388 388 FUDUTOURS International 23.11.20 22:52:38

13.04.2019 Ludwigsfelder FC – BSG Chemie Leipzig 1:1 (1:0) / Waldstadion Ludwigsfelde / 783 Zs.

Gestern habe ich das Heimspiel des 1.FC Union Berlin gegen den SSV Jahn Regensburg verpasst. Knapp 25 Kilometer Wegstrecke zwischen Arbeitsstelle und Fußballstadion waren in 30 Minuten einfach nicht zu realisieren – erst recht nicht, wenn die S-Bahn sich mit Schienenersatzverkehr auf der Ringbahn versucht. Noch etwas gezeichnet von dieser Schmach des freiwilligen Verzichts, treffe ich am Samstag auf den anderen FUDU-Pädagogen, der für meine bildungsfernen Plattenbauzöglinge demnächst Wildcards für ein Pankower Gymnasium organisieren kann. Endlich einmal eine wirklich sinnvolle und nachhaltige Kooperation! Doch genug der Arbeitsthemen, es soll hier schließlich darum gehen, schnellstmöglich ein gänzlich fußballfreies Wochenende zu verhindern. Da kommt es uns zupass, dass in der NOFV-Oberliga heute niemand geringeres als die BSG Chemie Leipzig ihre Visitenkarte im „Waldstadion“ zu Ludwigsfelde abgeben wird.

Um 11.36 Uhr tuckert die S-Bahn auf dem funktionierenden Teil der Ringbahnstrecke mit uns an Bord in Richtung Berlin-Südkreuz. Kaum eingestiegen, hat auch bereits der erste „motz“-Verkäufer vorgesprochen und einen kleinen Groschen von mir erhalten. Wenige Augenblicke später steigt ein Straßenmusiker zu, der mit dem „Hartz-IV-Song“ der „Monsters Of Liedermaching“ den gesamten Waggon begeistern kann und auch FUDUs Budget spielerisch um weitere Taler erleichtert. Kann ja eine richtig teure Tour werden, wenn das Tempo der unkalkulierbaren Nebenkosten im weiteren Verlauf der Anreise in dieser Form bestehen bleibt. Macht mal lieber ’n bisschen Adagio, sonst muss auch ich mir am Ende noch ein Bier mit meinem Kumpel teilen…

Glücklicherweise fallen keine weitere Zusatzabgaben im Berliner Nahverkehr an und auch auf der gerade einmal dreizehnminütigen Regionalbahnreise nach Brandenburg bleiben wir unbehelligt. Ob sich die 3,60€ + X bereits ihm Rahmen eines Ludwigsfelde-Sigthseeings amortisieren werden, darf zwar vage bezweifelt werden, dennoch ist unsere Freude groß, dass der „Sprengmeister“ bereits am Parkplatz bereit steht, um uns seine Heimatstadt zeigen zu können. „Ludwigsfelde bewegt!“ lautet der offizielle Slogan der Stadt, den man aber auch getrost gegen „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“ austauschen könnte. Wer sich nicht für Automobilproduktion (der „IFA W50“ wurde hier zwischen 1965 und 1990 gebaut, heute gehören die Werke zur Daimler-AG) oder Luft- und Raumfahrttechnik interessiert, bekommt hier wahrlich nicht viel geboten. Einen kurzen Blick auf die „Theodor-Fontane-Grundschule“ kann unser Stadtführer aber immerhin mit einer interessanten Randanekdote versehen. Vor ihm habe niemand geringeres als „Gentleman“ Henry Maske diese Schule besucht. Hier muss also ganz offensichtlich gewaltfrei erzogen worden sein.

Kurz darauf haben wir das „Waldstadion“ erreicht. Mein letzter Besuch der Spielstätte liegt bereits knappe 14 Jahre zurück. Kaum zu glauben, dass der 1.FC Union Berlin hier am 22.10.2005 um Punkte spielen musste und welche Entwicklung der Verein in den letzten Jahren genommen hat. Gerne erinnere ich mich aber an die Oberliga-Saison 05/06 zurück, in der man die eine oder andere Stadionperle in der Provinz besuchen dufte. Gefrorene Würstchen im Schneegestöber, matschige Gästeblock-Grashügel, 8:0, 10 € Eintritt im „Jahnsportpark“ auswärts gegen Türkiyem (Sitzplatz!), ein 0:0 bei Falkensee/Finkenkrug und der „Texas“-Hattrick in Ludwigsfelde. Freunde, das war ’ne Saison…!

14 Jahre später hat sich das „Waldstadion“ baulich ein wenig verändert. Das ohnehin bereits recht schicke Stadion ist 2010 um eine moderne Haupttribüne mit 368 überdachten Sitzplätzen erweitert worden und könnte nunmehr 7.868 der insgesamt 27.000 Ludwigsfelder in Empfang nehmen. Der Verein, der Ende der 80’er Jahre als BSG Motor einige Spielzeiten in der zweiten Liga der DDR verbracht hat, dümpelte zwischenzeitlich nur noch in der siebtklassigen Landesliga herum, hat in den letzten Jahren aber wieder den Weg nach oben gefunden und spielt nun seit dieser Saison wieder in der Oberliga. Während man in den Spielzeiten 04/05 bis 10/11 jedoch im Norden eingegliedert war, darf oder muss man sein Glück in dieser Saison in der Südstaffel versuchen. Die attraktiven Spiele gegen die BSG Chemie Leipzig und das Derby gegen den FSV Luckenwalde dürften über die ansonsten recht weiten Fahrtwege bis hinaus nach Gera, Plauen und Co hinwegtrösten.

Wir nehmen zunächst Platz auf der neuen Tribüne, um festzustellen, dass man es hier dank mobiler Lautsprecherboxen nicht aushalten kann. Die Durchsagen des Stadionsprechers werden dem gemeinen Fußballfreund jedenfalls in einer Lautstärke in das Trommelfell gehämmert, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Als dann auch noch minderjährige Cheerleaderinnen zu utopisch lauter Plastikmusik unter Beweis stellen dürfen, was die dürren Kinderbeinchen so hergeben, zieht es uns zur Abwendung von Fremdscham an den Getränkeausschank. Hier beobachten wir kleine und große Menschen, die sich vergnügt mit dem Maskottchen des LFC fotografieren lassen. „Ludwig“ scheint hier sehr beliebt zu sein, obwohl er ein bisschen so aussieht wie ein Tier, das es nicht schnell genug über die Autobahn geschafft hat. Taufen wir das Ungetüm mit den leeren Augenhöhlen einfach auf den Namen „Krüppelteddy“ und fangen uns den nächsten Shitstorm ein. Hoch die Gläser!

Im Anschluss setzen wir unseren Stadionrundgang fort und stellen wohlwollend fest, dass sich die alte Gegengerade mit den Stehstufen und den weißen Plastikbänken in den letzten 14 Jahren kein Stück verändert hat. Auch hier trifft man unverabredet auf bekannte Gesichter, die mit der BSG Chemie sympathisieren und kommt so in den Genuss weiterer gepflegter Smalltalks, sodass die verbleibenden Minuten bis zum Anpfiff nahezu verfliegen, obwohl einem die Cheerleaderinnen mit ihrer Performance parallel noch immer auf die Nerven gehen. Die Zeit reicht vor Anpfiff noch gerade eben so für ein gepflegtes wildes Urinieren im Kurvenbereich, wobei man gestehen muss, dass es schon einmal unverfänglichere Situationen gegeben hat, um auf einen kleinen Jungen zu treffen, der auf der Suche nach Schnecken ist. Um Missverständnisse zu vermeiden, verzichten wir auf das verlockende Angebot, uns seine Sammlung en Detail anzuschauen und eilen zurück auf unsere muckeligen Sitzschalen unter dem Tribünendach.

Das Spiel beginnt. Heute haben gut 400 Chemiker die 137 Kilometer Anreise aus Leipzig auf sich genommen, um ihre Farben gewohnt sangesfreudig unterstützen zu können. Dazu gesellen sich einige neutrale Fußballfreunde und ein Lokist. Die Resonanz auf der Heimseite ist etwas enttäuschend, sodass am Ende die erhoffte Marke von 1000 Zuschauern deutlich verfehlt wird und auch das Spiel kann den hohen Erwartungen zu keiner Zeit gerecht werden. Schnell sind 25 ereignislose Minuten verstrichen, die so ereignislos sind, dass wir uns mit unseren Gedanken bereits beim Abendprogramm befinden. FUDU ist schließlich eine derartige Eliteeinheit, dass es dann und wann schon etwas gehobeneres braucht als Oberligafußball. Champions League ist da schon eher unsere Kragenweite und so freuen wir uns bereits jetzt auf die Partie zwischen Spandau (bei Berlin) und Ολυμπιακός aus Piräus um 19.00 Uhr. Okay, zwar nur Champions League im Wasserball, aber Champions League bleibt Champions League!

Neben uns werden dann übrigens auch unsere Wasserfreunde von Tennis Borussia anwesend sein, die gerade durch Berlin tingeln, um singend darauf aufmerksam zu machen, dass ihnen irgendein windiger Geschäftsmann den Fußballverein entrissen hat. Na, dann weiß man wenigstens schon, von welchen queerschnittsgelähmten der Krüppelteddy-Shitstorm kommen wird…

Gerade, als wir uns die Frage stellen, ob man sich vor Betreten der Schwimmhalle wohl abduschen muss und ob es im Fanshop der Wasserfreunde Bademantel und -latschen käuflich zu erwerben geben wird, weckt uns die Heimmannschaft mit einer Doppelchance. 27 Minuten sind bereits ins Land gegangen, als Romanovski aus spitzem Winkel und Lemke mit dem anschließenden Schuss aus zweiter Reihe scheitern. Bei der bis hierhin pomadig auftretenden BSG bleibt Ex-Unioner Kai Druschky der auffälligste Spieler (nicht nur wegen seiner furchtbaren Frisur), doch auch seine zweite Halbchance nach gut 30 Spielminuten kann Keeper Lindner am kurzen Pfosten mit einem guten Reflex vereiteln.

Nach 42 Minuten gehen die Hausherren, die wesentlich spritziger und agiler als ihre Gegner wirken, verdient in Führung. Nach einem Einwurf können die Ludwigsfelder den Ball gut behaupten und über 3-4 Stationen in den eigenen Reihen laufen lassen. An der Strafraumkante schüttelt Sturmspitze Paul van Humbeeck einen Verteidiger mit einer einfachen Körpertäuschung ab, dringt in den Strafraum ein und schließt beherzt in das lange Eck ab.

In der Halbzeitpause begrüßt der Stadionsprecher den ältesten Fan im Stadion, doch leider weigert sich der „Sachse“ etwas beschämt, aufzustehen und in die Runde zu winken. Am Getränkestand erhalten 2/3 der Reisegruppe ein komplettes Bier vom Hahn, während sich der Kaffeetrinker mit einem halben Becher des Heißgetränks zufrieden stellen muss. Offensichtlich hat der LFC nicht genügend Thermoskannen abgefüllt und so wandert die letzte Pfütze Kaffee immerhin als Geschenk in die Reihen FUDUs.

Den zweiten Spielabschnitt erleben wir von der Gegengerade. Gerade einmal sieben Minuten sind gespielt, als LFC-Akteur Goede im Spielaufbau ein verheerender Schnitzer unterläuft. Seinen Fehlpass kann Böttger im Mittelfeld aufnehmen und mit Tempo auf das gegnerische Tor zulaufen. Sein Querpass zu Alexander Bury durch den Sechzehner sitzt und der schnelle Ausgleich nach Wiederanpfiff für die BSG ist gefallen. Direkt im Gegenzug scheitert Lemke mit einer Direktabnahme aus fünf Metern nach Romanovsky-Flanke an Keeper Latendresse und spätestens nach einer Stunde hätte sich der LFC die erneute Führung verdient gehabt. Allerdings kann Lemke auch die zweite mustergültige Flanke seines ukrainischen Mitspielers nicht im Tor unterbringen – dieses Mal verhindert die Querlatte den Einschlag.

In den letzten 30 Minuten verflacht die Partie. Der BSG merkt man den Kräfteverschleiß der vergangenen Wochen, in denen sie eine Vielzahl an Spielen zu absolvieren hatte, deutlich an. Auch auf den Rängen bieten die „Diablos“ heute bestenfalls Durchschnitt und tun es ihrer Mannschaft gleich, die nun komplett in einen Verwaltungsmodus schaltet. Insgesamt hat man heute zu wenig Elan und Esprit, um das Spiel aktiv zu gestalten und in dieser durchaus enttäuschenden Gesamtkonstellation hofft man auf ein baldiges Ende des Spiels. Letztlich gelingt es Chemie mit diesem biederen Beamtenfußball einen Punkt aus dem „Waldstadion“ zu entführen und für uns endet der erste Teil des sportlichen Samstags.

Nach Abpfiff zieht es uns vorbei am wunderschönen Rathaus Ludwigsfelde in die „Gaststätte Landlord“, wo sich das verschnörkelte „S“ im Logo des hier ausgeschenkten Bieres bei genauerem Hinsehen leider als „H“ entpuppt. Geschenkt, jetzt haben wir schon „zwei Sauff-Bräu“ und eine deftige Grundlage für den Abend in der Königsklasse bestellt. Glücklicherweise trennen uns vom Bahnhof nur noch fünf Meter Fußweg, sodass im Anschluss der Nahrungsaufnahme einer zweiten Runde „Sauff“ nichts mehr im Wege steht. Nicht nur in Jena weiß man: „Saufen schmeckt gut!“

Um 18.00 Uhr haben wir wieder Berliner Boden unter den Füßen und nun noch exakt eine Stunde Zeit, vom Bahnhof Südkreuz in die Schwimmhalle zu gelangen. Für den 1,3 Kilometer langen Teufelsmarsch decken wir uns glücklicherweise noch mit einem Wegbier ein, welches nach 15 Minuten zum Stehbier wird. Wir haben die „Sport- und Lehrschwimmhalle Schöneberg“ bereits vor der Nase und nun genügend Ruhe und Muße, die als TeBe-Fans verkleideteten Wasserballfreunde zu beobachten. Diesen Auftritt darf man schon jetzt getrost als hochnotpeinlich bezeichnen, als plötzlich der „Sachse“ vom gleichnamigen Damm winkt. Da hat wohl heute jemand die gleichen Samstagspläne…

Für den Eintritt in die „Sport- und Lehrschwimmhalle“ verlangen die Spandauer von Vollzahlern stolze 10 €, was mich dazu animiert, mir eine ermäßigte Karte zu ergaunern. Als Ermäßigungsgrund gebe ich im Dialog mit der Kassiererin einfach ‚Nichtschwimmer‘ an, was sie glücklicherweise amüsant findet, mit einem Lächeln quittiert und mich gegen eine Zahlung von nun nur noch 5 € und ohne Dusche passieren lässt.

Die Schwimmhalle ist auf einer Seite mit einer großen Tribüne ausgestattet und auf ungefähr 32 Grad aufgeheizt worden. Das nächste Bier fühlt sich angesichts der Temperatur und des rinnenden Kondenswassers an den Wänden ein wenig wie Alkoholmissbrauch in der Herrensauna an und schon betreten die durchtrainierten Athleten den Innenraum.

Einige von Euch kennen vielleicht den einen oder anderen legendären youtube-Clip großer Fanszenen südosteuropäischer Fußballvereine (z.B. Roter Stern, Partizan, Galatasaray, Panathinaikos o.ä.) in ungewohnten Umgebungen. Viele Fanszenen begleiten nachweislich auch gerne mal die anderen Abteilungen ihrer Clubs akustisch. Mit Fahnen, Trommeln, Gesängen, Nebeltöpfen und Bengalos werten sie so gelegentlich den einen oder anderen Hallensport auf. Immer wieder ein Genuss, 200-300 Ultras dabei zuzusehen, wie man beim Basket-, Wasser- oder Volleyball mit geschlossenen Auftritten regelrecht die Hallendächer abreißen kann. Heute erwartet FUDU mindestens 300 heißblütige Griechen, die das Wasser der „Sport- und Lehrschwimmhalle“ zum Kochen bringen.

Um Punkt 19.00 Uhr wird das Spiel der Champions League (Vorrunde, Gruppe B) eröffnet. Die 300 Griechen stehen leider noch im Stau, stattdessen nerven die TeBe-Trottel mit Gesängen. Der Hallensprecher weist darauf hin, dass man heute extra Trommeln an die Reling gehangen hätte und bittet die Zuschauer, diese nun auch zu benutzen. Knapp 250 Menschen haben sich immerhin auf der Tribüne versammelt, während die Spandauer dem amtierenden Champion aus Piräus im ersten Viertel Paroli bieten können. Nach den ersten acht Minuten steht es 2:2, doch bereits zur Pause liegen die Wasserfreunde mit 2:6 im Hintertreffen und die Wasserball-Regularien bitten Fetti nach lediglich 16 effektiven Spielminuten schon wieder zum nächsten Bier. Die enthusiastischen Griechen haben die Halle in der Zwischenzeit leider noch immer nicht erreicht. Vielleicht versehentlich ins „Stadtbad Schöneberg“ gefahren – Anfängerfehler.

Am Ende werden sie ein 11:3 ihrer Helden verpassen und der durchgeschwitzte Fetti wird auch beim Verlassen der Halle nicht abgeduscht. Nicht einmal mit Champagner. Dann am nächsten Wochenende doch lieber wieder unterklassiger Fußball statt Champions League in der Herrensauna! /hvg

06.04.2019 FK Litoměřicko – SK Benešov 2:4 (1:3) / Fotbalový stadion Litoměřice / 150 Zs.

Anfang April herrscht helle Aufregung. Ein echter Weltmeister ist in der Stadt! Selbstverständlich, dass ich mich da am Freitagabend nicht lange bitten lasse und nach Feierabend schnellstmöglich quer durch die Walachei düse, um diesen treffen zu können. Wenn sich Günter Hermann schon einmal die Ehre gibt, den weiten Weg nach Berlin auf sich zu nehmen, dann hat man gefälligst parat zu stehen, wenn dieser Hoppinggelüste verspürt. Schnell ist die Wahl auf das „Karl-Liebknecht-Stadion“ in Potsdam-Babelsberg gefallen. Das Spiel gegen den FC Viktoria von 1889 könnte man sich beinahe als „Derby“ schönreden und sicherlich wären auch die ausklappbaren Flutlichtmasten des SV Babelsberg 03 einen Abstecher nach Brandenburg wert gewesen, aber der Konjunktiv bleibt eben das Stilmittel der Gescheiterten. All dies hätte nämlich geklappt, wären die Halbstarken am S-Bahnhof Charlottenburg nicht auf die geniale Idee gekommen, ihre Turnstunde im Gleisbett abzuhalten. So wird der Zugverkehr in Richtung Südwesten bedauerlicherweise so lange ausgesetzt, bis wir keine Chance mehr haben, es pünktlich zum Anpfiff hinaus nach Babelsberg zu schaffen. Kurz nachdem uns klar geworden ist, dass wir nahezu die gesamte erste Halbzeit verpassen werden, rollt endlich ein Zug ein. Etwas trotzig steigen wir zu. Wenn wir hier jetzt schon so lange gewartet haben, dann fahren wir auf jeden Fall nach Potsdam!!! – um dann unterwegs festzustellen, dass das ganz schöner Quatsch wäre. Am S-Bahnhof Wannsee endet unser Fußballausflug folgerichtig und wird flugs gegen eine Einkehr in „Lorettas Almhütte“ mit Seeblick ausgetauscht. A Mordsgaudi.

Um 3.36 Uhr sitze ich dann auch schon in der M10 zum Berliner Hauptbahnhof. In der Hand halte ich eine Fahrkarte, die der „Generation Y“ die Freudentränen in die Augen treiben würde und an der die tschechischen Spielplan-Pavels eine gewisse Mitschuld tragen. Berlin-Dresden-Praha-Brno lautet die auf dem Billet aufgedruckte Bandbreite an Möglichkeiten. Sich für 24,90 € einfach mal alle Türen offen halten, so die Devise bei Kauf vor wenigen Wochen. In der Zwischenzeit hat mir der tschechische Fußballverband jedoch alle Türen vor der Nase zugeschlagen und sowohl die Partie der Bohemians als auch die von Zbrojovka Brno auf Sonntag terminiert. Leute, ein bisschen mitdenken, bitte. Da hat Fetti doch einen Termin in Dresden.

Nur gut, dass auch das endgültige Ziel der Reise auf dieser Multifunktionsfahrkarte vermerkt ist. So komme ich also in den zweifelhaften Genuss, bereits einen Tag vor Beginn des Auswärtsspiels in Dresden um 4.28 Uhr nach Sachsen aufbrechen zu dürfen. Die Laune ist ohnehin bereits morgenmuffelig genug, als am Abfahrtsgleis die Lautsprecherdurchsage erschallt, dass sich die Abfahrt des „Eurocity“ nach Praha hlavní nádraží heute um 30 Minuten verzögern wird. Wie sagt man so schön? Das frühe Schwein fängt sich gleich eine!

Um 7.40 Uhr (+33) ist die Notlösung Dresden mit latenter Müdigkeit in den Knochen erreicht. Während des Konsums einer angemessenen Menge Kaffee fällt Fetti auf, dass er wegen der Verspätung in Praha seinen Anschlusszug nach Brno verpassen und 90 Minuten verspätet am Zielort eintreffen wird. Es ist doch zum Mäusemelken! Da ist es nur als ’schlüssig‘ zu bezeichnen, dass man schon jetzt damit liebäugelt, wieder einmal ein Mäusemelkformular auszufüllen und sich wenigstens 25% des Fahrkartenpreises zurück zu ergaunern. Schon ist es um die Laune etwas besser bestellt, was aber auch daran liegen könnte, dass nach den gescheiterten Plänen A und B heute der ohnehin viel bessere Plan Č FL greifen wird: Anstatt in Dresden gelangweilt 30 Stunden auf den morgigen Anpfiff zu warten, folgt Fetti den Verlockungen des tschechischen Drittligafußballs.

Glücklicherweise ist es gelungen, für den Ausflug in die Drittklassigkeit einen erstklassigen Mitreisenden zu akquirieren. „Danger-Mike“ fährt um 8.30 Uhr helldunkelwach mit seinem wie immer auf Hochglanz polierten weißen Tschechenboliden vor und schon kann die wilde Fahrt in das 93 Kilometer entfernte Litoměřice beginnen. Die Frontscheibe weist zwar einen erheblichen Steinschlag auf, doch mit einer Bierruhe versichert der Fahrer, dass diese die gut einstündige Tour locker überstehen wird. Wer eine Kindheit im Erzgebirge überlebt hat, fürchtet sich nicht vor Autobahnfahrten ohne Scheibe, nehme ich an und bin trotzdem beruhigt, dass „Danger-Mike“ bereits ein Konzept zur Wiederherstellung entwickelt hat. Das „Autoskloteam“ ist schließlich Sponsor seines Lieblingseishockeyvereins aus Usti und wirbt seit Wochen am Videowürfel der Eishalle mit einem Cartoon, in dem tschechische Randalierer einen Schulbus mit Bierflaschen bewerfen. Geschichten, die das Leben schreibt. Der tschechische Alltag ist eben rau, aber so ist wenigstens gewährleistet, dass man problemlos an jeder Ecke Kontakte zu Menschen herstellen kann, die Glas reparieren können…

Um kurz vorm Wachwerden haben wir das Auto mit noch immer bestehender Windschutzscheibe am besten Platz der Stadt abgestellt. Wir werfen einen ersten flüchtigen Blick über die schönen Bauten des Marktplatzes und werden nach Abpfiff sicherlich genügend Zeit haben, um der Stadt eines genaueren Blickes zu würdigen. Zur Spielstätte des ortsansässigen FK Litoměřice, welche navigationsgerätefreundlich mit der Adresse „U Stadionu“ aufwartet, sind fußläufig nur noch 1,5 Kilometer zurückzulegen und bis zum „familienfreundlichen“ Anpfiff um 10.30 Uhr verbleiben noch gut 40 Minuten auf der Uhr.

Gut, dass sich in der Nähe des Stadions ein „Kaufland“ auftut. Ich nutze die Gelegenheit, um mir etwas Bargeld zu ziehen und „Danger-Mike“ imitiert einen Sonntagseinkauf, um seinen 1000 Kč Schein ein wenig zu verkleinern, damit es an der Stadionkasse angesichts des Wertpapiers in Ermangelung von Wechselgeld gleich keine Nervenzusammenbrüche oder Panikattacken gibt. Fünf Minuten später erscheint „Danger-Mike“, wer hätte es ahnen können, mit zwei Flaschen Bier in der Hand auf dem Parkplatz des Supermarktes. Hatten wahrscheinlich nichts anderes.
Nur noch 20 Minuten bis zum Anpfiff. Und jetzt? Naja, auf den nächsten Schulbus können wa lange warten, also müssen wir es wohl austrinken…

An der Stadionkasse müssen wir humane 50 Kč berappen, um das Spiel gegen Benešov erleben zu dürfen. Die Gäste haben für dieses Drittligaspiel heute exakt 108 Kilometer zurückzulegen – und damit 15 mehr als wir aus Dresden – dennoch geht dieses Spiel für „Danger-Mike“ heute als „Derby“ durch, wie er mehrfach betont und damit eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass auch er die hohe Kunst des Schönredens beherrscht. Ich prügele die letzte Pfütze Pivo in den Schluckdarm und kann mich dann kurz vor Anpfiff noch gerade eben rechtzeitig mit einer herrlichen Frühstücks-Klobása und einem frisch Gezapften eindecken. Ein Senior, der mit seinen Freunden auf Bierbänken vor der Tribünen-Kneipe sitzt, bietet mir einen Flachmann mit „Becherovka“ an. Ich lehne dankend ab und frage mich so langsam aber sicher, was daran jetzt so „familienfreundlich“ sein soll, wenn Vati um 12.30 Uhr besoffen zum Mittag nach Hause kommt. Aber vielleicht ist auch das einfach nur ein stinknormaler Teil des rauen tschechischen Alltags.

