947 947 FUDUTOURS International 22.04.19 22:15:28

02.04.2018 SpVgg Bayreuth – TSV München von 1860 2:1 (0:0) / Hans-Walter-Wild-Stadion / 7.123 Zs.

Im „Bierwerk“ zu Nürnberg ist die Auswärtsniederlage des 1.FC Union Berlin bei der SpVgg Greuther Fürth am 01.04. schnell verdaut. Die attraktive Kellnerin hat ein Herz für durstige Männer und so fühlen wir uns in der „Charakterbierbar“, wie sich der Laden selbst nennt, gut aufgehoben.

Einige „Blondi“ später entscheidet sich ein Teil der Reisegruppe für den gepflegten Rückzug in das Nürnberger FUDU-Hauptquartier, während der andere Teil seinen Umtrunk in der „Saigon-Bar“ fortsetzen will.

Bereits eine knappe Stunde später ist aber auch der Fackelmann hochgradig diszipliniert in der Wohnung angekommen. Er berichtet noch schnell von einer lautstarken Auseinandersetzung einer Gruppe junger Männer in der Innenstadt. Gab es Verletzte? Ja, einen. Der Fackelmann selbst hat die Statistik – eigens für die erhöhte Dramaturgie dieser Anekdote – aufgehübscht, indem er beim schleunigen Passieren der Gruppe gegen eine Laterne gelaufen ist.

Am Ostermontag steht unter dem Strich die freudige Erkenntnis, dass es beide FUDU-Schweine zuverlässig, pünktlich und so nüchtern wie nötig zum Nürnberger Hauptbahnhof geschafft haben, an dem es sogleich die erste kniffelige Entscheidung des heutigen Tages zu fällen gibt. Neben der regulären Regionalbahnverbindung nach Bayreuth wird es heute auch einen Sonderzug für die 1860-Fans geben, der dann ohne Halt direkt durchfahren wird. Der Vorteil: Man ist schneller am Ziel. Der Nachteil: Man hat vermutlich eine Heerschar Bullen an der Backe.

Wir trinken „Held Bräu“, beobachten das Treiben szenekundig und entscheiden uns dann gegen die Sonderzugfahrt, als mehr und mehr „Sechzger“ der Kategorie B den Bahnsteig fluten. Wir nehmen also Platz im gemütlich leeren Zug nebenan, der uns via Hersbruck, Pegnitz und Creußen nach Bayreuth befördern soll. Fünf Minuten vor der Abfahrt setzt auf dem Nachbarbahnsteig urplötzlich rege Betriebsamkeit ein und die gut 60 Ultrás entscheiden sich spontan gegen eine Nutzung des Sonderzugs. Ha, da schauen die Ordnungshüter dumm aus der Wäsche! Im ewig währenden Katz-und-Maus-Spiel geht die jugendliche Subkultur an diesem Vormittag also mit 1:0 in Führung. Allerdings aber auch zu unserem Leidwesen, da wir uns nun in einem rollenden „ellesse“-Katalog befinden und uns 54 Minuten lang kritisch musternden Blicken ausgesetzt sehen. Wortlos einigen wir uns darauf, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, einfach mal die Schnauze zu halten und trinken bis zur Ankunft stumm unser Bier. Mia Wallace würde die Situation wohl mit einem: „That’s when you know you’ve found somebody special. When you can just shut the fuck up for a minute and comfortably share the silence!“ romantisieren, doch im Gegensatz zu ihr würde ich in dieser Konstellation wohl eher von „unbehaglichem Schweigen“ sprechen wollen.

Bei einem kleinen Stadtbummel haben wir uns schnell von der quälenden Bahnfahrt erholt. Erwartungsgemäß hat die Stadt, die regelmäßig zu den „Richard-Wagner-Festspielen“ die Weltöffentlichkeit empfängt, optisch einiges zu bieten. So man auf pompöse Vorzeigebauten steht, kommt man entlang des roten Mains schnell auf seine Kosten. Altes Schloss, Markgräfliches Opernhaus und der Markgrafenbrunnen vor dem Neuen Schloss können sich durchaus sehen lassen, ehe es FUDU zur Spitalkirche auf den unteren Markt treibt, wo man kurz darauf in die „Brauereischänke am Markt“ einkehrt.

Aufgrund der nächsten stillschweigenden Verabredung, lokalen Bieren immer den Vorzug zu gewähren, wird in der Frühlingssonne ein „Maisel’s Weisse“ Hefe verköstigt und dazu ein deftiges Bratengericht bestellt, weil es die Brauerei auf ihrer Website als „Speiseempfehlung“ zum Hefe aufführt und die Schänke leider keinen Bergkäse oder würzige asiatische Speisen führt. Nach einer Stunde ist das zweite Bier geleert und das Essen noch immer nicht eingetroffen. Nach 90 Minuten Wartezeit wagen wir es, nachzufragen, ob wir noch mit einem warmen Essen zu rechnen haben. Die Kellnerin entschuldigt sich und gibt als Grund an, unser Bon sei in der Küche leider heruntergefallen und konnte daher nicht bearbeitet werden. Um uns herum hatten sich in der letzten halben Stunde allerdings mehrere Gäste über lange Wartezeiten beschwert, sodass leider davon ausgegangen werden muss, dass man aktuell in der Küche der Marktschänke knöcheltief durch Bons watet. Fetti ist bereits vollkommen ausgemergelt und muss nun die Entscheidung treffen, ob er noch einmal 20 Minuten auf sein Essen wartet. „Als Entschuldigung sind dann auch alle Getränke umsonst“, schiebt die Kellnerin hinterher und Fetti feiert zu Ostern seine Auferstehung. Klar, wir können warten. Aber bringen Sie doch noch zwei Bier, bitte!

Nachdem das leckere Hauptgericht verspeist und das dritte Freigetränk des Nachmittags konsumiert ist, begeben wir uns zu Fuß in das „Hans-Walter-Wild-Stadion“, das so aussieht, wie ein städtisches Stadion der 1970er eben aussieht. Leichtathletikbahn, weitläufige Kurven, rundum gekachelte Sanitärbereiche, in denen man sich erst einmal orientieren muss, wohin genau man urinieren soll UND eine überdachte Haupttribüne, die in Bayreuth durch alte Holzklappsitze aufgewertet wird. Benannt ist das Stadion nach dem ehemaligen Oberbürgermeister Hans-Walter Wild, der den lokalen Sport in Bayreuth stets förderte. Insgesamt 12 Jahre verbrachte die SpVgg Bayreuth in der 2. Bundesliga, doch seit dem Abstieg in der Saison 1989/90 konnte man nie wieder ansatzweise an den Bereich des Profifußballs heran schnuppern.

Das letzte große Highlight erlebte das Stadion so im Jahre 1991, als der FC Bayern München im legendären „Fuji-Film-Cup“ Borussia Dortmund vor 9.000 Zuschauern mit 0:2 unterlegen war. Mittlerweile ist das Stadion mit seinen 21.500 Plätzen nur noch eine Spielstätte der viertklassigen Regionalliga Bayern. Im Schnitt verfolgen hier gerade einmal um die 1.000 Zuschauer die Heimspiele, doch heute stellt sich schon weit vor Anpfiff endlich einmal wieder regelrechte Volksfeststimmung ein. Wir werden mit mehr als 7.000 anderen Fußballfreunden in den Genuss kommen, das Viertelfinal-Nachholspiel des bayrischen Fußballverbandpokals zwischen der SpVgg Bayreuth und dem Turn- und Sportverein von 1860 beiwohnen zu können.

Bereits im Vorfeld der Partie hatte FUDU einen solchen Ansturm kommen sehen und sich daher rechtzeitig mit Tribünenkarten eingedeckt. Über die Internetplattform „Eventbrite“, die die SpVgg Bayreuth als seriösen Partner auserkoren hat, ging die Bestellung zunächst problemlos vonstatten. Dumm nur, dass im Anschluss der Buchung das Öffnen und später der Ausdruck der gekauften Tickets zum Scheitern verurteilt war. Auf Suche nach Hilfestellung landete man zwei-drei Klicks später in der Firmenzentrale, die – es liegt auf der Hand – in San Francisco zu verorten ist. Irgendwann wird es Fetti schon nach Hollywood schaffen, aber wegen „Oldschdod“-Tickets extra nach Kalifornien reisen? Muss nicht sein! Vorteilhaft, dass der Fackelmann im Gegensatz zu mir und meiner Firma über ein Gerät verfügt, welches auch im Jahre 2018 alle Anforderungen erfüllt, um sich offiziell Computer nennen zu dürfen. Schnell stellt sich heraus, dass man sich Eintrittskarten für die SpVgg Bayreuth durchaus zu Hause ausdrucken kann und nicht nach Kalifornien reisen muss, wenn man sich auf dem aktuellen Stand der Technik befindet. Glück gehabt.

Wir nehmen auf der gut gefüllten Tribüne Platz und sind anfangs froh darüber, uns bereits in Berlin um Karten gekümmert zu haben. Nach und nach werden wir von 1860-Kutten umringt, die Beinfreiheit lässt enorm zu wünschen übrig und die gleißende Sonne scheint einem dermaßen ins Gesicht, dass man kaum etwas sehen kann. Der Stadionsprecher begrüßt Stargast Bernd Hobsch, dessen Sohn Patrick es nicht in die Startformation der Bayreuther geschafft hat. Der Stadionsprecher ist übrigens einer dieser Stadionsprecher, die man sich aus dem Stadionsprecherbaukasten aus all den Teilen zusammenpuzzlen kann, die man nehmen würde, würde man die denkbar schlimmste Version eines Stadionsprechers kreieren wollen. Laut, albern, überdreht. Viel Pathos. Und. Nach. Jedem. Wort. Eine. Pause. Wie ein Animateur im Robinson Club. Ein Marktschreier. Oder irgendein Typ vom Rummel. Der hier plärrt jedenfalls allen Ernstes kurz vor Anpfiff: „Auf geht’s, Oldschdod – Shoooooooow me your Waaaaaaaaaarface!“

Die Wahl, sich eine teure Tribünenkarte zu kaufen, stellt sich nach der Sonderzugepisode recht bald als zweite Fehlentscheidung des Tages heraus. Nach zwanzig Minuten haben wir genug der Enge und des dämlichen Gequatsches der „Sechzger“ um uns herum und verziehen uns in die Kurve zu unserer Linken. Dort finden sich all die Gelegenheitsbesucher ein, die vom Fußball keine Ahnung haben, aber ihre schicken Klamotten endlich einmal einer breiten Öffentlichkeit zeigen wollen. 100 Punkte für die goldene Jacke, Grandmaster Swag!

Auf dem grünen Rasen passiert derweil rein gar nichts. 1860 schickt heute nur eine B-Elf ins Rennen, die ganz offensichtlich in dieser Konstellation noch nie miteinander Fußball gespielt hat. Bayreuth hält das Spiel offen, ist aber offensiv ebenso unfähig wie die Blauen. In der gesamten ersten Hälfte wird keinem Team auch nur ein einziger vernünftiger Torabschluss gelingen.

In der Halbzeitpause gibt der Stadionsprecher noch einmal richtig Vollgas und kann lediglich durch 200 Dezibel laute Popmusik der Marke „Potpourri der Hölle“ übertönt werden. In dem ganzen Geschrei geht es beinahe unter, dass Bayreuth in der Pause verletzungsbedingt wechseln muss: Für Ulbricht kommt Hobsch.

Nach 53 Minuten geht der TSV von 1860 durch einen Distanzschuss von Genkinger in Führung. Die gut gefüllte Löwenkurve hinter dem gegenüberliegenden Tor feiert ausgelassen, während die Akteure im Kopf einen Haken hinter diese Partie setzen. Anders ist es nicht zu erklären, wie es der SpVgg in Folge gelingen kann, das Spiel an sich zu reißen und auf den Ausgleichstreffer zu drängen. Nach einer Stunde wird Darius Held regelwidrig im Strafraum gestoppt und Patrick Hobsch verwandelt den fälligen Elfmeter zum 1:1 sicher. Bayreuth bleibt weiter am Gashahn und stellt das Kunststück fertig, in der 65. Minute gleich drei Chancen innerhalb einer Aktion ungenutzt zu lassen. Die „Oldschdod“-Jungs haben sich nun richtig in das Spiel hineingebissen und wollen die Entscheidung vor der Verlängerung erzwingen. In der 80. landet ein Kopfball nach einer Ecke noch auf der Querlatte der „Sechzger“, ehe Patrick Hobsch in der 88. Minute zum umjubelten Held der Partie wird. Der Schuss von Knezevic kann die vielbeinige Löwenabwehr noch klären, doch den Abpraller verwandelt Patrick in Bernd-Hobsch-Manier kaltblütig zum Endstand.

Die SpVgg Bayreuth wird es im Halbfinale mit dem FC Memmingen zu tun kriegen, während es sich der Stadionsprecherclown nicht nehmen lässt, dem TSV 1860 und seinen Fans euphorisch alles Gute für den Aufstieg zu wünschen und gefühlte einhundert Mal schreiend darauf hinzuweisen, dass sich die Löwen als Meister der Regionalliga Bayern automatisch für den DFB-Pokal qualifiziert haben. Halt einfach mal die Schnauze, sonst zeigt dir FUDU gleich sein „Warface“…

Nach dem Spiel kehrt FUDU etwas erschöpft im „ältesten Brauhaus der Welt“ ein und lässt das Osterfest stilecht ausklingen. Noch wissen wir nicht, dass uns gleich noch ein SEV-Erlebnis bevorsteht und wir Bekanntschaft mit Neuenmarkt-Wirsberg und Coburg machen dürfen. Aber auch das werden wir „Charakterbiertrinker“ sicherlich unbeschadet überstehen… /hvg

31.03.2018 FK Teplice – AC Sparta Praha 1:1 (0:1) / Stadion Na Stínadlech / 10.142 Zs.

Der rumänische Kassenwart hat auf die Frage, wie man am Günstigsten zum Auswärtsspiel nach Fürth gelangen kann, wieder einmal eine überzeugende Antwort parat. Ich folge seiner Empfehlung und löse eine Freifahrt von Berlin nach Fürth mit einigen Stunden Aufenthalt in Dresden ein – gerade so, dass genügend Zeit für einen Ausflug nach Tschechien verbleibt. Und so kommt es, dass ich am Samstag bereits um 11.08 Uhr im Eurocity in Richtung Praha sitze und mich auf ein großartiges Wochenende freuen kann.

Im Sechserabteil des tschechischen Zuges nimmt neben mir ein sächsisches Ehepaar Platz. Während ich mich wie schon sooft in diesem Zugtyp über die bequemen Sitze, die Beinfreiheit, alte Gardinen und die drei formschönen Hebel für Heizung an/aus, Ton an/aus und Licht an/aus freue, nutzt sie die kurze Fahrt nach Dresden, um sich über die veraltete Technik zu beschweren. „Da ziehe ich den Flixbus vor“ wird sie am Ende der Reise sagen und auch der Zugbegleiter ist nicht wesentlich besser gelaunt. Mit unheimlicher Niedergeschlagenheit in der Stimme beginnt er kurz hinter Dresden-Neustadt seine Durchsage: „Wir werden alle…“ – es folgt eine melodramatische Pause, die mich vermuten lässt, das nun folgende Wort könnte „sterben“ heißen – doch setzt er dann zu meiner Erleichterung mit „Anschlüsse erreichen!“ fort. Wenn nicht einmal pünktliche Züge einen Mitarbeiter der Deutschen Bahn erfreuen können, dann sind wohl Hopfen und Malz verloren.

Um 13.07 Uhr habe ich Dresden Hauptbahnhof erreicht. „Danger-Mike“ steht bereits mit dem kleinen Bruder des Tschechenbentley zur Abholung bereit. Zwecks Hopfen und Malz wird es uns heute ins Böhmerland verschlagen und schnell ist „Teplice“ als Ziel in das Navigationsgerät getippt, welches doch arg anglophil daherkommt und uns schnell versichert, es würde den Weg nach [tæplaɪs] wie im Schlaf kennen. In Teplitz-Schönau erwartet der freundliche Meteorologe von nebenan heute null Sonnenstunden, Regen und jämmerliche fünf Grad Celsius. Während die Wetterprognose für Teplice also schön mau ausfällt, sind die Aussichten bezüglich des Fußballspiels schon etwas rosiger. Über all die Jahre ist es mir nicht gelungen, das grenznahe „Stadion Na Stínadlech“ zu kreuzen und da heute der große AC Sparta zu Gast sein wird, könnte die Gelegenheit gar nicht günstiger sein, dies nun endlich nachzuholen.

Auch für den Fahrer ist dies heute keine Tour wie jede andere. Als wir den Bahnhof Teplice passieren, erlebt er seinen ersten großen emotionalen Moment des Tages. Hier an Ort und Stelle hat der kleine „Danger-Mike“ mit 13 Jahren das erste Bier seines Lebens getrunken. Solltet ihr in eurem Dasein also jemals an diesem Bahnhof aussteigen und euch über die gusseiserne Statue wundern, die einen Jungen mit Cowboyhut und Flasche am Hals darstellt, dann wisst ihr hiermit Bescheid, welches historische Ereignis durch dieses Kunstwerk gedacht wird.

