,50 € Kurtaxe zahlen. Da kann man nur hoffen, dass die beiden Wettgutscheine aus der „DB Mobil“ diesen Wellnessurlaub refinanzieren werden.

In der näheren Bahnhofsumgebung fällt sogleich ein Hinweis auf ein Kulturprogramm ganz besonderer Art ins Auge. „Mit dem Linienbus ins Jenseits – Fantastische Särge aus Ghana“, so lautet der Titel einer Ausstellung, welches derzeit im „Museum für Sepulkralkultur“ gezeigt wird. Fetti summt angesichts des skurrilen Sarges in Form eines Busses kurz das allseits beliebte „Busfahrer, fahr uns in den Tod!“ vor sich her, ehe er das Grübeln beginnt. Wenn in Ghana Menschen Särge erhalten, die Bezug auf ihr Leben, ihr Schaffen, ihre Arbeit oder aber ihre Todesursache nehmen, dann würde der Großteil von FUDU in Westafrika wohl in einem Bierfass unter die Erde kommen.

Mit diesen tiefgründigen Gedanken zur Mittagszeit wäre der erste latente Bierdurst also geweckt. Da stellt es sich schon als arg hinderlich heraus, dass sämtliche gastronomische Einrichtungen in Bahnhofsnähe heute erst um 17.00 Uhr ihre Pforten öffnen werden. Schlimmer ist da nur dieser „Herkules Döner“, der außer „Beck’s“ und „Krombacher“ für jeweils 2,50 € nichts im Angebot hat. Dann lieber doch mit dem Linienbus ins Jenseits – oder ins „tegut“ um die Ecke. Hier wandern zwei lokale Biere in die Einkaufstaschen (u.a. „Martini“ – Fetti ist ganz gerührt, nicht geschüttelt!) und schon geht es zwecks Verköstigung zurück auf das exklusive Zimmer mit 1A-Blick auf den Bahnhof.

Nach einem Bier scheint bereits ausreichend Grundlage geschaffen, den Teufelsritt nach Baunatal in Angriff nehmen zu können. Schnell ist die passende Buslinie gefunden und Fetti mit dem Gratisticket aus dem Hotel in den Händen mehr als siegessicher eingestiegen. „Wohin Sie wollen?“, fragt mich der Busfahrer mit osteuropäischem Akzent und schaut mich dann, nachdem ich wahrheitsgemäß mit „Baunatal!“ geantwortet habe, in etwa so entgeistert an, als hätte ich von ihm verlangt, mich mit dem Intercity-Billet bis zum Mond zu befördern. „Diese Ticket nur für Kassel. Baunatal Du brauchen KasselPlus!“. Logo. Ist ja häufiger so, dass man bei einer 29-minütigen Busfahrt verschiedene Zeit- und Tarifzonen passiert. Er jedenfalls erteilt diese Auskunft mit einer unfassbaren Leere in seinem Blick, so als müsse er täglich drei Millionen Touristen aus dem „IntercityHotel“ nach Baunatal fahren und denen tagein, tagaus erklären, dass man natürlich! ein „KasselPlus“-Ticket für diese städteübergreifende Fernreise benötigt. „Ja, dann nehme ich halt so ein KasselPlus-Teil“, versuche ich die ganze Sache abzukürzen. „KasselPlus ich nicht kann verkaufen in Kassel, in Kassel Maschine druckt nur Kassel, KasselPlus ab ‚Am Brand‘ geht!“. Logo. Ich Trottel mach heute aber auch wirklich alles verkehrt.

