280 280 FUDUTOURS International 21.09.20 20:52:12

17.03.2019 VfR Mannheim 1896 – VfB Eppingen 1921 1:2 (1:0) / Rhein-Neckar-Stadion / 230 Zs.

Im März 2019 gibt Fetti ein erbärmliches Bild ab. Vollkommen verwahrlost, abgemagert und apathisch soll er sich dem Hörensagen nach aktuell durch das Leben kämpfen. Zuletzt hat er angeblich sogar vergessen, regelmäßig alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Klar, dass sich seine treue Gefolgschaft da zu sorgen beginnt und schnell die Frage im Raum steht, ob Fetti womöglich ins Heim muss. So also nimmt die Unterschichtenbande das alte Ferkel an die Hand und schickt sich an, ihm an einem Wochenende einen bunten Strauß der Möglichkeiten aufzuzeigen. Heidenheim, Pforzheim, Mannheim. Irgendwo wird er sich schon wohlfühlen. Wohl dem, der solche Freunde hat!

Heim 01: Heidenheim

Das Wochenende beginnt wieder einmal an einem Freitag. Dank der DFL darf man erneut einen seiner kostbaren Urlaubstage dafür einsetzen, sich ein verschlafenes Provinznest anschauen zu können. Und unter uns, wer schon vier Mal in Heidenheim war, der freut sich auf den fünften Besuch um so mehr. Anders als bei den letzten Aufenthalten auf der schwäbischen Ostalb ist dieses Mal jedoch erstmals eine Übernachtung vorgesehen. Unser Hotel, welches etwas außerhalb in Heidenheim-Schnaitheim liegt, meldet bereits während der Anreise erste Komplikationen. Aufgrund von Renovierungsarbeiten steht unser Zimmer leider nicht zur Verfügung, aber in den „City Studios“ Heidenheim könnten wir ohne Aufpreis in einem möblierten Apartment unterkommen. So also checken wir nach Ankunft eben „mitten im Zentrum von Heidenheim“ ein und genießen „urbanes Wohnen im Herzen der Stadt“ und den „Komfort eines Hotels“ mit „dem Gefühl von Zuhause“. Die Zitate stammen aus der schmissigen Hochglanzbroschüre, welche in erster Linie „Geschäftskontakte, die für längere Zeit in Heidenheim sind“, ansprechen soll. Ach, wenn das Hinterland große Welt spielt, darf der Berliner schon mal schmunzeln…

Wir begutachten das Ambiente. „Ruhige Holz- und Grautöne“, „harmonische Möblierung“, „moderne Ausstattung“. So wie ein Designermöbelkatalog des Jahres 2018 eben aussieht. Nur echt mit Gurkengläsern an der Decke. Fetti und die alten Männer haben da schon längst den Claim dieses Luxuslochs in die Tat umgesetzt: „ANKOMMEN. AUSPACKEN. WOHLFÜHLEN.“ – da muss die Frau jetzt durch…

Später verliert der 1.FC Union Berlin beim 1.FC Heidenheim mit 1:2 und fällt im Kampf um einen direkten Aufstiegsplatz vermutlich etwas zurück, sollte der HSV morgen gegen Darmstadt siegen. „Nadjuschka“ greift auf dem Weg rund um das Stadion angesichts der Wetterkapriolen beherzt zu und entwendet einen der vielen abgegebenen Regenschirme vor einem Heimblock. Schön, dass zumindest sie trockenen Fußes zurück in die „City Studios“ kommen wird und schön, dass irgendein schwäbischer Daddy nachher doof aus der Wäsche gucken wird. Für Gesprächsstoff am nächsten Stammtisch ist also gesorgt. „Des kosch net glauba, des macht mi kreiznarrad. Die blede Ossis nemmet onser Steiergeld on klauet au no onsre Hugadubabls!“.*

Angekommen im Studio, blättert Fetti etwas ermattet in der Broschüre. Als er die Seite mit den Grundrissen der sechs verschieden geschnittenen Apartments samt ihrer Mietpreise entdeckt, beschleicht ihn der Verdacht, dass ihm auf Dauer gestohlene Regenschirme deutlich besser zu Gesicht stehen könnten, als diese Unterkunft. Die herzliche Einladung „zum Verweilen“ im „Hellenstein“ ab (!) 574 € pro Woche schlägt er jedenfalls undankbar – wie eh und je – aus. „Lieber abgebrannt im Alterssitz, als reich ins Heim“, sind seine letzten Worte am Freitagabend. Müssen wir morgen wohl weiter suchen…

Heim 02: Pforzheim

Am Samstagmorgen zieht der „Hoollege“ bumsfidel die Gardinen des „Hellenstein“ zur Seite. Die Aussicht ist trübe, was erst einmal niemanden überrascht. Wie sollte es auch anders sein, draußen ist schließlich Heidenheim. Aber heute gibt es auch noch unaufhörlich niederprasselnden Regen zu begutachten, der nicht sonderlich zur Aufhübschung des Gesamtbilds beiträgt. Als während des Frühstücks dann auch noch die Nachricht verlesen wird, dass der Oberligakracher im „Stadion Holzhof“ zwischen dem 1.CfR Pforzheim und dem 1.FC Normannia Gmünd wegen eben jener Starkregenfälle der letzten Tage abgesagt wurde, wähnt man sich bereits in einem schwäbischen Alb-Traum.

Auf der Zugfahrt von Heidenheim nach Pforzheim kann sich niemand vorwerfen lassen, nicht alles dafür getan zu haben, a limine irgendein anderes Heimspiel für Fetti zu finden. Schnell ist der Plan geschmiedet, die TSG Backnang zu besuchen, doch freundlicherweise verweisen die Gäste aus Oberachtern auf Nachfrage darauf, dass ihr Auswärtsspiel lediglich auf Kunstrasen ausgetragen werden wird. Der im Anschluss geplante Besuch des FC Astoria Walldorf wird aufgrund der 3,7 Kilometer Wegstrecke vom Bahnhof ins Stadion von 2/3 der Reisegruppe gerade noch rechtzeitig verworfen und so erblickt ein neues Spiel das Licht der Welt. „Nenne mir irgendein schwäbisches Kaff mit -ingen am Ende und ich gucke nach, ob die heute spielen“. So – und nur so – kann es einem gel-ingen, irgendwann sogar auf der Facebook-Seite des SC Geislingen zu landen. Hier kann man sich an einem durchaus knackigen Stadion-Slogan des einstigen HSV-Schrecks und heutigen Landesligisten erfreuen: „Die Anfield Road des Filstals“. Wow, unser Interese ist geweckt – doch leider wird auch vom „Jürgen-Klinsmann-Weg 10“ für heute vermeldet: „Zu viel Wasser – Spielausfall!“ und FUDU ist endgültig in die Knie gezwungen. Ein Samstag ohne Fußball ist nun nicht mehr abzuwenden. Zu allem Überfluss lässt „Nadjuschka“ beim letzten Umstieg auch noch den neuen Regenschirm im Zug liegen und schon ist Pforzheim erreicht.

Das Pforzheimer Hotel ist schnell gefunden und während sich „Nadjuschka“ auf der Suche nach der Rezeption begibt, haben die beiden FUDU-Hacker den Schlüsselautomaten in Windeseile geknackt. Wie wir mit dem Zimmerschlüssel winkenden Teufelskerle das nun wieder gemacht haben, möchte sie bei ihrer Rückkehr wahrscheinlich gar nicht wissen, aber wir erzählen es ihr trotzdem. Eine Eingabe des Nachnamens in den Automaten hat zugegebenermaßen gereicht. Kurz darauf sind erste Pläne für die Tagesgestaltung in Pforzheim geschmiedet. Es gibt ein DDR-Museum. Na, wenn das nichts ist. Plötzlich erinnert sich der demente Fetti auch an Lieder vergangener Reisen und singt beschwingt. „Heute geh’n wa Ossis schau’n, das wird ein Tra-Ra – Huh!“

Die nächsten Enttäuschungen des Wochenendes lassen aber nicht lange auf sich warten. Das Museum hat ausschließlich sonntags von 13.00-17.00 Uhr geöffnet und nachdem der gestrige Espresso im China-Bistro zu Heidenheim nur eher „mao“ war, kann der türkische Imbiss des Vertrauens heute erst gar keinen Kaffee anbieten. Uns zieht es nach diesen weiteren Tiefschlägen hinaus zum „Stadion Holzhof“, um bei einem kleinen Spaziergang die Stadt erkunden (Es ist nicht alles Gold, was glänzt) und zumindest einen Blick auf die Spielstätte der Pforzheimer (oder besser gesagt eine der Spielstätten – vor der Fusion verfügten VfR und 1.FC über eigene Spielorte und so kann die Stadt mit dem „Stadion im Brötzinger Tal“ mit einem zweiten sehenswerten Exemplar aufwarten) werfen zu können. Da die Stadiongaststätte heute ebenfalls geschlossen bleibt, muss so zwecks sky-Konferenzkonsum bedauerlicherweise der Rückweg in die 50’er-Jahre-Westdeuschland-Innenstadt angetreten werden. Noch während des Fußwegs geht die nicht ganz unwichtige Partie der zweiten Bundesliga in Hamburg zu Ende. Der HSV verliert zu Hause gegen Darmstadt mit 2:3 und hat weiterhin nur drei Punkte Vorsprung auf Union sowie ein wesentlich schlechteres Torverhältnis.

In der Pforzheimer Stadthalle steigt irgendein großes Dance-Event und mehrere kostümierte minderjährige Tanzgruppen üben auf dem Vorplatz ihre albernen Choreographien ein. Der greise Fetti, der die hampelnde Jugend schon lange nicht mehr versteht, kann sich die Frage, ob es dagegen nicht irgendwelche Tabletten gibt, noch gerade eben so verkneifen, während das FUDU-Pärchen bereits im „Y Café Bistro“ am Waisenhausplatz abgestiegen ist. Meine Wenigkeit wird die ersten Minuten der Bundesliga verpassen, da ich draußen noch mein Wegbier leeren muss. Ich schleiche einmal um den Block und lasse mich auf einer Bank nieder. Keine fünf Minuten später ziehen zwei Dorfsherrifs auf und verbieten mir den Biergenuss. Ich höre der Gefährdungsansprache aufmerksam zu und schaue mich parallel etwas skeptisch um. Tatsächlich hat in der menschenleeren Fußgängerzone jemand in ca. 49 Metern Entfernung ein Schaukeltier in die Pflastersteine eingelassen. So etwas geht hier offenbar als Spielplatz durch und somit kann ich der Aufforderung, alkoholische Getränke in „nicht weniger als 50 Metern Entfernung“ zu einer solchen städtebaulichen Prachtinstallation zu konsumieren, natürlich widerstandslos nachkommen.

Nach der Konferenz und einer Rast im Hotelzimmer, steht endlich der Themenkomplex Nahrungsaufnahme auf dem Tagesplan. Eine kleine Vorabrecherche im Zimmer hat den „Benckiser Hof“ auf die Wunschliste befördert. Um 20.40 Uhr haben Fetti und seine Freunde die Traditionsgaststätte nach einem kurzen Spaziergang erreicht und die alte Holztür knarzend geöffnet. Zwar ist es Fetti gewöhnt, dass Menschen nicht gerade in Jubelstürme verfallen, wenn ein Schwein in die Gaststätte eintritt, aber so etwas wie in Pforzheim hat auch er noch nicht erleben müssen. Da steht doch glatt der Wirt in einem roten T-Shirt eines fernöstlichen Kampfsportclubs hinter dem Tresen und bricht angesichts der drei eintretenden Gäste zusammen. „Guten Abend, setzen Sie sich, machen Sie es sich bequem, Herzlich Willkommen“, sagt er
nicht, sondern: „Ich hasse mein Leben“, „Es ist doch zum Kotzen!“, „Die Wette hätte ich gewonnen!“, „Den ganzen scheiß Tag lang kommt keiner und wenn ich die Küche gerade sauber hab, kommen die“ und begleitet von einem lebensbejahenden „Ich schieß mir ein Loch in den Kopf!“ werden uns die Speisekarten auf den Tisch geknallt.

In diesem Heim fühlt sich Fetti nicht so recht erwünscht und so bietet er dem konstant fluchenden kellnernden Wirt mehrmals an, auch andernorts speisen zu können, sollte er hier über die Maße stören. Doch Fetti und seine Freunde dürfen bleiben und werden nur noch eine knappe Viertelstunde lang beschimpft, was sie aus dem rauen Berliner Alltag ohnehin gewohnt sind. Im Anschluss kann man wirklich gute Schnitzel mit Bratkartoffeln und passablen Wurstsalat genießen. Der Wirt, womöglich beeindruckt von den Berliner Soft-Skills, sich als Gast, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, bepöbeln lassen zu können, ist mittlerweile auch in einen anderen Modus übergegangen. Längst sitzt er bei uns am Tisch, trinkt ein „Ketterer“ in unserer Gesellschaft, klagt uns sein Leid über das harte Leben in der Gastronomie, erzählt Geschichten aus der bewegten Vergangenheit des „Benckiser Hof“ und ist schwer begeistert darüber, dass wir wegen des Fußballspiels von Berlin nach Pforzheim gekommen sind. Er ist schließlich nicht nur Fußballfan (früher beim KSC unterwegs – da hätte es bestimmt noch die eine oder andere Geschichte über Hauereien aus den 80ern zu hören gegeben…), sondern auch Sponsor des 1.CfR in der Stadionzeitung und so wird er dem Präsidenten des Clubs im Rahmen des nächsten Heimspiels herzliche Grüße von uns ausrichten können. Am Ende des launigen Abends darf sich „Nadjuschka“ mit Einverständnis des Wirts einen neuen Regenschirm aus dem recht umfangreichen Sortiment an vergessenen Schätzen im Schirmständer aussuchen und zum Abschied erhalten wir ein Wegbier. Bevor der Wirt endlich die Pforte zu seiner Gaststätte für heute final abschließen kann, schreit er uns noch ein „Die Berliner in Pforzheim. Ich fass es nicht. Ich fass es nicht. Die Unioner, hey, herrlich. Meldet Euch, wenn Ihr wieder in der Gegend seid!“ durch das spätabendliche Pforzheim hinterher. So ist das eben. FUDU kommt als Feind und geht als Freund. Klar, dass da schon die nächste Heimleitung auf der Matte steht, um Fetti endlich kennenlernen zu dürfen.

Heim 03: Mannheim

Im „Aposto“ zu Pforzheim gibt es zum Frühstück Kaffee, Bier und eine kulturlose Ausgeburt aus der Crossover-Hölle in Gewand von „Bruschetta Americano“. Dennoch freut sich Fetti über etwas Speck, Zwiebeln und Käse im Magen, ehe es auf die kurze Überfahrt nach Karlsruhe geht. In Karlsruhe ist die Zeit des Umstiegs etwas knapp bemessen, also eilt FUDU schnellen Fußes durch den Bahnhofstunnel hinauf auf den richtigen Bahnsteig, setzt noch einmal zu einem beherzten Sprint an und kann noch gerade eben so rechtzeitig in den ICE springen.

Der Zug setzt sich in Bewegung und mit ihm auch der kleine ICE auf dem Monitor über unseren Köpfen. Jetzt erst einmal durchschnaufen. Ähm, warte mal – aus irgendeinem Grund bewegt sich dieser ICE auf der Landkarte unaufhörlich in Richtung Freiburg. Noch während die Hoffnungen darauf ruhen, der Bildschirm möge eine falsche Route anzeigen, folgt eine Gewissheit bringende Durchsage. Nächster Halt: Offenburg. Mein Gott, Fetti. Wie orientierungslos kann man sein, dass man sogar in einen falschen Zug einsteigt? Konnte ja keiner ahnen, dass es so schlimm um dich bestellt ist…

Nur wenige Augenblicke später trifft eine junge, attraktive Zugbegleiterin auf drei hängende Köpfe und eine dumme Sau, die sich keiner Schuld bewusst ist. Schnell findet sie ein paar tröstende Worte in einem charmanten Smalltalk – klar, dass sich unser Reiseleiter da plötzlich in einem waschechten Flirt wähnt. Womöglich in vollkommener Verkennung der Realität fühlt es sich für ihn zumindest so an, als hätte sie im Zuge des Gesprächs aus bloßer Sympathie darauf verzichtet, uns Geld für eine Fahrkarte von Karlsruhe nach Offenburg abzuknöpfen und stattdessen entschlossen, uns unsere mitgeführte Fahrkarte nach Mannheim eben auch via Offenburg gültig zu schreiben. „Ihr seid schließlich schon gestraft genug“ sagt sie und meint hiermit höchstwahrscheinlich Fetti, den man halt so mit durchs Leben schleppen muss. Außerdem gibt sie uns für die Rück- bzw. Weiterfahrt nach Mannheim („Welche Route ihr nehmt, müsst ihr dann aber selbst entscheiden!“) noch einen wichtigen Taschenspielertrick mit auf den Weg. „Wenn der Kollege fragt, was Euch passiert ist und warum Eure Zugbindung aufgehoben wurde, sagt auf keinen Fall, dass ihr aus Versehen in den falschen Zug eingestiegen seid. Sagt, dass die Anzeige am Bahnhof falsch war – dann kann es keine unnötigen Diskussionen geben!“. Ach, das ist mein Mädchen <3!

In Offenburg angekommen, nimmt „Nadjuschka“ die undankbare Aufgabe an, den bereits in Mannheim wartenden „Jay Göppingen“ über unseren Fauxpas zu informieren und unsere neue erwartete Ankunftszeit kleinlaut mitzuteilen. 15.34 Uhr – und somit exakt vier Minuten nach Anpfiff des ewig jungen Verbandsligaschlagers Mannheim-Eppingen, welchen wir bereits in der Hinrunde live miterleben durften.

Klar, dass die Wartezeit auf den ICE nach Mannheim unter diesen Umständen nicht von all zu guter Laune bestimmt ist, doch erst der Umstand, dass 2/3 der Reisegruppe sogar deutliches Desinteresse an Bier aus dem benachbarten Dönerfachgeschäft kundtun, bringt an den Tag, wie ernst die Lage wirklich ist. Der ältere Herr von Gegenüber sammelt derweil fortwährend Zeitungspapier aus den Mülleimern, faltet dieses akkurat zusammen, verstaut es in einer großen Tasche, holt es wieder heraus, faltet es erneut auseinander und wieder zusammen. Immer und immer wieder. Zwischendurch setzt er sich die Brille auf und wieder ab, reinigt diese, setzt sie sich wieder auf und wieder ab. Immer und immer wieder. Am Ende dieser zwanghaften Kette steht er auf und begibt sich exakt drei Meter in Richtung Bäckerei, um dann wieder umzudrehen und von vorne anzufangen. „Serious Issues“, konstatiert der „Hoollege“, der diesem Schauspiel in Anbetracht der Gesamtlage insgesamt aber nur wenig abgewinnen kann. Als unser Zug 30 Minuten später endlich dieses Offenburg verlässt, hat der Papierfalter jedenfalls noch immer keine Schrippe käuflich erworben.

„Die Weiterfahrt nach Mannheim verzögert sich auf unbestimmte Zeit“, heißt es dann irgendwann kurz darauf auf offener Strecke. Es befinden sich Eichbäume im Gleis und Fetti hat schon längst keine Lust mehr auf dieses Heim. Kommt ihn ja keiner besuchen, wenn es so schwer zu erreichen ist…

Glücklicherweise kostet uns unser Freund der Baum nur zehn Minuten, sodass die Hoffnung, die komplette zweite Hälfte sehen zu können, noch gerade eben so am Leben bleibt. Da der Zugbegleiter nach erfolgter Abfahrt des Zuges jedoch soeben wortwörtlich durchgesagt hat, dass die „Störung voraussichtlich behoben ist“, könnte das mit dem am Leben bleiben aber auch ein Spaß mit kurzer Halbwertzeit werden. Naja, fahren wir erst einmal los – werden wir ja merken, ob da noch ein Baum auf den Gleisen liegt.

Nach 32 Minuten bringt Abdelrahman Mohamed den VfR Mannheim mit 1:0 in Führung, was wir der Liveübertragung auf „sporttotal.tv“ entnehmen können. Den Baum haben sie offenbar in der Zwischenzeit wegräumen können, anders ist es nicht zu erklären, dass wir gegen 15.50 Uhr unversehrt am Mannheimer Hauptbahnhof einrollen. „Jay“ steht mit dem Auto bereit und in Windeseile düsen wir in Richtung Stadion, ehe Fetti weitere kostbare Minuten im Kampf mit einem saudummen Porkscheinautomaten und mit der Suche nach dem Stadioneingang verplempert. Um 16.15 Uhr haben wir dann – ohne Zahlung eines Eintrittsgeldes – tatsächlich die alten Traversen des „Rhein-Neckar-Stadion“ erreicht und freuen uns auf ungefähr 30 Minuten Fußball. Na, das war ja einfach.

Die Spielstätte versprüht mit den alten Stehrängen, der überdachten Haupttribüne, den Holzbänken neben dieser Tribüne und dem Blick auf den Fernsehturm schnell einen gewissen Charme. Eine Schautafel verweist auf die errungene Meisterschaft im Jahre 1949, die ihren Platz in den Fußballgeschichtsbüchern auch dadurch sicher hat, da in dieser Saison erstmals die Meisterschale für den Sieger ausgegeben wurde. Es sieht alles in allem danach aus, als müsste man sich für diese Spielstätte irgendwann einmal noch etwas mehr Zeit nehmen…

Auf dem grünen Rasen dreht der Mann mit Kopfverband, Tobias Zakel, innerhalb von drei Minuten das Spiel. Lautstark von 50 mitgereisten Eppinger Anhängern bejubelt, die einen größeren Lärm verursachen als seinerzeit im „Hugo-Koch-Stadion“, trifft er in der 82. per Elfmeter, um in der 85 Minute mit seinem sechsten Saisontreffer nachzulegen. Wer weiß, wie die ganze Sache damals ausgegangen wäre, hätte Zakel auch in der Hinrunde im Kader gestanden…

Wir lassen unseren Mannheim-Aufenthalt im „China Palast“ an der Theodor-Heuss-Anlage ausklingen. Für 17,90 € kann man sich hier an einem Buffet den Wanst vollschlagen oder sich etwas günstigeres á la Carte bestellen und sich dann von den Buffetgängern Scampi & Co auf den Teller schmarotzen lassen. Das Ganze wird dann elegant mit einem chinesischen Schnaps abgerundet und schon ist klar, dass vor der Rückfahrt leider keine Zeit mehr auf der Uhr verbleibt, um im „Murphy’s Law“ einkehren und den St. Patrick’s Day feiern zu können.

Rund um das Hinspiel der heutigen Begegnung waren der „Hoollege“ und meine Wenigkeit zuletzt Gast dieses feinen Etablissements und haben zu diesem feierlichen Anlass ein Trinkspiel ausgebrütet. Während wir nur in Ruhe Fußball schauen wollten, hatte sich in unserem Rücken ein bunt zusammengewürfelter Haufen Student*innen aus aller Herren Käffer versammelt, um sich vor Beginn des Wintersemesters gemeinsam die Aussicht auf sieben Semester Kurpfalz schön saufen zu können. Knapp 15 Menschen sitzen am Tisch, eine redet, der Rest hört mehr oder weniger genervt zu, einige gehen irgendwann, andere halten tapfer bis zum Ende durch. Die Frau mit der durchdringenden Stimme ist Fränkin und „Grrrrrrrrroundhopperrin“ und erzählt langweilige Geschichten über Fußball und Reisen. ‚Mein Gott, das will doch keiner hören, schreib halt ein Blog‘, wird sich die eine oder andere Kommilitonin in spe womöglich gedacht haben, während wir bereits dazu übergangen sind, ein jedes Mal anzustoßen, sobald die junge Dame das Wort „mega“ gebraucht. Und Freunde, vor der Rückfahrt nach Berlin waren wir definitiv mega besoffen…

Heute geht im ICE alles etwas gediegener zu. Fetti hat es sich in seinem Körbchen gemütlich gemacht und träumt nach diesem Wochenende voller Pleiten, Pech und Pannen wohl von der schönsten Frau des Emslands (Miss Lingen), vielleicht aber auch von der fränkischen Hopper-Polizei, mit der man ausdiskutieren müsste, ob irgendwas zwischen 33 und 45 (Minuten Fußball) ausreicht, um sein eisernes Kreuz im Groundhopping-Informer hinter dem „Rhein-Neckar-Stadion“ machen zu dürfen. Und irgendwie sieht er ja doch ganz niedlich aus, wie er so da liegt. Plötzlich ist allen klar: kein Heim der Welt ist gut genug für Fetti! Und so wird sich die Unterschichtenbande auch in den nächsten Jahren auf all ihren Wegen liebevoll um das arme Schwein kümmern… /hvg

* viele Grüße in das Stahlwerk nach Bietigheim und Danke für die Zuarbeit. Schön, dass wir in wirklich jedem noch so abgelegenen Krisengebiet Außenreporter sitzen haben!

