264 264 FUDUTOURS International 25.06.19 07:40:50

27.04.2018 Sportverein Viktoria Aschaffenburg – SC Eltersdorf 3:0 (1:0) / Stadion am Schönbusch / 2.434 Zs.

Noch nicht all zu viele Stunden sind ins Land gegangen, seit sich unser Bengel mit dem langen Schwengel abschätzig über einige freche Tschechen äußerte, die schon am frühen Morgen dem Alkohol verfallen waren. Wie dünn dieses Eis war, stellt sich bereits am Folgetag heraus, als die Schaufensterkrankheit in Wels erbarmungslos zuschlägt. Wie gelähmt erstarrt der Hoollege vor dem Bierregal und sabbert sich in die Barten. Der Kopf ist flachgedrückt, das Maul breit (Quelle: Wikipedia) und die Weiterfahrt nach Aschaffenburg wird angesichts der „25% auf Bier“ kurzzeitig in Frage gestellt.

Es ist 8:09 Uhr in Oberösterreich. In Berlin verbleiben noch 90 Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges. Dank einer eingelösten Freifahrt hatte der rumänische Kassenwart die Anreise nach Darmstadt mit Aufenthalt in Aschaffenburg bedenkenlos durchgewunken und glücklicherweise hat die Deutsche Bahn in der Zwischenzeit eine kleine Baustelle inmitten meiner Reiseroute platziert. So komme ich in den Genuss des heiß und innig geliebten „Zugbindung aufgehoben“-Stempels und kann meine Anreise dank der freien Zugauswahl mit der des Hoollegen synchronisieren.

In Aschaffenburg werden wir am Abend Gäste eines „Rekordspiels“ sein. Über 1000 Karten hat die gastgebende Viktoria bereits im Vorfeld der Partie abgesetzt. Neben des Aufstellens eines neuen Zuschauerrekords der beiden Bayernligen soll heute auch ein vorentscheidender Schritt in Richtung Meisterschaft und Aufstieg in die Regionalliga gegangen werden. Den bisherigen Rekord hält übrigens der DJK Vilzing mit 1.850 Zuschauern, was Vorstandssprecher Stenger dazu animiert, in eine Wette mit Bürgermeister Herzing einzutreten. Kommen weniger als 2.018 Zuschauer, muss Bürgermeister Herzing einen Tag lang im Trikot der Aschaffenburger arbeiten, kommen mehr als 1.901 Zuschauer, erhalten alle Fans eine „Überraschung“. Fetti wedelt aufgeregt mit dem Ringelschwanz: Freunde, hier riecht’s nach Freibier!

Vorher gilt es jedoch noch die Fahrkartenkontrolle der mürrischen Zugbegleiterin zu überstehen. Die Funktion des Stempels kennt sie nicht, sodass ich Rechenschaft darüber ablegen muss, warum ich mit meiner Freifahrt im falschen Zug sitzen würde. Beim Augenrollen aufgrund ihrer Inkompetenz fällt mein Blick auf ihr Namensschild am Revers. Ich habe es also mit „Frau Doktor“ zu tun. Ob sie in ihrem Leben wohl schon einmal schlechte Scherze über sich ergehen lassen musste?

Nach hartem Kampf mit mir selbst habe ich es geschafft, die gute Frau passieren zu lassen, ohne mich für die Behandlung zu bedanken. In Nürnberg nehme ich den Hoollegen in Empfang. Da dieser ein echter Kumpel ist, führt er einen gut gefüllten Sechsterträger mit österreichischen Bierspezialitäten mit sich, die er paritätisch teilt. Wels eine Freude! Auch in Aschaffenburg reißt meine Glückssträhne nicht ab und nur wenige Sekunden nachdem das Reisegepäck verschlossen worden ist, finde ich in einem Nachbarschließfach einen Euro in bar. Der Plan, alles hinzuschmeißen und eine Karriere als Obdachloser zu starten, wird als nicht wasserdicht genug verworfen und schon zieht es FUDU zwecks Sightseeing in die unterfränkische Stadt, die sich im Volksmund „Aschebersch“ schimpft.

70.000 Einwohner, Fachwerkhäuser, Altstadtgässchen, Kirchtürme. Etwas irritierend ist der Hamburger Fischmarkt, der rund um das Schloss Johannisburg aufgebaut und durch die Bürger und Bürgerinnen Ascheberschs abnorm gut besucht ist. Uns spielt jedoch genau das in die Karten, da die wesentlich attraktivere Schlossanlage sowie die Uferpromenade entlang des Mains somit beinahe menschenleer sind und zum Verweilen einladen.

Kurz darauf packt uns jedoch der Bierdurst samt Mittagshunger. Nachdem uns die „Brauerei Schlappeseppel“ auf’s Übelste dadurch enttäuscht, entgegen ihrer eigentlichen Bestimmung lediglich „Faust“ auszuschenken, finden wir im benachbarten „Biersepp“ einen schönen Sitzplatz in der Sonne. Hier gibt es das lokale „Schlappeseppel“ in mehreren Varianten vom Fass und kurz darauf machen sich die beiden schlappen FUDU-Seppel über Pils und Kellerbier her. Hmm, das geht runter wie ein dickes Kind auf der Wippe! Und endlich hat also auch der hühnerbrüstige Teil FUDUs seinen Biersponsor gefunden…

Beim „Biersepp“ habe sie u.a. „Käs und Oliv“ auf der Kart und während ich den einen oder anderen Buchstaben schmerzlich vermisse, klärt uns der Wirt auf Nachfrage auch schon über die Provinzposse in der Nachbarschaft auf. Die „Faust“-Brauerei aus dem unterfränkischen Miltenberg erobert mit Dumpingpreisen den Aschaffenburger Markt. Leider bestimmt in der „Brauerei Schlappeseppel“ nicht der Wirt darüber, welches Bier er ausschenkt, sondern der Vermieter. Die Besucherzahlen des benachbarten Lokals sprechen Bände, was die Aschaffenburger von dieser Praxis halten. Während unsere Terrasse bis auf den letzten Platz besetzt ist, herrscht nebenan gähnende Leere.

Gut gesättigt nehmen wir im Anschluss den Schlossherren in Empfang und klappern die Sehenswürdigkeiten erneut ab, ehe wir uns fußläufig in Richtung des Stadions am Schönbusch begeben. In der waldigen Umgebung des Stadions belästigt mich kurz die Arbeit und erinnert daran, sich bitte an einem Brainstorming zu beteiligen. Gesucht wird ein Slogan für eine Luftballonaktion anlässlich eines Nachbarschaftsfests im Juni. Die Kreativköpfe FUDUs nehmen sich der Sache an und keine zehn Minuten später sind zwei Favoriten auserkoren: „Buch – zwischen Plattenbauten passt nur Engstirnigkeit“ und „Buch? Da buch‘ ich lieber Urlaub!“ werden demnächst Erfolg versprechend in den Wettbewerb geschickt.

Das Lachen bleibt uns kurz darauf im Halse stecken, als wir nach Zahlung des Eintrittsgeldes dazu gedrängt werden, blaue Plastiktröten an uns zu nehmen. DAS also soll die groß angekündigte Überraschung sein? Trotz mehrmaliger Verneinung jedweden Interesses an dem Geschenk unsererseits gibt ein Helfer des SPVA alles und rennt uns mit den nervtötenden Stimmungselementen so lange hinterher, bis wir uns erbarmen, ihm diese abzunehmen und wenige Meter weiter fachgerecht in einem Mülleimer zu entsorgen. Gegen Freibier hätten wir uns nicht so lange gewehrt, ihr Amateure.

Im recht weitläufigen Stadionareal entsteht bei bestem Sonnenschein schnell eine angenehme Biergarten-Atmosphäre. Der Hoollege, seinerseits ausgewiesener Musikfachmann, entscheidet sich für den Einkauf einer Schallplatte für 2,00 €. Stolz berichtet der Verkäufer, dass diese erst vor wenigen Tagen beim Aufräumen in einem Keller gefunden worden wäre und nur noch 200 Exemplare hiervon existieren würden. „We are blue, we are white, we are Schönbusch Dynamite!“

Das wunderbare Stadion, bestehend aus zwei freistehenden Tribünen hinter dem einen Tor, einer sandigen Stehplatz-Gegengeraden, weiteren Stehplätzen hinter dem anderen Tor, einer zeitlos schönen LED-Lichtpunkt-Anzeigetafel im Stile des „Bundesliga Manager Hattrick“ an der Eckfahne und einer langweiligen Stahlrohrtribüne, die offenbar irgendwann einmal aus Kostengründen eine echte Haupttribüne ersetzen musste, füllt sich zusehends.

Damit die Vorfreude auf das Spiel nicht überzogen groß wird, fordert der Stadionsprecher die Zuschauer dazu auf, die vermaledeiten blauen Tröten zu nutzen und erinnert an die WM 2010. Ja, ich erinnere mich auch. War damals schon scheiße. Noch schlimmer wird es kurz vor Anpfiff, als der Stadionsprecher zur einmütigen „Klatschchallenge“ mit dem TV Großwallstadt bittet und im Anschluss an das halbherzig durchgeführte Applaudiere die Rhein Neckar Löwen und das Helene-Fischer-Publikum in Mannheim nominiert, selbigen Unsinn zu tun.

Von all den Qualen und Grausamkeiten erlöst uns dann ein anhaltend gutes Musikstück der Kinks, welches hier als gelungene akustische Untermalung des Einlaufs der Heimmannschaft dient. Als Schiedsrichter Grimmeisen die Partie freigibt und es endlich um das Wesentliche geht, sind wir schnell mit allem versöhnt. Es gibt einfach nichts schöneres, als unseren geliebten Sport bei Sonnenschein in einem richtigen Fußballstadion mit Bier in der Hand stehend zu bewundern.

Nach sieben Minuten geht Aschaffenburg durch Daniele Toch aus stark abseitsverdächtiger Position mit 1:0 in Führung. Die 2.434 Zuschauer (Rekord eingestellt!) sind vollends aus dem Häuschen und pushen ihre Viktoria zu weiteren guten Gelegenheiten. Nach 13 Minuten verfehlt Top-Torschütze Schnitzer (30 Saisontore in 30 Einsätzen) sein Ziel nur knapp, vier Minuten später rettet Eltersdorf-Keeper Akbakla dank eines blitzartigen Reflexes in höchster Not und spätestens nach 33 Minuten hätte Viktoria nach einer Doppelchance höher in Führung liegen müssen.

Das regelrecht überrannte Eltersdorf versucht sich mit Mühe und Not in die Halbzeitpause zu schleppen, scheitert aber auch mit diesem Unterfangen. Daniele Toch schraubt das Ergebnis in der 41. Minute hochverdient in die Höhe. Die Gäste werden nur einmal auffällig, als es ihnen mit dem einzigen Torabschluss des ersten Spielabschnitts gelingt, den Ball über das Hintertortribünendach zu jagen.

Die Halbzeitpause nutzt Gästetrainer Bernd Eigner (FC St. Pauli, Arminia Bielefeld, Hannover, Braunschweig, Paderborn) dazu, seine Mannen neu zu sortieren. In Folge wird der SCE offensiver und mutiger agieren, jedoch ohne zu nennenswerten Abschlüssen zu kommen. Die Heimelf von Trainer Jochen Seitz (Unterhaching, VfB Stuttgart, Schalke, Kaiserslautern, Hoffenheim) verliert dennoch ihre Linie und braucht gut 30 Minuten, ehe sie wieder alles fest im Griff hat. Eine eher maue zweite Hälfte trudelt so vor sich hin, während die untergehende Sonne für angenehme Lichtspiele und schöne Fotomotive sorgt. Aufgrund des fehlenden Flutlichts finden die letzten 15 Minuten der Partie im Halbdunkel statt, was Aydin nicht daran hindert, den einzigen klaren Angriff Viktorias der zweiten 45 Minuten zum 3:0 abzuschließen. Torjäger Schnitzer zeigt sich von den Lichtverhältnissen deutlich verunsicherter und verpasst es, per 11 Meter in der Nachspielzeit auf 4:0 zu erhöhen.

Nach Abpfiff leert sich das Stadion recht zügig. Obwohl der Aufstieg in die Regionalliga Bayern so gut wie sicher ist, ist heute wenig Euphorie zu spüren. Die Spieler feiern dann auch eher mit ihren Frauen auf der Haupttribüne als mit ihren Fans auf der Geraden, während einige übermotivierte Kinder die letzten Töne aus den blauen Tröten quetschen.

FUDU zieht es vor der Weiterfahrt noch schnell in die „Stadtschänke“, die gar nicht bayrisch uriger aussehen könnte. Nur die asiatischen Kellnerinnen in Trachtenkleidung sowie der chinesische Bierzapfer dürften dann doch eher als atypisch für eine solche Lokalität bezeichnet werden. Ein Gast kann diese Verwirrung nicht aushalten und erfragt, wie die Familie in den Besitz dieser traditionellen deutschen Gaststätte gelangt sei. Die Antwort könnte aus einem „Tatortreiniger“-Drehbuch stammen: „Altel Besitzel tot – wil jetzt hiel!“. Wunderbare Realsatire. Wir kommen wieder. Spätestens, wenn es hier 25% auf Bier gibt… /hvg

25.04.2018 1.SC Znojmo FK – FK Fotbal Třinec 0:2 (0:2) / Městský stadion v Horním parku / 380 Zs.

Leicht lädiert geht es am Mittwoch weiter in Richtung Südmähren. Für umgerechnet sehr faire 7 € – natürlich gebucht über die tschechische Bahn – heißt mein Ziel Znojmo. Billig heißt zwangsläufig leider auch immer früh und mit Umstieg. So verlässt der EC 104 nach Gdynia um 8:10 Uhr mit mir an Bord den Wiener Hauptbahnhof und bereits 54 Minuten später steige ich in Břeclav auch schon wieder aus.

Diese Stadt ist dem Wiener nicht unbekannt, immerhin steht hier die Ziegelei, welche die Ziegel für den Stephansdom lieferte. Meine Umstiegszeit von einer halben Stunde nutze ich, um die nähere Umgebung des Bahnhofs zu erkunden. Neben dem Denkmal zur Befreiung Břeclavs von den Nationalsozialisten, dem Postamt, einem Kreisverkehr und einer Kapelle (Anmerkung der Redaktion: Man, wovon diese Stadt alles befreit werden musste…), gibt es noch die Bahnhofspinte „Lokálka“ zu begutachten. Zwei freche Tschechen sitzen auch schon in der Morgensonne und genießen frischgezapftes „Starobrno“. Zum Glück bin ich dann doch nicht der Alkoholiker, für den mich alle halten – oder den ich gern gebe – denn ich verzichte auf ein Pivo und suche lieber mein Gleis.

Dies ist auch gut so, denn der Zug fährt früher los als geplant und auch nur bis Valtice und ab da geht es per Bus weiter. Ich bin zum ersten Mal in der Region Südmähren und damit erstmalig in der wichtigsten Weinanbauregion des Landes. Hier dominiert definitiv der Rebstock, die Hopfendolde hat hier nichts zu melden. Sei es im Landschaftsbild (Weinberge) oder auch im Bezug auf die „Restaurace“, welche vor den Läden lieber mit Schildern auf die üppige Weinauswahl hinweisen als auf Bier. Von der Seite her gar nicht mal schlecht mit dem Bus übers Land zu fahren, hätte man sonst wohl so nicht mitbekommen. Ab Novosedly geht es dann per Ferkeltaxe wieder auf die Schiene für die letzten Kilometer Richtung Znojmo.