Das schöne städtische Stadion hat seine besten Tage längst hinter sich. Die alte Haupttribüne hat die Zeiten jedoch überdauert und glänzt mit überragend schönen Klappbänken aus blau und rot lackiertem Metall, die man quietschend aus der Verankerung lösen muss, damit diese dann krachend herab scheppern. Neben der Tribüne sind Teile der alten Kurven in rudimentären Fragmenten erhalten geblieben, während der Rest des Stadions ohne Ausbauten auskommen muss. 150 Zuschauer sind erschienen und würde es die akustische Untermalung der Sitzgelegenheiten nicht geben, man würde hier die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören.

Die aufgetakelte „Präsidentengattin“ flaniert mit Minirock, Schnürstiefeln (von der Stange) und einem Schoßhündchen an der Leine um den Platz und erntet lüsterne Blicke der alten Männer vor der Kneipe. Wohl dem, der im Alter an Kurzsichtigkeit leidet. Uns bleibt die gegerbte Lederhaut der Mittfünfzigerin jedoch keineswegs verborgen. Der Fluch der Kabelkaribik ist dann aber auch recht schnell überstanden und nach nur drei Runden hat Fiffi glücklicherweise auch genug, sodass sich Dame und Hund außerhalb unseres Sichtfeldes auf der Tribüne niederlassen.

Währenddessen hat Schiedsrichter Severýn die Partie längst eröffnet. In der „Česka Fotbalova Liga“, die 18 Vereine umfasst, trifft heute der 13. auf den 9. und der erste Höhepunkt lässt gerade einmal 12 Minuten auf sich warten. Gästespieler Michael Azilinon trifft nach einem mustergültigen Querpass völlig freistehend aus vier Metern vor dem mehr oder weniger leeren Tor nur die Latte und erntet hämisches Lachen aus dem Publikum – welches den Anhängern der Heimmannschaft aber wenige Sekunden später im Halse stecken bleibt. Der Ball verlässt den Strafraum nicht, ein Verteidiger Litoměřices stellt sich im Zweikampf überaus stümperhaft an und Vojtěch Engelmann, der beherzt nachgesetzt hatte, befördert den Ball mit dem linken Fuß an den Innenpfosten und ins Netz.

Nur sechs Minuten später entscheidet Severýn zurecht auf Foulelfmeter für die Hausherren. Marek Hanuš schnappt sich den Ball und verwandelt eiskalt, doch die Freude über den schnellen Ausgleich währt nicht lange. Die Defensive Litoměřices ist heute nämlich in etwa so ausgeschlafen wie Fetti und seine Freunde und so endet nur drei Minuten später eine eigentlich sehr harmlose Situation im Strafraum mit einem erneuten Elfmeterpfiff. Die gesamte Abwehrriege hatte tatenlos mit angesehen, wie der Ball wie ein Flummi durch den eigenen Sechzehner gehüpft war. Besonders enttäuscht sind wir vom Argentinier Paulo Ippolito, den Litoměřice sicherlich für viel Geld aus einem Steakhouse verpflichtet hat und der hier auch keine Anstalten macht, zum Spielgerät zu gehen. Erst, als der Ball im Zentrum angekommen ist, setzt Miroslav Verner dem Schauspiel mit einem beherzten Tritt gegen den heran eilenden Stürmer ein Ende. Hätte man eleganter lösen können. Kapitän Vrňák sagt „Děkuji!“, hat bei der Verwandlung des Strafstoßes aber das Glück auf seiner Seite, denn beinahe hätte Keeper Ordelt das Ding über die Latte gelenkt.

Im Anschluss beruhigt sich die Partie ein wenig, das Niveau verflacht und Aufregung gibt es immer nur dann, wenn die Defensive des FK Litoměřicko neue Böcke schießt. Nach 33 Minuten kann Gästespieler Hampl das erste Fehlpass-Geschenk noch nicht annehmen, aber keine 10 Minuten später spielt Šimkovský einen weiteren verunglückten Rückpass noch ein wenig genauer in die Füße des Gegners, so dass Lauricella plötzlich frei vor Ordelt auftaucht. Der Angreifer bleibt cool und legt zurück an den Elfmeterpunkt, von dem Engelmann den Ball ins leere Tor schieben kann.

So also geht es mit 1:3 in die Kabinen und Heimcoach Zdeněk Hašek wird hinterher zu Protokoll geben: „Naše individuální chyby zavinily dnešní prohru. Bohužel naše lajdáckost v řešení defenzivy nás sráží!“. Eines muss man ihm lassen – der Mann hat Sachverstand!

Litoměřice startet beherzt und mutig in den zweiten Spielabschnitt. Es dauert keine fünf Minuten und schon hat sich Gästeschlussmann Rotbauer von Novák schön einen durch die Hosenträger knödeln lassen. Das 2:3 gibt deutlich sichtbaren Rückenwind und so drängt der FKL bis zur 70. Minute auf den Ausgleich, bleibt aber nur in Ansätzen gefährlich und kann zu wenig klare Torchancen kreieren. Etwas unbeholfen löst man viel zu früh sämtliche taktische Fesseln und der Gast aus Benešov ist clever genug, um auf den richtigen Moment zu warten. In der 73. Minute sitzt dann auch der erste Angriff nach 25 Minuten Defensivarbeit: Flanke von links, Kopfball Engelmann, 2:4! Gut eine Viertelstunde später bilden die Gästespieler, die das Ergebnis souverän über die Ziellinie gebracht haben, eine Jubeltraube auf dem Rasen. Torwart Rotbauer verpasst dem dreifachen Torschützen Vojtěch Engelmann den Spitznamen „Hattrick-Man“ und uns zieht es nach einem ansehnlichen Fußballspiel in einem schönen Stadion (und einem schnellen Einkauf von Käse und Klobása im Supermarkt für den häuslichen Eigengebrauch) schnellstmöglich zurück in die Stadtmitte.

Auch in Tschechien grassiert offenbar mittlerweile der todbringende Latte-Macchiato-Cocktailbar-Healthy-Food-Lounge-Virus. Man muss sich zumindest deutlich häufiger im Kreis drehen, um eine altböhmische Bierstube zu finden, als dies einst der Fall war. Ach, diese Generation wird uns noch alle umbringen! Wir enden jedenfalls in einem recht steril eingerichteten Pub namens „Budvarka“, in dem es aber immerhin diverse tschechische Biere vom Fass und Essen mit lokalem Einschlag zu bestellen gibt. Neben uns nervt eine sächsische Herrengruppe von Bahnfreunden, die nicht nur von irgendwelchen großdeutschen Schienennetzen erzählen, sondern sich gegenüber der armen tschechischen Kellnerin auch noch benehmen wie Kaiser Wilhelm beim Kolonialisieren. Wir haben das Mensa-Ambiente mit Kartoffelquark vom Nachbartisch jedenfalls recht bald satt und entscheiden einstimmig, lieber noch einen kleinen Stadtbummel vor der neunzigminütigen Rückfahrt auf die Tagesordnung zu schreiben.

Litoměřice hat immerhin 24.000 + 1 Einwohner (Stand: Januar 2019) und kann einen durchaus attraktiven Stadtmittelpunkt vorweisen. Das historische Zentrum rund um den Marktplatz (Mírové náměstí) zählt nicht völlig zu unrecht zur „Liste der städtischen Denkmalreservate in Tschechien“, auf der die 40 schönsten Altstadtkerne der Republik geführt sind. Wer einmal das Vergnügen hat, in Litoměřice Station zu machen, der sollte es nicht verpassen, entlang der gotischen Wälle entlang zu flanieren, die das Denkmalschutzgebiet eingrenzen. Von der Zwingertreppe (Máchovy schody) gibt es dann auch den einen oder anderen schönen Blick auf das „alte“ Litoměřice zu erhaschen, bevor der Tschechenbolide wieder angeschmissen und uns von Leitmeritz nach Drážďany befördern wird.

Auf der Rücktour machen wir Halt in einem „Border Shop“ in Petrovice, um unsere übrig gebliebenen Kronen unters Volk zu bringen. Die Reisegruppe interessiert sich für „Zigretten“ und Schnaps und wird schnell fündig. Nach diversen gescheiterten Anläufen in verschiedensten tschechischen Supermärkten steht sie nun endlich vor mir und funkelt goldgelb in der Mittagssonne: Eine Flasche „Praděd“. Klar, dass das flüssige Gold umgehend in den Einkaufswagen wandert. Die letzten Runden dieses edlen Gesöffs hatte der Weltmeister (…der übrigens zu seinem Bedauern auch das heutige Spiel von Lichtenberg 47 gegen Greifswald verpasst hat. Da kommt man nichtsahnend nach Berlin zum Familienbesuch – und dann will einen die Familie auch noch sehen!) im November in der „Prager Hopfenstube“ in der Karl-Marx-Allee vor einem „IDLES“-Konzert spendiert. Die nächste Runde geht dann wohl auf den „Alkvater“!

Völlig euphorisiert von diesem Fund, packe ich im Vorbeigehen noch einen finnischen Schnaps in den Warenkorb. „Haltitunturi“. Na, da wird der „verrückte Tischfinne“ aber Augen machen, wenn ich ihm den morgen rund um das Spiel im „Rudolf-Harbig-Stadion“ anbieten werde…

Um 16.00 Uhr haben wir die Autobahnausfahrt Dresden-Südvorstadt erreicht. „Nur, damit Du Dich nicht wunderst, meine Große lässt sich jetzt auch von Fremden streicheln“, lässt mich „Danger-Mike“ wissen. Etwas später wird sich herausstellen, dass er leider wieder nur von seiner Katze gesprochen hat, während mein Böhmen-Jetlag unerbittlich zuschlägt. Wach seit Freitagmorgen, ein Arbeitstag, ein Abendprogramm, eine Reise und ein Fußballspiel in den Knochen, fühlt es sich aktuell eher nach Schlafenszeit als nach Halli-Galli in Dresden an. Gut, dass auch „Danger-Mike“ und der „Sprengmeister“, den wir kurz darauf in Empfang nehmen, heute nicht mehr im Schilde führen, als auf der Couch zu versacken und Fußball zu schauen. Merke: Auf das medial ausgeschlachtete schwachsinnige „Deutsche Clásico“ zwischen reich und reicher kann derjenige getrost verzichten, der auch die österreichische Bundesliga in der Konferenz empfängt.

Nach einer geruhsamen Nacht in Wismut-Aue-Fleecedecke geht es im „Rudolf-Harbig-Stadion“ schon um 13.30 Uhr wieder zur Sache. „Familienfreundliche Anstoßzeit“ sagt die DFL, der gemeine Tscheche ist da vom Sportplatz bereits längst wieder besoffen in die Häuslichkeit zurückgekehrt und kann nur müde lächeln. Der 1.FC Union Berlin erkämpft sich in einem an Höhepunkten armen Spiel ein 0:0 und nimmt einen Punkt mit nach Hause. Im „Augustiner an der Frauenkirche“ trudeln „Danger-Mike“, der „Sprengmeister“ und der „verrückte Tischfinne“ ab 15.30 Uhr nach und nach aus allen Himmelsrichtungen ein. Ich bestelle Schweinebraten und Bier und bekomme immerhin Bier und zeige dem Finnen, der gleich zurück nach Helsinki fliegen wird, noch eben schnell voller Stolz den erbeuteten „ Haltitunturi“. „Hat nix mit Finnland zu tun, außer finnisch Name“, so seine nüchterne Reaktion. Ich mustere die schöne Glasflasche mit eingefasstem „Helsinki“-Schriftzug nun etwas genauer. Steht doch da tatsächlich „Helsinkigroup.cz“. Ach herrje. Wenn der waschechte Cateringverlierer da mal nicht auf die international agierende tschechische Schnapsfälscherbande hereingefallen ist…

Auf der Rückfahrt nach Berlin lerne ich im Coupé des „Eurocity“ eine junge Tschechin namens Clara kennen, die am Wochenende an einer Veranstaltung des deutsch-tschechischen Jugendforums in der deutschen Botschaft in Prag teilgenommen hat. Das überaus charmante Gespräch rundet die Reise ab, da kann ich es auch verschmerzen, dass ich meinen Käse und die Klobása im Dresdner Kühlschrank vergessen habe. Mittlerweile sind auch die Ergebnisse der beiden ersten tschechischen Fußballligen bei mir eingetrudelt: Bohemians 1905 – Mladá Boleslav 0:0, Zbrojovka Brno – Ústí nad Labem 0:0 und so wertet die Torarmut in den oberen Spielklassen den ohnehin gelungenen Tagesausflug nach Litoměřice noch einmal nachträglich auf.

Eines ist gewiss, irgendwann werden wir das wiederholen, möglicherweise sogar mit reparierter Windschutzscheibe. Und wer weiß, vielleicht lässt sich bis dahin dann sogar seine Kleine von Fremden streicheln… /hvg

31.03.2019 VSG Altglienicke II – SC Borsigwalde 1910 2:2 (1:2) / Stadion Altglienicke / 63 Zs.

Das „Stadion Altglienicke“ ist vermutlich einer der letzten Berliner Fußballplätze mit Ausbau, die ich bislang noch nicht besucht habe. Die Volkssportgemeinschaft aus Altglienicke ist über all die Jahre, in denen der Stadionbesuch von mir immer wieder aufgeschoben wurde, regelrecht durch das Ligasystem geflogen. 2004 startete man den Aufstiegsreigen in der Kreisliga B. Sechs Jahre später war man bereits in der Berlin-Liga angekommen. Die Oberliga wurde in der Saison 2012/13 erreicht und nur aufgrund eines Rückzugs aus wirtschaftlichen Gründen – nach zwei gespielten Saisons – wurde der Höhenflug vorerst gestoppt. Doch mit neuem Anlauf gelang der Wiederaufstieg in die Oberliga im Jahre 2016 und dieses Mal verweilte man nur eine Spielzeit in der fünften Liga, um als Staffelmeister direkt in die Regionalliga Nordost durchzumarschieren. Spätestens jetzt war das „Stadion Altglienicke“ mit seinem schmalen Kunstrasenfeld und der einen Tribüne mit knapp 360 Sitzschalen und einigen wenigen Betonstufen zu klein geworden. Dem Stadion wurde aus nachvollziehbaren Gründen die Regionalligatauglichkeit abgesprochen, die VSG zog in den „Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark“ um und ich hatte die letzte Chance versäumt, in diesem doch eher unattraktiven Stadion ein möglichst sinnvolles Spiel zu sehen.

Mittlerweile ist es März 2019 geworden. In der Bezirksliga (Staffel 2) mischt die Zweitvertretung der VSG Altglienicke seit einigen Jahren munter mit und schickt sich nun an, den Abstand zur ersten Mannschaft etwas zu verringern. So grüßt man aktuell von der Tabellenspitze, während der SC Borsigwalde 1910 auf Rang 5 liegt und noch Tuchfühlung zur Spitzengruppe hat. Also, wenn das nicht das Spiel ist, um endlich das „Stadion Altglienicke“ zu kreuzen, dann weiß ich es auch nicht…

Dennoch steht auch dieses Vorhaben zunächst unter keinem guten Stern. Mein Vater, mit dessen Teilnahme ich fest gerechnet hatte, muss bedauerlicherweise wegen einer Familienfeier absagen. Es ist unbestritten, dass wir uns eigentlich eine Familie teilen, nichtsdestotrotz habe ich keine Ahnung, wer da jetzt schon wieder Geburtstag hat. Vielleicht auch nur eine faule Ausrede meines alten Herren, der den Ground zu meiner Überraschung schon vor mehr oder minder exakt zwei Jahren im Paul-Rusch-Pokal gegen Lichterfelde „weggescheppert“ hat. Da wird ja noch jemand zum richtigen Hopper, wenn das so weiter geht!

Zusätzlich schmieden die Berliner Verkehrsbetriebe bzw. deren Mitarbeiter Pläne, die den Stadionbesuch alles andere als erleichtern würden. Die S-Bahn-Berlin wartet mit Schienenersatzverkehr in Richtung Altglienicke auf und Gerüchte gehen um, dass die BVG aufgrund eines Warnstreiks erst gar nicht fahren wird. Tja, da muss das „Stadion Altglienicke“ wohl noch einmal mehrere Jahre auf meinen Besuch warten.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Mein Vater informiert mich darüber, dass die Feierlichkeiten verlegt worden sind (neuer Termin nun sicherlich unter der Woche, 17.30 Uhr, an einem Ort, der möglichst weit von Berlin entfernt ist, so kenne ich das jedenfalls) und er nun doch Interesse an einem Besuch „seiner“ Borsigwalder hätte. Selbst aus den Reihen FUDUs wird urplötzlich Interesse an dem Ground verkündet und so meldet ein weiterer Fettijünger seine Teilnahme an. Die BVG-Mitarbeiter kommunizieren zeitgleich transparent, dass ihr Streik am 01.04. durchgeführt werden wird und um jedwede Missverständnisse vorzubeugen, betonen sie in der öffentlichen Verlautbarung mehr als deutlich, dass es sich bei dieser Ankündigung keineswegs um einen Aprilscherz handelt. Besser kann man Deutschland wohl auch nicht definieren – hier werden sogar Warnstreiks auf Termin gelegt, damit sich niemand zu sehr ärgern muss. Selbst im Arbeitskampf bitte immer angepasst und obrigkeitstreu bleiben. Danke!

Am Spieltag stehe ich in Köpenick vor einem verschlossenen „REWE“ und muss wohl oder übel auf mein Mettbrötchen-Frühstück verzichten, auf das ich mich so sehr gefreut hatte. Hätte ich vor Aufbruch in Richtung Altglienicke auf den Kalender geschaut, hätte ich eventuell festgestellt, dass heute Sonntag ist und unter Umständen eine schlauere Frühstücks-Taktik ausgetüftelt. So sitze ich zwar mit knurrendem Magen in Straßenbahn und Bus, versuche aber, die knapp 25 Minuten Fahrzeit richtig auszukosten und zu genießen. Morgen wird all das hier schließlich gar nicht möglich sein, weswegen die montägliche „BVG-Apokalypse“ auch das Gesprächsthema Nummer 1 in den Verkehrsmitteln darstellt. Herrlich, wie sich Rentner darüber aufregen können, einen Tag lang nicht auf die Alltagsroutine zurückgreifen zu können, doch beide mitgehörten Gespräche in Bus und Bahn enden wenigstens wohlwollend: „Aber is ja jut, dasse wenigstens vorher Bescheid sagen!“. Hat sich also „gelohnt“, den Streik anzukündigen – wieder ein paar Kunden besänftigt.

Für 3,50 € Eintritt darf man heute das „Stadion Altglienicke“, bzw. das Funktionsgebäude, betreten. Noch sind einige Meter durch das Vereinscasino zurückzulegen und auch den Kunstrasen-Nebenplatz muss man passieren, um letztlich die Tribüne zu erreichen. Dort treffen dann die geprügelten Hunde des Wochenendes aufeinander: Vadderns Hertha hat in Leipzig 5:0 auf die Gusche bekommen, Union ist zu Hause gegen Paderborn mit 1:3 unter die Räder gekommen. Da gerät man schon etwas in Sorge, dass auch der SC Borsigwalde heute ordentlich vor den Zahn bekommen könnte…

Im Hinspiel konnte die Zweitvertretung der Volkssportgemeinschaft drei Punkte von der Tietzstraße entführen. Beim überaus lebhaften 4:6 hatte sich Tormaschine Patrick Kroll bereits nach zehn Spielminuten zwei Mal in die Torschützenliste eingetragen. So liegt der Fokus heute auf dem ehemaligen Regionalligaspieler mit der Trikotnummer 11. Diesen Mann mit seinen bislang 59 (!) Saisontoren nach 21 Spielen an die Kette zu legen, das dürfte beinahe ein Ding der Unmöglichkeit werden.

Das Spiel beginnt. Zur Überraschung aller sucht der SC Borsigwalde sein Heil in der Offensive. Auffällig forsch geht man in die Partie und kann mit dieser überfallartigen Taktik die VSG doch einigermaßen überraschen. Nach 120 Spielsekunden stehen bereits drei Eckstöße für den SCB zu Buche und auch Schlussmann Meurer muss bereits in der frühesten Frühphase der Partie sein ganzes Können unter Beweis stellen. Es sind erst vier Minuten gespielt, als die furios aufspielenden Borsigwalder für einen Auftakt nach Maß sorgen. Auch begünstigt durch das Schiedsrichtgespann, das eine klare Abseitsposition übersieht, zieht „Momo“ Yildirim an allen Abwehrspielern vorbei und schiebt überlegt zum 0:1 ein.

Als Folgeerscheinung des Führungstreffers schwillt die Brust der Borsigwalder weiter an. Beinahe übermütig attackiert man weiterhin frühzeitig und spielt mit einer Selbstsicherheit, die einen kurz glauben lässt, dass heute alles klappen kann. Beinahe wird Sahin nach einer Viertelstunde eines Besseren belehrt, doch sein völlig deplatzierter Fallrückzieher vor dem eigenen Sechzehner, der in den Füßen von Mehls landet, wird letztlich nur mit einem Pfostenschuss bestraft. Drei Minuten später erobert Alexander Balke mit einem robusten Körpereinsatz im gegnerischen Strafraum das Spielgerät, fackelt nicht lange und nagelt den Ball aus halbrechter Position ins Netz. Während die Altglienicker ein Foulspiel gesehen haben wollen und vehement protestieren, feiern sich die Borsigwalder für diese sinnbildliche Szene zurecht selbst. Mutig, offensiv, giftig, gallig, entschlossen – so kann man dem großen Staffelfavoriten Paroli bieten!

Mein Vater und sein neuer Bekannter, den er im Bus kennengelernt hat und der die weite Reise aus Borsigwalde ebenfalls in Kauf genommen hat, sind sichtlich zufrieden und auch FUDU erfreut sich an dem überraschenden Spielverlauf. Nicht ganz so zufrieden ist man auf der Bank der VSG, auf der man einige deutliche Worte verliert, bereits jetzt erste Wechsel vorzubereiten scheint und die Ersatzspieler während der Aufwärmübungen ins Gebet nimmt.

Zunächst einmal ändert sich auf dem Spielfeld aber wenig am Gesamtbild. Altglienicke lässt den Ball zwar hübsch laufen und deutet mit schnellen Spielzügen und auf den Millimeter genau geschlagenen Diagonalbällen seine Klasse an, doch immer, wenn es Ernst wird, sind mindestens zwei-drei Borsigwalder zur Stelle und hauen dazwischen. Viel unangenehmer kann man für einen Gegner nicht sein, vor allen Dingen, wenn man auch weiterhin konstruktiv am Spiel teilnimmt und eigene Gelegenheiten kreiert. So hätte Dmytro Fomin nach 25 Minuten beinahe für den nächsten Schockmoment gesorgt, doch leider landet sein Kopfball nach Eckstoß am Querbalken.

Ein katastrophaler Fehlpass im Aufbauspiel der VSG bringt Trainer Bethke dann kurz darauf vollends zur Verzweiflung und noch während er seinen Verteidiger zusammenschreit, hat Yildirim die sich ergebene Chance mit einem etwas überheblichen Heber recht jämmerlich liegen lassen – und so etwas rächt sich ja meistens umgehend. Mit seinem dritten guten Versuch aus der Distanz kann Lukas Müller nach 28 gespielten Minuten auf 1:2 verkürzen. Müller, der aus der Jugend des FC Energie Cottbus stammt, ist dort und auch in der ersten Mannschaft der VSG bereits zu einigen Einsätzen in der Regionalliga gekommen. Nur, um hier noch einmal zu verdeutlichen, wie die Kräfteverhältnisse auf dem Platz eigentlich aussehen müssten. Dennoch gehört die letzte gute Möglichkeit wieder dem SCB, doch der agile Yildirim versucht sein Glück aus spitzem Winkel und übersieht dabei den einschussbereiten Zahlan im Rückraum völlig. So geht der Underdog mit einem klaren Chancenplus, aber „nur“ mit einer 2:1 Führung in die Kabinen.

In der Pause knurrt Fettis Saumagen erneut deutlich hörbar. Im Vereinscasino scheint es auf den ersten Blick eine passable Speisenauswahl zu geben, feilgeboten auf einer Schiefertafel, von oben nach unten immer unattraktiver werdend. Arbeiten wir uns also durch die Speisekarte:

Boulette?
Ham wa nich!
Knacker?
Is aus!
Eintopf?
Is heute nich jebracht worden!
Bocki?
Nur noch eene da, aber die is schon vorbestellt! Wiener Würstchen könnt ick Dir machen, aber Brot is alle.
Okay. Dann ein Bier, bitte.

 

Schiedsrichter Jan-Malte Meyer eröffnet den zweiten Abschnitt. Altglienicke hat tatsächlich gleich drei Mal gewechselt und neben dieser Geste muss es durch das Trainergespann auch noch einen verbalen Tritt in den Hintern gegeben haben. Altglienicke wird die zweite Hälfte jedenfalls nach allen Regeln der Kunst beherrschen und sich Borsigwalde regelrecht zurecht spielen. Nach 60 Minuten lässt die Kraft der Gäste etwas nach, doch noch immer wirft man sich voller Leidenschaft in jeden Zweikampf und Ball und kann so mehrere Großchancen in letzter Sekunde vereiteln. Mehrere kleinere taktische Fouls im Mittelfeld illustrieren, dass man dann und wann einen Schritt zu langsam geworden ist. Fomyn kommentiert seine gelbe Karte spöttisch: „Wat? Für dit Ding?“ und hätte sicherlich am liebsten noch ein „da habe ich in der ersten Halbzeit aber schlimmeres getan“ hinzugefügt. Das Publikum, hauptsächlich bestehend aus keifenden Frauen und Typen in Camp-David-Klamotten, die allesamt in etwa so laut wie ahnungslos sind, spielt sich nun unangenehm in den Vordergrund. Jeder Zweikampf wird lautstark kommentiert, jedes kleine Foulspiel zur groben Unsportlichkeit hochstilisiert und die Spieler des SCB zu Unrecht als „Tretertruppe“ gebrandmarkt.