 

10.03.2019 Γυμναστικός Σύλλογος Απόλλων Σμύρνης – Όμιλος Φιλάθλων Ηρακλείου 0:0 (0:0) / Γήπεδο Ριζούπολη / 505 Zs.

Meine Nacht in der Flüchtlingsunterkunft wird um 8.00 Uhr jäh unterbrochen. Auf dem Fünften hat sich eine wilde Feiermeute versammelt, traditionelle Musik dröhnt durch die Flure und farbenfrohe Gewänder werden präsentiert. Nur kurz überlege ich, an dieser Pakiparty teilzunehmen, ziehe es dann aber doch vor, mich in mein begehbares Bidet zurückzuziehen. Ich öffne die Tür – und eine erste Flutwelle schwappt mir entgegen. Der Nachteil an dem Abfluss inmitten des Raumes scheint offenbar darin zu liegen, dass einem die Suppe aus den anderen Etagen im eigenen Badezimmer hochkommen kann. Ich reagiere geistesgegenwärtig, ziehe meine Schuhe an und wate knöcheltief durch die Abflusspfütze, um meine Morgenroutine erledigen zu können. Angesichts der Umstände verzichte ich dankend auf eine Dusche und halte fest: besser als mit diesem Zimmer kann man sich nicht auf griechischen Abstiegskampf vorbereiten…

Im „The Old Omonia“ wird dann auch der Rest der Bande bei Beer&Breakfast auf das eingeschworen, was heute auf uns zukommen wird. Απόλλων Σμύρνης (Apollon Smyrnis) ist Tabellenletzter und hat in bislang 23 Saisonspielen starke neun Punkte einfahren können. Die Gäste vom Όμιλος Φιλάθλων Ηρακλείου – oder kurz: „Ό.Φ.Η.“ (Verein der Sportfreunde von Iraklio, daheim als ‚OFI Kreta‘ bekannt) – befinden sich genau einen Tabellenrang vor ihren heutigen Kontrahenten, haben aber immerhin doppelt so viele Punkte auf der Habenseite und die Nichtabstiegsränge sieben Spiele vor Saisonende noch nicht gänzlich aus den Augen verloren. Der kurze Innenstadtbummel im Anschluss des Frühstücks weckt alte Erinnerungen, die ich 2010 an Ort und Stelle gesammelt habe. Seitdem sind folgende Begriffe im Zusammenhang mit der griechischen Metropole bei mir abgespeichert: voll, laut, chaotisch, stressig, stickig, Beton. Glücklicherweise sehen das meine beiden Mitreisenden ähnlich und so lassen wir den Trubel rund um einen Straßenflohmarkt, das hektische Treiben auf dem Πλατεία Μοναστηράκι (Monastiraki-Platz), die verkleideten griechischen Faschingskinder sowie die traditionellen Festivitäten der bulgarischen Minderheit in der Stadt recht schnell hinter uns und entscheiden, bereits überaus rechtzeitig in Richtung Ριζούπολη (Rizoupoli) aufzubrechen.

Mit der Metrolinie 1 ist der Bahnhof Στ.Περισσός (Perissos) in nur 16 Minuten erreicht. Seit 1948 ist Απόλλων in diesem Stadtteil zu Hause, blickt aber auf eine weitaus längere Vergangenheit zurück. 1891 in Smyrna (das heutige Izmir auf türkischem Staatsgebiet) gegründet, zog man nach dem ersten Weltkrieg im Jahre 1922 nach Athen und musste dort nach gut 25 Jahren seine erste neue Heimat wieder aufgeben, ehe man in Ριζούπολη heimisch wurde. Wir stromern ein wenig durch den Kiez, in dem die kommunistische Partei Griechenlands (KKE) ihren Sitz hat, bewundern Bauruinen und eine durchaus nicht zu verachtende Dichte an Straßenkunstwerken. Selbstverständlich drehen wir auch eine erste Runde um das Stadion, welches malerisch zwischen Friedhof, Bahntrasse und Hauptverkehrsstraße eingebettet ist. Das Στάδιο Ριζούπολη (Stadio Rizoupoli), welches mittlerweile offiziell den Beinamen Γεώργιος Καμάρας (Georgios Kamaras) trägt und so seit den frühen 2000er Jahren an eine Vereinslegende erinnert, erweckt von Außen einen charmant gammeligen Eindruck, jedoch wurde das an drei Seiten hufeisenförmig ausgebaute Stadion im Jahr 2002 mit viel Aufwand renoviert und modernisiert. Ολυμπιακός (Olympiakos aus Piräus) hatte damals aufgrund der Bauarbeiten am eigenen Stadion eine Ausweichspielstätte benennen und diese wegen der Teilnahme an der Champions-League nach internationalen Richtlinien auf Vordermann bringen müssen. So wurde die Haupttribüne mit einem Dach versehen, eine Flutlichtanlage errichtet und alle Tribünen mit 14.200 neuen Sitzschalen versehen – der alte marode Stehplatzcharme ist verschwunden, aber für Απόλλων eine vorzeigbare Heimat erhalten geblieben.

Wir kehren zur Überbrückung bis zum Spielbeginn im „Καφε Ζαχαροπλαστείο ΧΑΡΑ“ ein. Ein kleines unscheinbares Bistro an der Straße, eine kleine Terrasse davor, mit Blick auf eine Grünanlage und auf eine Mauer, auf der sich minderjährige Fußballfreunde von A.E.K., Ολυμπιακός und Παναθηναϊκός ganz offensichtlich mit Edding und Sprühdose austoben dürfen. Naja, aller Anfang ist schwer. Insgesamt also alles nicht der Rede wert, wäre da nicht dieser Wirt, der am Ende unseres Aufenthalts und nach dem Konsum von drei Espresso Freddo und drei Bier die Rechnung freiwillig abrundet und sich mit Händen und Füßen gegen ein minimales Trinkgeld wehrt. Als er herausfindet, dass wir wegen des Fußballspiels in Ριζούπολη zu Gast sind und auch noch einen Niederländer in unseren Reihen wissen, lässt er sich nicht lumpen und holt ein privates Photoalbum aus der Schatulle. Schaut mal, 1986 war ich mit Ολυμπιακός im Pokal der Pokalsieger auswärts beim AFC Ajax! Das Endergebnis in Höhe von 4:0 für die Niederländer verschweigt er uns zwar ebenso wie die Torschützen Bosman, Rijkaard, van Basten und Muhren, aber dennoch ist wieder einmal klar geworden, warum man Griechenland einfach lieben muss. Überall rühmt man sich mit Gastfreundschaft und Herzlichkeit, aber hier kann man diese Lebenseinstellung wahrhaftig spüren.

20 Minuten vor Anpfiff kehren wir zurück zum Stadion. Ein Kassenhäuschen steht in der gleißenden Sonne, nicht all zu stark von Kundschaft frequentiert. Für insgesamt 30 € erhalten wir drei Tickets, ohne dass hinter der Scheibe irgendwer auch nur den Ansatz eines Zweifels kommuniziert. Auch der Einlass geht für mich und den bärtigen Bruder zunächst problemlos vonstatten, ehe Günter Hermann von den Ordnern angehalten wird und erste skeptische Fragen über sich ergehen lassen muss. Nichtsdestotrotz gelingt es am Ende auch dem letzten FUDU-Schwein, die Sicherheitsschleuse zu passieren und einen ersten Blick in die Spielstätte zu werfen. Verdammt, irgendetwas stimmt hier nicht. So langsam dämmert es uns, dass wir uns aus Versehen Karten für den Gästeblock gekauft haben. So lustig es auch ist, dass die Ordner die zum Teil ungewaschenen und langhaarigen Bärtigen ohne mit der Wimper zu zucken als Kreter durchgewunken haben und erst beim adrett gestriegelten Günter Hermann stutzig geworden sind – und damit mehr Rassismus an den Tag gelegt haben, als ich es mich als deutscher Schreiberling je getraut hätte – so richtig gehören wir hier doch nicht hin. Und so kehren wir wie geprügelte Hunde zurück zu den Ordnern und geben reumütig zu, dass uns beim Einkauf der Karten ein Irrtum unterlaufen ist.

Schnell ist ein englischsprachiger Kollege gefunden, der sich unserem Problem annimmt. Ein kurzer „Walkie-Talkie“ mit den Kollegen auf der Haupttribüne folgt und schnell ist klar, dass Fetti und seine Freunde hier nun überhaupt keinen irreversiblen Bock geschossen haben. Freundlich, wie die Griechen nun einmal sind, lässt man uns mit unseren Gästeblockkarten einfach auf die Haupttribüne wechseln, ohne dass wir einen entsprechenden Aufpreis zu zahlen haben. Mit diesem perfiden Trick haben wir die Pleitegriechen im Vorbeigehen noch eben um 5 € pro Penis geprellt und nehmen dann Platz in der ballernden Nachmittagssonne.

Die Gäste aus Kreta haben heute gut 200 Mann im Gästeblock versammelt und auch auf der Haupttribüne haben sich einige Menschen versammelt, die es mit den schwarz-weißen Insulanern halten. Da Kreta und Athen in etwa 400 Kilometer trennen, ist wohl davon auszugehen, dass sich auch einige Exil-Kreter darunter befinden mögen. Bei einer Gesamtzuschauerzahl von 505 darf man die zahlenmäßige Unterstützung für „Ό.Φ.Η.“ heute dennoch als stattlich bewerten.

Schiedsrichter Konstantinos Kotsanis eröffnet die Partie. Es spielt eine schwarz-weiße Mannschaft gegen eine blaue Mannschaft. In der 15. Minute scheitert der blaue Spieler mit der Nummer 79 nach einem Alleingang am Keeper und der abgewehrte Ball kann von dem lupfenden Mann mit der Nummer 55 nicht im Tor untergebracht werden. Die Reaktionen des Publikums sind etwas sonderbar, gehen doch gerade die Fans, die man eigentlich den Gästen aus Kreta zugeordnet hatte, auffällig aus dem Sattel, obwohl doch die ‚Blauen‘ diese Großchance versemmelt haben. Nach dem Sammeln weiterer Verdachtsmomente scheint dann alles darauf hinauszulaufen, dass hier beide Mannschaften mit vertauschten Vereinsfarben auflaufen, doch ein wenig Unsicherheit bleibt. Das nächste Mal werde ich mich jedenfalls nicht darüber amüsieren, wenn irgendein TV-Kommentator seine Berichterstattung damit beginnt, zu erklären, welches Team in welchen Farben von wo nach wo spielt. Heute hätte man diese grundsätzlich nicht ganz uninteressante Information tatsächlich gebrauchen können. Die Astralkörper von Günter und mir brutzeln in der Sonne, während der bärtige Bruder seinen blässlichen niederländischen Teint lieber im Schatten des Tribünendachs zu schützen gedenkt. Aus dem Schatten flattert nach 25 gespielten Minuten eine SMS bei uns ein, die zumindest darlegt, dass wir alle gleich doof sind. „Ich realisiere jetzt erst, dass die Weißen Apollon sind“, lautet die Hilfestellung von weiter oben, um das Spielgeschehen vollumfänglich begreifen zu können.

Mit diesen Detailinformationen lässt sich klar benennen, dass das in blau spielende Ό.Φ.Η. in der 29. Minute eine Doppelchance ungenutzt lässt. Giannoulis‘ Linksschuss aus 25 Metern wird im Strafraum leicht abgefälscht und landet am linken Pfosten, den Nachschuss setzt Souza Ferreyra an den rechten Pfosten. In Folge wächst der Druck der Gäste und spätestens, als Mihojević in der Nachspielzeit per Drop-Kick aus Nahdistanz an der Latte scheitert, wäre eine Führung mehr als nur verdient gewesen.

In der Halbzeitpause erhalten wir erneut Bier aus einem Geheimversteck für 2,50 €, während der Stadion-DJ mit seinem Musikgeschmack und der wunderbar-nostaglischen Knarzhymne vom Grammophon überzeugen kann. Günter Hermann gibt später zu Protokoll, dass auch „The Stranglers“ mit „Golden Brown“ ihren Platz in der Halbzeitshow gefunden haben. Die Textzeile „Every time, just like the last“ habe hierbei bereits darauf hingedeutet, was nach dem 0:0 am gestrigen Abend heute eventuell eintreten könnte…

Neben Hilal El-Helwe, den man aus Halle kennt, soll es auf Seiten der Gastgeber nun auch ein Geistlicher richten, der im langen schwarzen Mantel den frühlingshaften Temperaturen trotzt und der neben den Zuschauern in kurzen Hosen und T-Shirts ein ebenso absurdes Bild abgibt, wie die beiden Eierläufer in Reihe 1, die sich mit bunten Schirmhüten so gut blamieren, wie sie eben können. Bestimmt amerikanische Touristen.

Umgehend scheint die bloße Anwesenheit des orthodoxen Priesters zu helfen. Plötzlich wachen Mannschaft und Publikum auf, nehmen ihr Herz in beide Hände und besinnen sich darauf, was ‚Abstiegskampf‘ bedeutet. Nach 60 Minuten rutscht Nazilidis am zweiten Pfosten nur denkbar knapp an einer scharfen Hereingabe bzw. eines verunglückten Schusses von Bedinelli vorbei, aber das war es dann auch schon mit der Herrlichkeit. Im weiteren Verlauf des Spiels erfreuen wir uns daran, dass die Vögel zwitschern und Schmetterlinge durch die Arena fliegen, während die Gäste aus Kreta im Fünf-Minuten-Takt unorthodox Halbchancen vergeben. Neben dem hilfreichen göttlichen Beistand, verdient sich vor allen Dingen Heimkeeper Huanderson Bestnoten, landet aufgrund seines fortgeschrittenen Alters (35) jedoch auf keiner ernsthaften FUDU Scouting-Empfehlung. In der 80. Minute verlässt Christopher Braun, den man in erster Linie aus der Regionalliga Nord kennt, unter gellenden Buh-Rufen des bärtigen Bruders den Platz. So klein ist die Fußballwelt, da kann man wegen zwei Spielzeiten in Diensten von Fortuna Sittard schon einmal in einem griechischen Stadion ausgepfiffen werden, wenn man auf die falschen Leute trifft. So geht das zweite Spiel des Wochenendes also humorig, aber abermals mit einem 0:0 zu Ende, wobei sich die Spieler aus Kreta hierüber deutlich mehr grämen sollten. FUDU ist angesichts des schönen Stadions, des guten Wetters und des lebendigen Spiels mit diesem 0:0 der besseren Sorte allerdings recht zufrieden. Wenn man beim 1.FC Union Berlin bzw. bei Roda JC fußballsozialisiert wurde, bleibt man eben genügsam.

Für uns ist nach den Eindrücken der letzten 180 Minuten nunmehr klar, dass die Achillesferse des griechischen Fußballspiels in der Offensive zu suchen ist, was uns aber nicht all zu sehr verwundert. Wie sonst wäre es beispielsweise zu erklären, dass Thor die Zugehörigkeit zur griechischen Mythologie verwehrt worden ist? Na, eben.

Trotzdem gibt es da auf einmal diesen Impuls des Niederländers, sein Glück noch ein drittes Mal zu versuchen. Um 18.30 empfängt Ολυμπιακός den Π.Α.Ε. Άρης (ARIS) aus Thessaloniki im Γήπεδο Γεώργιος Καραϊσκάκης (Stadion Georgios Karaiskakis). Obwohl ich den Ground im Jahre 2010 im Rahmen eines unvergesslichen Länderspiels zwischen Ἑλλάς (Griechenland) und ישראל (Israel) gekreuzt habe und auch Günter Herrmann bereits 2017 anlässlich des Europa-League-Qualifikationsspiels gegen den HNK Rijeka zu Gast war, begleiten wir unseren bärtigen Bruder hinaus nach Piräus.

Auf dem Stadionvorplatz angekommen, verbleibt nicht mehr viel Zeit bis zum Anpfiff, aber gerade noch genügend, um der dänischen Damengruppe der Sektion Minirock zwei-drei Blicke zuwenden zu können. Heppa, es ist Frühling! Die Länge der Schlange am Tickethäuschen weckt wenig Hoffnung, pünktlich zum Spielbeginn im Stadion sein zu können. Wir stellen uns nichtsdestotrotz erst einmal an und schicken den bärtigen Bruder vor, um Informationen einzuholen. Leider behält Günter Recht und für den Einkauf einer Tageskarte wird der geneigte Stadionbesucher gebeten, all seine Daten preiszugeben und sich registrieren zu lassen. Nur wer bereit ist, sich in einer weiteren Schlange einzureihen und gegen einen Aufpreis in Höhe von 10 € eine Plastikkarte an sich zu nehmen, darf sich danach dann gerne wieder gegenüber anstellen. Als Günter auch noch erfährt, dass seine Registrierung von 2017 wegen eines „neuen Systems“ mittlerweile ungültig geworden ist und er noch einmal zur Kasse gebeten würde, haben bereits 2/3 der Reisegruppe keine Lust mehr auf das Spiel.

Günter und ich streichen die Segel, während unser Niederländer unter Beweis stellt, dass er eindeutig den längsten Athen hat. Der Lohn für dieses Durchhaltevermögen: 19.172 Zuschauer, fünf Tore (4:1) und eine Teilnahme am fußballerischen Highlight des Wochenendes in unserer Abwesenheit. Gefeliciteerd!

Irgendwann abends treffen wir in einem kleinen Fischrestaurant wieder aufeinander. Während Günter und ich schon in irgendeiner Fleischimbissbude der Stadt zugeschlagen haben, lässt sich der bärtige Bruder nun gedämpfte Huscheln schmecken. Bei Bier und Ouzo lassen wir unseren Griechenland-Ausflug ausklingen, ehe es am Montagmorgen per Direktflug zur Arbeitsstelle gehen wird.

Am Montagmorgen fällt mir auf, dass ich noch kein Ticket für den Rückflug besitze. Aus meinem Plan, es mir einfach im Hotel ausdrucken zu lassen, ist in den vergangenen Tagen leider nichts geworden. An dieser Rezeption hätte man vermutlich größere Chancen gehabt, gefälschte Aufenthaltsgenehmigungen zu erhalten oder sich schwarz ein bisschen Taschengeld zu verdienen. Da mein Handy nicht ganz dem aktuellen technischen Standard entspricht, kann ich das Ticket leider nicht in die App laden, sondern nur als PDF speichern. Auf dem Weg zum Flughafen lädt mein bärtiger Bruder meine Bordkarte zu meiner Beruhigung dankenswerterweise zusätzlich in seine App, auch wenn er mir noch nicht so recht glauben mag, dass es ein Problem darstellt, wenn man sein Ticket nur als Datei, nicht aber in der App vorliegen hat. Auf dem Flughafen muss man dann natürlich derart viele Sicherheitsschleusen passieren, wie noch an keinem anderen Flughafen zuvor. Gefühlt alle 15 Meter warten Glastüren darauf, per Scan des Tickets geöffnet zu werden und natürlich lassen sich alle fünf errichteten Hürden bis zur Ankunft am Gate problemlos mit dem PDF-Ticket öffnen, weil da nun einmal der gottverdammte Code genauso drauf zu erkennen ist, wie auf der App. Trotzdem kommt es so, wie es kommen musste und am Gate nach Berlin funktioniert dann der letzte Scan plötzlich nicht mehr. Die freundliche Dame in Diensten des Inkassounternehmens irischer Abstammung weist mich darauf hin, dass das Ticket so nicht gültig ist und ich mir für 25 £ eines ausdrucken lassen müsste.

Während ich mir die Holzklasse mit irgendwelchen bunten Einhörnern teilen muss, fliegt der Ausländer natürlich „Priority“. So weit ham se uns schon. Und so komme ich nicht drumherum, den bärtigen Bruder aus seinem Ledersessel im Luxus-Wartebereich noch einmal heranzuwinken und ihn darum zu bitten, mir sein Handy in den abgetrennten Bereich des Pöbels zu reichen, damit ich meinen Boardingpass einscannen kann. Wenige Augenblicke später ist piepend geklärt, dass Reibach-Reiner bei FUDU auf Granit beißt und schon könnte der Flug nach Hause starten.

Wäre da nicht dieser eine jämmerlich zugerichtete Typ in vorderster Reihe. Ich weiß nicht, was man erleiden muss, um hinterher so auszusehen. Vielleicht mit dem Roller die Akropolis heruntergefallen, vielleicht im „Hotel Alma“ vom Gerüst gestürzt oder Bekanntschaft mit den olympischen Knüpppelkindern gemacht. Der Kerl ist jedenfalls so ziemlich das ekeligste, das ich seit Pierre-Michel Lassoga und seiner ölverschmierten Mutti gesehen habe und auch die Stewardess ist sich nicht so ganz sicher, ob man Freddy Krueger in dem Zustand jetzt unbedingt mitnehmen sollte. Seine Krankenhausentlassung liegt vor, ein Gutachten über seine Transportfähigkeit ebenso – und dennoch entscheidet am Ende der Pilot, der fachmännisch das vernarbte Gesicht des Fluggastes mustert, darüber, den guten Mann mitzunehmen. Der bärtige Bruder hat mich über all die Wartezeit aus dem hinteren Teil des Flugzeugs mit Textnachrichten zugeballert, mich auf „hübsche“ Frauen aufmerksam gemacht und dann darum gebeten, nicht so auffällig hin zu gucken. Ach, komm. Schalt mal in den Flugmodus jetzt, du bringst uns noch alle um! Kurz darauf hat er eh andere Sorgen, als klar wird, wer heute sein Sitznachbar sein wird. Es ist die aufgeplatzte Tüte Mettwurst auf zwei Beinen, die ihre offenen und suppenden Wunden im Verlauf der nächsten Stunden dann und wann verlegen am Oberarm des bärtigen Bruders abreiben wird. Ach, Körperkontakt ist doch was schönes!

Um 12.45 Uhr Ortszeit landen wir in Berlin-Schönefeld. Zur Arbeit komme ich planmäßig eine knappe Stunde zu spät. Ich freue mich schon jetzt auf meine Dusche nach Feierabend und auf den nächsten Low-Budget-Ausflug mit FUDU-Tours. Natürlich nur echt mit der goldenen Harfe! /hvg

09.03.2019 Αθλητική Ένωση Κωνσταντινουπόλεως – Παναθηναϊκός 0:0 (0:0) / Κεντρικό Ολυμπιακό Στάδιο / 10.145 Zs.

Am Freitagmittag erhalte ich eine erste Nachricht aus Αθηνά (Athina). FUDUs bärtiger Bruder ist bereits in der griechischen Hauptstadt eingetroffen und hat im Fanshop von A.E.K. erfahren, dass es Tickets für das große Derby morgen nur an den Stadionkassen käuflich zu erwerben geben wird. Der „Head of Communication“ des A.E.K. zeigt sich mir gegenüber eher wenig kommunikativ und verzichtet weiterhin auf die Beantwortung meiner E-Mail, in der ich mich nach Eintrittskarten erkundigt hatte und auch der Online-Vorverkauf scheiterte an der Eingabe griechischer Berufsbezeichnungen und irgendwelcher Kennnummern. So also reisen drei FUDU-Mitglieder zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedlichen Wegen, aber mit dem gemeinsamen Problem, keine Eintrittskarten für das Spiel zu besitzen, an. Da das Stadion jedoch an die 70.000 Zuschauer fasst und der Status für alle Tribünen nach wie vor mit „grün“ gekennzeichnet wird, hält sich unsere Anspannung trotzdem in Grenzen.

Günter Hermann hat bei Buchung seiner Flüge wieder einmal die Option „so indirekt wie möglich“ gewählt und ist bereits seit Donnerstag via Malta, Roma und Napoli auf dem Weg nach Hellas, während unsereins noch in der Kälte Kackelands ausharren muss. Es gibt nun einmal immer wieder wichtige Termine, die sich nicht verschieben lassen. Um 20.18 Uhr beendet Schiedsrichter Kampka das Freitagabendspiel in Coepenick. Der 1.FC Union Berlin hat den FC Ingolstadt 04 mit 2:0 in die Knie gezwungen und stürmt über Nacht auf den zweiten Tabellenrang vor. Für mich sind nun endlich alle Voraussetzungen für einen Familiennachzug erfüllt und so bleiben nur noch wenige Stunden auf der Uhr, bis auch mein Flieger den Weg ins gelobte Griechenland antreten wird.

Am Samstag um 5.30 Uhr ist es dann endlich soweit und beim irischen Kollegen Reibach-Reiner klingelt in der Warteschlange am Gate so richtig die Kasse. Grund hierfür sind etliche griechische Fluggäste, die die neuen Handgepäcksbestimmungen des sympathischen Billigfliegers noch nicht gelesen haben und nun auf Anweisung des Bodenpersonals ihre verdächtig großen Rucksäcke in die Box mit den Normwerten quetschen müssen. Jeder dritte in der Non-Priority-Schlange wird so zur Nachzahlung gebeten und bei 50 € pro Rucksack kommt dann doch einiges an Umsatz zusammen. Es ist davon auszugehen, dass die „Low-Cost-Airline“ demnächst „nur echt mit der goldenen Harfe“ fliegen wird.