Auch in Znojmo lässt man mich wieder deutlich früher ins Zimmer. Als erstes checke ich natürlich die Musiksenderauswahl. „Ockro Gold“ gibt es, passt. Aber bis auf „Downtown“ von Macklemore & Ryan Lewis kommt nicht viel brauchbares, daher entscheide ich mich für die Einkehr in das Hotelrestaurant. Nach Forelle, Kartoffelsalat und zwei „Bernard“ Piva laufe ich in die Stadt. Nachdem FUDU-Tours in Jihlava schon in der Stadt war, in der sich die zweitlängsten unterirdischsten Labyrinthe befinden und da wir uns bekanntermaßen nicht mit der Nummer Zwei zufrieden geben, bin ich heute in der Stadt mit den längsten unterirdischen Gängen (~ 27 Kilometer lang, auf vier Ebenen), welche witzigerweise mit Unterstützung von Bergleuten aus Jihlava entstanden. Aber auch über der Erde hat die Stadt einiges zu bieten und da das Wetter, wie gestern in Wien, mit frühlingshafter Kurzer-Hosen-Wärme überzeugt, bleibe ich lieber in der Sonne. Der erste Weg vom Hotel weg führt mich durch den Stadtpark. Eine lange Baumallee führt durch den Park, über diesen Weg erreicht man in schöner Umgebung aus der Unterstadt die Oberstadt, die ab dem Komenský-Platz beginnt. In der Mitte steht ein Obelisk zu Ehren von Karl von Kopal (Offizier, Teilnehmer an der Völkerschlacht, ging in Znojmo zur Schule) mit der Siegesgöttin Nike auf der Spitze. Allerdings ist viel wichtiger, dass hinter dem ansehnlichen Eckhaus am Platz, ein Flutlichtmast in den Himmel ragt.

Hinter dem Platz befindet sich das „Městský stadion v Horním parku“ (sinngemäß auf Deutsch: Städtisches Stadion im oberen Park), dieses ist unverschlossen und so verschaffe ich mir bereits drei Stunden vor Anpfiff einen Überblick. Das Stadion verfügt über eine überdachte Hauptribüne, eine unüberdachte Hintertor-Kurve, die bis zur Mittellinie reicht und einen gut gesicherten Gästekäfig auf der Gegengerade, man weiß ja schließlich nie wann die notorische Fahrstuhlmannschaft Banik Ostrava mal wieder mit allen Mann vorbeischaut. Das Stadion wurde vor 60 Jahren eröffnet und 2014 komplett saniert. Sanierungsgrund war, dass die Mannschaft 2013/14 erstmals in der ihrer Geschichte erstklassig spielte, aber das Stadion nicht den Anforderungen der Gambrinius Liga genügte. Daher musste der 1.SC Znojmo seine Heimspiele im Srbská-Stadion in Brno und in Jihlava austragen. Das Stadion war am Ende der Saison erstklassig, die Mannschaft nicht, drei Punkte fehlten zum Klassenerhalt und so stieg man wieder in die FNL ab, in welcher man seitdem zweitklassig spielt. Die Besonderheit in diesem Stadion sind die Flutlichtmasten, welche sich seitlich abklappen lassen, ähnlich wie im Karl-Liebknecht Stadion in Babelsberg und vielleicht aus demselben Grund. In Brandenburgs Landeshauptstadt gehört der Park Babelsberg zum UNESCO-Weltkulturerbe und die Flutlichtmasten stören die Sichtachse vom Flatowturm auf den Park und die Stadt. Sehe ich natürlich komplett anders. Flutlicht? Ein „Mast have“! Der unvermeidliche Unionbezug zum 1.SC Znojmo ist übrigens Jiří Balcárek, welcher fünf Jahre Spieler bei Union und bis 31.1.18 für ein halbes Jahr Trainer in Znojmo war.

Ich laufe durch den restlichen Park dann noch in nördlicher Richtung und durch das Stadtzentrum. Wirklich ansehnlich, alte Stadtbefestigungen, diverse Kirchen und Klöster, Renaissancebauten, sozialistische Bauten wie das „Obchodní dům DYJE“, die für tschechische Städte typische Pestsäule, der Rathausturm und das alles ohne irgendwelche Touristenhorden. Eine scheinbar völlig und zu Unrecht unterschätze Stadt, aber mir soll es recht sein, nur vereinzelt sieht man den einen oder anderen Fahrradtouristen in zu engen Radlerhosen.

Danach kehre ich zum Stadion zurück und erhalte für 70 Kč eine hübsche Eintrittskarte. Am Versorgungsstand wird meine mit sehr viel Liebe auf Tschechisch vorgetragene Bestellung auf Deutsch abgewürgt und beantwortet. Als Dank gibt es eine sehr tote, aber trotzdem schmackhafte Klobasa und ein „Hostan“ Pivo. Dieses Bier wurde bis 2009 in Znojmo in den Stallungen der Vorburg auf dem Gelände der Přemyslidenburg gebraut. Die Produktion wurde nach Brno verlegt, weil der Weg zur Brauerei durch die enge (mittelalterliche) Altstadt unzumutbar für die Bierkutscher und Zulieferer wurde. Schmecken tut es trotzdem und ich suche mir einen schönen Platz zum obenrum blank ziehen in der Sonne.

Vier Fans haben den dreistündigen Weg aus Třinec nach Znojmo auf sich genommen. Die Mannschaft wiederum legte die Strecke mit dem Bus ihres örtlichen Eishockeyteams, dem HC Oceláři Třinec, zurück. Den Gästefans stehen auch nur sechs mehr oder weniger aktive Fans der Heimmannschaft gegenüber, beziehungsweise stehen sie eher nebenan. Ansonsten ist hier auch nicht so viel los, nur 380 Zuschauer befinden sich im Stadion und eigentlich fällt mir nur ein rothaariger Tschechenbengel mit Dynamo Dresden Klamotte negativ auf, allerdings irgendwie passend zum ehemaligen Polizei- und Armeeclub aus Znojmo. Den Anstoß begleiten die Gästefans mit einem Trommelwirbel und Schlachtrufen und auch sonst kann man ihnen eine gute Mitmachquote attestieren, meist liegt sie zwischen 75% – dann ist einer Bier holen – und 100%, wenn alle am Start sind.

Die Heimmannschaft beginnt gut und hat in Person von Jakub Teplý die erste Chance, allerdings zeigt der Třinec-Keeper einen starken Reflex. Kurz danach schießt Javůrek neben das Tor und etwas später trifft er den Pfosten. Třinec lässt sich die Heimmannschaft 20 Minuten lang austoben, ehe Samiec den Stürmer Lukáš Buchvaldek auf die Reise schickt, dieser seine Hüfte gegen den Verteidiger gut einsetzt und dann den Ball zum 1:0 versenkt. Der Gast hat jetzt alles im Griff und durch Vaněk aus guter Freistoßposition die Chance zu erhöhen, allerdings über das Tor. Besser macht es mal wieder Buchvaldek, diesmal allerdings als Vorbereiter für den Slowaken Ilko. Dieser erhöht mit einem strammen Schuss auf 2:0, wobei der Ball dem Torhüter irgendwie komisch durchrutscht. Die zwei-Tore-Führung nach einer halben Stunde ist kaum gefährdet bis zum Halbzeitpfiff, nur eine Halbchance bekommen die Hausherren noch kreiert.

Neben dem obligatorischen Weg zum Bierstand, verbringe ich die Halbzeitpause damit, die letzten Sonnenstrahlen zu erhaschen und ein wenig zu dösen, während die Sonne nach und nach leider durch die angrenzende Sporthalle verdeckt wird.

Třinec hingegen ist auch in der zweiten Halbzeit wacher, weiß was es kann und spielt schnörkellos weiter und hat auch relativ fix die Chance zum 3:0. Der Schuss wird noch von der Linie gekratzt, vorher hatte Juřena den Keeper schon umkurvt. Viel mehr als nötig machen die Gäste offensiv dann aber auch nicht, stehen hinten recht sicher und so hat Znojmo auch nur noch eine Chance, besser gesagt eine Doppelchance, bestehend aus Lattentreffer und anschließendem Seitfallzieher. Die Heimfans nehmen es eher gelassen, viel erwartet man hier scheinbar nicht von der Heimelf. Selbst die beiden Typen vor mir im MANOWAR „Warriors of the world united“- und im ITACS (Israeli Tactical And Combat System) Shirt bleiben eher relaxt. Nach der verhinderten Vorentscheidung, Masař scheitert an Znojmos Keeper Koukala, schwächt sich die Heimmannschaft selbst, als Teplý nach einer Tätlichkeit mit Rot vom Platz fliegt und keine weiteren Chancen dazukommen. Das war es dann auch, die Gastmannschaft macht noch ’ne Welle vor ihren Fans und ich verlasse das Stadion.

Nach dem Spiel laufe ich zur Přemyslidenburg, auf dessen Gelände sich die frühmittelalterliche Rotunde St. Katharina befindet. Diese ist für ihre romanischen Fresken berühmt und somit eines der wertvollsten Denkmäler der Stadt. Zuerst erreiche ich die Vorburg mit der ehemaligen „Hostan“ Brauerei und siehe da, es wird wieder fleißig auf dem Brauereigelände geb(r)aut. Denn die „Znojemský městský pivovar“ (Stadbrauerei Znojmo) hat die Gebäude übernommen und stellt dort vier verschiedene Biere her. Allerdings wird auf dem Brauereigelände noch recht viel gebaut und man kommt nicht wirklich nah ran. Aber dafür gibt es auf dem Burgareal noch das „teraZa u Rotundy“, ein Bistro mit einer großen Terrasse.

Von dort hat man einen wunderschönen Blick auf die Stadt, den Fluss Dyje und das Znojemský Viadukt, über welches ich mich morgen mit dem Zug wieder in Richtung Österreich und dann weiter nach Aschaffenburg bewegen werde. Vorher aber soll genügend Zeit bleiben, um das örtliche Pivo und den Sonnenuntergang zu genießen… /hool

24.04.2018 SC Wiener Neustadt – Austria Lustenau 2:2 (1:1) / Wiener Neustädter Stadion / 750 Zs.

„Es is zum Krenreibn“, denke ich mir, als endgültig feststeht, dass niemand mit mir das Vorspiel – oder besser gesagt die „Vorspiele“ – vor dem Auswärtsspiel in Darmstadt besucht. So muss ich Wien und Znojmo als Solonummer bestreiten. Hoolger werde ich erst am Freitag in Aschaffenburg treffen, er braucht die Tage davor um den Fortbestand seiner Präventionsgruppe zu sichern. Da ich in meiner Urlaubsplanung für 2018 nicht beachtet habe, dass es bei Nadjuschka Veranstaltungen gibt, die nur in den geraden Jahren stattfinden, muss sie leider ebenso passen. Mein Vater, frisch pensioniert, bricht sich nach dem Spiel VSG Altglienicke – Chemie Leipzig den Fuß. Auf der Suche nach dem richtigen Abfahrtsgleis während der Umbaumaßnahmen am U-Bahnhof Alexanderplatz war er umgeknickt. Eine weitere Hiobsbotschaft: das FAC Team für Wien hat sein Spiel schon am gestrigen Montag gegen Ried (2:4) ausgetragen und so bleibt als relevantes Spiel nur noch Wiener Neustadt gegen die Austria aus Lustenau übrig. Als Alleinreisender kommt also eine unattraktive Spieloption hinzu und das in der optionsreichen Stadt Wien und seinem Umland. Gut, das FAC Team und das dazugehörige Stadion sind auch keine Wonne, aber der Club hat wenigstens einen geilen Namen und das Stadion liegt in Wien.

Diese Wiener Neustadt führt auch zu einem mittelschweren Skandal am Infoschalter des ÖPNV am Flughafen Wien-Schwechat, denn auf die Frage, ob ich in die ominöse Neustadt mit einer Tageskarte der Wiener Linien fahren kann, gibt sie mir nur die angewiderte Antwort: „Dies ist schon Niederösterreich!“. Ich hebe nur entschuldigend die Arme, denke „FAC you“, zahle den Mehrbetrag und setze mich in den Zug in Richtung meines Hotels in der Nähe des Wiener Hauptbahnhofs. Dort werde ich weitaus freundlicher empfangen und kann schon deutlich vor der Eincheckzeit in mein Zimmer.

Da im Rahmen des Union Sommertrainingslagers 2014 in Wien zu tropischer Hitze die typischen Touri-Ziele abgeklappert wurden, kann ich mich am heutigen Tag auf das Wesentliche konzentrieren. Da erst um 18:30 Uhr im gar nicht mal so attraktiven Stadion Wiener Neustadt der Anpfiff ertönt, möchte ich vorher noch die Naturarena Hohe Warte (First Vienna FC) und den Wiener Sport-Club Platz besichtigen (oder neu„deutsch“: spotten).

Die Naturarena liegt in Döbling (19. Bezirk) und um dorthin zu gelangen, laufe ich durch den Karl-Marx-Hof. Diese Wohnanlage wurde 1930 fertiggestellt und galt damals als Antwort auf die fehlenden, oder zumindest sehr kleinen und schlecht ausgestatteten Arbeiterwohnungen. So verfügten die Wohnungen der Höfe über Wasserentnahmestellen und WCs, was sonst nicht üblich war zu dieser Zeit. Die Siedlung gilt mit 1100 Metern als das längste zusammenhängende Wohngebäude der Welt. Nachdem FUDU in Sheffield die Siedlung „Park Hill“, welche heute als der größte denkmalgeschützte Gebäudekomplex Europas gilt, von außen gespottet hat, kann Fetti heute also ein weiteres Kreuz hinter architektonische Superlative machen.

Das Stadion liegt, wie der Name schon sagt, auf der Hohen Warte (Höhe rund 220 Meter), dies heißt für mich, dass es erst einmal bergauf geht. Die Temperatur ist für den April, den ich sonst so kenne, recht warm und so komme ich ins Schwitzen. Zusätzlich ist ein Blick von oben eher unspektakulär, weil begrünte Bäume und Sträucher einen Einblick von oben verhindern. Da es aber am Ende des Rundwanderwegs natürlich auch wieder nach unten geht und die Tore der Arena, dank stattfindender Bauarbeiten am Stadiondach, offen stehen, kann ich noch einen Blick ins Innere werfen. Noch nie hat Stahlrohr majestätischer gewirkt, wie auf der Böschung der Naturtribüne, dazu eine etwas brüchig wirkende Haupttribüne, schöne freistehende Flutlichtmasten, viel Grün und im Hintergrund der Radarturm. Da glüht die SD-Karte und ich überlege, ob FUDU-Tours eine Bildagentur eröffnen sollte und auch eine Idee für den Namen kann ich anbieten: Wie wär’s mit fettyimages?

Danach heißt es kurz mal für Gemüsesuppe, Original Wiener Chili con Carne und zwei Gösser ins Bistro einkehren, bevor ich die Bahn in Richtung des 17. Bezirks besteige.