Toptorjäger Kroll, der sich nach wie vor in doppelter Manndeckung befindet, kaum in Erscheinung getreten ist, keine Bewegungsfreiheit und ständig einen Gegner auf den Füßen stehen hat, lässt sich jedoch von all der Hektik nicht anstecken. Wirklich beeindruckend, wie souverän er toleriert, mit welchen Mitteln man ihn hier aus dem Spiel zu nehmen gedenkt und wie er sich über 90 Minuten ausnahmslos fußballerisch gegen diese zugegebenermaßen ekligen Mittel wehrt.

In der 66. Minute hebelt ein gefühlvoller Chipball die Abwehr der Borsigwalder aus. Juhle nimmt den Ball hervorragend an und mit, zieht nach innen und schließt eiskalt in die lange Ecke ab. 2:2 – und noch ein verdammt langer Weg für „Borsig“. Kapitän Kroll tritt nun endlich deutlicher in Erscheinung, doch sein mit nur einem Kontakt brillant weitergeleiteter Ball in die Sturmspitze kann sein Kollege nicht im Tor unterbringen. Noch gerade ebenso kann die Kugel von der Linie gegrätscht werden (74.). Zwei Minuten später kulminieren die aggressiv geführten Zweikämpfe im Mittelfeld und Altglienickes Lukas Bache knallen die Sicherungen durch. Mit der gelb-roten Karte ist der ebenfalls regionalligaerfahrene (30 Spiele für den BFC, 23 für Altglienicke) Spieler noch recht gut bedient, da manch ein Schiedsrichter dieses Einsteigen womöglich gar als Tätlichkeit gewertet hätte. Es wird der einzige Platzverweis der VSG im gesamten Saisonverlauf bleiben.

In personeller Überzahl schöpft Borsigwalde neuen Mut und kommt nach gut 25 Minuten, in denen man ausschließlich mit dem Rücken zur Wand gestanden hatte, endlich wieder zu Entlastungsangriffen. Büttner scheitert aus 16 Metern, einen Konter kann Balke zum Abschluss bringen. Das Spiel steht nun auf Messers Schneide, denn auch Altglienicke gibt sich mit dem Remis nicht zufrieden. In der 85. Minute ist es endlich soweit und Kroll gelingt es das erste Mal, sich im Strafraum seiner Bewacher zu entledigen. Sein Schuss aus Nahdistanz kann Keeper Rostom nur nach vorne abwehren und ein Altglienicker staubt per Kopf zum 3:2 ab. „Schieber, Beschiss, Blindmann, nie im Leben abseits“, wird die ‚Sektion Stadtrandmutti‘ kurz darauf durch das Stadion blöken, aber es ist nun einmal wie es ist und das Schiedsrichterkollektiv verweigert dem Treffer die Anerkennung. Es wird der letzte Aufreger der Partie bleiben. Dieses Spiel hat Kraft gekostet und wirklich alle Akteure auf dem Rasen sind deutlich am Limit. So schaukelt das ansehnliche Bezirksligaspiel seinem Ende entgegen und Borsigwalde freut sich über den unerwarteten Punktgewinn. Nunmehr ist Borsigwalde seit der 4:6 Hinspielniederlage im Oktober 2018 14 Partien ungeschlagen geblieben und wird um den Aufstieg sicherlich ein Wörtchen mitreden können.

Am Ende der Saison wird Patrick Kroll in 26 Spielen 74 Tore erzielt haben – nur in drei Saisonspielen ist er torlos geblieben. Große Berliner Medien werden nach Saisonschluss auf den Feuerwehrmann aufmerksam, der wegen seines Berufs freiwillig auf die Regionalliga verzichtet und widmen ihm Artikel (B.Z.) und Videointerviews (rbb, Link nicht mehr verfügbar). Der SC Borsigwalde 1910 wird die Saison auf dem vierten Rang beenden und in der Saison 2019/20 einen neuen Anlauf nehmen müssen, um in die Landesliga aufzusteigen.

Wir lassen den Ausflug im „Restaurant Croatia“ bei Pljeskavica und Bier ausklingen. Es ist mittlerweile 14.30 Uhr geworden – allerhöchste Eisenbahn für ein Frühstück. Fetti freut sich darüber, dass sein Plan mit dem Stadionbesuch aufgegangen ist. Es hätte wahrlich kein besseres Spiel geben können, um dem „Stadion Altglienicke“ endlich einen Besuch abzustatten. Doch gleichzeitig guckt etwas nervös auf die Uhr. Nur noch neuneinhalb Stunden, dann fährt hier kein Bus und keine Straßenbahn mehr. Aber is ja jut, dasse vorher Bescheid sagen! /hvg

24.03.2019 FSV Kali Werra Tiefenort – SG FC Borchfeld 2:1 (1:1) / Waldstadion Kaffeetälchen / 99 Zs.

Am Sonntag steht dann endlich der Höhepunkt der Tour de Thüringen auf dem Programm. Schon seit Wochen steht Fetti in regem Austausch mit dem FSV Kali Werra Tiefenort und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass er seitdem von dem einen oder anderen feuchten Traum heimgesucht wurde, in dem das „Waldstadion Kaffeetälchen“ eine Hauptrolle gespielt hatte. Nun ist es endlich soweit und die angestaute Vorfreude auf ein Kreisligaspiel im Wartburgkreis entweicht fröhlich pfeifend auf dem Fußweg zum Bahnhof Eisenach.

Dort steht um 10.16 Uhr die „Süd-Thüringen-Bahn“ zur Abfahrt bereit. Die Schaffnerin kontrolliert mein Eisenach-Bad Salzungen-Eisenach-Erfurt-Berlin-Ticket mit dickem „Zugbindung aufgehoben“-Stempel und einer planmäßigen Ankunft um 22.29 Uhr in der Bundeshauptstadt mit einer gewissen Skepsis. Ihre Fragestellungen „Was ist denn das für eine Fahrkarte?“, „Warum fahren Sie denn hin und her?“ und „Warum brauchen Sie so lange bis Berlin?“ zeigen deutlich, dass auch sie die Buchungsmöglichkeiten der Deutschen Bahn nicht kennt und für diesen Tagesausflug höchstwahrscheinlich das Dreifache gezahlt hätte. Naja, kann eben nicht jeder vom Fach sein.

Knapp 20 Minuten später ist der Bahnhof Oberrhon erreicht. Der Himmel zeigt sich wolkenverhangen und ein leichter Nieselregen hat eingesetzt. Grund genug, einen der Insidertipps aus den vorausgegangenen Konversationen mit dem FSV Kali Werra zu missachten. Sicherlich wäre der empfohlene Waldwanderweg, der von der Haltestelle in ca. 45 Minuten ins Kaffeetälchen führen soll, bei besserem Wetter ein Erlebnis wert gewesen. So aber entscheide ich mich, einfach noch fünf Minuten im Zug sitzen zu bleiben und bis Bad Salzungen durchzustarten. Tiefenort ist schließlich ein Ortsteil von Bad Salzungen und es wäre doch gelacht, wenn sich hier in den kommenden vier Stunden bis zum Anpfiff nicht irgendeine Möglichkeit auftun würde, die 7,5 Kilometer bis zum Stadion mit einem öffentlichen Verkehrsmittel zurücklegen zu können.

Nun aber bleibt zunächst einmal genügend Zeit auf der Uhr, um den Kurort Bad Salzungen zu erkunden. Rund um den Bahnhof herrscht zwar auf einer Großbaustelle Ausnahmezustand, doch glücklicherweise bietet eine letzte freie Wand in einer Fußgängerunterführung gerade ausreichend Platz für ein mehrdeutiges Graffito-Kunstwerk mit Lokalkolorit. „KRISTALLE FÜR ALLE!“ schreit es einem hier entgegen und sicherlich könnte man nun vortrefflich in einem „arte“-Stuhlkreis darüber sinnieren, ob wir es mit kleinkriminellen Methdiener-Phantasien oder aber mit einem tiefgründigen Hinweis auf die hier betriebene Salzgewinnung durch das Gradierverfahren sowie die Salzquellen, die Salzungen eben zum Kurort haben werden lassen, zu tun haben.

Die Frage bleibt zunächst einmal unbeantwortet. Fakt ist jedoch, dass es fußläufig vom Bahnhof gar nicht mehr lange dauert, bis sich das sehenswerte Gradierhaus am Wegesrand auftut. Selbstverständlich liegt es da im Interesse der Stadt, sich als Kurort zu vermarkten und Gäste anzulocken. So kommt Fetti in den Genuss, endlich einmal wieder ein touristisches Informationsbüro betreten zu können. Hier erhält er einen schönen Stadtplan mit all den Sehenswürdigkeiten des Kurorts ausgehändigt und nutzt die Gunst der Stunde, um sich nach einer Busverbindung nach Tiefenort zu erkundigen. Die mittelalte Dame hinter dem Tresen atmet tief ein und richtet die Brille. Mit einem „An einem Sonntag nach Tiefenort? Das ist eine Herausforderung!“ leitet sie das spektakuläre Schauspiel der kommenden Minuten ein. Hochkonzentriert wie ein Hacker, der sich gerade in den Zentralrechner des FBI einschleicht, lässt sie ihre Finger über die Tastatur fliegen, klickt bedächtig auf die Maus, hämmert dann und wann auf die Löschtaste, schüttelt den Kopf, verzieht das Gesicht, beginnt von vorn, um dann am Ende triumphal zu verkünden: „Ich habe einen Bus gefunden!“.

Doch gerade, als sie mir die Verbindung ausdrucken mag, muss sie auch schon wieder kleinlaut zurückrudern. „Oh, halt!“. Der Bus fährt ja leider erst am Montag um 14.18 Uhr.

Eine Stadt, die an einem gewöhnlichen Sonntag im März einen ihrer Ortsteile nicht mit dem öffentlichen Personennahverkehr ansteuert. Ich gebe zu, dass ich aus einer gewissen großstädtischen Überheblichkeit heraus nicht mit einer solchen Eventualität gerechnet habe und lasse ungeahnt die nächste arrogante Frage folgen. „Okay, kann man nichts machen. Dann markieren Sie mir doch bitte auf dem Stadtplan, wo ich den nächstgelegenen Taxistand finde!“.

Die Frau räuspert sich erneut und setzt die Brille wieder ab, um dann etwas verschämt zu Boden zu gucken. „Wir haben in Bad Salzungen leider keinen Taxistand“. Da sie aber weiterhin serviceorientiert bleibt, händigt sie mir immerhin die Rufnummern all der Taxiunternehmen aus der näheren Umgebung aus, bei denen ich später mein Glück versuchen könnte und versieht die Übergabe noch mit einem Warnhinweis. Der Landkreis sei doch recht groß und je nachdem, wie weit die Anfahrt des Taxiunternehmens nach Bad Salzungen ausfällt, desto höher wird sich der Preis für die eigentlich recht kurze Fahrt nach Tiefenort gestalten. Bis zu 35 € sollte ich schon einplanen – und dem rumänischen Kassenwart verkrampft die Magengegend. Da schickt er Fetti e i n m a l in die Kreisliga, um das Budget zu schonen und trotzdem stellt das dumme Schwein hinterher Spesenrechnungen auf Champions-League-Niveau.

In Folge dieser wenig verheißungsvollen Informationen klappere ich mit meinem Stadtplan die übriggebliebenen Sehenswürdigkeiten mit einem Lächeln im Gesicht ab. Schon recht absurd, dass es einem auf seinen Fußballreisen gelungen ist, nach Streit mit Zugbegleiterinnen in überfüllten Regionalbahnen ohne Ticket mitzufahren (Litauen) und Mietautos von dubiosen Gestalten auf offener Straße zu chartern (Rumänien), um alle geplanten Spiele sehen zu können. Aber auf einer viertägigen Tour de Thüringen an infrastrukturellen Hürden scheitern – damit konnte nun wirklich niemand rechnen.

Heerscharen von Rentnern tummeln sich rund um den Burgsee, an dessen Ufer eine Rehaklinik malerisch gelegen ist. Auch in den schmalen Altstadtgassen sieht sich Fetti einer nicht enden wollenden Rentnerschwemme ausgesetzt und inmitten dieses Geriatrie-Trubels fälle ich den Entschluss, einfach einen Hilferuf an meine Facebook-Freunde von Kali Werra zu senden. Noch heute Morgen um 6.00 Uhr hatten diese mir eine Nachricht geschickt und mich in dieser darum gebeten, dass ich mich bitte später am Kiosk erkenntlich machen solle, damit sie mir ein Bier ausgeben können. Als hätte es noch mehr Punkte auf der Sympathieskala gebraucht, lässt die Antwort auf meine Mitteilung, ich sei einigermaßen hilflos in Bad Salzungen gestrandet, auch nicht lange auf sich warten: Um 13.20 Uhr wird mich ein grauer VW Tiguan am Bahnhof einsammeln und mich ins „Waldstadion“ fahren!

Wir verabreden uns vor dem „sky“-Schild der „Sportsbar Moritz“ in der Bahnhofstraße, um gemeinsam ein Zeichen gegen den modernen Fußball zu setzen. Um Punkt 13.20 Uhr fährt der VW dann auch tatsächlich vor. Am Steuer sitzt ein junger Mann, seines Zeichens Ersatztorwart des FSV Kali Werra und neben ihm seine Mutter, die ihn aufgrund der Bestimmungen des § 48a FeV beim Fahren zu begleiten hat (Urlaub in Deutschland – da können ein paar Paragraphen nicht schaden!). In einem charmanten Smalltalk berichtet sie ausgiebig von einem Familien-Wochenendurlaub in Berlin und schwärmt in erster Linie über den Besuch des Schloss Sanssouci (… das ja bekanntermaßen mit Abstand das schönste Schloss der Bundeshauptstadt ist!), als er sich plötzlich umdreht und mit einem „…aber An der Alten Försterei war’s tausend Mal geiler!“ dem Gespräch einen angenehmen Impuls verleiht. Es habe ihm in Coepenick so gut gefallen, dass er auf die Idee gekommen ist, auf der Facebook-Seite Unions Werbung für Kali Werra und das „Kaffeetälchen“ zu schalten, als er auf das Freundschaftsspiel in Erfurt aufmerksam geworden ist. Ob er damals wohl bereits geahnt hat, dass er hierdurch selbst verschuldet eines Tages Fetti durch Bad Salzungen chauffieren werden muss?

Angekommen am Stadion werde ich sogleich von dem nächsten freundlichen Menschen in Empfang genommen. Ich bekomme das „versprochene“ Willkommensbier in die Hand gedrückt und eine kleine Führung durch das Funktionsgebäude, welches mit Fotos, Wimpeln und anderen Relikten vergangener Tage liebevoll dekoriert ist. Die BSG Kali Werra Tiefenort konnte sich immerhin 21 Spielzeiten (!) in der zweithöchsten Liga der DDR halten – da gibt es wahrlich die eine oder andere Anekdote von „früher“ zu erzählen!

Im Anschluss zeigt man mir voller Stolz das „Waldstadion“, welches seit 1966 über den heute faszinierenden Ausbau verfügt und einst bis zu 8.000 Zuschauern auf seinen mächtigen Natursteintribünen Platz bot. Und das, obwohl Tiefenort, das erst 2018 in die Stadt Bad Salzungen eingegliedert wurde, nicht einmal 4.000 Einwohner vorzuweisen hat. Mit den schiefen Steinstufen, den alten Holzbänken und seiner Lage mitten im Wald, stellt es heute ein echtes Kleinod in der deutschen Stadionlandschaft dar. Schön, dass die Akteure des heutigen FSV Kali Werra diese Stadionperle zu schätzen wissen und das Erbe voller Leidenschaft pflegen und ganz offensichtlich auch nachfolgende Generationen hierfür begeistern können. Unabhängig davon, dass man den sportlichen Absturz seit der Wende, der Hand in Hand mit dem Niedergang des Kalibergbaus ging, leider nicht abwenden konnte.

Vor Anpfiff der Begegnung bleibt mir genügend Zeit, ein wenig durch das angrenzende Werratal zu schlendern, die himmlische Ruhe zu genießen und Blicke in die unendlichen Weiten der Landschaft zu werfen. Einige Meter später stößt man auf einen Zeppelinstein, der an ein Unglück des Jahres 1917 erinnert, als ein Marine-Luftschiff auf dem Rückweg nach Kriegseinsatz in England hier in 7500 Metern Höhe (womit Tiefenort indirekt auch einen Weltrekord hält…) in Schwulitäten geraten war und notlanden musste. Natürlich sehr traurig, dass der zwei Fußballfelder lange Koloss, ein Meisterwerk teutonischer Ingenieurskunst, im Anschluss abgewrackt werden musste. Erst andere Länder angreifen und dann rumjammern. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
Spannend bleibt da nur noch die Klärung der Frage, wie Kommandant Hans-Curt Flemming (gestorben 1935) bei der Einweihung des Gedenksteins im August 1937 persönlich anwesend sein konnte. Diese unkaputtbaren Deutschen damals. Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, einfach nicht tot zu kriegen!

Nun aber endlich Fußball. Der gute Mann, der mir eben Stadion und Vereinsgeschichte näher gebracht hat, hat in der Zwischenzeit seine Kasse aufgebaut. Ich muss ihn mehr oder minder dazu zwingen, mir 3 € Eintritt abzunehmen. Der Senior neben mir bemerkt süffisant, dass die Spieler der Kreisligamannschaft im Laufe der Saison offenbar die Fangnetze zerschossen haben, während die Tornetze allem Anschein nach unversehrt geblieben sind. Da weiß ich dank der Stadionführung schon längst, dass es sich um Sturmschäden aus der vergangenen Woche handelt und auch die Geschichte des Rasens, der noch aus Liga-Zeiten stammt und sich mittlerweile in bemitleidenswertem Zustand befindet, ist mir bekannt. Im trockenen und heißen Sommer 2018 hatte der Verein mehrere Tausend Euro aufgebracht, um das Feld in Eigenregie möglichst oft wässern zu können – scheinbar jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Die Hoffnungen ruhen nun auf der Stadt Bad Salzungen, zu der die Sportstätte seit Januar 2019 offiziell gehört. Sollte hier etwas Geld zur Sanierung des „Kaffeetälchen“ bereitgestellt werden, würde sich sicherlich auch der charmante Trainingsplatz neben dem Hauptfeld über etwas Zuneigung freuen…

Nachdem ich als weit gereister Gast diverse Hände geschüttelt habe und die Entschuldigung, dass es heute nur Bock- und keine Grillwurst gibt, da sich für den Spieltag nicht genügend ehrenamtliche Helfer gemeldet haben, gerade so annehmen kann, eröffnet Schiedsrichter Boronowski die Partie. Vor 99 zahlenden Zuschauern muss der junge Mann mit Brille heute ohne Hilfe von Schiedsrichterassistenten auskommen.

Das 1:0 gelingt den Hausherren nach gerade einmal sieben Minuten Spielzeit und schon hat es sich für Kali Werra bezahlt gemacht, dass in dieser Liga ohne Linienrichter gespielt wird. Aus stark abseitsverdächtiger Position gestartet, sitzt der Querpass des Außenspielers dann letztlich perfekt. Stark bedrängt kann Marcus Preißel den Ball am zweiten Pfosten über die Linie drücken und bleibt dann schmerzerfüllt am Boden liegen. Markerschütternde Schreie hallen durch das „Kaffeetälchen“ und schnell ist klar, dass hier etwas schlimmeres passiert sein muss. Wie die aufgescheuchten Hühner irren Ersatzspieler und Mannschaftsbetreuer durch die Gegend, um eine Decke zu beschaffen, einen Notarzt zu rufen und letztlich den jungen Ersatztorhüter zu bitten, eine Trage zu organisieren. Taxifahrer für Hopper, Sanitäter in der Not – er ist der Mann, der alles kann!

15 Minuten später ist Preißel von seinen Mannschaftskameraden offenbar mit einer Armverletzung vom Platz gebracht worden und das Spiel findet seine Fortsetzung. Kaum ist der Wiederanpfiff erfolgt, scheppert es erneut. Nun ist es Tiefenorts Spieler Jantzen, der ordentlich was auf die Socken bekommen hat und sich am Boden windet. Das wirklich üble Einsteigen des Gegenspielers lässt der unerfahrene Schiedsrichter Boronowski gänzlich ungesühnt, während im Hintergrund der RTW gut 25 Minuten nach erfolgtem Notruf gemächlich den Hang hinunterrollt und vor dem Stadion Halt macht.

Auch in Folge bleibt das Spiel zerfahren, regelrecht wild und immer wieder scheppern die Akteure recht unbeholfen ineinander, wobei auch das schwer zu bespielende Geläuf seinen Beitrag an dem niveauarmen Geknüppel leistet. So gibt es auch weiterhin wesentlich mehr Foulspiele als gelungene Spielzüge oder gar Torchancen zu notieren. Nur einmal wird es aufregend, als Gästekeeper Hannes Veit einen der vielen harmlosen Weitschüsse aus der Hand rutschen lässt und emotional die Frage diskutiert wird, ob sich der Ball eventuell hinter der Torlinie befunden hat. Ein Linienrichter hätte eventuell auch hierzu eine andere Meinung gehabt als der Unparteiische. So aber bleibt es vorerst beim 1:0. Das 2:0 verpasst Kali Werra kurz vor dem Pausenpfiff – Scharfenberg legt mustergültig quer auf Römhild, der Ball holpert durch den Strafraum-Acker wie ein Wartburg über Geschwindigkeitshügel in der Spielstraße und der letzte Maulwurf auf der Buckelpiste macht der Chance dann endgültig den Garaus. Platzfehler aus der Hölle. Da kann man aus gefühlten fünf Metern schon einmal das leere Tor verfehlen, ohne jedwede Schuld daran zu tragen. Als wäre all das nicht schon ärgerlich genug gewesen, gelingt den Gästen aus Borchfeld in der Nachspielzeit nach einem Freistoß auf den langen Pfosten auch noch der Ausgleich. Aus dem Gewühl heraus quält Andy Klinzing den Ball mit dem kahlgeschorenen Haupt irgendwie über die Linie.

Es ist mittlerweile kurz nach 16 Uhr geworden. Zur besten Kaffee&Kuchen-Zeit jagt man in Tiefenort „Antenne Thüringen“ mit all den musikalischen Ausfallerscheinungen und diesen fröhlich-beschwingten Moderationen über den Äther, die man genau jetzt vor dem geistigen Auge hat. Müssen wir jetzt alle durch.

Wesentlich schöner ist da der erste Angriff Kali Werras nach Wiederanpfiff. Der Gast aus Borchfeld (oder Immelborn, schenkt man den Aufwärm-Shirts Glauben) ist noch nicht wieder richtig sortiert, steht hinten zu offen und wird durch einen blitzsauber vorgetragenen Spielzug überrascht. Wunderbar kombiniert, die Abwehr ausgespielt, den finalen Pass an den Mann gebracht – 2:1 durch Jantzen nach 49 Minuten. Wenn Fußball in der Kreisliga doch bloß immer so aussehen würde…

Der Rest des Spiels sieht dann aber leider wieder so aus, wie Kreisliga eben aussieht – mal abgesehen von dem ansprechenden Ambiente drumherum. Viel Stückwerk, viele Missverständnisse, aber eben auch viel Leidenschaft und sportlicher Ehrgeiz. Während einige Kinder den Hintertorhügel zum Spielplatz umfunktioniert haben, diesen quietschfidel herunterrollen und die Nerven von Kali-Werra-Keeper Matthä auf eine Zerreißprobe stellen, ist nach 75 Minuten auf dem Platz das letzte Pulver verschossen. Nach einer letzten Gelegenheit für Kali Werra in Folge einer abgefälschten Ecke gibt es nun nur noch Gezeter und Gemecker zu goutieren, in dessen Irrungen und Wirrungen der Schiedsrichter-Bubi nun völlig die Übersicht verliert und sich vom Gästetrainer widerstandslos als „Halbaffe“ und „Spast“ beschimpfen lässt.

So geht das Spiel also ausschließlich mit verbalen Auffälligkeiten zu Ende. Die Spieler des FSV Kali Werra zieht es anlässlich der Feierlichkeiten des 2:1 Heimsieges schnell in die Kabine und so langsam drängelt die Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges in Bad Salzungen ein wenig. Ich wende mich noch einmal vertrauensvoll an den „Manager“ und frage diesen um Rat, ob er mir eines der vielen Taxiunternehmen für die baldige Rückfahrt empfehlen kann. Natürlich müsse ich mir kein Taxi organisieren, da sich sicherlich jemanden finden lässt, der mich zum Bahnhof fahren wird, sprach er und verschwand.