Auf dem Parkplatz in Stadionnähe setzt sich für „Danger-Mike“ die Auseinandersetzung mit seiner Biographie beinahe zwangsläufig fort. Gleich zwei Mal überprüft er, ob ich die Beifahrertür auch ja ordnungsgemäß verschlossen hätte. Kleinlaut gibt er bei, dass ihm vor 15 Jahren auf genau diesem Parkplatz Pfandflaschen und einige Audiokassetten aus dem Gefährt gestohlen wurden. Ossis, die sich in Tschechien beklauen lassen. Dafür hätte es die Wende nicht gebraucht!

Um Punkt 15.15 Uhr fangen wir an, zurückzuschießen. In einer kleinen Kneipe, in der es fürchterlich nach chlorhaltigen Reinigungsmitteln stinkt, liegen erste Sparta-Fans bereits mit den Köpfen auf den Tischen. Besonders angetan hat es uns eine Reisegruppe der sehr sportlichen Fraktion, deren Mitglieder nebenan grünes Bier trinken und einem alten Osterbrauch folgend mit Weidenpeitschen („Pomlázka“) aufeinander eindreschen. Andere Länder, andere Sitten. Wir sind gute „Radegäste“, beobachten das Szenario amüsiert, doch nach und nach löst sich die Gruppe in ihre Einzelteile auf. Selbst der 130 Kilogramm Stiernacken hat an diesem Osterfeiertag der „Zech Republic“ etwas das Maß verloren und verlässt nach einer letzten Runde Schnaps nun bedrohlich schwankend die Gaststätte.

Wenige Minuten später tun wir dies aufgrund des näher rückenden Anpfiffs der Gruppe gleich, nur weitaus weniger angeschlagen. Vor der Lokalität gilt es ein wenig Slalom zu laufen, sind doch einige Pfützen Hooligankotze als Andenken hinterlassen worden.

Genauso eklig wird es kurz darauf in der Warteschlange am Kassenhäuschen, in der sich doch tatsächlich irgendein Tschechenbengel erdreistet, mir hier mit Hertha-BSC-Wollmütze zu begegnen. Allerdings freue ich mich so sehr auf mein Stadionbier, die Halbzeit-Klobása und das Spiel als solches, dass ich mir bei nun auch noch einsetzendem eiskalten Wind keineswegs die Stimmung vermiesen lasse.

Das „Stadion Na Stínadlech“ hat 18.221 Plätze, wovon sich aufgerundet 94,7% auf den drei überdachten U-Form-Tribünen befinden. Nur 966 Menschen fasst die unüberdachte Stehplatztribüne hinter dem Tor zu unserer rechten. Teplice wird aus einem kleinen Block an der Eckfahne von circa 50 Unentwegten angefeuert und nennt noch einen weiteren Fanblock auf der Gegengerade sein Eigen, in dem weitere 25 Menschen Fahnen schwenken. Sparta darf sich heute der Unterstützung von gut 1.500 mitgereisten Schlachtenbummlern gewiss sein.

20 Minuten sind in der Zwischenzeit bereits gespielt worden. Lediglich ein Fernschuss des FK Teplice sorgt bis hierhin für etwas Unterhaltung in einer Partie, in der sich beide Teams neutralisieren. Fünf Minuten später scheitert Teplice per Kopf, ehe der rechte Verteidiger Teplices namens Tomáš Vondrášek gleich zwei Mal ganz alt aussieht und Sparta zu zwei gefährlichen Flanken einlädt, wovon zweitere nach einer halben Stunde beinahe in Zählbares umgemünzt werden kann, doch aus gut 11 Metern Entfernung schießt Václav Kadlec den Ball weit über das Tor.

Gut zehn Minuten später ist es dann aber doch vollbracht und Sparta kann durch Stanciu in Führung gehen. Ein klassisches Tor der Marke „reingewürgt“: Nachdem zunächst Kadlec selbst im Weg gestanden und einen scharfen Schuss eines Teamkameraden an den Kopf bekommen hatte, folgen zwei weitere Abschlussversuche, die gelb-blaue Abwehrspieler noch gerade eben so verhindern können, ehe der Rumäne der glückliche Nutznießer dieses Flipperspiels wird und den Ball im Sechszehner auf die Füße bekommt und „mulțumire“ sagt.

In der Halbzeitpause eröffnet mir der freundliche Imbissverkäufer, dass er leider keine roten Klobása mehr, sondern nur noch weiße im Angebot hat. Natürlich ist das Kind mit der Hertha-Mütze unauffindbar, wenn man mal jemanden zum Frust ablassen braucht. Ich finde Trost in einem weiteren Stadionbier.

Die zweite Halbzeit tröstet ebenfalls über den etwas enttäuschenden ersten Spielabschnitt hinweg. Das Spiel ist nun deutlich lebhafter und offener, wobei sich der leichte Außenseiter aus Teplice aufmacht, das Spiel zu seinen Gunsten zu drehen. Martin Frýdek verlässt auf Seiten Spartas mit blutender Kopfwunde das Feld, während die 50 Teplice-Hansel im Kuchenblock an der Eckfahne Gästeschals verbrennen. Wenn das der fette Typ mit der Osterpeitsche mitbekommen hat, wird es nachher auf dem Stadionparkplatz wohl die eine oder andere Nackenschelle geben…

Bereits in der 57. Minute gelingt Červenka nach einer schönen Hereingabe vom rechten Flügel der Ausgleich. Für den nächsten Höhepunkt sorgt Kučera, doch leider verfehlt sein sehenswerter Schlenzer den Kasten Spartas nur knapp. Teplice erlangt nun regelrecht Oberwasser und hätte spätestens in der 79. Minute durch den nur kurz zuvor eingewechselten Vaněček in Führung gehen müssen. Sparta wehrt sich auf dem Rasen mit Händen und Füßen und auch der Gästeblock setzt sich nun nicht mehr lediglich akustisch, sondern auch optisch in Szene und zündet einige rote Hoffnungsfeuer. Auf der LED-Tafel wird derweil irgendein Gewinnspiel abgehalten und einige Ziffern rattern wie an einem Spielautomaten wild durcheinander, bis am Ende eine dreistellige Glückszahl stehenbleiben wird. „Das ist bestimmt die Anzahl der aufgebrochenen Autos auf dem Stadionparkplatz“, sagt „Danger-Mike“ und beweist, dass er das Trauma von damals doch nicht gänzlich unbeschadet überstanden hat. Als der Schiedsrichter die Partie beendet, sacken die Akteure des FK Teplice etwas enttäuscht zusammen – hier wäre heute etwas mehr möglich gewesen. Da ich im Vorfeld der Partie ein 1:1 getippt hatte, fühle wenigstens ich mich wie ein Gewinnertyp, als wir kurz darauf bei liebevoll handgemachter tschechischer Countrymusik zurück nach Drezno rasen.

Dort angekommen, lässt mich „Danger-Mike“ allein in seiner Wohnung zurück. Jedenfalls so allein, wie dies in seinem Katzenparadies möglich sein kann. Er muss nun schleunigst in Richtung Erzgebirge aufbrechen, wo morgen früh der Wismut-Sonderzug nach Regensburg rollen wird. Ich habe laut Fahrkarte noch einige Stunden Aufenthalt in Dresden zu überbrücken und nehme zunächst einmal aufmerksam Instruktionen entgegen, wie und womit ich die Katzen vor meiner Abreise füttern soll.

Etwas irritiert schauen die felligen Freunde drein, als ich am nächsten Morgen um 5.30 Uhr zum etwas anderen Katerfrühstück bitte. Eine halbe Stunde später startet der Expresszug nach Franken. Der rumänische Kassenwart reibt sich die Hände: Schon seit gestern auf Achse, ein Spiel im Ausland gesehen und noch nicht einmal 15 € ausgegeben. Und sollte es am Ende der Reise finanziell doch eng werden, klauen wir halt Pfandflaschen und Audiokassetten! /hvg

25.03.2018 Chesterfield FC – Notts County FC 3:1 (2:0) / Stadium Chesterfield / 6.005 Zs.

Die Engländer sind schon ein witziges Völkchen. Das ganze Jahr über scheint die Sonne nicht, der Regen fällt konstant, kontinuierlich herrschen 5-9°C, morgens isst man Bohnen, das erste Bier wird immer schon gegen 11.00 Uhr im Pub gehoben und um Fünf gibt’s Tee. Tagein. Tagaus. Warum also zwischen den Jahreszeiten unterscheiden? Es könnte alles so einfach sein, wäre da nicht diese gottverdammte Uhrenlobby, die zwei Mal im Jahr zur Umstellung aufruft. So muss sich also FUDU damit anfreunden, dass gestern noch Winter war und heute ab um 1.00 AM offiziell der Sommer eingeläutet wird.

Vor dem Einschlafen zerbrechen wir uns die Köpfe. Werden sich unsere altmodischen Handys automatisch auf die neue Zeit umstellen? Oder denken wir für die Technik mit und stellen den Wecker absichtlich falsch, damit er richtig klingelt? In welche Richtung wird überhaupt umgestellt? Muss ich den Wecker dann auf 8.00 oder auf 6.00 stellen? Alter, wenn sich das Ding automatisch anpasst, klingelt der dann sogar um 5.00, wenn es richtig schlecht für uns läuft? Bevor wir eine unübersichtliche „Zurück in die Zukunft“-Skizze mit Zeitstrahl anfertigen können, wird einer von uns den Themenkomplex mit einem beherzten „Scheiß Drauf!“ beenden.

Am nächsten Morgen klingelt einer unserer Wecker um 6.00 Uhr. Eine Stunde zu früh. Hätte schlimmer kommen können. So bleibt wenigstens genügend Zeit, sich über das im Bengalo-Späti vorausschauend gekaufte Frühstück her zu machen und sich noch einmal vor Augen zu führen, was man sich für die kommenden Stunden so vorgenommen hat. Hier nun also die Tagesordnungspunkte:

1. Fahrt in die Innenstadt
2. Zugfahrt nach Sheffield
3. Sightseeing in Sheffield
4. Weiterfahrt nach Chesterfield
5. Sightseeing und Fußball in Chesterfield
6. Zugfahrt nach und Einkehr in Nottingham
7. Busfahrt zum Flughafen East Midlands, Rückflug um 6.30 Uhr, Ankunft 9.35 Uhr, Arbeit um 11.00 Uhr, Feierabend um 16.00 Uhr
8. Fußballfilmfestival um 19.45 Uhr.

TOP 1: Der Ticketautomat im Nebel von South Chedderton ist heute Morgen leider defekt. Die beiden FUDU-Schweine werden so genötigt, mit einem „Black Ticket“ in die Innenstadt zu fahren. Vom St. Peter’s Square kann man den Rest des Weges zur Piccadilly-Station problemlos zu Fuß zurücklegen und weitere Pounds sparen.

TOP 2: Vor Abfahrt des Zuges kauft sich Fetti auf die Schnelle das wohl britischste Lebensmittel, welches er je zu Gesicht bekommen hat. Im „Greggs“ gibt es heute sogenannte Frühstückspasteten, bei denen es sich bei näherem Hinsehen um mit Bohnen, Speck, Wurst und Ei gefüllte Blätterteigtaschen handelt. British Breakfast to go – stark!

TOP 3: Gerade einmal drei Monate sind seit meines letzten Besuchs in Sheffield vergangen. Ortskundig schwinge ich mich zum Stadtführer auf, schlendere mit dem Hoollegen durch „Park Hill“ und kraxle selbstredend hinauf zum „Cholera-Monument“, um die verlorengegangenen Bilder meinem Portfolio erneut zuführen zu können. Aufgrund der besseren Wetterlage ist die Aussicht hinunter in die Stadt heute wesentlich schöner als damals. Zudem wird die Unternehmung dadurch aufgewertet, dass FUDU insgesamt 25 Pence am Wegesrand findet. Das wird der Sommer unseres Lebens!

Der weitere Aufenthalt wird maßgeschneidert und an die Interessen und Bedürfnisse des Sheffield-Novizen angepasst. Zielstrebig steuere ich „The Old Queen’s Head“ an, um den Hoollegen mit der Kombination aus englischem Pub und tschechischer Kneipe in endgültige Verzückung zu versetzen. Es ist kurz vor 11.00 Uhr – und englische Wintergewohnheiten sollte man natürlich auch mit in den Sommer retten. Selbstredend sind wir nicht die ersten Gäste des Hauses. Ein Mann wirft beherzt sein Kleingeld in einen Spielautomaten, während der Kinderwagen mit schlafendem Sohnemann am Tresen steht. „Schöner Spaziergang“, wird er seiner Frau später erzählen. Im Fernsehen laufen die „BBC“-Nachrichten und informieren über den wohl größten Cricket-Skandal aller Zeiten. In Australien hat es sich zugetragen, dass ein Spieler der Nationalmannschaft heimlich Bälle in der Unterhose mit Schmirgelpapier bearbeitet hat, um sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber des südafrikanischen Batsman (der Schlagmann) zu erschleichen. Nun mischt sich gar der australische Premierminister Malcolm Turnbull ein und zeigt sich „zutiefst schockiert“ und Fußballstar Tim Cahill kann nur hoffen, dass man „mit einem positiven Auftritt bei der Fußball-WM das internationale Image Australiens wieder aufbessern kann!“ – und so lange das nicht geschehen ist, kann man dieses widerwärtige Volk bedenkenlos ignorieren…

Neben uns amüsieren sich auch zwei HSV-Fans über diese Nachricht bzw. über die staatstragende Ernsthaftigkeit, mit der diese mehr als 20 Minuten lang über die Mattscheibe flimmert. Wir werfen einen kurzen Blick in die „Sun“, um uns über die gestrige Partie in Bury zu belesen. Keine 30 Sekunden haben wir mit dem Käseblatt verbracht, als der letzte Gast der Kneipe seine Rolle einnimmt: „Don’t read that. It’s the worst newspaper ever!“ – womit er wohl Recht hat.

TOP 4: Im Zug von Sheffield nach Chesterfield werden wir erneut kontrolliert. Wir stellen dem Schaffner acht Zettelchen zur Verfügung. Er blättert und knipst und blättert und knipst und gibt uns dann zu verstehen, dass wir lediglich eine Reiseinformation und die Sitzplatzreservierung gezeigt hätten. Es würden vier weitere Ausdrücke fehlen und somit genaugenommen leider auch die eigentliche Fahrkarte. Für 10 Minuten Zugfahrt benötigt man also insgesamt 12 Dokumente, doch scheint der Augenblick nicht günstig, die Sinnhaftigkeit dieses Procedere zu hinterfragen. Nach einer kurzen Diskussion und einem „Excuse me, there was something wrong with the ticket machine yesterday“ lässt uns der Schaffner glücklicherweise ohne eine Nachzahlung passieren.

TOP 5: In Chesterfield gibt es sogleich die alles überragende „St. Mary and all Saints’“ zu bewundern. Die Kirche aus dem 14. Jahrhundert gilt als das Wahrzeichen der Stadt und aufgrund ihrer schiefen Turmspitze ist sie in der Tat überaus auffällig. „The Crooked Spire“ findet sich übrigens auch im Logo des Fußballvereins wieder und bis heute rätseln die Gelehrten, wie es zu der Krümmung kommen konnte. Es gibt viele Theorien hierzu, doch nur der Volksglaube, der Teufel hätte auf dem Dach gesessen, seinen Schwanz um den Turm gewickelt und diesen dann aus Versehen verdreht, als er wegen des Weihrauchgeruchs plötzlich niesen musste, überzeugt den alternativen-Fakten-Flügel FUDUs uneingeschränkt.

Heute finden in ganz England übrigens lediglich zwei (Herrenprofi-)Fußballspiele statt, wobei die Partie Portsmouth – Oxford geographisch sehr ungünstig liegt. Eigentlich möchte sich FUDU hier vor niemandem rechtfertigen müssen, warum zur Hölle man sich für den Besuch eines Fußballspiels in Chesterfield entschieden hat. Aber um von der grausamen Faktenlage, die aus den Fixpunkten: „League Two“ (= 4. Liga), trostlose Provinz und modernes Ungetüm von Langweilerstadion besteht, etwas abzulenken, darf man getrost einen Blick auf den heutigen Gegner werfen. Notts County. Gegründet 1862 und damit der älteste Profi-Fußballverein der Welt. Schon ergibt doch wieder alles seinen (konstruierten) Sinn.

Und so versteckt man dann doch mit einer gewissen Vorfreude auf die Partie seine letzten Biervorräte auf dem Parkplatz des Stadions, welches seit seiner Eröffnung im Jahre 2010 offiziell einen Sponsorennamen trägt und in diesem Blog als „Stadium Chesterfield“ geführt werden wird. Die Turnbeutel sind schnell an den Ordnern vorbei geschmuggelt und schon steht man wenige Minuten vor Anpfiff in den Katakomben und glaubt seinen Augen kaum zu trauen. Hier gibt es echtes Fassbier für nur 3,20£! Klar, dass sich die FUDU-Schweine da nicht zwei Mal bitten lassen und zuschlagen. Angesichts der Zeit wird jedoch nur ein Bier bestellt und der in der „Travellodge“ gestohlene Plastik-Zahnputzbecher (glaub mir, den können wir noch gebrauchen!) kommt zum Einsatz. Ein großes Bier für den Hoollegen, ein etwas kleineres für mich, wie romantisch.