Ich betrete um kurz nach Sechs als einer der letzten Passagiere die Maschine. Neben mir sitzt eine aufgetakelte überbordend Fröhliche in furchtbar originellem Einhornkostüm mit buntem Schwanz. Gar nicht mal so witzig, denke ich mir, als sie unbewusst kooperativ zur Lösung des Problems beiträgt. Ob ich mit ihrer Freundin den Sitzplatz tauschen würde, damit die beiden nebeneinander sitzen könnten. Drei Reihen vor uns sitzt ein aufgeregt winkendes buntes Einhorn und ich kann mir nicht verkneifen, meine Sitznachbarin zu fragen, auf welchem Platz ich ihre Freundin denn finden und woran ich sie erkennen würde. „Sieht man doch“, antwortet sie. Humor hat sie also auch keinen. Da kannste Deinen Drecksjunggesellinenabschied nach Griechenland verlegen, wie Du willst. Merk ick trotzdem sofort, dass ihr nicht die allerhellasten seid…

Um 10.30 Uhr betrete ich griechischen Boden. Schnell hat man sich am Flughafen Ελευθέριος Βενιζέλος (Eleftherios Venizelos) orientiert, die Metro gefunden und dank eines sehr kundenorientierten Verkaufsgesprächs für nur 22 € ein bis Dienstag gültiges Nahverkehrsticket gekauft. Nutzbar in allen Bahnen und Bussen der Stadt und eben auch für den Rückweg zum Flughafen am Montagmorgen. Da allein die Wegstrecken Flughafen-Stadt und Stadt-Flughafen 20 € gekostet hätten, nehme ich den Tipp, trotz des lediglich 48 stündigen Aufenthalts in der Stadt einfach ein 72 Stunden Ticket zu kaufen, dankbar an.

Günter hat mir in der Zwischenzeit mitgeteilt, dass sich unser Hotel im Herzen der Stadt am Πλατεία Ομονοίας (Omonia-Platz) befindet und ansonsten keinerlei Worte über unsere Unterkunft verloren. Etwas verwundert mich dieser Umstand schon, als ich um 11.30 Uhr die Lobby des „Hotel Alma“ betrete. Hinter dem schäbigen Schreibtisch im Empfangsraum sitzt heute jedenfalls niemand, es dröhnt Baulärm durch den Flur und überall sind Werkzeuge und mit Schutt gefüllte Eimer dekorativ in der Gegend platziert. Handwerker verschwinden in einem Hinterzimmer und kehren wenig später eingehüllt in neuerlichen Staubwolken und mit neuen Geröll-Bottichen in den Händen zurück, während sie sich lautstark mit ihren Kollegen unterhalten, die man zwar nicht sehen, aber ebenfalls hören kann. Vor der Tür lungern zwielichtige Gestalten auf kaputten Sitzgelegenheiten herum. Mit Gästen hat hier offenbar niemand gerechnet, von Günter fehlt jede Spur und schon jetzt kann man konstatieren, dass der bärtige Bruder den richtigen Riecher hatte. Der feine Herr hatte sich angesichts der 20,50 € pro Nacht in dieser Lage doch tatsächlich die Bewertungen dieser Unterkunft auf dem Buchungsportal durchgelesen und bereits im Vorfeld einen Rückzieher gemacht. So entschied sich DJ BoBo lieber für eine Buchung einer „Airbnb“-Unterkunft am Πλατεία Μοναστηράκι (Monastiraki-Platz) und muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, seinen kleinen Beitrag an der Zerstörung des lokalen Wohnungsmarktes geleistet zu haben.

Ich kehre mangels Optionen (Wollte ich schon immer mal hier unterbringen. Wem habe ich noch nicht erklärt, dass es keine ‚Alternativen‘ geben kann, weil der Begriff ‚Alternative‘ der Wortherkunft nach immer die Wahl zwischen exakt zwei sich ausschließenden Möglichkeiten darstellt?) im „The Old Omonia“ direkt vor unserer Haustür ein und hoffe darauf, dass der bärtige Bruder bei seinem Aufstieg der η Ακρόπολη της Αθήνας (die Oberstadt Athens – oder eben verknappt formuliert: die Akropolis) auf den einen oder anderen Moralapostel treffen wird. Der griechische Kaffee ist in der Sonne schnell geleert und die Entscheidung gefallen, souverän zum Bierkonsum überzugehen. Fetti schwingt sich zum Alphamännchen auf und irgendwann erbarmt sich auch der nun ausgeschlafene Günter aus der benachbarten Schutthalde hinunter ins Lokal. Zum Frühstück lasse ich mir den Καρπενήσι (Karpenissi) Grillteller munden und nach einem zweiten Bier fühle ich mich bestens gewappnet für den zweiten Check-In-Versuch.

Dieses Mal habe ich mehr Erfolg und kämpfe mich kurz darauf durch das Treppenhaus hinauf in den sechsten Stock, da ich dem Fahrstuhl nicht traue. Auf den Fluren der Etagen gammeln große Gruppen alleinreisender junger Männer, überall bröselt der Putz, alles ist vermüllt und verschmutzt und fertig ist die Schlussfolgerung, dass dem „Hotel Alma“ an der einen oder anderen Stelle etwas „ATA“ gut täte. Irgendwann ist mein Zimmer erreicht und bezogen, schnell habe ich den ersten Käfer gefangen und die sensationelle Nasszelle zu Ende bestaunt. In der Duschkabine, die die Größe einer Besenkammer hat, hat ein pfiffiger griechischer Sanitärfachmann einfach noch eine Toilettenschüssel verbaut. Das wird morgen Zeit sparen, wenn man sich während der Morgentoilette direkt abduschen kann. Ein begehbares Bidet, quasi. Ich freue mich bereits jetzt über derart viel Exklusivität und auf die bevorstehende Übernachtung in der Flüchtlingsunterkunft, aber nun gilt es erst einmal, die einzelnen Truppenteile FUDUs zusammenzufügen und etwas Fußball zu gucken.

Als wir den Bahnhof „Στ.Ειρηνησ“ (Eirinis) erreicht haben, steht bereits ein Empfangskommando für uns bereit. Vier Halbstarke, vermummt mit Skimasken und bewaffnet mit Teleskopstangen aus Plastik, mustern uns argwöhnisch. Auswärtsfans sind heute eh nicht zugelassen, von daher kann man sich schon wundern, welchen Zweck die Präsenz dieser martialisch verkleideten Hooligan-Blagen verfolgen soll. Als die U-Bahn den Bahnhof verlässt, kommt endlich auch das Werkzeug der lieben Kleinen zum Einsatz und so prügeln die vier Knüppelkinder auf die abfahrende Metro ein, als gäbe es keine Morgenröte mehr. Wen man jetzt genau damit erschrecken will, bleibt erst einmal offen.

Nur kurz darauf flaniert FUDU durch die Umgebung des Olympiastadions, welches 1982 eröffnet wurde und anlässlich der Sommerspiele 2004 modernisiert worden ist. Weiße Streben allenthalben und unendliche Weitläufigkeit bestimmen das Ambiente, welches nicht unbedingt durch Kneipendichte überzeugt. Knapp neun Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, ist eben leider nicht mehr viel an urbaner Struktur übrig geblieben, sodass sich FUDU schon sorgen muss, hier noch ein Bier vor Anpfiff auftreiben zu können. Zunächst gelingt allerdings der nicht ganz unerhebliche Einkauf einer Eintrittskarte. In einem unscheinbaren Containerbau mit vier kleinen Gucklöchern, erhalten wir die heiß begehrten Restkarten zu je 20 € von einer alten griechischen Kuchenmutti, ohne dass 90 Minuten vor Anpfiff auch nur irgendjemand sonst Interesse an einem Einkauf gezeigt hätte. Noch gerade eben hoch erfreut über die problemlose Transaktion, sinkt die Euphorie kurz darauf erheblich. Nur ein Guckloch weiter hätte uns „Miss Hellas“ erwartet, wie wir soeben feststellen müssen und beinahe möchte man die vier pubertären Knüppelkinder von eben noch einmal aufsuchen, sie an die Hand nehmen und ihnen altersweise mit auf den Weg geben, dass Loch eben doch nicht immer Loch ist.

Neben der Neubau-Geschäftsstelle des A.E.K. F.C. gibt es dann doch noch eine kleine Pinte namens „Matchpoint“, die bereit ist, den zu früh gekommenen Stadionbesucher zu empfangen. Bei zwei Runden „εζα“ verköstigen wir uns nicht nur durch das Sortiment einer uns bislang unbekannten griechischen Brauerei, sondern tun im Vorbeigehen auch noch etwas gutes und unterstützen einen Familienunternehmer im Kampf gegen die Großbrauereien. Hätten wir das gewusst, wären wir vielleicht noch für einen dritten Durchgang geblieben – so aber drängelt das Fußballspiel ein wenig, welches um 18.30 Uhr angepfiffen werden soll.

Die Αθλητική Ένωση Κωνσταντινουπόλεως (Athlitiki Enosi Konstantinoupoleos → ‚Sportvereinigung Konstantinopels‘) wurde rund um die Jahrhundertwende von aus dem osmanischen Reich vertriebenen Griechen, die sich dann in und um Athen niedergelassen hatten, gegründet. Klingt alles sehr spannend, aber wer sich für Geschichte interessiert, der kann’s ja studieren. Am 24. Spieltag bittet dieser Verein mit bewegter Historie jedenfalls zu einem vermeintlichen Heimspiel. Das Spiel findet genaugenommen nicht nur in der falschen Stadt, sondern auch im falschen Stadion statt. Die eigentliche Heimspielstätte des A.E.K. ist bei einem Erdbeben 1999 nämlich so schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sie 2003 abgerissen werden musste. Nach dem Abstieg aus der „Super League“ im Jahre 2013 musste A.E.K. dann Insolvenz anmelden und startete in der darauffolgenden Saison lediglich in der dritthöchsten „Football League 2“. Klar, dass da die Baupläne einer neuen Heimat an alter Stätte etwas auf Eis lagen, doch im Jahr 2017 wurde endlich mit dem Neubau des Stadions im Stadtteil Νέα Φιλαδέλφεια (Nea Filadelfia) begonnen, welches zur Saison 2020/21 fertiggestellt werden sein soll.

Heute begrüßt man als Tabellenvierter den Stadtrivalen von Παναθηναϊκός (Panathinaikos), der auf Rang 10 rangiert, im vollkommen überdimensionierten Olympiastadion. 10.145 Zuschauer sind gekommen, knapp 60.000 Plätze bleiben leer. Ein byzantinischer Doppelkopfadler erschreckt in Funktion eines Maskottchens die kleinsten unter den wenigen Zuschauern und ausgerechnet Tobias Welz soll als deutscher Schiedsrichter in diesem brisanten Duell für die denkbar größtmögliche Neutralität sorgen. Ein deutscher Bulle, der nebenbei dem Hobby der Schiedsrichterei frönt. Bestimmt en passant noch bei der Bundeswehr und auf der Ausländerbehörde tätig. Welz eine Freude, den hier zu sehen.

Die unentwegten in der A.E.K.-Kurve lassen es sich nicht nehmen, zur Eröffnung des Spiels ein dickes Intro zu zeigen und im gähnend leeren Stadion ein echtes Feuerwerk abzufackeln. Günter fachsimpelt über die Akteure auf dem Rasen und stellt vor allen Dingen die Akteure „Strichninsky“ und Macheda heraus. Während A.E.K.-Verteidiger Chygrynskyi vor neun Jahren für 25 Millionen € von Donezk nach Barcelona gewechselt war, ist Παναθηναϊκός-Kollege Federico Macheda bei Manchester United in etwa genauso gefloppt. Einst als Top-Talent aus der Jugend von Lazio losgeeist und später in 100 Himmelsrichtungen, u.a. nach Stuttgart, verliehen, verdient er nun 27-jährig sein Gnadenbrot in der griechischen gar nicht mal so „Super League“. Das Spiel dümpelt parallel zu diesen Geschichten aus der großen Fußballwelt belanglos vor sich her. Erst in der 24. Minute verzeichnet der Gast eine erste Torchance, doch landet der Lupfer von Mattias Johansson lediglich auf dem Tordach. Spektakulärer als das Spiel ist der fliegende Getränkeverkäufer, der mit einem roten Stapelbehälter, wie man ihn aus Bäckereien kennt, durch die Reihen läuft und Soft Drinks verkauft. Auf investigative Nachfrage weist die Brotkiste dann glücklicherweise aber einen doppelten Boden auf und nach all dem Sicherheitsquatsch hält man plötzlich eine Dose „AΛΦA“ in der Hand, die man aus fünfzehn Metern Entfernung zum Spielfeld dem Hr. Welz problemlos an den Hinterkopf werfen könnte und nur schweren Herzens darauf verzichtet, weil der Inhalt so gut schmeckt. Nach einem geschickten Schulterblick kann der fliegende Händler plötzlich auch eine Runde Ouzo aus einem weiteren Geheimversteck anbieten, während die erste Halbzeit mit Pfiffen aus dem Heimblock und einem verletzungsbedingten Wechsel von Chygrynskyi gegen Ćosić endet.

In der zweiten Halbzeit tragen einige Böllerwürfe aus dem Heimblock dazu bei, dass man hier nicht einschläft. Nach der zweiten Runde Bier sorgt der Spaziergang zur Toilette, die sich hier mehr oder weniger außerhalb des Stadions befindet, für kurzweilige Abwechslung. Auf dem Rasen setzt es nach gut einer Stunde immerhin die eine oder andere knackige Grätsche, doch mehr Leben mit Fußballbezug sucht man lange Zeit vergeblich. Erst in der 73. Minute gibt es die erste klare Torchance zu bestaunen, als Coulibaly einen A.E.K.-Schuss aus der zweiten Reihe nur denkbar knapp neben das eigene Tor abfälscht. In der 89. Minute lässt Stoßstürmer Ponce die einzige große Gelegenheit des zweiten Durchgangs liegen und scheitert mit einem guten Kopfball an Gäste-Keeper Dioudis, sodass das zutiefst langweilige Spiel mit 0:0 zu Ende geht.

Nach dem Spiel gönnt sich der fleischaffine Flügel FUDUs noch einen ziemlich fantastischen σουβλάκι (Souvláki) aus einer Imbissbude der Stadionumgebung und kehrt dann zurück in die Stadt. Die Suche nach einer Kneipe, die die Anforderungen FUDUs erfüllen kann, wird heute leider ergebnislos abgebrochen. Mein Tag hat um 3.30 Uhr begonnen, da kann man mir nach drei vollen Kneipen schon mal den Zahn ziehen, wenn man mir in der vierten, die endlich einen Platz bieten würde, „Erdinger“ und „Fischer’s Hell“ verkaufen mag. So entscheide ich: μαλάκα, ich geh schlafen!

Günter schließt sich dem Heimweg in Richtung Alma-Ata an und der bärtige Bruder lässt sich in seinem luxuriösen Loft nieder. Glücklicherweise finden wir auf dem Weg ins Hotel doch noch einen Späti, kaufen ein-zwei Absackerbier und Günter lädt mich großspurig in sein Zimmer ein. Zwei Stockwerke über meinem Zimmer beginnt dann offenbar das eigentliche Hotel, anders kann ich es mir nicht erklären, warum Günter ein echtes Bad, ein echtes Zimmer und sogar einen Balkon sein Eigen nennt und plötzlich erklärt es sich mir, dass ich keinerlei Vorwarnungen vor dem Check-In erhalten habe. Naja, wir haben es hier immerhin mit einem Weltmeister von 1990 zu tun. Ehre, wem Ehre gebührt und so lassen wir den ersten lauen griechischen Abend mit „Acht Eimer Hühnerherzen“ ausklingen. Du warst in Moskau und Miami, in Mailand, Tokio und Neu Delhi. Und wo war ich? In Eisenhüttenstadt. Und in ’ner Flüchtlingsunterkunft in Athina. So ’ne Scheiße! /hvg

 

02.03.2019 SC Weiche Flensburg von 1908 – SV Werder Bremen II 1:1 (0:0) / Manfred-Werner-Stadion / 922 Zs.

Das Wochenende beginnt am Freitagabend mit einem 2:0 Auswärtssieg beim Kieler SV Holstein. Felix Kroos und Sebastian Andersson sorgen mit ihren Toren dafür, dass es sich wieder einmal gelohnt hat, einen Tag Urlaub zu nehmen, um eine Stadt zu besuchen, die man eigentlich gar nicht sehen wollte. Um das Leid noch ein wenig zu vergrößern, gibt es nach Abpfiff natürlich auch keine Möglichkeit mehr, direkt nach Berlin zurückkehren zu können und so werden Fetti und seine Freunde nahezu dazu gezwungen, ihren Aufenthalt in Schleswig-Holstein um einen Tag zu verlängern und einen Pakt mit dem Hoppingteufel zu schließen. Ach, weiche von mir, Satan!

Im Bus vom „Holstein-Stadion“ in die Kieler Innenstadt erspähe ich eine mir unbekannte Auswärtsunionerin. Gerade will ich den „Fackelmann“ auf dieses attraktive Geschöpf aufmerksam machen, da dringt auch schon ein verloren geglaubter großer Bruder von „Uganda-Schorsch“ in unser Gespräch. Alkoholisiert wie ein russischer Elternabend, gut gelaunt wie vier fröhliche Rabauken und im Einklang mit der Welt wie Meister Yoga, möchte er mit uns sein Stadionerlebnis teilen. Als er nach dem vierten Mal Anstoßen merkt, dass er gerade etwas ungelegen kommt, lässt er im wunderbarsten Brösel-Slang einen Satz vom Stapel, der uns in den folgenden Stunden immer wieder einholen wird: „Oh, hattet ihr hier grad ’ne Situ-a-tion?“ So schön, dass wir im Anschluss dann doch wieder mit ihm ins Gespräch gehen und im Geiste Grüße nach Ostafrika schicken. Geben wir dir Brief und Siegel drauf, dass der zu Dir gehört!

Als wir den Bus verlassen und ich die Dame noch einmal aus der Nähe sehe, habe ich mich bereits verliebt. Familie Fackelmann trödelt beim Ausstieg ein wenig und zeigt dann absonderliche Verhaltensmuster, als wir die Holstenstraße entlang schlendern und sich plötzlich ein Partyzelt zu unserer Rechten auftut. Schnellanamnese: Drinnen alte betrunkene Menschen mit lustigen Hüten auf, bunte Girlanden um den Hals und irgendwas am Körper blinkt, draußen Hell’s-Angels-Türsteher. Mehr muss ich nicht wissen. Außer: Wo zur Hölle kommt jetzt ihr Impuls her, da mal rein gehen zu wollen? Es dauert jedenfalls gerade lange genug, die feierwütigen Fackelmanns von diesem Fehler abzuhalten, um die Liebe meines Lebens endgültig aus den Augen zu verlieren.

Wir schmieden neue Pläne. Der Abgleich unserer Interessen mit der Angebotslage der näheren Umgebung ergibt überraschend, dass wir Menschen sind, denen die „Kieler Brauerei am Alten Markt“ gefallen könnte. Kurz darauf betreten wir den hoffnungslos überfüllten Laden und sollen im Eingangsbereich Platz nehmen, um zu warten, bis ein Tisch freigeworden ist. Mein Blick fällt in den Gastraum und auf die Unionerin aus dem Bus, die ebenfalls hier eingekehrt ist. Also ich hätte Zeit, denke ich mir, doch da habe ich die Rechnung ohne den Musikgeschmack des Wirts gemacht. „Die eine, die immer lacht“ ist noch gerade eben so zu ertragen, aber als dann der fließende Übergang zu irgendeiner Helene-Fischer-Geschmacklosigkeit gelingt, ist klar, dass es das eben nun auch nicht wert ist. So deute ich den betrunkenen Werner-Charakter aus dem Bus, das Partyzelt der Förde(r)schüler und die Schlagerqualen einfach als göttliche Zeichen. Vielleicht wollte mich auch irgendeine höhere Macht vor einem Fehler bewahren. Aber bitte, Richard Martin hat Rücken und ich das Doppelzimmer im „Hotel City Kiel“ heute Nacht für mich alleine. Da hätten die Warnungen also auch bis morgen Zeit gehabt…

 

Morgen? Hah! Gestern war heute noch morgen! So schnell haben sich die Rahmenbedingungen also geändert, als um 8.00 Uhr mein Wecker klingelt und die Weiterfahrt nach Flensburg auf dem Programm steht. Dank eines üppigen Abendmahls im „Ratskeller“, das den gestrigen Abend elegant abgerundet hatte, konnte sich die unbändige Traurigkeit über verpasste Gelegenheiten ohnehin gar nicht erst setzen. Stattdessen grassiert nun deutlich spürbare Vorfreude auf ein Regionalligaspiel und auf die Stadt Flensburg, die ich noch nicht kenne und nun gerne besichtigen würde.

Eine Stunde und 14 Minuten später ist der Bahnhof Flensburg erreicht. Der „Carlisle Park“ steht glücklicherweise nicht „under water“, auch wenn einige sympathische Aktivisten laut Stickerkultur die Nazikneipe „Titanic“ gerne versenken würden. Wäre aber eh dienlicher, für dieses sinnvolle Vorhaben einige Eisberge nach Neumünster zu schaffen, anstatt die eigene Stadt zu unterspülen.

Nachdem der Early-Check-In der Fackelmanns misslingt und auf 14.00 Uhr verschoben wird, beginnen wir mit dem Stadtrundgang. Bisschen Kirche gucken, bisschen Fußgängerzone flanieren, bisschen bunte Häuser bestaunen, Neptunbrunnen kreuzen, hier und da deutlich erkennbaren skandinavischen Einfluss feststellen, Smørrebrød- und Fischbrötchenbuden links liegen lassen, am Hafen bummeln, das Flensborghus, das Nordertor von 1595 und die Norderstraße besichtigen. Und weil jede Stadt ihren Superlativ braucht, rühmt sich Flensburg gerne damit, dass eben diese Norderstraße vom New Yorker Reisemagazin „Travel and Leisure“ zu einer „der 18 verrücktesten Straßen der Welt“ gekürt wurde. Grund hierfür ist ein „Shoefiti“, seines Zeichens wohl so etwas wie Aktionskunst, die daraus besteht, dass Menschen ihre ausgelatschten Schuhe (und manchmal BH’s, wenn es irgendwas mit Sexismus zu bekämpfen gilt) über Drahtseile hängen und von Touristen fotografieren lassen. Super crazy – und von FUDU hiermit offiziell: erledigt. Anderthalb Stunden braucht es schon, um der Stadt letztlich das Prädikat „sehr nett“ verleihen zu können und in einer Gaststätte einzukehren.

Im als griechisches Restaurant deklarierten „Café Olympos“ serviert ein türkischer Wirt „mediterranische Spezialitäten“ (sic!) und Currywurst. Als wäre dies nicht schon absurd genug, gibt es in ganz Flensburg offenbar keinen besseren Ort, den man an einem Samstagvormittag als deutscher Wutrentner aufsuchen könnte. So muss sich der arme Südländer also zunächst eine asylkritische Brandrede eines Herren anhören und später sein Ohr einer alten Dame schenken, die mit ihrem Hund in ihrem Stammlokal vorbeigekommen ist, nur um dessen Krankheitsgeschichte zu erzählen und sich darüber zu beschweren, dass die Tabletten gegen Durchfall und das Impfen und die Zähne, die waren ja teurer als ihre eigenen, was das alles kostet, na schönen Dank auch!

Im Anschluss verabschiedet sich „Fackelmannova“ mit dem Laptop in die Bibliothek, um etwas für die Uni zu tun. Wenigstens eine, die noch etwas aus ihrem Leben machen will. Mit der Verabschiedung der Frau endet dann um 12.30 Uhr auch der seriöse Teil des Tages und der „Fackelmann“ und meine Wenigkeit gehen nun dazu über, endlich mit Weiche auf die schiefe Bahn geraten zu können.

„Weiche“ bezeichnet den südwestlichsten Stadtteil Flensburgs an der Grenze zu Handewitt, hat aber durchaus Konnotation mit der Begrifflichkeit aus dem Eisenbahnjargon, schließlich ist der Stadtteil einst nach einer Abzweigung der Flensburg-Tönninger-Bahn (→ „Nordschleswigsche Weiche“) benannt worden. Auch der SC Weiche Flensburg trug bis in das Jahr 2017 den Beinamen „ETSV“. Erst durch eine Fusion mit dem SC Flensburg 08 ist aus dem „Eisenbahner Turn- und Sportverein“ unlängst der SC geworden. Bei all diesen Informationen, die die Herzen unserer Eisenbahnfreunde und Trainspotter sicherlich höher schlagen lassen dürften, darf allerdings nicht vergessen werden, zu erwähnen, dass der Bahnhof Flensburg-Weiche leider 2014 vom Netz genommen wurde und sich in dem ehemaligen Bahnhofsgebäude nun ein chinesisches Restaurant befindet. Hat hier also alles mit Eisenbahn zu tun, gibt eben nur keinen Zugverkehr. Genau mein Humor.