Keine zehn Minuten später werde ich von drei Spielern der Gästemannschaft begrüßt. Gerne nehmen mich diese in ihre Fahrgemeinschaft auf und befördern mich freundlicherweise zum Bahnhof, um mir auf der Fahrt Erfolgsgeschichten des „Dorfclubs“ aus Borchfeld/Immelborn zu erzählen und beispielsweise die regional sehr erfolgreiche Jugendarbeit des Vereins zu thematisieren. Ach, wenn sogar schon die Gäste gastfreundlich sind, dann ist wohl der Höhepunkt der Tour de Thüringen erreicht…

In Eisenach schlägt sich Fetti im „Orient Grill“ schnell den Wanst voll und erreicht dann noch gerade eben so rechtzeitig das Bahnhofsgebäude, um mitzubekommen, dass der ICE von Eisenach nach Berlin 40 Minuten Verspätung aufweist und in wenigen Augenblicken in der Wartburgstadt einrollen wird. Dank der aufgehobenen Zugbindung ist die Entscheidung schnell getroffen, in das Glück namens Direktverbindung zu springen, sich den Umweg via Erfurt zu sparen und bereits eine Stunde vor der eigentlichen Planung wieder zu Hause zu sein. Positiver Nebeneffekt: So bleibt nicht mehr genügend zeitlicher Spielraum, um sich im „Reisemarkt“ mit drei „Beck’s“ zum Preis von Zweien einzudecken…

Völlig unbebiert kehrt Fetti im Bordbistro ein und lässt die Tour de Thüringen in der rollenden Kneipe Revue passieren. Man kann also auch etwas erleben, wenn man Urlaub in Deutschland macht, denkt sich Fetti, als er plötzlich wie von der Tarantel gestochen feststellt, dass er den Sinn des Soldatenseins noch immer nicht erfasst hat. Wie auch, wenn man die Lektüre noch vor dem Kapitel „Von der Beherrschung der Waffe“ aus zeitlichen Gründen hatte abbrechen müssen. Zwei-Drei Bier und Klicks später hat Fetti seine Bibliothek erweitert und das Meisterwerk bei „ebay“ bestellt. Na, da bin ich ja mal gespannt, wie das an der Grenze wohl ausgehen wird…

 

Am 29.03. hole ich einen dicken Umschlag aus meinem Briefkasten und bin ob der Absenderadresse etwas irritiert. Meine Freunde aus Tiefenort haben mir geschrieben? Einerseits freue ich mich über die nächste nette Geste, doch zeitgleich gerate ich etwas in Unruhe, woher die engagierten Herren wohl meine Adresse haben mögen. Und bereits während ich so das Treppenhaus hinauflaufe und grübele, an welcher Stelle ich wieder unbedarft meine Daten verramscht habe, öffne ich die Sendung und muss dann doch etwas schmunzeln. „Vom Sinn des Soldatenseins“. Zwischen Bordbistro und Arbeitsalltag ist diese wahnwitzige Bestellung irgendwie in Vergessenheit geraten. In meiner Wohnung angekommen, schlage ich die erste Seite auf. „Ein Ratgeber für den Soldaten“. Enttäuschung keimt auf. Wie jetzt? Nur für den Soldaten?

Fetti seufzt im Hintergrund. Noch in Eisenach war er waschechter Grenzer gewesen und nun hat er für dieses schändliche Downgrade im Online-Auktionshaus 2,75 € berappt. Hinfort mit dem Schund für das einfache Fußvolk! Da würde man sich ja glatt wünschen, man würde diese Randanekdote bis zur Fertigstellung des Berichtes ebenso vergessen, wie die getätigte Bestellung an sich. Aber keine Chance, denn die Notizen, die bleiben bestehen – und die Datei, die Datei, die hat immer Recht! /hvg

 

23.03.2019 FC Eisenach – SG SV Borsch 1925 1:1 (1:0) / Wartburgstadion / 95 Zs.

21.03.2019 Weimar
Nachdem ich den altehrwürdigen „Lindenberg“ zu Weimar bereits am 22.08.2015 gekreuzt habe, kann ich mich anlässlich meiner Tour de Thüringen dieses Mal komplett auf die Stadt einlassen, ohne dass mich der Fußballsport ablenkt. Standesgemäß darf ich in der Villa des „Schurken“ residieren, die gerade eben pompös genug war, um einst der Kreisverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit ein zu Hause zu bieten. Derart sicher gebettet und dementsprechend ausgeschlafen hole ich am Donnerstag das nach, was ich 2015 gänzlich verpasst habe und verschaffe mir einen Überblick über die Schönheiten Weimars. Schnell kann die „Kulturstadt“ auf ganzer Linie überzeugen. Der strahlende Sonnenschein trägt seinen Teil dazu bei, dass Rathaus, Herderkirche, Anna-Amalia-Bibliothek, Stadtschloss, Herz-Jesu-Kirche und das Deutsche Nationaltheater – inklusive dem davor befindlichen Goethe-Schiller-Denkmal – in allerbestem Licht erscheinen. Und wenn Euch dann der „Schurke“ auch noch herzzereißende Geschichten über Goethe und seiner geliebten Charlotte erzählt, dann wird es auch um Euch geschehen sein. Es bleibt kein Höschen trocken, wenn der „Schurke“ referiert, wie Charlotte mit einer brennenden Kerze im Fenster die Abwesenheit ihres Ehemannes signalisierte, um den Dichter aus seiner schäbigen Gartenlaube zu sich nach Hause locken zu können. Wohl dem, der solche Sichtachsen hat!

Richtig romantisch wird es dann aber erst auf dem „Historischen Friedhof Weimar“, auf dem der „Schurke“ eine weitere gefühlsduselige Episode zum Besten geben kann. Hier liegen – neben den bereits genannten großen Persönlichkeiten Weimars – auch Carl August (Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach) und seine russische Ehefrau Maria Pawlowna begraben. Da Frauen nun einmal anspruchsvoll sind, war diese Beerdigung von besonderen Begleitumständen geprägt. Ihr Wunsch war es nämlich, auf russischem Boden nach orthodoxen Bräuchen beerdigt zu werden, doch da Carl August seiner Liebsten auch nach dem Tode nahe sein wollte, konnte er auch diesem Wunsch auf höchstkreative Weise nachkommen. Flugs wurde russische Erde aus der Heimat Marias herangekarrt und eine russisch-orthodoxe Kirche auf dem Friedhof errichtet. Die Mausoleen der beiden wurden unterirdisch miteinander verbunden und schwupps waren die beiden Turteltäubchen trotz unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen auch post mortem unzertrennlich geworden. Also, wenn dieser Absatz keine gänzlich neue Leserschaften erschließen wird…

Ich hingegen erlebe meinen persönlichen unvergesslichen Weimar-Moment in der „Altweimarische Bierstube“ am Goethebrunnen. Während ich gemütlich in der Sonne am Frauenplan (einer der bedeutendsten Plätze Weimars – Goethes Wohnhaus in der Nachbarschaft sei Dank) sitze, mein lokales „Ehringsdorfer“ genieße und ein traditionelles Auswärtsschnitzel speise, nähert sich schnellen Schrittes ein Rentnerehepaar. „Entschuldigung, dürfen wir uns hier zu Ihnen setzen“, fragt er. Ich schaue mich um und stelle augenrollend fest, dass ich nahezu der einzige Gast des Lokals bin und sich um mich herum schätzungsweise 784 leere Tische befinden. „Nein, sind Sie bescheuert, oder was?“ ist in etwa das, was mir just in diesem Moment durch den Kopf geht, aber meistens sorgt irgendein vermaledeites Sozialarbeiter-Gen in mir dafür, dass das, was in Folge dem Mund entweicht, mit diesen ehrenwerten Gedanken nur wenig gemein hat und sich dann zu meinem persönlichen Nachteil auswirkt. „Nein. Setzen Sie sich doch bitte einfach an einen der freien Tische“, antworte ich zu meiner eigenen Überraschung. Das „schmale Handtuch“, wie das altehrwürdige Haus im Volksmund genannt wird, scheint mich irgendwie zu inspirieren. „Aber bei Ihnen scheint so schön die Sonne!“, setzt der Senior noch einmal nach, doch mit einem „ja, deswegen sitze ich ja auch hier“, erkläre ich die unangenehme Situation für beendet, während die Dame ihrem grantelnden Heinz am Arm packt und in den Schatten zieht. Endlich die eigenen Bedürfnisse über die der anderen gestellt – da wächst die Brust des schmalen Handtuchs!

22.03.2019 Eisenach
Am Freitagmorgen verlasse ich um kurz nach 11.00 Uhr das wunderschöne Weimar in Richtung Eisenach. Für horrende 15,90 € könnte man in einer Stunde mit der Bimmelbahn dorthin gelangen, oder aber man nimmt einen Euro mehr in die Hand, gönnt sich ab Erfurt eine dekadente Überfahrt im ICE und spart 15 Minuten Fahrzeit. Die Preispolitik der „DB“ macht es möglich, dass Fetti langsam aber sicher die Bodenhaftung verliert. Regionalbahn fahren ist schon lange unter seinem Niveau!

Der Weg vom Bahnhof Eisenach zu meiner Pension bereitet mich dann auf das vor, was in den nächsten Stunden so auf mich zukommen wird. Jeder gottverdammte Stromkasten, jede einzelne Laterne und jeder Mülleimer ist hier mit widerlicher Nazi-Propaganda beklebt. „FCKANTIFA“, „Nazizone“, „Abrakadabra Antifa ins Arbeitslager“, „unser Kampf bleibt National“, „Nationaler Aufbau“, „NS Zone“, „Die Identitären“, „Patrioten Propaganda“ – nur, um die Bandbreite der bedrückenden Sticker-Slogans und der Graffiti-Schmierereien grob anzudeuten.

Mit einem einigermaßen beklemmenden Gefühl in der Brust habe ich nach einem 40-minütigem Spaziergang meine Ferienwohnung am Stadtrand erreicht. Hier empfängt mich ein Schnurrbart im Blaumann, der gerade im Garten arbeitet und den Check-In mit einem eleganten Smalltalk begleitet. „Du kommst aus Berlin? Ost oder West?“. Meine diplomatisch geschickt gewählte Antwort, dass ich in Ostberlin lebe, scheint ihn zu beruhigen. Er lässt es sich nun jedenfalls nicht nehmen, mir von seinem Militärdienst in Hennigsdorf und Oranienburg zu berichten und dass sich erst neulich wieder irgendein „Westler“ über die Toilette auf halber Treppe beschwert hätte. Im Wohnzimmer liegt ein Meisterwerk der politischen Hauptverwaltung der Nationalen Volksarmee zur Lektüre bereit. Der geneigte Eisenachbesucher darf sich hier „Vom Sinn des Soldatenseins“ überzeugen, wobei das Kapitel VI des „Ratgeber für den Grenzsoldaten“ über den Klassenfeind und seine Absichten von meinem Gastgeber offenbar besonders häufig quergelesen wurde. Flucht in die Vergangenheit. Auch nicht immer eine absolute Gewinnerstrategie.

Nach all den gewonnenen Eindrücken ringe ich mit mir, ob ich die Wohnung überhaupt noch einmal verlassen mag, kann mir dann aber glücklicherweise einen Ruck geben, der Innenstadt eines Blickes zu würdigen. Hier kann Eisenach einiges wieder wettmachen und punktet durch seine historischen Bauten und dem schönen Marktplatz mit Rathaus und Georgienkirche auf ganzer Linie. Johann Sebastian Bach erblickte 1685 in Eisenach das Licht der Welt. Dort, wo heute das „Bachhaus“ auf 600² Ausstellungsfläche dem bekanntesten Sohn der Stadt gedenkt, ist er jedoch womöglich gar nicht geboren worden. Der historische Irrtum über das Geburtshaus Bachs besteht seit Mitte des 19. Jahrhunderts und hält sich dank einer Schautafel am Museum bis heute. Dabei geht man mittlerweile davon aus, dass Bach die ersten 10 Jahre seiner Kindheit nicht in diesem Haus, sondern in irgendeinem der umstehenden Häuser in einem Umkreis von ca. 100 Metern verbracht haben muss. Damit scheidet das „Schmale Haus“, welches am Johannisplatz steht, als potentielles Geburtshaus natürlich aus, ist aber dennoch von besonderer Bedeutung für die Stadt. Es ist nämlich nur 2,05 Meter breit, ist somit das schmalste bewohnte Fachwerkhaus Deutschlands und verfügt gar über eine eigene Internetpräsenz. Urlaub in Deutschland. Da kann man was erleben.

Trotz der recht schönen Ablenkung fallen die anhaltenden Schmierereien derart schwer ins Gewicht, dass ich von einer Einkehr in eine Gaststätte mit Wartburgblick absehe. Wer weiß, auf wie viele Wutbürger in ostdeutsch karierten Shorts man hier treffen würde. In der Tat hat mich die ganze Nazischeiße im Stadtbild derart in die Knie gezwungen, dass ich mich freiwillig dazu entscheide, mich in meine Ferienwohnung zurückzuziehen und mir mein Abendessen selbst zu „kochen“. Heute gibt es also rucksackgelagertes Formfleischschnitzel aus Pforzheim, einen Snacksalat vom „Nahkauf“, zwei-drei „Wartburg Export“ und der Bericht aus Stendal entsteht. Na, Prost Mahlzeit!
Da kann Fetti nur den Kopf schütteln. Arbeit im Urlaub? Ist doch kein Auswärtsblog hier…

23.03. Eisenach
Am Samstag zeigt sich aber recht schnell, dass gestern Abend keine verkehrte Entscheidung getroffen worden ist. Die „White Power“-Sudelei an der Bahntrasse ist schon ekelhaft genug, aber als kurz darauf ein Jugendlicher seiner Mutter gegenüber auf offener Straße ungeniert von „dreckigen Juden“ spricht, ist für mich das Maß des Erträglichen genaugenommen bereits wieder voll. Wie soll das erst nachher beim Fußball werden? Ich kämpfe gegen größer werdende Rückzuggedanken an und gehe aus dieser Schlacht wohl nur als Sieger hervor, da ich die Wartburg zumindest einmal gesehen haben möchte und ich aktuell nicht davon ausgehe, in meinem Leben jemals freiwillig nach Eisenach zurückzukehren. Plötzlich erkennt man wie von Geisterhand hinter jeder Sonnenbrille mit Kurzhaarfrisur eine Nazifresse und auch die „Zecken umklatschen“-Aufkleber sowie die eingeschmissenen Scheiben des „Eisenacher Aufbruch“ tragen nicht unbedingt zum verbesserten Wohlbefinden meinerseits bei. Ich bin zwar weit davon entfernt, zu behaupten, dass jeder Eisenacher ein Nazi ist, aber offenbar gibt es doch verdammt wenige Menschen, die sich aktiv einsetzen und wenigstens das Straßenbild retten. Ist es zu viel verlangt, dass ein paar engagierte Menschen all die Sticker überkleben oder entfernen? Gibt es keine jungen Menschen, die in der Lage sind, eine Sprühdose zu bedienen und zumindest die schlimmsten Ausfälle zu übermalen? Wie dem auch sei, im Wald hat man dann schließlich seine Ruhe und kann sich von den innerstädtischen Strapazen erholen. Dennoch hat es mir die Laune verhagelt und nach gut 45 Minuten Fußweg reicht es mir dann trotz eher schlechter Aussicht, ein Foto der Wartburg aus sicherer Entfernung zu schießen und dann wieder umzukehren. Ist vielleicht doch besser, so wenig Menschen wie möglich zu treffen.

Um 12.15 Uhr fährt in der selbsternannten Automobilstadt endlich der erste „Wartburg“ an mir vorbei und ich bin mit dem abgebrochenen Burgbesuch bereits wieder soweit versöhnt, dass ich auch dem Fußballspiel eine Chance geben mag. Mein Fußweg führt also weiter in Richtung „Wartburgstadion“, in dessen unmittelbarer Nähe auch der FSV Eintracht Eisenach sein zu Hause hat. Die Sportanlagen beider Vereine sind malerisch zwischen Hörsel und Michelsbach in der Katzenaue gelegen und auf einem wunderbaren Ascheplatz knödeln Geflüchtete miteinander. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.

45 Minuten vor Spielbeginn decke ich mich im „REWE“ mit einem frischen „Wartburg Export“ ein und erkunde dank eines offen stehenden Tores die Spielstätte. Das Stadion wurde 1955 eröffnet und fasste einst bis zu 20.000 Zuschauer. Der Zuschauerrekord stammt aus dem Jahre 1967, als bei einem Länderspiel der B-Elf der DDR gegen Ungarn 14.000 Menschen in das Stadion gepilgert waren. Der Eisenacher Fußballclub hieß damals BSG Motor und spielte zeitweise immerhin in der zweithöchsten Spielklasse der DDR. In der Nachwendezeit startete der Verein als SV, später als FC Wartburgstadt Eisenach bis in die Thüringenliga durch. Nach der Fusion mit zwei weiteren Eisenacher Vereinen nannte man sich im Jahre 2011 in FC Eisenach um und erzielte mit dem Aufstieg in die Oberliga 2013/14 den größten Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte. Das Spiel gegen den 1.FC Lokomotive Leipzig mit 1.620 Zuschauern ist hier vielen in besonderer Erinnerung geblieben.

Während in den 1990er Jahren die Stehstufen in den Kurven und auf der Geraden abgerissen und begrünt worden sind, sind die alte hölzerne Haupttribüne und der Sprecherturm mit den dazugehörigen Maueranlagen aus Naturstein der Nachwelt erhalten geblieben. Auf der begrünten Gegengeraden, auf der sich dank ihrer Weitläufigkeit und rudimentär erhaltener Treppenanlagen die einstigen Größendimension des Stadions erahnen lassen, stehen heute einige Parkbänke in blau und weiß, von denen man die Spiele Landesklasse-Kicker entspannt verfolgen kann. Ob die Bänke offiziell zu den 139 Sitzen unter den insgesamt 4.500 Plätzen des Stadions zählen, ist jedoch nicht überliefert.

Als ich von meinem Toilettengang in der „Werner-Aßmann-Halle“ der Handballer des ThSV Eisenach zurückkehre, ist das offen stehende Tor des benachbarten Stadions verschlossen worden. Am Haupteingang werde ich freundlich begrüßt und dann mit 4 € zur Kasse gebeten. Dadurch, dass ich bereits beim Fotografieren aufgefallen bin, habe ich dem FC Eisenach von 2011 die Tageseinnahmen gerettet, ansonsten wäre das Schlupfloch wohl unentdeckt geblieben, wie der Kassierer ehrlich zugibt. „Dein Bier hast Du ja schon ausgetrunken, habe ich gesehen, aber trotzdem muss ich noch in Deinen Beutel schauen, damit du nichts dabei hast, um irgendwelche Menschen zu töten“, sagt er erst und händigt mir erst nach der Taschenkontrolle eine formschöne Kino-Abrisskarte aus, die er „extra noch aus der Metro geholt“ hat, um mir eine Erinnerung an den Stadionbesuch zu verschaffen. Netter Mensch.

Ich lasse mich mit einem kühlen Stadionbier in einem schönen Plastikbecher mit FC Eisenach Logo auf dem Grashügel der Gegengerade nieder. Das Publikum ist in etwa 100x angenehmer, als ich es erwartet hatte. Schon jetzt hat sich der Besuch des „Wartburgstadion“ ausgezahlt und über die anderen geschilderten Eisenach-Eindrücke etwas hinweggetröstet.

Nach 13 Minuten verzeichnen die Gäste aus Borsch die erste Großchance, doch Bittorf scheitert mit einem sehenswerten Flugkopfball am glänzend aufgelegten Keeper Ivan Renić, der eigentlich nur die Nummer 2 des FCE ist. Der etatmäßige Stammkeeper Hristo Kovachev sitzt heute verletzungsbedingt lediglich auf der Bank, doch bei diesem Vertreter muss einem nicht Angst und Bange werden. Außerdem sind diese beiden Personalien eine gesonderte Erwähnung wert, weil sich außer ihnen 31 deutsche Vornamen auf dem Spielberichtsbogen befinden. Bei all den Sebastians, Pauls, Roberts und Christians wird einem ja ganz schwindelig…

Nach 15 Minuten deutet sich bereits der erste Wechsel an. Gästekapitän Kraus ist angeschlagen, ganz zum Ärger der Wechselspieler, die vom Co-Trainer nun zum Warmmachen animiert werden müssen. „Echt? Jetzt schon? Wir wollten uns noch ein bisschen sonnen!“, äußert einer der Aufgescheuchten und zeigt so, dass er bis in die Haarspitzen motiviert ist. Wenige Minuten später kann der gute Mann doppelt aufatmen: Der Fernschuss des Eisenacher Kiesel rauscht knapp über das Tor und Kraus signalisiert, dass er doch weiterspielen können wird.

Nach 25 Minuten fällt das erste Tor des Tages. Eine kurz ausgeführte Ecke überrascht die Gäste, die den flachen und scharf hereingespielten Ball an den kurzen Pfosten nun nicht mehr vernünftig verteidigen können. Galozy und sein Gegenspieler Schel aus Borsch ringen um den Ball und irgendeiner der beiden drückt das Spielgerät im Infight über die Linie. Tendenz: Eigentor.

In Folge neutralisieren sich beide Mannschaften im Mittelfeld, ohne dass es weitere nennenswerte Höhepunkte zu verzeichnen gibt. Sicherlich ein Erfolg für die Hausherren, die dem amtierenden Landesklassenmeister und Tabellendritten hier gut Paroli bieten können. In der 41. Minute kann der FC Eisenach das Ergebnis beinahe in die Höhe schrauben, doch leider scheitert Kraiczi letztlich an der Latte, nachdem er sich im Zweikampf schön behauptet und einen Gegenspieler abgeschüttelt hatte.

In der Halbzeit kann sich Fetti endlich über die erste Thüringer Rostbratwurst des Urlaubs hermachen, nachdem man in Erfurt noch die Dreistigkeit besessen hatte, im Gästeblock lediglich Currywurst anzubieten. Dazu gibt es ein weiteres kühles Bier und schon kann man frohen Mutes in den zweiten Durchgang starten, welchen der Gästetrainer mit der knackigen Ansage „einfache Bälle spielen, die schwierigen können wir nicht!“ eröffnet.

Seine Spieler leisten ihm Folge und gewinnen Oberwasser. Gerade einmal 60 Sekunden sind gespielt, als sich der auffällige Bittorf auf der rechten Seite gleich gegen zwei Gegenspieler durchsetzen kann, in den Strafraum eindringt und den Rückpass mustergültig an den Mann bringt. René Metzler hat keine große Mühe, den Ball zum 1:1 einzuschieben. In Folge drückt der Gast, lässt Ball und Gegner laufen und schiebt immer wieder an, ohne jedoch gute Abschlussgelegenheiten kreieren zu können. Bis zum Schlusspfiff riecht es permanent nach Auswärtssieg, doch fehlt den Gästen aus Borsch letztlich die finale Überzeugung. So muss sich das fußballerisch bessere Team schlussendlich mit einem Remis begnügen, was die Eisenacher mit den gut 100 Zuschauern im Rücken sichtlich erleichtert zu feiern wissen. Ich verlasse die Spielstätte gut gelaunt und doch einigermaßen erleichtert, dass es auch im Eisenach-Bericht zumindest an einer Stelle eine uneingeschränkte Reiseempfehlung geben wird. Das „Wartburgstadion“ ist in jedem Falle einen Besuch wert!

Als ich wieder vor meiner Ferienwohnung angekommen bin, werkelt der Schnurrbart im Blaumann erneut im Garten herum. Heute reinigt er gemeinsam mit seinem Sohn einen Grill und hübscht die Terrasse auf. „Wir wollen heute grillen, magst Du mit hinterkommen?“, fragt er mich. „Hinterkommen“ ist auch so ein Wort, das ich seit 10 Jahren nicht mehr gehört habe. Erinnerungen an mein Praktikum im DDR-Erzieherinnenkollektiv werden wach, aber die tun hier jetzt nichts zur Sache. „Wo kriege ich denn jetzt auf die Schnelle etwas zum Grillen her?“, halte ich für eine durchaus relevante Gegenfrage, die aber nicht nötig gewesen wäre. Wir Ossis halten eben zusammen und so erhalte ich eine herzliche Einladung zu Bier und Fleisch auf’s Haus, die ich – in der Hoffnung, dass es nicht politisch werden möge – dankend annehme. Für eine halbe Stunde verschwinde ich auf dem Zimmer und bereite mich mental auf alle Eventualitäten vor. Gedanklich erstelle ich eine Liste mit Tabuwörtern, die zum sofortigen Abbruch des Grillabends führen würden. Flüchtlinge, Merkel, Kuscheltierwerfer, Gutmenschen, so etwas. Damit ich nicht komplett ohne Mitbringsel dastehe, schnappe ich mir die gestern Abend übrig gebliebenen Auberginen in Tomatensoße in formschöner Konservendose, atme tief ein und wage mich dann in das Abenteuer ‚Grillabend in Westthüringen‘.

Die beiden freuen sich wirklich aufrichtig und ehrlich, als ich wieder im Vorgarten aufschlage. Die Auberginen kennen sie nicht und essen sie nicht. Hätte ich damals schon gewusst, dass „Eierfrucht“ die deutsche Bezeichnung für dieses fremdländische Gemüse ist, hätte ich eventuell bessere Vermarktungsmöglichkeiten gehabt. Aber offenbar habe ich ihnen bereits mit meiner bloßen Anwesenheit einen großen Gefallen getan und schon lassen sie erste gastfreundliche Taten folgen. Keine 30 Sekunden später kriege ich ein gekühltes tschechisches in die Hand gedrückt und die ersten Steaks und Würste werden kredenzt. Der Herr des Hauses erzählt, was seit 1990 in seinem Leben alles schiefgegangen ist, nachdem er sich damals das Haus für 60.000 D-Mark gekauft hat. Das Haus gegenüber steht seit 10 Jahren leer, seine Nachbarn sind alle arbeitslos und leben von Hartz IV, während die „schweren Westler“ alle Blöcke im Viertel aufgekauft haben. Und die Spare Ribs aus dem „Kaufland“, die kann man auch vergessen, weil die „Amis“ immer alles zu süß würzen. Der gute Mann geht auf die 70 zu und ich hätte ihn gut 20 Jahre jünger geschätzt. Eine gewisse Schwere liegt in der Luft, sein Gesicht ist von Traurigkeit gezeichnet, der Blick geht melancholisch in die Leere. Im Verlauf der nächsten beiden Stunden wird er nicht eine Anekdote erzählen, die positiv konnotiert ist. Hier kann man Sozialstudien anfertigen – oder sich einfach über die Herzlichkeit und Gastfreundschaft von Vater und Sohn freuen und darüber, dass irgendwann ein schöner Abend zu Ende geht, ohne dass die Tabuliste zum Einsatz kommen musste. Am Ende verabschiedet er mich mit einem freundlichen Händedruck und einem „Schön, dass Du da warst“.