Wir setzen uns an den linken Rand der Tribüne, die überraschenderweise NICHT mit Chesterfieldmöbeln ausgestattet ist, um den 1.411 Schlachtenbummlern aus Nottingham möglichst nahe sein zu können. Von der Heimseite versprechen wir uns heute keinerlei Support und hoffen um so mehr, dass die reisefreudigen „Magpies“ auch sangesfreudig auftreten werden. Erste Skepsis kehrt ein, als klar wird, dass niemand im Gästeblock das Spiel stehend verfolgen will. Die ersten 15 Minuten des Spiels werden skurrilerweise sitzend akustisch begleitet, später schläft die Unterstützung leider vollends ein.

Auf dem Feld geht es genau diese 15 Minuten lang ordentlich zur Sache und es gibt Chancen hüben wie drüben. Obwohl wir uns heute eine Ligaebene tiefer befinden, gleicht das Spielfeld eher einem Golfplatz und stellt den Drittliga-Acker aus Bury locker in den Schatten. Dies spielt dem Chesterfield FC in die Karten, der heute deutlich besser mit dem Spielgerät umgehen kann und die Gäste beherrscht, obwohl die Tabellenkonstellation eher umgekehrte Vorzeichen mit sich gebracht hatte (23. gegen 5. am 39. von 46 Spieltagen). Nach 16 Minuten geht Chesterfield nach einem Eckball, der im Strafraum an Mann und Maus vorbeigeht und letztlich von Nelson verwertet werden kann, mit 1:0 in Führung. Der Hoollege und ich kämpfen mit Stadionkaffee etwas gegen die eigene Müdigkeit an, werden nun aber auch immer wieder von den Gästefans wach gehalten, die sehr unzufrieden mit ihrem eigenen Team – und vor allen Dingen mit ihrem eigenen Torwart sind – und immer ungehaltener werden.

Nachdem sich das Spiel eine ganze Weile in beruhigtem Fahrwasser befunden hatte, geht es nach gut einer halben Stunde plötzlich Schlag auf Schlag. Nach 36 Minuten scheitert Chesterfield per Kopfball, nur zwei Minuten später die Gäste in ebenso aussichtsreicher Position, ehe Hines nach 39 Minuten auf 2:0 erhöhen kann. Jonathan Forte aus Barbados, seines Zeichens Auswechselspieler bei Notts County, interessiert all das nicht. Während seine Kollegen im Schweiße ihres Angesichts die Linie auf- und abrennen, sich über vergeben Chancen ärgern und das Gegentor geschockt zur Kenntnis nehmen, plänkelt er mit seiner kleinen Tochter vor der Tribüne herum und hat einen Heidenspaß. Family Time is Quality Time!

In der zweiten Hälfte bleibt Notts County weiterhin unheimlich harmlos. Die Gastgeber haben alles im Griff und verwalten die Führung relativ problemlos. Nach 65 Minuten wandert noch ein Abschluss Chesterfields in die Notizblöcke, doch erst als in der 88. Minute ein Freistoß von Jones an allen vorbei in das lange Eck segelt, wird dem Spiel noch einmal Leben eingehaucht. Dank zweier Verletzungspausen entscheiden die Unparteiischen, die Begegnung um neun Minuten zu verlängern und im Gästeblock keimt noch einmal Hoffnung auf ein Remis auf.

Notts County löst nun alle Abwehrfesseln und drängt mit aller Macht auf den Ausgleich. Logische Konsequenz: Konterräume für Chesterfield. Gleich drei Mal vergeben die Hausherren aussichtsreiche Chancen zum 3:1, ehe in der neunten Minute der Nachspielzeit auf Elfmeter entschieden wird. Vor lauter Freude über den Elfmeterpfiff betritt ein Heimzuschauer den Rasen und wird für diesen Fauxpas direkt von den Bobbys einkassiert. Kristian Denis ist ähnlich resolut und verwandelt in Folge sicher zum 3:1 Endstand. Auch wir haben im Anschluss noch unser kleines Erfolgserlebnis und finden im Gebüsch tatsächlich unsere versteckten Biervorräte wieder. Auf geht’s nach Nottingham!

TOP 6: Knapp 40 Minuten nach Abfahrt haben wir Nottingham erreicht. Schnell haben wir in unserer schäbigen Unterkunft eingecheckt, wobei der Flur, auf dem unser Zimmer liegt, wie ein Eisenbahnabteil gestaltet ist. Ach, Hostels sind immer soooooo erfrischend witzig. Folgerichtig, dass wir die Herberge so schnell wie möglich wieder verlassen, um im Stamm-„Wetherspoon“ des letzten Nottingham-Urlaubs einzukehren. In einem kleinen Kaminzimmer lernen wir „George Africanus“ kennen, schicken im Geiste Grüße nach Uganda und kratzen letztlich all unser Kleingeld zusammen, um noch eine finale Rutsche Carling trinken zu können.

TOP 7: Nach einer kurzen Nacht in den Doppelstockbetten sitzen wir um 4.50 Uhr im Shuttle-Bus zum Flughafen East Midlands. Kollege Reiner fliegt uns um 6.30 Uhr sanft und sicher zurück nach Berlin. Aufgrund der pünktlichen Ankunft gelingt es mir sogar, an einem Montagmorgen beizeiten auf Arbeit zu erscheinen. Mit ein wenig Hilfe englischer Koffeeintabletten wird das Winterferienprogramm in den folgenden fünf Stunden routiniert abgespult und schon trifft man …

TOP 8: … am Abend des 26.03. vor dem Kino „Babylon“ in Berlin auf weitere Truppenteile FUDUs, um im Rahmen des Fußballfilmfestivals „11mm“ den rumänischen Film „Al doilea Joc“ zu bestaunen. Vater und Sohn schauen im Jahr 2014 gemeinsam ein Spiel zwischen Steaua und Dinamo aus der Saison 1988/89. Der besondere Clou liegt darin, dass der Vater damals das Spiel als Hauptschiedsrichter leitete. Der Vater ist verwundert darüber, wie man auf die Idee kommen kann, darüber einen Film zu drehen – niemand würde sich heutzutage für rumänischen Fußball aus den 80er Jahren interessieren. Doch, doch. FUDU hat Interesse und auch der Rest des Kinosaals ist gut gefüllt. Leider verpasst es der Sohn jedoch, die richtigen Fragen zu stellen. Wie unparteiisch konnte man als Schiedsrichter sein, wenn Nicolae Ceaușescu „seinen“ Verein siegen sehen wollte? Wie sehr war man zerrissen, wenn dann auf der anderen Seite Polizeifunktionäre die Muskeln spielen ließen? Wie gestaltete man seinen Alltag im Rumänien der 80er Jahre? Gab es Opposition? Gab es vielleicht auch im Sport einen Zufluchtsort, eine Möglichkeit still und leise gegen Steaua, Dinamo und Ceaușescu zu protestieren? Aber all das fragt er nicht. Stattdessen gibt es einen Film zu sehen, der die quälend langweiligen 90 Minuten Fußball (Endergebnis: 0:0) von damals ungekürzt wiedergibt. Die Gespräche zwischen Vater und Sohn drehen sich ausschließlich um Regelkunde und dann und wann auch über die fußballerischen Qualitäten einzelner Akteure. Um 21.15 Uhr ist es geschafft: Abpfiff. Wie zum Hohn werden noch die Endergebnisse der anderen Spiele dieses rumänischen Spieltags im Abspann gezeigt. Steaua gegen Dinamo war das einzige torlose Spiel dieses Wochenendes. Jaja. Die Rumänen sind schon ein witziges Völkchen. /hvg

24.03.2018 Bury FC – Wigan Athletic FC 0:2 (0:1) / Gigg Lane / 5.207 Zs.

Das Jahr 2018 ist noch nicht sonderlich alt und der letzte England-Aufenthalt FUDUs liegt erst einige Wochen zurück. Wie so häufig schwelgte man bei dem einen oder anderen Treffen mit Freunden in Erinnerungen und erzählte Geschichten aus Tausendundeinernacht, von „Pints“, „Pies“ und „Britcats“. Nun ist der Hoollege restlos überzeugt und möchte endlich einmal wieder auf die Insel der Glückseligkeit zurückkehren, die er letztmals im Rahmen einer London-Klassenfahrt vor gut 15 Jahren besuchen durfte. Es ist Länderspielpause und irgendjemand kluges findet im Internet heraus, dass dieses England auch außerhalb von Weihnachten und Silvester geöffnet hat. Umgehend werden im Spielplan zwei-drei Spiele im Großraum Manchester gesichtet, Flugtickets gebucht und schon sitzen wir am frühen Morgen des 24.03. im Tschechenbentley und werden zwecks Wochenendabschiebung zum Flughafen Schönefeld gefahren.

Dort mustert der Bundespolizist skeptisch meinen Ausweis. Ob er wohl bemerkt, dass ich währenddessen ebenso skeptische Blicke auf seinen Ohrlappen werfe, weil dieser mit einem Eisernen Kreuz verziert ist? Eisernes Kreuz, Thorhammer, Erik and Sons, Todesstrafe für Kinderschänder. Wird man doch wohl alles tragen dürfen, ohne gleich in die rechte Ecke gedrängt zu werden.

Ganz andere Probleme hat derweil die junge Engländerin hinter uns, die von ihrem gestrigen Berliner Kneipenabend sichtlich gezeichnet in der Schlange schwankt, sich dann und wann auf den Fußboden zurückzieht und hilflos an einer Flasche Wasser nuckelt. Halte durch, Mädchen. Der nächste Pub ist nur noch einen Flug entfernt!

Im Flugzeug nimmt der Hoollege Platz in Reihe 32, während RyanAir mir einen Sitz in Reihe 8 zugewiesen hat. Wirklich ein echtes Ärgernis, diese neue Masche der Billigfluglinie, die die Leute zum Umbuchen ihrer Sitze gegen Aufpreis animieren soll. Denken wir genauso lange, bis neun Junggesellenabschied-Trottel mit uniformen Aloha-Basecaps die Maschine betreten und von der irischen Ausbeuterfirma gnadenlos getrennt und großflächig im Flugzeug verteilt werden. Ich meine, jeder für sich alleine ist schon unheimlich dämlich, aber als Gruppe? Kaum auszuhalten.
Und bei den Aloha-Jungs wird das wohl kaum anders sein als bei uns…

Mit der „Metrolink“ ist die Fahrt vom Manchester Airport in die Stadt schnell zurückgelegt. Für die gebuchten Zugverbindungen des morgigen Tages (Da lacht sich der geschickte rumänische Kassenwart ins Fäustchen: Manchester-Sheffield und Sheffield-Chesterfield separat zu buchen, brachte eine Ersparnis von gut 20£ p.P. im Vergleich zu dem von der britischen Bahn angebotenen Rundum-sorglos-Ticket von Manchester nach Chesterfield via Sheffield…) muss sich FUDU nun mit einem Ticketautomaten an der „Victoria Station“ herumplagen. Abgesehen von diversen Anbietern und unübersichtlichen Preismodellen auf englischen Schienen wird das Abenteuer Bahnfahren zusätzlich dadurch kompliziert, dass man seine Tickets zwar online kaufen und bezahlen, nicht aber bereits zu Hause ausdrucken kann. Stattdessen erhält man Zahlencodes, die man nun zwecks Abholung in den Automaten hämmern muss. Für unsere drei Zugfahrten (Chesterfield-Nottingham inklusive) sind bereits an die 20 orangene Zettelchen aus der Maschine gefallen, ehe der Automat plötzlich eine Fehlermeldung anzeigt. Wir überprüfen die Ausdrücke (Cunt! Wanker! Prick!) und sind ziemlich sicher, die Zugfahrten mit diesem ausgeschütteten Fahrkartenmaterial schon problemlos zurücklegen zu können.

Außerdem interessiert sich Gegenwarts-Fetti bekanntermaßen nicht für die Probleme von Zukunfts-Fetti. Was auch daran liegt, dass auch Gegenwarts-Fetti eine kleine Hürde zu überspringen hat. Leider hat der englische Fußballverband das Spiel Oldham AFC gegen Walsall FC nämlich verlegt, was nun die Hotelbuchung in Oldham etwas ad absurdum führt. Die Alternative in Bury ist zwar schnell auserkoren, liegt jedoch auf einer anderen Straßenbahnlinie und ein Check-In vor Anpfiff würde so einen recht passablen Umweg bedeuten. Fetti entscheidet sich, noch etwas am Bahnhof zu verweilen und das entstandene Zeitfenster bei einer leckeren „Steak and Cheese Roll“ vom „Greggs“ konstruktiv zu nutzen und „Britcats“ zu begaffen.

Als wir die Endstation Bury erreicht haben, ist es uns gelungen, mit der „Metrolink“ alle Zonen Manchesters passiert zu haben – und zwar in beide Richtungen. Angefangen in der Zone 4 im Westen (Flughafen), über die Zonen 3 und 2 bis hinein in die Innenstadt, um dann wieder durch die Zonen 2 und 3 an den nordöstlichsten Stadtrand hinaus in die Zone 4 zu fahren. So viel Fahrspaß für nur 5,40£!

Schnell haben wir uns einen kurzen Überblick über Bury verschafft und die „Gigg Lane“ gefunden, in der heute der Tabellenletzte der „League One“ den Tabellenführer aus Wigan in Empfang nehmen wird. Die aktuelle Tabellenkonstellation deutet schon arg darauf hin, dass am Ende der Saison beide Teams die Liga verlassen werden.

Nach der Entrichtung von 20£ und einer halbherzigen Taschenkontrolle können wir das wirklich schöne Stadion betreten, das bereits von Außen mit rotem Backstein und blauem Blech nicht englischer hätte aussehen können. Noch verbleiben 20 Minuten bis zum Anpfiff – genügend Zeit also, sich in die Nähe des ominösen Punkts zu stellen und ein schnelles „Carlsberg“ aus der stilvollen Plastikflasche zu heben. Bei freier Platzwahl fällt es im Anschluss nicht schwer, pünktlich zum Anpfiff auf einer blauen Sitzschale des spärlich gefüllten Stadions Platz genommen zu haben.

Der haushohe Favorit aus Wigan, der heute leider auf seinen „Kultstürmer“ Will Griggs verzichtet, scheint die Partie in den ersten Minuten nicht in Gänze ernst zu nehmen. Die „Mighty Shakers“ aus Bury starten jedenfalls gut in die Partie und haben nach 20 absolvierten Minuten bereits zwei passable Torchancen herausgearbeitet. Auf dem sehr holprigen und sandigen Geläuf kommt es den Hausherren zupass, dass hier heute keine technische Klinge, sondern harte Arbeit gefragt ist. In Spielmacher Stephen Dawson kulminiert dieser Anspruch. So wird er zwar zum Dreh- und Angelpunkt des Angriffsspiels des Bury FC, indem er in wirklich jeden Angriff mit eingebunden wird und seine Mannen mit viel Leidenschaft antreibt. Doch selten hat man einen derart hölzernen Zehner mit so wenig technischem Geschick gesehen.

Die abgebrühten Gäste gehen in der 26. Minute mit ihrem ersten Angriff in Führung. Eine flache scharfe Hereingabe von der linken Seite an den Fünfmeterraum kann Nick Powell zum 0:1 verwerten. Der Torjubel der 2.040 mitgereisten Gästefans hat ordentlich Wucht, doch leider wird man im weiteren Verlauf der Partie nur selten akustisch aus dem Sattel gehen. Die Lads aus Wigan scheinen sich eher auf Durchreise zu befinden und so wird das Hauptaugenmerk auf einen Junggesellenabschied (oder eine verlorene Wette) im Block gelegt und ein Typ drangsaliert, der mit Bury-Trikot bekleidet Spießrutenlaufen muss und einige der oben aufgeführten Ausdrücke aus dem eigenen Block erdulden muss.

In der 37. Minute kann Wigan nach einem zu kurz geratenen Rückpass beinahe auf 0:2 erhöhen, doch der sympathisch übergewichtige Keeper Connor Ripley (191 cm, 98 kg) kann sich noch gerade eben so dazwischen hauen. Noch gibt sich der Außenseiter nicht geschlagen, hält die Partie offen und setzt seinerseits Akzente. Direkt im Gegenzug scheitert Neil Danns mit einem Fernschuss und unter Beifall der gut 50 aktiven Supporter auf der Gegengerade und des restlichen Publikums verlassen die Akteure Burys nach Halbzeitpfiff das Feld. In Bury ist man mit dieser Leistung offenbar sehr zufrieden. Die „Gigg Lane“ – Ein guter Ort, um ehrlichen Fußball zu sehen!