So sitzen wir also gezwungenermaßen in einem Bus der Linie 12, begeben uns auf den Weg hinaus in die „Gartenstadt Weiche“ und folgen dann den Massen in das „Manfred-Werner-Stadion“, das bis 2002 irgendwie anders hieß, wobei das Internet den alten Namen ganz offenkundig vergessen hat und ich an dieser Stelle meiner Chronistenpflicht leider nicht nachkommen kann. Nach den diversen sportlichen Aufstiegen ist auch das Stadion mitgewachsen und verfügt nun seit 2017 über eine recht schöne überdachte Stehtribüne, dazu lädt eine Stadionkneipe hinter einem Tor zum Verweilen ein, während sich hinter dem gegenüberliegenden Tor Brachland befindet. Auf der anderen Längsseite des Spielfeldes hat man eine Stahlrohrtribüne mit blauen Sitzschalen an die Tartanbahn gestellt, auf der sich der geneigte Stadionbesucher die steife Küstenbrise um die Nase wehen lassen kann. 4.000 Plätze hat das Stadion insgesamt, zugelassen ist es in der Regionalliga für 2.500 Menschen. Insgesamt gibt das „Manfred-Werner-Stadion“ also eher ein dürftiges Bild ab, welches nie im Leben 12 € Eintritt rechtfertigt. Wirtschaftlich geschickt entscheidet sich FUDU, einfach zwei ermäßigte Tickets zu je 6 € zu ordern und im Anschluss lieber anderweitig Geld in die Hand zu nehmen und die Stadiongastronomie zu testen. Auf den Einkauf eines Weiche-Adventskalenders im Ausverkauf kann getrost verzichtet werden und auch die Unterschriftenliste zum Bau eines drittligatauglichen Stadions muss leider ohne unsere Signaturen auskommen. Ich darf im Nachhinein aber gerne auf die Existenz dieses Bauwerks hinweisen. Gern geschehen!

Die angekündigten 90% Regenwahrscheinlichkeit haben sich nicht gegen die 10% Wahrscheinlichkeit, dass es nicht regnen wird, durchsetzen können und so verbringen wir weite Teile der ersten Halbzeit auf den Sitzschalen mit Blick auf die Stehtribüne. Die „Küstenlümmel“ sorgen Fahnen schwenkend und mit einer Blockfahne für Gänsehautatmosphäre und auch die Bremer Amateure, bei denen heute Fin Bartels‘ Comeback im Vordergrund steht, werden von einigen wenigen Schlachtenbummlern begleitet. Ein dicker mexikanischer Physiotherapeut der Flensburger schafft es noch gerade eben rechtzeitig, das Spielfeld vor Anpfiff zu verlassen und schon kann’s hier losgehen. Die ersten 20 Minuten sind recht lebhaft und beide Mannschaften verzeichnen erste Torabschlüsse. Dann flacht das Spiel etwas ab, parallel erstarkt der Wind und doch einigermaßen durchgefröstelt zieht es uns zur 40. Minute unter das Dach der Stehtribüne. Dieses ist geschmückt mit dem neuen Logo des Fusionsclubs, das exakt so aussieht wie die Logos von Fußballvereinen in alten PC-Managerspielen aussahen, die keine Lizenzen erwerben konnten oder wollten. Pulle Pfullendorf, olé!

In der Halbzeitpause werden unter den offiziell 922 Zuschauern drei Kästen „Flensburger Pilsener“ verlost und kurz darauf muss die ohnehin schon zu hoch angesetzte Zuschauerzahl um einen weiteren Zuschauer reduziert werden. Nach einem alkoholbedingten Sturz auf der Stehtribüne wird ein Mann von einer Sicherheitsfachkraft unsanfter entfernt als Fettis Borsten im Waxingstudio. Kurz darauf hat Fin Bartels seine Rückkehr nach Achillessehnenriss und 448 Tagen Pause mit seinem Treffer zum 0:1 gekrönt (59. Minute). Bleibt eben eine super faire Sache, das mit den Zweitvertretungen der Bundesligisten. Im Anschluss wird Bartels ausgewechselt und ein anderer Bremer schwingt sich zum auffälligsten Akteur auf. Beste Ecke, Beste Grätsche, Nummer 39 ist halt einfach Beste!

Nach 63 Minuten verzeichnet der SC Weiche Flensburg die erste große Gelegenheit zum Ausgleich und wirft dann Sturmroutinier Tim Wulff in die Schlacht. Kapitän Christian Jürgensen zieht im Luftduell mit Werder-Keeper Plogmann den Kürzeren und bleibt angeschlagen liegen, erhält aber keinen Elfmeter. Das Spiel wird giftiger und die Bubis von Werder Bremen üben sich im Zeit schinden, gestikulieren, lamentieren und verwundet am Boden rollen. Glücklicherweise gelingt Flensburg angesichts dieser Eskapaden der Bremer Möchtgern-Profis dank begünstigender Umstände der Ausgleich. In der 82. Minute steht Göktay Isitan goldrichtig, als ein Bremer Verteidiger ein Luftloch schlägt und wird so zum Nutznießer des Platzfehlers. Sein brasilianischer Mannschaftskamerad Ilídio Pastor Santos hat seine Nerven leider nicht im Griff und muss wegen Ballwegschlagens mit gelb-rot den Platz verlassen, sodass in den verbleibenden acht Minuten der Partie keine Bemühungen mehr unternommen werden, das Spiel zu drehen. So trennen sich beide Mannschaften schiedlich-friedlich mit einem gerechten 1:1 Remis und dem Dorfsheriff, der lässig am Zaun lehnt, droht heute kein Ungemach mehr.

Nach dem Spiel ist der Andrang vor dem einzigen Toilettenhäuschen derart groß, dass es mich auf die Frauentoilette zieht. Sensationell, dass man beim SC Weiche Flensburg daran gedacht hat, den geneigten weiblichen Fußballfans neben den Handwaschbecken auch eine Waschmaschine zur Verfügung zu stellen. Kann ja sein, dass es irgendeine nicht 90 Minuten lang ohne Waschen aushält. Next Level Sexismus? Flensburg spielt sie locker durch!

Etwas schwerer haben es Fetti und seine Freunde da schon im Bus in Richtung Innenstadt, in der sich ein russischstämmiger Endgegner in den Weg stellt. „Das Schleswig-Holstein-Ticket ist in diesem Bus nicht gültig“, raunzt uns Ludmilla entgegen. FUDU reagiert diplomatisch begabt, ignoriert die Frau, setzt sich hin und wähnt sich als Gewinner der „Situ-a-tion“, aber Ludmilla lässt nicht locker, hält den Bus an der nächsten Haltestelle, fordert per Durchsage zur Zahlung auf und droht mit der Polizei. Während ich mich über diese Kopfgeldjägerei echauffiere, hat „Fackelmann“ auf seinem Handy bereits festgestellt, dass die olle Xanthippe auch noch im Recht ist. Da zahlt man 32 € für ein Nahverkehrsticket für eine gottverdammte popelige Stunde Bahnfahrt (also, wenn man jetzt nicht 20 € „Duplo“-Gutscheine gehabt hätte…) und dann muss man für einen bescheuerten Bus der „Aktiv Bus Flensburg GmbH“ noch einmal extra löhnen? Ich versuche nur noch mit letzter Kraft mein gefühltes Recht durch Lautstärke und Pöbelei durchzusetzen, aber irgendwann wächst der soziale Druck der Eingeborenen, die sich auf Ludmillas Seite geschlagen haben, sodass Fetti nichts anderes übrig bleibt, als letztlich klein bei zu geben und der Sowjet-Schrabnelle ein paar Groschen durch die Scheibe zu schmeißen. Сука блядь, verdammtes Schleswig-Hoolstein!

Im Pub „Beefeater“ in der Rathausstraße erholen wir uns schwer gezeichnet von diesem Streit. Service gibt es hier keinen, die Getränke muss man gefälligst selbst an der Hotelbar nebenan bestellen und diese zu seinem Tisch tragen. 0,4 Liter Bier kosten 4,50 €, was deutlich darauf hinweist, dass die Dänen die Preise versaut haben, aber immerhin kann man noch etwas Bundesliga im Fernsehen schauen. Irgendwann ist es dann soweit und die Abfahrt meines Zuges nach Berlin rückt näher, während Familie Fackelmann noch etwas im hohen Norden verweilen wird. Auf Empfehlung der beiden suche ich noch die „Männer Aborte“ am Bahnhof auf und steige dann in den Zug in Richtung Hamburg.

„Wir haben Personen im Gleis und können nur auf Sicht fahren“, verkündet die Zugbegleiterin über die Lautsprecher und kann so immerhin nachvollziehbar erklären, warum wir seit gut zehn Minuten nur im Schritttempo vorangekommen sind. Eine Gruppe spanischer junger Frauen bekommt es urplötzlich mit der Angst zu tun, als eben diese Schaffnerin durch den Zug läuft und nach Tickets fragt. Noch bevor ich ihr meine Frage stellen kann, ob ich den letzten Anschluss in Hamburg noch erreichen werde, sind die Damen auch schon überstürzt in Richtung Bordbistro aufgebrochen. Klar, dass die Zugbegleiterin Verdacht schöpft und die Verfolgung aufnimmt. Am nächsten Bahnhof sehe ich die Frauengruppe am Gleis stehen, die Türen schließen, der Zug setzt seine Fahrt fort. Richtige Eisvogelaktion. Also, wenn man jetzt nicht sein gesamtes Hab und Gut im Zug liegen gelassen hätte. Da kann auch die Zugbegleiterin nur mit dem Kopf schütteln, das erste gefundene Portemonnaie öffnen, die Personalien einer der Damen aufnehmen und die Kollegen der Bundespolizei informieren, die später all die liegen gebliebenen Habseligkeiten an sich nehmen werden.

In Neumünster endet meine Zugfahrt dann jäh. Es bleibt zwar nicht genügend Zeit, um die „Titanic“ zu versenken, aber immerhin genug, um mich während der Wartezeit telefonisch bei einer DB-Hotline zu informieren, wie ich mich verhalten soll, wenn ich irgendwann im Laufe des Abends in Hamburg stranden sollte. Drei Aussagen werden getroffen: Es gibt unter gar keinen Umständen eine Verbindung nach Berlin, das Service-Center in Hamburg wird bei meiner Ankunft auf jeden Fall geschlossen haben und das Hotel möge ich bis 100 € bitte selbst vorfinanzieren und hinterher die Rechnung einreichen.

Um 21.28 Uhr befördert mich dann endlich eine Regionalbahn von Neumünster nach Hamburg. „Nadjuschka“ hat in der Zwischenzeit aus Berlin dankenswerterweise ein „Motel One“-Zimmer in Nähe des Hauptbahnhof für mich gebucht. In Hamburg angekommen, hat das Service-Center natürlich noch geöffnet und bereits Sammeltaxen nach Berlin bestellt. Hotelgutscheine bis zu 80 € werden an all diejenigen verteilt, die das Taxi nicht in Anspruch nehmen wollen und ich darf der guten Frau jetzt erklären, dass man mir am Telefon drei falsche Aussagen mit auf den Weg gegeben hat. Kann man ja nur hoffen, dass das Gespräch zu Qualitätsmanagement-Zwecken aufgezeichnet wurde und der Telefonier-Wicht ein paar Peitschenhiebe erhält.

Nach hundert Jahren Diskussion ist es dann am Ende doch kein Problem mehr, dass ich bereits ein Zimmer gebucht habe und natürlich kann ich unter diesen Umständen die etwas zu hohe Rechnung problemlos einreichen. Mit ein bisschen Beruhigungsbier und ein Abendbrot im Turnbeutel lege ich die letzten 1000 Meter bis zur Unterkunft zurück und zahle die 81,47 € bereitwillig mit meiner Bahncard25 mit Kreditkartenfunktion und erhalte so paradoxerweise nicht nur eine Hotelübernachtung von der Bahn geschenkt, sondern auch noch einige Punkte für die nächste Freifahrt zu einem Auswärtsspiel mit anschließendem Hopping in Posemuckel bei Bumsdorf. Die letzte Frage des Tages, die mich per Textnachricht erreicht, ist dann die einzige dieses Wochenendes, die ich nicht zufriedenstellend beantworten kann. „Wann bist Du denn jetzt zu Hause?“.

Keine Ahnung. Frag die Bahn oder schau in meinem Horoskop, falls Du verbindlichere Infos benötigst. Und mit ein bisschen Glück und nur einer einzigen schicksalhaften Fügung, treffe ich hier morgen am Frühstücksbuffet eh die Unionerin wieder und komme gar nicht mehr nach Hause. Ach, wie sagt man doch so schön in Bremen?
– LE FIN – /hvg

23.02.2019 SV Lichtenberg 47 – TSG Neustrelitz 3:0 (0:0) / Hans-Zoschke-Stadion / 344 Zs.

Es ist gerade einmal Ende Februar und schon jetzt blickt Fetti etwas wehmütig auf den durchaus gelungenen Auftakt in das Hoppingjahr 2019 zurück. Nach den unvergesslichen Erlebnissen in Portugal, Gibraltar und Andalusien Anfang Januar, ist der Groundmotor bedauerlicherweise etwas ins Stottern geraten: Das Spiel des 1.FC Union Berlin im „St. Jakob Park“ zu Basel am 26.01.19 wurde von der „Basler Kantonspolizei“ drei Wochen nach erfolgter Terminierung abgesagt. Hier sah man sich leider plötzlich nicht in der Lage, ein Fußballspiel mit Zuschauern (konnte ja keiner ahnen, dass sich 1.500 Unioner für ein Testspiel auf den Weg in die Schweiz begeben werden…) und den volkstümlichen Verkleidungsfeiertag „Vogel Gryff“ zeitgleich zu betreuen. Was in seiner albernen Gänze irgendwie nach Augsburger Puppenkiste klingt, führte wohl dazu, dass „easyjet“ an diesem Wochenende mehrere komplett leere Maschinen zwischen Berlin und Basel-Mulhouse-Freiburg hin- und herschicken musste. FUDU bleibt zwar auf den Flugkosten sitzen, konnte jedoch bereits in Porto geistesgegenwärtig die Stornierung der touristischen Unterkunft vorantreiben. Drei Wochen später setzte es dann rund um die Auswärtspartie des 1.FC Union Berlin beim MSV Duisburg den nächsten Tiefschlag, als das Spitzenspiel des VfB Homberg gegen Schwarz-Weiss Essen kurzfristig aus dem Stadion auf einen Kunstrasenplatz verlegt werden musste, da der Duisburger Rasenplatz unter der Woche in der Pokalschlacht gegen den Wuppertaler SV zu stark gelitten hatte. Tja, da hat Fetti aber dumm aus der Wäsche geschaut, als ihm am vergangenen Sonntag im Pott nur noch ein Eishockeyspiel auf der Agenda verblieb. Und dann auch noch eines mit suboptimalen Ausgang: Füchse Duisburg – ECC Preussen Berlin 10:2…

…da kommt es gerade recht, dass sich an diesem Wochenende Besuch aus Dänemark angekündigt hat. Union kommt am Freitagabend gegen Arminia Bielefeld trotz des hochrangigen Besuchs zwar nicht über ein 1:1 hinaus, dafür besteht seitens der Gäste am Samstag der Wunsch, ein weiteres Fußballspiel zu sehen. Die Wahl fällt auf das zweitschönste Fußballstadion Berlins – das „Zoschke“! Erbaut im Jahre 1952, benannt nach dem Antifaschisten Johannes „Hans“ Zoschke, der 1944 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, fasste das Stadion einst 18.000 Zuschauer. Im FDGB-Finale von 1952 war das Stadions erstmals und letztmals ausverkauft. Der SV Volkspolizei Dresden setzte sich im Endspiel, welches gleichzeitig auch das Eröffnungsspiel des neuen Stadions war, gegen die BSG Einheit Pankow mit 3:0 durch. Heute verfügt das Stadion noch immer über vier Tribünen, auf denen 9.900 Menschen auf 9.000 Stehplätzen und 900 grauen Sitzschalen Platz finden könnten. Zu verdanken ist dieser Umstand einer Legende nach einer Gruppe antifaschistischer Widerstandskämpfer samt Zoschkes Witwe Elfriede, die mit ihrem Einsatz verhindern konnte, dass das Stadion 1972 für eine bauliche Erweiterung der benachbarten Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit weichen musste. Gut gemacht, Elfriede!

Lichtenberg 47 galt in der DDR als „bürgerlicher Club“ und konnte sich lange Zeit dagegen wehren, einem Trägerbetrieb untergeordnet zu werden, obwohl man in unmittelbarer Nachbarschaft der Staatssicherheit spielen musste, die rund um die Frankfurter Allee ihr Überwachungsimperium über die Jahrzehnte immer weiter vergrößerte. Die Vereinsgeschichte der 47er ist es also allemal wert, etwas näher betrachtet zu werden, dachte sich auch das Stasi-Museum in der Ruschestraße und bittet aktuell zu einer Sonderausstellung. „Fußball im Hinterhof der Stasi – Der SV Lichtenberg 47 e.V. zu DDR-Zeiten“, Eintritt 8 Euro, geöffnet ab 11.00 Uhr. Perfekt also, um den dänischen Gästen noch vor Anpfiff ein gebührendes Kulturprogramm anbieten zu können. Diese votieren im Rahmen des Kneipenabends am Freitag aber einstimmig gegen dieses Vorhaben und wollen anstatt dessen lieber das „Union Zeughaus“ im „Ring-Center“ leer kaufen. Banausen!

Ihr Wunsch ist mir jedoch wie immer Befehl und so statten wir der Shopping Mall des Grauens einen Besuch ab. Sagen wir es mal so: bei der nächsten Inventur wird man sich im „Zeughaus“ verwundert die Augen reiben. Wenn die Dänen etwas machen, dann machen sie es richtig!

Kurz darauf treffen wir vor dem „Hans-Zoschke-Stadion“, welches ich zuletzt 2015 besucht habe, beinahe auf die gesamte Kneipendelegation, die sich gestern Abend das 1:1 Remis schön gezecht hat. Neben dem FUDU-Pärchen ist sogar unser bärtiger Bruder hinaus nach Lichtenberg geeilt. Mit einem Niederländer und einer handvoll Dänen im Schlepptau, fühlt sich FUDU zwar wie das Sozialamt der Welt, aber Lichtenberg 47 freut sich bestimmt über etwas internationales Flair auf den Rängen.

Immerhin 344 Zuschauer haben sich insgesamt versammelt, um den Auftakt in die Rückrunde der NOFV-Oberliga-Nord miterleben zu können. Lichtenberg 47 belegt aktuell den ersten Tabellenrang und will sich im Fernduell mit Tennis Borussia um den Aufstieg in die Regionalliga Nordost hierbei ganz sicherlich nicht vom TSG Neustrelitz stoppen lassen.

Zugegebenermaßen liegt unser Fokus aufgrund der besonderen Gruppenkonstellation heute nicht unbedingt auf dem Spiel. Während wir ein Konterbier nach dem nächsten stürzen, uns in der einen oder anderen Fußballfachsimpelei verlieren und die Geburtstagsfeier des „Fischkopfs“ planen, schießt Lichtenberg zunächst an die Latte und etwas später an den Pfosten. Mit 3:0 in Sachen Großchancen gehen die Lichtenberger in die Pause und die kaufkräftigen Skandinavier signalisieren Bereitschaft, auch den Fanshop der 47er zu überfallen. Es gilt, den dänischen Fußballkeller für das nächste Champions League Finale, welches wir im Mai gemeinsam dort schauen werden, mit Lichtenberg 47 Devotionalien aufzuhübschen. Nur wenige Minuten später ist der Verkäufer von den Sonderwünschen unserer Gäste schwer gezeichnet. Der eine hätte gerne ein Trikot mit der Rückennummer 3, der andere mit einer 8. „Hab ick nich. Wie soll ick die denn loswerden? Müssta bestellen bei Sportsfreak Landsberger!“, weiß er eine größere Einnahme geschickt zu verhindern. So wandert am Ende lediglich ein Schal für 14,47 € in die dänischen Einkaufstüten und der zweite Abschnitt des Spiels wird eröffnet.

Hier hat Neustrelitz bis zur 65. Minute eigentlich alles ganz gut im Griff, ehe der Albano-Grieche Giorgaki Tsipi a.k.a. Georgios Tsipis seinen Torwart mit einem scharfen halbhohen Rückpass vor unlösbare Probleme stellt. Junghan verliert den Zweikampf um das Spielgerät im Strafraum und Gelício Aurelio Banze kann den quer gelegten Ball zum 1:0 ins leere Tor schieben. In der 72. Minute wird Kürsat Mahmut Cicek mit der gelb-roten Karte zum Duschen geschickt und die 47er können sich die dezimierten Gäste nun zurechtlegen. Nach mehreren schlecht ausgespielten Überzahlangriffen braucht es aber ein stümperhaftes Foul an Maik Haubitz und einen Elfmeterpfiff, um das Ergebnis in die Höhe zu schrauben. Ex-Unioner David Hollwitz verwandelt in der 79. Minute sicher per Strafstoß zum 2:0. Fünf Minuten später landet ein denkbar schlechter Abstoß des fußballerisch oft überforderten Junghans in den Füßen der 47er, doch in Philipp Grüneberg bringt ein weiterer Ex-Unioner das Kunststück fertig, den Ball aus fünf Metern Entfernung nicht etwa im leeren Tor unterzubringen, sondern lediglich an den Pfosten zu bugsieren. Besser macht es zwei Minuten später Banze, der einen Querpass von Grüneberg überlegt in das lange Eck platziert und mit seinem zweiten Treffer des Tages für einen in dieser Höhe verdienten Heimsieg sorgen kann.

Stadionaugenblick, verweile doch – du bist so schön. So lautet FUDUs Motto im Anschluss des Oberliga-Fußballspiels und so entscheidet man einstimmig, in das „Vereinscasino bei Alex“ hinter der Hintertortribüne einzukehren. Familie Fackelmann ist pünktlich zur After-Show-Party ebenfalls eingetroffen und auch der bärtige Bruder lässt sich überreden, noch eine Halbzeit Bundesliga zu schauen, obwohl zu Hause der Familienbesuch auf ihn wartet. Bevor die Herren Profifußballer jedoch unsere ungeteilte Aufmerksamkeit erhalten können, wird Alex‘ Theke eben flugs zum Pressekonferenzraum umfunktioniert. Gästetrainer Tomasz Grzegorczyk bemängelt die Beschaffenheit des Spielfelds, lobt aber die Qualität der Heimmannschaft, während Lichtenbergs Coach Uwe Lehmann fortwährend die anwesenden Casino-Gäste rügt. Es sei respektlos, dazwischen zu reden, wenn der Gästetrainer spricht und spätestens, als die Pay-TV-Konferenz parallel zur PK anläuft und für erste Jubelschreie und andere Begleitkommentare aus dem Auditorium sorgt, platzt Lehmann der Kragen: „Geht halt raus, wenn Euch das hier nicht interessiert!“. Ein Senior am Nebentisch unterstützt mit unermüdlichen „Pscht“-Lauten das Anliegen des Chefcoachs und versucht ebenfalls, professionelle Strukturen in die Kneipe zu bringen. Ach, Oberligafußball ist Liebe!

Mittlerweile hat längst die Runde gemacht, dass Tennis Borussia beim SC Staaken nicht über ein 0:0 hinausgekommen ist und nun bereits drei Punkte Rückstand auf den SV Lichtenberg 47 aufweist. Wollen wir hoffen, dass sich die 47er auf ihren Weg in die Regionalliga nicht mehr aufhalten lassen werden.

Eine mitgereiste Neustrelitzer Herrengruppe lässt sich derweil vom „Hoollegen“ fotografieren und besteht den Humortest mit Bravour, als die Kamera mit den Worten „Glaube, der Film ist voll“ ausgehändigt und mit einem überaus zufriedenstellenden „Was? Das war doch ein 36er! Jetzt muss ich Montag wohl wieder zu ‚Schlecker’“ gekontert wird. Mittlerweile ist auch die Gewinnermannschaft an ihrem Stammtisch eingekehrt und erhält Chili Con Carne und Fassbier. Unsere Bierpipeline verebbt in dieser Zeit, in der die Mannschaft Vorrang genießt, nur kurz und später immer nur dann, wenn die Zapferin selbst zum Saufen oder Rauchen nach draußen geht. Mittlerweile ist es 17.15 Uhr, die Bundesligaspiele sind soeben zu Ende gegangen, Hertha hat verloren und der Niederländer ist noch immer da. Einige Mitglieder der Zechgesellschaft schaffen nun aus Angst vor neuerlichen Diskussionsrunden über den Israel-Palästina-Konflikt den Absprung und der Rest zieht einfach sehenden Auges seinem Untergang entgegen.