Und ich meine, dass ich sogar ein kleines Lächeln in seinem Gesicht gesehen habe. Gut, dass Fetti und das schmale Handtuch zu Besuch waren. In Eisenach hat man ja offenbar sonst nichts zu lachen… /hvg

20.03.2019 FC Rot-Weiß Erfurt – 1.FC Union Berlin 1:4 (1:3) / Steigerwaldstadion / 2.728 Zs.

Mitte Dezember verkündet der 1.FC Union Berlin, dass er im März 2019 zum Zwecke eines Benefizspiels beim FC Rot-Weiß Erfurt aufdribbeln wird. Es ist noch gar nicht sonderlich viel Zeit ins Land gegangen, seitdem es den „Spreewaldschurken“ aus beruflichen Gründen nach Weimar verschlagen hat und natürlich ist dieser sofort Feuer und Flamme für dieses Spiel in unmittelbarer Nachbarschaft. Auch in den Berliner Reihen FUDUs weckt das Spiel Begehrlichkeiten, schließlich liegt der letzte Besuch des Erfurter „Steigerwaldstadion“ bereits annähernd 12 Jahre zurück (09.09.2007, 0:2 Niederlage, Torschützen Kumbela und Bunjaku, Schiedsrichter Rafati) und in der Zwischenzeit hat sich baulich an der Spielstätte bekanntermaßen einiges verändert (… und bevor mich aufmerksame Unioner mit Hassmails bombardieren – beim 1:1 am 06.12.2008 habe ich – im Gegensatz zum „Hoollegen“ – mit Magen-Darm und Attest gefehlt!). So ist es nicht zu leugnen, dass das Spiel auch aus Hopping-Gesichtspunkten einen gewissen Reiz versprüht.

Da stellt sich für unsereins nur noch die Frage, ob man sich für einen solchen Kick unbedingt einen Tag Urlaub nehmen sollte. Es ist den Vereinsverantwortlichen nämlich gelungen, für dieses Rettungsspiel des finanziell schwer angeschlagenen Regionalligisten einen denkbar fanunfreundlichen Termin zu finden: Mittwoch, 18.00 Uhr. Dabei lernt man doch bereits im ersten Semester Bilanzfälschung an der Fernuni Dubrovnik: Wenn Dir die Menschen ihr Geld geben sollen, gebe Ihnen die Gelegenheit dazu…

Einige Tage später taucht auf der Facebook-Seite des 1.FC Union Berlin dann ein Kommentar auf, der neuen Wind in die Sache bringt. Der FSV Kali-Werra Tiefenort lädt alle Unioner, die noch etwas in der Gegend bleiben wollen, herzlich in ihr „Kaffeetälchen“ ein. Ein Klick auf den beigefügten Link später hat der postende Mensch erreicht, dass ich ernsthaft beginne, über diese Einladung intensiv nachzudenken. Was für ein wunderschönes Stadion. So funktioniert Marketing!

Vier Wochen lang kämpfe ich mit mir. Urlaub in Deutschland ist grundsätzlich etwas, das ich in etwa so spannend finde wie einen Bodensee-Tatort ohne Untertitel. Als ich dann aber auch noch feststelle, dass am Wochenende nach dem Benefizspiel aufgrund einer Länderspielpause kein Ball in der zweiten Bundesliga rollen wird, ist die Entscheidung final getroffen. Fünf Tage auf großer Tour de Thüringen.

In der Zwischenzeit hat sich auch der FC Rot-Weiß Erfurt aufgemacht, das Spiel im großen Stil zu vermarkten. Wer weiß, wie viele kreative Köpfe da wohl monatelang zusammengesessen haben mögen, um dieses geniale Motto für das Retterspiel zu ersinnen. Es lautet „Currywurst vs Bratwurst“, sorgt in Berlin für mitleidige Schmunzler und kommt auch in der Fanszene Erfurts eher nur so semi gut an. So funktioniert Marketing nicht!

Als wäre dieser Slogan an peinlicher Belanglosigkeit ohnehin kaum zu überbieten, wird Erfurt auch noch in unfassbar hässlichen Sondertrikots auflaufen müssen und diese hinterher versteigern. Kreativer ist man da bei FUDU und so lässt es sich der „Hoollege“ nicht nehmen, seine Zusage an einem Tagesausflug mit einem süffisanten Seitenhieb zu versehen: „Die Currywurst mit Naturdarm ist mit an Bord!“.

So also begeben sich am 20.03.2019 zwei Berliner auf den Weg nach Erfurt. Nach einer Stunde und 47 Minuten Fahrt ist die thüringische Landeshauptstadt um 11.52 Uhr erreicht. Gegenüber des schönen Hauptbahnhofs befindet sich der „Erfurter Hof“, welcher früher als Bahnhofshotel fungierte und heute als Geschäftshaus genutzt wird. 1970 fand hier das „Erfurter Gipfeltreffen“ statt, auf dem Willy Brandt und Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates der DDR, deutsch-deutsche Annäherungsgespräche führten. Die Leuchtschrift auf dem Dach des Gebäudes („Willy Brandt ans Fenster“) ist bereits aus dem Zug zu erkennen und ich habe im Rahmen diverser Vorbeifahrten sicherlich schon zehn Mal recherchiert, was es mit dieser Zeile auf sich hat. Sie erinnert also an die Ausrufe der begeisterten Erfurter Bevölkerung, die seinerzeit dem Bundeskanzler zuwinken wollten. Schreibe ich jetzt einfach mal auf. In der Hoffnung, dass sich die Information jetzt endlich setzt und ich beim nächsten Mal das internetfähige Handy nicht schon wieder zücken muss, wenn ich Erfurt im ICE passiere und „Willy Brandt ans Fenster“ soll …

Das Wetter zeigt sich heute von seiner besten Seite und lädt förmlich zu einem Stadtspaziergang ein. Wir steuern zielstrebig die „Krämerbrücke“ an und erfreuen uns an den vielen kleinen Cafés und Ladengeschäften. „Ist ja genau so schön hier wie in Italien“, hört man die Rentnergruppen ringsherum raunen. Übrigens auch so ein Satz, der letztlich nur illustriert, dass genaugenommen niemand Lust auf Urlaub in Deutschland hat. Warum sonst sollte man sich das Gesehene durch Vergleiche mit schier unerreichbar fernen Ländern schöner lügen, als es ist? Andersherum betrachtet hat es sicherlich auch seinen Grund, warum niemand in Venezia über die „Ponte Rialto“ flaniert und dabei sagt: „So etwas schönes sieht man ja ansonsten nur in Erfurt!“…

Versteht mich nicht falsch. Keineswegs soll dies die Schönheit der Brücke schmälern, aber sie ist de facto nicht „so schön wie in Italien“, sondern maximal so schön, wie eine Brücke in Thüringen eben sein kann. Im weiteren Verlauf des Spaziergangs erhalten aber auch Rathaus, Severikirche und Dom thüringische Bestnoten, ehe wir im „Braugold-Treff“ am Domplatz unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Das bestellte Eisbein schmeckt fatalerweise so wie es aussieht (also in etwa so alt wie das an der Eingangstür angebrachte Werbeplakat für ein „Tatort“ Public-Viewing von 2015) und auch die „Knobländer“, die der „Hoollege“ in Erwartung einer sensationell interessanten Wurstspezialität bestellt, entpuppt sich lediglich als ca. zwei Meter lange Bockwurst. Untermalt wird das Ganze von permanentem Lärm und der einen oder anderen Staubwolke, die von der Großbaustelle neben uns herüber wabert. Zunächst sind wir beide gleichermaßen enttäuscht ob der Qualität und etwas später mehr oder minder zeitgleich geradezu angeekelt von unseren georderten Speisen. Förderlich ist es da, dass wir zu zweit am Tisch sitzen und so wenigstens einem Tellertausch in der „Halbzeit“ nichts mehr im Wege steht. Mit einem tröstenden „Ja, dein Essen schmeckt auch scheiße!“ geben wir uns gegenseitig das Gefühl, bei der Bestellung nichts falsch gemacht zu haben. Ach, hätten wir doch bloß damals schon die „Thüringer Allgemeine“ konsultiert, die den Artikel zwar hinter einer Bezahlschranke versteckt, doch bereits mit der Überschrift durch die Blume eine mehrdimensionale Warnung ausspricht: „Raschid Berrasched betreibt den „Braugold-Treff“ am Dom und bietet für Rentner und Touristen Thüringer Küche“. Mehr hätte man nicht wissen müssen.

Glücklicherweise glänzt wenigstens das „Braugold“ recht schön in der Sonne und holt für den Laden die Kastanien noch gerade eben so aus dem Feuer. Zu diesem Zeitpunkt kennen wir das Sortiment der lokalen Brauerei noch nicht vollumfänglich, ansonsten hätten wir eventuell nach der Spezialität des Hauses mit dem politisch unverfänglichen Namen „18 achtundachtzig“ gefragt. Wie geht Marketing doch gleich noch mal?

Leider können wir auch nach der zweiten Goldelse einem etwas derangiert wirkenden niederländischen Streuner nicht weiterhelfen, da wir auf seine Frage, wo er in Erfurt etwas zum Rauchen kaufen könne, keine Antwort parat haben. Wir sind dann aber hochgradig erleichtert, dass sich der junge Mann selbst zu helfen weiß und bei der Wahl seiner Betäubungsmittel Flexibilität an den Tag legen kann. So lässt er sich einfach neben einem Domplatz-Clochard nieder und trinkt gemeinsam mit diesem Wein aus dem Tetra Pak.
Fast wie in Italien.

Uns zieht es im Anschluss hinaus in das „Steigerwaldstadion“, welches genaugenommen gar nicht im Steigerwald, sondern nordnordöstlich davon liegt. Mittlerweile ist auch der „Schurke“ in seinem Feierabend angekommen und hat es immerhin zu 16.45 Uhr geschafft, die knapp 30 Kilometer von Weimar nach Erfurt zurückzulegen. So bleibt vor Anpfiff noch genügend Zeit auf der Uhr, um auch den „Sprengmeister“ mit Wismut-Aue-Affinität, der aktuell in Erfurt wohnt und heute mit einem Bekannten im Heimblock gammeln wird, auf einen kurzen Smalltalk zu treffen. Schon jetzt erweckt hier alles den Eindruck, als wären mehr Gäste, Hopper und hinsichtlich der Abwendung der Insolvenz des RWE eher emotional unbeteiligte Fußballfreunde rund um das Stadion unterwegs, als Erfurter, die auf Gedeih und Verderb ihren Herzensverein zu retten gedenken.

Auf dem Weg zum Gästeblock erhalten wir sogleich ein kleines Begleitheft, welches allen Ernstes der Insolvenzverwalter Volker Reinhard mit einem Vorwort versehen durfte. Der „Kultverein aus Berlin“ wird begrüßt und die Kampagne „Currywurst vs Bratwurst“ wird in ein nicht vorhandenes Rampenlicht gestellt, um heute „die Spezialitäten aus der Heimat der beiden Vereine hervorheben“ zu können. Die Sondertrikots mit Senf- und Ketchupflecken suggerieren derweil, dass der gemeine Thüringer offenbar zu blöd zum Selberkleckern ist und gehen an den Fanständen sprichwörtlich weg wie alte Schrippe. Schlimmer wird es dann nur noch im Gästeblock, in dem es neben Currywurst auch – Achtung, festhalten, was für ein Brüller! – „Berliner, gefüllt“ für 2,00 € käuflich zu erwerben gibt, doch werden diese von den knapp 150 Unionern irritierenderweise konsequent verschmäht.

Heute sind nicht einmal 3.000 Menschen in das neue „Steigerwaldstadion“ gekommen, obwohl der RWE um das Überleben kämpft und trotzdem habe ich plötzlich Verständnis für jeden Erfurter, der angesichts dieses „Events“ Scham erfüllt zu Hause geblieben ist. Ich verstehe jeden RWE-Ultra, der unter diesen Umständen keinen Finger krumm macht, um den Verein mit diesen handelnden Personen zu retten. Und bei Gott, ich wünsche der Werbeagentur-Amöbe, die diesen unfassbar irrelevanten Zinnober ausgeheckt hat, dass sie all die übrig gebliebenen „Berliner“ (es heißt übrigens „Pfannkuchen“, du Idiot!) zur Strafe bis zum letzten Krümel in sich hineinfressen und sich mit den übrig gebliebenen Trikots so lange in der Fußgängerzone beschimpfen lassen muss, bis auch das letzte Nicki über den Bauchladentisch gewandert ist…

Puh. Jetzt erst einmal ein leckeres „Köstritzer“ Kellerbier vom Fass zur Beruhigung und dann kann auch schon Fußball gespielt werden. Das „neue“ Stadion ist durchaus ansehnlich. Glücklicherweise haben die alten Flutlichtmasten im Gegensatz zum Marathontor überlebt und auch die alte Haupttribüne mit dem Zeltdach konnte in das neue Stadion integriert worden. Nichtsdestotrotz befindet sich diese leider nach wie vor gefühlte 100 Meter vom Spielfeld entfernt und auch die Tartanbahn braucht es für ein Fußballstadion nicht zwingend, ist aber für die Erfurter Leichtathleten erhalten geblieben. Der Rest des Stadions ist ansprechend saniert, modernisiert und überdacht worden und so kann der kriselnde Regionalligist nunmehr ein brandneues Stadion bespielen, welches beinahe 20.000 Zuschauer fasst. Thüringen thinks big!

Für die Gäste aus Berlin ist für 8,50 € Eintritt heute nur der Sitzplatzblock geöffnet worden, was sehr viel Sinn ergibt, so man nach dem Spiel unbedingt eine Putzkolonne zur Reinigung der strahlend weißen Sitzschalen bezahlen möchte, um unter dem Strich bloß nicht zu viel Geld zur Rettung des eigenen Clubs zusammenzubekommen. Das Retterspiel beginnt. Fast 17.000 leere Stühle sorgen für ein tristes Ambiente, in dem Stimmung nicht so recht aufkommen mag, aber wenigstens schmeckt das Jens Kellerbier. Nachdem die Anfangsviertelstunde durchaus RWE gehört, zeigt sich Suleiman „Manni“ Abdullahi in Folge bestens aufgelegt und bringt Union mit drei Toren innerhalb weniger Minuten (22., 23., 26.) frühzeitig auf die Siegerstraße, wobei er die Schönheit der Tore angemessen steigert: Tor 1 ein Abpraller, Tor 2 ein Flachschuss von der Strafraumkante, Tor 3 ein Traumtor in den Giebel. Schade, dass nach dem dritten Geniestreich nur eine Minute vergeht, bis Erfurts Kelbel der Ehrentreffer zum 1:3 gelingt und die Standing Ovations für „Manni“ dadurch deutlich zu kurz ausfallen.

Im Laufe der zweiten Halbzeit wechselt Union mit Florian Sander, Laurenz Dehl, Daniel Eidtner und Stefan Rankić gleich vier Nachwuchsspieler ein, wobei ins Besondere letzterer eine interessante Vita vorweisen kann. Geboren in Bosnien und offenbar so gut, dass man ihn zum 01.01.18 mit lediglich 16 Jahren vom Омладински фудбалски клуб Београд (OFK Belgrad) nach Köpenick gelotst hat. Den behalten wir mal im Auge, auch wenn es Daniel Eidtner ist, der mit seinem Treffer zum 4:1 in der 82. Minute heute für etwas mehr Aufsehen sorgen kann. Schiedsrichter Lossius beendet kurz darauf die Partie und am Bahnhof von Erfurt trennen sich unsere Wege. Der „Hoollege“ muss zurück ins Currywurstland, während ich um 21.01 Uhr gemeinsam mit dem „Schurken“ in Richtung Weimarer Bratwurstparadies aufbreche. Das hier war schließlich erst der Aufgalopp in die Tour de Thüringen… /hvg

17.03.2019 VfR Mannheim 1896 – VfB Eppingen 1921 1:2 (1:0) / Rhein-Neckar-Stadion / 230 Zs.

Im März 2019 gibt Fetti ein erbärmliches Bild ab. Vollkommen verwahrlost, abgemagert und apathisch soll er sich dem Hörensagen nach aktuell durch das Leben kämpfen. Zuletzt hat er angeblich sogar vergessen, regelmäßig alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Klar, dass sich seine treue Gefolgschaft da zu sorgen beginnt und schnell die Frage im Raum steht, ob Fetti womöglich ins Heim muss. So also nimmt die Unterschichtenbande das alte Ferkel an die Hand und schickt sich an, ihm an einem Wochenende einen bunten Strauß der Möglichkeiten aufzuzeigen. Heidenheim, Pforzheim, Mannheim. Irgendwo wird er sich schon wohlfühlen. Wohl dem, der solche Freunde hat!

Heim 01: Heidenheim

Das Wochenende beginnt wieder einmal an einem Freitag. Dank der DFL darf man erneut einen seiner kostbaren Urlaubstage dafür einsetzen, sich ein verschlafenes Provinznest anschauen zu können. Und unter uns, wer schon vier Mal in Heidenheim war, der freut sich auf den fünften Besuch um so mehr. Anders als bei den letzten Aufenthalten auf der schwäbischen Ostalb ist dieses Mal jedoch erstmals eine Übernachtung vorgesehen. Unser Hotel, welches etwas außerhalb in Heidenheim-Schnaitheim liegt, meldet bereits während der Anreise erste Komplikationen. Aufgrund von Renovierungsarbeiten steht unser Zimmer leider nicht zur Verfügung, aber in den „City Studios“ Heidenheim könnten wir ohne Aufpreis in einem möblierten Apartment unterkommen. So also checken wir nach Ankunft eben „mitten im Zentrum von Heidenheim“ ein und genießen „urbanes Wohnen im Herzen der Stadt“ und den „Komfort eines Hotels“ mit „dem Gefühl von Zuhause“. Die Zitate stammen aus der schmissigen Hochglanzbroschüre, welche in erster Linie „Geschäftskontakte, die für längere Zeit in Heidenheim sind“, ansprechen soll. Ach, wenn das Hinterland große Welt spielt, darf der Berliner schon mal schmunzeln…

Wir begutachten das Ambiente. „Ruhige Holz- und Grautöne“, „harmonische Möblierung“, „moderne Ausstattung“. So wie ein Designermöbelkatalog des Jahres 2018 eben aussieht. Nur echt mit Gurkengläsern an der Decke. Fetti und die alten Männer haben da schon längst den Claim dieses Luxuslochs in die Tat umgesetzt: „ANKOMMEN. AUSPACKEN. WOHLFÜHLEN.“ – da muss die Frau jetzt durch…

Später verliert der 1.FC Union Berlin beim 1.FC Heidenheim mit 1:2 und fällt im Kampf um einen direkten Aufstiegsplatz vermutlich etwas zurück, sollte der HSV morgen gegen Darmstadt siegen. „Nadjuschka“ greift auf dem Weg rund um das Stadion angesichts der Wetterkapriolen beherzt zu und entwendet einen der vielen abgegebenen Regenschirme vor einem Heimblock. Schön, dass zumindest sie trockenen Fußes zurück in die „City Studios“ kommen wird und schön, dass irgendein schwäbischer Daddy nachher doof aus der Wäsche gucken wird. Für Gesprächsstoff am nächsten Stammtisch ist also gesorgt. „Des kosch net glauba, des macht mi kreiznarrad. Die blede Ossis nemmet onser Steiergeld on klauet au no onsre Hugadubabls!“.*

Angekommen im Studio, blättert Fetti etwas ermattet in der Broschüre. Als er die Seite mit den Grundrissen der sechs verschieden geschnittenen Apartments samt ihrer Mietpreise entdeckt, beschleicht ihn der Verdacht, dass ihm auf Dauer gestohlene Regenschirme deutlich besser zu Gesicht stehen könnten, als diese Unterkunft. Die herzliche Einladung „zum Verweilen“ im „Hellenstein“ ab (!) 574 € pro Woche schlägt er jedenfalls undankbar – wie eh und je – aus. „Lieber abgebrannt im Alterssitz, als reich ins Heim“, sind seine letzten Worte am Freitagabend. Müssen wir morgen wohl weiter suchen…

Heim 02: Pforzheim

Am Samstagmorgen zieht der „Hoollege“ bumsfidel die Gardinen des „Hellenstein“ zur Seite. Die Aussicht ist trübe, was erst einmal niemanden überrascht. Wie sollte es auch anders sein, draußen ist schließlich Heidenheim. Aber heute gibt es auch noch unaufhörlich niederprasselnden Regen zu begutachten, der nicht sonderlich zur Aufhübschung des Gesamtbilds beiträgt. Als während des Frühstücks dann auch noch die Nachricht verlesen wird, dass der Oberligakracher im „Stadion Holzhof“ zwischen dem 1.CfR Pforzheim und dem 1.FC Normannia Gmünd wegen eben jener Starkregenfälle der letzten Tage abgesagt wurde, wähnt man sich bereits in einem schwäbischen Alb-Traum.

Auf der Zugfahrt von Heidenheim nach Pforzheim kann sich niemand vorwerfen lassen, nicht alles dafür getan zu haben, a limine irgendein anderes Heimspiel für Fetti zu finden. Schnell ist der Plan geschmiedet, die TSG Backnang zu besuchen, doch freundlicherweise verweisen die Gäste aus Oberachtern auf Nachfrage darauf, dass ihr Auswärtsspiel lediglich auf Kunstrasen ausgetragen werden wird. Der im Anschluss geplante Besuch des FC Astoria Walldorf wird aufgrund der 3,7 Kilometer Wegstrecke vom Bahnhof ins Stadion von 2/3 der Reisegruppe gerade noch rechtzeitig verworfen und so erblickt ein neues Spiel das Licht der Welt. „Nenne mir irgendein schwäbisches Kaff mit -ingen am Ende und ich gucke nach, ob die heute spielen“. So – und nur so – kann es einem gel-ingen, irgendwann sogar auf der Facebook-Seite des SC Geislingen zu landen. Hier kann man sich an einem durchaus knackigen Stadion-Slogan des einstigen HSV-Schrecks und heutigen Landesligisten erfreuen: „Die Anfield Road des Filstals“. Wow, unser Interese ist geweckt – doch leider wird auch vom „Jürgen-Klinsmann-Weg 10“ für heute vermeldet: „Zu viel Wasser – Spielausfall!“ und FUDU ist endgültig in die Knie gezwungen. Ein Samstag ohne Fußball ist nun nicht mehr abzuwenden. Zu allem Überfluss lässt „Nadjuschka“ beim letzten Umstieg auch noch den neuen Regenschirm im Zug liegen und schon ist Pforzheim erreicht.

Das Pforzheimer Hotel ist schnell gefunden und während sich „Nadjuschka“ auf der Suche nach der Rezeption begibt, haben die beiden FUDU-Hacker den Schlüsselautomaten in Windeseile geknackt. Wie wir mit dem Zimmerschlüssel winkenden Teufelskerle das nun wieder gemacht haben, möchte sie bei ihrer Rückkehr wahrscheinlich gar nicht wissen, aber wir erzählen es ihr trotzdem. Eine Eingabe des Nachnamens in den Automaten hat zugegebenermaßen gereicht. Kurz darauf sind erste Pläne für die Tagesgestaltung in Pforzheim geschmiedet. Es gibt ein DDR-Museum. Na, wenn das nichts ist. Plötzlich erinnert sich der demente Fetti auch an Lieder vergangener Reisen und singt beschwingt. „Heute geh’n wa Ossis schau’n, das wird ein Tra-Ra – Huh!“

Die nächsten Enttäuschungen des Wochenendes lassen aber nicht lange auf sich warten. Das Museum hat ausschließlich sonntags von 13.00-17.00 Uhr geöffnet und nachdem der gestrige Espresso im China-Bistro zu Heidenheim nur eher „mao“ war, kann der türkische Imbiss des Vertrauens heute erst gar keinen Kaffee anbieten. Uns zieht es nach diesen weiteren Tiefschlägen hinaus zum „Stadion Holzhof“, um bei einem kleinen Spaziergang die Stadt erkunden zu können (Es ist nicht alles Gold, was glänzt) und zumindest einen Blick auf die Spielstätte der Pforzheimer (oder besser gesagt eine der Spielstätten – vor der Fusion verfügten VfR und 1.FC über eigene Spielorte und so kann die Stadt mit dem „Stadion im Brötzinger Tal“ mit einem zweiten sehenswerten Exemplar aufwarten) zu werfen. Da die Stadiongaststätte heute ebenfalls geschlossen bleibt, muss so zwecks sky-Konferenzkonsum bedauerlicherweise der Rückweg in die 50’er-Jahre-Westdeutschland-Innenstadt angetreten werden. Noch während des Fußwegs geht die nicht ganz unwichtige Partie der zweiten Bundesliga in Hamburg zu Ende. Der HSV verliert zu Hause gegen Darmstadt mit 2:3 und hat weiterhin nur drei Punkte Vorsprung auf Union sowie ein wesentlich schlechteres Torverhältnis.

In der Pforzheimer Stadthalle steigt irgendein großes Dance-Event und mehrere kostümierte minderjährige Tanzgruppen üben auf dem Vorplatz ihre albernen Choreographien ein. Der greise Fetti, der die hampelnde Jugend schon lange nicht mehr versteht, kann sich die Frage, ob es dagegen nicht irgendwelche Tabletten gibt, noch gerade eben so verkneifen, während das FUDU-Pärchen bereits im „Y Café Bistro“ am Waisenhausplatz abgestiegen ist. Meine Wenigkeit wird die ersten Minuten der Bundesliga verpassen, da ich draußen noch mein Wegbier leeren muss. Ich schleiche einmal um den Block und lasse mich auf einer Bank nieder. Keine fünf Minuten später ziehen zwei Dorfsherrifs auf und verbieten mir den Biergenuss. Ich höre der Gefährdungsansprache aufmerksam zu und schaue mich parallel etwas skeptisch um. Tatsächlich hat in der menschenleeren Fußgängerzone jemand in ca. 49 Metern Entfernung ein Schaukeltier in die Pflastersteine eingelassen. So etwas geht hier offenbar als Spielplatz durch und somit kann ich der Aufforderung, keine alkoholische Getränke in „weniger als 50 Metern Entfernung“ zu einer solchen städtebaulichen Prachtinstallation zu konsumieren, natürlich widerstandslos nachkommen.