In der zweiten Halbzeit haben sich die Gäste aus Wigan vorgenommen, dieser Partie möglichst schnell den Deckel aufzusetzen. Mit deutlich höherer Geschwindigkeit im eigenen Spiel kann man nun schnell eine Dominanz ausstrahlen, die im ersten Abschnitt noch schmerzlich vermisst wurde. Der Qualitätsunterschied beider Teams wird nun spürbar und immer sind es die Spieler Wigans, die entscheiden, mit welchem Tempo gespielt wird und in welche Richtung sich das Spiel verlagert. Endgültig alles unter Kontrolle hat man dann nach dem 2:0, welches bereits in der 50. Minute per Kopfball am zweiten Pfosten durch Dunkley nach einem Eckstoß fällt. Einige Gästefans treibt es ausgelassen jubelnd auf den Rasen, was mehrere Ordner auf den Plan ruft, die nun in Richtung Gästeblock rennen. Doch noch bevor auch nur einer der alten Herren sein Ziel erreicht, sind die Fans der „Latics“ auch bereits wieder in ihren Block zurückgekehrt und werfen nun das Bury-Hemd wild durch die Gegend.

Ein wunderbarer Schlenzer von Mayor, der nur knapp am rechten Dreiangel vorbeizischt, ist die letzte Reaktion des Bury FC. Das 0:3 wird wegen einer Abseitsstellung nach 62 Minuten aberkannt, ehe der Rest des Spiels ereignislos austrudelt. Da bekommen sogar die Balljungen hinter dem Tor Langeweile und albern motorisch unruhig herum, so lange bis sie eine Gefährdeansprache von Autoritätsperson Connor Ripley erhalten und dann für die letzten Minuten stoisch ruhig hinter dem Kasten sitzen bleiben werden.

Nach dem Spiel kehren wir im „The Two Tubs“ von 1839 ein und lassen den Aufenthalt in Bury ausklingen. Um uns herum proben alte Leute den Ernstfall und bereiten sich auf den großen Karaokeabend am Sonntag vor. Frisch gestärkt durch eine „Kiełbasa“ vom polnischen Supermarkt kann dann die letzte große „Metrolink“-Runde, die uns nach „South Chedderton“ führen wird, beginnen. Bei einer Ticketkontrolle kurz vor unserem Ziel stellt sich dann glücklicherweise auch heraus, dass das 5,40£ teure Tagesticket in allen Zonen gültig ist, während eine Gruppe Pakistani hopsgenommen wird. Wir sind kurz neugierig und wollen gerne mit auf die Ausweise der Delinquenten schauen, werden aber wohl für immer im Ungewissen bleiben und deren Alter irgendwo zwischen den wahrgenommenen Faktoren „Benehmen wie Grundschülergruppe“ und „Vollbärte“ taxieren müssen.

In der „Travelodge Oldham“ ziehen wir nach einem kurzen Frühstücks-Einkauf im Späti und einem Absackerbier im Pub nebenan Bilanz. „Pints“. „Pies“. „Britcats“. Bereits am ersten Tag in England war viel schönes dabei. Wie soll man das noch toppen? Vielleicht mit verdrehten Kirchtürmen und Chesterfield-Möbeln… /hvg

04.03.2018 Borussia Neunkirchen – TuS Herrensohr 1:0 (0:0) / Ellenfeldstadion / 450 Zs.

Wenn man sich für ein Freitagabendauswärtsspiel Urlaub nehmen muss, ist das nicht besonders schön. Wenn das Spiel zu allem Überfluss auch noch in Kaiserslautern stattfindet, überlegt man schon zwei-drei Sekunden, ob das denn nun wirklich immer sein muss. Kaiserslautern. Der Ort, an dem sich Menschen ihre Autos von Heidi Klum unterschreiben lassen. Und wenn dann das Spiel 4:3 verloren geht und sich auch noch der beste Stürmer des Herzensvereins beim Aufwärmen auf dem verschneiten Platz einen Achillessehnenriss zuzieht, dann kann man sich schon einmal fragen: Herr Gott, wo bist Du, wenn man Dich mal braucht? Die Antwort, die man erhält, ist genauso erschütternd, wie der Gesamtfreitag. Der liebe Herrgott residiert aktuell in der „Fruchthalle Kaiserslautern“. Ach, soll ihn der Teufel holen…

Uns zieht es nach Abpfiff recht schnell in das 70 Kilometer entfernte Saarbrücken. FUDU hat sich hier eine Ferienwohnung gesichert, um den verkorksten Freitag im weiteren Verlauf des Wochenendes wieder wett zu machen. Mit einem Kasten „Karlsberg Urpils“ im Gepäck ist der Fußweg vom Bahnhof über spiegelglatte Bürgersteige nicht ganz so bequem zu bewältigen. Nicht allen Mitgliedern der Reisegruppe gelingt die Anreise ohne Sturz. Aber gut, wenn man irgendwann zu der Selbsterkenntnis gelangt, man habe bereits zu viel Bier im Stadion getrunken und sich dann entscheidet, sich für den Rest der Partie lieber mit einem Liter Wein zu vergnügen, dann hat man möglicherweise auch schlicht und ergreifend die falschen Schlüsse gezogen.

Die russische Besitzerin des Apartments ist jedenfalls hellauf begeistert, dass sie ihre Wohnung dieses Mal nicht irgendwelchen Chaoten überlassen muss, sondern stattdessen vier adrette männliche Fußballfreunde mit einem Kasten Bier in den Händen begrüßen darf. Die Hausregeln sind schnell erklärt, wir haben die Zimmer verteilt und bezogen und schlafen nach einem passablen Freitagsausklang vor dem Fernseher recht bald den Schlaf der Gerechten.

Der Samstag beginnt in unserer weinrot-gelb gestalteten Dukla-Praha-Küche dann sogleich mit echten Tiefschlägen. Der Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes und auch der Wetterbericht sieht für den weiteren Verlauf des Tages neuerliche Schneefälle auf uns zukommen. Nachdem der ursprünglich ausgetüftelte Luxembourg-Plan bereits vor langer Zeit den Spielansetzungen zum Opfer gefallen war, wird nun auch der Alternativplan zu Nichte gemacht. Saar 05 Saarbrücken – Pfeddersheim im „Stadion Kieselhumes“: Abgesagt! Sarreguimenes – Lunéville im „Stade da la Blies“: Abgesagt!

So bleibt FUDU keine andere Wahl, als wenige Stunden später mit der „Suffeule“ (Maskottchen des Hauses) auf der Couch einzukehren und Preußen Münster gegen den SC Paderborn im Fernsehen zu verfolgen. In der Halbzeitpause erfährt FUDU in den Nachrichten, dass gestern ein mit internationalem Haftbefehl gesuchter Mafiaboss in Saarbrücken festgenommen werden konnte. Echt nur Sodom & Camorra hier im Saarland…

Erst einmal auf den Geschmack gekommen, soll Fußball auf der Mattscheibe auch im weiteren Tagesverlauf unser Thema bleiben. Der „Marktbrunnen“ öffnet uns zur 15.30 Uhr Bundesliga-Konferenz die Pforten. Das Publikum ist offenbar direkt aus St. Moritz mit dem Privathelikopter eingeflogen und besteht aus Tennisverein-Dandys und Pelzmantel-Grande-Dames. Während der Wirt alle anderen Gäste mit Vornamen kennt und das eine oder andere Glas Schampus serviert, werden wir eher argwöhnisch beäugt. Wir nehmen die Rolle der Aussätzigen an, machen es uns im Hintergrund gemütlich und heben uns bis zum Abpfiff der Bundesligapartien gehörig einen „Bruch“. Unsere Rechnung wird dann am Ende des Gelages auch vielsagend mit „vier Jungs“ überschrieben sein und zu Fettis Saarbrücker Stammlokal wird dieser Pub wohl doch nicht werden.

Im Anschluss kehren die „vier Jungs“ in einem schwulen Lokal in der Altstadt ein. Der Laden ist urig eingerichtet, die Karte rustikal, die Speisen günstig. Der alte Stelzbock von Kellner erklärt uns auf Nachfrage die Zusammensetzung der landestypischen Spezialitäten – wie z.B. Dibbelabbes, Gefillde oder Hoorische – nicht ohne auf die eine oder andere sexuelle Anzüglichkeit zurückzugreifen. So ist es nach der Argumentation, die Hoorische seien „dick wie Bubeschwänze“ überhaupt nicht verwunderlich, dass dieses Gericht auf zumindest einem unserer Teller landen wird. Schon eher unser Laden! Noch während des Verspeisens erfahren wir, dass auch die Austragung der morgigen Partie zwischen Borussia Neunkirchen (offizieller Name übrigens: Borussia, Verein für Bewegungsspiele e.V., Neunkirchen) und TuS Herrensohr auf der Kippe steht. Die Borussia ruft über ihren Facebook-Kanal zum Schneeschippen auf. Nur, wenn sich genügend Freiwillige finden, die das Ellenfeld räumen, bestünde überhaupt eine Chance auf ein Spiel…

Am Sonntag sitzen wir mit unserer Luxembourg-Trier-Saarbrücken-Neunkirchen-Berlin-Fahrkarte, die in der Planungsphase gebucht wurde und bis zuletzt alle Möglichkeiten offen hielt, in der Regionalbahn nach Neunkirchen. Dort angekommen, stellt Richard Martin mit Blick auf seine E-Mails zunächst einmal fest, dass er in der Jugendherberge in Worms der einzige Gast sein wird und er gefälligst Bescheid geben soll, wann er denn anzukommen gedenkt. Sein Montagabendspiel zwischen Wormatia und dem Waldhof ist mittlerweile dank der TV-Übertragung gesichert und nur kurz darauf sickert auch die Bestätigung durch, dass im „Ellenfeldstadion“ zu Neunkirchen heute ein Ball rollen und auch der Rest der Reisegruppe in den Genuss wenigstens eines Spiels kommen wird. In Ermangelung von Schließfächern am Bahnhof Neunkirchen begehen wir im Anschluss dieser frohen Botschaft das Sightseeing mit etwas belastendem Reisegepäck.

Neunkirchen. Heruntergekommen. Vermüllt. Verwahrlost. Vergessen. Verschlossene Kneipen und unheimlich viel Leerstand. „Die letzte deutsche Stadt, die mich so traurig gemacht hat, war Hof!“, fasst der Fackelmann das Gesehene zusammen und tritt nur wenige Sekunden später unerschrocken in einen Hundehaufen. Die einzige Sehenswürdigkeit Neunkirchens muss dann eher heimlich besichtigt und fotografiert werden, weil die anatolische Großfamilie, die mittlerweile in der Max-Braun-Straße 26 lebt, eher wenig Freude damit hat, in ihrem privaten Umfeld gestört zu werden. Aber gut, wer sich das Geburtshaus Erich Honeckers kauft, der muss eben dann und wann mit Besuch ewig gestriger Ossis zurechtkommen.

Dies hat sich wiederum offenbar Borussia Neunkirchen auf die Fahnen geschrieben. Gerade am „Ellenfeldstadion“ angekommen, sind wir wegen unserer Reiserucksäcke auch bereits aufgefallen und herzlich in Empfang genommen worden. Schnell ist das Reisegepäck in den Katakomben abgestellt und gerade, als wir uns freundlich für diesen Service bedanken wollen, hat man uns schon einen kleinen Stadionrundgang angeboten. Die zuvorkommende Dame schnappt sich einen Schlüsselbund und wir folgen andächtig. Plötzlich stehen wir mitten auf dem von Schnee befreiten Rasen und werfen aus exponierter Position erste Blicke auf die maroden Ränge des wunderschönen Stadions, welches in der Saison 1963/64 in der Premierensaison Bundesligafußball erleben durfte. Noch aufregender wird es, als wir Zugang zu dem wohl ältesten Funktionsgebäude des Stadions erhalten und einen Blick in die verfallenen Umkleidekabinen, die Entmüdungsbecken und Duschen der 60er Jahre werfen dürfen. Die Heimmannschaft genoss damals übrigens den Vorteil zweier Duschköpfe, während der Gastmannschaft nur eine einzige Dusche zur Verfügung stand. So sah also Bundesliga-Luxus anno 1964 aus.

Mit viel Charme und spürbarer Begeisterung für die Geschichte des Clubs erzählt uns die Dame, die sich heute selbst „Mädchen für alles“ nennt und tatsächlich über eine kleine Einliegerwohnung im Stadion verfügt, eine Anekdote nach der nächsten. Sie verweist beispielsweise stolz auf ihren Schwiegervater Dieter Harig, der Teil der legendären Borussen-Mannschaft von 1959 war, die in das Finale des DFB-Pokal einziehen konnte und erinnert an das letzte große Pokalspiel gegen Bayern München im Jahre 2003. Der weitere unvergessliche Rundgang führt uns in die Nähe der aktuellen Mannschaftskabinen, in den VIP-Raum und in die Stadiongaststätte. Wann immer uns Menschen begegnen, werden wir herzlich begrüßt, so als würden wir schon immer dazugehören. Was möglicherweise auch daran liegt, dass unsere Stadionführerin ein Jedem bei der Begegnung erzählt, dass wir Gäste aus Berlin (!) sind – als ob dies in etwa so besonders wäre, als wären wir soeben aus einer fernen Galaxie mit einem Raumschiff eingeschwebt. Mittlerweile sind auch Präsident und Pressesprecher darüber informiert, dass heute gleich vier exotische Gäste aus der Bundeshauptstadt das „Ellenfeldstadion“ unsicher machen und wir erhalten VIP-Armbänder, freien Eintritt auf die Haupttribüne und eine Einladung zum Sponsorentreffen, welches nach Abpfiff im VIP-Raum stattfinden wird. Im Hintergrund buhlt der 79-jährige Vater von Stefan Kuntz um Aufmerksamkeit. Na, der soll sich mal schön hinten anstellen – heute sind echte Promis anwesend!

Das Spiel der sechstklassigen Saarlandliga zwischen dem aktuellen Tabellendritten und dem Zweiten wird angepfiffen. Spitzenreiter Auersmacher liegt aktuell 6 Punkte vor der Borussia und Ziel des heutigen Spiels ist es, den Abstand zu verkürzen, um am Ende der Saison in die Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar aufzusteigen. Neunkirchen nimmt das eigene Schicksal in die Hand und hat nach einer knappen halben Stunde bereits vier Torgelegenheiten herausgearbeitet. In der 36. Minute wird FUDU Zeuge eines Kuriosums, als Gästespieler Jung im Mittelfeld beherzt zulangt, eine gelbe Karte erhält und der verletzt auf dem Rasen liegende Borusse vom Arzt der Gäste behandelt werden muss. Dr. Sebastian Richter wird zum Retter in der Not – nicht etwa, weil Borussia Neunkirchen keinen Teamarzt hätte. Nein, Dr. Sebastian Richter ist gleichzeitig Teamarzt von Borussia Neunkirchen, des TuS Herrensohr und vom SC Halberg Brebach. Auch die Medizinerdichte scheint im Saarland also noch etwas Luft nach oben zu haben…

Im zweiten Abschnitt lassen die Hausherren direkt nach Wiederbeginn eine 100%ige Kopfballchance ungenutzt liegen, während wir uns etwas darüber mokieren, dass wir zwar VIP-Bänder um die Handgelenke tragen, unsere Getränke aber selbst zahlen müssen. Als dann auch noch unverschämte Nachwuchskickerinnen um eine Spende für die Jugendarbeit bitten und mir beim Bezahlvorgang ein Euro herunterfällt und unauffindbar bleibt, ist der Ärger groß. So lange, bis der Fackelmann auf der Suche nach Nahrung vor einer Imbissbude 20 € findet. Der Hoollege reagiert blitzgescheit, nimmt dem Benjamin die Kohle ab und spendiert eine Rutsche „Bruch“. Ab jetzt wird umsonst gesoffen!

In der 65. Minute gelingt es in Jens Kirchen dem auffälligsten Spieler auf dem Platz, den Gästetorwart zu überwinden. Doch leider wird das Tor wegen eines vermeintlichen Handspiels aberkannt. So langsam hat man sich im mit 450 Zuschauern gefüllten Rund mit dem Remis abgefunden, nur Kirchen scheint noch an einen Erfolg zu glauben und gibt auf dem Feld sein letztes Hemd. Nun wird er endgültig zum Dreh- und Angelpunkt der Partie, verteilt die Bälle, schlägt Flanken, wird torgefährlich, arbeitet zurück, macht Kilometer. Das Trikot des Spielmachers illustriert dessen Einsatzfreude und das „Mädchen für alles“ wird später ihre helle Freude damit haben, dieses Kleidungsstück wieder weiß zu waschen.

In der 74. Minute zahlt sich das Pressing der Hausherren aus und ein eigentlich bereits verlorener Ball wird durch einen unter Druck gesetzten Herrensohrer Verteidiger umgehend wieder in die Reihen Neunkirchens zurückgeschickt. Die nächste Angriffswelle rollt über die rechte Seite, Flanke, Direktabnahme mit dem linken Fuß, Tor! Diesen Treffer hat sich Jens Kirchen mehr als verdient!