Während uns der gähnend leere „Siegfriedshof“ noch die Tür vor der Nase zuschlägt – natürlich, weil wir „nicht reserviert haben“ – und man mit einigem zeitlichen Abstand bei Betrachtung der Website der Lokalität mit dem singenden Wirt und dem blondierten Eigentümerpärchen hierüber nur überaus dankbar sein kann, erbarmt sich das „Don Giovanni“ in der Atzpodienstraße, die angeschlagene FUDU-Bande zu bewirten. Das Essen ist mittelmäßig, Sonderbestellungen werden schlichtweg ignoriert und auch das Pastagericht ohne Käse ist zum Anger Kenneths mit Käse durchsetzt und geht zurück in die Küche. Kann ja keiner ahnen, dass so eine Gruppe Langhaariger und ein paar betrunkene Ausländer auch noch Ansprüche stellen. Am Ende entschuldigt sich das Haus mit zwei Runden „Ramazzotti“ bei uns, einige Mitglieder der Zechgesellschaft schaffen nun aus puren Vernunftgründen den Absprung und der Rest zieht einfach sehenden Auges seinem Untergang entgegen.

Die Endstation heißt „Bierstube am Freiaplatz“. In dem grundehrlichen Laden tanzt der „Fischkopf“ zu Depeche-Mode-Klängen in seinen Geburtstag hinein, wobei er die Rechnung ohne den „Hoollegen“ gemacht hat, der auch nach gefühlten 12 Bier nicht von seinem Status als ‚Musikexperte‘ abrücken will und wohl oder übel darauf hinweisen muss, dass wir es gar nicht mit Depeche Mode zu tun haben. Hier läuft ja wohl eindeutig „The Great Commandment“ von „Camouflage“, Dilettanten.

Es ist gerade einmal Ende Februar und schon jetzt blickt Fetti voller Vorfreude auf den Mai, wenn man endlich einmal wieder unterklassigen dänischen Fußball bestaunen darf. Und sicherlich wird auch der 47-Schal einen angemessenen Platz im Rahmen des Champions League Finales erhalten… /hvg

06.01.2019 Málaga CF – CF Reus Deportiu 0:3 (0:1) / Estadio La Rosaleda / 16.058 Zs.

Unsere Ankunft wird von den Malagueños frenetisch gefeiert. Tausende Menschen säumen zu unserer Überraschung die Straßen entlang des Guadalmedina und zelebrieren das Erscheinen der Heiligen Drei FUDU-Könige. Von Granada bis hierher waren gerade einmal 124 Kilometer zurückzulegen, da stellt sich schon die Frage, ob man da direkt so einen Aufriss machen und Paraden abhalten muss. Aber gut, offenbar hat sich Málaga vorgenommen, mich in diesem Leben immer wieder mit Festivitäten zu überraschen. Nachdem ich 2017 aus Versehen inmitten der „Feria de Málaga“ gelandet bin und eine Woche Nonstop auf den Straßen feiern durfte, wird heute eben mit religiöser Kamelle auf Kinder geworfen. Andere Länder, andere Sitten – da gilt es, flexibel zu bleiben.

Irgendwann haben wir uns einen Weg durch die Massen gebahnt und unsere Unterkunft gefunden. Hier hat der freundliche Gastgeber zwecks Check-In eine Art Schnitzeljagd vorbereitet. Die Spielanleitung liegt glücklicherweise vor, sodass die folgenden Aufgaben ‚Türcode knacken‘, ‚Schlüsselkasten finden‘, ‚Zahlencode eingeben‘ und auch die anschließende Suche nach dem richtigen ‚Apartamento‘ und ‚Zimmer N° 003‘ sowie die ‚korrekte Verwendung der drei verschiedenfarbigen Schlüssel‘ spielend zu meistern sind.

Obwohl die 124 Kilometer Strecke ausgereicht haben, um nun wieder Orangenbäume anstelle schneebedeckter Hänge im Stadtbild vorzufinden und die mitgeführte Kleidung nun wieder deutlich besser zu den klimatischen Bedingungen passt, hat es sich der Gastgeber nicht nehmen lassen, für uns den Kamin anzufeuern. Dieser bollert gemütlich im Wohnzimmer vor sich her und sorgt für eine angenehme Raumtemperatur rund um die 40°C Marke. Der gesunde Teil FUDUs zieht es zunächst vor, das erste „Victoria Málaga“ in kurzen Hosen auf dem Balkon zu verköstigen, während der malade Flügel die Schnupfnase gewärmt kriegt. Für jeden was dabei im „Rafaela Guest House“!

Der „Hoollege“ versüßt uns den Abend mit einem Harald-Schmidt-Show-Video im Repeat-Modus, vermutlich als Sanktion, weil sich einer von uns im Themenfeld Heilige Drei Könige politisch inkorrekt bewegt hatte. Noch bevor endgültig geklärt werden kann, wer genau was gesagt hat und wer jetzt wohl oder übel weg muss, streicht FUDU verhältnismäßig früh die Segel. Mitten in der Nacht schrecken wir aus den Betten, als sich jemand an unserer Tür zu schaffen macht. Schön mit den falschen Schlüsseln minutenlang scheppernd im Schloss des falschen Zimmers herumfuchteln. Was für ein verkackter Amateur. Ein Wunder, dass der die ersten Level der Schnitzeljagd geschafft hat, denken sich die drei soeben erwachten FUDU-Schweine im Überlegenheitsmodus. Als Schlüssel Nummer 3 dann passt und plötzlich Martin Dahlin in unserem Zimmer steht, staunen wir jedoch nicht schlecht und das erhabene Gefühl ist passé. Der „Hoollege“ nimmt sich dem Problem des Eindringlings an und gemeinsam mit dem Vermieter, der im Schlafanzug zur Hilfe eilt, wird das Problem dann gelöst. Irgendein vermaledeiter Vormieter hat doch tatsächlich die farbigen Schlüsselköpfe vertauscht und damit das ausgeklügelte System ausgehebelt. Nach einigen Fehlversuchen erhält Martin dann letztlich die Schlüssel für sein Zimmer und die nächtliche Aufregung legt sich. Am nächsten Morgen wird der „Hoollege“ dann von einem „Schweden mit Migrationshintergrund“ sprechen. Lege ich meine Hand für ins Feuer – der kann bleiben!

Glücklicherweise scheint darüber hinaus die Sonne, es gibt keine gottverdammten Schneeberge mehr und das Sightseeing habe ich bereits 2017 erledigt. Mehr Argumente für einen Aufenthalt am Strand und ein Bad im Mittelmeer braucht man nun wirklich nicht zu sammeln und glücklicherweise teilt der „Hoollege“ diese Meinung, während der „Fackelmann“ von seiner Erkältung in etwa so übel gezeichnet ist, wie ein „Horror Tattoo“. Da könnten nicht einmal Randy, Nancy oder Peggy was retten und so ist es nur folgerichtig, dass unser Patient auf „nicht teilnehmen“ klickt und es vorzieht, sich die Bettkante zu geben.

So also machen wir dem „Playa de la Malagueta“ nur zu zweit unsere Aufwartung und kehren im Anschluss in das „TGB“ ein, in das man immer einkehren sollte, sobald man sich in Spanien befindet, gibt es in dieser Kette schließlich wirklich gute Burger und „Cruzcampo“ vom Fass für ’n Appel und ’n Ei zu erwerben. Da hält man mit Blick auf den Hafen auch die Nachricht, dass derzeit die Sicherheitskräfte an den Berliner Flughäfen streiken und der morgige Rückflug aktuell nicht gesichert ist, noch gerade eben so aus. Wäre aber natürlich wirklich ganz schön bitter, noch 1-2 Tage in der andalusischen Sonne liegen zu müssen, anstatt sich im finsteren Kackeland den Buckel krumm machen zu dürfen…

Langsam wird es Abend an der „Costa Del Sol“ und wir kehren zu unserer Unterkunft zurück, um uns einen Eindruck des Gesundheitszustandes unseres Benjamin verschaffen zu können. Dieser leidet nach wie vor bitterlich und hat seiner eigenen Aussage nach heute „keinen Bock auf rosa Leder“. Nicht nur rassistisch, sondern auch noch homophob. Tolle Reisegruppe. Aber dafür über alle Maße einfühlsam, wie sonst hätten derart aufmunternde Kommentare wie „Na dann viel Spaß mit Bett and Win“ und „Wenn du Langeweile hast, kannste ja unsere Badehosen föhnen“ unsererseits entstehen können?

Und so begeben sich die beiden FUDU-Spötter alleine auf den Fußweg in das „Estadion La Rosaleda“, welches sich in 2,5 Kilometern Entfernung befindet und wo der Scheichverein aus Málaga heute die stolzen Katalanen aus Reus empfangen wird. Am 20. Spieltag trifft der Tabellendritte auf den 20., die Eintrittskarten für die dritte Reihe hinter dem Tor mit bester Sicht auf das Spielfeld kosten lediglich 17,50 € und schon betreten beide Mannschaften das grüne Geläuf, um sich zu erwärmen.

Der Empfang für die Gäste ist auffallend freundlich und obwohl die Tabellensituation vielversprechend aussieht und ein Aufstieg in die „Primera División“ in dieser Saison im Rahmen des Möglichen scheint, kommt bei der eigenen Hymne und bei der Präsentation der eigenen Spieler keine Stimmung auf. Wir sitzen direkt neben dem Heimfanblock und trotz der unmittelbaren Nähe schafft es kaum ein Schlachtruf, zu uns durchzudringen. Nach 11 Minuten gehen die Gäste durch Borja Herrera per Kopfstoß mit 1:0 in Führung. Das Tor wird sowohl vom Heimpublikum als auch von den Gästespielern seltsam neutral zur Kenntnis genommen. Málaga wirkt fahrig, uninspiriert und kann in den ersten 30 Minuten nur für einen einzigen Aufreger sorgen. Alfred N’Diaye scheitert mit einer Doppelchance an Gästekeeper Freixanet und auch sein „genialer“ Versuch, den Keeper einfach mit Ball in der Hand über die Linie zu schieben, ist nicht von Erfolg gekrönt. Das Heimpublikum quittiert die Leistung seiner Mannschaft mit einem gellenden Pfeifkonzert zum Pausenpfiff und wir sind von dem Stadionerlebnis unter dem Strich doch etwas enttäuscht.

In der zweiten Halbzeit sind gerade einmal fünf Minuten gespielt, als ein Stürmer Málagas per Kopf völlig freistehend aus fünf Metern scheitert. Es ist immerhin der Auftakt in die beste Phase der Hausherren, die innerhalb der nächsten zehn Minuten Druck aufbauen und drei weitere Großchancen verzeichnen werden. Auf den Kopf werden all diese Unternehmungen in der 63. Minute gestellt, als die Gäste zu einem schnellen Konter ansetzen. Steilpass von der Mittellinie, Stürmer in abseitsverdächtiger Position, freie Bahn zum Tor, leichter Kontakt mit Abwehrspieler Diego González, Elfmeter. Alles andere als sicher verwandelt durch Gus Ledes, der den Ball mit Hängen und Würgen unter dem Körper von Malágas Keeper Munir in die Maschen quetschen kann.

Das Publikum beginnt nun, die eigene Mannschaft nach allen Regeln der Kunst zu verhöhnen und jeden Fehlpass mit einem süffisanten Klatschen zu begleiten. Den Höhepunkt erreichen diese Abwertungen in der 82. Spielminute: Erstmals gelingt es den Gästen aus Reus, den Ball über 7-8 Stationen in den eigenen Reihen zu halten. Anlass genug, um jeden gelungenen Pass mit einem „Olé“ zu begleiten und wie es sich für ein vernünftiges Drehbuch gehört, kann Reus genau diesen Angriff zum 0:3 veredeln. David Querol ist sichtlich gerührt, dass sich gegnerische Fans vor ihm verneigen und Ehrfurcht für diesen formvollendeten Angriff zeigen.

Im Anschluss leert sich das Stadion schlagartig und die vielleicht 5.000-6.000 Zuschauer, die bis zum Abpfiff des Schiedsrichters José Antonio López Toca verweilen, tun dies auch nur, um den eingewechselten Vallejo zu verspotten, der den Ehrentreffer trotz einer abenteuerlichen Dreifachchance verpasst und um die Gäste aus Reus letztlich mit Applaus verabschieden zu können. Und so geht ein etwas sonderbares Stadionerlebnis zu Ende, welches sich erst mit einigen Tagen Abstand begreifen lassen wird…

Am späten Abend beehrt uns unser Gastgeber in der Wohnung und hat uns zur Wiedergutmachung des nächtlichen Störmanövers unsere Rückflugtickets für morgen ausgedruckt. Ihm ist der in der zurückliegenden Nacht begangene Fehler hochnotpeinlich, aber FUDU ist nun einmal zwischen Doppelstockbetten und ****-Hotels zu Hause und so kann man bei nur 72,40 € für ein Dreibettzimmer für zwei Nächte locker über diesen kleinen Fauxpas hinweg sehen. Weniger kulant geht man dahingegen mit einem spanischen Porno der frühen 80’er Jahre um, der kurz darauf in Folge eines blauäugigen Zappens die Mattscheibe erhellen wird: Hoppala, wir haben Pay-TV!
Warum die rechtschaffene iberische Pornoindustrie nicht gerade Weltruf genießt, ist uns nur wenige Minuten später klar vor Augen geführt worden. Junge, Junge. Soviel Wurst und Eier kriegt man ja sonst nicht einmal serviert, wenn man ein „Full English Breakfast“ bestellt…

Am Montag startet der Flieger mit nur einer Stunde Verspätung in Richtung Regenland. Schade. Ich habe mir vorsorglich am ersten Arbeitstag des Jahres 2019 einen Tag Urlaub genommen und erhole mich nun schnellstmöglich von den Strapazen der vergangenen 13 Tage. Am Ostkreuz lassen wir unsere Reise bei Bier und Döner Revue passieren und nur eine Woche später hat es sich dann auch bis zu uns herumgesprochen, dass der CF Reus Deportiu aus dem Spielbetrieb eliminiert wird.

Da der Verein bereits seit Monaten kein Gehalt an seine Spieler zahlen konnte, wird der Club auf den letzten Tabellenplatz gesetzt. Alle 21 absolvierten Spiele gehen zwar regulär in die Wertung ein, doch die noch ausstehenden Spiele werden allesamt mit 1:0 für den jeweiligen Gegner gewertet.

Die Reaktionen des andalusischen Publikums vor wenigen Tagen erscheinen plötzlich in einem gänzlich anderen Licht. Offenbar hatte es sich mehr als deutlich abgezeichnet, dass wir Zeuge eines Spiels ohne jedweden sportlichen Werts werden würden und das Publikum nutzte die Gunst der Stunde, den tapfer kämpfenden Gästen aufrichtigen Respekt zu zollen.

Für Reus, das zunächst in die dritte Liga absteigen soll, kommt es in den kommenden Wochen noch dicker. Da man eine Bankbürgschaft nicht fristgerecht hinterlegen kann, wird man gar in die vierte Spielklasse zwangsversetzt. Den freigewordenen Platz in der dritthöchsten Spielklasse kann sich in einem Wettbieten der FC Andorra, Club von Gerard Piqué, für läppische 452.022 Euro sichern. Aber da sitzt FUDU wahrscheinlich schon längst wieder mit dem Genossen Николай Эрастович Берзарин zusammen und plant neue Abenteuer. Wohlwissend, dass jede gute Idee nur so gut sein kann, wie die heruntergekommenen Typen, die sie hinterher umsetzen müssen! /hvg

04.01.2019 Granada CF – Albacete Balompié 1:1 (0:0) / Estadio Nuevo Los Carménes / 11.991 Zs.

Da sitzen wir nun also in San Roque La Línea auf spanischem Boden und warten auf den Zug der „renfe“ (→ Red Nacional de los Ferrocarriles Españoles), der uns in 3 Stunden und 59 Minuten Fahrzeit nach Granada befördern soll. Die Wartezeit auf das spanische Geschoss lässt sich auch gut nutzen, um sich von dem Pennälerhumor der schrulligen Rezeptionistin des „Hotel Bristol“ in Gibraltar erholen zu können. Kleine Kostproben der letzten Stunden gefällig? „Haben Sie einen Stadtplan?“ – „Ja, habe ich, haben Sie denn auch einen?“, „Könnten Sie unsere Koffer einschließen?“ – „Ja, das kann ich, aber ich gebe sie euch vielleicht nicht wieder!“, „Können Sie etwas für uns drucken?“ – „Nein, ich kann das nicht, aber unser Drucker schon!“.

Puh, was haben wir gelacht. Doch immerhin war FUDU mit allen Anfragen erfolgreich und so kann man sich nun mit den am 27.12. gebuchten und im „Hotel Bristol“ gedruckten Zugtickets zu je 30 € etwas Frischluft zuwedeln. Gut zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges und vor Öffnung des ersten Bierchens des Tages verspürt Fetti einen leichten Harndrang und so begibt er sich auf die Suche nach einer Bahnhofstoilette. Fehlanzeige am Gleis, Fehlanzeige im Bahnhofsgebäude. Eine klare Misserfolgsgeschichte, wäre er auf seiner Expedition nicht zufällig auf einen unscheinbaren weißen Zettel in einem Schaukasten gestoßen. Dieser sorgt nun dafür, dass Fetti etwas aufgeregt zu seinen wartenden Freunden zurückkehrt. „Meine Sprachkenntnisse sind nicht die besten, aber ich glaube, ich habe gerade herausgefunden, was Schienenersatzverkehr auf Spanisch heißt!“.

Noch fünf Minuten bis zur planmäßigen Abfahrt. Keinerlei Durchsagen am Gleis, keine Anzeigetafeln im Bahnhofsgebäude. Reemplazo de rieles. Das klingt gar nicht gut. Noch drei Minuten bis zur Abfahrt. Ein Bahnhofsvorsteher schleicht aus seinem Kabuff und sieht dabei aus, wie einer dieser alten Männer, die auf gar keinen Fall auch nur ein Wort Englisch sprechen, aber eben auch wie einer, die helfen, wo sie nur können. Heraus kommt dabei eine Konversation, die sich dann in etwa so anhört: Tren. Granada? – No. Bus, Bus, Bus! Vamos! – gefolgt von wilden Handbewegungen und schnellen Schritten, die uns zielstrebig auf einen Bahnhofsvorplatz führen und den Weg in den richtigen Bus weisen. Noch eine Minute bis zur Abfahrt. Muchas Gracias, Señor!

Kaum haben die Lümmel von der letzten Bank Platz genommen, rollt der Bus auch schon los. Enttäuscht über den Ausfall der mit Vorfreude erwarteten Zugfahrt, aber hochzufrieden darüber, dass man das mit dem Schienenersatzverkehr so geschickt mitbekommen hat, befindet sich FUDU in einem ordentlichen Gefühlschaos. Niemand weiß, wohin uns dieser Bus bringen und wie lange die Fahrt dauern wird. Wir haben Harndrang, Bier im Beutel und soeben festgestellt, dass der Bus über keine Bordtoilette verfügt. Puta madre. Der internationale Gerichtshof für Menschenrechte wird zeitnah kontaktiert!

So bleibt das Bier eben im Beutel, die Beine werden übereinandergeschlagen und ein kleines Nickerchen verspricht Hilfe gegen den Blasendruck. Irgendwann sieht Fetti erste Goldfische vor seinen Augen schwimmen und schmiedet bereits Notfallpläne, in denen Tupperware® eine Rolle spielt. Zwei (!!!) gottverdammte Stunden nach Abfahrt halten wir endlich vor einem Bahnhof, der offenbar in Antequera Santa Ana zu verorten ist. Hier scheint unsere Reise zunächst einmal beendet und noch bevor wir klären können, ob wir in einen anderen Bus umsteigen oder endlich Zug fahren dürfen, erleichtern sich zwei FUDU-Schweine im Palmendickicht der Bahnhofsperipherie. Klar, dass 30 Sekunden später irgendein Hilfsschüler in Neonweste auftaucht und uns zur Rede stellt. Meine Sprachkenntnisse sind nicht die besten, aber ich glaube, ich habe gerade herausgefunden, was ‚warum pisst ihr Assis vor den Bahnhof und geht nicht einfach drinnen auf die Toilette?‘ auf Spanisch heißt.

Im Hintergrund winkt uns der „Fackelmann“ herbei. Er hat investigativ herausgefunden, dass wir auch die letzten 111 Kilometer der Reise mit einem Bus zurücklegen müssen. Das Beutelbier ist mittlerweile warm geworden, es gibt wieder keine Toilette an Bord und so wird man wegen dieser doppelten Verneinung auch die nächsten 90 Minuten auf Getränke verzichten müssen. Kurz vor Erreichen unseres Ziels prägen zu unserer Überraschung plötzlich schneebedeckte Hänge die Landschaft und ebenso überrascht werden wir letztlich von unserer Ankunftszeit in Granada sein. 19.40 Uhr. Fünf Minuten vor Plan. So lob‘ ich mir Schienenersatzverkehr.

Trotzdem verbleiben nur noch eine Stunde und 20 Minuten bis zum Anpfiff des heutigen Spitzenspiels der „Segunda División“. Das Hotel liegt stolze 10 Kilometer vom Busbahnhof entfernt. Grund genug, wieder einmal den Taxijoker zu ziehen und sich gemütlich vor die Haustür des „Abades Nevada Palace“ kutschieren zu lassen. Es handelt sich hierbei schließlich um ein **** Hotel (Nein, hier versteckt sich kein Schimpfwort – FUDU hat tatsächlich erstmals ein Hotel mit vier Sternen gebucht…), da muss die Anreise selbstredend ebenso elitär vonstatten gehen. Der Check-In in der Riesenlobby im Stile einer auf Hochglanz polierten Shopping Mall geht problemlos über die Bühne, der gesundheitlich etwas angeschlagene „Fackelmann“ erhält das Quarantäne-Einzelzimmer, der „Hoollege“ und ich beziehen das Doppelzimmer. Macht insgesamt 100,80 €, bitte.

Der erste Blick in die Suite überzeugt. Ein Zimmer mit gefühlt 30m², schicken Ledersesseln, freundlichen Fensterfronten und einem High End Bad aus dem Musterkatalog. Klassenfahrts-Doppelstockbetten waren gestern, ab sofort geht es bei FUDU etwas gediegener zu! Blöd nur, dass allein dieses Zimmer laut Aushang normalerweise 300 € die Nacht kosten würde, würde es das Hotel in der Nebensaison nicht über die bekannten Buchungsportale verramschen müssen. Sollte man sich also doch nicht all zu sehr an diesen Standard gewöhnen, sonst droht vermutlich bereits im nächsten Urlaub Ungemach.

Einige Stockwerke unter uns sammeln wir den „Fackelmann“ ein. Es ist 20.30 Uhr und bereits vom Hotelparkplatz kann man die schönen Flutlichtmasten des „Estadio Nuevo Los Carménes“ erkennen. Hopperfreundlich gelegen ist er also auch noch, der „Abades Nevada Palace“. Wirklich ein schönes und nicht zu verachtendes Attribut für einen Vier-Sterne-Schuppen.

Fünf Minuten später halten wir unsere Eintrittskarten zu je 25 € für die Haupttribüne in den Händen, haben das Stadioncatering als irrelevant bewertet und auf den roten Sitzschalen Platz genommen. Der „Hoollege“ ist heute aufgrund meines entleerten Akkus zum Kamerakind erklärt worden und fertigt erste Aufnahmen an. Gemeinsam zittern wir dem Anstoß entgegen – nicht etwa aus Vorfreude, sondern aufgrund der klimatischen Bedingungen. Die schneebedeckten Hänge, die wir aus dem Bus gesehen haben, lassen sich womöglich damit erklären, dass wir uns hier in unmittelbarer Nähe der Sierra Nevada befinden. Das höchste Gebirge der iberischen Halbinsel (3482 Meter) trägt jährlich von November bis Mai eine Schneedecke und der Wintersportort Sol y Nieve lädt zum fröhlichen Skifahren ein. Dem Spanier an sich ist nichts vorzuwerfen, kommuniziert er doch bereits mit der Namensgebung des Gebirges mehr als deutlich, dass es hier abends auch mal sackig kalt werden könnte. Sierra Nevada heißt übersetzt schließlich soviel wie „schneebedecktes Gebirge“ – hat sich halt nur leider nicht bis nach Ostdeutschland herumgesprochen. Wo fahren wir hin? Spanien. Ist ein warmes Land! Packste ’n dünnes Nicki ein und jut is…!