Vorschlag zur Güte: Ich fahre jetzt erst einmal einfach so mit und komme dann noch mal zu Dir nach vorne, wenn uns die Grenzer nach Baunatal haben einreisen lassen, denke ich mir und setze mich, ohne die Diskussion zu einem konstruktiven Abschluss gebracht zu haben, kommentarlos in Iwans Bus. Da dieser exakt nichts unternimmt, gehe ich davon aus, dass er erst einmal einverstanden ist und da ich nicht in einem Linienbus, sondern in einem Bierfass beerdigt werden mag, wird schon nichts schlimmes passieren. In „Altenritte, Am Brand, Baunatal“ angekommen, bin ich so freundlich und statte Iwan in seinem Kabuff einen Besuch ab. Jetzt scheint der Zeitpunkt günstig, endlich diese sagenumwobene blaue Mauritius aus dem Thermodrucker zu erhalten, doch Iwan winkt freundlich ab: „Chab schon vergessen, dass Du hast keine Ticket!“. Zehn Minuten später habe ich ohne Zahlung eines Aufpreises „Altenbauna, Stadtmitte, Baunatal“ erreicht und starte nach diesem imposanten Vorspiel gegen 15.00 Uhr in das mit Vorfreude erwartete Sightseeing…

… welches man knappe 30 Minuten später wie folgt zusammenfassen könnte: Baunatal sieht aus, als hätte jemand in den späten 60er-Jahren zu viel „SimCity“ gespielt. Hier ist ganz offensichtlich eine wirklich atemberaubend schöne Stadt am Reißbrett entstanden, die alles bietet, was man als glücklicher Bürger so braucht. Eine Kirche, eine Stadthalle, ein zentraler Platz, ein Rathaus, ein Stadtpark, ein Fußballstadion – und das ganze mit möglichst viel Beton und orangenen Fliesen, damit’s auch State of the Art daherkommt. Ein Blick in die Stadtgeschichte Baunatals verschafft dann schnell Klarheit und bestätigt das entstandene Bauchgefühl: „Baunatal ist eine Stadtgründung unserer Zeit. Sie entstand durch den Zusammenschluss der ehemals selbständigen Gemeinden Altenbauna, Altenritte, Kirchbauna, Großenritte, Hertingshausen, Rengershausen und Guntershausen als Folge der Ansiedlung eines Werkes der Volkswagen AG im Jahre 1957“. Weitere Highlights der Stadtchronik: „1610/1625/1635 Die Pest wütet in den Baunatalgemeinden und rafft viele Menschen dahin; 12.05.1979 Einweihung des Parkstadions; 23.05.1986 Einweihung der Fußgängerzone; 31.07.1992 Jahrhunderthochwasser“. Naja. Ein bisschen so, wie das nächste Bier im „Bistro ROXY“ auf dem Marktplatz: Auch nicht gerade der „Hütt“…

Deutlich bergauf geht es dann im „Grillhof Baunatal“, in welchem Fetti nicht nur einen schmackhaften Spießbraten im Brötchen erhält, sondern auch dem „Hütt“ eine zweite Chance erteilt. Wenn das Pils nicht schmeckt, versuchen wir es in der zweiten Runde doch besser direkt mit dem „Luxus Pils“, auch wenn es dieses nur in 0,33 Liter Flaschen käuflich zu erwerben gibt. Kann ja jetzt nur besser werden – und wer einen Kronkorken für die Sammlung daheim ergattern mag, muss eben auch einmal Opfer bringen. Selbiges gilt dann allgemein für den Aufenthalt in diesem Laden, schließlich vermag die übrige einkehrende Kundschaft die gesamte Tristesse des Ortes eindrucksvoll zu illustrieren. Was für ein Trauerspiel, nur Klienten hier – so zuletzt auch nur im „Kaufland“ zu Berlin-Buch erlebt.