Zehn Minuten später wird Kirchen vor einer gelb-roten Karte geschützt und ausgewechselt. Der angenehme Nebeneffekt ist natürlich, dass er sich den verdienten Applaus des Publikums abholen kann. Wir verlassen kurz darauf unsere Plätze und begeben uns in den VIP-Raum, wo wir Ohrenzeugen der Pressekonferenz werden. „Unterschiedspieler Kirchen“ wird auch hier von Trainer Björn Klos über den grünen Klee gelobt und hätte es der gute Mann in seiner Karriere nicht so häufig mit Knieverletzungen zu tun gehabt, hätte er sicherlich höherklassig Karriere gemacht. Im Anschluss bedankt sich Präsident Bach bei all den treuen Sponsoren und eröffnet feierlich das Buffet. Auch FUDU ist eingeladen, vor Rückreise nach Berlin ebenfalls bei den Köstlichkeiten des „Restaurant Da Antonietta“ zuzugreifen und ehe man sich versieht, steht Präsident Bach auch schon neben einem und tritt in einen herzlichen Smalltalk ein. Aufrichtig tut er seine Freude darüber kund, dass wir aus Berlin angereist sind, um das „Ellenfeldstadion“ zu besichtigen und sein Stolz über dieses Schmuckstück ist ihm deutlich anzumerken. Auch er lebt den Verein Borussia Neunkirchen mit jeder Pore seines Körpers. Gleichzeitig ärgert es ihn, dass die Stadt Neunkirchen diesen Wert nicht anerkennt und kein Geld oder anderweitige Hilfe bereit stellt, das Bauwerk zu erhalten. Um der Stadt vor Augen zu führen, wie wichtig der Fußball als Aushängeschild für Neunkirchen nach wie vor ist, bittet er uns um ein kurzes Interview für die Website. Pressesprecher Jo Frisch, ebenfalls sehr sympathisch, übernimmt. Nachdem wir einige Fragen beantwortet haben und gemeinsame Fotos geschossen worden sind, drückt die Zeit ein wenig. Wir müssen zurück zum Bahnhof, um unseren Zug via Homburg, Kaiserslautern, Mannheim nach Berlin zu erreichen. Da stößt es schon übel auf, dass von unserem „Mädchen für alles“ jede Spur fehlt und sich unsere Rucksäcke nach wie vor in ihrer Gewalt befinden. Auf gut Glück kehren wir an den Ort zurück, an dem alles begann: Die Katakomben vor ihrer Einliegerwohnung. Und siehe da, das Taschenlager ist unverschlossen. Kurz geraten wir in Versuchung, weil sich neben unserem Gepäck auch gut gefüllte Bierkästen befinden, aber an dieser Stelle beweisen wir Anstand. Borussia Neunkirchen war zu gut zu uns, um bestohlen zu werden!

Am nächsten Morgen beherrschen die FUDU-Schweine die Gazetten des Saarlands. Naja, zumindest auf die Website von Borussia Neunkirchen haben wir es mit unserer Botschaft und einem Gruppenfoto geschafft. „Dafür habt ihr bei uns einen gut, wenn ihr mal nach Berlin kommt!“, sollen wir zum Abschluss gesagt haben. Zwar kann sich von uns niemand an diesen getätigten Ausspruch erinnern, doch verdient hätten es die freundlichen Borussen allemal. Dafür würde ich mir sogar Urlaub nehmen. /hvg

14.02.2018 Füchse Berlin Reinickendorf – Charlottenburger FC Hertha 06 3:1 (0:0) / Stadion am Wackerweg / 105 Zs.

Den Valentinstag sollte man immer mit seiner großen Liebe verbringen. Gut, dass die Gespielin Fußball (mon amour) heute einige Partien im einzig wahren Pokalwettbewerb bereithält. Husch, husch, husch, wir holen den Paul-Rusch!

Diese Geschwindigkeit versprühende Losung mache ich mir zu Eigen und sprinte wenige Augenblicke nach meinem Mittwochfeierabend zum S-Bahnhof Buch. Eine knappe halbe Stunde später habe ich den Eichborndamm erreicht und begebe mich auf den kurzen Fußweg in die Verlängerung der Kienhorststraße in Reinickendorfer Kleingarten-Idylle, die bis 2013 „Wackerweg“ geheißen hatte.

Nun befindet sich das „Stadion am Wackerweg“, das lange Zeit auf den Rufnamen „Wackerplatz“ hörte und bis heute in Berliner Fußballfachkreisen so genannt wird, also offiziell in der Kienhorststraße. Diese legendäre Spielstätte zählt heute zur Berliner Fußballroute und kann einige Geschichten von Früher erzählen. Im Jahre 1974 stieg der ortsansässige SC Wacker 04 aus Versehen in den bezahlten Fußball auf und wurde zum Gründungsmitglied der zweiten Fußball-Bundesliga. Einen Großteil der Heimspiele musste Wacker 04 jedoch im Poststadion austragen. Erst nach dem Umbau und der Modernisierung des „Wackerplatzes“ (Zäune, separate Duschen für Schiedsrichter) zog man 1978 dorthin zurück und trug u.a. Punktspiele gegen den FC St. Pauli, Rot-Weiß Essen, Wuppertaler SV, Alemannia Aachen, VfL Osnabrück, Preußen Münster vor jeweils vierstelliger Kulisse aus.

Im Jahre 1994 fusionierte der insolvente SC Wacker 04 nach seiner Auflösung mit dem Kiezrivalen BFC Alemannia 1890. Anfangs lautete der Vereinsname SG Wacker-Alemannia, später BFC Alemannia 90-Wacker. 2013 wurde der Name „Wacker“ gänzlich ausgelöscht und ein weiteres Stück Berliner Fußballgeschichte wurde beerdigt. Ehemalige „Wackeraner“ machten damals den Präsidenten des BFC Alemannia, der sich politisch für die CDU Reinickendorf-West engagierte, auch für die Umbenennung des „Wackerwegs“ in „Kienhorststraße“ verantwortlich. Nicht mal mehr im Straßenbild war der ehemalige Zweitligist fortan präsent…
Da aber auch der BFC Alemannia 90 nach und nach sportlich in der Bedeutungslosigkeit verschwand, dümpelte auch der „Wackerplatz“ lange Jahre ungenutzt vor sich hin. Nun wird er durch die Reinickendorfer Füchse, die dank der Handballabteilung, die mittlerweile als Aushängeschild des Gesamtvereins herhalten muss, nunmehr offiziell „Füchse Berlin“ heißen und den Ortsteil „Reinickendorf“ nur noch als Appendix mit sich herumtragen, wieder belebt. In Ermangelung eines Flutlichts in der eigentlichen Heimspielstätte am Freiheitsweg („Fuchsbau“) werden in der Berlin-Liga und im Pokal einige Spiele auf den „Wackerplatz“ verlegt, der im Jargon der Reinickendorfer Füchse nun als „Fuchskäfig“ vermarktet wird.

Dieser Name lässt sich zumindest aufgrund der Enge der Spielstätte und des Zauns, welcher 1978/79 errichtet worden ist, nachvollziehen. Es müssen ziemlich spektakuläre Schlachten gewesen sein, die an Ort und Stelle in der Oberliga und der zweithöchsten deutschen Spielklasse ausgefochten worden sind, wenn hier dem Hörensagen nach um die 5.000 Menschen unmittelbar am Spielfeldrand mit den Spielern der Berliner Trainerlegende Klaus Basikow († 05.03.2015) mitfieberten. Mein letzter Besuch der Spielstätte rührt übrigens aus dem Jahre 2004, als der BFC Alemannia 90-Wacker die Geschichte des SC Wacker 04 noch ernst nahm und zum „100 jährigen Jubiläum“ der lila-weißen in mittlerweile blau-gelben Alemannia-Trikots Hertha BSC empfing und vor 1.500 Zuschauern mit 0:7 unterlag (Tore: Marcelinho, Madlung, Marx, 2x Nando Rafael, Neuendorf, Dejagah).

Heute haben die „Füchse“ der Vereinsgaststätte und auch Teile der Katakomben bereits einen grün-weiß-roten Anstrich verpasst. Nur noch einige wenige blau-gelbe Kacheln auf der Toilette und die charmante „VIP-Lounge“ erinnern an die bewegte (Vereins-)Vergangenheit des Stadions, welches früher 15.000 Menschen fasste und heute immerhin noch Platz für 5.000 Zuschauer bietet.

Hier steht nun das Achtelfinale des Berliner Verbandspokals an. Ich habe meinen Geburtstagsgutschein vier Monate aufgehoben, auf den richtigen Moment gewartet und lasse mir nun im Rahmen eines echten Fußballhighlights Eintritt (6 €) und Stadionbier von meinem Vater bezahlen. Das Flutlicht brennt, ist aber so dunkel, dass mir kein einziges vernünftiges Foto gelingen wird. Unter den 105 handgezählten Zuschauern befindet sich auf Einladung meines Vaters auch dessen neuer Nachbar. Das Stadionbier lehnt er dankend ab. Er habe sich das Trinken abgewöhnt und wenn er jetzt eines probieren würde, würde es nur wieder ausarten. Daran sei seine Ehe gescheitert oder konkreter: weil er seine Frau dann und wann im Rausch vertrimmt habe. Was man eben so von sich erzählt, wenn man beim ersten Kennenlernen schnell eindringlich unter Beweis stellen mag, dass man gehörig einen an der Murmel hat.

18.55 Uhr. Die Spieler der Füchse und die klassenhöhere Hertha aus Charlottenburg betreten den Platz. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt hat der Rasen in den letzten Tagen ordentlich gelitten und ist knochenhart. Die Stollen der Fußballschuhe klacken jedenfalls im fröhlichen Chor und nicht ganz zu Unrecht wünschen sich Spieler und Schiedsrichter beim sportlichen Shakehands „gute Gesundheit!“ auf dieser Betonfläche.

Das Schiedsrichtergespann, zu dem auch ein ehemaliger Jugendfreund zählt, der heute an der Außenlinie seiner Beschäftigung nachgeht, eröffnet die Partie. Es entwickelt sich – vermutlich auch dank der Bodenverhältnisse – ein ausgeglichenes Spiel. Der Außenseiter aus Reinickendorf kann auf Augenhöhe mithalten und Gäste-Torwart Nies muss seine Vorderleute nach 25 Minuten mit einem markigen „Wir sind gar nicht da!“ aufwecken. Nach 36 Minuten gelingt den Charlottenburgern der erste Abschluss, doch der gut frei gespielte Ex-Unioner Sebastian Emre Stang schießt den Ball in die dritte Etage, wo er in einer Pappel hängen bleibt. Bei genauerer Betrachtung entdeckt der geneigte Beobachter zwei weitere Spielgeräte, denen selbiges Schicksal widerfahren ist und denen nun in den Baumkronen nach und nach die Luft ausgehen wird. Mein Vater macht sich im Anschluss etwas über die so hochgelobten Favoriten lustig, was deren Anhängerschaft nicht lange auf sich sitzen lässt: „Was wollt ihr eigentlich? Wir spielen hier auf einer Eisbahn!“

In der Halbzeitpause legt der Nachbar noch einmal nach und erzählt von seinen langen Auslandsaufenthalten, die im diplomatischen Dienst zu seinem Alltag gehören würden. Er bietet mir in ungefähr 100 Städten dieser Welt Schlafplätze an und empfiehlt mir, den einen oder anderen Fußballverein zu besuchen. Selbstverständlich hat er überall beste Kontakte ins Rotlicht- und Drogenmilieu, hier und da ein paar Kinder gezeugt und eventuell sei seine Ehe auch daran gescheitert, dass er permanent breit irgendwo rumgehurt hat. Meine Diagnose ist fertiggestellt. Leichte Psychose, bisschen dissoziativ, bisschen Realitätsverlust. Vielleicht Borderline, vielleicht schizophren. Wenn er das nächste Mal offiziell für ein halbes Jahr im „diplomatischen Dienst“ ist, würde es mich jedenfalls nicht wundern, wenn man ihn in eben jenem Zeitfenster nicht auch einfach auf „Bonnie’s Ranch“ besuchen könnte…

Im zweiten Spielabschnitt geht der CFC Hertha durch einen Handelfmeter nach gut einer Stunde in Führung. Die Reaktion der Füchse lässt nicht lange auf sich warten und Haubitz gelingt nach 64 Minuten ein Kopfballtreffer nach einer mustergültig geschlagenen Flanke. Nun ist ein echter Pokalfight eröffnet und sieben Minuten vor Schluss ist die Sensation für die Füchse zum Greifen nahe, als Engel einen schönen Pass in die Schnittstelle der Abwehrkette aufnehmen und eiskalt verwandeln kann. Fünf Minuten Nachspielzeit spendiert das Schiedsrichterkollektiv zum Missfallen der Heimzuschauer den Charlottenburgern für eine Ausgleichschance, doch in der ersten Minute der Nachspielzeit sind alle Würfel gefallen. Im Forechecking erzwingen die Füchse einen Ballverlust im Mittelfeld und ersticken mit einem blitzsauber zu Ende gespielten Konter die Hoffnungen des Oberligisten im Keim.

Kurz darauf feiern die Spieler, Betreuer, Fans und ein Hund der Reinickendorfer gemeinsam den Einzug in das Viertelfinale auf dem vereisten Rasen des Wackerwegs. Die Herthaner sind ausgeschieden und müssen bis zur Saison 2018/19 auf ihr nächstes Paul-Rusch-Pokalspiel warten. Der DJ spielt dem Anlass entsprechend die „Bitterkalt-Symphonie“ ein, während wir den Sportplatz verlassen und den Heimweg in unterschiedliche Richtungen antreten.

Das Wegbier im einzigen Späti in Nähe des U-Bahnhof Scharnweberstraße kostet utopische 1,60 € und ein erster kurzer Blick auf die Website der Füchse zeigt mir direkt auf der Startseite, dass man nun mit der GdP kooperiert und dass sich der Präsident des Gesamtvereins sehr darüber freuen würde. Dieser ist niemand geringeres als Reinickendorfs CDU-Vorsitzender Dr. Frank Steffel, der als „Kennedy von der Spree“ im Wahlkampf um den Berliner Bürgermeisterposten 2001 glücklicherweise gehörig baden ging. Mein Vater meldet sich per SMS, dass der Nachbar auch auf dem Weg nach Hause noch diverse Sonderbarkeiten von sich gegeben hätte, er aber glücklicherweise sicher zu Hause angekommen ist. Alles in allem bleibt ein Aufenthalt in Reinickendorf irgendwie Gewöhnungssache. Aber für seine große Liebe muss man eben auch mal Opfer bringen. Gerade am Valentinstag! /hvg

03.02.2018 Montpellier Hérault SC – Angers SCO 2:1 (1:1) / Stade de la Mosson / 9.594 Zs.

Gerade einmal 27 Minuten nach Abfahrt in Nîmes rollt unser Zug bereits in Montpellier ein. Niemand von uns hat sich mit der Stadt auseinandergesetzt oder gar intensiv darüber belesen, was es hier zu besichtigen und zu erleben geben wird.

Zunächst einmal überrascht die rege Betriebsamkeit rund um den Hauptbahnhof. Man mag gar von Großstadthektik sprechen und ein erster Hauch Berliner Aggressivität liegt in der Luft, als uns fünf Obdachlose mit Dosenbier davon abhalten wollen, Fotos vom Bahnhofsgebäude zu schießen. Fetti schüttelt verständnislos den Kopf. Trinken in der Öffentlichkeit? Bier? Was für Proleten!

Nach dem Check-In in das „Hôtel Colisée-Verdun“, welches nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt liegt und aus dessen Fenstern man – bezogen auf den Preis – einen wirklich angenehmen Palmenblick erhält, hebt sich FUDU schnell von dem Pöbel ab und genießt eine kurze Rotwein-Käse-Brotzeit auf dem Hotelzimmer. Im Anschluss eilen wir über den imposanten „Place de la Comédie“ in die Touristeninformation, in der uns Estelle überaus herzlich empfängt. Mit guten Deutschkenntnissen hat sie uns schnell erklärt, was wir in den kommenden Stunden in Montpellier unbedingt gesehen und erlebt haben müssen und uns nahezu im Vorbeigehen ein 24-Stunden-Ticket für die Straßenbahn aufgequatscht. Jede Wette, dass wir einen bärtigen Typen zumindest danach gefragt hätten, ab wie vielen Fahrten sich eine solche Karte gegenüber Einzelfahrscheinen lohnt oder ob man nicht eh auch alles zu Fuß schaffen könnte, aber die hübsche Estelle spielt bereits wieder mit ihren Locken, nachdem sie unser Kleingeld im Schubfach verstaut und uns neben dem Stadtplan auch zwei Tageskarten ausgehändigt hat. Merci, Chérie!

Eine weitere sinnvolle Frage wäre übrigens die nach der Taktung der Straßenbahnen gewesen, wie sich unmittelbar im Anschluss herausstellt. Um das Stadtviertel „Antigone“ zu besichtigen, welches in lediglich 900 Metern Entfernung zu verorten ist, werden wir jedenfalls nicht 20 Minuten auf die nächste Tram warten. In dem Quartier tobte sich der katalanische Architekt Ricardo Bofill Ende der 1970er Jahre aus und schuf eine römisch-monumentale Sozialbausiedlung im neoklassizistischen Stil. Aha. Oder Stalinbauten im Westen halt, wie FUDU ostblockig kommentieren wird.