Am S-Bhf Hernals schnell orientiert und nach kurzem Weg entlang der Hauptstraße sieht man hinter den wunderschönen Altbauten schon einen Flutlichtmast des Wiener Sport-Club Platz. Kurz darauf habe ich den „SPAR-Markt“ erreicht, der sich im Vorderhaus des Stadions befindet und so in die Hintertortribüne integriert ist. Das Eingangstor steht offen und schon stehe ich auf der Stehplatz-Gegengrade. Ja, dieses Stadion ist so schön wie in Günters Geschichten! Vier mit Patina überzogene Tribünen in verschiedener Größe und Bauart, architektonisch echt chaotisch, aber genauso schön. Ich hinterlasse noch einen Fetti auf einem Wellenbrecher auf der Friedhofstribüne, besuche noch die Keramikabteilung, vor der sich kein Stadionklo in Tschechien verstecken muss und nur kurz darauf sitze ich bereits in der Bahn Richtung Florisdorf. Von dort geht es weiter mit dem Regio in Richtung Wiener Neustadt.

Auf dem Weg hätte ich wetten können, gemessen an dem Stadionerlebnis, dass es der Wiener Sport-Club ist, der Pleite ist. Aber tatsächlich ist es die First Vienna. Dem deutschen Pokalsieger von 1943 geht es aktuell nicht gut, so wurde er in der laufenden Saison von der drittklassigen Regionalliga Ost in die fünftklassige 2. Landesliga versetzt und übernimmt dort den Platz der zweiten Mannschaft. Grund ist der Tod des Investors Martin Kristek und die damit einhergehende Insolvenz.
Eine Stunde vor Anpfiff komme ich an, passiere auf dem halbstündigen Weg zum Stadion touristische Highlights wie den Reckturm, die Erlöserkirche, die Mariensäule und den Liebfrauendom. Wirklich hübsch, hätte ich so von einer Neustadt in Niederösterreich nicht erwartet.

Am Stadion angekommen folgt die erste Enttäuschung, die Spielstätte heißt nicht mehr „Teddybären- und Plüsch Stadion“, sondern wird jetzt von einer steierischen Brauerei gesponsert. Die augenblickliche Recherche ergibt, dass das Stadion seit der Rückrunde an jedem Spieltag einen anderen Sponsorennamen trägt, bisher unter anderem „Scherz-Kogelbauer TZ-Baumanagement-Arena“, „#wirsindanders-Arena“ und „The Power Company-Stadion“.

Das Stadion kann natürlich nicht mit dem bereits am heutigen Tage Gesehenem mithalten. So gibt es eine überdachte Haupttribüne, gegenüberliegend eine Gegengrade mit unüberdachten Steh- und Sitzplätzen, die heute aber geschlossen ist und, wenn es denn welche gibt, den Gästen vorbehalten ist. Sichtbar dahinter befinden sich ein Einkaufszentrum und ein Parkhaus. Hinter dem einen Tor gibt es einen Graswall und hinter dem anderen einen Grünstreifen und etwas zurückgesetzt der Umkleidetrakt und den Imbiss. Das Stadion ist nicht bundesligatauglich und so müsste der Klub bei einem Aufstieg in die Landeshauptstadt nach St. Pölten umziehen. Daher soll bis Frühjahr 2019 ein bundesligataugliches Stadion an anderer Stelle errichtet werden. Finanziert werden soll es durch den Verkauf des Areals des aktuellen Stadions, hier sollen 400 Wohnungen entstehen.

Der erste Weg geht natürlich zum Bierstand, wobei sich der Zapfer präventiv für’s steirische Bier entschuldigt, haben halt keine städtische Brauerei. Das sehe ich als „Deitscha“ entspannt, die Hauptsache ist, dass ich kein Bier aus der Heimat im Ausland trinken muss, so wie es in Italien durchaus gängig ist, ich erinnere mich mit Grauen an „Lübzer“ in Monza und „Hacker-Pschorr“ in Modena.

Auf dem Grünstreifen, strategisch günstig in der Nähe des Zapfers, haben sich die drei Gästefans aus Vorarlberg positioniert. Zusätzlich in deren Nähe zwei SKBs, die verzweifelt nach ihrer Berechtigung suchen. Etwas dahinter, am Sockel einer Statue, stehen die örtlichen Grantler älteren Semesters. Die restlichen Zuschauer und einige Tauben befinden sich mit mir auf der Haupttribüne.

Die Haupttribüne trägt den Namen KR (Kommerzialrat) Friedrich Schmid-Tribüne, dieser ist Gründer der Firma BAUMIT (Grüße nach Jablonec nad Nisou!), welche auch der aktuelle Brustsponsor ist. Bei den Gästen hatte der (Viertelfinal-)Pokalheld und Ex-Unioner Daniel Ernemann bis 2017 einige Jahre zu tun (Spieler, Spielertrainer, Trainer) und aktuell ist der ehemalige Deutschland-Legionär Gernot Plassenegger Trainer. Dieser hat scheinbar die Mannschaft gut eingestellt, denn kaum habe ich meinen Platz eingenommen und einen Schluck getrunken, steht es schon 1:0 für die Austria aus Lustenau. Torschütze ist in der zweiten Minute Jodel Dossou (Jahödeldidü!). Danach wird die Heimmannschaft stärker, ohne erst einmal groß gefährlich zu werden. Gerade der Torjäger der Wiener Neustadt, Hamdi Salihi, hat einige gute Szenen und so ist er es, der nach einem geblockten Schuss an der Strafraumgrenze den Ball ins Eck schlenzt. Dies ist sein 18. Saisontreffer, damit ist er aktuell allerdings nur Zweiter im Kampf um die Torjägerkanone, denn sein Konkurrent Chappi (SV Ried) traf gestern dreimal und steht bei 20 Treffern. Kurzzeitig ist dadurch mal kurz Stimmung in der Bude, ansonsten steht am anderen Ende der Tribüne eine Handvoll Anhänger, die mich mit den übliche Melodien und Texten à la „…unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz…“ und „ ….schießt ein Tor für uns“ langweilen. Im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit ist die Heimmannschaft besser, hat noch einige Chancen, aber es bleibt beim 1:1.

In der Halbzeitpause gibt es dann Neues aus der Kategorie C(ateringverlierer). Denn merke dir, depperter Piefke: eine Knacker mit Gebäck, ist übersetzt nicht mehr als eine kalte Bockwurst mit Schrippe. Recht widerlich, aber mit „Puntigamer“ lässt es sich einigermaßen gut herunterspülen und so geht in dieser Kategorie der Titel, auch mangels weiterer Anwärter, dieses Mal an mich.

Nach dem kulinarischen Schock wird auch die Heimmannschaft geschockt, denn in der 54. Minute geht die Austria wieder in Führung. Canadi haut den Ball per direktem Freistoß unter die Latte. Kurz danach wechselt die Heimmannschaft einen weiteren Stürmer ein und kann so nochmals den Druck erhöhen und fünf Minuten später geht Grucic mit der Hand im Strafraum zum Ball – Elfmeter! Natürlich tritt Salihi an und verwandelt eiskalt (19. Saisontor). Zwischen der 60. und 70. Minute wird das Spiel intensiv geführt, beide Mannschaften wollen den Führungstreffer, Lustenau ist auch mal wieder näher dran, aber Dorn vergibt eine 100%ige Chance und trifft nur das Außennetz. In den letzten 20 Minuten hat die Wiener Neustadt noch beste Chancen (76., 80.), aber die Luft ist irgendwie raus. Der Ex-Neustädter Sandro Djuric dann ebenfalls, denn er schafft es innerhalb der letzten drei Spielminuten zwei taktische Fouls zu begehen und fliegt mit der gelb-roten Karte runter. Dann ist Schluss, die Gästespieler, einige haben scheinbar familiären Bezug zu Wien, plauschen noch mit ihren Angehörigen; Plassenegger schwatzt mit den drei Gästefans.

Nach dem Spiel überklebe ich noch ein Dynamo Dresden Pickerl, während ich zum Bahnhof hetze. Den Zug (21:11 Uhr) schaffe ich locker, aber mein primäres Ziel: den Bahnhofsshop (schließt um 21:00 Uhr) erreiche ich erst um 20:56 Uhr und erst nach kurzer Diskussion darf ich noch ein „Egger Bier“ kaufen. Im Zug entdecke ich in einer liegengeblieben Zeitung, dass Ex-Unioner Markus Kernal und Brieffreund von Heinzi beim Schlusslicht der 1. Fußball-Landesliga (dem ASV Spratzern) nach nur sieben Spielen entlassen wurde.

Zusätzlich gibt es noch die Meldung, dass ab Freitag am Praterstern öffentliches Trinken verboten ist. Als wenn dies nicht schon schlimm genug wäre, muss ich einer Konversation – mutmaßlich – zwischen einer jungen Musikerin und ihrer Lehrerin beiwohnen. Der nachvollziehbaren Schwärmerei der Schülerin von Metallica und ihres Wunsches, die Band einmal live zu erleben, kann die Alte nur „Warum können sie nicht zu Hause bleiben? Warum müssen es alle wie die Rolling Stones machen?“ entgegnen und auch den Enthusiasmus gegenüber Pearl Jam kann sie nur bedingt teilen. Sie mag nur die erste Platte, der Rest sei nur langweilig. Ich merke, wie desinteressiert ich an Menschen und deren Meinung bin, deshalb will ich mich nicht einmischen, obwohl ihnen meine Meinung bestimmt gut getan hätte. Nach diesem Erlebnis überlege ich kurz, dem Praterstern und den dortigen Kampftrinkern einen Besuch abzustatten, lass es dann aber doch lieber sein. Am Wiener Hauptbahnhof angekommen, hole ich mir als Schlummertrunk noch ein 16er Blech und gehe, passend zum morgigen Reiseziel, etwas angetschechert ins Bett. /hool

22.04.2018 1.FC Lok Stendal – FC International Leipzig 0:4 (0:1) / Stadion am Hölzchen / 365 Zs.

Am Samstagabend scheint das Sportwochenende eigentlich bereits gekrönt. Nach dem eher durchwachsenen Auftritt des 1.FC Union (1:1 gegen Heidenheim) hat die deutsche Eishockeynationalmannschaft vor mehr als 4.000 Zuschauern im altehrwürdigen „Wellblechpalast“ die Auswahl Frankreichs mit 2:1 nach Verlängerung bezwungen. Erstmals lief Leon Draisaitl als Kapitän in der WM-Vorbereitung für den DEB auf das Eis und überragte alle anderen Akteure um Längen. Was für eine Puckkontrolle. Was für eine Geschwindigkeit. Und das Ganze nach zwei Wochen ohne Spielpraxis. Mit Jetlag in den Beinen. Da bleiben der Hoollege und meine Wenigkeit mit offenen Mündern zurück: Das war Eishockey von einem anderen Stern!

Aber noch verbleibt ja ein Tag auf der Wochenenduhr, um ein weiteres (sportliches) Highlight zu erleben. An diesem sonnigen Sonntag ruhen meine Hoffnungen, irgendwann einmal eine unterhaltsame Geschichte über einen Ausflug schreiben zu können, auf folgenden Bausteinen: Wochenendticket, Altmark, Stendal, Spargel, Fahrradtour, Hölzchen.

Eingeladen zu dieser Tour ist neben mir auch der „Fürst von Lichtenberg“ (letzte urkundliche Erwähnung im Dezember 2012), der sich heute endlich einmal wieder ein Fußballstadion von Innen ansehen wird. Gastgeber ist ein gemeinsamer Freund, der mit Fußball so rein gar nichts an der Pepita hat, aber einige Jahre seiner Kindheit in Stendal verbringen durfte und uns heute bei seinen Großeltern zum Mittagessen angemeldet hat.

Anlässlich dieses Unterfangens trifft man am sonnigen Sonntag des 22. April am Berliner Hauptbahnhof aufeinander. Der Treffpunkt wirft erste Fragen auf, da der „Lange“ das „Regierungsviertel“ als auserwählten Ort benennt, was Fetti, den Reichsbürger, vor schier unlösbare Probleme stellt. Wenn man die Regierung nicht anerkennt, dann kann es ja wohl auch kein Regierungsviertel geben. Er schlägt daher vor, sich auf der „Nichtregierungsviertelseite“ zu treffen. Da vermutlich wie jedes Mal auch irgendwelche Sicherheitsbehörden mitlesen, kann es auf jeden Fall nie schaden, ein wenig Verwirrung zu stiften, auch wenn diese Aussage dafür sorgt, dass man auch innerhalb der Reisegruppe noch 2-3 Mal über kreuz „simsen“ muss, ehe man zusammengefunden hat.

Letztlich sitzen wir dann doch zu dritt in der Regionalbahn via Rathenow nach Stendal. Obwohl die Großeltern angeblich sehr liberal und weltoffen sind, entscheiden wir uns dagegen, ihnen zur Begrüßung die Geschichte aufzutischen, der „Lange“ hätte sich von Frau und Kind losgesagt, um mit uns eine schwule WG zu gründen. In Stendal angekommen, werfen wir zunächst einen Blick auf das Krankenhaus, in dem unser heutiger Stadtführer das Licht der Welt erblickte. Im Anschluss geht es entlang der Uchte durch gähnend leere Parkanlagen, vorbei an menschenleeren Spielplätzen. Schon damals, als der „Lange“ noch ein „Kurzer“ war, unternahmen seine Großeltern mit ihm regelmäßig Ausflüge in das Freibad Wolfsburg, wo sich die Kinder Stendals auch heute mutmaßlich knäueln dürften. Hat sich in all den Jahren offenbar nichts geändert. Übel stößt uns auf, dass die Kneipenlandschaft Stendals vollkommen zum Erliegen gekommen ist. Auf dem langen Fußweg bietet sich nicht eine einzige Möglichkeit zur Einkehr.

Um so dankbarer sind wir, dass uns der Opa mit einem Bier in Empfang nimmt. Dieses müssen wir nun schnell im Innenhof leeren, damit die Oma nichts davon mitbekommt. Da wir echte Kumpels sind, lassen wir den Herren des Hauses nicht hängen und schütten uns das Willkommensgetränk bei einem gepflegten Smalltalk über Stendal hinter die Binden. Gerade eben ist der letzte Tropfen unsere Kehlen hinuntergeperlt, da reißt die Oma das Fenster auf: „Essen ist fertig!“.

Es gibt Koteletts. Für jeden mehr als genug. Und weil sich die Oma nicht sicher war, ob wir lieber Kartoffeln, Pilzsoße, Mischgemüse oder Spargel zum Fleisch hätten, hat sie der Einfachheit halber alles zubereitet. Obwohl der Tisch so kaum noch Kapazitäten lässt, bekommt der „Fürst von Lichtenberg“ noch seine Extra-Wurst. Ihm eilt bekanntlich der Ruf voraus, kein Fleisch am Stück konsumieren zu wollen und so hat es sich auch bis Stendal herumgesprochen, dass man ihm eher mit einer guten Rostbratwurst Freuden bereiten kann. Nach Abschluss der Völlerei begleiten wir den Großvater in seinen Hobbykeller, in dem er gleich drei Fahrräder präpariert hat, mit denen wir zum Stendaler „Hölzchen“ fahren wollen. Ein bisschen Sport kann ja nie schaden – aber nicht, bevor wir mit dem gesundheitlich angeschlagenen Senior noch ein zweites Bier getrunken haben. Zwischen Werkzeugen und Kalendern mit barbusigen Frauen hat der Fuchs noch vier Pullen Hasseröder versteckt. Was die Oma nicht weiß, macht sie nicht heiß. Oder wie der „Lange“ vermutet: „Sie weiß genau, was hier passiert. Aber alles, was unter Tage geschieht, wird geduldet.“

Wir passieren radelnd die „größte digitale Werbetafel der Altmark“. Jede Stadt hat wohl so ihren ganz eigenen Superlativ. Am Stadion haben wir dann schnell Parkplätze für unsere drei Drahtesel gefunden. Ganz offensichtlich sind wir nicht die einzigen, die in Stendal auf dieses Fortbewegungsmittel setzen, doch der Verein hat ausreichend Abstellgelegenheiten bereitgestellt.