Da hilft nur die Flucht ins wunderschöne Fußballstadion. Allein die mächtigen Flutlichtmasten, die Fetti bereits aus dem russischen Linienbus erspäht hatte, entschädigen für alles bisher dagewesene. Die grüne Stadionumgebung mit malerisch plätschernder Bauna sorgt schnell für Naherholungsgefühle, sodass man durchaus darüber nachdenken kann, sich beim nächsten Urlaub einen der begehrten Wohnwagenstellplätze mit Blick auf die (natürlich orange gekachelte) Haupttribüne zu sichern. Eröffnet wurde das „Parkstadion“ übrigens pünktlich zum Abstieg des Kultur- und Sportvereins Baunatal aus der zweiten Bundesliga, der man drei Spielzeiten lang angehörte. Dafür erlebte das Stadion in den vergangenen Jahren etliche Highlights, darunter beispielsweise auch die „Weltmeisterschaft der Diensthunde“. Einst passten bis zu 12.000 VW-Arbeiter auf die markante Haupttribüne, die gut ausgebaute Gegengerade und die mächtigen Graswälle hinter den Toren. Heute verlieren sich oftmals nur noch wenige Hundert Zuschauer zu den Heimspielen des Hessenligisten, der offiziell noch immer 7.578 Zuschauer in diesem Schmuckstück von Stadion empfangen dürfte. Womit bereits klar wäre, dass die erhoffte Zuschauerzahl von 8.000, die in der „HNA“ (Hessische/Niedersächsische Allgemeine) genannt worden war, womöglich etwas zu hoch gegriffen sein dürfte…

Immerhin 5.748 Zuschauer werden es am Ende dann aber doch sein, die sich nun im Vorfeld des Spiels von einer Blaskapelle auf dem Rasen malträtieren lassen müssen. Die freundlichen Baunataler Gastgeber haben im Anschluss ein weiteres Geschenk für die gut 2.000 mitgereisten Bochumer Gäste parat und so ertönt Herbert Grönemeyers Ode an seine Heimatstadt durch das weite Rund – allerdings in englischer Sprache. Da hat Stadionsprecher DJ Detlef bei „Napster“ wohl die falsche Version runtergeladen, weswegen er nun auf Wiedergutmachung aus ist, indem er lediglich die Vornamen der Bochumer Startaufstellung verliest und dem Gästemob die Stimmungshoheit im Stadion schon jetzt auf dem Silbertablett serviert. Dieser bedankt sich mit etwas blauem und weißem Rauch für soviel Gastfreundschaft, was Detlef über die Stadionbeschallung fachkundig als „Krawalle“ klassifiziert und daraufhin besser mal eben kurz den „Sicherheitssprecher der Polizei“ an das Mikrofon lässt. Die motivierten KSV-Fans auf der Haupttribüne halten mit einer Zettelchoreographie, mutmaßlich in Brailleschrift gestaltet, dagegen und schon eröffnet Schiedsrichter Wolfgang Haslberger aus St. Wolfgang die mit Spannung erwartete Partie.

In meinem Block auf der unüberdachten Gegengerade hat sich ein typisches Couch-Fußballfan-Publikum eingefunden. Einige wenige Bochumer, die den Gästeblock nicht gefunden haben, stehen freundschaftlich neben Baunataler Schlachtenbummlern. Nach dem wolkenverhangenen Vormittag habe ich meine Sonnenbrille im Hotelzimmer liegen lassen. Ein fataler Fehler, wie sich nun herausstellt, da einem urplötzlich die tiefstehende Sonne erbarmungslos ins Gesicht brennt und man das Spiel ohne Einsatz der Hände als Blendschutz kaum noch verfolgen kann. In den ersten fünfzehn Minuten fällt der Schnelligkeitsvorteil einiger Bochumer Spieler deutlich auf, ohne dass diese daraus nennenswert Kapital hätten schlagen können. Baunatal darf die Anfangsphase getrost als gelungen bezeichnen, bis Zoller auf- und davonzieht und im Strafraum von Blahout vollkommen übermotiviert und unnötig gelegt wird. Aus diesem Winkel hätte Zoller den Ball niemals so gefährlich zum Abschluss bringen können, als dass es eine solche Harakiri-Grätsche gerechtfertigt hätte. Auch, wenn Blahout leicht den Ball getroffen zu haben scheint, ist der Elfmeterpfiff wohl gerechtfertigt. Silvère Ganvoula verwandelt eiskalt und in dem Duell zwischen Fünft- und Zweitligist scheint alles seiner Wege zu gehen (18. Minute).