Einige Minuten später haben wir den Altstadtkern Montpelliers erreicht und schlendern durch typische französische Gässchen. Immer wieder ein schönes Gefühl, ohne Erwartungen an irgendwelchen Orten eingetroffen zu sein und dabei dann und wann echte Volltreffer gelandet zu haben. Noch gerade eben vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir „La Promenade du Peyrou“ – der höchstgelegene Punkt Montpelliers mit Triumphbogen, Aquädukt, Statue Louis‘ XIV und wunderbarem Ausblick auf die umliegenden Stadtviertel. Überraschend schön hier und mit Blick auf den heranrückenden Anpfiff im fünf Kilometer entfernten „Stade de la Mosson“ sind wir über den Fahrkartenkauf dann doch dankbar. Anders wäre man hier wohl nicht von der (E)Stelle gekommen.

Montpellier-Hérault SC 1974. Nach einigen Umbenennungen und Fusionen ist dieser etwas sperrige Name zu Stande gekommen, aber alles ergibt seinen Sinn. Montpellier ist die Hauptstadt des Départements Hérault der Region Occitanie, welche wiederum erst 2016 durch den Zusammenschluss der Regionen Languedoc-Roussillon und Midi-Pyrénées entstanden ist. Der Hérault (oder okzitanisch: Erau) selbst ist ein 148 Kilometer langer Fluss der Region, womit nun alle Unklarheiten beseitigt sein sollten. Und für mich selbst stellt dies auch ein Quantensprung an Fachwissen dar, hatte ich bisher zu Montpellier lediglich Bezugspunkte über ein Super-Nintendo-Spiel namens „Kick Off 3“, in welchem ich als Kind wegen der wunderschönen Vereinsfarben Blau und Orange häufig den HSC anwählte. Damals gültiger Rufname übrigens: „Monte Pille“.

Seit der WM 1998 fasst das „Stade de la Mosson“ 32.939 Zuschauer. Zuvor hatten 9.439 weniger Menschen Platz in dem Stadion. Die Erweiterung wurde mit wenig Feingefühl für den optischen Gesamteindruck vorgenommen und man entschloss sich, der Gegengerade das Dach zu nehmen und lieblos zwei weitere Ränge aufzuschichten, die nun in ihrer Betonklotzoptik den Rest des Stadions überragen. Da auch der aktuelle Bürgermeister Montpelliers dies alles andere als überragend findet, werden gegenwärtig Stadionneubaupläne vorangeschoben. Zur Saison 2022/23 soll die neue Heimat mit Namen „Stade Louis-Nicollin“ (→ Präsident von 1974 bis zu seinem Tod im Jahre 2017) im 20.000 m² großen Neubaugebiet Cambacérès fertiggestellt sein. Man darf gespannt sein.

Heute empfängt der Sensationsmeister von 2012 als aktueller Tabellensechster den abstiegsgefährdeten Sporting Club de l’Ouest aus Angers zum Stelldichein. Nachdem wir auf dem Stadionvorplatz einen leckeren Merguez-Snack mit Pommes und ein kleines Bier für 2,50 € genossen haben, fällt mir beim Blättern durch das Stadionheft neben Giovanni Sio auf Heimseite auch Gästestürmer Baptiste Guillaume ins Auge. Auch den kennt man doch irgendwoher?!?

Für gerade einmal 15€ nehmen wir Platz auf dem untersten Rang des Gegengeradenmonsters. Das Stadion ist gähnend leer und nur die kleine, aber feine Fanszene Montpelliers zu unserer Rechten wird das Spiel (dauerhaft positiv) akustisch begleiten. Spätestens nach drei Minuten sollten dann aber auch alle anderen Anwesenden hellwach sein, denn der Außenseiter aus Angers lässt mit einer Doppelchance, vereitelt durch Querlatte und Schlussmann, aufhorchen. Auch in Folge bleiben die Gäste gefällig und suchen ihr Heil im Abstiegskampf offensichtlich in der Offensive. Nach 20 Minuten holt der auffällige Stoßstürmer Toko Ekambi einen Strafstoß heraus, den er souverän selbst verwandeln kann. Mit noch mehr Rückenwind in den Segeln entwickelt Angers eine gute Idee nach der nächsten und bleibt erfrischend agil und ballsicher, ganz zur Freude der 16 mitgereisten Anhänger aus dem Nordwesten der Republik (Distanz: 773 Straßenkilometer mit Maut, 874 ohne).

Baptiste Guillaume. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Einmal in den Wutbürger-Modus verfallen, kommt man nicht umhin, zu sagen, dass Baptiste Guillaume mir einen Euro schuldet. Der Skandal von Strasbourg! Und seit diesem Tage grinst mich Baptiste ein jedes Mal schäbig an, wenn ich in seinem Becher Rührei zubereite. Heute fehlt von ihm auf dem Platz und auf der Bank allerdings jede Spur. Zurecht. So ein Eierkopf!

Die Heimmannschaft kommt gut eine halbe Stunde lang nicht ins Spiel. Die Fans hinter dem Tor supporten weiter durchgängig, doch aus dem Rest des Publikums mischt sich bereits der eine oder andere Pfiff dazu. Linksverteidiger Nicolas Cozza wird in der 36. Minute zum Bauernopfer und gegen Junior Sambia ausgetauscht. Trainer Michel Der Zakarian (Der Fuchs!) löst die viel zu defensive Fünferkette in der Abwehr auf und schafft so endlich Anspielstationen im Mittelfeld. Eine taktische Maßnahme, die überraschend schnell Früchte trägt. Plötzlich gelingt es Montpellier, zu mehr Ballbesitz zu kommen und Angers erstmals in eine passive Rolle zu drängen. Etwas Glück gehört sicher auch dazu, wenn dann mit dem ersten Torschuss, der zudem auch noch zwei Mal abgefälscht wird, der Ausgleich gelingt (Lasne, 42.), doch kann man hier ruhig auch von einem guten Kniff des Trainers sprechen. Oder zumindest von der Bereitschaft, den selbst getätigten Fehler der viel zu defensiven Aufstellung, rechtzeitig zu korrigieren.

In der Halbzeitpause schwinge ich mich endlich einmal wieder zum Cateringverlierer auf. Angesichts der sackigen Kälte auf der zugigen Gerade und in Ermangelung alkoholischer Getränke entscheide ich mich für einen Stadionkaffee. Und, um auf eine Benotung auf einer allgemein anerkannten Skala zu verzichten, sei nur so viel gesagt: Das war der wohl schlechteste Kaffee, den ich jemals außerhalb der Kaffeevergewaltigungskultur in Kackeland vorgesetzt bekommen habe.

Im zweiten Spielabschnitt wirft der andere Cateringmitarbeiter weiter fleißig Baguette, Kartoffelchips und Wechselgeld über mehrere Reihen durch das Publikum. Lange Zeit stellt dies das Unterhaltsamste dar, da auf dem Rasen doch ordentlicher Leerlauf eingekehrt ist. Angers geht in Deckung, Montpellier schiebt sich den Ball zu, das Spiel plätschert ereignislos dahin. Gerade die Gäste sollten sich darüber ärgern, dass ihnen ihr Faden gerissen ist, hatten sie hier schließlich eine halbe Stunde lang eine beeindruckende Leistung auf den Platz bringen können. Als die Heimmannschaft das erste Mal Tempo aufnimmt, kann gleich eine entscheidende Lücke gerissen werden. Eine wirklich schöne Kombination krönt Mbenza in der 71. mit einem sehenswerten Abschluss zum 2:1. Der wohl verdiente Lohn für gefühlte 80% Ballbesitz und Angers möchte man zurufen: Selbst Schuld! Drei Minuten später wird es dann laut im weiten Rund und die knapp 9.500 Zuschauer feiern das Gründungsjahr des Herzensclubs singend. Wir, wenig emotionalisiert durch diesen Anlasskitsch, sehen nur noch einen Abschluss der Gäste in der 85. Minute, die hier in der zweiten Halbzeit in völliger Lethargie ein Spiel regelrecht abgeschenkt haben.

Der Straßenbahnshuttle zurück in die Innenstadt ist hervorragend organisiert. Beim „SCO“ wird auf der gut neunstündigen Rückfahrt sicherlich ganz schön viel „Anger“ an Bord sein, doch keines der sozialen FUDU-Schweine erklärt sich bereit, den Nordfranzosen in Sachen „Anger-Management“ zur Seite zu stehen.

Stattdessen besteigt man am nächsten Morgen gut gelaunt den TGV nach Marseille. Angekommen am wunderschönen Bahnhof St. Charles steht für den Schurken sogleich die Weiterfahrt zum Flughafen an, während ich noch einen Tag Aufenthalt auf mich zukommen sehe. Leider führt ein herrenloses Gepäckstück zunächst dazu, dass der Busbahnhof geräumt und vorerst abgesperrt werden muss. Dem Schurken rennt die Zeit etwas davon, doch letztlich erweist sich das Gepäckstück schnell genug als ungefährlich, sodass der Bus den Flughafen gerade noch rechtzeitig erreichen kann. Während dem Schurken in der Sicherheitsschleuse eine Dose Thunfisch abgenommen wird, sitze ich bereits am Hafen von Marseille und genieße abnorm teures Bier. Nachdem ich die Stadt besichtigt und sogar eine Straße gefunden habe, in der man mir keine Drogen verkaufen will, bin ich am Montag auch bereits in Düsseldorf gelandet und habe am Abend ein 1:1 bei Arminia Bielefeld gesehen. In Berchtesgaden verebbt gerade der Applaus für den Vortrag des Schurken über Recyclingbeton. Nächstes Jahr wird der kleine Torsten-Per dann schon Acht. An den Kindern sieht man ja, wie die Zeit vergeht. Aber bei uns bleibt hoffentlich alles beim Alten! /hvg

02.02.2018 Nîmes Olympique – AC Ajaccio 1:1 (0:0) / Stade des Costières / 7.407 Zs.

Kinder, wie doch die Zeit vergeht. Der kleine Torsten-Per Freistoß wird schon Sieben und auch der Schurke kommt langsam etwas in die Jahre. Grund genug, nach dem Rumänien-Ausflug des letzten Jahres endlich einmal wieder an der Planungsschraube für ein unvergessliches langes Wochenende zu drehen.

Die DFL spielt uns hierbei in die Karten, indem sie das Auswärtsspiel des 1.FC Union Berlin beim DSC Arminia Bielefeld auf Montagabend terminiert. Schnell sind zwei Urlaubstage für Freitag und Montag eingereicht, bei einer Billigfluglinie unfassbar günstige Flüge nach Toulouse aufgetaucht und ehe man sich versieht, sind drei Tage Südfrankreich am Stück freigeschaufelt und das Motto der Reise ist auserkoren: We’ve got nothing Toulouse! Noch spielt es keine große Rolle, dass der französische Fußballverband seine Spieltage noch nicht endgültig terminiert hat. Rund um Toulouse sind mit Nîmes und Marseille schließlich zwei attraktive Reise- und Fußballziele mit Heimspielen an diesem Wochenende geboten. Da 9/10 der Zweitligapartien in Frankreich am Freitagabend ausgetragen werden, darf das Risiko, dass ausgerechnet Nîmes am Samstag spielen wird, ohnehin als eher gering beziffert werden und so entscheidet sich FUDU für eine Vorabbuchung eines TGV von Toulouse nach Nîmes und plant eine erste Übernachtung in der alten Römerstadt ein. Das Heimspiel von Olympique de Marseille gegen den FC Metz wird dann schon am Samstag oder Sonntag stattfinden. 9/10 aller Erstligapartien werden schließlich am Wochenende angesetzt. Was also soll da schon schiefgehen?

Zunächst einmal werfen jedoch zwei fußballfremde Institutionen Knüppel zwischen die minutiöse Planung der FUDU-Schweine. Am Abreisetag fällt zunächst die Regionalbahn zum Flughafen Schönefeld aus, dann klingelt des Schurken Handy. Am anderen Ende der Leitung befindet sich seine aufgeregte Chefin, die auch im Skiurlaub mit der eigenen Familie nicht ganz abschalten kann und einen wichtigen „TM“ am Montag auf ihrer „Prio“ stehen hat. Es geht um einen eigentlich bereits abgesagten Vortrag in Berchtesgaden, den nun ausgerechnet der Schurke halten soll. An seinem Urlaubstag, an seinem Geburtstag, am Tag des Auswärtsspiels auf der Bielefelder Alm. Und als wäre dieser Dreiklang der Impertinenz nicht schon allein Anlass des Ärgers genug gewesen, muss es der guten Frau genau in diesem Augenblick zu allem Überfluss auch noch aufgefallen sein, dass sich der Schurke am Freitag in ihrer Abwesenheit eben NICHT im Büro, sondern auf dem Weg nach Südfrankreich befindet. Weitere Telefonate mit der Chefin und den Veranstaltern werden am Flughafen Schönefeld und einige Stunden später in Toulouse folgen. Ergebnis des Hin und Her: Keine Chance. Der Schurke muss bereits am Sonntag die Segel streichen und auf das Spiel in Bielefeld verzichten. Mince alors!

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass wir beide auch auf ein Heimspiel im Stade Vélodrome verzichten müssen, da es der FFF tatsächlich gelungen ist, neben der Partie in Nîmes auch das Spiel in Marseille auf den Freitagabend zu legen.

Selbstverständlich dürften wir im Flugzeug auch dieses Mal nicht ohne Aufpreis nebeneinander sitzen und wie durch einen wundersamen Zufall bleiben beide Fensterplätze neben uns verwaist. Um 13.45 Uhr sind wir für 9,99 € p.P. mit „Turnbeuteltours“ sanft und sicher in Südfrankreich gelandet und erholen uns von dem lauten und sinnlosen Geschrei einer Mädchengruppe, die sich mit an Bord befunden hatte. Leider haben wir bei der zeitlich etwas eng getakteten Planung nicht berücksichtigt, dass sich Frankreich nach den terroristischen Attacken der Vergangenheit mehr oder minder in einer Art Dauerausnahmezustand befindet und Passkontrollen bei der Einreise zur Normalität gehören. Schnell schmilzt der Zeitpuffer in der Warteschlange dahin und ohne eine Taxifahrt zum Bahnhof Matabiau hätten wir unseren Schnellzug nach Nîmes mit großer Sicherheit verpasst. Im Hintergrund läuft die „Ballade der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“: „Ja, mach nur einen Plan, sei ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan – gehen tun sie beide nicht!“

Im Hotel nimmt uns die freundliche Rezeptionistin erst einmal mit einem warmen Tee in Empfang. Die Dame wird wissen, warum. Wenige Minuten später betreten wir unser Monteurszimmer mit kleiner Küchenzeile UND Klimaanlage. Sicherlich ist es im Süden Frankreichs angebracht, das Zimmer an 300 Tagen im Jahr herunterkühlen zu können, bei lediglich 9° Außentemperatur am Tag und 2° in der Nacht wäre es aber ebenso wenig verwerflich, die kalten Luftströme bei Bedarf auch abschalten zu können. So aber zieht es wie Hechtsuppe und nach einem schnellen Einkauf im nebenan gelegenen „carrefour“ gibt es für uns keinerlei Gründe, unnötig lange in unserem Zimmer zu verweilen.

Im „Stade des Costières“ empfängt der gastgebende Olympique de Nîmes (kleines Rätsel für unsere H&M-Racker an der Stelle: Wo mag der Jeansstoff wohl seinen Ursprung haben?) als aktueller Tabellenzweiter heute den Dritten aus Ajaccio. Man darf also echten Aufstiegskampf in einem Stadion erwarten, das von Außen nicht unbedingt nach einem Stadion aussieht. Irgendwo zwischen Shopping Mall, Parkhaus und Pyramidenanlage pendeln die Assoziationen, während die Kinder die abgeschrägten Wände zum fröhlichen Rutschen missbrauchen und lediglich die Flutlichtmasten im Hintergrund untrügliches Zeichen dafür darstellen, dass hier in unmittelbarer Nähe gleich ein Fußballspiel angepfiffen werden wird.

Seit 1989 spielt Olympique Nîmes in dem Stadion des Architekten Vittorio Gregotti, der sich mehr oder minder zeitgleich auch für den Neubau des „Stadio Luigi Ferraris“ in Genova verantwortlich zeigte und dadurch eine gewisse optische Ähnlichkeit der beiden Spielstätten nicht gänzlich zu leugnen ist.

Seit 25 Jahren spielt Nîmes in der zweithöchsten Spielklasse. Dank ihres Torjägers Umut Bozok, der mit 16 Toren die Schützenliste anführt, dürfen in diesem Jahr leise Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Beletage gehegt werden. Dennoch ist die Stimmung bei den „Krokodilen“, wie der Club aufgrund der Verbundenheit der Stadt mit ihrem Wappentier, welches einst in Form eines Münzsymbols durch ägyptische Sklaven nach Nîmes gebracht wurde, nicht die beste. Heute gehen die Fans wegen einer weiteren drohenden Veränderung im Clublogo auf die Barrikaden und unterstützen die eigenen Farben eher halbherzig.

Bei alkoholfreiem Bier und kaltem Wind lässt sich der Stadionsprecher, der sich hier als Capo aufspielt und die trägen Massen zu animieren versucht, nur schwer ertragen. Wenig Kredit bei den eigenen Fans genießt derweil Linksverteidiger Ripart, der nach zwei-drei technischen Fehlern und Ungenauigkeiten im Aufbauspiel gnadenlos ausgepfiffen wird. Die knapp 200 Gästefans aus Ajaccio, die immerhin 470 Kilometer Distanz (mit ein wenig Ozean im Weg) zurückgelegt haben, um heute dabei sein zu können, fallen durch solides Gepöbel von den Traversen angenehm auf.