Nachdem wir noch ein Bier im Vereinsheim verzehrt und im Stadion Platz genommen haben, stelle ich fest, dass ich mein Handy irgendwo vergessen habe und im Laufe des Spiels die gewohnten Notizen leider nicht anfertigen können werde. Hinter uns bläken sich zwei Babys die Seele aus dem Leib und ich bin nach Rundumblick durch das modernisierte „Stadion am Hölzchen“ ganz in Gedanken bei einem youtube-Video, das nicht nur das „Hölzchen“ in seiner einstigen Verfassung zeigt, sondern auch der ewig jungen und stets adrett gekleideten „Sport Im Osten“-Ikone Bodo Boeck ein Gesicht gibt.

Heute – gerade einmal 23 Jahre nach diesem legendären Pokalviertelfinale gegen Leverkusen – ist der 1.FC Lok Stendal 14. der NOFV-Oberliga-Nordost-Süd. Die Gäste aus Leipzig liegen auf dem zweiten Tabellenrang und duellieren sich mit „Schiebock“ aus Bischofswerda um den Aufstieg in die viertklassige Regionalliga. In den ersten fünfzehn Minuten wehren sich die Außenseiter tapfer. Hochmotiviert starten die Stendaler in die Partie und gehen beherzt in jeden noch so belanglosen Mittelfeldzweikampf. Doch nach nur 19 Minuten ist Schluss mit der Herrlichkeit. Kimmo Hovi bringt den Favoriten mit seinem 19. Saisontor mit 1:0 in Führung. Und wer in seiner Karriere mit lediglich 23 Lenzen bereits in Finnland, Malta und Spanien gespielt hat, der hat sich wohl einen Startplatz im Kader des FC International Leipzig redlich verdient…

In Folge kann der FC Inter sein gefürchtetes Spiel problemlos aufziehen. Kurz nach dem Führungstreffer verpasst Hovi die große Chance auf das 0:2, doch auf dem Weg in das leer Tor steht dem Ball nur noch der Pfosten im Weg. Wann immer Stendal sich in die gegnerische Hälfte wagt, steht Verteidiger Petar Trifonov zum Abräumen bereit. So gut muss man erst einmal sein, dass man als Defensivspieler in der Oberliga den Hass des Heimpublikums auf sich zieht.

Weniger beeindruckend sind jedoch die Starallüren, die die Spieler des FC Inter mit in ihr Spiel einflechten. Es gibt kaum Duelle, nach denen die „Interisti“ nicht auf den Boden fallen und wild gestikulierend markerschütternde Schmerzschreie von sich stoßen. Dazu wird nach jedem noch so kleinen Zweikampf der Schiedsrichter angefleht, lamentiert, diskutiert. Schade, dass all dieses Gebaren offenbar dazugehört, wenn man sich zu höherem berufen fühlt als lediglich zu Fünftligafußball…

In der Halbzeit reiben sich 2/3 der Reisegruppe über die noch immer gut gefüllten Bäuche, während der „Lange“ aus Reminiszenz an seine alten Stendaler Tage einfach einen Klops vom Grill essen muss – ob er will, oder nicht. Nachdem er den Hackfleischball heruntergequält hat und wir gemeinsam auf der Toilette eine leichte Spargelmarke hinterlassen haben, wechseln wir von der Haupttribüne hinter das Tor, um der Stendaler „Waldseite“ etwas näher sein zu können. Gerne wollen wir uns einen Überblick verschaffen, welche Menschen hier regelmäßig zum Fußball pilgern und den 1.FC Lok unterstützen.

Während der FC Inter die „Lokisten“ auf dem Rasen in die Schranken weist und nach 51 Minuten durch Japano-Sachse Christopher Misaki auf 2:0 erhöht, fällt die Publikumsanalyse in Sachsen-Anhalt verheerend aus. Der Gast aus Leipzig kommt mit seinem Konzept, Spieler aller Nationalitäten zu einem Team zu vereinen, gerade recht, um das schwelende Wutbürgerpotential wachzuküssen. Von „Eselfickern“, „Asylanten“ und „gefälschten Asylanträgen“ ist in diversen Pöbeleien die Rede, um die multikulturelle Truppe der Gäste zu verunglimpfen. Und wann immer es gerade überhaupt gar keinen Grund gibt, um auf einen Gästespieler sauer zu sein, muss halt der Linienrichter dran glauben und damit leben, dass ihm ständig ein Wendeverlierer auf dem Zaun im Nacken hängt und ihn als „Hurensohn“ beschimpft. Oh man. Selten hat man so viele verkochte Klopse auf einem Haufen gesehen.

Nach 53 Minuten wird Vincent Kühn unberechtigt mit einer gelb-roten Karte des Feldes verwiesen. Klar, dass dies nicht unbedingt zur Beruhigung des Heimpublikums beiträgt, welches nun dem Unparteiischen an die Wäsche will. Sportskamerad Trifonov („die langhaarige Zecke!“) gelingt es in diesem Tohuwabohu unbemerkt das Feld zu verlassen, ohne dass er mit Bier beschmissen wird. Guter Zeitpunkt für eine Auswechslung.

In Folge wird die nun noch offensiver eingestellte Gästemannschaft ihre drückende Überlegenheit in Tore ummünzen können. Die beiden Treffer durch Ogün Gümüstas (Die Kochklöpse werden angesichts gleich dreier Ü’s vermutlich ausrasten vor Glück!) in der 71. und 74. Minute wären jedoch zu verhindern gewesen, doch beim ersten Gegentor schlägt ein Stendaler Verteidiger über den Ball anstatt selbigen von der Linie, während beim zweiten Gegentreffer Pfosten und Torwart in Kooperation notwendige Unterstützung leisten, um den Ball über die Torlinie zu bugsieren. Das hat sich der Heimblock redlich verdient.

Wir haben uns längst räumlich von diesem entfernt und genießen die letzten Sonnenstrahlen in der Kurve. Vor lauter Schreck falle ich beinahe von der Sportplatzbarriere, als der Stadionsprecher verlautbaren lässt, dass ein „Handy älterer Bauart“ gefunden und in der Stadionregie abgegeben worden sei. Wenige Sekunden nach dieser Durchsage wird dank Axel Foley ein ordentlicher Spannungsbogen erzeugt, ehe der Sprecher die offizielle Zuschauerzahl verkündet: 365, Rekordbesuch! Schade, da habe ich mich um genau 15 Menschen verschätzt.

Währenddessen hat der „Lange“ schon längst mit seiner Großmutter telefoniert und eruiert, dass mein Handy wirklich auf dem Mittagstisch verblieben ist. Genau wie meine Sonnenbrille. Da müssen sich die zwei schnellen Bier mit Opa’chen sicherlich eine Teilschuld eingestehen.

Mit dem Fahrrad geht es zurück in die Innenstadt. Wir besichtigen das Rathaus mit Roland und stellen uns folgende Frage: Welche Städte schmücken sich mit einem solchen und welche Bedingungen gilt es zu erfüllen, um genau jenes zu dürfen? Die Antwort auf die Frage, welcher bundesdeutsche Ort am weitesten von der Autobahn entfernt ist, lautet „Salzwedel“. Zwar auch eine Stadt in Sachsen-Anhalt, aber streng gesehen nicht exakt der passende Moment, um das unnütze Wissen des Fürsten zu platzieren. Die Antwort auf die erste Frage werde ich irgendwann einmal recherchieren, wenn sich ein Zeitfenster hierfür auftut. Möglicherweise unternehme ich ja zu diesem Zwecke eine Fahrt mit dem Standaler Rathausaufzug, der es wegen seiner Nichtgeschwindigkeit unlängst gar in das Fernsehen geschafft hat…

Anschließend erweisen sich das Uenglinger Tor und die Fachwerkhäuser der Altstadt als sehenswert. Am Ende des Tages kehrt der „Lange“ am Winckelmannplatz ins „Café Müller“ ein, in dem einst seine Oma arbeitete und die eine oder andere Kugel Eis auf’s Haus springen ließ. Heute muss er jedoch zahlen und abermals steht die Erkenntnis im Raum, dass früher alles besser war.

Zum Beispiel der Fußball in Stendal. Das Pokalspiel gegen Bayer Leverkusen von 1995 ist allgegenwärtig. Der Großvater macht uns darauf aufmerksam, dass sich der 1.FC Lok erstmals seit 1996 (Erstrundenaus gegen Hertha BSC) wieder für die erste Runde des DFB-Pokal qualifizieren konnte und er sich Union als Gegner wünscht. In wenigen Wochen erfolgt die Auslosung. Wenn es die Glücksfee gut mit uns meint, sind wir nach unserer Erstrundenniederlage also zum Essen eingeladen. Und vielleicht gibt es ja dann endlich Kochklops für alle. /hvg

19.04.2018 VSG Altglienicke – BSG Chemie Leipzig 0:0 (0:0) / Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark / 811 Zs.

Häufiger werde ich gefragt, ob ich in einem „Sozialen Brennpunkt“ arbeiten und was genau einen solchen denn ausmachen würde. Um in Zukunft auf eine Antwort verzichten und lediglich etwas Bildmaterial zur Verfügung stellen zu können, plane ich, einen der nächsten dienstlichen „Familiennachmittage“ filmisch zu begleiten. Dann dürften keine Fragen offen bleiben. Heute muss ich jedenfalls einen Vater der Veranstaltung verweisen, weil er mit seinem Gehstock auf den neuen Freund seiner größten Tochter losgehen wollte. Es ist 18.00 Uhr und ich atme erleichtert auf, als auch dieser Arbeitstag überstanden ist. Was könnte man jetzt nur tun, um schleunigst auf andere Gedanken zu kommen?

Gedankenverloren öffne ich die „Livescore“-App meines Handys. In der Regionalliga Nordost steht unerwartet eine Partie auf dem Programm. Plötzlich fällt mir ein, gelesen zu haben, dass das heutige Spiel um einen Tag verlegt werden musste, da gestern an selbigem Ort das Berliner Pokalspiel zwischen Tennis Borussia und dem BFC Dynamo ausgetragen wurde. Die Sonne scheint, das Thermometer zeigt 23 Grad und der Gegner der Volkssportgemeinschaft Altglienicke ist niemand geringeres als die BSG Chemie Leipzig. Na, dann mal den Gehstock geschwungen und nichts wie ab zur Eberswalder Straße!

Den aus Unionersicht verhassten, aber aus Hoppersicht recht attraktiven Jahn-Sportpark mit seinen opulenten osteuropäischen Flutlichtmasten erreiche ich gerade noch rechtzeitig, um den singenden Stadionsprecher Ronny Rothé miterleben zu dürfen/müssen. Man kann dieses Erlebnis nur schwerlich in eine Schublade einsortieren, da man doch etwas Zeit benötigt, um für sich zu eruieren, wie man das denn jetzt nun finden soll, dass ein alter Mann Schlager singend auf der Laufbahn spazieren geht. Irgendwie pendelt die Nadel zwischen lustig, kultig, peinlich und unnötig hin und her, während Rothé seinem Bewusstseinsstrom folgend singend mitteilt, wie viele Minuten noch bis zum Anpfiff verbleiben und dass er nun den Platz betreten würde. Insbesondere letzteres ist für Menschen, die über Augenlicht verfügen, natürlich eine besonders wichtige Botschaft und so hofft man inständig, dass dem guten Mann in den kommenden Minuten nicht auch noch der Einkaufszettel für den Wochenendeinkauf durch den Kopf gehen möge.

Nachdem die trashige Vereinshymne der Volkssportgemeinschaft noch gerade eben so mit Hängen und Würgen überstanden ist und der Frank Sinatra für Arme den Innenraum verlassen hat, eröffnet Schiedsrichter Schipke die Partie. Ich werfe einen Blick in das weite Rund. Gut 400 „Chemiker“ haben sich unter der Woche auf den Weg nach Berlin begeben und auch die Haupttribüne ist mit ebenso vielen Menschen recht ansehnlich gefüllt, wobei eine nicht unerhebliche Zahl Fußballtouristen darunter befindlich sein dürfte. Ich lasse mir mein wohlverdientes Feierabendbier schmecken. Es ist ein lauer Frühlingsabend, im Hintergrund singt Chemie und ich sacke unbekümmert in meine grüne Sitzschale – Football is the only Love!

Obwohl sich beide Mannschaften in den Niederungen der Tabelle bewegen, entsteht ein recht lebendiges und unterhaltsames Spiel mit schnellen Abschlüssen aus allen Lagen. Zum Problem wird dies in den Anfangsminuten vor allen Dingen für Chemies Keeper Lattendresse, der in Ermangelung von Balljungen bereits einige Kilometer abgespult hat, um vorbeigeschossene Bälle aus den weitläufigen Kurvenbereichen zurückzuholen. Bei gleißendem Sonnenlicht und des daraus resultierenden Einsatzes meiner Sonnenbrille habe ich hingegen in erster Linie damit zu kämpfen, die dunkelblauen Altglienicker von den dunkelgrünen „Chemikern“ optisch zu unterscheiden.

In der 6. Spielminute trifft Alexander Bury, der fleischgewordene Hoffnungsträger im Abstiegskampf aus Leipzig-Leutzsch, lediglich den Pfosten. Auch dies kann den melodiösen Dauersingsang der „Diablos“ nicht nachhaltig irritieren. Kein Spieler der Welt kann das. Keine Aktion der Welt kann das. Einzig und allein die „Diablos“ entscheiden, wann sie aufhören zu singen und das Tempo anziehen. Und so verstreichen weitere zehn Minuten, ehe sie mit einem durch Paukenschläge dreigeteilten „Vorwärts!“ – „Chemie!“ – „Ultras!“ den Prenzlauer Berg im Mark erschüttern. Wirklich absolut großartig!

Nach einigen weiteren guten Abschlussgelegenheiten auf beiden Seiten hat man das Gefühl, dass sich die Partie nach 25 Minuten so langsam beruhigt. Doch plötzlich taucht Bundesliga-Legende Boubacar in Diensten der VSG Altglienicke völlig freistehend im Strafraum auf und setzt einen Kopfball nur knapp neben das Gehäuse (28.) – Sanogoal! Den letzten Höhepunkt des ersten Spielabschnitts – mit weiterhin überraschend vielen offensiven Impulsen beider Clubs – setzt Alexander Bury, der im Anschluss eines sehenswerten Solos nach 36 Minuten zum zweiten Mal am Pfosten scheitert.

Für Freunde der gepflegten Sportwette, die keine moralischen Bedenken hegen, wenn sie Insidertipps erhalten, könnte folgende Information womöglich gewinnbringend sein: Im Tribünenbauch treffe ich während der Halbzeitpause auf Petrik Sander, der offenbar seine Kreise in der Regionalliga Nordost dreht und fleißig Partien beobachtet. Da man munkelt, dass Altglienickes Trainer Jagatic nicht besonders fest im Sattel sitzt, kann man hier vielleicht den einen oder anderen Euro setzen. Jede Wette, dass sich Sander demnächst Trainer der VSG Altglienicke nennen wird.