Nach der Konferenz und einer Rast im Hotelzimmer, steht endlich der Themenkomplex Nahrungsaufnahme auf dem Tagesplan. Eine kleine Vorabrecherche im Zimmer hat den „Benckiser Hof“ auf die Wunschliste befördert. Um 20.40 Uhr haben Fetti und seine Freunde die Traditionsgaststätte nach einem kurzen Spaziergang erreicht und die alte Holztür knarzend geöffnet. Zwar ist es Fetti gewöhnt, dass Menschen nicht gerade in Jubelstürme verfallen, wenn ein Schwein in die Gaststätte eintritt, aber so etwas wie in Pforzheim hat auch er noch nicht erleben müssen. Da steht doch glatt der Wirt in einem roten T-Shirt eines fernöstlichen Kampfsportclubs hinter dem Tresen und bricht angesichts der drei eintretenden Gäste zusammen. „Guten Abend, setzen Sie sich, machen Sie es sich bequem, Herzlich Willkommen“, sagt er
nicht, sondern: „Ich hasse mein Leben“, „Es ist doch zum Kotzen!“, „Die Wette hätte ich gewonnen!“, „Den ganzen scheiß Tag lang kommt keiner und wenn ich die Küche gerade sauber hab, kommen die“ und begleitet von einem lebensbejahenden „Ich schieß mir ein Loch in den Kopf!“ werden uns die Speisekarten auf den Tisch geknallt.

In diesem Heim fühlt sich Fetti nicht so recht erwünscht und so bietet er dem konstant fluchenden kellnernden Wirt mehrmals an, auch andernorts speisen zu können, sollte er hier über die Maße stören. Doch Fetti und seine Freunde dürfen bleiben und werden nur noch eine knappe Viertelstunde lang beschimpft, was sie aus dem rauen Berliner Alltag ohnehin gewohnt sind. Im Anschluss kann man wirklich gute Schnitzel mit Bratkartoffeln und passablen Wurstsalat genießen. Der Wirt, womöglich beeindruckt von den Berliner Soft-Skills, sich als Gast, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, bepöbeln lassen zu können, ist mittlerweile auch in einen anderen Modus übergegangen. Längst sitzt er bei uns am Tisch, trinkt ein „Ketterer“ in unserer Gesellschaft, klagt uns sein Leid über das harte Leben in der Gastronomie, erzählt Geschichten aus der bewegten Vergangenheit des „Benckiser Hof“ und ist schwer begeistert darüber, dass wir wegen des Fußballspiels von Berlin nach Pforzheim gekommen sind. Er ist schließlich nicht nur Fußballfan (früher beim KSC unterwegs – da hätte es bestimmt noch die eine oder andere Geschichte über Hauereien aus den 80ern zu hören gegeben…), sondern auch Sponsor des 1.CfR in der Stadionzeitung und so wird er dem Präsidenten des Clubs im Rahmen des nächsten Heimspiels herzliche Grüße von uns ausrichten können. Am Ende des launigen Abends darf sich „Nadjuschka“ mit Einverständnis des Wirts einen neuen Regenschirm aus dem recht umfangreichen Sortiment an vergessenen Schätzen im Schirmständer aussuchen und zum Abschied erhalten wir ein Wegbier. Bevor der Wirt endlich die Pforte zu seiner Gaststätte für heute final abschließen kann, schreit er uns noch ein „Die Berliner in Pforzheim. Ich fass es nicht. Ich fass es nicht. Die Unioner, hey, herrlich. Meldet Euch, wenn Ihr wieder in der Gegend seid!“ durch das spätabendliche Pforzheim hinterher. So ist das eben. FUDU kommt als Feind und geht als Freund. Klar, dass da schon die nächste Heimleitung auf der Matte steht, um Fetti endlich kennenlernen zu dürfen.

Heim 03: Mannheim

Im „Aposto“ zu Pforzheim gibt es zum Frühstück Kaffee, Bier und eine kulturlose Ausgeburt aus der Crossover-Hölle in Gewand von „Bruschetta Americano“. Dennoch freut sich Fetti über etwas Speck, Zwiebeln und Käse im Magen, ehe es auf die kurze Überfahrt nach Karlsruhe geht. In Karlsruhe ist die Zeit des Umstiegs etwas knapp bemessen, also eilt FUDU schnellen Fußes durch den Bahnhofstunnel hinauf auf den richtigen Bahnsteig, setzt noch einmal zu einem beherzten Sprint an und kann noch gerade eben so rechtzeitig in den ICE springen.

Der Zug setzt sich in Bewegung und mit ihm auch der kleine ICE auf dem Monitor über unseren Köpfen. Jetzt erst einmal durchschnaufen. Ähm, warte mal – aus irgendeinem Grund bewegt sich dieser ICE auf der Landkarte unaufhörlich in Richtung Freiburg. Noch während die Hoffnungen darauf ruhen, der Bildschirm möge eine falsche Route anzeigen, folgt eine Gewissheit bringende Durchsage. Nächster Halt: Offenburg. Mein Gott, Fetti. Wie orientierungslos kann man sein, dass man sogar in einen falschen Zug einsteigt? Konnte ja keiner ahnen, dass es so schlimm um dich bestellt ist…

Nur wenige Augenblicke später trifft eine junge, attraktive Zugbegleiterin auf drei hängende Köpfe und eine dumme Sau, die sich keiner Schuld bewusst ist. Schnell findet sie ein paar tröstende Worte in einem charmanten Smalltalk – klar, dass sich unser Reiseleiter da plötzlich in einem waschechten Flirt wähnt. Womöglich in vollkommener Verkennung der Realität fühlt es sich für ihn zumindest so an, als hätte sie im Zuge des Gesprächs aus bloßer Sympathie darauf verzichtet, uns Geld für eine Fahrkarte von Karlsruhe nach Offenburg abzuknöpfen und stattdessen entschlossen, uns unsere mitgeführte Fahrkarte nach Mannheim eben auch via Offenburg gültig zu schreiben. „Ihr seid schließlich schon gestraft genug“ sagt sie und meint hiermit höchstwahrscheinlich Fetti, den man halt so mit durchs Leben schleppen muss. Außerdem gibt sie uns für die Rück- bzw. Weiterfahrt nach Mannheim („Welche Route ihr nehmt, müsst ihr dann aber selbst entscheiden!“) noch einen wichtigen Taschenspielertrick mit auf den Weg. „Wenn der Kollege fragt, was Euch passiert ist und warum Eure Zugbindung aufgehoben wurde, sagt auf keinen Fall, dass ihr aus Versehen in den falschen Zug eingestiegen seid. Sagt, dass die Anzeige am Bahnhof falsch war – dann kann es keine unnötigen Diskussionen geben!“. Ach, das ist mein Mädchen <3!

In Offenburg angekommen, nimmt „Nadjuschka“ die undankbare Aufgabe an, den bereits in Mannheim wartenden „Jay Göppingen“ über unseren Fauxpas zu informieren und unsere neue erwartete Ankunftszeit kleinlaut mitzuteilen. 15.34 Uhr – und somit exakt vier Minuten nach Anpfiff des ewig jungen Verbandsligaschlagers Mannheim-Eppingen, welchen wir bereits in der Hinrunde live miterleben durften.

Klar, dass die Wartezeit auf den ICE nach Mannheim unter diesen Umständen nicht von all zu guter Laune bestimmt ist, doch erst der Umstand, dass 2/3 der Reisegruppe sogar deutliches Desinteresse an Bier aus dem benachbarten Dönerfachgeschäft kundtun, bringt an den Tag, wie ernst die Lage wirklich ist. Der ältere Herr von Gegenüber sammelt derweil fortwährend Zeitungspapier aus den Mülleimern, faltet dieses akkurat zusammen, verstaut es in einer großen Tasche, holt es wieder heraus, faltet es erneut auseinander und wieder zusammen. Immer und immer wieder. Zwischendurch setzt er sich die Brille auf und wieder ab, reinigt diese, setzt sie sich wieder auf und wieder ab. Immer und immer wieder. Am Ende dieser zwanghaften Kette steht er auf und begibt sich exakt drei Meter in Richtung Bäckerei, um dann wieder umzudrehen und von vorne anzufangen. „Serious Issues“, konstatiert der „Hoollege“, der diesem Schauspiel in Anbetracht der Gesamtlage insgesamt aber nur wenig abgewinnen kann. Als unser Zug 30 Minuten später endlich dieses Offenburg verlässt, hat der Papierfalter jedenfalls noch immer keine Schrippe käuflich erworben.

„Die Weiterfahrt nach Mannheim verzögert sich auf unbestimmte Zeit“, heißt es dann irgendwann kurz darauf auf offener Strecke. Es befinden sich Eichbäume im Gleis und Fetti hat schon längst keine Lust mehr auf dieses Heim. Kommt ihn ja keiner besuchen, wenn es so schwer zu erreichen ist…

Glücklicherweise kostet uns unser Freund der Baum nur zehn Minuten, sodass die Hoffnung, die komplette zweite Hälfte sehen zu können, noch gerade eben so am Leben bleibt. Da der Zugbegleiter nach erfolgter Abfahrt des Zuges jedoch soeben wortwörtlich durchgesagt hat, dass die „Störung voraussichtlich behoben ist“, könnte das mit dem am Leben bleiben aber auch ein Spaß mit kurzer Halbwertzeit werden. Naja, fahren wir erst einmal los – werden wir ja merken, ob da noch ein Baum auf den Gleisen liegt.

Nach 32 Minuten bringt Abdelrahman Mohamed den VfR Mannheim mit 1:0 in Führung, was wir der Liveübertragung auf „sporttotal.tv“ entnehmen können. Den Baum haben sie offenbar in der Zwischenzeit wegräumen können, anders ist es nicht zu erklären, dass wir gegen 15.50 Uhr unversehrt am Mannheimer Hauptbahnhof einrollen. „Jay“ steht mit dem Auto bereit und in Windeseile düsen wir in Richtung Stadion, ehe Fetti weitere kostbare Minuten im Kampf mit einem saudummen Porkscheinautomaten und mit der Suche nach dem Stadioneingang verplempert. Um 16.15 Uhr haben wir dann – ohne Zahlung eines Eintrittsgeldes – tatsächlich die alten Traversen des „Rhein-Neckar-Stadion“ erreicht und freuen uns auf ungefähr 30 Minuten Fußball. Na, das war ja einfach.

Die Spielstätte versprüht mit den alten Stehrängen, der überdachten Haupttribüne, den Holzbänken neben dieser Tribüne und dem Blick auf den Fernsehturm schnell einen gewissen Charme. Eine Schautafel verweist auf die errungene Meisterschaft im Jahre 1949, die ihren Platz in den Fußballgeschichtsbüchern auch dadurch sicher hat, da in dieser Saison erstmals die Meisterschale für den Sieger ausgegeben wurde. Es sieht alles in allem danach aus, als müsste man sich für diese Spielstätte irgendwann einmal noch etwas mehr Zeit nehmen…

Auf dem grünen Rasen dreht der Mann mit Kopfverband, Tobias Zakel, innerhalb von drei Minuten das Spiel. Lautstark von 50 mitgereisten Eppinger Anhängern bejubelt, die einen größeren Lärm verursachen als seinerzeit im „Hugo-Koch-Stadion“, trifft er in der 82. per Elfmeter, um in der 85 Minute mit seinem sechsten Saisontreffer nachzulegen. Wer weiß, wie die ganze Sache damals ausgegangen wäre, hätte Zakel auch in der Hinrunde im Kader gestanden…

Wir lassen unseren Mannheim-Aufenthalt im „China Palast“ an der Theodor-Heuss-Anlage ausklingen. Für 17,90 € kann man sich hier an einem Buffet den Wanst vollschlagen oder sich etwas günstigeres á la Carte bestellen und sich dann von den Buffetgängern Scampi & Co auf den Teller schmarotzen lassen. Das Ganze wird dann elegant mit einem chinesischen Schnaps abgerundet und schon ist klar, dass vor der Rückfahrt leider keine Zeit mehr auf der Uhr verbleibt, um im „Murphy’s Law“ einkehren und den St. Patrick’s Day feiern zu können.

Rund um das Hinspiel der heutigen Begegnung waren der „Hoollege“ und meine Wenigkeit zuletzt Gast dieses feinen Etablissements und haben zu diesem feierlichen Anlass ein Trinkspiel ausgebrütet. Während wir nur in Ruhe Fußball schauen wollten, hatte sich in unserem Rücken ein bunt zusammengewürfelter Haufen Student*innen aus aller Herren Käffer versammelt, um sich vor Beginn des Wintersemesters gemeinsam die Aussicht auf sieben Semester Kurpfalz schön saufen zu können. Knapp 15 Menschen sitzen am Tisch, eine redet, der Rest hört mehr oder weniger genervt zu, einige gehen irgendwann, andere halten tapfer bis zum Ende durch. Die Frau mit der durchdringenden Stimme ist Fränkin und „Grrrrrrrrroundhopperrin“ und erzählt langweilige Geschichten über Fußball und Reisen. ‚Mein Gott, das will doch keiner hören, schreib halt ein Blog‘, wird sich die eine oder andere Kommilitonin in spe womöglich gedacht haben, während wir bereits dazu übergangen sind, ein jedes Mal anzustoßen, sobald die junge Dame das Wort „mega“ gebraucht. Und Freunde, vor der Rückfahrt nach Berlin waren wir definitiv mega besoffen…

Heute geht im ICE alles etwas gediegener zu. Fetti hat es sich in seinem Körbchen gemütlich gemacht und träumt nach diesem Wochenende voller Pleiten, Pech und Pannen wohl von der schönsten Frau des Emslands (Miss Lingen), vielleicht aber auch von der fränkischen Hopper-Polizei, mit der man ausdiskutieren müsste, ob irgendwas zwischen 33 und 45 (Minuten Fußball) ausreicht, um sein eisernes Kreuz im Groundhopping-Informer hinter dem „Rhein-Neckar-Stadion“ machen zu dürfen. Und irgendwie sieht er ja doch ganz niedlich aus, wie er so da liegt. Plötzlich ist allen klar: kein Heim der Welt ist gut genug für Fetti! Und so wird sich die Unterschichtenbande auch in den nächsten Jahren auf all ihren Wegen liebevoll um das arme Schwein kümmern… /hvg

* viele Grüße in das Stahlwerk nach Bietigheim und Danke für die Zuarbeit. Schön, dass wir in wirklich jedem noch so abgelegenen Krisengebiet Außenreporter sitzen haben!

 

10.03.2019 Γυμναστικός Σύλλογος Απόλλων Σμύρνης – Όμιλος Φιλάθλων Ηρακλείου 0:0 (0:0) / Γήπεδο Ριζούπολη / 505 Zs.

Meine Nacht in der Flüchtlingsunterkunft wird um 8.00 Uhr jäh unterbrochen. Auf dem Fünften hat sich eine wilde Feiermeute versammelt, traditionelle Musik dröhnt durch die Flure und farbenfrohe Gewänder werden präsentiert. Nur kurz überlege ich, an dieser Pakiparty teilzunehmen, ziehe es dann aber doch vor, mich in mein begehbares Bidet zurückzuziehen. Ich öffne die Tür – und eine erste Flutwelle schwappt mir entgegen. Der Nachteil an dem Abfluss inmitten des Raumes scheint offenbar darin zu liegen, dass einem die Suppe aus den anderen Etagen im eigenen Badezimmer hochkommen kann. Ich reagiere geistesgegenwärtig, ziehe meine Schuhe an und wate knöcheltief durch die Abflusspfütze, um meine Morgenroutine erledigen zu können. Angesichts der Umstände verzichte ich dankend auf eine Dusche und halte fest: besser als mit diesem Zimmer kann man sich nicht auf griechischen Abstiegskampf vorbereiten…

Im „The Old Omonia“ wird dann auch der Rest der Bande bei Beer&Breakfast auf das eingeschworen, was heute auf uns zukommen wird. Απόλλων Σμύρνης (Apollon Smyrnis) ist Tabellenletzter und hat in bislang 23 Saisonspielen starke neun Punkte einfahren können. Die Gäste vom Όμιλος Φιλάθλων Ηρακλείου – oder kurz: „Ό.Φ.Η.“ (Verein der Sportfreunde von Iraklio, daheim als ‚OFI Kreta‘ bekannt) – befinden sich genau einen Tabellenrang vor ihren heutigen Kontrahenten, haben aber immerhin doppelt so viele Punkte auf der Habenseite und die Nichtabstiegsränge sieben Spiele vor Saisonende noch nicht gänzlich aus den Augen verloren. Der kurze Innenstadtbummel im Anschluss des Frühstücks weckt alte Erinnerungen, die ich 2010 an Ort und Stelle gesammelt habe. Seitdem sind folgende Begriffe im Zusammenhang mit der griechischen Metropole bei mir abgespeichert: voll, laut, chaotisch, stressig, stickig, Beton. Glücklicherweise sehen das meine beiden Mitreisenden ähnlich und so lassen wir den Trubel rund um einen Straßenflohmarkt, das hektische Treiben auf dem Πλατεία Μοναστηράκι (Monastiraki-Platz), die verkleideten griechischen Faschingskinder sowie die traditionellen Festivitäten der bulgarischen Minderheit in der Stadt recht schnell hinter uns und entscheiden, bereits überaus rechtzeitig in Richtung Ριζούπολη (Rizoupoli) aufzubrechen.

Mit der Metrolinie 1 ist der Bahnhof Στ.Περισσός (Perissos) in nur 16 Minuten erreicht. Seit 1948 ist Απόλλων in diesem Stadtteil zu Hause, blickt aber auf eine weitaus längere Vergangenheit zurück. 1891 in Smyrna (das heutige Izmir auf türkischem Staatsgebiet) gegründet, zog man nach dem ersten Weltkrieg im Jahre 1922 nach Athen und musste dort nach gut 25 Jahren seine erste neue Heimat wieder aufgeben, ehe man in Ριζούπολη heimisch wurde. Wir stromern ein wenig durch den Kiez, in dem die kommunistische Partei Griechenlands (KKE) ihren Sitz hat, bewundern Bauruinen und eine durchaus nicht zu verachtende Dichte an Straßenkunstwerken. Selbstverständlich drehen wir auch eine erste Runde um das Stadion, welches malerisch zwischen Friedhof, Bahntrasse und Hauptverkehrsstraße eingebettet ist. Das Στάδιο Ριζούπολη (Stadio Rizoupoli), welches mittlerweile offiziell den Beinamen Γεώργιος Καμάρας (Georgios Kamaras) trägt und so seit den frühen 2000er Jahren an eine Vereinslegende erinnert, erweckt von Außen einen charmant gammeligen Eindruck, jedoch wurde das an drei Seiten hufeisenförmig ausgebaute Stadion im Jahr 2002 mit viel Aufwand renoviert und modernisiert. Ολυμπιακός (Olympiakos aus Piräus) hatte damals aufgrund der Bauarbeiten am eigenen Stadion eine Ausweichspielstätte benennen und diese wegen der Teilnahme an der Champions-League nach internationalen Richtlinien auf Vordermann bringen müssen. So wurde die Haupttribüne mit einem Dach versehen, eine Flutlichtanlage errichtet und alle Tribünen mit 14.200 neuen Sitzschalen versehen – der alte marode Stehplatzcharme ist verschwunden, aber für Απόλλων eine vorzeigbare Heimat erhalten geblieben.

Wir kehren zur Überbrückung bis zum Spielbeginn im „Καφε Ζαχαροπλαστείο ΧΑΡΑ“ ein. Ein kleines unscheinbares Bistro an der Straße, eine kleine Terrasse davor, mit Blick auf eine Grünanlage und auf eine Mauer, auf der sich minderjährige Fußballfreunde von A.E.K., Ολυμπιακός und Παναθηναϊκός ganz offensichtlich mit Edding und Sprühdose austoben dürfen. Naja, aller Anfang ist schwer. Insgesamt also alles nicht der Rede wert, wäre da nicht dieser Wirt, der am Ende unseres Aufenthalts und nach dem Konsum von drei Espresso Freddo und drei Bier die Rechnung freiwillig abrundet und sich mit Händen und Füßen gegen ein minimales Trinkgeld wehrt. Als er herausfindet, dass wir wegen des Fußballspiels in Ριζούπολη zu Gast sind und auch noch einen Niederländer in unseren Reihen wissen, lässt er sich nicht lumpen und holt ein privates Photoalbum aus der Schatulle. Schaut mal, 1986 war ich mit Ολυμπιακός im Pokal der Pokalsieger auswärts beim AFC Ajax! Das Endergebnis in Höhe von 4:0 für die Niederländer verschweigt er uns zwar ebenso wie die Torschützen Bosman, Rijkaard, van Basten und Muhren, aber dennoch ist wieder einmal klar geworden, warum man Griechenland einfach lieben muss. Überall rühmt man sich mit Gastfreundschaft und Herzlichkeit, aber hier kann man diese Lebenseinstellung wahrhaftig spüren.

20 Minuten vor Anpfiff kehren wir zurück zum Stadion. Ein Kassenhäuschen steht in der gleißenden Sonne, nicht all zu stark von Kundschaft frequentiert. Für insgesamt 30 € erhalten wir drei Tickets, ohne dass hinter der Scheibe irgendwer auch nur den Ansatz eines Zweifels kommuniziert. Auch der Einlass geht für mich und den bärtigen Bruder zunächst problemlos vonstatten, ehe Günter Hermann von den Ordnern angehalten wird und erste skeptische Fragen über sich ergehen lassen muss. Nichtsdestotrotz gelingt es am Ende auch dem letzten FUDU-Schwein, die Sicherheitsschleuse zu passieren und einen ersten Blick in die Spielstätte zu werfen. Verdammt, irgendetwas stimmt hier nicht. So langsam dämmert es uns, dass wir uns aus Versehen Karten für den Gästeblock gekauft haben. So lustig es auch ist, dass die Ordner die zum Teil ungewaschenen und langhaarigen Bärtigen ohne mit der Wimper zu zucken als Kreter durchgewunken haben und erst beim adrett gestriegelten Günter Hermann stutzig geworden sind – und damit mehr Rassismus an den Tag gelegt haben, als ich es mich als deutscher Schreiberling je getraut hätte – so richtig gehören wir hier doch nicht hin. Und so kehren wir wie geprügelte Hunde zurück zu den Ordnern und geben reumütig zu, dass uns beim Einkauf der Karten ein Irrtum unterlaufen ist.

Schnell ist ein englischsprachiger Kollege gefunden, der sich unserem Problem annimmt. Ein kurzer „Walkie-Talkie“ mit den Kollegen auf der Haupttribüne folgt und schnell ist klar, dass Fetti und seine Freunde hier nun überhaupt keinen irreversiblen Bock geschossen haben. Freundlich, wie die Griechen nun einmal sind, lässt man uns mit unseren Gästeblockkarten einfach auf die Haupttribüne wechseln, ohne dass wir einen entsprechenden Aufpreis zu zahlen haben. Mit diesem perfiden Trick haben wir die Pleitegriechen im Vorbeigehen noch eben um 5 € pro Penis geprellt und nehmen dann Platz in der ballernden Nachmittagssonne.

Die Gäste aus Kreta haben heute gut 200 Mann im Gästeblock versammelt und auch auf der Haupttribüne haben sich einige Menschen versammelt, die es mit den schwarz-weißen Insulanern halten. Da Kreta und Athen in etwa 400 Kilometer trennen, ist wohl davon auszugehen, dass sich auch einige Exil-Kreter darunter befinden mögen. Bei einer Gesamtzuschauerzahl von 505 darf man die zahlenmäßige Unterstützung für „Ό.Φ.Η.“ heute dennoch als stattlich bewerten.

Schiedsrichter Konstantinos Kotsanis eröffnet die Partie. Es spielt eine schwarz-weiße Mannschaft gegen eine blaue Mannschaft. In der 15. Minute scheitert der blaue Spieler mit der Nummer 79 nach einem Alleingang am Keeper und der abgewehrte Ball kann von dem lupfenden Mann mit der Nummer 55 nicht im Tor untergebracht werden. Die Reaktionen des Publikums sind etwas sonderbar, gehen doch gerade die Fans, die man eigentlich den Gästen aus Kreta zugeordnet hatte, auffällig aus dem Sattel, obwohl doch die ‚Blauen‘ diese Großchance versemmelt haben. Nach dem Sammeln weiterer Verdachtsmomente scheint dann alles darauf hinauszulaufen, dass hier beide Mannschaften mit vertauschten Vereinsfarben auflaufen, doch ein wenig Unsicherheit bleibt. Das nächste Mal werde ich mich jedenfalls nicht darüber amüsieren, wenn irgendein TV-Kommentator seine Berichterstattung damit beginnt, zu erklären, welches Team in welchen Farben von wo nach wo spielt. Heute hätte man diese grundsätzlich nicht ganz uninteressante Information tatsächlich gebrauchen können. Die Astralkörper von Günter und mir brutzeln in der Sonne, während der bärtige Bruder seinen blässlichen niederländischen Teint lieber im Schatten des Tribünendachs zu schützen gedenkt. Aus dem Schatten flattert nach 25 gespielten Minuten eine SMS bei uns ein, die zumindest darlegt, dass wir alle gleich doof sind. „Ich realisiere jetzt erst, dass die Weißen Apollon sind“, lautet die Hilfestellung von weiter oben, um das Spielgeschehen vollumfänglich begreifen zu können.