Auf dem Rasen wandert die erste große Chance in der 20. Spielminute auf den Notizblock. Ajaccios defensiver Mittelfeldspieler Camara taucht urplötzlich völlig blank im Sechzehner auf, schlägt dann aber ein klägliches Luftloch und stellt nachhaltig unter Beweis, dass er sich eher für Defensivaufgaben eignet. Aber auch die offensiven Kollegen Camaras stellen sich fünf Minuten später nicht viel geschickter an, als sie einen schnörkellos vorgetragenen Konterangriff nicht in Zählbares ummünzen können.

Nach einer knappen halben Stunde gehen die Hausherren dann beinahe durch einen Treffer der Marke „Tor des Monats“ in Führung. Camara, auch defensiv nicht so standfest wie vor wenigen Worten noch erhofft, vertändelt fahrlässig einen Ball im Spielaufbau, Torhüter Leca steht zu weit vor seinem Kasten – und um ein Haar schlägt der Heber aus gut und gerne 30 Metern im Gehäuse der Korsen ein.

In der zweiten Halbzeit wird Nîmes weiterhin bemüht sein und viel guten Willen, aber ebenso viele Unzulänglichkeiten offenbaren. Oft versucht man es über die Flügel, bleibt in letzter Instanz aber brotlos und agiert im letzten Drittel zu kompliziert. Etwas klarer spielen es da die Gäste aus Ajaccio aus, welche nach 53 Minuten in Führung gehen können. Nach einer Flanke, bzw. einer Kopfballverlängerung auf den zweiten Pfosten, steht Gimbert goldrichtig. In Folge bringt der Schiedsrichter mit einigen fragwürdigen Entscheidungen Gift in die Partie. Umut Bozok fällt heute nicht durch gefährliche Abschlüsse auf, sondern durch permanentes Gestikulieren, Diskutieren und aggressiver Spielweise. Das Spiel wird in dieser Phase immer giftiger und mehreren Akteuren kommt derart die Galle hoch, dass man nun im Minutentakt grätschend ineinander scheppert, was dem Unterhaltungswert der Partie zu Gute kommt, zumal der Unparteiische die gelben Karten lange Zeit überaus großzügig stecken lässt.

Nach 74 Minuten versetzt Sada Thioub die Anhänger Olympiques in Verzückung. Mehrere Gegenspieler prallen hoffnungslos überfordert von seinem stabilien Büffelkörper ab, als er beherzt von der rechten Außenbahn nach Innen zieht und den Ball mit dem linken Fuß in die Maschen peitscht. Die letzte Viertelstunde bleibt aufregend und am Ende sind es eher die Hausherren, die sich über den Punktgewinn freuen können, schließlich wird Ajaccio noch ein Abseitstor aberkannt und auch Gimbert scheitert in der Nachspielzeit denkbar knapp. Ebenfalls denkbar knapp scheitert Gästespieler Marin daran, über die volle Distanz des Spiels auf dem Platz verweilen zu dürfen. Nach einer weiteren völlig überzogenen Grätsche wird er nach 94 Minuten mit gelb-Rot des Feldes verwiesen.

Noch während wir das Stadion verlassen, erfahren wir das Endergebnis aus Marseille. Olympique besiegt Metz mit 6:3 – haben wir also nichts verpasst.

Dass wir in Nîmes dennoch goldrichtig sind, zeigt sich am nächsten Morgen nach einem ausgiebigen Frühstück in der Küchenzeile. Dem Schurken gelingt es tatsächlich, ein Fünf-Sterne-Rührei zu zaubern, die Dame an der Rezeption nimmt unsere Gepäckstücke entgegen, druckt unsere Flugtickets ab Marseille für uns aus und schon geht einem das Sightseeing in der wirklich wunderbaren Stadt leicht von der Hand.

Ein Feinschmeckermarkt wird in der antiken Innenstadt von gleich mehreren Flics bewacht, wobei der mit der Pfeife unsere Herzen im Sturm erobert. Fetti, das alte Trüffelschwein, kann sich aufgrund der Präsenz der Staatsmacht noch gerade eben so beherrschen und greift bei 120,00 € pro 100 Gramm dann lieber doch nicht kleptomanisch zu und schon treibt es unsere Helden hinein in das Amphittheater aus dem Jahre 100. Der imposante Bau, der dem römischen Kolosseum nachempfunden und 1863 in eine Stierkampfarena umgewandelt wurde, ist einen Besuch wert und wird heute zusätzlich dadurch aufgewertet, dass lediglich fünf weitere Touristen durch die Katakomben krauchen. Auch die Tempelanlage „Maison Carrée“ und der „Tour Magne“ dürfen mit der 14 € teuren Eintrittskarte besichtigt werden. Als Sightseeingmotor fungiert heute auch die Geocaching-Leidenschaft des Schurken, der mit Hilfe meines rudimentären Schulfranzösisch Schätze zu finden versucht. Besonders stolz sind wir darauf, dass es uns in den „Jardins de la Fontaine“ gelingt, eine gleich mehrteilige Knobelaufgabe korrekt zu lösen. Darauf ein Glas Wein und dann steht auch bereits die Weiterreise nach Montpellier auf dem Plan.

Montpellier? War doch gar nicht geplant! Tja, wenn beide Pläne nicht gehen, schmiedet man flugs einen neuen. So ist das eben mit den ganz großen Lichtern. /hvg

28.01.2018 SS Monza 1912 – AS Lucchese Libertas 1:0 (1:0) / Stadio Brianteo / 1.181 Zs.

Der Tag beginnt mit einem kleinen Frühstück an einem liebevoll gedeckten Kantinentisch mit Papiertischdecke. Unser Gastgeber hat sich richtig Mühe gegeben und sich sogar darauf eingestellt, dass seine Gäste wegen des Fußballsports reisend unterwegs sind. So lässt er es sich heute nicht nehmen, den Kaffee im ausgewaschenen grauen 90er-Jahre Millwall FC Sweater zu servieren. Nebenan wartet sein Kumpel ungeduldig im Flur. Wenn die Kartoffeln endlich mit dem Frühstück fertig sind, scheint hier Feierabend zu sein – und vielleicht müssen die beiden ja heute noch nach Firenze reisen, um Hellas supporten zu können…

Aus bloßer Rücksicht auf den italienischen Feierabend (und weil wir unsere Bahn um 10.02 Uhr via Milano Centrale nach Monza erwischen wollen) verläuft das Frühstück wenig ausufernd. Im allseits geliebten „Frecciarossa“ haben wir kurz darauf dank der kostenlosen Bahnzeitschrift erfahren, wie den Bambini in Italien rechnen beigebracht wird. Schnell haben wir alle Gleichungen gelöst und stellen uns im Anschluss die Frage, ob es uns als Rassismus ausgelegt würde, würden wir diese Geschichte ungefiltert zu Hause erzählen. „In Italien müssen die Kinder Pizzen addieren und subtrahieren, um im Zahlenraum 1-10 zurechtzukommen, kannste glauben!“ Wir schließen den Themenkomplex mit der beruhigenden Erkenntnis ab, dass manche Vorurteile über Nationalitäten eben schlicht und ergreifend nur daher existent sind, weil sie stimmen – und öffnen ungeniert um 10.30 Uhr zum erweiterten Frühstück die erste Pulle Bier und essen Würstchen. Deutschlaaaaaaand, Deutschlaaaaaaand, Deutschlaaaaaaand!

Kurz vor Milano Centrale bleibt uns dann das Lachen im Halse stecken. Vor drei Tagen hatte es in Pioltello ein Zugunglück gegeben. Eine Regionalbahn, die tagtäglich mehrere hundert Berufspendler aus den Vororten Mailands in die Innenstadt befördert, war aufgrund eines Schienenbruchs entgleist. Noch wenige Tage vorher hatte ein Gleismesszug die Strecke überprüft und schon lange war die Empfehlung ausgesprochen worden, die stark frequentierten und abgefahrenen Gleise auszutauschen. Drei Menschen starben bei dem Unfall, zehn wurden schwer und etwa einhundert leicht verletzt. Die wohl schwärzeste Stunde auf der ältesten Bahnstrecke Italiens. Heute stehen die Waggons der Regionalbahn jedenfalls noch ineinander verkeilt am Wegesrand und Polizisten und Bahnmitarbeiter untersuchen die Unglücksstelle. Unser „Frecciarossa“ passiert diese im Schritttempo, sodass man sich schon arg selbst disziplinieren muss, um nicht dauerhaft auf das Szenario zu gaffen. Irgendwas stimmt mit uns Menschen nicht…

Mit 22 Minuten Verspätung erreichen wir den Hauptbahnhof und verpassen den Anschluss nach Monza denkbar knapp. Glücklicherweise liegt das Ziel nur 12 Kilometer entfernt und die Zugtaktung darf als einigermaßen dicht beschrieben werden, sodass wir nicht all zu viel Zeit in Milano verbringen müssen. Vor dem Anpfiff des Serie C Spiels um 14.30 Uhr bleibt dann sogar noch genügend Luft, um etwas durch die drittgrößte Stadt der Lombardei zu schlendern. Der Stadtspaziergang übertrifft alle Erwartungen, was häufiger geschieht, sobald man keine Erwartungen hat. Monza dürfte den allermeisten Menschen lediglich wegen seiner Formel-1-Strecke ein Begriff sein (oder wegen des Opel-Modells, welches nach eben jener Strecke benannt wurde) und so hat man es offenbar bislang versäumt, auch Loblieder auf die schönen Straßen der Innenstadt und den Dom zu singen. Historisch relevant ist der Fakt, dass König Umberto von Italien am Abend des 29.07.1900 in Monza durch einen Anarchisten ermordet wurde. Diese Information gebe ich zugegebenermaßen nur, weil ich den Namen Umberto großartig finde, an einen schäbigen Witz denken und schmunzeln muss. Und das stellt nun einmal ein wichtiges Gegengewicht zu all dem Leid und Elend in dieser Welt (und im vorausgegangenen Absatz) dar!

Das „Stadio Brianteo“ steht am Rand der Stadt hinter einer weitläufigen Wiese und kurz vor der Schnellstraße mit Einkaufszentrum. Diese Lage lässt sich erwartungsgemäß damit begründen, dass das Stadion erst gebaut wurde, als die Stadt bereits fertig war. 1988 wurde die Anlage eröffnet und die ursprünglich geplante Leichtathletikbahn bereits während des Baus wieder entfernt. So kommt man heute in den Genuss eines reinen Fußballstadions mit 18.568 Plätzen, davon 8.327 überdacht, was für Italien keine Selbstverständlichkeit ist und daher zwingend Erwähnung finden sollte. Als besonderer optischer Leckerbissen erweisen sich zwei der vier Flutlichtmasten, die man eher Flutlichttürme nennen sollte und die die Dachkonstruktion der Haupttribüne schultern müssen. Während das Stadion einen stabilen Eindruck hinterlässt und zu Höherem berufen wäre, taumelt der SS Monza seit Jahren finanziell und sportlich durch die unteren Ligen Italiens und hat bereits mehrere Insolvenzen und Neugründungen hinter sich.

Heute erhält man für stolze 20,00 € Eintritt auf die Haupttribüne. Kurz überlegen Fetti und seine Freunde, 10,00 € mehr in die Hand zu nehmen und sich für ___ € (Was sind 20 Pizzen plus 10 Pizzen, Umberto?) ein VIP-Ticket zu gönnen, entscheiden sich aber angesichts der unklaren Speisen- und Getränkesituation in Italiens dritter Liga gegen diese Dekadenz.

Genauer: Man würde Eintritt erhalten. Wäre da nicht diese Diskussion mit dem Ordner, der zunächst moniert, dass man seine leere „San Benedetto Thè“-Flasche nicht mit in das Stadion nehmen dürfe. Ich habe jetzt keine emotionale Bindung zu dem guten Stück und versuche der Warnweste zu erklären, dass ich bislang schlicht und ergreifend keine Mülleimer in Stadionnähe gefunden habe. Auch nun schaue ich mich hilflos um und finde in näherer Umgebung des Eingangs keine Entsorgungsmöglichkeit. Der Ordner versteht kein Englisch und somit mich und mein Problem nicht und denkt gleichzeitig, dass ich nicht verstehen würde, was er sich von mir wünscht, woraufhin er das Gesagte wiederholt, nur lauter. Irgendwann werfe ich die Plastikflasche entnervt in die Gegend, darauffolgend: zufriedenes Nicken des Gegenüber. Level 1 wäre geschafft, würde da nicht noch mein „Kulturbeutel“ im Reisegepäck auf Durchsicht warten. Deo, Zahnbürste, Magentropfen. Alles schwer verbotene und todbringende Teufelsgegenstände. Glücklicherweise eilt ein Vorgesetzter zu Hilfe, weist den C-Klassen-Ordner in die Schranken und lässt die Touristen passieren. Tutto fumo senz’arrosto!

Am Ende haben gerade einmal 1.181 Menschen (412 an der Tageskasse bezahlt, 769 Dauerkarten!) den Weg in die Spielstätte gefunden. Kommen so wenige Zuschauer, weil es keinen Bus aus der Stadt hierhin gibt? Oder gibt es keinen Bus aus der Stadt, weil so wenige Zuschauer in das Stadion wollen? An dieser Fragestellung dürften die Gelehrten scheitern. Die Heimkurve ist jedenfalls nur spärlich gefüllt, ein Großteil des Publikums macht es sich unter dem Dach der Haupttribüne bequem. Eine rote Camouflagejacke scheint das liebste Erkennungsmerkmal bzw. der liebste Fanartikel der Anhänger des SS Monza zu sein. Alt und jung, groß und klein, Ultrá und Normalo – überall findet sich dieses zeitlos schöne Kleidungsstück wieder. Monza-krass!

Das Spiel beginnt. Es trifft der 6. auf den 13. und in einer Liga mit 19 Mannschaften, in der die ersten 11 Plätze am Ende zum Einzug in die Play.-Off’s in Richtung Serie B berechtigen, kann man mit sehr viel Wohlwollen heute von „Aufstiegskampf“ sprechen. Auf dem Rasen sieht es dann aber recht bald eher nach Krampf aus, was man von Italiens dritter Liga seit dem Ausflug nach Piacenza aber auch nicht großartig anders erwartet hätte. Zu allem Überfluss bleibt die erst kürzlich eröffnete Bar der Haupttribüne heute geschlossen, sodass Fetti nach einer Viertelstunde stocknüchtern die erste grobe Fehlentscheidung des Schiedsrichtergespann notieren muss. Da entscheiden die einfach fälschlicherweise auf Einwurf für Lucchese, es ist ein Skandal! Tief in der eigenen Hälfte wirft also ein Defensivspieler aus Lucca (Toscana) den Ball in das Abwehrzentrum zurück, Baroni nimmt ihn an, schiebt ihn quer – und genau in die Füße des angreifenden Andrea D’Errico, der sich nicht zwei Mal bitten lässt und den Ball über die Linie drückt. In Monza ist man erleichtert, dass D’Errico, der kurz zuvor noch vom gegnerischen Torwart ausgeknockt worden war, bereits wieder über genügend Klarheit verfügte, diesen D’Error zu antizipieren und zum strahlenden Nutznießer zu werden.

In Folge hat Monza den Spiel und den Gegner fest im Griff. In den Reihen der Gäste fällt der vollkommen verunsicherte Baroni immer wieder mit groben Fehlern im Aufbauspiel auf, welche seine Kollegen mit übermäßiger Härte wett machen. Der Herr Schiedsrichter fällt hingegen durch absolute Gleichgültigkeit auf und winkt eine grobe Grätsche nach der anderen ungesühnt durch.

In der Halbzeitpause wird Baroni erlöst und gegen Russu ausgetauscht. Leider kommt es auch zu einem Wechsel auf der Stadion-DJ-Position, anders ist nicht zu erklären, warum nun plötzlich statt angenehmen Rockklassikern à la AC/DC belangloser Popblödsinn über den Äther geschickt wird.

Im zweiten Spielabschnitt bäumt sich Lucchese, angefeuert von 50 weitgereisten Tifosi, auf und stemmt sich gegen die drohende Niederlage. Es darf nicht verschwiegen werden, dass Monza nichtsdestotrotz in der 51. Minute beinahe einen Deckel auf die Partie gesetzt hätte, doch der Abschlussversuch endet am Torpfosten. Im Anschluss gibt Monza das Heft des Handelns allerdings vollends aus der Hand und der Gast kommt zu mehreren guten Gelegenheiten. Längst hätte Lucchese das Remis verdient gehabt, als sich Heimcoach Marco Zaffaroni in der 80. Minute den Unmut des Publikums auf sich zieht, indem er auch noch den zweiten Stürmer austauscht und einen weiteren Abwehrspieler zur Verteidigung des schmalen Vorsprungs auf das Feld bringt und somit die letzte Chance auf etwas Entlastung nach Vorne zusammenstreicht. Immer wieder bricht die eingeschnürte Defensive von Krämpfen geplagt zusammen und so ist es eine große Erlösung, als Schiedsrichter Alberto Santoro die Partie nach 93 Minuten für beendet erklärt.