Es ist der 20. Spieltag in der „Segunda División“. Obwohl heute der Tabellenführer den direkten Verfolger aus Albacete empfängt, dessen verheißungsvoller Namenszusatz „Balompié“ übrigens nicht mehr bedeutet als „Fußball“, kommen bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt nur 11.991 Zuschauer in das „Estadio Nuevo Los Carménes“. Die Stimmung wird in den ersten Minuten dank des Schiedsrichters Franco etwas Würze erhalten, weil dieser gleich drei vermeintliche Foulspiele gegen die Heimmannschaft ungeahndet lässt. Den ersten Abschluss verzeichnet Granada dann nach 12 Minuten – ganz genau beobachtet von dem alten Mann neben uns, der zwar in der ersten Reihe und somit lediglich fünf Meter vom Spielfeld entfernt sitzt, aber sicherheitshalber noch sein Fernglas mitgebracht hat. Mit Hilfe des Binokulars lassen sich sicherlich prima die Nasenhaare des traurig dreinschauenden Ordners zählen, der hier zwei Meter vor uns mit dem Rücken zum Spielfeld sitzt und das Spitzenspiel leider nur akustisch vernehmen kann.

Auf dem Rasen bestimmen Kampf, Krampf und viel Stückwerk die Partie, ehe Granadas Abwehrmann Germán Sánchez für den ersten Aufreger sorgt. Als letzter Mann erwischt er Albacetes Angreifer Rey Manaj mit einem hohen Bein übel im Gesicht und erhält von Schiedsrichter Franco für diesen Anschlag lediglich die gelbe Karte. Der getroffene Manaj bleibt zunächst regungslos auf dem Feld liegen und kann erst nach minutenlanger Behandlung mit einer Trage von selbigem befördert werden. Mit einer mutmaßlich schwereren Gehirnerschütterung ist für den 21-jährigen Albaner, der einst als hoffnungsvolles Inter-Talent galt und seit mehreren Jahren in alle Richtungen verliehen wird, das Spiel bereits zu Ende. Ein als Papst verkleideter Typ mit Megaphon versucht derweil die träge Anhängerschaft Granadas zu animieren, doch lange Zeit bleibt das Niveau der Partie zu dürftig, als dass hier auch nur irgendwer aus dem Sattel gehen würde. Erst in der Nachspielzeit sorgen Vadillo mit seinem Direktschuss und Vico mit dem Nachschuss aus Nahdistanz an den Querbalken in Kooperation für einen ersten spielerischen Höhepunkt. Auf der Videowand des Stadions wird ein „Uyyy“ eingeblendet, damit der geneigte Stadionbesucher weiß, wie man emotional auf vergebene Großchancen zu reagieren hat und dann bittet der fahrige Schiedsrichter Franco auch bereits zum Pausentee.

In der zweiten Halbzeit verlassen wir unsere Premium-Plätze und machen es uns hinter der letzten Reihe des Unterrangs stehend gemütlich. Wir tun es den beiden spanischen ADHS-Kids vor uns gleich und adaptieren deren Strategie. Ein bisschen hüpfen, ein bisschen hin- und herrennen, ein bisschen vor dem kalten Wind verstecken. Neben diesen sinnhaften Maßnahmen weiß uns aber auch das Spiel im zweiten Abschnitt zu erwärmen. Nach 51 Minuten wehrt Albacetes Keeper Nadal eine scharfe Hereingabe an den Fünfmeterraum so ab, dass diese einem Angreifer Granadas direkt vor die Füße fällt, doch kann Defensivspieler Gentiletti den guten Linksschuss noch gerade eben so von der Linie kratzen. Granada investiert nun mehr in das Offensivspiel, kommt zu diversen schnellen Torabschlüssen, lässt sich jedoch durch einen Konter nach gut einer Stunde beinahe übertölpeln. Die Lattenunterkante verhindert ein Kopfballgegentor nur knapp, aber nur drei Minuten später ist es dann doch so weit. Flanke von der rechten Außenbahn, Flugkopfball Jérémie Bela, 0:1!

Der kleine Fanblock Granadas hinter dem Tor antwortet mit nun lauter werdendem Support. Ebenso angenehm reagiert Trainer Martinez, der in Adrián Ramos nicht nur ein bekanntes Gesicht, sondern auch frischen Offensivwind einwechselt. Der einzige Nichtspanier im Trikot Granadas steht nur kurz nach seiner Einwechslung bereits im Mittelpunkt einer Wahnsinns-Szene: 68. Minute. Haken Ramos an der Strafraumkante, Flanke, Kopfball Vico, Blitzreaktion des Torwarts, der Ball fliegt im hohen Bogen auf die Torlatte, fällt zurück in das Gewühl und gleich zwei strafstoßwürdige Fouls im Kampf um das Spielgerät fallen für Schiedsrichter Franco nicht ausreichend genug ins Gewicht und die Pfeife bleibt stumm. Nach 73 Minuten verfehlt eine regelrechte Fackel von Vadillo ihr Ziel nur knapp. Granada dreht weiter kontinuierlich am Gashahn und drängt auf den Ausgleich. Längst haben sie die schwache erste Halbzeit vergessen lassen, doch benötigt man eine weitere zweifelhafte Entscheidung Francos, um letztlich zum Torerfolg kommen zu können. Fede Vico verwandelt einen geschenkten Handelfmeter nach 76 Minuten sicher zum 1:1. Granada zeigt nun absoluten Siegeswillen, Albacete hängt 15 Minuten lang wie ein angeschlagener Boxer in der Ecke und versucht sich über die Zeit zu retten. Ramos verpasst per Kopf denkbar knapp (77.) und ein von Ramos abgefälschter Díaz-Schuss landet erneut nur an der Querlatte. So muss sich der Tabellenführer der zweiten spanischen Liga am Ende mit einem Punkt begnügen, während Albacete das Remis wie einen Auswärtssieg feiert.

Wir finden nach dem Spiel im „El Caladero“ unser gastronomisches Zuhause. Nach den Reisestrapazen des heutigen Tages und den im Stadion erlittenen Erfrierungserscheinungen kann es sicherlich nicht schaden, sich an Bier und guten Speisen zu erwärmen. Das erste „Estrella Galicia“ wird geleert, während der Kellner freundliche Grüße aus der Küche serviert. Fischfilet mit Pilzen in Sahnesoße, Gambas in Öl. Es ist 23.30 Uhr. Wir haben soeben Ibericofilet, Croquetas und Auberginen mit Honig bestellt und im Hintergrund toben die Niños, die mit ihren Vätern beim Fußball waren, durch die Cervecería. Ach, was lieben wir den spanischen Lebensstil, das Gefühl für einen sinnvollen Tagesrhythmus, die Esskultur und das Wetter – also, außer in der Sierra Nevada, vielleicht …

Am nächsten Tag greift dann erstmals die Thees-Uhlmann-Theorie zu typischen Männerurlauben, die der „Hoollege“ gekonnt rezitiert: „Berge von unten, Kirchen von außen, Kneipen von innen!“.

Es ist das erste Mal im Verlauf dieser Reise, dass wir eindeutig zu wenig Zeit haben, um eine Stadt in zufriedenstellendem Umfang erkunden zu können. Den Versuch unternehmen wir trotzdem und dieser startet dank einer gefundenen Fahrkarte für die Straßenbahn mit einem Guthaben von 4,50 € doch einigermaßen verheißungsvoll. Die großzügigen Boulevards der Stadt mit ihren Renaissancebauten sind ebenso sehenswert wie das Rathaus und die Kathedrale Santa María de la Encarnación de Granada, vor der wir einen kleinen Streit zwischen zwei Damen mitbekommen, die mittels Gewürzzweigen irgendwelche spirituellen Hokus-Pokus-Rituale an Touristen verüben wollen. Ist schon immer doof, wenn in deiner unmittelbaren Nachbarschaft ein Konkurrent eine Zweigstelle eröffnet…

Natürlich gilt es im Anschluss auch, wenigstens einen kurzen Blick auf das Wahrzeichen der Stadt zu werfen. Einige schöne Eindrücke können wir entlang der Uferstraße des Rio Darre sammeln und schnell haben wir einige Höhenmeter zurückgelegt. Endlich tut sich die Alhambra am Horizont auf und Fotos aus sicherer Entfernung werden angefertigt. Die Alhambra ist eine Stadtburg auf dem Sabikah-Hügel und gilt als bedeutendes Erbe des maurischen Stils, ist seit 1984 Weltkulturerbe und eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Europas – für die Erkundung dieses Bauwerks und für ausführlichere Granada-Spaziergänge sollte man sich in diesem Leben zwingend noch einmal etwas mehr Zeit nehmen.

Aufgrund unserer neuentdeckten Dekadenz lassen wir uns im Anschluss des Spaziergangs hinauf auf den Hügel mit dem Taxi wieder nach unten chauffieren und vergrößern so den knappen Zeitpuffer. Wir kommen daher noch in den Genuss einer kleinen Stärkung gegenüber des Busbahnhofs. In einem Imbiss wird es für FUDU Grillwurst und endlich auch ein lokales Bier zum Verköstigen geben. „Alhambra akbar!“, schallt es kurz darauf dank der Steilvorlage des Gerstensafts Granadas erwartungsgemäß durch die Reihen FUDUs, in denen sich ansonsten der Pommes-Verdruss in der Beilagenbestellung deutlich bemerkbar gemacht hat. Noch hofft der „Fackelmann“, der grüne Salat würde ihn gesundheitlich wieder herstellen können und der Kellner darauf, einige Meter einsparen zu können, indem er die Bestellungen einfach von der Terrasse in das Lokal blökt, anstatt an den Tresen zu laufen. Soviel sei vorweggenommen: Nur eine dieser beiden Hoffnungen wird sich erfüllen.

Um 15.00 Uhr sitzen wir in einem Bus des Unternehmens „ALSA“. Für 13,20 € (Buchungstag: 28.12.) wird man in genau 1:45 Stunden nach Málaga gefahren und zur Feier des Tages hat man in diesem Reisebus sogar eine Toilette verbaut. Na dann, holt das Bier aus dem Beutel – **** FUDU ist nicht mehr aufzuhalten! /hvg

03.01.2019 Lincoln Red Imps FC – St. Joseph’s FC 1:3 (0:3) / Victoria Stadium / 89 Zs.

Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe, als der „Fackelmann“ irgendwann zwischen Porto und Lisboa verkündet, bei „BlaBlaCar“ hätte ein Michael eine Autofahrt von Faro nach Gibraltar am 03.01.2019 inseriert. Drei Mitfahrer zu je 23 € würden gesucht, Abfahrt um 13.00 Uhr, Ankunft in Gibraltar in einer anderen Zeitzone um ca. 19.00 Uhr, Anpfiff um 20.30 Uhr. Als bekennender Amaxophobiker bin ich im ersten Moment zwar nur mittelschwer begeistert, mich knapp sechs Stunden in das Auto eines fremden Menschen zu setzen und über iberische Autobahnen zu heizen, aber der „Fackelmann“ kann überzeugende Argumente liefern: Michael hätte ausschließlich gute Bewertungen, hätte auf Nachfragen sehr seriös und freundlich geantwortet und außerdem könnte ich nach wie vor darauf schwören, dass in der Küche einer unserer Ferienwohnungen der letzten Tage auch der Begriff „Arzt“ im Zusammenhang mit eben diesem Michael gefallen ist. In mir jedenfalls ist das Bild eines seriösen, mittelalten Halbgottes in Weiß gewachsen, der in Diensten der „Médecins Sans Frontières“ in Gibraltar gestrandeten Flüchtlingskindern medizinische Unterstützung leisten wird. So jemand wird uns hoffentlich sicher an unser Ziel bringen und wenn ein Reiseziel „höchste Priorität“ genießt, dann muss ich eben auch einmal Opfer bringen.

Um Punkt 13.00 Uhr finden wir Dr. Michael am Bahnhof von Faro vor. Unseretwegen ist er eigens mit dem am Flughafen abgeholten Mietwagen noch einmal in die Stadt gefahren, um uns den Weg hinaus zum Aeroporto zu ersparen. Michael steigt aus dem Fiat Panda, ist vielleicht Mitte 20 und Student aus Jena. Später will der „Fackelmann“ nichts mehr davon wissen, uns mit einer „Arzt-Argumentation“ in einen tückischen Hinterhalt gelockt zu haben. Doch Michael macht den ersten Schreck umgehend wieder wett. Sein Blick fällt auf meine kurze Hose, verziert mit dem Logo eines Coepenicker Fußballclubs und er kombiniert geschickt: „Ach, ihr wollt heute Abend auch das Spiel sehen?“

Hätte man auch selbst darauf kommen können. Jemand, der kurz nach Neujahr an einem Donnerstagmittag alleine von Portugal nach Gibraltar fährt. Kann ja eigentlich nur ein Hopper sein. Wir sind jedenfalls einigermaßen erleichtert, dass angesichts des etwas knappen Zeitfensters nun zumindest schon einmal gewiss ist, dass wir synchrone Zeitpläne und Vorstellungen über die angepeilte Ankunftszeit mit an Bord bringen. Unnötig lange Pausen wird es so mit Sicherheit keine geben und sollten die Autobahnen einigermaßen frei bleiben, steht dem heutigen Flutlichtspiel im „Victoria Stadium“ nichts mehr im Wege.

Wie man sich vorstellen kann, werden die kommenden Stunden überaus kurzweilig werden. Dank gemeinsamer Themen und Interessen reißen die Gespräche nicht ab und so bewegt man sich thematisch sicher auf einem Terrain, welches irgendwo zwischen dem „Mondpalast“ von Wanne-Eickel, Borussia Neunkirchen, Groundhopping in Transnistrien und der Architektur von Eishallen im Ruhrgebiet abgesteckt ist. Wir kommen zu meiner Freude nicht zu zügig, aber doch zügig genug voran und ehe man sich versieht, kann man durch die Windschutzscheibe auch bereits den ersten Blick auf den „Upper Rock“ werfen, der sich majestätisch am Horizont auftut. Später wird der „Hoollege“ zusammenfassen: Sicherer Fahrer, nur mit dem Abstand halten hatte er es nicht immer so. Sollte er lernen – könnte ja sein, dass er das irgendwann einmal im Alltag brauchen wird.

Michael parkt das Auto vor seiner Unterkunft auf spanischem Staatsgebiet ab, nimmt Kontakt mit dem Vermieter auf, organisiert sich seinen Schlüssel und steht nur wenig später wieder in der Spur, um gemeinsam mit uns fußläufig in Richtung Großbritannien aufzubrechen.

Das nächste Kapitel der Reise heißt demnach „Le Médecin et la Frontière“, nimmt jedoch nicht all zu viel Raum in dieser Erzählung ein. Mit der richtigen Staatsangehörigkeit, der richtigen Haut- und der richtigen Haarfarbe wird man an Grenzen eben immer schnell durchgewunken. Keine Ahnung, was an Rassismus jetzt immer so schlecht sein soll.

Gibraltar. Nun sind wir also endlich angekommen im High-Priority-Ziel dieser Reise und machen uns eben kurz schlau. Gibraltar wurde im Jahr 1704 von einer englischen Flotte erobert – angeblich während einer Siesta der spanischen Armee. Alte englische Männer amüsieren sich seit Generationen über die Mär vom spanischen Mittagsschlaf, während es spanischen alten Männern seit Jahrhunderten nach Rache dürstet. Lange Zeit war dieser uralte Streit zwischen den Völkern beinahe in Vergessenheit geraten, doch nun droht der schützende Kitt der EU zu bröseln. Großbritannien verabschiedet sich bekanntermaßen (so schnell wie eben möglich) aus selbiger und Spanien macht sich auf, alte Ansprüche auf den Felsen mit der strategisch wichtigen Bedeutung zwischen Atlantik und Mittelmeer, bzw. zwischen Europa und Afrika, neu zu stellen. Die Einwohner Gibraltars haben mit großer Mehrheit gegen den Brexit gestimmt, fühlen sich als Europäer, aber eben auch als Briten. Da wird noch eine Menge Arbeit auf Bürgermeisterin Kaiane Lopez zukommen. Ob die „Miss World“ von 2009 alte Männer gut um den Finger wickeln kann, vermag ich jedoch nicht zu beurteilen…

Auch wir erleben recht bald ein erstes Kuriosum des britischen Überseegebiets an der Südspitze der iberischen Halbinsel am eigenen Leib. Mehr oder minder direkt hinter der Grenze treiben einen Ordnungshüter an, nicht zu langsam spazieren zu gehen und bloß nicht anzuhalten. Der Grund ist einleuchtend, da man über die Landebahn des Flughafens laufen muss, um in das Stadtgebiet vordringen zu können. Mit nur 6,5 km² Landfläche ist eben nur wenig Platz vorhanden – da müssen sich Flugzeuge und Fußgänger schon einmal Wege teilen. Leider werden wir in den kommenden Stunden keinen Start oder Landeanflug und somit auch keinen beherzten Einsatz der „Bobbys“ aus nächster Nähe miterleben dürfen, die hier für die nötige Sicherheit sorgen sollen, damit niemand über den Haufen geflogen wird. Was uns jedoch bleibt, ist ein wunderschöner Ausblick über die Landebahn, hinein in die Abenddämmerung und das „Victoria Stadium“. Da musste sich Fetti einfach kurz den Anordnungen widersetzen, stehen bleiben und ein Foto schießen. Excuse me, Officer!

Wir verabschieden uns vor einer Bar namens „Bruno’s“ von Michael und versprechen ihm, ihn dort wieder einzusammeln, sobald unser Check-In im „Hotel Bristol“ erfolgreich abgeschlossen worden ist. Unwesentlich später stehen die drei FUDU-Schweine in einer mondänen Lobby eines englischen Herrenhauses. Frisch gelandet im Rosamunde-Pilcher-Setting legt Lord Torchman umgehend den „travelodge“-Seidenschal um und das Fußvolk richtet die „Adelskronen“. Auch unser Zimmer, welches wir noch in Portugal online gebucht hatten, besticht durch Echtholz und dunklem Leder und scheint seine 105 £ für eine Nacht zumindest annähernd wert zu sein. FUDU war sich natürlich bewusst, dass zwischen den Urlauben in Portugal und Spanien ein Aufenthalt in England bevorsteht (→ „höchste Priorität“) und so führt man weltmännisch geschickt hier gültiges Bargeld mit sich. Womit allerdings niemand rechnen konnte, ist die bemerkenswerte Detailverliebtheit der Briten, die hier wirklich jeden cm² als ‚England‘ verkleidet haben und im Hotel „natürlich“ Steckdosen des „Typ G“ verbaut haben. Einen Adapter hat von uns bedauerlicherweise niemand dabei und so werde ich meinen Laptop leider nicht zur Planung der weiteren Reise benutzen können und auch aus der Knipse werde ich im Verlauf des Abends wohl nicht mehr all zu viele Bilder herausgequetscht bekommen. Tröstlich, dass die Inselaffen wenigstens am guten Wetter Gibraltars nichts rütteln konnten und so geht es bei recht milden Temperaturen dünnbejackt zurück in Richtung „Bruno’s“.

Hier bleibt gerade noch genügend Zeit, um Michael ein Lager am Tresen zu spendieren und schon geht es hinüber in das 700 Meter entfernte „Victoria Stadium“ in der Winston Churchill Avenue. Die Stadiontore stehen offen, ein Eintrittsgeld wird nicht verlangt. Dies hat leider zur Folge, dass man keine Eintrittskarte als Souvenir erhält, auf der anderen Seite sind wir aber auch recht froh, nicht Gefahr zu laufen, mit irgendwelchen Ordnern oder Polizisten in Diskussionen zu geraten. Der überdimensionale Schlüsselanhänger des „Hotel Bristol“ könnte jedenfalls locker als Totschläger durchgehen und in körperlichen Auseinandersetzungen mit gibraltesischen Hooligans geschickt als Waffe eingesetzt werden.

In einer Liga, in der jeder jeden schlagen kann, trifft heute der Tabellenzweite auf den Dritten. Beide Mannschaften konnten zuletzt fünf Siege in Serie einfahren. Es ist Donnerstagabend, englische Woche, Flutlichtatmosphäre. Das Stadion fasst auf zwei Tribünen auf den Längsseiten 5.000 Zuschauer und bietet einen durch die Dunkelheit getrübten Blick auf den „Upper Rock“ im Hintertorbereich. 89 Zuschauer sind in die Arena geströmt, um das Spiel der „First Division“ der „National League“ erleben zu können. Auf dem benachbarten Flughafen startet eine Boeing der „Easyjet“ inmitten der just in diesem Moment begonnen Schweigeminute im Stadion die Maschinen. Kurz nachdem dieses bizarre Schauspiel zu Ende gegangen ist, wird die Partie auch schon eröffnet.

Auf dem Platz ist Spanisch die Amtssprache und somit dafür Sorge getragen, dass es sich in den kommenden 90 Minuten wieder etwas weniger nach England anfühlen wird. Nach 13 Minuten vergibt der Spieler mit der Nummer 99 der Heimmannschaft, der auf dem offiziellen Spielberichtsbogen nicht erscheint, die erste gute Gelegenheit. Wer weiß, in welches Wespennest voller Skandale FUDU hier wieder stoßen würde, aber eine weitere Verfolgung dieser Ungereimtheit wird nicht nötig sein: Nach 18 Minuten trifft Domingo Ferrer Lopez per sattem Dropkick von der Strafraumkante, knappe zehn Minuten später legt sich Red Imps Keeper Lolo Soler Ortuño ein schönes krummes Ecken-Ei mit Windunterstützung selbst ins Nest. Der Frust hierüber sitzt tief und Joseph Chipolina kann von Glück reden, dass er nach einem heftigen Ellenbogenschlag in der 33 Minute mit einer gelben Karte davonkommt, während sich die etatmäßigen Gäste anschicken, das Ergebnis weiter in die Höhe zu schrauben. Zwei Mal scheitert Juan Francisco „Juanfri“ García Peña aus höchst aussichtsreichen Positionen, ehe John Paul Duarte nach 44 Minuten am langen Pfosten völlig freistehend zum 0:3 einschiebt. St. Joseph’s wird den grünen Tisch also aller Voraussicht nach nicht benötigen und als sportlicher Sieger der Partie hervorgehen. Sensationell. Mit so einem Spielverlauf hätte in ganz Gibraltar niemand gerechnet!

In der Halbzeitpause entern wir die Stadionkneipe, in der Liverpool gegen Manchester City im Fernsehen läuft und in der sich aus selbigem Grund womöglich etwas mehr Zuschauer als auf den Tribünen befinden. Bei der Bestellung einer weiteren Runde Stadionbier fällt der prozentual hohe Anteil deutscher Hopper auf (Länderpunkt!) und so lassen wir „Premier League“ und Kneipe schnellstmöglich hinter uns, um uns wieder echtem Fußball auf Kunstrasen zuwenden zu können.

Viele deutsche Hoppertrottel werden auf die zweite Hälfte verzichten und lieber in der Gaststätte verweilen. Diese „45-Minuten-reichen-für-das-Kreuz-Mentalität“ wird FUDU wohl nie akzeptieren können und so erfreuen wir uns lieber über das Anschlusstor des Red Imps FC in der 58. Minute. Nach einer Ecke steht Chipolina goldrichtig und nickt zum 1:3 ein, womit die Kneipen-Elite ein Tor eines gibraltesischen Volkshelden verpasst hat. Chipolina war es nämlich, der mit seinem Elfmetertor am 13.10.2018 gegen Armenien für den ersten Pflichtspielsieg seiner Nation sorgte. Nur drei Tage später gelang ihm in der Gruppe D der „Nations League“ beim 2:1 Triumph über Liechtenstein ein weiterer Treffer und so wird es sicherlich das eine oder andere rauschende Fest rund um den Affenfelsen gegeben haben. Heute gibt es für Chipolina jedoch keinen weiteren Grund zum Jubeln. Die Hoffnung, das Spiel noch drehen zu können, stirbt von Minute zu Minute und spätestens eine Viertelstunde vor Ende der Partie ist die Luft raus. St. Joseph’s ist der strahlende Sieger des Abends. FUDU verabschiedet sich von Michael und startet den abendlichen Streifzug durch Gibraltar auf der verzweifelten Suche nach Nahrung.