Auf dem beanspruchten Geläuf des Jahn-Sportparks dreht derweil Ronny Rothé singend seine Runden. Den Versuch, die Wörter „Feld“ und „fällt“ zu reimen, darf man getrost als mutig bezeichnen – und gleichzeitig kann man dem armen, alten Mann ja nur Recht geben. Wäre wirklich schön, wenn hier bald das „goldene Tor“ fallen würde, wenn die Mannschaften zurück auf das Feld kommen.

Die 23 Grad sind inzwischen hinter dem Tribünendach verschwunden. Abendkühle setzt ein, während Alexander Bury seinen Pfosten-Hattrick komplettiert (48.) und im Anschluss wutentbrannt auf selbigen eintritt. Deppertes Oarschlochstangerl. Nach einer gespielten Stunde wirkt die BSG griffiger und gewillter als die VSG, hier etwas ins Risiko zu gehen, um drei Punkte einfahren zu können. Nach 68 Minuten verlässt Sanogo das Feld, was die französischsprachige Hoppergruppe hinter mir zu lautstarken „Boubacar, Boubacar, Boubacar“-Sprechchören hinreißt. Soviele Emotionen auf einen Schlag bleiben im Jahn-Sportpark selbstredend nicht ohne süffisanten Kommentar und so lässt es sich ein Senior nicht nehmen, die Sachlage augenrollend zusammenzufassen: „Dit passiert, wennde Franzosen zwee Bier jibst!“.

Die offizielle Zuschauerzahl wird durchgegeben und von den Anwesenden frenetisch bejubelt. Feiertag für den Schatzmeister! Pierre „Kanzler“ Merkel verzieht für die BSG freistehend aus elf Metern, auch Ludwig schlenzt den Ball am langen Eck vorbei und VSG-Coach Jagatic schlägt angesichts des Durcheinanders in seiner Defensive die Hände über dem Kopf zusammen. So langsam muss man den guten und mutigen Auftritt der „Chemiker“ aufgrund der mangelhaften Qualität der Abschlussversuche dann doch etwas relativieren. Mit dieser Chancenverwertung ist es wohl leider ausgeschlossen, die Liga zu halten…

Alexander Bury wird in der 90. Minute ausgewechselt und tritt vollkommen frustriert gegen eine Pylone, die weit durch die Gegend fliegt und zu jedermanns Überraschung nicht am Pfosten landet. Oder wie der Senior, jederzeit Herr der Lage, auch dieses Mal treffend pointieren kann: „Na, wenigstens dit Ding triffta!“.

30 Sekunden nachdem Schiedsrichter Schipke die Partie abgepfiffen hat, verdunkelt sich der Jahn-Sportpark. Bei eingeschalteter Notbeleuchtung verlasse ich die Spielstätte. Im Hintergrund singt Chemie im Halbdunkel und so lange hier niemand die Lampen gänzlich löscht, werden die „Diablos“ damit wohl auch nicht aufhören.

Mein Magen grummelt. Ich beehre einen türkischen Imbiss, bestelle ein Berliner Pilsner und einen Sucuk-Döner mit Knoblauchsoße. Als ich die allseits beliebte „Salat komplett?“-Frage verneine und die Zwiebeln ausschließe, reagiert der Systemgastronom geschickt: „Aaaaah, da geht heute noch was!“. Knoblauchwurst mit Knoblauchsoße. Ja, genau, da geht noch was. Nennen wir es einfach „orientalische Logik“ oder berufen uns darauf, dass der gute Mann schlicht und ergreifend einfach nicht wissen kann, worauf es wirklich ankommt. Football. Football is the only Love! /hvg

15.04.2018 Weißenseer FC – BSC Rehberge 1945 2:2 (1:1) / Stadion Buschallee, Nebenplatz / 150 Zs.

Heute halte ich es mit Ilse Aichinger und genieße zum Frühstück eine Aufführung des Friedrichshainer Fenstertheaters. Mit dem Unterschied, dass zu meinem Amüsement keine Hanswurstiade eines älteren Herren beiträgt, sondern zwei leichtbekleidete junge Damen gegenüber. Das muss also dieses „wohnen in bester Lage“ sein, von dem in Berlin jetzt ständig die Rede ist. Bei allerschönstem Sonnenschein fühle ich mich jedoch nur kurz privilegiert, kremple dann die Ärmel hoch und schwöre mich auf das ein, was heute kommen wird: Abstiegskampf in der Landesliga, Staffel 2.

Um 12.00 Uhr wende ich mich von der ansprechenden Präsentation ab, noch bevor die beiden Protagonistinnen zum Finale Furioso ansetzen können. Beschwingt durch das gute Wetter und den gestrigen 1:0 Auswärtssieg beim FC St. Pauli ist der Plan in mir gereift, die knapp sieben Kilometer bis zum „Stadion Buschallee“ zu Fuß zurückzulegen.

Den „Simon-Hedlund-Gedächtnis-Schädel“ bekämpfe ich erfolgreich mit einem kühlen Konterpils und so nimmt dieser „Sonntagmorgenspabiergang“ doch recht schnell angenehme Züge an. An alten Vespas und am Thälmann-Denkmal vorbeilaufend, beginne ich, Zusammenhänge zu begreifen. In Berlin komme ich eigentlich immer nur per Bahn von A nach B und hätte es bis eben vermutlich nicht geschafft, im Auto sitzend von Friedrichshain nach Weißensee zu finden. Nun ergeben Straßenverläufe plötzlich einen Sinn und ein Fixpunkt nach dem nächsten wird passiert und ehe ich mich versehe, habe ich um 13.07 Uhr auch schon das Ortseingangsschild passiert. Willkommen in „White Lake City“!

Die ersten Eindrücke sind überaus positiv. Die Fassade des „Tønsberg“ wurde angemessen gestaltet, wobei ich nicht gänzlich sicher bin, ob der Kampf bereits endgültig gewonnen ist und das Geschäft dauerhaft schließen muss. Kann man im Nachgang auf jeden Fall heilfroh darüber sein, dass die Metastase „Tromsø“ in der Petersburger im Jahre 2013 nach vier quälend langen Jahren aufgeben musste. Kurz muss ich mich schütteln. Unfassbar, dass das nun auch schon wieder zehn Jahre her ist, dass man vor der eigenen Wohnungstür gegen rechtes Gesocks demonstrieren musste…

Angesichts der etwas qualmenden Füße entschließe ich mich, die letzten Meter in der Straßenbahn zurückzulegen. Vor dem „Kino Toni“ hält nur einige Augenblicke später die M4 und nur wenige Sekunden nach dem Einsteigen bereue ich bereits die Entscheidung, eingestiegen zu sein. Zwei Mangamädchen sitzen mir gegenüber, wischen über ihre Handys und noch bevor die beiden anfangen, sich miteinander zu unterhalten, bin ich bereits von tiefer Trauer ergriffen. Bedauerlich, dass sich immer mehr Menschen aus der Realität in Parallelwelten flüchten müssen, um irgendwelche Scheinidentitäten aufzubauen, nur um das Gefühl zu haben, wenigstens irgendjemand oder irgendetwas zu sein. Dabei könnte man seine Zeit doch viel sinnvoller nutzen und Anstrengungen unternehmen, eine eigene Meinung oder eine Haltung zu entwickeln und beispielsweise gegen Naziläden kämpfen, anstatt sich zu verkleiden und die Wirklichkeit auszublenden. Egal. So lange die Cosplayer, Mittelaltertrottel, Rollen- und Computerspieler nicht in meine Parallelwelt Fußball eindringen, werde ich schon einen angemessenen Umgang mit all diesen gescheiterten Existenzen pflegen können. Das eine Mangamädchen hebt den Blick vom Handydisplay und spricht zum anderen:

<< Ey, warum ist das so? Warum werde ich immer so gejudged? >>

Ich frage mich auch angesichts dieser sprachlichen Auswüchse wieder einmal, wann genau die Menschheit falsch abgebogen ist, doch bevor ich mich in zu deprimierenden Gedankenspielen verheddern kann, habe ich glücklicherweise bereits das „Stadion Buschallee“ erreicht.

Die weitläufige Anlage kann zunächst ohne Zahlung eines Eintrittsgeldes betreten werden. Leider ist der Hauptplatz nicht präpariert, sodass schnell Klarheit eintritt, dass das heutige Fußballspiel lediglich auf dem Kunstrasen-Nebenplatz stattfinden wird. Schade. Dafür bietet ein Turnier des Rugby Klub 03 (Teilnehmer der 1. Rugby-Bundesliga!) auf einem weiteren Nebenplatz beste Unterhaltung. Etliche Kleinfelder sind hier abgesteckt, um mehrere Kinder-Mannschaften zeitgleich gegeneinander antreten zu lassen. Nach jeweils 20 Sekunden Ballbesitz fallen die lieben Kleinen übereinander her und stapeln sich imposant übereinander. Da ich als alleinreisender junger Mann mit Fotokamera im Anschlag in der Nähe der fremden Kinder für keinerlei Missverständnisse sorgen mag, ziehe ich mich dann aber doch recht bald zurück in den Catering-Container des Weißenseer FC, in dem ich jetzt nicht unbedingt ein Trikot des BSC Preussen Berlin erwartet hätte. Die hübsche Dame hinter dem Tresen hätte es nicht zwingend gebraucht, um mich zu motivieren, im Laufe des Tages noch zwei-drei Mal wiederzukehren…

Der Abstiegskrimi des 22. Spieltages beginnt mit sieben Minuten Verspätung. Die Heimelf von Trainer Marino Ballmer konnte zuletzt drei Siege in Serie einfahren und den Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz, der aktuell von den Gästen des BSC Rehberge belegt wird, auf immerhin sieben Punkte ausbauen. Heute könnte der Aufsteiger sich also bereits entscheidend absetzen – wenn man auf dem Sportplatz nicht munkeln hören würde, dass die Gäste in der Winterpause die Mannschaft nahezu komplett ausgetauscht hätten und nun über ganz andere Qualitäten verfügen würden.

Ich finde einen angenehmen Sitzplatz auf dem Boden am Rand des Spielfeldes. Die Sonne scheint nach wie vor, das Bier ist kühl und das Spiel kurzweilig. Rehberge trifft nach fünf Minuten die Latte, der WFC verzieht nach elf nur knapp. Die neu formierte Abwehr der Gäste ist noch nicht sonderlich sattelfest und so kommt es bis zur 20. Spielminute zu vier Eckstößen und drei weiteren hochkarätigen Torgelegenheiten. Der Gast lässt nur einmal aufhorchen – nach einem klugen Pass des Spielmachers Uluk vergibt Marvin Fedorovic Lemischko aus spitzem Winkel kläglich, was einer seiner Teamkameraden wie folgt kommentiert:

<< Lege doch ab, lan! >>

In der 20. Minute geht Weißensee durch seinen Kapitän Seckler mit 1:0 in Führung. Just in diesem Moment tauchen zwei Herren vor mir auf und haben nun die besten Argumente, vier Euro Eintritt von mir verlangen zu können. Ich reiße irgendeinen blöden Spruch über die Höhe des Preises und erhalte eine schlagfertige Antwort.

<< Das ist so teuer, weil bei uns der Präsident noch selbst um den Platz geht – aber dafür ist die Sonne umsonst! >>

Das Spiel bleibt offen und unterhaltsam. Rehberge sucht sein Heil in der Offensive, bleibt hinten aber ein Torso und kann sich bei Abou-Abbas bedanken, der dank seiner athletischen Fähigkeiten den einen oder anderen Raum noch gerade eben so zulaufen kann. Die wohl heißeste Mutti der Weltgeschichte dreht derweil in blau-weiß gestreift ihre Runden um den Platz und bekommt ihre Kinder glücklicherweise zu keiner Zeit des Spiels in den Griff. „Schiiiiiiiiiiiiiiiiieß!“ ruft jemand aus dem Publikum, der das offenbar immer ruft, wenn Rehberge in 35 Metern Tornähe den Ball am Fuß hat. Dieses Mal schießt Krause wirklich und der Ball zappelt nach 27 Minuten zum Ausgleich im Dreiangel. Sehenswerter Treffer aus der Drehung, Sportsfreund!

In den letzten Minuten der ersten Hälfte lässt die Qualität des Spiels nach, dafür steigt die der Konversation zwischen Ersatz- und Stammtorwart Rehberges in unfassbare Dimensionen.

<< Du sollst höher stehen bei langen Bällen! >>
<< Aber ich krieg die nicht! >>
<< Weiß nicht, ist nicht meine Idee, ich soll Dir das bloß sagen! >>

In der Halbzeitpause ist das Bierfass leer. So hat halt jeder seine Probleme. Wobei ich natürlich von Glück reden kann, dass ich von der hübschen Zapferin wenigstens nicht <<gejudged>> werde, während ich da so in ihrem Container herumlungere, auf das Getränk warte und dem Eishockey-Trikot mehr Aufmerksamkeit schenke als ihr.

Im zweiten Spielabschnitt hat sich der Platz deutlich gefüllt. Gut 40 Kiebitze sind offenbar in dem Wissen darin, dass der Präsident seine Ehrenrunde beendet hat, noch dazugestoßen und treiben die offizielle Zuschauerzahl auf 150 in die Höhe. Die Gäste sind nun deutlich sattelfester aufgestellt, das Spiel wird fahrig, die Aktionen nickelig. Waldemar Huhn hat nicht nur einen super Namen, sondern auch einige fußballerische Qualitäten auf der rechten Außenbahn, die er nun als Einwechselspieler für den WFC in die Waagschale wirft. Die eine oder andere gute Aktion ist ihm bereits gelungen, ehe er in der 78. Minute unnachahmlich davonzieht und Richtung Strafraum drängt. Serkan Akkas versucht Huhn aufzuhalten, doch selbst mehrere Foulspiele auf dem langen Weg Huhns aus dem Mittelfeld in den Strafraum können ihn nicht stoppen. Erst das vierte Vergehen – mittlerweile im Strafraum angekommen – nimmt Huhn an. Notbremse, rote Karte, Elfmeter. Clever. Kapitän Seckler verschießt, Rotsünder Akkas wird mit Geleitschutz vom Feld geführt, noch zehn Minuten zu spielen, hier ist was los!

Wenige Augenblicke vor dem Ablauf der regulären Spielzeit scheitert der WFC nach einem Querpass in den Strafraum in aussichtsreicher Position kläglich. Kurz darauf gibt der Schiedsrichter die Nachspielzeit akustisch gut wahrnehmbar bekannt. Vier Minuten! Rehberge tankt sich über den Flügel durch, Hereingabe und der defensiv überragende Abou-Abbas steht parat und netzt zum 2:1 ein. Jetzt nur noch 2-3 Minuten durchhalten…

… denken sich die Männer aus den Rehbergen, während ihr filigraner Zehner Uluk den folgenschweren Fehler begeht, einen Ball in der eigenen Hälfte vollkommen unnötig und sinnlos zu vertändeln, anstatt ihn in den Weißen See zu schießen. Pass in die Mitte, Seckler steht frei, bumm, 2:2. Abpfiff. Die Spieler in Grün und Weiß fluchen und Uluk ist just in diesem Moment nicht der allerbeliebteste Mitspieler.