Die Baunataler Amateursportler zeigen sich aber keineswegs geschockt, sondern senden erste Lebenszeichen im Spiel nach vorn. In der 24. Minute hat ein simpler langer Einwurf, den Schrader im Strafraum per Kopf in den Rückraum legen kann, die gesamte Bochumer Defensive übertölpelt. Nico Möller ist gut eingelaufen, steht genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort, nimmt den Ball technisch anspruchsvoll volley, trifft aber leider nur die Lattenunterkante. Schade. Diese Aktion des Underdogs hätte den Ausgleich verdient gehabt.

In Folge zeigen sich die Bochumer fahrig, während die Baunataler nach der ersten gelungenen Aktion deutlich sichtbar Mut geschöpft haben. Keine zehn Minuten später gelingt dem beflügelten Außenseiter der verdiente Ausgleich. Nach einer kurzen Ecke kann Szczygiel völlig unbedrängt eine Flanke in den Bochumer Strafraum schlagen und auch wenn diese weder besonders scharf, noch maßgeschneidert daher kommt, kann Blahout den Ball per Kopfball aus verhältnismäßig großer Entfernung im langen Eck versenken. Baunatal jubelt frenetisch und Blahout atmet auf – diese Grätsche aus der 18. Minute wäre also wieder wettgemacht.

Der Bochumer Gästeblock langweilt weiter mit Standard-Melodien, während die bislang enttäuschende VfL-Elf in den letzten zehn Minuten des ersten Spielabschnitts endlich eine erste Druckphase erzeugen kann. Als sich das Spielgeschehen etwas beruhigt und Haslberger bereits auf die Uhr geschaut hat, schnappe ich mir eine Pole-Position am Bierstand. Nach der Entscheidung gegen die Sonnenbrille bereits der zweite Fehler des Tages, wie der orkanartige Jubel hinter meinem Rücken schnell vermuten lässt. Habe ich doch echt das 2:1 für Baunatal verpasst. Später zeigen die TV-Bilder, wie Bochums Verteidiger Lorenz nach einem langen Abschlag des Heimkeepers einen einfachen Ball herschenkt, Sattorov die Ruhe und Übersicht behält und den Ball mit letztem Einsatz zum Sturmkollegen Schrader quer legt, der aus gut 11 Metern verwandeln kann. Ob der Torschütze daraufhin das 0,5 Zentimeter kleinere Vereinslogo geküsst hat, war leider nicht zu erkennen.

In der zweiten Halbzeit beziehe ich Quartier auf dem Graswall in der Kurve. Gemütlich hinter Flatterband auf einer Wiese lümmelnd, warte ich nur darauf, hier zeitnah von einem Ordnungshüter verscheucht zu werden. Der einzige Kampf, den die beiden Dorfsherrifs hier heute jedoch ausfechten werden, ist der gegen die Sonne und so kann ich (beinahe) das gesamte weitere Spiel in dieser exquisiten Liegeposition verfolgen. Deutlich weniger entspannt präsentiert sich Bochums Schlussmann Manuel Riemann, der seine bemerkenswert leblosen Vorderleute nach einigen offensiven Nadelstichen Baunatals nach allen Regeln der Kunst zusammenfaltet. Noch haben die drei Wechsel des VfL nicht gefruchtet. In der Kurve der Bochumer will man die eigenen Spieler nun kämpfen sehen, während „die Baunis“ auf der Haupttribüne eine Sensation wittern und sich immer mehr Gehör verschaffen können.