Nach dem Spiel werden wir noch kurz in Versuchung geführt, der Frauenvolleyballmannschaft „Saugella Monza“ in der „Candy Arena“ im Rahmen eines Serie-A-Spiels gegen Conegliano zuzuschauen, entscheiden uns angesichts der Eintrittspreisgestaltung (14,00 €, das sind ja sechs Pizzen weniger als bei einem drittklassigen Fußballspiel – mal ehrlich, wer soll das bezahlen?) und aufgrund einsetzenden Hungers dagegen. Gegen „Igor Gorgonzola Novara“, die ebenfalls hochklassiges Frauenvolleyball spielen, wäre die Entscheidung sicherlich anders ausgefallen!

Wir kehren kurz darauf im „Ristorante Amadeus“ ein, welches mit künstlerisch wertvollen Nacktbildern attraktiver Damen in Fleischerschürzen in Form von Kettenhemden aufwartet und kurz darauf auch mit hausgemachten Trofie mit Entenragout restlos überzeugt. Im Hintergrund dudelt lieblos irgendein Radiosender und zerstört mit Werbung, belanglosen Nachrichten und Britney Spears das Ambiente. Nachdem das wirklich vorzügliche Essen verspeist ist, ist in Monza dichter Nebel aufgezogen und wir kämpfen uns durch die Schwaden zurück zum Bahnhof.

Die Wegstrecken Monza-Milano und Milano-Bergamo sind altbekannt beziehungsweise alles Aldehyde, wie der Chemiker sagt. Spektakulär wird es nur noch, als sich eine ältere Dame auf dem Bahnhof von Bergamo in Tuch hüllt und zwanglos auf das Gleisbett uriniert. Ja ja, so ist das im ach so hochentwickelten Norditalien. Da kann der Neapolitaner in uns nur müde lächeln und gerade noch mittels Pizzastücken errechnen, wie viel Stunden Schlaf bis zur Montagmorgen-Rückreise zum Arbeitsplatz auf der Uhr verbleiben. In vier Tagen steht ja dann auch schon die Weiterreise nach Südfrankreich auf dem Programm: Ob man da dann wohl mit Baguette operiert? /hvg

27.01.2018 AC Chievo Verona – Juventus FC 0:2 (0:0) / Stadio Marcantonio Bentegodi / 23.700 Zs.

Noch gerade eben habe ich die letzten asiatischen Tapas in der Boxhagener Straße mit dem verrückten Tischfinnen verspeist, der wie im TeBe-Bericht angekündigt der Partie gegen den „Club“ aus Nürnberg (0:1) beiwohnte, schon stehe ich um 4.44 Uhr am S-Bahnhof und begebe mich mit meinem Bruderherz auf den Weg zum Flughafen Schönefeld mit Ziel Bella Italia. Fußball ist eben ein schnelllebiges Geschäft.

Heute ruft FUDU erstmals die mittlerweile legendären „Turnbeuteltours“ aus, da Ryanair seine Handgepäckbestimmungen zu Ungunsten des Fluggastes verändert hat. Die zulässige Größe des Gepäckstücks, das umsonst an Bord befördert wird, ist massiv zusammengeschrumpft worden. Und wer will schon unnötig Zeit am Gepäckband verplempern, wenn man den Zeitpuffer in Bergamo bis zur Weiterreise nach Verona auch für einen Aufenthalt in einem schönen Café nutzen kann?

Durch einen „bedauerlichen Zufall“ hat uns Reiners neue Buchungssoftware zwei Plätze zugeteilt, die sich nicht nebeneinander befinden. Für gerade einmal 1/3 des Gesamtpreises kann man diesen Fauxpas neuerdings nachträglich korrigieren, wenn man auf Reisen beispielsweise so etwas unnötiges mit sich führt wie Kinder – oder es als verkrustetes Paar nicht aushält, 90 Minuten voneinander getrennt zu werden. Mein Bruderherz öffnet jedenfalls das Portemonnaie und sorgt dafür, dass wir das nun einsetzende Spektakel entspannt nebeneinander sitzend beobachten können. Während die Low-Budget-Airline die Veränderung der Handgepäckbestimmungen noch damit erklärt hatte, dass man pünktlichere Abflüge und somit auch Landungen garantieren könne, wenn sich die Menschen schneller auf ihren Plätzen niederlassen und nicht mehr auf die Suche nach Stauraum für ihre furchtbaren Rollkoffer gehen müssen, hat man sich nun mit dieser versteckten Kostenfalle ein neues hausgemachtes Problem an Bord geholt. Nun sind es nämlich diverse italienische Familien und traurig dreinschauende von ihren Männern verlassene Frauen, die wild schnatternd durch den Gang hin- und herlaufen und Sitzplätze miteinander tauschen wollen. An diesen irischen Basar wird man sich wohl oder übel gewöhnen müssen und plötzlich sehnt man sich nach den Zeiten zurück, als man noch wegen Rollkoffern verspätet in Italien landete…

Dennoch wird der Zeitpuffer am Ende groß genug sein, um entspannt in einem Bistro einkehren und frühstücken zu können. Die altbekannte Zugverbindung zwischen Bergamo und Verona ist mit „Birra Moretti“ in der Hand längst zum Blog-Buster geworden und auch der Fußweg vom Bahnhof „Porta Nuova“ zu unserer Unterkunft geht leicht von der Hand. Schade, dass wir bis zum Erreichen unseres Ziels genau zwei Mal zu häufig abbiegen müssen, da sich hinter der Wohnsiedlung mit wunderschönen Einfamilienhäusern und verschlafenen Gässchen plötzlich das Märkische Viertel auftut. In einem dieser Klötze befindet sich unser Apartment, das bedauerlicherweise abermals eher airbnb- denn Hotelformat hat. Muss man sich wohl mit anfreunden, dass man auch via booking immer häufiger an solche Angebote geraten kann und einheimischen Menschen Wohnraum in Mehrfamilienhäusern stiehlt.

Nachdem wir freundlich in Empfang genommen worden sind und unser Gepäck abgestellt haben, nehmen wir uns das vor, was man sich als Tourist in Verona eben so vornimmt. Wir müssen dringend dem Fanshop des AC Chievo Verona einen Besuch abstatten! Erschwert wird dieses Vorhaben dadurch, dass Chievo eine „Frazione“ Veronas ist, was man letztlich in etwa mit „eingemeindete Ortschaft“ übersetzen könnte. Man kann also getrost behaupten, dass Chievo vor den Toren der Stadt liegt und so ist der Spaziergang dann doch knapp viereinhalb Kilometer lang. Gerade die letzten 1-2 Kilometer vor Erreichen des Ziels haben mit pulsierender Großstadt nun rein gar nichts mehr gemein und so säumen Weinreben und ein Staudamm den Weg, den Fetti und Familie passieren muss.

Der Fanshop ist dann in etwa so groß wie eine Zugtoilette und hat schätzungsweise drei Oberbekleidungsstücke und zwei Hosen im Angebot. Mein Bruderherz erfüllt sich den lang gehegten Traum eines Chievo-Trikots und schlägt für 60,00 € zu, auch weil ihm aufgefallen ist, dass er vergessen hat, sich ein T-Shirt für seinen Montagmorgensport vor der Arbeit in Berlin in den Reiseturnbeutel zu packen. Gute Argumentation für einen Einkauf. Nobel geht die Welt zu Grunde.

Bevor wir den Rückweg antreten, lassen wir uns in der nebenan gelegenen Vereinskneipe eine italienische Bierspezialität namens „Warsteiner“ munden. Wir entscheiden uns im Anschluss für ein zweites Bier und dann gegen einen erneuten Fußweg, sodass wir kurz darauf in einem der vielen „Tabacchi“-Läden zwei Busfahrkarten käuflich erworben haben. Mit großem Bedauern stellen wir mit Fahrkarten in den Händen fest, dass wir den 15.40 Uhr Bus knapp verpasst haben und der nächste in exakt zwei Stunden erwartet wird. Porca Miseria, verfluchte Schweinerei, denkt sich Fetti und geht kurzzeitig von einem echten Fehlkauf aus. Glücklicherweise taucht einige hundert Meter weiter eine weitere Bushaltestelle auf, von der aus eine andere Linie bereits um 16.00 Uhr ebenfalls die Innenstadt ansteuern wird und schon ist man wieder im Einklang mit dem öffentlichen Nahverkehr der Großstadt Venetiens.

Einige Fahrminuten später werden wir von Ticketkontrolleuren belästigt und nachdem wir bereits heute Morgen in Bergamo kontrolliert worden waren, stellt sich somit auch dieses Mal der Fahrkartenkauf endgültig als sinnvolle Investition heraus. Zwei Kontrollen innerhalb weniger Stunden? Irgendetwas ist faul im Staate Italia…

… denken wir uns auch, als wir wenig später an der Kasse der italienischen Supermarktkette „PAM“ stehen und man uns den Einkauf diverser Getränke zu untersagen versucht. Aus irgendeinem Grund ist es offenbar nicht möglich, hier an Ort und Stelle alkoholische Getränke zu erwerben. Eine andere Kundin eilt zu Hilfe und zückt ihre „PAM“-Kundenkarte. Die Kasse piepst und einige Flaschen „Peroni“ und „Moretti“ wandern in unseren Besitz. Mille Grazie! Im Nachgang scheitert die Recherche, warum und wann und unter welchen Umständen man eine solche Karte benötigt, weil google bei der Suche nach „Alkohol“ und „Pam“ nur Artikel wie diesen ausspuckt: „Peinlicher Suff-Auftritt von Pamela Anderson: Voll betrunken und voll bekleckert!“  – und an dieser Stelle endet meine journalistische Sorgfaltspflicht.

Kurz geben wir dem Sightseeingdruck nach und drehen eine schnelle Runde durch die Innenstadt, die seit 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Leider hat kein geklebter Fetti unseres letzten Besuches überlebt, da die fleißigen italienischen Reinigungskräfte wirklich jede Laterne entlang der Adige (→ die Etsch) fein säuberlich von sämtlichen Stickern befreit haben. Gegen 18.00 Uhr nehmen wir dann den Hoollegen, der es endlich bis nach Verona geschafft hat, in der Nähe des Bahnhofs mit prall gefüllten „PAM“-Beuteln in Empfang und checken auf ein schnelles Helles im „Hotel“ ein.

Nun steht endlich der Fußball im Fokus unseres Interesses und mit Blick auf das kommunale Stadion Marcantonio Bentegodi lassen wir uns unseren Salsiccia-Stadionsnack munden. Während wir in einer unendlich langen Schlange vor dem schmalen Einlasstor Numero Dodici stehen und die Zeit davonfliegen sehen, lassen wir uns von der Schönheit des Stadions beruhigen. 38.402 Plätze, alte Holzbänke im Unterrang, eröffnet im Jahre 1963, letztmalig vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 saniert. Noch immer prangt das Maskottchen „Ciao“ über den Eingangsbereichen und man darf von großem Glück reden, dass Italien 2016 das Nachsehen hatte und Frankreich die EM austragen musste, sodass das Bentegodi vor einem Umbau oder gar Abriss drumherum kommen konnte.

Das Publikum ist entspannt und beweist norditalienische Disziplin beim Anstehen. Noch 45 Minuten Zeit bis zum Anpfiff. Noch 35. Noch 25. Noch 10. Erst jetzt öffnen die hoffnungslos überforderten Ordner weitere Tore und Drehkreuze und sorgen so dafür, dass mehrere tausend Menschen ohne Leibesvisitationen und den sonst üblichen Ausweiskontrollen in Abgleich mit den personalisierten Tickets das Stadion fluten. Genau mit den Anpfiff haben wir auf irgendeiner Sitzschale Platz genommen, die mit unserem gebuchten Platz vermutlich rein gar nichts zu tun hat. Aber finde mal Deinen Platz in einem Stadion ohne Ordner und jedwede Ausschilderungen.

Im Gegensatz zu unserem letzten Ausflug in das Bentegodi dürfen wir heute jedoch wenigstens sitzen bleiben und von den 23.700 Zuschauern halten es heute mindestens 13.000 mit der alten Dame aus Torino, sodass weitere Entspannung einkehrt. Schiedlich, friedlich sitzen Chievo-Anhänger neben Juve-Familien und eine ähnliche Atmosphäre wie beim Auftritt der Juve bei Sassuolo in Reggio Emilia kann entstehen.

Chievo bleibt eben das kleinere Team in Verona – und das deutlich sympathischere. Seit 1964 steht der AC in engem Zusammenhang mit dem Süßwarenhersteller „Paluani“, dessen Gründer Luigi Campedelli seit eben jenem Jahr auch als Präsident des Clubs tätig war. Unter seiner Ägide gelangen dem Verein aus dem Vorort von Verona diverse Aufstiege bishin zur Serie C. Im Jahre 1992 starb Luigi Campedelli an einem Herzinfarkt. Sein 23-jähriger Sohn Luca übernahm das Zepter und setzte die Erfolgsgeschichte fort. Im Jahre 2001 stieg Chievo erstmals in die Serie A auf und darf sich seitdem damit rühmen, der einzige italienische Fußballverein zu sein, der auf wirklich allen Stufen des Ligasystems gespielt hat.

Wunderbar ist auch der Spitzname der Tifosi des AC Chievo, der aus dieser Zeit rührt. Die „Mussi Volanti“ (→ die fliegenden Esel) verballhornen mit diesem Namen den großen Hellas Verona FC, dessen Fans behauptet hatten, eher würden Esel fliegen als dass Chievo jemals in der ersten Liga spielen würde. In dieser Saison hat sich Chievo im Mittelfeld der Tabelle etabliert, während Hellas dem Abstieg in die Zweitklassigkeit entgegen sieht. Tja, so kann es gehen.

In der Zwischenzeit plätschert das heutige Spiel recht ereignisarm vor sich hin. 37 zähe Minuten sind bereits gespielt. Chievo steht sehr tief und wehrt sich mit limitierten Mitteln, während Juve heute kaum wiederzuerkennen ist und sich recht statisch und uninspiriert präsentiert. Mit wenig Bewegung wird der Ball in quälender Langsamkeit durch die eigenen Reihen geschoben. 72% Ballbesitz wird die offizielle Statistik am Ende für Juve ausweisen, doch Torchancen kommen zunächst keine dabei herum.

In dieser Phase der Partie trägt es sich aber auch zu, dass sich Chievos Mittelfeldspieler Samuel Bastien innerhalb von weniger als zwei Minuten nach einem Foulspiel und einem Textilvergehen (ohne Küche) die gelb-rote Karte abholt.

Im zweiten Spielabschnitt kommt Juventus mit etwas mehr Überzeugung aus den Kabinen und versucht nun auch andere Abschlusssituationen zu generieren, als es ausschließlich mit Distanzschüssen zu versuchen. Mandžukic scheitert in erstmals aussichtsreicher Position, ehe Chievo in der 60. Minute zum ersten und einzigen Konter ansetzt. Nach einer hohen Hereingabe von der linken Seite scheitert Cacciatore per Kopf (einziger Torschuss Chievos der gesamten Partie) und krümmt sich im Anschluss eines leichten Schubsers auf dem Rasen, als wäre der Tod nur noch eine Frage der Zeit. Erst als die Sanitäter das Feld betreten, kann Cacciatore plötzlich wieder gehen und hat nun neue Kräfte freigesetzt, um wild zu gestikulieren und einen Videobeweis einzufordern. Mit unnachahmlicher Theatralik macht er darauf aufmerksam, er sei gehalten, gestoßen und gewürgt worden. Der Schiedsrichter verweigert den Elfmeterpfiff, lehnt eine Nachbetrachtung im TV ab, woraufhin Cacciatore sich mutmaßlich etwas im Vokabular vertut. Die Konsequenz: glatt Rot nach 61 Minuten.

In Folge zieht Juventus mit zwei Mann mehr auf dem Rasen ein zehnminütiges Powerplay auf. Der Riegel Chievos ist dennoch schwer zu knacken, sodass es Sami Khedira in der 67. Minute mit Urgewalt richten muss. Ein Großteil des Stadions springt jubelnd aus dem Sitzen und schüttelt im weiteren Verlauf der Partie immer häufiger die Köpfe. Juve verwaltet das Ergebnis und kann heute wirklich von Glück reden, dass die Hausherren derart undiszipliniert agieren, ansonsten wäre man wohl nicht über ein Remis hinausgekommen. Einzig Douglas Costa ist es, der etwas Geschwindigkeit und Kreativität in die Partie bringt und so findet seine Flanke in der 88. Minute in Gonzalo Higuaín einen dankbaren Abnehmer, der mit dem 13. Torschuss der Partie die endgültige Entscheidung für den heute eher ideenlosen Favoriten herbeiführt.

Wir treten den Rückweg in die Unterkunft an, wo weitere Flaschen aus der „Pam“-Tüte auf uns warten. Im Gegensatz zu der Anderson hat sich Juve heute nicht mit Ru(h)m bekleckert und auch Fetti ist weit entfernt von einem peinlichen Suffauftritt. Morgen früh steht auch schon die Weiterreise nach Monza auf dem Programm. Fußball bleibt eben ein schnelllebiges Geschäft! /hvg