Ich begebe mich fußläufig auf den Rückweg in den sieben Kilometer entfernten Friedrichshain. Bei „Buddys Burger“ stärke ich mich für läppische 3,70 € mit der BBQ-Variante, werfe noch einen Blick auf den gegenüberliegenden See im Sonnenlicht und ärgere mich kurz darauf über all die Affen, die mir in Frei.Wild-Oberbekleidung – auf dem Weg zu einem Konzert – begegnen. Vermutlich genau die selben Irrläufer, die ich auf dem Hinweg in Dynamo-Kutten angetroffen hatte und die sich im Laufe des Nachmittags offenbar umgezogen haben. Naja, wat soll man sonntags auch machen, wenn das „Tønsberg“ geschlossen hat…

Der Rückweg gelingt ohne Nutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels. Ich belohne mich am Frankfurter Tor mit einem weiteren Bier und einem letzten Sonnenbad des Tages. Am nächsten Morgen kaufe ich mir eine „Fußball-Woche“, um die offizielle Zuschauerzahl für das Blog in Erfahrung zu bringen. Als „Bester Spieler des Spiels“ wird Deniz Uluk genannt. Kann sein, dass der Redakteur zwei Minuten zu früh gegangen ist. Aber gut, bevor ich mit dem Finger auf andere zeige: Möglich, dass ich beim morgendlichen Fenstertheater selbigen Fehler begangen habe… /hvg

08.04.2018 SP.VG. Blau-Weiß 1890 Berlin – SV Tasmania Berlin 2:1 (0:1) / Sportplatz an der Rathausstraße, Nebenplatz / 188 Zs.

Seit zwei Tagen kann man die Großwetterlage Berlins getrost als „schön“ bezeichnen. Der Frühling hat Einzug gehalten und die Sonne sorgt langsam dafür, dass man freiwillig das Haus verlässt, ohne dass eine Reise ansteht. Da ich schon lange nichts mehr mit Fußball und Bier unternommen habe, entscheide ich mich an diesem sonnigen Sonntag dafür, endlich einmal wieder etwas mit Fußball und Bier zu unternehmen. Heute steht in der fünftklassigen Berlin-Liga das Duell der Traditionsvereine Blau-Weiß 90 und Tasmania Berlin an.

Um noch etwas mehr von der Sonne zu haben, entschließe ich mich zu einem Spaziergang von meiner Wohnung bis zum Alexanderplatz. Auf der Karl-Marx-Allee kommen mir recht bald einige Athleten in nummerierten Trikots entgegen. Medaillen um den Hals, Hefeweizen in den Händen. Kombiniere, kombiniere. Da habe ich wohl nicht mitbekommen, dass in Berlin heute ein Halbmarathon stattfindet. Den Vogel schießt dann ein Typ im Litauen-Trikot ab, der nach 21,0975 Kilometern sinnlosem Rumgerenne offenbar noch nicht genug hat und nun noch neben einem Fahrradfahrer her joggen muss, um mit sich in den Einklang zu kommen. Selbstredend sind große Teile der Hauptstraße abgesperrt, weil der Marathon noch in vollem Gange ist und sich die Breitensportler durch die Hitze quälen, während hunderte Freunde und Helfer im Weg herumstehen und gelangweilt in die Gegend starren. Ich muss also einen größeren Umweg über mich ergehen lassen, um mein Ziel zu erreichen und weiß gar nicht, was mich in diesem Moment trauriger stimmen sollte: All die Bullen, die hier Steuergelder und Zeit verschwenden und einen terroristischen Angriff eh nicht verhindern könnten oder all das alkoholfreie Bier, das am Wegesrand ausgeschenkt wird.

In der S-Bahn vom Alexanderplatz zur Friedrichstraße wimmelt es von weiteren Marathon-Ottos, die alle aus irgendwelchen provinziellen Käffern angereist sind, nur um einmal quer durch Berlin rennen zu dürfen. Selten hat man außerhalb eines Bio-Marktes so viele Bumsdialekte wild durcheinander hören müssen, ehe ein Schwabe zum endgültigen K.O.-Schlag ansetzt: „Berlin isch gar net so arg stressig als wie isch gedenkt hätt!“, lässt er verlauten. Das ist einfach dieser Moment, in dem man panisch schreien und wild um sich schlagen mag. Berlin ist stressig. Und zwar genau wegen solcher Trottel, die jetzt aber aufgrund ihrer vierstelligen Startnummer wenigstens zu personalisieren sind. In irgendwelchen Geheimschränken muss die Teilnehmerliste (→ „Idiotenkatalog“) ja zu finden sein…

Für unsereins kann die Rettung nur heißen: Raus aus dem Tageslicht, ab unter die Erde! Die U-Bahnlinie 6 ist heute gänzlich marathonfrei und befördert Fetti die letzten 16 Minuten der Reise stressfrei bis zum U-Bahnhof Ullsteinstraße. Dort angekommen, stromert er nach seinem Besuch des Mariendorfer SV endlich einmal wieder um den Tempelhofer Hafen herum, ehe er sich durch gepflegte Westberliner Wohnblocklangeweile quer durch einen klassischen Herthakiez auf den Weg in die Rathausstraße begibt. In einem Spätverkauf erwirbt eine ältere Dame eine Packung Milch, die Verkäuferin mit türkischem Migrationshintergrund verrechnet sich drei Mal, hat allerdings aufgrund der klimatischen Ausnahmesituation das vollste Verständnis der deutschen Kundin sicher: „Is ja och heiß heute!“

Kurz darauf brettert ein Ferrari mit laut tosendem Motor an der Martin-Luther-Gedächtniskirche vorbei. Der alte Herr und Fahrer ist dabei so freundlich, dies mit heruntergelassenen Scheiben zu erledigen und eine Old-Spice-Wolke sondergleichen zu hinterlassen. Oder wie es die Kinder vor mir auf den Punkt bringen: „Ey, haste den peinlichen Opa im Ferrari gesehen?“ – so will ich nicht enden. Dann doch lieber Bier trinkend in der „Rathausritze“.

So wird die Spielstätte der Blau-Weißen heutzutage liebevoll genannt. Ausbauten gibt es bis auf einige wenige bewachsene Stehstufen keine und so kommt das Stadion mit seinen angeblich 3.000 Plätzen ziemlich unspektakulär daher, kann aber auf eine bewegte Vergangenheit verweisen. Die Rasenfläche ist wesentlicher Bestandteil einer der ältesten noch existierenden Fußballplätze in Deutschland. 1905 trug Union 92 Berlin seine Heimspiele an der Rathausstraße aus und feierte in diesem Jahr nicht nur die Berliner, sondern auch die Deutsche Fußballmeisterschaft. 1911 fand an Ort und Stelle gar ein Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und England statt und seit 1927 spielt Blau-Weiß 90 mit kleineren Unterbrechungen (beispielsweise das Bundesligajahr 1986/87 und die Spieljahre in der zweiten Bundesliga, für welche man in das Olympiastadion umzog) auf diesem Platz. Sollte Blau-Weiß 90 der Aufstieg in die Oberliga gelingen, dürfte hier nur mit einer Ausnahmegenehmigung weiter Fußball gespielt werden.

Heute ist der Rasenplatz jedoch gesperrt und die Partie gegen „Tas“ muss auf dem belanglosen Kunstrasen-Nebenplatz ausgetragen werden, auf dem fleißige Helfer gerade ein rot-weißes Flatterband spannen, um die Zuschauer vom Betreten des Spielfelds abzuhalten. Ich informiere den Hoollegen über diese traurige Nachricht und tröste mich in dem wirklich schönen Vereinsheim erst einmal mit einem kühlen Blonden. Vor dem Vereinsheim weht die Blau-Weiß 90 Flagge trotzig im Wind, wohingegen der Deutschland-Lappen daneben nur noch in Fetzen hängt. Mein Gefühl für Heimat und Nationalstolz ist hier also bestens repräsentiert, denke ich mir, während ich mir – getarnt als linksgrün-versiffter Student – Eintritt für ermäßigte 4,50 € erschleiche.

Zwar wird einem auf dem Nebenplatz die großartige Vereinshymne von Bernhard Brink  vorenthalten, nichtsdestotrotz scheinen die Fans „heiß auf Blau-Weiß“ zu sein. Einige Zaunfahnen schmücken die Anlage und eine Handvoll Schlachtenbummler und ein Hund mit Schal haben sich an der Eckfahne zusammengefunden, erzeugen Stimmung mit der Trommel und der Stimme, erhalten aber schnell Abzüge in der B-Note wegen politisch grenzwertiger Symbole.

Das „Derby“ (nur 4,3 Kilometer liegen zwischen den Spielstätten beider Clubs) wird eröffnet. Nur wenige Sekunden nach Anpfiff kratzt „Tas“ einen Ball noch gerade eben so von der Torlinie. Für einen kleinen braunen Vierbeiner, gezüchtet aus toupierten Fellresten in den Hinterzimmern eines Hundesalons, ist das bereits jetzt alles zu viel. Aufgeregt bellt er sich die Seele aus dem Leib und wird dann von Frauchen, gezüchtet aus künstlichen Fingernägeln und Permanent-Make-Up-Überbleibseln in den Hinterzimmern eines Beautysalons, vom Feld geführt. Kurz darauf erscheint in Persona des Hoollegen die nächste alte Töle, doch stellt dieser schnell seine Bedeutsamkeit für den heutigen Ausflug unter Beweis, indem er mich fünf Minuten nach Anpfiff darauf hinweist, dass ich neben Ronny Nikol stehe und dass Blau-Weiß heute gar nicht in blau und weiß, sondern in weiß und rot spielt und die erste Chance der Partie demnach die blauen Tasmanen hatten. Man, das wäre ja ein Bericht geworden.

Ab jetzt bin ich im Bilde und kann kurz zusammenfassen, dass Tasmania eine halbe Stunde lang spielbestimmend bleiben und hochverdient in Führung gehen wird. Nach 37 Minuten kann Romario Hartwig für seine Farben (die eigentlich eher die des Gegners sind) nach einem schönen Steckpass in die Schnittstelle der Abwehr das 1:0 für die Gäste erzielen. Ein fotografierender Hopper tritt unachtsam gegen ein gut mit Bier gefülltes Tablett, welches nun in den Abflüssen des Kunstrasens versickert. Seine Entschuldigung ist halbherzig und der Blau-Weiß 90 Anhänger unzufrieden: „Von der Entschuldigung wird dit Bier jetzt och nich wieder voll!“. Wenige Augenblicke darauf haben die Neuköllner die nächste große Gelegenheit und nur dank der Reaktionsschnelligkeit Kilian Pruschkes retten sich die Favoriten aus Mariendorf mit dem knappen 0:1 Rückstand in die Pause – der hätte mutmaßlich sogar noch das Tablett aufgefangen…

In der zweiten Halbzeit setzt ein starker Wind ein, der nicht nur das Flatterband und den einen oder anderen leeren Bierbecher über den Platz tanzen lässt, sondern auch die Auswechselbänke der Teams umweht. Auf dem Rasen bleibt Tasmania stabil und drängt weiter auf das 2:0, lässt aber in der 50., 71. und 79. Minute drei einhundertprozentige Chancen ungenutzt. Kilian Pruschke rettet Blau-Weiß 90 fulminant und bleibt auch in 1:1 Situationen jederzeit Herr der Lage.

Tasmania versucht die knappe Führung nun über die Zeit zu bringen. Auffällig oft wälzen sich die Akteure verletzt auf dem künstlichen Grün, wofür FUDU angesichts der hübschen blonden Physiotherapeutin ein Höchstmaß an Verständnis aufbringen kann. Weniger verständnisvoll zeigt sich der pöbelnde Blau-Weiß-90-Mob an der Eckfahne, der nun immer weiter an Niveau einbüßt. Der Problem-Fan mit Reichsadleraufnäher mit BW-90-Logo in den Krallen (und schmissiger SS-Losung darunter) schmeißt wutentbrannt seinen Bierbecher auf das Feld und der Rest der Bande gibt singend zum Besten: „Der Schiri ist ein Hertha-Schwein!“

Blau-Weiß, das zuletzt 15 Spiele in Serie siegreich gestalten konnte (die letzte Niederlage datiert vom 15.10.2017 in Mahlsdorf), wird nun etwas aktiver und die offensiven Wechsel (u.a. Union-Jugendspieler Kevin Giese) von Trainer Gebhardt kommen endlich zum Tragen. Obwohl Tasmania mit einigen Konternadelstichen gefährlich bleibt, ist es doch der große Staffelfavorit, dem der nächste Treffer gelingt. In der 80. Minute kann Czekalla nach einer schönen Eckball-Direktabnahme-Variante zum Ausgleich abstauben. Und wer mit Rückenwind aus 15 Siegen in Folge unterwegs ist, der gibt sich selbstredend mit einem 1:1 Remis zu Hause nicht zufrieden. Es folgt: Der Schlussakkord. 90+4 (die hübsche Blonde ist Schuld!), Blau-Weiß tankt sich über die linke Seite durch, Pass in den Rückraum, trockener Flachschuss von Kevin Gutsche, 2:1! Der Mob eskaliert, „Tas“ sackt auf dem Rasen zusammen, Schlusspfiff.

Der Hoollege geht seinem Lieblingshobby nach und klatscht mit den Spielern ab. Lucas Rehbein beschwert sich noch über den furchtbar stumpfen Kunstrasen und die „Tas-Ultrás“ geben uns auf Nachfrage zu verstehen, dass sie ihren Flügelstürmer Nicola Thiele auf keinen Fall abgeben wollen. Warum man uns immer und überall für Scouts halten muss, nur weil wir fußballerische Qualitäten erkennen…

Das „Erlebnis Mariendorf“ lassen wir im Anschluss im „Restaurant Aristoteles“ bei griechischer Kost und „Berliner Molle“ angemessen sacken. Als der letzte Ouzo auf’s Haus geleert ist, schlägt es 6 Uhr und das Restaurant füllt sich. Es ist Abendbrotzeit in Kartoffelland! Und somit der perfekte Zeitpunkt für FUDU, Mariendorf den Rücken zuzukehren. Bevor es wieder zu arg stressig wird! /hvg

06.04.2018 FSV Bernau – SG Union Klosterfelde 3:2 (2:0) / Stadion Rehberge / 388 Zs.

Berlin ist der Ort, an dem man bei schlechtem Wetter wegen des Wetters schlecht gelaunt ist und bei gutem Wetter wegen der abscheulichen Menschen, die dann gutgelaunt und furchtbar angezogen die Friedrichshainer Straßencafés säumen. Grund genug für mich, an dem ersten sonnigen Tag des Jahres 2018 Reißaus zu nehmen und meinen freien Ferienfreitag andernorts zu verbringen.

In der Stichwahl setzt sich Bernau knapp gegen Bonn durch und der Besuch des „Sportpark Nord“ wird noch ein wenig auf Eis gelegt. Heute führt mich mein Weg in die Brandenburger Kleinstadt am nordöstlichen Stadtrand, die man aufgrund ihrer fast 40.000 Einwohner genaugenommen gar nicht mehr „Kleinstadt“ nennen darf, sondern gemäß „Gabler Wirtschaftslexikon“ offiziell als „Mittelstadt“ führen muss.

Im Herzen der Stadt nimmt man mich im Tourismusinformationsbüro herzlich in Empfang. Selbstverständlich gehört ein Besuch einer solchen Einrichtung zur perfekten Urlaubssimulation und zum geschickten Selbstbetrug unweigerlich dazu. Versorgt mit einem hübsch gestalteten Flyer („Bernauer Stadtrundgang – Innenstadtplan mit Sehenswürdigkeiten!“) wird es mir schon gelingen, die gleich 49 Höhepunkte der Stadt zu erkunden.