Mit diesen Detailinformationen lässt sich klar benennen, dass das in blau spielende Ό.Φ.Η. in der 29. Minute eine Doppelchance ungenutzt lässt. Giannoulis‘ Linksschuss aus 25 Metern wird im Strafraum leicht abgefälscht und landet am linken Pfosten, den Nachschuss setzt Souza Ferreyra an den rechten Pfosten. In Folge wächst der Druck der Gäste und spätestens, als Mihojević in der Nachspielzeit per Drop-Kick aus Nahdistanz an der Latte scheitert, wäre eine Führung mehr als nur verdient gewesen.

In der Halbzeitpause erhalten wir erneut Bier aus einem Geheimversteck für 2,50 €, während der Stadion-DJ mit seinem Musikgeschmack und der wunderbar-nostaglischen Knarzhymne vom Grammophon überzeugen kann. Günter Hermann gibt später zu Protokoll, dass auch „The Stranglers“ mit „Golden Brown“ ihren Platz in der Halbzeitshow gefunden haben. Die Textzeile „Every time, just like the last“ habe hierbei bereits darauf hingedeutet, was nach dem 0:0 am gestrigen Abend heute eventuell eintreten könnte…

Neben Hilal El-Helwe, den man aus Halle kennt, soll es auf Seiten der Gastgeber nun auch ein Geistlicher richten, der im langen schwarzen Mantel den frühlingshaften Temperaturen trotzt und der neben den Zuschauern in kurzen Hosen und T-Shirts ein ebenso absurdes Bild abgibt, wie die beiden Eierläufer in Reihe 1, die sich mit bunten Schirmhüten so gut blamieren, wie sie eben können. Bestimmt amerikanische Touristen.

Umgehend scheint die bloße Anwesenheit des orthodoxen Priesters zu helfen. Plötzlich wachen Mannschaft und Publikum auf, nehmen ihr Herz in beide Hände und besinnen sich darauf, was ‚Abstiegskampf‘ bedeutet. Nach 60 Minuten rutscht Nazilidis am zweiten Pfosten nur denkbar knapp an einer scharfen Hereingabe bzw. eines verunglückten Schusses von Bedinelli vorbei, aber das war es dann auch schon mit der Herrlichkeit. Im weiteren Verlauf des Spiels erfreuen wir uns daran, dass die Vögel zwitschern und Schmetterlinge durch die Arena fliegen, während die Gäste aus Kreta im Fünf-Minuten-Takt unorthodox Halbchancen vergeben. Neben dem hilfreichen göttlichen Beistand, verdient sich vor allen Dingen Heimkeeper Huanderson Bestnoten, landet aufgrund seines fortgeschrittenen Alters (35) jedoch auf keiner ernsthaften FUDU Scouting-Empfehlung. In der 80. Minute verlässt Christopher Braun, den man in erster Linie aus der Regionalliga Nord kennt, unter gellenden Buh-Rufen des bärtigen Bruders den Platz. So klein ist die Fußballwelt, da kann man wegen zwei Spielzeiten in Diensten von Fortuna Sittard schon einmal in einem griechischen Stadion ausgepfiffen werden, wenn man auf die falschen Leute trifft. So geht das zweite Spiel des Wochenendes also humorig, aber abermals mit einem 0:0 zu Ende, wobei sich die Spieler aus Kreta hierüber deutlich mehr grämen sollten. FUDU ist angesichts des schönen Stadions, des guten Wetters und des lebendigen Spiels mit diesem 0:0 der besseren Sorte allerdings recht zufrieden. Wenn man beim 1.FC Union Berlin bzw. bei Roda JC fußballsozialisiert wurde, bleibt man eben genügsam.

Für uns ist nach den Eindrücken der letzten 180 Minuten nunmehr klar, dass die Achillesferse des griechischen Fußballspiels in der Offensive zu suchen ist, was uns aber nicht all zu sehr verwundert. Wie sonst wäre es beispielsweise zu erklären, dass Thor die Zugehörigkeit zur griechischen Mythologie verwehrt worden ist? Na, eben.

Trotzdem gibt es da auf einmal diesen Impuls des Niederländers, sein Glück noch ein drittes Mal zu versuchen. Um 18.30 empfängt Ολυμπιακός den Π.Α.Ε. Άρης (ARIS) aus Thessaloniki im Γήπεδο Γεώργιος Καραϊσκάκης (Stadion Georgios Karaiskakis). Obwohl ich den Ground im Jahre 2010 im Rahmen eines unvergesslichen Länderspiels zwischen Ἑλλάς (Griechenland) und ישראל (Israel) gekreuzt habe und auch Günter Herrmann bereits 2017 anlässlich des Europa-League-Qualifikationsspiels gegen den HNK Rijeka zu Gast war, begleiten wir unseren bärtigen Bruder hinaus nach Piräus.

Auf dem Stadionvorplatz angekommen, verbleibt nicht mehr viel Zeit bis zum Anpfiff, aber gerade noch genügend, um der dänischen Damengruppe der Sektion Minirock zwei-drei Blicke zuwenden zu können. Heppa, es ist Frühling! Die Länge der Schlange am Tickethäuschen weckt wenig Hoffnung, pünktlich zum Spielbeginn im Stadion sein zu können. Wir stellen uns nichtsdestotrotz erst einmal an und schicken den bärtigen Bruder vor, um Informationen einzuholen. Leider behält Günter Recht und für den Einkauf einer Tageskarte wird der geneigte Stadionbesucher gebeten, all seine Daten preiszugeben und sich registrieren zu lassen. Nur wer bereit ist, sich in einer weiteren Schlange einzureihen und gegen einen Aufpreis in Höhe von 10 € eine Plastikkarte an sich zu nehmen, darf sich danach dann gerne wieder gegenüber anstellen. Als Günter auch noch erfährt, dass seine Registrierung von 2017 wegen eines „neuen Systems“ mittlerweile ungültig geworden ist und er noch einmal zur Kasse gebeten würde, haben bereits 2/3 der Reisegruppe keine Lust mehr auf das Spiel.

Günter und ich streichen die Segel, während unser Niederländer unter Beweis stellt, dass er eindeutig den längsten Athen hat. Der Lohn für dieses Durchhaltevermögen: 19.172 Zuschauer, fünf Tore (4:1) und eine Teilnahme am fußballerischen Highlight des Wochenendes in unserer Abwesenheit. Gefeliciteerd!

Irgendwann abends treffen wir in einem kleinen Fischrestaurant wieder aufeinander. Während Günter und ich schon in irgendeiner Fleischimbissbude der Stadt zugeschlagen haben, lässt sich der bärtige Bruder nun gedämpfte Huscheln schmecken. Bei Bier und Ouzo lassen wir unseren Griechenland-Ausflug ausklingen, ehe es am Montagmorgen per Direktflug zur Arbeitsstelle gehen wird.

Am Montagmorgen fällt mir auf, dass ich noch kein Ticket für den Rückflug besitze. Aus meinem Plan, es mir einfach im Hotel ausdrucken zu lassen, ist in den vergangenen Tagen leider nichts geworden. An dieser Rezeption hätte man vermutlich größere Chancen gehabt, gefälschte Aufenthaltsgenehmigungen zu erhalten oder sich schwarz ein bisschen Taschengeld zu verdienen. Da mein Handy nicht ganz dem aktuellen technischen Standard entspricht, kann ich das Ticket leider nicht in die App laden, sondern nur als PDF speichern. Auf dem Weg zum Flughafen lädt mein bärtiger Bruder meine Bordkarte zu meiner Beruhigung dankenswerterweise zusätzlich in seine App, auch wenn er mir noch nicht so recht glauben mag, dass es ein Problem darstellt, wenn man sein Ticket nur als Datei, nicht aber in der App vorliegen hat. Auf dem Flughafen muss man dann natürlich derart viele Sicherheitsschleusen passieren, wie noch an keinem anderen Flughafen zuvor. Gefühlt alle 15 Meter warten Glastüren darauf, per Scan des Tickets geöffnet zu werden und natürlich lassen sich alle fünf errichteten Hürden bis zur Ankunft am Gate problemlos mit dem PDF-Ticket öffnen, weil da nun einmal der gottverdammte Code genauso drauf zu erkennen ist, wie auf der App. Trotzdem kommt es so, wie es kommen musste und am Gate nach Berlin funktioniert dann der letzte Scan plötzlich nicht mehr. Die freundliche Dame in Diensten des Inkassounternehmens irischer Abstammung weist mich darauf hin, dass das Ticket so nicht gültig ist und ich mir für 25 £ eines ausdrucken lassen müsste.

Während ich mir die Holzklasse mit irgendwelchen bunten Einhörnern teilen muss, fliegt der Ausländer natürlich „Priority“. So weit ham se uns schon. Und so komme ich nicht drumherum, den bärtigen Bruder aus seinem Ledersessel im Luxus-Wartebereich noch einmal heranzuwinken und ihn darum zu bitten, mir sein Handy in den abgetrennten Bereich des Pöbels zu reichen, damit ich meinen Boardingpass einscannen kann. Wenige Augenblicke später ist piepend geklärt, dass Reibach-Reiner bei FUDU auf Granit beißt und schon könnte der Flug nach Hause starten.

Wäre da nicht dieser eine jämmerlich zugerichtete Typ in vorderster Reihe. Ich weiß nicht, was man erleiden muss, um hinterher so auszusehen. Vielleicht mit dem Roller die Akropolis heruntergefallen, vielleicht im „Hotel Alma“ vom Gerüst gestürzt oder Bekanntschaft mit den olympischen Knüpppelkindern gemacht. Der Kerl ist jedenfalls so ziemlich das ekeligste, das ich seit Pierre-Michel Lassoga und seiner ölverschmierten Mutti gesehen habe und auch die Stewardess ist sich nicht so ganz sicher, ob man Freddy Krueger in dem Zustand jetzt unbedingt mitnehmen sollte. Seine Krankenhausentlassung liegt vor, ein Gutachten über seine Transportfähigkeit ebenso – und dennoch entscheidet am Ende der Pilot, der fachmännisch das vernarbte Gesicht des Fluggastes mustert, darüber, den guten Mann mitzunehmen. Der bärtige Bruder hat mich über all die Wartezeit aus dem hinteren Teil des Flugzeugs mit Textnachrichten zugeballert, mich auf „hübsche“ Frauen aufmerksam gemacht und dann darum gebeten, nicht so auffällig hin zu gucken. Ach, komm. Schalt mal in den Flugmodus jetzt, du bringst uns noch alle um! Kurz darauf hat er eh andere Sorgen, als klar wird, wer heute sein Sitznachbar sein wird. Es ist die aufgeplatzte Tüte Mettwurst auf zwei Beinen, die ihre offenen und suppenden Wunden im Verlauf der nächsten Stunden dann und wann verlegen am Oberarm des bärtigen Bruders abreiben wird. Ach, Körperkontakt ist doch was schönes!

Um 12.45 Uhr Ortszeit landen wir in Berlin-Schönefeld. Zur Arbeit komme ich planmäßig eine knappe Stunde zu spät. Ich freue mich schon jetzt auf meine Dusche nach Feierabend und auf den nächsten Low-Budget-Ausflug mit FUDU-Tours. Natürlich nur echt mit der goldenen Harfe! /hvg

09.03.2019 Αθλητική Ένωση Κωνσταντινουπόλεως – Παναθηναϊκός 0:0 (0:0) / Κεντρικό Ολυμπιακό Στάδιο / 10.145 Zs.

Am Freitagmittag erhalte ich eine erste Nachricht aus Αθηνά (Athina). FUDUs bärtiger Bruder ist bereits in der griechischen Hauptstadt eingetroffen und hat im Fanshop von A.E.K. erfahren, dass es Tickets für das große Derby morgen nur an den Stadionkassen käuflich zu erwerben geben wird. Der „Head of Communication“ des A.E.K. zeigt sich mir gegenüber eher wenig kommunikativ und verzichtet weiterhin auf die Beantwortung meiner E-Mail, in der ich mich nach Eintrittskarten erkundigt hatte und auch der Online-Vorverkauf scheiterte an der Eingabe griechischer Berufsbezeichnungen und irgendwelcher Kennnummern. So also reisen drei FUDU-Mitglieder zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedlichen Wegen, aber mit dem gemeinsamen Problem, keine Eintrittskarten für das Spiel zu besitzen, an. Da das Stadion jedoch an die 70.000 Zuschauer fasst und der Status für alle Tribünen nach wie vor mit „grün“ gekennzeichnet wird, hält sich unsere Anspannung trotzdem in Grenzen.

Günter Hermann hat bei Buchung seiner Flüge wieder einmal die Option „so indirekt wie möglich“ gewählt und ist bereits seit Donnerstag via Malta, Roma und Napoli auf dem Weg nach Hellas, während unsereins noch in der Kälte Kackelands ausharren muss. Es gibt nun einmal immer wieder wichtige Termine, die sich nicht verschieben lassen. Um 20.18 Uhr beendet Schiedsrichter Kampka das Freitagabendspiel in Coepenick. Der 1.FC Union Berlin hat den FC Ingolstadt 04 mit 2:0 in die Knie gezwungen und stürmt über Nacht auf den zweiten Tabellenrang vor. Für mich sind nun endlich alle Voraussetzungen für einen Familiennachzug erfüllt und so bleiben nur noch wenige Stunden auf der Uhr, bis auch mein Flieger den Weg ins gelobte Griechenland antreten wird.

Am Samstag um 5.30 Uhr ist es dann endlich soweit und beim irischen Kollegen Reibach-Reiner klingelt in der Warteschlange am Gate so richtig die Kasse. Grund hierfür sind etliche griechische Fluggäste, die die neuen Handgepäcksbestimmungen des sympathischen Billigfliegers noch nicht gelesen haben und nun auf Anweisung des Bodenpersonals ihre verdächtig großen Rucksäcke in die Box mit den Normwerten quetschen müssen. Jeder dritte in der Non-Priority-Schlange wird so zur Nachzahlung gebeten und bei 50 € pro Rucksack kommt dann doch einiges an Umsatz zusammen. Es ist davon auszugehen, dass die „Low-Cost-Airline“ demnächst „nur echt mit der goldenen Harfe“ fliegen wird.

Ich betrete um kurz nach Sechs als einer der letzten Passagiere die Maschine. Neben mir sitzt eine aufgetakelte überbordend Fröhliche in furchtbar originellem Einhornkostüm mit buntem Schwanz. Gar nicht mal so witzig, denke ich mir, als sie unbewusst kooperativ zur Lösung des Problems beiträgt. Ob ich mit ihrer Freundin den Sitzplatz tauschen würde, damit die beiden nebeneinander sitzen könnten. Drei Reihen vor uns sitzt ein aufgeregt winkendes buntes Einhorn und ich kann mir nicht verkneifen, meine Sitznachbarin zu fragen, auf welchem Platz ich ihre Freundin denn finden und woran ich sie erkennen würde. „Sieht man doch“, antwortet sie. Humor hat sie also auch keinen. Da kannste Deinen Drecksjunggesellinenabschied nach Griechenland verlegen, wie Du willst. Merk ick trotzdem sofort, dass ihr nicht die allerhellasten seid…

Um 10.30 Uhr betrete ich griechischen Boden. Schnell hat man sich am Flughafen Ελευθέριος Βενιζέλος (Eleftherios Venizelos) orientiert, die Metro gefunden und dank eines sehr kundenorientierten Verkaufsgesprächs für nur 22 € ein bis Dienstag gültiges Nahverkehrsticket gekauft. Nutzbar in allen Bahnen und Bussen der Stadt und eben auch für den Rückweg zum Flughafen am Montagmorgen. Da allein die Wegstrecken Flughafen-Stadt und Stadt-Flughafen 20 € gekostet hätten, nehme ich den Tipp, trotz des lediglich 48 stündigen Aufenthalts in der Stadt einfach ein 72 Stunden Ticket zu kaufen, dankbar an.

Günter hat mir in der Zwischenzeit mitgeteilt, dass sich unser Hotel im Herzen der Stadt am Πλατεία Ομονοίας (Omonia-Platz) befindet und ansonsten keinerlei Worte über unsere Unterkunft verloren. Etwas verwundert mich dieser Umstand schon, als ich um 11.30 Uhr die Lobby des „Hotel Alma“ betrete. Hinter dem schäbigen Schreibtisch im Empfangsraum sitzt heute jedenfalls niemand, es dröhnt Baulärm durch den Flur und überall sind Werkzeuge und mit Schutt gefüllte Eimer dekorativ in der Gegend platziert. Handwerker verschwinden in einem Hinterzimmer und kehren wenig später eingehüllt in neuerlichen Staubwolken und mit neuen Geröll-Bottichen in den Händen zurück, während sie sich lautstark mit ihren Kollegen unterhalten, die man zwar nicht sehen, aber ebenfalls hören kann. Vor der Tür lungern zwielichtige Gestalten auf kaputten Sitzgelegenheiten herum. Mit Gästen hat hier offenbar niemand gerechnet, von Günter fehlt jede Spur und schon jetzt kann man konstatieren, dass der bärtige Bruder den richtigen Riecher hatte. Der feine Herr hatte sich angesichts der 20,50 € pro Nacht in dieser Lage doch tatsächlich die Bewertungen dieser Unterkunft auf dem Buchungsportal durchgelesen und bereits im Vorfeld einen Rückzieher gemacht. So entschied sich DJ BoBo lieber für eine Buchung einer „Airbnb“-Unterkunft am Πλατεία Μοναστηράκι (Monastiraki-Platz) und muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, seinen kleinen Beitrag an der Zerstörung des lokalen Wohnungsmarktes geleistet zu haben.

Ich kehre mangels Optionen (Wollte ich schon immer mal hier unterbringen. Wem habe ich noch nicht erklärt, dass es keine ‚Alternativen‘ geben kann, weil der Begriff ‚Alternative‘ der Wortherkunft nach immer die Wahl zwischen exakt zwei sich ausschließenden Möglichkeiten darstellt?) im „The Old Omonia“ direkt vor unserer Haustür ein und hoffe darauf, dass der bärtige Bruder bei seinem Aufstieg der η Ακρόπολη της Αθήνας (die Oberstadt Athens – oder eben verknappt formuliert: die Akropolis) auf den einen oder anderen Moralapostel treffen wird. Der griechische Kaffee ist in der Sonne schnell geleert und die Entscheidung gefallen, souverän zum Bierkonsum überzugehen. Fetti schwingt sich zum Alphamännchen auf und irgendwann erbarmt sich auch der nun ausgeschlafene Günter aus der benachbarten Schutthalde hinunter ins Lokal. Zum Frühstück lasse ich mir den Καρπενήσι (Karpenissi) Grillteller munden und nach einem zweiten Bier fühle ich mich bestens gewappnet für den zweiten Check-In-Versuch.

Dieses Mal habe ich mehr Erfolg und kämpfe mich kurz darauf durch das Treppenhaus hinauf in den sechsten Stock, da ich dem Fahrstuhl nicht traue. Auf den Fluren der Etagen gammeln große Gruppen alleinreisender junger Männer, überall bröselt der Putz, alles ist vermüllt und verschmutzt und fertig ist die Schlussfolgerung, dass dem „Hotel Alma“ an der einen oder anderen Stelle etwas „ATA“ gut täte. Irgendwann ist mein Zimmer erreicht und bezogen, schnell habe ich den ersten Käfer gefangen und die sensationelle Nasszelle zu Ende bestaunt. In der Duschkabine, die die Größe einer Besenkammer hat, hat ein pfiffiger griechischer Sanitärfachmann einfach noch eine Toilettenschüssel verbaut. Das wird morgen Zeit sparen, wenn man sich während der Morgentoilette direkt abduschen kann. Ein begehbares Bidet, quasi. Ich freue mich bereits jetzt über derart viel Exklusivität und auf die bevorstehende Übernachtung in der Flüchtlingsunterkunft, aber nun gilt es erst einmal, die einzelnen Truppenteile FUDUs zusammenzufügen und etwas Fußball zu gucken.

Als wir den Bahnhof „Στ.Ειρηνησ“ (Eirinis) erreicht haben, steht bereits ein Empfangskommando für uns bereit. Vier Halbstarke, vermummt mit Skimasken und bewaffnet mit Teleskopstangen aus Plastik, mustern uns argwöhnisch. Auswärtsfans sind heute eh nicht zugelassen, von daher kann man sich schon wundern, welchen Zweck die Präsenz dieser martialisch verkleideten Hooligan-Blagen verfolgen soll. Als die U-Bahn den Bahnhof verlässt, kommt endlich auch das Werkzeug der lieben Kleinen zum Einsatz und so prügeln die vier Knüppelkinder auf die abfahrende Metro ein, als gäbe es keine Morgenröte mehr. Wen man jetzt genau damit erschrecken will, bleibt erst einmal offen.

Nur kurz darauf flaniert FUDU durch die Umgebung des Olympiastadions, welches 1982 eröffnet wurde und anlässlich der Sommerspiele 2004 modernisiert worden ist. Weiße Streben allenthalben und unendliche Weitläufigkeit bestimmen das Ambiente, welches nicht unbedingt durch Kneipendichte überzeugt. Knapp neun Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, ist eben leider nicht mehr viel an urbaner Struktur übrig geblieben, sodass sich FUDU schon sorgen muss, hier noch ein Bier vor Anpfiff auftreiben zu können. Zunächst gelingt allerdings der nicht ganz unerhebliche Einkauf einer Eintrittskarte. In einem unscheinbaren Containerbau mit vier kleinen Gucklöchern, erhalten wir die heiß begehrten Restkarten zu je 20 € von einer alten griechischen Kuchenmutti, ohne dass 90 Minuten vor Anpfiff auch nur irgendjemand sonst Interesse an einem Einkauf gezeigt hätte. Noch gerade eben hoch erfreut über die problemlose Transaktion, sinkt die Euphorie kurz darauf erheblich. Nur ein Guckloch weiter hätte uns „Miss Hellas“ erwartet, wie wir soeben feststellen müssen und beinahe möchte man die vier pubertären Knüppelkinder von eben noch einmal aufsuchen, sie an die Hand nehmen und ihnen altersweise mit auf den Weg geben, dass Loch eben doch nicht immer Loch ist.

Neben der Neubau-Geschäftsstelle des A.E.K. F.C. gibt es dann doch noch eine kleine Pinte namens „Matchpoint“, die bereit ist, den zu früh gekommenen Stadionbesucher zu empfangen. Bei zwei Runden „εζα“ verköstigen wir uns nicht nur durch das Sortiment einer uns bislang unbekannten griechischen Brauerei, sondern tun im Vorbeigehen auch noch etwas gutes und unterstützen einen Familienunternehmer im Kampf gegen die Großbrauereien. Hätten wir das gewusst, wären wir vielleicht noch für einen dritten Durchgang geblieben – so aber drängelt das Fußballspiel ein wenig, welches um 18.30 Uhr angepfiffen werden soll.

Die Αθλητική Ένωση Κωνσταντινουπόλεως (Athlitiki Enosi Konstantinoupoleos → ‚Sportvereinigung Konstantinopels‘) wurde rund um die Jahrhundertwende von aus dem osmanischen Reich vertriebenen Griechen, die sich dann in und um Athen niedergelassen hatten, gegründet. Klingt alles sehr spannend, aber wer sich für Geschichte interessiert, der kann’s ja studieren. Am 24. Spieltag bittet dieser Verein mit bewegter Historie jedenfalls zu einem vermeintlichen Heimspiel. Das Spiel findet genaugenommen nicht nur in der falschen Stadt, sondern auch im falschen Stadion statt. Die eigentliche Heimspielstätte des A.E.K. ist bei einem Erdbeben 1999 nämlich so schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sie 2003 abgerissen werden musste. Nach dem Abstieg aus der „Super League“ im Jahre 2013 musste A.E.K. dann Insolvenz anmelden und startete in der darauffolgenden Saison lediglich in der dritthöchsten „Football League 2“. Klar, dass da die Baupläne einer neuen Heimat an alter Stätte etwas auf Eis lagen, doch im Jahr 2017 wurde endlich mit dem Neubau des Stadions im Stadtteil Νέα Φιλαδέλφεια (Nea Filadelfia) begonnen, welches zur Saison 2020/21 fertiggestellt werden sein soll.

Heute begrüßt man als Tabellenvierter den Stadtrivalen von Παναθηναϊκός (Panathinaikos), der auf Rang 10 rangiert, im vollkommen überdimensionierten Olympiastadion. 10.145 Zuschauer sind gekommen, knapp 60.000 Plätze bleiben leer. Ein byzantinischer Doppelkopfadler erschreckt in Funktion eines Maskottchens die kleinsten unter den wenigen Zuschauern und ausgerechnet Tobias Welz soll als deutscher Schiedsrichter in diesem brisanten Duell für die denkbar größtmögliche Neutralität sorgen. Ein deutscher Bulle, der nebenbei dem Hobby der Schiedsrichterei frönt. Bestimmt en passant noch bei der Bundeswehr und auf der Ausländerbehörde tätig. Welz eine Freude, den hier zu sehen.