Nach einem langen Reisetag hängen die Mägen in den Kniekehlen und das letzte Bier im Stadion wäre vielleicht auch nicht unbedingt nötig gewesen. Bistros und Restaurants haben bereits geschlossen und Fetti sieht sein Borstenkleid bereits davonschwimmen, als sich plötzlich eine Hotelbar als Retter in der Not auftut. Vier Lobby-Musiker spielen für acht Gäste, es gibt Lager vom Fass und eine Küche, die sich immerhin bereiterklärt, uns noch eine Pizza zu kredenzen. 20 Minuten später stehen drei Tiefkühlpizzen zu je 9,50 £ vor uns. Immerhin hat ein Dienstleister vor dem Erwärmen die Folie für uns entfernt und auch der „Smooth Jazz“ im Hintergrund wertet das Fertigprodukt natürlich enorm auf. Zufriedenstellend gesättigt kommt es zwischen dem „Hoollegen“ und dem Kellner zu einem Missverständnis und gegen unseren Willen wird eine zweite Runde Lager serviert. Der „Bierunfall von Gibraltar“ wird in die Geschichte eingehen und leider auch dafür sorgen, dass wir am nächsten Morgen etwas schwerer aus den Betten kommen werden, als erhofft…

… aber FUDU bleibt diszipliniert! Vor unserer Weiterreise nach Spanien steht heute natürlich noch ein Stadtbummel und ein Ausflug auf den „Upper Rock“ auf dem Programm. Für sportliche 14 £ befördert eine Seilbahn den geneigten Touristen hinauf auf den Affenfelsen. Bereits dank des Ausblicks auf das Stadtgebiet und den Ozean hat sich die Investition aber bereits amortisiert und spätestens, wenn einem der erste Makake begegnet, hat sich die Zahlung vollends gelohnt. Auf dem Kalksteinfelsen leben in etwa 250 Berberaffen, die zu einer Art Nationalsymbol geworden sind und beispielsweise auch die gibraltesischen Pfundmünzen und Geldscheine zieren. Die Affen laufen hier frei herum und sind dafür bekannt, dem unvorsichtigen Touristen gerne mal in die Extremitäten zu beißen und Mütze, Hüte und Snacks zu stehlen. Wer den Unterschied zwischen im Zoo gehaltenen Tieren und wildlebenden Affen nicht versteht, muss ihn halt fühlen. Es wird gemutmaßt, dass die Affen ursprünglich aus Marokko stammen und während der arabischen Herrschaft in Südspanien (711 bis 1492) angesiedelt worden sind. Als der Affenstamm wegen Inzucht zu kränkeln begann, importierte Winston Churchill neue Berberaffen und rettete so den Bestand. Wäre ja vielleicht auch mal ein Denkansatz für Sachsen – wer zu lange auf nur einem Felsen schnackselt, braucht eben Hilfe von Außen…

So viele Affen hat man fernab der Warschauer Straße jedenfalls noch nie gesehen, sodass auch ich als nicht unbedingt bekennender Tierfreund am Ende des Tages von den gesammelten Eindrücken begeistert sein werde. Für einen gelungenen Gibraltar-Abschluss kehren wir routinemäßig in einem Pub ein und lassen uns am späten Nachmittag British Breakfast, Steak und Jacked Potato schmecken. Das ganz dezent weihnachtlich geschmückte Ambiente lässt unsere Herzen höher schlagen – zwischen den Jahren wenigstens einmal kurz in Great Britain gewesen zu sein, ist unter dem Strich doch auch nie ganz verkehrt gewesen. Der „Hoollege“ fälscht zum Zwecke der Kreditkartenzahlung noch eben schnell erfolgreich die Unterschrift seiner Frau und schon werden wir wieder zu Grenzgängern.

In La Línea de la Concepción wartet auf spanischer Seite ein Taxifahrer förmlich darauf, uns zum 12 Kilometer entfernten Bahnhof „San Roque – La Línea“ befördern zu können. Schnell sind in einem nahe gelegenen Kiosk kleinere Getränkevorräte gehamstert worden und Fetti und seine Freunde sitzen tiefenentspannt in der Sonne am Abfahrtsgleis, voll der Vorfreude auf eine gemütliche Zugfahrt nach Granada. Na, dann mal auf nach Randalusien! /hvg

02.01.2019 Portimonense SC – Sport Lisboa e Benfica 2:0 (2:0) / Estádio Municipal de Portimão / 5.884 Zs.

01.01., 10.10 Uhr. So lauten die idiotensicheren Koordinaten für die erste Bahnfahrt des Jahres 2019, die uns in exakt drei Stunden von Lisboa „Entrecampos“ an die Algarve befördern wird. Knapp 300 Kilometer sind hierfür zurückzulegen. Die ersten Minuten der Überfahrt sind direkt die spektakulärsten, als man die „Ponte 25 de Abril“ mit dem Zug überquert und noch einmal beste Sicht auf den Tejo, den „Cristo Rei“ und die sich immer weiter entfernende Stadt genießen kann. Die restliche Fahrzeit ist gerade einmal lang genug für ein solides Neujahrs-Nickerchen und ein Konterbier und schon rollt FUDU – mit einer überaus sinnvollen Verspätung von zwei Minuten – um 13.12 Uhr in Faro ein. Hier werden wir für die beiden kommenden Tage unser Basislager aufschlagen, um uns „perfekt“ für die weitere Reiseverlaufsplanung in Position zu bringen.

Erste Risse hatte dieses „perfekte“ Konzept allerdings schon vor einigen Wochen erhalten. Die portugiesischen Spielplanmacher sind bedauerlicherweise nicht die allerschnellsten ihrer Zunft und so wurde die ohnehin schon problematische Reiseplanung zusätzlich durch die unklaren Spieltagsansetzungen erschwert. Selbstverständlich hatten wir auf den Besuch eines Heimspiels des ortsansässigen Farense SC gehofft, doch einige Monde nach der Buchung des Zugtickets und der Unterkunft verkündete der portugiesische Verband trotzig: Wir lassen Farense schon am 30.12. kicken und setzen einfach die vier anderen Spiele am 02.01.19 an – nimm das, FUDU!

Und FUDU nimmt es nicht nur irgendwie, FUDU nimmt es sportlich. Der Plan B heißt bekanntermaßen schon längst Portimão, liegt 66 Kilometer entfernt und dank der Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter im Benfica-Store ist man bereits mit Eintrittskarten für die Partie ausgestattet. Bleibt die Hoffnung, dass ein zweitägiger Aufenthalt in Faro auch ohne Fußballspiel vor Ort eine sinnvolle Sache werden wird…

Kurz darauf haben wir das „Residencial Condado“ erreicht und unser Zimmer bezogen. Dieses bietet nostalgisches Klassenfahrtsflair und hölzerne Doppelstockbetten. Wer schläft oben, wer schläft unten? Allerdings ist der Raum klinisch rein, doch der Preis, den man hierfür bezahlt, ist hoch. Es riecht, als hätte jemand im Schwimmbad die Tür offen stehen gelassen. Eigentlich ein Wunder, dass sich die stark chlorhaltigen Reinigungsmittel noch nicht durch die Fliesen des eigenen Bades gefressen haben. Obwohl die Außentemperaturen heute etwas zu wünschen übrig lassen, bleibt uns keine andere Wahl, als sämtliche verfügbaren Fenster aufzureißen. Der Preis, den man für das Gesamtpaket zahlt, ist niedrig. Für 12 € pro Kopf und Nacht gibt es hier wenig zu meckern, nur bedauerlich, dass gerade irgendein aufsässiger Engländer bereits das zweite Mal den Feueralarm ausgelöst hat.

Unser Stadtbummel führt uns zunächst zum „Estádio de São Lúis“, in dem vorgestern 1.559 Zuschauer einen ungefährdeten 5:0 Heimsieg begutachten durften. Schöne Fotos von Wäscheleinen und Flutlichtmasten entstehen. Nachdem im Anschluss die Kathedrale, die Karmeliterkirche, das Rathaus, der Hafen, die Altstadt samt des Eingangsportals „Arco da Vila“ und die schicke Fußgängerzone besichtigt worden sind und zu unserem Missfallen der Irrglaube aus der Welt geschafft wurde, Faro wäre ein touristisches Paradies mit kilometerlangen Stadtstränden, knurren FUDUs Schweinemägen unüberhörbar.

„Mist, hier jibt’s jar keen Strand“, murmelt man immer wieder frustriert vor sich her, um zu übertünchen, dass es auch um die Versorgungslage eher dürftig bestellt ist. Eher mangels Optionen kehren wir letztlich im „Sem Tempo“ ein, in dem uns ein freundlicher Marokkaner für 17 € ein „Buffet“ verkaufen will. „All you can eat“. Womit er genau zwei Dinge nennt, die ich nicht mag – einen Teil aus Bequemlichkeitsgründen, den anderen aus moralischen. „Drinks are included, Wine, Beer, whatever you want!“, schiebt er nach und trifft damit voll ins Schwarze. Die drei FUDU-Schweine wedeln aufgeregt mit den Ringelschwänzen und dank der mittlerweile aus den Wolken hervorgetretenen Mittagssonne kann ein sonniges Plätzchen auf der Terrasse bezogen werden. Schnell steht der erste Kübel Bier auf dem Tisch, der Kellner lässt die Korken ploppen und während wir uns über das Buffet hermachen und die Teller voll laden, werden zu unserer Überraschung weitere Gerichte auf dem Tisch platziert. Irgendein Eintopf, irgendein Schmorfleisch – und ständig rennt der Kellner um einen herum und entfernt die noch nicht ganz geleerten Bierpullen, um neue nachzuliefern. Na, das kann ja was werden.

Kaum haben wir uns durch die beiden Tellergerichte geackert, erscheint plötzlich ein bärtiger Grillmeister an unserem Tisch, der uns irgendetwas tierisches vom Spieß kredenzt. Wir sind bereits leicht gesättigt und ahnen erst beim zweiten Besuch des Churrascomeisters, was hier noch auf uns zukommen wird. „This is Beef“, „This is Pork“, „This is Chouriço“, „This is irgendein anderes totes Tier“, „this is another Körperteil of Pork“ und so weiter und so fort. Zum Buffet musste jedenfalls schon lange niemand mehr laufen, da ständig neue Fleischberge aufgetafelt werden. Nach gefühlten Stunden verebbt der Biernachschub und endlich erhalten wir auch die Chance, die weißen Taschentücher herauszuholen und dem Küchenchef unsere Aufgabe zu signalisieren. Junge, junge, war das lecker. Per Handschlag werden wir verabschiedet und wahrscheinlich würden wir morgen wieder hier einkehren, wenn wir nicht schon längst mit dem Gedanken spielen würden, Faro entgegen unserer Planung bereits morgen wieder zu verlassen…

In der Zwischenzeit haben wir nämlich herausgefunden, dass es zwar einen Zug von Faro nach Portimão gibt, dieser am Abend aber nicht wieder zurückfahren wird und man sich die Nacht daher am Bahnhof um die Ohren schlagen müsste. Alternativ werden 90 € für eine Taxifahrt veranschlagt. Mittlerweile ist auch recherchiert worden, dass sich der „Praia de Faro“ in über 10 Kilometer Entfernung zu unserer Unterkunft befindet und man morgen nicht einfach mal so eben zum Strand gehen könnte. In der Jugendherberge riecht es nach unserer Rückkehr weiterhin wie nach einem Chlorgasangriff und der Feueralarm dröhnt mal wieder durch die Flure. Kurzum: Eine nicht zufriedenstellende Gesamtgemengelage, die dazu führt, dass wir uns verschämt einen Überblick über die Preislage der Übernachtungsmöglichkeiten in Portimão verschaffen. Und siehe da, in der Nebensaison kann man offenbar auch spontan das eine oder andere Schnäppchen schlagen. Für nur 28 € die Nacht schlagen wir bei einem Apartment in bester Lage zu und werden unseren freundlichen Rezeptionisten morgen Früh mit einem vorzeitigen Check-Out-Wunsch überraschen.

Am 02.01. wird die Maxime „Wer Faro nicht liebt, muss Faro verlassen“ zum geflügelten Wort der FUDU-Schweine. Nicht aber, ohne noch ein touristisches Highlight mitgenommen zu haben. In der Karmeliterkirche „Nossa Senhora do Carmo“ befindet sich die „Capela dos Ossos“. Bei der „Knochenkapelle“ handelt es sich um ein Beinhaus, welches man pfiffigerweise aus den Gebeinen von mehr als 1000 Mönchen aus dem Karmeliterorden errichtet hat, um wiederum die Gebeine anderer aufbewahren zu können. Gut 1245 Schädel wurden zur Verzierung mit angebracht und fertig ist die „schaurige Attraktion“, wie der Reiseführer verlautbaren lässt. Für alle, die „Memento Mori“ als Tattoomotiv zu abgedroschen finden, ist vielleicht der Spruch über dem Eingangsportal der Kapelle von Interesse. „Pára aqui a considerar que a este estado hás-de chegar“. Tja, mein Freund – irgendwann wirst auch Du nur noch ein Knochenkopp sein…

Knapp 90 Minuten später und 6,10 € ärmer haben wir mit dem Regionalzug Portimão erreicht. Die Strecke entlang der Atlantikküste hätte sicherlich grandiose Aussichten geboten, hätten wir nicht in einem beidseitig bemalten Wholetrain gesessen. Dafür erhaschen wir nun erste Blicke in das Stadion Portimãos und lassen uns durch heruntergekommene Hotelkomplexe und der Plattenbauskyline am Horizont nur kurz die Vorfreude auf den Aufenthalt am Meer vermiesen. Der Check-In im „Atlantichotel Studio 17“ gelingt spielerisch und das „schlichte Apartment“ entpuppt sich als luxuriös große Wohnung. Der „Praia da Rocha“ befindet sich in 2,1 Kilometer Entfernung, das Stadion in 1,4 Kilometern – alles richtig gemacht!

Im Überschwang der Gefühle und in diesem rauschartigen Zustand, ausgelöst von der guten Entscheidung, unseren Lebensmittelpunkt aus Faro nach Portimão verlagert zu haben, wagen sich einige FUDU-Schweine in die kalten Fluten des Atlantik. Das Neujahrsbad 2019 wird im Anschluss durch einen Aufenthalt in der Strandbar „O Bónezinho“ veredelt, in dessen Liegestühlen man sich bei Bier und Ziegenkäse-Honig-Sandwich von den Sonnenstrahlen wieder auftauen lassen kann. Sonne, Strand, Meer, Bier und Fußball. Stand: jetzt darf man wohl bereits von einem gelungenen Urlaub sprechen…

Zwei Bier und eine warme Dusche später ist man dann auch schon wieder bereit für den nächsten Höhepunkt des heutigen Tages. Nach den beiden Pokalspielen wird FUDU heute erstmals einem echten portugiesischen Ligaspiel beiwohnen können. Vor dem 15. Spieltag rangiert der Portimonense SC auf dem 9. Rang, während Benfica als Tabellenzweiter bereits vier Punkte Rückstand auf den Spitzenreiter Porto aufweist. Obwohl Benfica die letzten fünf Spiele siegreich bestreiten konnte, steht Cheftrainer Rui Vitória gehörig unter Druck. Die beiden Saisonniederlagen gegen Belenenses und Moreirense wiegen schwer und auch zuletzt konnte man mit zwei knappen 1:0 Auswärtssiegen in Serie nur bedingt überzeugen.

Leider werden wir von den portugiesischen Sicherheitskräften vor dem Stadion dann doch getrennt. Block 5 und Block 7 befinden sich zwar auf der selben Tribüne, bedürfen „dank“ eines Zaunes aber unterschiedlicher Eingänge. So mischt sich der „Hoollege“ mit einem Benfica-Anglerhut eines fliegenden Händlers unter das Volk, während ich noch eine kleine Diskussion mit einem Polizisten führen muss, ob ich meine Kamera mit in das Stadion nehmen darf oder nicht. Das Verbotsschild vor meiner Nase hilft mir und so zeige ich erst mit Fingern auf das Schild und dann auf meine Wald-und-Wiesen-Kamera. Wenn das hier ein „Objectiva Longo“ ist, mein Freund – dann bestelle ich beim nächsten Besuch des „Sem Tempo“ aber den veganen Teller.

„Fackelmann“ und ich beziehen Stellung nahe der Eckfahne, um den echten Benfica-Fans möglichst nicht im Weg zu stehen und müssen dann doch noch einmal umziehen, da sich genau dort eine sportliche Fraktion versammelt. Etwas skeptisch werden wir schon beäugt und vorsichtshalber bleibt die Kamera erst einmal in der Hosentasche und wird nur sporadisch herausgeholt. Das Stadion fasst 6.000 Zuschauer, gekommen sind heute 5.884 und der „Gästeblock“ umfasst eine der beiden Hintertortribünen und die gesamte Gegengerade. Gut und gerne 3.500 werden es hier heute mit Benfica halten und so langsam gewinnt man eine Vorstellung über die Rahmenbedingungen im portugiesischen Fußball. Egal, wo Porto oder Benfica aufdribbeln – offenbar genießen diese Vereine immer Heimrecht.

Im Gegensatz zu Belenenses versucht Portimonense aber wenigstens, dagegenzuhalten und so werden erste lautstarke Gesänge der Gästefans vor Anpfiff durch die eigene Vereinshymne im Keim erstickt. Das arg gewöhnungsbedürftige Vereinslied muss aber schon sehr hochgeregelt werden, um hiermit durchdringen zu können und natürlich wird Benfica das Stadion während des Spiels akustisch fest in der eigenen Hand haben. 60 Minuten lang wird der Support durchgängig und laut sein, 15 Minuten durch schweigendes Entsetzen abgelöst werden und dann 15 Minuten in blanken Hass umschlagen. Aber dazu später mehr.

Die Anfangsphase läuft für Benfica denkbar ungünstig. Zehn Minuten strahlt man völliges Selbstbewusstsein und eine beeindruckende Dominanz aus, um sich dann mit dem ersten Angriff der Hausherren das 1:0 zu fangen. Eine halbhohe und scharfe Hereingabe von Linksverteidiger Manafá grätscht Benficas Abwehrmann Rúben Dias über die eigene Torlinie. Da kann Stuttgarts Ex-Keeper Vladochimos nur staunend hinterherschauen. Im Anschluss fällt es Benfica unheimlich schwer, wieder Zugang zu dem Spiel zu finden. Zwar hat man den Ball fast ausschließlich in den eigenen Reihen, doch fehlt der Mut und die Kreativität im Spiel nach vorn. Mehr als ein vielversprechender Kopfball nach 27 und ein direkter Freistoß nach 36 Minuten springen bei den verkrampften Bemühungen jedenfalls nicht heraus. Besser macht es Portimonense, das genau einen zweiten Angriff benötigt, um mit 2:0 in Führung gehen zu können. Der Pass von Nakajima aus dem Mittelfeld in den Lauf von Jackson Martínez darf gelungen genannt werden, der Heber von Martínez über den herauslaufenden Vladochimos ebenso, aber warum Verteidiger Jardel den Ball unbedrängt in das verwaiste eigene Tor nicken musste, wird wohl auf Ewigkeit sein Geheimnis bleiben. Dank zweier Eigentore geht der Underdog also mit einer 2:0 Führung in die Pause – und inmitten unseres Stehplatzblocks regt sich erster Unmut.

Während wir uns für die zweite Halbzeit einen neuen Platz suchen, um nicht mehr ganz so nah an den Schwenkern und dem Stimmungskern zu stehen, zappeln sich auf dem Feld ein paar Kinder zu belangloser Popmusik die Beine wund. So weist Portimão die Besucher also darauf hin, dass man im Jahre 2019 zur „Europäischen Sportstadt“ gekürt worden ist. Meine herzlichsten Glückwünsche.

In der zweiten Hälfte wächst die Zuschauerzahl um einige Kiebitze, die die zum Greifen nahe Sensation nun von ihren Balkonen der angrenzenden Wohnhäuser miterleben wollen. Portimonense macht das einzig Richtige und spielt weiter munter mit, anstatt sich zu früh auf das Verteidigen des Vorsprungs zu konzentrieren. Bei Benfica verpufft die Einwechslung von Seferović völlig – es sind die Schwarz-Weißen, die hier 25 Minuten lang Ballett machen und durch Dener, Manafá und Paulinho zu weiteren guten Abschlüssen kommen. In der 70. Minute erleidet Benfica dann den nächsten schweren Rückschlag. Nach einer Flanke geht Stoßstürmer Jonas in der Mitte etwas zu übereifrig und mit gestrecktem Bein zu Werke und erhält nach Tritt gegen den Kopf von Portimãos Schlussmann Ferreira dank des „VAR“ die rote Karte. Der „Ellesse-Ultra“ neben uns nutzt die Behandlungspause des Keepers, um sich auf die Schnelle bereits sein fünftes alkoholfreies Bier zu kaufen. Wohl bekomm’s!

Torhüter Ferreira hat sich wieder aufgerappelt und ist zumindest soweit bei Bewusstsein, dass er hier weiterspielen kann. Die Benfica-Fans sind in der Zwischenzeit dazu übergegangen, ihre Spieler auszupfeifen und zu beschimpfen, während sich der kleine Heim-Fanblock und sogar Teile des Haupttribünenpublikums endlich Gehör verschaffen können. Bei Benfica wartet man vergeblich auf einen Ruck, der durch die Mannschaft geht und selbst fünf Minuten Nachspielzeit und die Einwechslung des kommenden Weltstars João Félix können nicht dafür Sorge tragen, dass sich der haushohe Favorit hier auch nur noch eine einzige Chance herausspielen könnte. Im Gegenteil – um ein Haar hätte Ewerton dem Ganzen noch das Sahnehäubchen aufgesetzt, scheitert aus Nahdistanz aber an Vladochimos.

So ist das letzte Highlight den Fans Benficas vorenthalten, die nun am Zaun ihre seltsam leblosen Spieler anpöbeln, als gäbe es kein Morgen mehr. Unser gelbjackiger Ultra lässt sich das sechste Alkoholfreie über den inzwischen geschlossenen Zaun reichen und im Chaoten-Block des „Hoollegen“ werden bengalische Feuer gezündet und auf den Rasen geworfen. Klar, dass es da nicht mehr lange dauert, ehe die „Bombeiros“ mit Eimerchen und Schäufelchen aufmarschieren und eine kleine Schaumparty feiern. Wir schließen den „Hoollegen“ hinter der Geraden alsbald in die Arme und gleichen unser Stadionerlebnis ab. Fazit: Portimão in der ersten Halbzeit mit Matchglück, in der zweiten aber derart gut, dass man den Sieg am Ende verdient nennen kann. Die Stimmung auf den Rängen passabel, die Gegengerade ohne Dach weckt nostalgische Gefühle, die Benfica-Fans waren i.O., dennoch begleitete ein leicht unbehagliches Gefühl im Bauch dieses Stadionerlebnis. Als Hopper hat man im Gästeblock nun mal einfach nichts verloren…

Einen Tag später wird Trainer Rui Vitória entlassen. Von den letzten 19 Saisonspielen wird Benfica 18 gewinnen, darunter eines mit 10:0 und am Ende der Saison zum portugiesischen Meister gekrönt werden. Von Meisterschaften kann FUDU nur träumen. Unser Ziel bleibt ein anderes: Der Affenfelsen von Gibraltar. Noch trennen uns knappe 600 Kilometer, aber was soll bei der „perfekten“ Reiseplanung da schon schief gehen… /hvg

30.12.2018 Os Belenenses – Futebol Clube do Porto 1:2 (1:0) / Estádio Nacional do Jamor / 6.319 Zs.

29.12.2018, 10.00 Uhr: Liebes Tagebuch! Es ist Samstag und die Sonne scheint. Wir sind alle schon ganz aufgeregt, weil wir heute wieder ein Fußballspiel sehen können. Santa Maria da Feira ist gerade einmal 35 Kilometer entfernt. Auch hier wird Ligapokal gespielt – der C.D. Feirense empfängt den Sporting Clube de Portugal, den zu Hause alle kulturlosen Bastarde fälschlicherweise immer ‚Sporting Lissabon‘ nennen. Gleich bummeln wir zum Bahnhof „São Bento“ und erkundigen uns, ob man die kleine Stadt mit einer Bahn erreichen kann.

29.12.2018, 10.30 Uhr: Wir haben Zugfahrkarten bekommen. Für 1,70 € fährt auf der „Linha do Vouga“ eine Schmalspurbahn in nur 27 Minuten nach Vila da Feira. Das wird schon der gleiche Ort sein, oder? Zurück gibt es leider keine Bahnverbindung mehr. Wir haben jetzt jedenfalls erst einmal den Kauf getätigt und gehen nun auf den Portweinstrich!

29.12.2018, 12.00 Uhr: Hier ist gerade ein dicker Engländer durch einen Stuhl gefallen. Das sah sehr lustig aus. Der Kellner ist direkt mit etwas Holzleim herbeigeeilt und hat die Sitzfläche angeklebt. Nun sitzt der Tommie wieder und trinkt sich vor lauter Schreck erst einmal durch das Portweinsortiment. Das ist Erlebnisgastronomie, wie sie im Buche steht. Die Kartoffelköpfe trinken lieber ein „Sagres“ und ziehen es vor, vor der Abfahrt in Richtung „Taça da Liga“ zu Hause zu Mittag zu essen.

29.12.2018, 14.00 Uhr: Das selbst gekochte Mittagessen schmeckt, das Flaschenbier mundet. Die Taxifahrt aus Vila da Feira wird zurück in etwa 30 € kosten, macht also knapp 6 € pro Kopf und Strecke für den heutigen Pokalausflug. Da kann der rumänische Kassenwart nicht meckern. Auf Facebook meldet der C.D. Feirense gerade, dass das Spiel heute Abend „esgotado“ ist. Das ist bestimmt irgendetwas tolles!