Auf dem Feld übernimmt Bochum aber nach und nach das Kommando. Bella-Kotchap scheitert per Kopf nach gut einer Stunde, knappe zehn Minuten später kann Baumgartner eine schnell vorgetragene Passstafette nicht zum krönenden Abschluss bringen. Der Druck wird zunehmend größer und nach 70 Minuten ist der Bann gebrochen. Abermals ist es Silvère Ganvoula, der im Strafraum eiskalt bleibt und zum 2:2 abschließt. Nun geht es für den Außenseiter dahin. Die Kräfte schwinden und der nächste Rückschlag lässt nicht lange auf sich warten. Ein langer Ball aus der eigenen Hälfte landet in den Füßen von Weilandt, der bedient Ganvoula, welcher vom Elfmeterpunkt zunächst am Lattenkreuz scheitert, den Abpraller aber selbst über die Linie drücken kann. Ganvoula zum Dritten, 2:3 nach 73 Minuten – und meine gratis Wettscheine aus der Bahnzeitschrift just in diesem Moment ohne Aussicht auf Gewinn. Ach, ich hätte den sympathischen Baunatalern hier nicht nur aus Quotengründen einen Heimsieg gegönnt…

Bochum ruht sich nicht auf der knappen Führung aus und drängt mit aller Macht auf die Entscheidung. Griezmann Zoller wird mustergültig freigespielt, schießt aus Nahdistanz aber vorbei. Losilla scheitert mit einem satten Fernschuss am glänzend parierenden Bielert, der in dieser Situation in der 79. Minute mit der Latte im Bunde ist. So bleibt Baunatal weiterhin am Leben. Die Spannung zerschneidet die Luft, Nägel werden gekaut, es wird gezittert, geschwitzt, Herzschläge verursachen seismographische Schwingungen. Und dann ist da noch diese eine Frau, die in der 85. Minute nichts besseres zu tun hat, als die Graswälle entlang zu schlendern und Pilze zu sammeln. Da auch ich offenbar etwas zu nahe an ihrem Abendbrot sitze, werde ich gebeten, für die spannende Schlussphase der Partie noch einmal etwas zur Seite zu rutschen. Machen wir so – der Pokal hat schließlich seine eigenen Gesetze!

Detlef animiert noch einmal das Heimpublikum und auch die Baunataler Spieler, bereits von Krämpfen geplagt, mobilisieren letzte Kräfte. Eine scharfe Hereingabe von der rechten Seite landet am Sechzehner, Schuss aus dem Gewühl, Sattorov macht am zweiten Pfosten ein ganz langes Bein, kommt aber nicht mehr an den Ball. Riemann unterläuft eine Flanke, Sattorov steht urplötzlich vollkommen frei, jagt den Ball aber in die Wolken (90.+4). Das war’s, sagt St. Wolfgang im direkten Anschluss dieser Szene und beendet die Partie pfeifend. Der bravouröse Kampf der Baunataler wird letztlich nicht belohnt und Bochum zieht mit einem blauen Auge in die zweite Runde ein. Detlef fasst noch einmal zusammen und wendet sich in einer letzten Ansprache an den Gästeblock: „Alles ist schön ruhig geblieben und bis auf den Anfang habt ihr es gut gemacht!“.

Beim Verlassen des Stadions finde ich Programmheft und Eintrittskarte und verdiene mir dank einiger liegengelassener Weichplastikbecher das letzte Stadionbier für den Weg nach Hause. Ein Land, in dem man mit Müll Bier bezahlen kann, kann eigentlich kein schlechtes Land sein, würde Fetti sagen, wenn er es nicht besser wüsste. Den stündlich verkehrenden Bus nach Kassel erwische ich um 21.05 Uhr mit spielerischer Leichtigkeit, der Busfahrer sieht kein Problem darin, mich im KasselPlus-Bereich mit meiner hier eigentlich ungültige Fahrkarte mitzunehmen und zu Hause wartet noch ein „Kasseler Pils“, bevor morgen Früh die Weiterreise nach Halberstadt ansteht. Bei derart rosigen Aussichten wäre es also durchaus von Vorteil, wenn mich dieser Linienbus nicht ins Jenseits befördern würde. /hvg