Steintor, Stadtmauer und Pulverturm bieten recht schnell ein ansehnliches mittelalterliches Ambiente, in welchem sich das alljährliche „Hussitenfest“ sicherlich gut feiern lässt. Ein jedes Jahr taucht Bernau am zweiten Juniwochenende in seine Stadtgeschichte ein und verwandelt sich in einen mittelalterlichen Jahrmarkt. Weniger stolz kann man auf die Stadtgeschichte der 1970er Jahre sein, in der Großteile der Altstadt vernichtet worden sind. Anstatt die sanierungsbedürftigen Fachwerkhäuser zu restaurieren, entschied man sich aus Kostengründen zu einem Abriss und schaffte Wohnraum im Stile einer „sozialistischen Musterstadt“. Die entstandenen Plattenbauten fügen sich mit lediglich vier Stockwerken wenigstens in der Höhe in das Gesamtbild ein, dennoch entstehen beispielsweise in der „Hohe Steinstraße“ einige surreale Anblicke – auch, wenn die Plattenbauten in der Zwischenzeit renoviert und farblich etwas aufgehübscht worden sind.

Dr. Wilhelm Külz hat auch in Bernau seine Spuren hinterlassen und noch beim Betreten des nach ihm benannten Parks klingelt mir Günters Referat aus Fürstenwalde in den Ohren. Um 16.30 Uhr habe ich den Stadtspaziergang erfolgreich abgeschlossen – von wegen keine „Kleinstadt“. Noch drei Stunden bis zum Anpfiff. Ich kehre in den „Gasthof zum Zickenschulze“ ein, nehme auf der sonnigen Terrasse Platz und lasse mich in meiner Simulation nicht einmal vom „Berliner Pilsner“ irritieren. Kurzzeitig erwächst der Wunsch in mir, diesen ersten Sonnentag des Jahres mit einem hübschen Menschen zu teilen und so nehme ich Kontakt zur Frauenwelt der näheren Umgebung auf und erhalte die erwartete Antwort. „Habe ich ja eigentlich total Lust drauf, aber…“ – und wie wir alle wissen, negiert dieses kleine unschuldige „aber“ bekanntlich ein jedes Mal alles vor dem Komma Gesagte…

Ich zum Beispiel bin ja eigentlich kein Trinker und kein Sonnenfreund, aber heute nutze ich die Gelegenheit und lasse mir bei einem weiteren Bierchen einen frühlingshaften Teint verpassen. Dabei werde ich Zeuge eines einigermaßen spektakulären Schauspiels, als ein Senior vor der Gaststätte parkt, sich einen Parkschein löst und nach der Lektüre des Zettels in den Rumpelstilzchen-Modus verfällt. Schon bitter, wenn um 17.58 Uhr der letzte Groschen in den Automaten und erst kurz darauf der wesentlich wichtigere Groschen fällt, dass man hier ab 18.00 Uhr umsonst hätte parken können. Mit einem beherzten „Die ham doch wohl ’ne Macke!“ schließt er die Szene. Da auch von einer später einsetzenden Selbstreflektion nicht ausgegangen werden kann, ruhen die Hoffnungen nun in seiner Frau. Hoffentlich wird sie ihm am Abendbrottisch auf seine Schimpftirade einfach entgegnen: „Biste doch selber Schuld, wennde da noch kurz vor Feierabend dein Jeld reinsteckst, Heinz!“, während er im Hintergrund weiter „die ham doch ’ne Macke, die ham doch ’ne Macke, die ham doch ’ne Macke…“ in seinen Bart grummeln wird.

Das „Stadion Rehberge“ des FSV Bernau e.V. befindet sich in 2,5 Kilometern Entfernung und lädt zu einem weiteren Stadtspaziergang ein. Kurz nachdem der „Sportplatz am Wasserturm“ und somit die Spielstätte des Lokalrivalen TSG Einheit passiert ist, rettet ein „Getränke Hoffmann“ mein Leben. Mit einem kühlen Wegbier ausgestattet geht dann auch die letzte Etappe leichter von der Hand, die mich noch weiter an den Stadtrand führt. Im Gewerbepark Bernau-Rehberge rotten sich die Bernauer Ronnys und Mandys mit ihren röhrenden Boliden an der Tuning-Tanke zusammen und ich werde dank des Holzbödenfachgeschäfts „Berliner Dielen“ erstmals am heutigen Tage an meine Heimat erinnert. Ja, weeß ick doch. Uff der Warschauer Brücke zum Beispiel.

„Fünf Euro wegen zwei Euro Topspielzuschlag“, pfeffert einem der Kassierer entgegen, noch bevor man „Hallo“ sagen kann. Es ist „Derbytime“ in Bernau und bereitwillig zahle ich das geforderte Eintrittsgeld, um der Partie gegen die SG Union Klosterfelde beiwohnen zu können. Die Spielstätte ist mit ihren 200 überdachten Tribünenplätzen und gut 1.800 Stehplätzen am Spielfeldrand durchaus ansehnlich und knapp eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff bereits recht gut gefüllt. Im Stadionheft, welches aus vier Seiten besteht, gibt es neben Werbung und einer Tabelle genau 16 Zeilen Text, die Bernaus Präsident Krüger dazu nutzt, einen Rückblick auf das Stadtderby („nach dem Derby ist vor dem Derby“) gegen die TSG am vergangenen Wochenende zu werfen und Seitenhiebe auszuteilen. Es ist von „dem anderen Bernauer Fußballverein“ die Rede und selbstredend darf der Verweis darauf nicht fehlen, dass die „jahrelange Rivalität“ mit Klosterfelde „vornehmlich geprägt durch Respekt und Achtung über das Erreichte des jeweils anderen Vereins“ ist. Übersetzt heißt das soviel wie: Diese Scheißkerle von der TSG sind von der Kreis- bis in die Brandenburgliga marschiert und meinen jetzt, auf ihrem dämlichen Kunstrasenplatz den dicken Max markieren und uns an den Karren pinkeln zu müssen. Das schreibe ich jetzt so ins Stadionheft – und sonst gar nichts!

Bei hausgemachter Boulette und frischem Pils vom Fass beobachte ich von der Terrasse der Stadiongaststätte die Akteure beim Erwärmen. Zwar erweckt der Rasen dank seiner saftig grünen Farbe zunächst den Anschein eines echten Teppichs, doch bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass die Spieler beim Führen des Balles vor erhebliche Probleme gestellt werden. Jeder Pass wird auf diesem holprigen Feld zu einem Vabanquespiel und der Torwarttrainer der Gäste versucht seinen Schützling adäquat vorzubereiten, verstolpert aber jedoch selbst jeden springenden Ball.

Zu Spielbeginn haben sich stolze 388 Zuschauer auf der Anlage eingefunden und fiebern der Partie zwischen dem Tabellenzweiten aus Bernau und dem Achten aus Klosterfelde entgegen. Ich habe meinen Platz neben der Tribüne bezogen und freue mich darüber, dass es sogar sichtbaren Gästeanhang hinter einigen Fahnen zu bestaunen gibt. Im Tor der Bernauer steht Ex-Unioner Eric Niendorf und Verteidiger Töpfer begrüßt mich und die anderen Zuschauer bei seinem ersten Einwurf mit einem herzlichen „Moin“. Hier wird einem noch etwas geboten für sein Geld.

Nach 15 Minuten geht der FSV dank einer schönen Kombination, mit der die gesamte Klosterfelder Abwehr und auch ihr Torwart ausgehebelt werden, mit 1:0 in Führung. Georg Machut lässt sich als Torschütze feiern. Insgesamt wirkt der FSV wacher und hat viel schneller in das Spiel gefunden als die Gäste aus dem 15 Kilometer entfernten Wandlitz, Ortsteil Klosterfelde. Nach 21 Minuten schallt bereits das zweite Mal „Scooter“ durch das weite Rund. Machut hat dem Boden getrotzt und sich nicht davon aus der Ruhe bringen lassen, dass der Ball kurz vor dem Abschluss falsch aufgesprungen war. Alleine auf den Torhüter zulaufend wartet Machut einfach in aller Seelenruhe, bis der versprungene Ball wieder auf dem Boden ruht, um ihn dann einzuschieben. Döp döp döp de de döp döp döp!

Dreißig Minuten sind gespielt, als meine Kamera nach einer Doppelchance des FSV Bernau ihren Geist aufgibt. Da war es wohl zu lange am Stück zu warm und zu trocken für das „englische Fabrikat“ aus Birmingham. Der Ausfall ist jedoch zunächst zu verschmerzen, da es sich nun doch deutlich verdunkelt hat und die jämmerlichen Flutlichtfunzeln für keine fototauglichen Lichtverhältnisse sorgen können. Zeitgleich sorgt die einsetzende Abendkühle für etwas Feuchtigkeit und der Boden leidet zusätzlich. Holprig. Tief. Seifig. Das wird Kräfte kosten!

Erst nach 37 Minuten sendet Klosterfelde ein Lebenszeichen und kann in die deutliche Überlegenheit der Gastgeber eindringen. Wie aus dem Nichts feuert Morten Jechow, der schon bei allen unsympathischen Clubs Berlins gespielt hat, einen satten Fernschuss ab, der nur knapp links über die Latte streift.

In der zweiten Hälfte hat Bernau weiterhin Feldvorteile, bis Schiedsrichter Kai Kaltwasser entscheidend in die Partie eingreift und den ersten Angriff Klosterfeldes nach 70 Minuten mit einem sehr fragwürdigen Elfmeterpfiff belohnt. Jechow lässt sich nicht zwei Mal bitten und verwandelt sicher zum Anschluss.

Niendorf sieht schwere Zeiten auf sich zukommen und versucht sich als Lautsprecher der Mannschaft. „Ruhig bleiben, Männer“ schreit er fünf Mal hintereinander über den Sportplatz, kontinuierlich lauter werdend. Genauso wenig ruhig verhält sich Trainer Städing, der sich wegen der Elfmeterentscheidung mit Kaltwasser anlegt und in Folge der Diskussion einen Verweis erhält, den Innenraum verlassen muss und sich nun vermutlich genauso drangsaliert führt wie Warmbier.

Direkt im Anschlus des Innenraumverweises gelingt Klosterfelde durch Yaman der Ausgleich. Nur zwei Minuten sind zwischen Anschluss und Ausgleich vergangen und auf der Haupttribüne geben sich knapp 30 weitere Klosterfelder jubelnd zu erkennen.

Das vielzitierte „Momentum“ liegt nun bei Klosterfelde, die sich anschicken, die Partie zu drehen. In der 74. und 77. Minute lassen sie jedoch gute Gelegenheiten liegen, dem Spiel die letztlich ziemlich unfassbare Wendung zu geben. Ich bin bereits zu diesem Zeitpunkt vollends auf meine Kosten gekommen und glücklich darüber, mich nicht für eine Reise nach Bonn entschieden zu haben, als Bernau die nächste Pointe des Spiels setzt. Mit dem allerersten Angriff seit der Schockstarre des doppelten Gegenschlags erzielt Jean-Pierre Dellerue nach 78 Minuten das 3:2. Das Stadion Rehberge wird nun endgültig zu einem Tollhaus, in dem auch die Akteure die Sicherungen rausfliegen. Eine Rudelbildung endet nach 82 Minuten mit einem Platzverweis für Tobias Marz, der sich weigert, den Platz zu verlassen und von einem Ordner Bernaus von selbigen geschoben werden muss. Das wiederum missfällt nun den übrig gebliebenen zehn Klosterfeldern, die auf den Ordner zurennen und ihn auffordern, Kollegen Marz loszulassen. Der alte Mann mit Ordnerweste ruft nun seinen Kollegen Wolfgang zu Hilfe, der aber in etwa genauso alt und schnell ist, wie es sein Name vermuten lässt und so dauert es ein wenig, bis ein zweiter neonfarbiger Mensch auf dem Rasen erschienen ist. Langsam löst sich die Situation in Wohlgefallen auf und das Spiel kann fortgesetzt werden – nachdem die beiden alten Männer, die glücklicherweise ohne gesundheitliche Schäden aus der Eskalation herausgekommen sind, sich sichtlich erschöpft vom Feld geschleppt haben. Hab doch gesagt, das hier wird Kraft kosten!

Nach einer letzten Ausgleichschance in der Nachspielzeit erlöst Schiedsrichter Kaltwasser die Bernauer mit seinem Schlusspfiff. Ich begebe mich zu Fuß durch das dunkle Bernau in Richtung S-Bahnhof und fühle mich plötzlich wie in einem verschlafenen polnischen Dorf, nur, dass es nicht nach Kohleöfen riecht. In der S-Bahn kümmere ich mich um meine Kamera und wende alle Reperaturtricks an, die man so kennt. Auf Höhe Zepernick funktioniert sie dann plötzlich wieder. Na, dann kann das nächste Derby ja kommen! /hvg

02.04.2018 SpVgg Bayreuth – TSV München von 1860 2:1 (0:0) / Hans-Walter-Wild-Stadion / 7.123 Zs.

Im „Bierwerk“ zu Nürnberg ist die Auswärtsniederlage des 1.FC Union Berlin bei der SpVgg Greuther Fürth am 01.04. schnell verdaut. Die attraktive Kellnerin hat ein Herz für durstige Männer und so fühlen wir uns in der „Charakterbierbar“, wie sich der Laden selbst nennt, gut aufgehoben.

Einige „Blondi“ später entscheidet sich ein Teil der Reisegruppe für den gepflegten Rückzug in das Nürnberger FUDU-Hauptquartier, während der andere Teil seinen Umtrunk in der „Saigon-Bar“ fortsetzen will.

Bereits eine knappe Stunde später ist aber auch der Fackelmann hochgradig diszipliniert in der Wohnung angekommen. Er berichtet noch schnell von einer lautstarken Auseinandersetzung einer Gruppe junger Männer in der Innenstadt. Gab es Verletzte? Ja, einen. Der Fackelmann selbst hat die Statistik – eigens für die erhöhte Dramaturgie dieser Anekdote – aufgehübscht, indem er beim schleunigen Passieren der Gruppe gegen eine Laterne gelaufen ist.

Am Ostermontag steht unter dem Strich die freudige Erkenntnis, dass es beide FUDU-Schweine zuverlässig, pünktlich und so nüchtern wie nötig zum Nürnberger Hauptbahnhof geschafft haben, an dem es sogleich die erste kniffelige Entscheidung des heutigen Tages zu fällen gibt. Neben der regulären Regionalbahnverbindung nach Bayreuth wird es heute auch einen Sonderzug für die 1860-Fans geben, der dann ohne Halt direkt durchfahren wird. Der Vorteil: Man ist schneller am Ziel. Der Nachteil: Man hat vermutlich eine Heerschar Bullen an der Backe.

Wir trinken „Held Bräu“, beobachten das Treiben szenekundig und entscheiden uns dann gegen die Sonderzugfahrt, als mehr und mehr „Sechzger“ der Kategorie B den Bahnsteig fluten. Wir nehmen also Platz im gemütlich leeren Zug nebenan, der uns via Hersbruck, Pegnitz und Creußen nach Bayreuth befördern soll. Fünf Minuten vor der Abfahrt setzt auf dem Nachbarbahnsteig urplötzlich rege Betriebsamkeit ein und die gut 60 Ultrás entscheiden sich spontan gegen eine Nutzung des Sonderzugs. Ha, da schauen die Ordnungshüter dumm aus der Wäsche! Im ewig währenden Katz-und-Maus-Spiel geht die jugendliche Subkultur an diesem Vormittag also mit 1:0 in Führung. Allerdings aber auch zu unserem Leidwesen, da wir uns nun in einem rollenden „ellesse“-Katalog befinden und uns 54 Minuten lang kritisch musternden Blicken ausgesetzt sehen. Wortlos einigen wir uns darauf, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, einfach mal die Schnauze zu halten und trinken bis zur Ankunft stumm unser Bier. Mia Wallace würde die Situation wohl mit einem: „That’s when you know you’ve found somebody special. When you can just shut the fuck up for a minute and comfortably share the silence!“ romantisieren, doch im Gegensatz zu ihr würde ich in dieser Konstellation wohl eher von „unbehaglichem Schweigen“ sprechen wollen.