29.12.2018, 14.05 Uhr: „Esgotado“ bedeutet „ausverkauft“. Jetzt ärgere ich mich schon ein wenig, dass mir der C.D. Feirense nie auf meine E-Mail geantwortet hat. Angesichts von nur 5.449 Plätzen im Stadion sind wir nämlich sehr wohl auf die Idee gekommen, da vorher mal nach Karten zu fragen. Die Schmalspur-Casanovas haben soeben einstimmig entschieden, ihr Glück nicht auf dem Schwarzmarkt zu suchen und in Porto zu bleiben. Schön 1,70 € in den Wind geschossen. Da wird der rumänische Kassenwart wieder meckern.

29.12.2018, 19.30 Uhr: Wir hatten einen schönen Tag in Porto und haben nun wirklich alle Sehenswürdigkeiten abgeklappert. Ich habe viele Fotos von Kirchen, kleinen Häusern, Menschenmassen und Nahrungsmitteln geschossen. Das Stadion von Boavista sieht aus wie ein Parkhaus und war kaum ein Foto wert. Die lange Schlange vor dem Buchladen war allerdings einfach zu irrwitzig. Tausende Menschen warten hier auf Einlass, um irgendeine alte Wendeltreppe zu sehen, die der Sage nach Joanne K. Rowling dazu inspiriert hat, Harry Potter zu schreiben. Und die „Francesinha“ (→ die kleine Französin) entpuppte sich dann auch eher als hemdsärmeliger französischer Bauarbeiter. Ein überbackenes Toast mit Steak, Wurst und Schinken, übergossen mit einer dickflüssigen Bier-, Senf- und Tomatensoße. Lecker, diese Spezialität aus Porto – aber wenn das die kleine Französin war, möchten wir die große nicht kennenlernen…

29.12.2018, 21.30 Uhr: Der Sporting Clube der Portugal hat auswärts mit 4:1 gewonnen und zieht gemeinsam mit Benfica und Braga in das Halbfinale des Wettbewerbs ein. Der letzte Teilnehmer wird morgen im Fernduell zwischen Porto und Chaves gekürt. Die offizielle Zuschauerzahl wird mit 5.440 angegeben. 9 Plätze sind also frei geblieben. Verdammt, da hätten wir ja noch wen mitnehmen können. Wir haben dann alternativ Liverpool-Arsenal (5:1) geschaut. Portimonense meldet gegen Benfica übrigens: Esgotado! Gelächter. Dieses Mal lassen wir uns so schnell nicht abschütteln…!

 

… und so sitzen wir dann am 30.12. mit einem diabolischen Plan in der Hinterhand im Zug der „Comboios de Portugal“ nach Lisboa. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht einfach vor Ort noch drei Tickets für den Gästeblock ergattern könnten. Erst einmal genießen wir aber die entspannte Zugfahrt, die mich als verkappten Reiseleiter schon alleine dadurch entspannen lässt, dass man sie im Vorfeld der Reise buchen und bezahlen konnte. Bei all dem ganzen ungeplanten Chaos kommt es einer Wohltat gleich, dass zumindest die „CP“ zuverlässig, schnell und günstig dafür Sorge tragen wird, dass wir uns zumindest gut durch Portugal bewegen können.

Drei Stunden und fünfzehn Minuten später haben wir unseren Zielbahnhof erreicht und begeben uns umgehend auf den Weg in unsere Unterkunft. Die „Residencial Joao XXI“ verfügt zwar durchaus über einen wohlklingenden Namen, war der Reisegruppe allerdings in erster Linie dadurch ins Auge gefallen, dass sie sich preislich wohltuend von der Konkurrenz abgehoben hat. In Lisboa kann man es sich offenbar über den Jahreswechsel erlauben, irgendwelche astronomischen Phantasiepreise aufzurufen. Wird wohl genügend Menschen geben, die diese auch bezahlen, aber FUDU schiebt diesem Spiel den Riegel vor: 140 € für zwei Nächte im Dreibettzimmer sollten dann auch genügen…

„Sorry, we were lazy, your Room is not finished yet“, ist dann die erste mit russischem Akzent vorgetragene Konsequenz dieser Preisdrückerei, die man im Gegenzug zu ertragen hat. 30 Minuten zusätzliche Wartezeit werden ausgehandelt, die wir stilsicher zu überbrücken verstehen. Ein asiatischer Späti gegenüber unseres Hotels ermöglicht uns ein Kaltgetränk in der Sonne am Bordsteinrand. Argwöhnisch werden wir hierbei aus dem Hotel beobachtet. Ihr mögt es herumlungern nennen, wir nennen es cornern!

Eine halbe Stunde später ist das Bierchen geleert und das Zimmer bezugsfertig. Glücklicherweise bleiben nur noch 90 Minuten bis zum Anpfiff, sodass wir nicht all zu viel Zeit auf dem Zimmer verbringen müssen. Hier werden wir noch jede Menge Freude mit durchgelegenen Betten, spartanischer Einrichtung und einer feucht-schwarzen Wand haben. Nun müssen die drei Schimmelreiter aber schleunigst die Pferde satteln, es geht hinaus nach Belém!

Mit einem wunderbar vollgemalten Vorortzug tuckert man vom Bahnhof „Cais do Sodré“ parallel des Flussverlaufs gen Westen. Die fünfzehnminütige Fahrt entlang des Tejo bietet einem sogleich die Gelegenheit, den „Torre de Belém“ und das Seefahrerdenkmal „Padrão dos Descobrimentos“ zu bewundern, womit zwei touristische Hotspots bereits vor dem ersten Stadtspaziergang als besichtigt gelten. Die eigentliche Heimspielstätte von Belenenses ist das „Estádio do Restelo“, fasst knapp 20.000 Menschen und wird heute von uns links liegen gelassen. Leider dürfen die ersten Herren ihr Fußballstadion aktuell nicht nutzen, da sich der Präsident des Gesamtvereins mit dem Vorsitzenden der ausgegliederten Profiabteilung überworfen und eine weitere Nutzung des Stadions untersagt hat. Der Stammverein Clube de Futebol Os Belenenses spielt nur noch in der sechsten Liga, während der ausgegliederte Profiteil nun unter dem Namen Os Belenenses SAD und mit neuem Grafikdesign-Logo aus der Hölle in der höchsten Spielklasse vertreten ist. Wer mehr über die Posse erfahren mag, sei folgender Artikel des „Ballesterer“ ans Herz gelegt: https://ballesterer.at/2018/09/27/scheidung-auf-portugiesisch/.

Für uns bedeutet dies jedenfalls, dass wir noch ein wenig länger im Zug verweilen dürfen und drei Kilometer am eigentlichen Ziel vorbeirauschen müssen. Neues Ziel der Fahrt ist der Bahnhof „Cruz Quebrada“, von dem man das „Estádio Nacional do Jamor“ fußläufig erreichen kann. Selbigen Plan verfolgt offenbar auch eine Delegation jugendlicher US-amerikanischer Sportler*innen, die hier mit gut 120 Mann die Bürgersteige verstopfen und orientierungslos in der Gegend herumstehen, anstatt sich einfach von den riesigen Flutlichtmasten den Weg weisen zu lassen. Wir laufen Slalom um all diese gehirnverkümmerten Smartphonezombies und haben um 16.37 Uhr den Stadionvorplatz erreicht.

Die Schlange an dem Kassenhäuschen reicht dann in etwa zurück bis nach Belém und die Hoffnung schwindet ein wenig, pünktlich zum Anpfiff im Stadion zu sein. Wir sind umringt von Fußballfreunden aus Porto, Farben der Heimseite sucht man noch vergeblich. Einige zwielichtige Händler versuchen die unübersichtliche Einlasssituation zu ihren Gunsten auszunutzen und bieten Eintrittskarten mehr oder weniger als Meterware an. FUDU bleibt gleichermaßen skeptisch wie geduldig und sorgt sich angesichts einer Stadionkapazität von 37.593 nicht ernsthaft darum, keine Originaltickets mehr zu erhalten. Bei dem Gedrängel, dieser Menschenmenge und der Anzahl an fliegenden Tickethändlern kann man aber schon davon ausgehen, dass die Hütte heute einigermaßen voll wird. Die Zeit rinnt davon, man kommt der Kasse langsam näher, die Schwarzmarktpreise sinken. Um Punkt 17.00 Uhr haben wir auf dem offiziellen Weg drei Billets zu je 20 € erworben und die Sicherheitsschleuse erfolgreich passiert. Der erste Blick in das weite Rund sorgt dann für gemischte Gefühle. Überragend die monumentale Stadionarchitektur, enttäuschend die Zuschauerresonanz.

Die aktuelle Ausweichspielstätte für Belenenses wurde 1944 von Diktator António de Oliveira Salazar eröffnet und orientiert sich in seiner Architektur an diversen Olympiastadien. Wie es sich für einen vernünftigen Diktator gehört, wurde auch bei der Planung und Umsetzung dieses repräsentativen Bauwerks eher geklotzt denn gekleckert. Seit 1946 wird das Endspiel um den portugiesischen Fußballpokal im „Estadio Nacional“ ausgetragen und seinem Namen entsprechend absolvierte auch die Nationalmannschaft lange Zeit ihre Länderspiele in diesem Stadion – so lange, bis die EURO 2004 moderne Stadien nach Portugal brachte. Fußballhistorisch erlangte das Stadion vor allen Dingen in der Saison 1966/67 Relevanz, als der Celtic FC das Finale im Europokal der Landesmeister gegen Internazionale gewann. Und wieder einmal macht FUDU zwischen den Jahren Bekanntschaft mit den „lesbischen Löwen“…

Der Anpfiff des Spiels wird sich wegen des Andrangs an den Stadiontoren noch ein wenig verzögern. Obwohl Belenenses hier offiziell Heimrecht genießt, animiert der Stadionsprecher ausschließlich die kleine, aber feine Portokurve und auch auf der Haupttribüne halten es nahezu alle Zuschauer mit den Blau-Weißen. Lediglich am rechten Rand der Tribüne haben sich vielleicht 30 Menschen versammelt, die so eine Art Heim-Fanblock darstellen und den Kickern aus Belém zuzuordnen sind. Dieser kleine Block, bevölkert von alten Männern und Familien, wird ernsthaft von einem Polizisten bewacht, der die Arme verschränkend auf der Tartanbahn steht und auf seinen großen Einsatz wartet. „Der wird in der Polizeikantine bestimmt verspottet“, mutmaßt der „Hoollege“. Kurz darauf wird das Spiel mit zehnminütiger Verspätung eröffnet.

Mit der ersten Standardsituation des Spiels geht der Außenseiter in Führung. Nach Freistoßflanke, Kopfball und Torwartabwehr setzt Reinildo vehement nach und drückt den Ball im zweiten Anlauf über die Linie. Erst vier Minuten sind zu diesem Zeitpunkt gespielt und schon muss der große FC Porto um das Weiterkommen zittern. 20 Minuten später hat dann auch die Ami-Trotteltruppe das Stadion gefunden und im Heimblock Platz genommen. Ich kann mir die Begeisterung der 30 Belenenses-Anhänger bildhaft vorstellen. Von zu Hause vertrieben, der eigene Verein umbenannt und gespalten, mit nur noch 30 Mann gegen 6.300 Gäste ansingen und dann auch noch von 120 Touristen umringt sein – es gibt sicherlich schönere Abende im Leben eines treuen Fußballfans. Währenddessen gewinnt der FCP auch auf dem Rasen die Oberhand und drängt auf den Ausgleich. In der 27. Minute scheitert Jesus Corona am Pfosten, zehn Minuten später ist die Abwehr mit einem wunderbaren Steckpass erneut ausgehebelt, doch Moussa Marega schiebt den Ball denkbar knapp neben das Tor. Elf Minuten später überrascht Porto-Coach Sérgio Conceição mit einem Doppelwechsel. Für Costa kommt Tiquinho und für Pereira Hernâni – ein Wechsel, der in Portugal für einen kleinen Skandal sorgen wird. Wie wir zwei Tage später einer Zeitung auf der Überfahrt nach Faro entnehmen dürfen, hat Conceição mit diesem Wechsel eine Regel der „Taça da Liga“ unterwandert. Anstelle der zwei „Local Player“, die Artikel 15 der Spielordnung verlangt, bietet Porto fortan nur noch einen auf. Der junge Costa, der sonst nur für die zweite Mannschaft des FCP aufläuft, sei aber wirklich verletzt gewesen, so die Stellungnahme des Vereins später. Naja, zumindest ein Wechsel mit Gschmäckle…

In der Halbzeitpause stellt die Portokurve erstmals ihren melodiösen Dauersingsang ein und die große Stunde der Ordner hat geschlagen. Wer nichts zu tun hat, der macht sich halt Arbeit. In völliger Verkennung der Tatsache, dass hier nahezu ausschließlich Portosympathisanten sitzen, kann man natürlich den oberen Umlauf sperren, um die Begegnung mit Fans hinter dem Tor zu verhindern. Besonders schön, dass am unteren Rand der Tribüne keinerlei Absperrungen existieren und man neben der Tartanbahn locker durch das Stadion spazieren kann, während man sich oben in endlosen Diskussionen verstrickt. Aber letztlich ist all unsere Mühe umsonst – auch an dem Versorgungsstand in der Kurve gibt es kein echtes Bier zu kaufen, obwohl einem ¾ der Werbebanden des Stadions das Wort „BIER“ geradezu entgegen schreien. Wegen schwerwiegender Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz stürmt die Polícia noch eben schnell das Toilettenhäuschen und schon ist die kurzweilige Halbzeitpause Geschichte.

In der Kabine hat Portos Trainer offenbar ein Erfolgsrezept entwickelt: Flanken, Flanken, Flanken! Immer wieder irrt die Innenverteidigung von Os Belenenses durch den Strafraum und auch Torwart Mika wackelt bedenklich, sobald hohe Bälle von den Seiten in die Mitte fliegen. In der 47. landet ein Kopfball noch auf der Querlatte, in der 53. eine Direktabnahme von Marega dann aber endlich in den Maschen. Jetzt wird es richtig absurd und der Stadionsprecher feiert den Ausgleich frenetisch mit den mitgereisten Schlachtenbummlern aus Porto und spätestens jetzt muss sich das hier für den FCP wie ein echtes Heimspiel anfühlen. Porto hält den Druck im Anschluss konstant hoch, gleich mehrere Male brennt es lichterloh im Strafraum von Belenenses, dennoch braucht es eine weitere Freistoßflanke, um das Spiel zu drehen. (Ausgerechnet!) Tiquinho nickt nach Telles-Flanke aus dem Halbfeld zum 1:2 ein (63. Min.). Porto ist sich seiner Sache nun etwas zu sicher, schaltet einen Gang zurück und überlässt Belenenses das Zepter, doch mehr als einen direkten Freistoß nach 67 Minuten und einen guten Abschluss nach 76 Minuten kriegen die Hausherren nicht zustande gebracht. Plötzlich scheint man sich auf Portos Trainerbank zu entsinnen, dass es im Fernduell mit Chaves letztlich um die Tordifferenz gehen könnte (nur der Tabellenerste der Vierergruppe zieht in das Halbfinale ein) und so animiert man die Spieler noch einmal mit wilden Gesten dazu, die Offensive anzukurbeln. In den letzten 10 Minuten des Spiels schießt Porto vier wilde Fahrkarten und ein Abseitstor, doch am Ende wird Chaves genau ein Tor fehlen und Porto trotz des vielen Unvermögens in der Schlussphase lachender Sieger des Abends bleiben.

Nach dem Spiel kehren wir im „Villa Cruz“ ein und kompensieren mit leckerem Burger und Fassbier für 1,80 € das im Stadion ausgefallene Cateringerlebnis über alle Maße. Während wir danach auf unseren Vorortzug warten, plätschert im Hintergrund der Tejo vorbei und bietet akustisch optimale Untermalung für eine erste Recherche, für welche wir die Handys zücken. Hättet ihr beispielsweise gewusst, dass in der Europapokalsaison 1966/67 Jürgen Piepenburg vom ASK Vorwärts Berlin Torschützenkönig des Wettbewerbs wurde? Dank seiner sechs Treffer, darunter fünf in der Qualifikationsrunde gegen den irischen Vertreter des Waterford AFC (glatt in zwei Sätzen: 6:1, 6:0!), war Piepenburg dieser Eintrag in die Fußballgeschichtsbücher nicht mehr zu nehmen. Merkt’s Euch, ist alles prüfungsrelevant!

 

Am 31.12.2018 schnellen die FUDU-Schweine ungewohnt früh aus den Betten. Nichts wie raus aus der russischen Schimmelbude, hinein ins portugiesische Frühstücksparadies um die Ecke! Gefüllte Blätterteigteile in der Bäckerei nebenan sorgen für ausreichend Stärkung, um im Anschluss den ersten Teil des heutigen Sightseeingmarathons bewältigen zu können. Mit der Fähre setzen wir nach Cacilhas über, um dort den „Cristo Rei“ bestaunen und vielleicht sogar besteigen zu können. Rund um die achtgrößte Christus-Statue der Welt (architektonischer Fehler, um in der Superlativ-Liste weiter oben zu landen: mehr Sockel [82 Meter] als Jesus [28 Meter] bauen…) tummeln sich an diesem sonnigen Montagmorgen hunderte Touristen und wir sehen angesichts einer Eintrittspreisforderung in Höhe von 5 € und der wartenden Massen davon ab, unseren Plan umzusetzen, den Heiland als Aussichtsturm zu missbrauchen. Dafür haben wir große Freude daran, ein halbnacktes spanisches Topmodel zu beobachten, welches sich von ihrer dicken Freundin gerade gefühlt aus dem 1000. Winkel mit Good Old Jesus fotografieren lässt. Lasziv auf einer Mauer räkelnd, mit den Haaren spielend, posierend – diese Urlaubsfotos werden in ihrer erzkonservativen katholischen Herkunftsfamilie sicherlich prima ankommen.

Im Anschluss erkunden wir das Tejo-Ufer und spazieren munter drauf los. Schnell haben wir die Tourimassen hinter uns gelassen und tauchen ein in die morbide Welt eines verlassenen Ortes. In der „Quinta da Arealva“ kann man durch verfallene Industriebaracken klettern, einstige Gärten durchqueren und Ausblicke auf die „Ponte de 25 Abril“ und hinüber nach Belém erhaschen. Farbenfrohe „Streetart“ mit einer Range von „Wall Street“ bis „BSG Chemie“ bietet dabei beste visuelle Unterhaltung und so gehen gut zwei Stunden ins Land, ehe wir mit einem leichten Hüngerchen in die erste und einzige Touristenfalle des Urlaubs tappen werden. Das Essen schmeckt jedenfalls nur so mittelmäßig und als auf der Rechnung auch noch stolze 15 € für drei Fassbier veranschlagt werden, nickt uns von oben Jesus bestätigend zu. Kleine Sünden bestrafen der liebe Gott und FUDU eben sofort und so werden die 1,20 €, die der Wirt wortlos als Trinkgeld einbehalten will, aktiv zurückgefordert und beim Verlassen des Ladens noch zwei Gläser geklaut.

Zurück in der Innenstadt wird der Fanshop Benficas zum ersten Ziel erklärt. Dort erhalten wir die Auskunft, dass Eintrittskarten für das Spiel in Portimão nicht erhältlich wären. Esgotado, esgotado, esgotado, wir können’s nicht mehr hören. Dieses Mal lassen wir jedoch so schnell nicht locker und siehe da, eventuell gibt es im Shop neben dem „Estádio da Luz“ doch noch eine kleine Chance auf Resttickets. Eine Nachfrage später ist die freundliche Dame dann sogar bereit, zum Telefon zu greifen und bei ihren Kollegen nachzufragen, die zu unserer Begeisterung bestätigen: Ja, es gibt noch Eintrittskarten. Geöffnet ist der Laden bis um 19.00 Uhr, danke für die Auskünfte, Obrigada!

Es bleiben also noch gut zwei Stunden, um sich vom ortskundigen „Hoollegen“ durch Lisboa führen zu lassen. Wir schlendern über den „Praça do Comércio“, auf dem die Silvesterfeierlichkeiten vorbereitet werden und ein wenig der Weite des Platzes nehmen, laufen entlang der Schienen der berühmten Holzstraßenbahnen der Linie 28 und kraxeln durch das Altstadtviertel „Alfama“ hinauf zum „Castelo de São Jorge“ und werfen von oben Blicke hinab in die Stadt. Wirklich wunderschön, aber dennoch hinterlassen all diese Eindrücke unter dem Strich das Gefühl, genug vom überfüllten touristischen Lisboa erlebt zu haben. So fühlt es sich gegen 18.00 Uhr nicht unbedingt verkehrt an, dem Trubel der Innenstadt den Rücken zuzukehren und hinaus nach „São Domingos de Benfica“ zu fahren – Fetti, bring mich zum Licht!

Noch gerade eben rechtzeitig erreichen wir den Stadtteil, um den Sonnenuntergang über dem „Estádio da Luz“ miterleben zu können. Das ist echte Urlaubsromantik. Einige Minuten später hat uns der freundliche Mitarbeiter im Fanshop am Stadion tatsächlich drei Eintrittskarten für das angeblich ausverkaufte Gastspiel Benficas beim Portimonense SC am 02.01.2018 verkauft. Zwar erhalten wir Karten für unterschiedliche Blöcke, was in Portimão allerdings kein Problem darstellen würde, da man problemlos zwischen den Stadionteilen umherwandern könnte. Mit all diesen Erfolgsmeldungen im Gepäck starten wir unbeschwert in unseren Silvesterabend.

In der bereits gestern getesteten Churrasqueira „Kumar“ unweit unseres Pilzpalastes serviert eine indische Familie portugiesisches Essen für die einfachen Leute und mit Sicherheit wird sich auch heute Abend kein einziger Tourist hierher verlaufen. Wir stoßen zunächst auf unseren Meisterhopper-Schachzug an und erfreuen uns an dem Zufall, Benfica einfach hinterher reisen zu können und so problemlos Karten für den Auswärtsblock erhalten zu haben. Der Laden ist gut gefüllt und durch eine recht hohe Fluktuation der Gäste zu charakterisieren. Hier kehrt man ein, hier isst man schnell, gut und günstig und geht dann wieder. Nur FUDU hat sich festgesessen – und dieser eine furchtbare portugiesische Bauer am Nebentisch. Würde man sich weltweit auf die Suche nach dem Menschen mit den schlechtesten Tischmanieren begeben, hier hätten wir einen Kandidaten für die Goldmedaille gefunden. Rülpsen, schmatzen, furzen, grunzen und das Essen mit den Fingern zwischen den Zähnen hervorholen und wiederkäuen. Der „Hoollege“ und ich haben beste Sicht auf dieses einzigartig schöne Exemplar Mensch, während der „Fackelmann“ diesen ausschließlich olfaktorisch wahrnehmen kann. Ungefähr 100 Olf auf der 1988’er Fanger-Skala dürfte der Kerl schon an Geruchsemission verursachen. Eine Mischung aus chlorhaltigem Reinigungsmittel, Altschweiß mit einem Hauch von offenem Bein. Da wird doch die Toilette, von deren Besuch der „Fackelmann“ wegen des Gestanks gestern noch zwingend abgeraten hatte, heute plötzlich zum Wallfahrtsort für die Nasenscheidewände. Wir lassen nichtsdestotrotz eine üppige Fleischvöllerei folgen und trinken uns mit dem einen oder anderen „Licor Beirão“ Mut an, um den heutigen Abend in Anwesenheit des Stinkers (der „Ad_olf“) und die Nacht in der Moderhöhle überstehen zu können. Es ist ein wunderbarer Abend, der seine Faszination daraus bezieht, in menschliche Abgründe zu gucken und diese auszuhalten – muss er sich gedacht haben, während er mir und dem „Hoollegen“ beim Betrinken zusehen musste. Kann er ja nur von Glück reden, dass sich nicht auch noch der „Fackelmann“ umgedreht hat. So – und nur so – sollte man Silvester in Lisboa feiern!

Die Kellnerin schaut mittlerweile von Bierbestellung zu Bierbestellung skeptischer, kann den vom „Hoollegen“ ins Leben gerufenen Qualitätsstandard aber locker erfüllen. Alle Biere sind weit über der „Linea Ovo“ (= Eistrich) gefüllt und spätestens, als der portugiesische Prolet Popelkugeln formt und durch das Lokal schnippst, erhält er von Fetti und den anderen Iberico-Schweinen das Prädikat ’sevillalich‘. Irgendwann ist Neujahr, sagt das Fernsehprogramm und wir erhalten irgendeinen Schnaps auf’s Haus. Um kurz nach Eins werden wir gefragt, was wir gerne zum Dessert hätten. „Liqueur“!, antwortet der „Hoollege“ wie aus der Pistole geschossen und mit einer letzten Runde „Beirão“ nimmt man Abschied von diesem denkwürdigen Abend, der letztlich gerade einmal 70 € gekostet hat. Fleisch ohne Ende, hundert Runden Bier, ein Schnapsgelage und Gerüche, die man nie wieder aus den Klamotten gewaschen kriegt. Na dann, liebes Tagebuch: Auf ein schönes 2019! /hvg