Die unentwegten in der A.E.K.-Kurve lassen es sich nicht nehmen, zur Eröffnung des Spiels ein dickes Intro zu zeigen und im gähnend leeren Stadion ein echtes Feuerwerk abzufackeln. Günter fachsimpelt über die Akteure auf dem Rasen und stellt vor allen Dingen die Akteure „Strichninsky“ und Macheda heraus. Während A.E.K.-Verteidiger Chygrynskyi vor neun Jahren für 25 Millionen € von Donezk nach Barcelona gewechselt war, ist Παναθηναϊκός-Kollege Federico Macheda bei Manchester United in etwa genauso gefloppt. Einst als Top-Talent aus der Jugend von Lazio losgeeist und später in 100 Himmelsrichtungen, u.a. nach Stuttgart, verliehen, verdient er nun 27-jährig sein Gnadenbrot in der griechischen gar nicht mal so „Super League“. Das Spiel dümpelt parallel zu diesen Geschichten aus der großen Fußballwelt belanglos vor sich her. Erst in der 24. Minute verzeichnet der Gast eine erste Torchance, doch landet der Lupfer von Mattias Johansson lediglich auf dem Tordach. Spektakulärer als das Spiel ist der fliegende Getränkeverkäufer, der mit einem roten Stapelbehälter, wie man ihn aus Bäckereien kennt, durch die Reihen läuft und Soft Drinks verkauft. Auf investigative Nachfrage weist die Brotkiste dann glücklicherweise aber einen doppelten Boden auf und nach all dem Sicherheitsquatsch hält man plötzlich eine Dose „AΛΦA“ in der Hand, die man aus fünfzehn Metern Entfernung zum Spielfeld dem Hr. Welz problemlos an den Hinterkopf werfen könnte und nur schweren Herzens darauf verzichtet, weil der Inhalt so gut schmeckt. Nach einem geschickten Schulterblick kann der fliegende Händler plötzlich auch eine Runde Ouzo aus einem weiteren Geheimversteck anbieten, während die erste Halbzeit mit Pfiffen aus dem Heimblock und einem verletzungsbedingten Wechsel von Chygrynskyi gegen Ćosić endet.

In der zweiten Halbzeit tragen einige Böllerwürfe aus dem Heimblock dazu bei, dass man hier nicht einschläft. Nach der zweiten Runde Bier sorgt der Spaziergang zur Toilette, die sich hier mehr oder weniger außerhalb des Stadions befindet, für kurzweilige Abwechslung. Auf dem Rasen setzt es nach gut einer Stunde immerhin die eine oder andere knackige Grätsche, doch mehr Leben mit Fußballbezug sucht man lange Zeit vergeblich. Erst in der 73. Minute gibt es die erste klare Torchance zu bestaunen, als Coulibaly einen A.E.K.-Schuss aus der zweiten Reihe nur denkbar knapp neben das eigene Tor abfälscht. In der 89. Minute lässt Stoßstürmer Ponce die einzige große Gelegenheit des zweiten Durchgangs liegen und scheitert mit einem guten Kopfball an Gäste-Keeper Dioudis, sodass das zutiefst langweilige Spiel mit 0:0 zu Ende geht.

Nach dem Spiel gönnt sich der fleischaffine Flügel FUDUs noch einen ziemlich fantastischen σουβλάκι (Souvláki) aus einer Imbissbude der Stadionumgebung und kehrt dann zurück in die Stadt. Die Suche nach einer Kneipe, die die Anforderungen FUDUs erfüllen kann, wird heute leider ergebnislos abgebrochen. Mein Tag hat um 3.30 Uhr begonnen, da kann man mir nach drei vollen Kneipen schon mal den Zahn ziehen, wenn man mir in der vierten, die endlich einen Platz bieten würde, „Erdinger“ und „Fischer’s Hell“ verkaufen mag. So entscheide ich: μαλάκα, ich geh schlafen!

Günter schließt sich dem Heimweg in Richtung Alma-Ata an und der bärtige Bruder lässt sich in seinem luxuriösen Loft nieder. Glücklicherweise finden wir auf dem Weg ins Hotel doch noch einen Späti, kaufen ein-zwei Absackerbier und Günter lädt mich großspurig in sein Zimmer ein. Zwei Stockwerke über meinem Zimmer beginnt dann offenbar das eigentliche Hotel, anders kann ich es mir nicht erklären, warum Günter ein echtes Bad, ein echtes Zimmer und sogar einen Balkon sein Eigen nennt und plötzlich erklärt es sich mir, dass ich keinerlei Vorwarnungen vor dem Check-In erhalten habe. Naja, wir haben es hier immerhin mit einem Weltmeister von 1990 zu tun. Ehre, wem Ehre gebührt und so lassen wir den ersten lauen griechischen Abend mit „Acht Eimer Hühnerherzen“ ausklingen. Du warst in Moskau und Miami, in Mailand, Tokio und Neu Delhi. Und wo war ich? In Eisenhüttenstadt. Und in ’ner Flüchtlingsunterkunft in Athina. So ’ne Scheiße! /hvg

 

02.03.2019 SC Weiche Flensburg von 1908 – SV Werder Bremen II 1:1 (0:0) / Manfred-Werner-Stadion / 922 Zs.

Das Wochenende beginnt am Freitagabend mit einem 2:0 Auswärtssieg beim Kieler SV Holstein. Felix Kroos und Sebastian Andersson sorgen mit ihren Toren dafür, dass es sich wieder einmal gelohnt hat, einen Tag Urlaub zu nehmen, um eine Stadt zu besuchen, die man eigentlich gar nicht sehen wollte. Um das Leid noch ein wenig zu vergrößern, gibt es nach Abpfiff natürlich auch keine Möglichkeit mehr, direkt nach Berlin zurückkehren zu können und so werden Fetti und seine Freunde nahezu dazu gezwungen, ihren Aufenthalt in Schleswig-Holstein um einen Tag zu verlängern und einen Pakt mit dem Hoppingteufel zu schließen. Ach, weiche von mir, Satan!

Im Bus vom „Holstein-Stadion“ in die Kieler Innenstadt erspähe ich eine mir unbekannte Auswärtsunionerin. Gerade will ich den „Fackelmann“ auf dieses attraktive Geschöpf aufmerksam machen, da dringt auch schon ein verloren geglaubter großer Bruder von „Uganda-Schorsch“ in unser Gespräch. Alkoholisiert wie ein russischer Elternabend, gut gelaunt wie vier fröhliche Rabauken und im Einklang mit der Welt wie Meister Yoga, möchte er mit uns sein Stadionerlebnis teilen. Als er nach dem vierten Mal Anstoßen merkt, dass er gerade etwas ungelegen kommt, lässt er im wunderbarsten Brösel-Slang einen Satz vom Stapel, der uns in den folgenden Stunden immer wieder einholen wird: „Oh, hattet ihr hier grad ’ne Situ-a-tion?“ So schön, dass wir im Anschluss dann doch wieder mit ihm ins Gespräch gehen und im Geiste Grüße nach Ostafrika schicken. Geben wir dir Brief und Siegel drauf, dass der zu Dir gehört!

Als wir den Bus verlassen und ich die Dame noch einmal aus der Nähe sehe, habe ich mich bereits verliebt. Familie Fackelmann trödelt beim Ausstieg ein wenig und zeigt dann absonderliche Verhaltensmuster, als wir die Holstenstraße entlang schlendern und sich plötzlich ein Partyzelt zu unserer Rechten auftut. Schnellanamnese: Drinnen alte betrunkene Menschen mit lustigen Hüten auf, bunte Girlanden um den Hals und irgendwas am Körper blinkt, draußen Hell’s-Angels-Türsteher. Mehr muss ich nicht wissen. Außer: Wo zur Hölle kommt jetzt ihr Impuls her, da mal rein gehen zu wollen? Es dauert jedenfalls gerade lange genug, die feierwütigen Fackelmanns von diesem Fehler abzuhalten, um die Liebe meines Lebens endgültig aus den Augen zu verlieren.

Wir schmieden neue Pläne. Der Abgleich unserer Interessen mit der Angebotslage der näheren Umgebung ergibt überraschend, dass wir Menschen sind, denen die „Kieler Brauerei am Alten Markt“ gefallen könnte. Kurz darauf betreten wir den hoffnungslos überfüllten Laden und sollen im Eingangsbereich Platz nehmen, um zu warten, bis ein Tisch freigeworden ist. Mein Blick fällt in den Gastraum und auf die Unionerin aus dem Bus, die ebenfalls hier eingekehrt ist. Also ich hätte Zeit, denke ich mir, doch da habe ich die Rechnung ohne den Musikgeschmack des Wirts gemacht. „Die eine, die immer lacht“ ist noch gerade eben so zu ertragen, aber als dann der fließende Übergang zu irgendeiner Helene-Fischer-Geschmacklosigkeit gelingt, ist klar, dass es das eben nun auch nicht wert ist. So deute ich den betrunkenen Werner-Charakter aus dem Bus, das Partyzelt der Förde(r)schüler und die Schlagerqualen einfach als göttliche Zeichen. Vielleicht wollte mich auch irgendeine höhere Macht vor einem Fehler bewahren. Aber bitte, Richard Martin hat Rücken und ich das Doppelzimmer im „Hotel City Kiel“ heute Nacht für mich alleine. Da hätten die Warnungen also auch bis morgen Zeit gehabt…

 

Morgen? Hah! Gestern war heute noch morgen! So schnell haben sich die Rahmenbedingungen also geändert, als um 8.00 Uhr mein Wecker klingelt und die Weiterfahrt nach Flensburg auf dem Programm steht. Dank eines üppigen Abendmahls im „Ratskeller“, das den gestrigen Abend elegant abgerundet hatte, konnte sich die unbändige Traurigkeit über verpasste Gelegenheiten ohnehin gar nicht erst setzen. Stattdessen grassiert nun deutlich spürbare Vorfreude auf ein Regionalligaspiel und auf die Stadt Flensburg, die ich noch nicht kenne und nun gerne besichtigen würde.

Eine Stunde und 14 Minuten später ist der Bahnhof Flensburg erreicht. Der „Carlisle Park“ steht glücklicherweise nicht „under water“, auch wenn einige sympathische Aktivisten laut Stickerkultur die Nazikneipe „Titanic“ gerne versenken würden. Wäre aber eh dienlicher, für dieses sinnvolle Vorhaben einige Eisberge nach Neumünster zu schaffen, anstatt die eigene Stadt zu unterspülen.

Nachdem der Early-Check-In der Fackelmanns misslingt und auf 14.00 Uhr verschoben wird, beginnen wir mit dem Stadtrundgang. Bisschen Kirche gucken, bisschen Fußgängerzone flanieren, bisschen bunte Häuser bestaunen, Neptunbrunnen kreuzen, hier und da deutlich erkennbaren skandinavischen Einfluss feststellen, Smørrebrød- und Fischbrötchenbuden links liegen lassen, am Hafen bummeln, das Flensborghus, das Nordertor von 1595 und die Norderstraße besichtigen. Und weil jede Stadt ihren Superlativ braucht, rühmt sich Flensburg gerne damit, dass eben diese Norderstraße vom New Yorker Reisemagazin „Travel and Leisure“ zu einer „der 18 verrücktesten Straßen der Welt“ gekürt wurde. Grund hierfür ist ein „Shoefiti“, seines Zeichens wohl so etwas wie Aktionskunst, die daraus besteht, dass Menschen ihre ausgelatschten Schuhe (und manchmal BH’s, wenn es irgendwas mit Sexismus zu bekämpfen gilt) über Drahtseile hängen und von Touristen fotografieren lassen. Super crazy – und von FUDU hiermit offiziell: erledigt. Anderthalb Stunden braucht es schon, um der Stadt letztlich das Prädikat „sehr nett“ verleihen zu können und in einer Gaststätte einzukehren.

Im als griechisches Restaurant deklarierten „Café Olympos“ serviert ein türkischer Wirt „mediterranische Spezialitäten“ (sic!) und Currywurst. Als wäre dies nicht schon absurd genug, gibt es in ganz Flensburg offenbar keinen besseren Ort, den man an einem Samstagvormittag als deutscher Wutrentner aufsuchen könnte. So muss sich der arme Südländer also zunächst eine asylkritische Brandrede eines Herren anhören und später sein Ohr einer alten Dame schenken, die mit ihrem Hund in ihrem Stammlokal vorbeigekommen ist, nur um dessen Krankheitsgeschichte zu erzählen und sich darüber zu beschweren, dass die Tabletten gegen Durchfall und das Impfen und die Zähne, die waren ja teurer als ihre eigenen, was das alles kostet, na schönen Dank auch!

Im Anschluss verabschiedet sich „Fackelmannova“ mit dem Laptop in die Bibliothek, um etwas für die Uni zu tun. Wenigstens eine, die noch etwas aus ihrem Leben machen will. Mit der Verabschiedung der Frau endet dann um 12.30 Uhr auch der seriöse Teil des Tages und der „Fackelmann“ und meine Wenigkeit gehen nun dazu über, endlich mit Weiche auf die schiefe Bahn geraten zu können.

„Weiche“ bezeichnet den südwestlichsten Stadtteil Flensburgs an der Grenze zu Handewitt, hat aber durchaus Konnotation mit der Begrifflichkeit aus dem Eisenbahnjargon, schließlich ist der Stadtteil einst nach einer Abzweigung der Flensburg-Tönninger-Bahn (→ „Nordschleswigsche Weiche“) benannt worden. Auch der SC Weiche Flensburg trug bis in das Jahr 2017 den Beinamen „ETSV“. Erst durch eine Fusion mit dem SC Flensburg 08 ist aus dem „Eisenbahner Turn- und Sportverein“ unlängst der SC geworden. Bei all diesen Informationen, die die Herzen unserer Eisenbahnfreunde und Trainspotter sicherlich höher schlagen lassen dürften, darf allerdings nicht vergessen werden, zu erwähnen, dass der Bahnhof Flensburg-Weiche leider 2014 vom Netz genommen wurde und sich in dem ehemaligen Bahnhofsgebäude nun ein chinesisches Restaurant befindet. Hat hier also alles mit Eisenbahn zu tun, gibt eben nur keinen Zugverkehr. Genau mein Humor.

So sitzen wir also gezwungenermaßen in einem Bus der Linie 12, begeben uns auf den Weg hinaus in die „Gartenstadt Weiche“ und folgen dann den Massen in das „Manfred-Werner-Stadion“, das bis 2002 irgendwie anders hieß, wobei das Internet den alten Namen ganz offenkundig vergessen hat und ich an dieser Stelle meiner Chronistenpflicht leider nicht nachkommen kann. Nach den diversen sportlichen Aufstiegen ist auch das Stadion mitgewachsen und verfügt nun seit 2017 über eine recht schöne überdachte Stehtribüne, dazu lädt eine Stadionkneipe hinter einem Tor zum Verweilen ein, während sich hinter dem gegenüberliegenden Tor Brachland befindet. Auf der anderen Längsseite des Spielfeldes hat man eine Stahlrohrtribüne mit blauen Sitzschalen an die Tartanbahn gestellt, auf der sich der geneigte Stadionbesucher die steife Küstenbrise um die Nase wehen lassen kann. 4.000 Plätze hat das Stadion insgesamt, zugelassen ist es in der Regionalliga für 2.500 Menschen. Insgesamt gibt das „Manfred-Werner-Stadion“ also eher ein dürftiges Bild ab, welches nie im Leben 12 € Eintritt rechtfertigt. Wirtschaftlich geschickt entscheidet sich FUDU, einfach zwei ermäßigte Tickets zu je 6 € zu ordern und im Anschluss lieber anderweitig Geld in die Hand zu nehmen und die Stadiongastronomie zu testen. Auf den Einkauf eines Weiche-Adventskalenders im Ausverkauf kann getrost verzichtet werden und auch die Unterschriftenliste zum Bau eines drittligatauglichen Stadions muss leider ohne unsere Signaturen auskommen. Ich darf im Nachhinein aber gerne auf die Existenz dieses Bauwerks hinweisen. Gern geschehen!

Die angekündigten 90% Regenwahrscheinlichkeit haben sich nicht gegen die 10% Wahrscheinlichkeit, dass es nicht regnen wird, durchsetzen können und so verbringen wir weite Teile der ersten Halbzeit auf den Sitzschalen mit Blick auf die Stehtribüne. Die „Küstenlümmel“ sorgen Fahnen schwenkend und mit einer Blockfahne für Gänsehautatmosphäre und auch die Bremer Amateure, bei denen heute Fin Bartels‘ Comeback im Vordergrund steht, werden von einigen wenigen Schlachtenbummlern begleitet. Ein dicker mexikanischer Physiotherapeut der Flensburger schafft es noch gerade eben rechtzeitig, das Spielfeld vor Anpfiff zu verlassen und schon kann’s hier losgehen. Die ersten 20 Minuten sind recht lebhaft und beide Mannschaften verzeichnen erste Torabschlüsse. Dann flacht das Spiel etwas ab, parallel erstarkt der Wind und doch einigermaßen durchgefröstelt zieht es uns zur 40. Minute unter das Dach der Stehtribüne. Dieses ist geschmückt mit dem neuen Logo des Fusionsclubs, das exakt so aussieht wie die Logos von Fußballvereinen in alten PC-Managerspielen aussahen, die keine Lizenzen erwerben konnten oder wollten. Pulle Pfullendorf, olé!

In der Halbzeitpause werden unter den offiziell 922 Zuschauern drei Kästen „Flensburger Pilsener“ verlost und kurz darauf muss die ohnehin schon zu hoch angesetzte Zuschauerzahl um einen weiteren Zuschauer reduziert werden. Nach einem alkoholbedingten Sturz auf der Stehtribüne wird ein Mann von einer Sicherheitsfachkraft unsanfter entfernt als Fettis Borsten im Waxingstudio. Kurz darauf hat Fin Bartels seine Rückkehr nach Achillessehnenriss und 448 Tagen Pause mit seinem Treffer zum 0:1 gekrönt (59. Minute). Bleibt eben eine super faire Sache, das mit den Zweitvertretungen der Bundesligisten. Im Anschluss wird Bartels ausgewechselt und ein anderer Bremer schwingt sich zum auffälligsten Akteur auf. Beste Ecke, Beste Grätsche, Nummer 39 ist halt einfach Beste!

Nach 63 Minuten verzeichnet der SC Weiche Flensburg die erste große Gelegenheit zum Ausgleich und wirft dann Sturmroutinier Tim Wulff in die Schlacht. Kapitän Christian Jürgensen zieht im Luftduell mit Werder-Keeper Plogmann den Kürzeren und bleibt angeschlagen liegen, erhält aber keinen Elfmeter. Das Spiel wird giftiger und die Bubis von Werder Bremen üben sich im Zeit schinden, gestikulieren, lamentieren und verwundet am Boden rollen. Glücklicherweise gelingt Flensburg angesichts dieser Eskapaden der Bremer Möchtgern-Profis dank begünstigender Umstände der Ausgleich. In der 82. Minute steht Göktay Isitan goldrichtig, als ein Bremer Verteidiger ein Luftloch schlägt und wird so zum Nutznießer des Platzfehlers. Sein brasilianischer Mannschaftskamerad Ilídio Pastor Santos hat seine Nerven leider nicht im Griff und muss wegen Ballwegschlagens mit gelb-rot den Platz verlassen, sodass in den verbleibenden acht Minuten der Partie keine Bemühungen mehr unternommen werden, das Spiel zu drehen. So trennen sich beide Mannschaften schiedlich-friedlich mit einem gerechten 1:1 Remis und dem Dorfsheriff, der lässig am Zaun lehnt, droht heute kein Ungemach mehr.

Nach dem Spiel ist der Andrang vor dem einzigen Toilettenhäuschen derart groß, dass es mich auf die Frauentoilette zieht. Sensationell, dass man beim SC Weiche Flensburg daran gedacht hat, den geneigten weiblichen Fußballfans neben den Handwaschbecken auch eine Waschmaschine zur Verfügung zu stellen. Kann ja sein, dass es irgendeine nicht 90 Minuten lang ohne Waschen aushält. Next Level Sexismus? Flensburg spielt sie locker durch!

Etwas schwerer haben es Fetti und seine Freunde da schon im Bus in Richtung Innenstadt, in der sich ein russischstämmiger Endgegner in den Weg stellt. „Das Schleswig-Holstein-Ticket ist in diesem Bus nicht gültig“, raunzt uns Ludmilla entgegen. FUDU reagiert diplomatisch begabt, ignoriert die Frau, setzt sich hin und wähnt sich als Gewinner der „Situ-a-tion“, aber Ludmilla lässt nicht locker, hält den Bus an der nächsten Haltestelle, fordert per Durchsage zur Zahlung auf und droht mit der Polizei. Während ich mich über diese Kopfgeldjägerei echauffiere, hat „Fackelmann“ auf seinem Handy bereits festgestellt, dass die olle Xanthippe auch noch im Recht ist. Da zahlt man 32 € für ein Nahverkehrsticket für eine gottverdammte popelige Stunde Bahnfahrt (also, wenn man jetzt nicht 20 € „Duplo“-Gutscheine gehabt hätte…) und dann muss man für einen bescheuerten Bus der „Aktiv Bus Flensburg GmbH“ noch einmal extra löhnen? Ich versuche nur noch mit letzter Kraft mein gefühltes Recht durch Lautstärke und Pöbelei durchzusetzen, aber irgendwann wächst der soziale Druck der Eingeborenen, die sich auf Ludmillas Seite geschlagen haben, sodass Fetti nichts anderes übrig bleibt, als letztlich klein bei zu geben und der Sowjet-Schrabnelle ein paar Groschen durch die Scheibe zu schmeißen. Сука блядь, verdammtes Schleswig-Hoolstein!

Im Pub „Beefeater“ in der Rathausstraße erholen wir uns schwer gezeichnet von diesem Streit. Service gibt es hier keinen, die Getränke muss man gefälligst selbst an der Hotelbar nebenan bestellen und diese zu seinem Tisch tragen. 0,4 Liter Bier kosten 4,50 €, was deutlich darauf hinweist, dass die Dänen die Preise versaut haben, aber immerhin kann man noch etwas Bundesliga im Fernsehen schauen. Irgendwann ist es dann soweit und die Abfahrt meines Zuges nach Berlin rückt näher, während Familie Fackelmann noch etwas im hohen Norden verweilen wird. Auf Empfehlung der beiden suche ich noch die „Männer Aborte“ am Bahnhof auf und steige dann in den Zug in Richtung Hamburg.

„Wir haben Personen im Gleis und können nur auf Sicht fahren“, verkündet die Zugbegleiterin über die Lautsprecher und kann so immerhin nachvollziehbar erklären, warum wir seit gut zehn Minuten nur im Schritttempo vorangekommen sind. Eine Gruppe spanischer junger Frauen bekommt es urplötzlich mit der Angst zu tun, als eben diese Schaffnerin durch den Zug läuft und nach Tickets fragt. Noch bevor ich ihr meine Frage stellen kann, ob ich den letzten Anschluss in Hamburg noch erreichen werde, sind die Damen auch schon überstürzt in Richtung Bordbistro aufgebrochen. Klar, dass die Zugbegleiterin Verdacht schöpft und die Verfolgung aufnimmt. Am nächsten Bahnhof sehe ich die Frauengruppe am Gleis stehen, die Türen schließen, der Zug setzt seine Fahrt fort. Richtige Eisvogelaktion. Also, wenn man jetzt nicht sein gesamtes Hab und Gut im Zug liegen gelassen hätte. Da kann auch die Zugbegleiterin nur mit dem Kopf schütteln, das erste gefundene Portemonnaie öffnen, die Personalien einer der Damen aufnehmen und die Kollegen der Bundespolizei informieren, die später all die liegen gebliebenen Habseligkeiten an sich nehmen werden.

In Neumünster endet meine Zugfahrt dann jäh. Es bleibt zwar nicht genügend Zeit, um die „Titanic“ zu versenken, aber immerhin genug, um mich während der Wartezeit telefonisch bei einer DB-Hotline zu informieren, wie ich mich verhalten soll, wenn ich irgendwann im Laufe des Abends in Hamburg stranden sollte. Drei Aussagen werden getroffen: Es gibt unter gar keinen Umständen eine Verbindung nach Berlin, das Service-Center in Hamburg wird bei meiner Ankunft auf jeden Fall geschlossen haben und das Hotel möge ich bis 100 € bitte selbst vorfinanzieren und hinterher die Rechnung einreichen.

Um 21.28 Uhr befördert mich dann endlich eine Regionalbahn von Neumünster nach Hamburg. „Nadjuschka“ hat in der Zwischenzeit aus Berlin dankenswerterweise ein „Motel One“-Zimmer in Nähe des Hauptbahnhof für mich gebucht. In Hamburg angekommen, hat das Service-Center natürlich noch geöffnet und bereits Sammeltaxen nach Berlin bestellt. Hotelgutscheine bis zu 80 € werden an all diejenigen verteilt, die das Taxi nicht in Anspruch nehmen wollen und ich darf der guten Frau jetzt erklären, dass man mir am Telefon drei falsche Aussagen mit auf den Weg gegeben hat. Kann man ja nur hoffen, dass das Gespräch zu Qualitätsmanagement-Zwecken aufgezeichnet wurde und der Telefonier-Wicht ein paar Peitschenhiebe erhält.

Nach hundert Jahren Diskussion ist es dann am Ende doch kein Problem mehr, dass ich bereits ein Zimmer gebucht habe und natürlich kann ich unter diesen Umständen die etwas zu hohe Rechnung problemlos einreichen. Mit ein bisschen Beruhigungsbier und ein Abendbrot im Turnbeutel lege ich die letzten 1000 Meter bis zur Unterkunft zurück und zahle die 81,47 € bereitwillig mit meiner Bahncard25 mit Kreditkartenfunktion und erhalte so paradoxerweise nicht nur eine Hotelübernachtung von der Bahn geschenkt, sondern auch noch einige Punkte für die nächste Freifahrt zu einem Auswärtsspiel mit anschließendem Hopping in Posemuckel bei Bumsdorf. Die letzte Frage des Tages, die mich per Textnachricht erreicht, ist dann die einzige dieses Wochenendes, die ich nicht zufriedenstellend beantworten kann. „Wann bist Du denn jetzt zu Hause?“.

Keine Ahnung. Frag die Bahn oder schau in meinem Horoskop, falls Du verbindlichere Infos benötigst. Und mit ein bisschen Glück und nur einer einzigen schicksalhaften Fügung, treffe ich hier morgen am Frühstücksbuffet eh die Unionerin wieder und komme gar nicht mehr nach Hause. Ach, wie sagt man doch so schön in Bremen?
– LE FIN – /hvg