Bei einem kleinen Stadtbummel haben wir uns schnell von der quälenden Bahnfahrt erholt. Erwartungsgemäß hat die Stadt, die regelmäßig zu den „Richard-Wagner-Festspielen“ die Weltöffentlichkeit empfängt, optisch einiges zu bieten. So man auf pompöse Vorzeigebauten steht, kommt man entlang des roten Mains schnell auf seine Kosten. Altes Schloss, Markgräfliches Opernhaus und der Markgrafenbrunnen vor dem Neuen Schloss können sich durchaus sehen lassen, ehe es FUDU zur Spitalkirche auf den unteren Markt treibt, wo man kurz darauf in die „Brauereischänke am Markt“ einkehrt.

Aufgrund der nächsten stillschweigenden Verabredung, lokalen Bieren immer den Vorzug zu gewähren, wird in der Frühlingssonne ein „Maisel’s Weisse“ Hefe verköstigt und dazu ein deftiges Bratengericht bestellt, weil es die Brauerei auf ihrer Website als „Speiseempfehlung“ zum Hefe aufführt und die Schänke leider keinen Bergkäse oder würzige asiatische Speisen führt. Nach einer Stunde ist das zweite Bier geleert und das Essen noch immer nicht eingetroffen. Nach 90 Minuten Wartezeit wagen wir es, nachzufragen, ob wir noch mit einem warmen Essen zu rechnen haben. Die Kellnerin entschuldigt sich und gibt als Grund an, unser Bon sei in der Küche leider heruntergefallen und konnte daher nicht bearbeitet werden. Um uns herum hatten sich in der letzten halben Stunde allerdings mehrere Gäste über lange Wartezeiten beschwert, sodass leider davon ausgegangen werden muss, dass man aktuell in der Küche der Marktschänke knöcheltief durch Bons watet. Fetti ist bereits vollkommen ausgemergelt und muss nun die Entscheidung treffen, ob er noch einmal 20 Minuten auf sein Essen wartet. „Als Entschuldigung sind dann auch alle Getränke umsonst“, schiebt die Kellnerin hinterher und Fetti feiert zu Ostern seine Auferstehung. Klar, wir können warten. Aber bringen Sie doch noch zwei Bier, bitte!

Nachdem das leckere Hauptgericht verspeist und das dritte Freigetränk des Nachmittags konsumiert ist, begeben wir uns zu Fuß in das „Hans-Walter-Wild-Stadion“, das so aussieht, wie ein städtisches Stadion der 1970er eben aussieht. Leichtathletikbahn, weitläufige Kurven, rundum gekachelte Sanitärbereiche, in denen man sich erst einmal orientieren muss, wohin genau man urinieren soll UND eine überdachte Haupttribüne, die in Bayreuth durch alte Holzklappsitze aufgewertet wird. Benannt ist das Stadion nach dem ehemaligen Oberbürgermeister Hans-Walter Wild, der den lokalen Sport in Bayreuth stets förderte. Insgesamt 12 Jahre verbrachte die SpVgg Bayreuth in der 2. Bundesliga, doch seit dem Abstieg in der Saison 1989/90 konnte man nie wieder ansatzweise an den Bereich des Profifußballs heran schnuppern.

Das letzte große Highlight erlebte das Stadion so im Jahre 1991, als der FC Bayern München im legendären „Fuji-Film-Cup“ Borussia Dortmund vor 9.000 Zuschauern mit 0:2 unterlegen war. Mittlerweile ist das Stadion mit seinen 21.500 Plätzen nur noch eine Spielstätte der viertklassigen Regionalliga Bayern. Im Schnitt verfolgen hier gerade einmal um die 1.000 Zuschauer die Heimspiele, doch heute stellt sich schon weit vor Anpfiff endlich einmal wieder regelrechte Volksfeststimmung ein. Wir werden mit mehr als 7.000 anderen Fußballfreunden in den Genuss kommen, das Viertelfinal-Nachholspiel des bayrischen Fußballverbandpokals zwischen der SpVgg Bayreuth und dem Turn- und Sportverein von 1860 beiwohnen zu können.

Bereits im Vorfeld der Partie hatte FUDU einen solchen Ansturm kommen sehen und sich daher rechtzeitig mit Tribünenkarten eingedeckt. Über die Internetplattform „Eventbrite“, die die SpVgg Bayreuth als seriösen Partner auserkoren hat, ging die Bestellung zunächst problemlos vonstatten. Dumm nur, dass im Anschluss der Buchung das Öffnen und später der Ausdruck der gekauften Tickets zum Scheitern verurteilt war. Auf Suche nach Hilfestellung landete man zwei-drei Klicks später in der Firmenzentrale, die – es liegt auf der Hand – in San Francisco zu verorten ist. Irgendwann wird es Fetti schon nach Hollywood schaffen, aber wegen „Oldschdod“-Tickets extra nach Kalifornien reisen? Muss nicht sein! Vorteilhaft, dass der Fackelmann im Gegensatz zu mir und meiner Firma über ein Gerät verfügt, welches auch im Jahre 2018 alle Anforderungen erfüllt, um sich offiziell Computer nennen zu dürfen. Schnell stellt sich heraus, dass man sich Eintrittskarten für die SpVgg Bayreuth durchaus zu Hause ausdrucken kann und nicht nach Kalifornien reisen muss, wenn man sich auf dem aktuellen Stand der Technik befindet. Glück gehabt.

Wir nehmen auf der gut gefüllten Tribüne Platz und sind anfangs froh darüber, uns bereits in Berlin um Karten gekümmert zu haben. Nach und nach werden wir von 1860-Kutten umringt, die Beinfreiheit lässt enorm zu wünschen übrig und die gleißende Sonne scheint einem dermaßen ins Gesicht, dass man kaum etwas sehen kann. Der Stadionsprecher begrüßt Stargast Bernd Hobsch, dessen Sohn Patrick es nicht in die Startformation der Bayreuther geschafft hat. Der Stadionsprecher ist übrigens einer dieser Stadionsprecher, die man sich aus dem Stadionsprecherbaukasten aus all den Teilen zusammenpuzzlen kann, die man nehmen würde, würde man die denkbar schlimmste Version eines Stadionsprechers kreieren wollen. Laut, albern, überdreht. Viel Pathos. Und. Nach. Jedem. Wort. Eine. Pause. Wie ein Animateur im Robinson Club. Ein Marktschreier. Oder irgendein Typ vom Rummel. Der hier plärrt jedenfalls allen Ernstes kurz vor Anpfiff: „Auf geht’s, Oldschdod – Shoooooooow me your Waaaaaaaaaarface!“

Die Wahl, sich eine teure Tribünenkarte zu kaufen, stellt sich nach der Sonderzugepisode recht bald als zweite Fehlentscheidung des Tages heraus. Nach zwanzig Minuten haben wir genug der Enge und des dämlichen Gequatsches der „Sechzger“ um uns herum und verziehen uns in die Kurve zu unserer Linken. Dort finden sich all die Gelegenheitsbesucher ein, die vom Fußball keine Ahnung haben, aber ihre schicken Klamotten endlich einmal einer breiten Öffentlichkeit zeigen wollen. 100 Punkte für die goldene Jacke, Grandmaster Swag!

Auf dem grünen Rasen passiert derweil rein gar nichts. 1860 schickt heute nur eine B-Elf ins Rennen, die ganz offensichtlich in dieser Konstellation noch nie miteinander Fußball gespielt hat. Bayreuth hält das Spiel offen, ist aber offensiv ebenso unfähig wie die Blauen. In der gesamten ersten Hälfte wird keinem Team auch nur ein einziger vernünftiger Torabschluss gelingen.

In der Halbzeitpause gibt der Stadionsprecher noch einmal richtig Vollgas und kann lediglich durch 200 Dezibel laute Popmusik der Marke „Potpourri der Hölle“ übertönt werden. In dem ganzen Geschrei geht es beinahe unter, dass Bayreuth in der Pause verletzungsbedingt wechseln muss: Für Ulbricht kommt Hobsch.

Nach 53 Minuten geht der TSV von 1860 durch einen Distanzschuss von Genkinger in Führung. Die gut gefüllte Löwenkurve hinter dem gegenüberliegenden Tor feiert ausgelassen, während die Akteure im Kopf einen Haken hinter diese Partie setzen. Anders ist es nicht zu erklären, wie es der SpVgg in Folge gelingen kann, das Spiel an sich zu reißen und auf den Ausgleichstreffer zu drängen. Nach einer Stunde wird Darius Held regelwidrig im Strafraum gestoppt und Patrick Hobsch verwandelt den fälligen Elfmeter zum 1:1 sicher. Bayreuth bleibt weiter am Gashahn und stellt das Kunststück fertig, in der 65. Minute gleich drei Chancen innerhalb einer Aktion ungenutzt zu lassen. Die „Oldschdod“-Jungs haben sich nun richtig in das Spiel hineingebissen und wollen die Entscheidung vor der Verlängerung erzwingen. In der 80. landet ein Kopfball nach einer Ecke noch auf der Querlatte der „Sechzger“, ehe Patrick Hobsch in der 88. Minute zum umjubelten Held der Partie wird. Der Schuss von Knezevic kann die vielbeinige Löwenabwehr noch klären, doch den Abpraller verwandelt Patrick in Bernd-Hobsch-Manier kaltblütig zum Endstand.

Die SpVgg Bayreuth wird es im Halbfinale mit dem FC Memmingen zu tun kriegen, während es sich der Stadionsprecherclown nicht nehmen lässt, dem TSV 1860 und seinen Fans euphorisch alles Gute für den Aufstieg zu wünschen und gefühlte einhundert Mal schreiend darauf hinzuweisen, dass sich die Löwen als Meister der Regionalliga Bayern automatisch für den DFB-Pokal qualifiziert haben. Halt einfach mal die Schnauze, sonst zeigt dir FUDU gleich sein „Warface“…

Nach dem Spiel kehrt FUDU etwas erschöpft im „ältesten Brauhaus der Welt“ ein und lässt das Osterfest stilecht ausklingen. Noch wissen wir nicht, dass uns gleich noch ein SEV-Erlebnis bevorsteht und wir Bekanntschaft mit Neuenmarkt-Wirsberg und Coburg machen dürfen. Aber auch das werden wir „Charakterbiertrinker“ sicherlich unbeschadet überstehen… /hvg

31.03.2018 FK Teplice – AC Sparta Praha 1:1 (0:1) / Stadion Na Stínadlech / 10.142 Zs.

Der rumänische Kassenwart hat auf die Frage, wie man am Günstigsten zum Auswärtsspiel nach Fürth gelangen kann, wieder einmal eine überzeugende Antwort parat. Ich folge seiner Empfehlung und löse eine Freifahrt von Berlin nach Fürth mit einigen Stunden Aufenthalt in Dresden ein – gerade so, dass genügend Zeit für einen Ausflug nach Tschechien verbleibt. Und so kommt es, dass ich am Samstag bereits um 11.08 Uhr im Eurocity in Richtung Praha sitze und mich auf ein großartiges Wochenende freuen kann.

Im Sechserabteil des tschechischen Zuges nimmt neben mir ein sächsisches Ehepaar Platz. Während ich mich wie schon sooft in diesem Zugtyp über die bequemen Sitze, die Beinfreiheit, alte Gardinen und die drei formschönen Hebel für Heizung an/aus, Ton an/aus und Licht an/aus freue, nutzt sie die kurze Fahrt nach Dresden, um sich über die veraltete Technik zu beschweren. „Da ziehe ich den Flixbus vor“ wird sie am Ende der Reise sagen und auch der Zugbegleiter ist nicht wesentlich besser gelaunt. Mit unheimlicher Niedergeschlagenheit in der Stimme beginnt er kurz hinter Dresden-Neustadt seine Durchsage: „Wir werden alle…“ – es folgt eine melodramatische Pause, die mich vermuten lässt, das nun folgende Wort könnte „sterben“ heißen – doch setzt er dann zu meiner Erleichterung mit „Anschlüsse erreichen!“ fort. Wenn nicht einmal pünktliche Züge einen Mitarbeiter der Deutschen Bahn erfreuen können, dann sind wohl Hopfen und Malz verloren.

Um 13.07 Uhr habe ich Dresden Hauptbahnhof erreicht. „Danger-Mike“ steht bereits mit dem kleinen Bruder des Tschechenbentley zur Abholung bereit. Zwecks Hopfen und Malz wird es uns heute ins Böhmerland verschlagen und schnell ist „Teplice“ als Ziel in das Navigationsgerät getippt, welches doch arg anglophil daherkommt und uns schnell versichert, es würde den Weg nach [tæplaɪs] wie im Schlaf kennen. In Teplitz-Schönau erwartet der freundliche Meteorologe von nebenan heute null Sonnenstunden, Regen und jämmerliche fünf Grad Celsius. Während die Wetterprognose für Teplice also schön mau ausfällt, sind die Aussichten bezüglich des Fußballspiels schon etwas rosiger. Über all die Jahre ist es mir nicht gelungen, das grenznahe „Stadion Na Stínadlech“ zu kreuzen und da heute der große AC Sparta zu Gast sein wird, könnte die Gelegenheit gar nicht günstiger sein, dies nun endlich nachzuholen.

Auch für den Fahrer ist dies heute keine Tour wie jede andere. Als wir den Bahnhof Teplice passieren, erlebt er seinen ersten großen emotionalen Moment des Tages. Hier an Ort und Stelle hat der kleine „Danger-Mike“ mit 13 Jahren das erste Bier seines Lebens getrunken. Solltet ihr in eurem Dasein also jemals an diesem Bahnhof aussteigen und euch über die gusseiserne Statue wundern, die einen Jungen mit Cowboyhut und Flasche am Hals darstellt, dann wisst ihr hiermit Bescheid, welches historische Ereignis durch dieses Kunstwerk gedacht wird.

Auf dem Parkplatz in Stadionnähe setzt sich für „Danger-Mike“ die Auseinandersetzung mit seiner Biographie beinahe zwangsläufig fort. Gleich zwei Mal überprüft er, ob ich die Beifahrertür auch ja ordnungsgemäß verschlossen hätte. Kleinlaut gibt er bei, dass ihm vor 15 Jahren auf genau diesem Parkplatz Pfandflaschen und einige Audiokassetten aus dem Gefährt gestohlen wurden. Ossis, die sich in Tschechien beklauen lassen. Dafür hätte es die Wende nicht gebraucht!

Um Punkt 15.15 Uhr fangen wir an, zurückzuschießen. In einer kleinen Kneipe, in der es fürchterlich nach chlorhaltigen Reinigungsmitteln stinkt, liegen erste Sparta-Fans bereits mit den Köpfen auf den Tischen. Besonders angetan hat es uns eine Reisegruppe der sehr sportlichen Fraktion, deren Mitglieder nebenan grünes Bier trinken und einem alten Osterbrauch folgend mit Weidenpeitschen („Pomlázka“) aufeinander eindreschen. Andere Länder, andere Sitten. Wir sind gute „Radegäste“, beobachten das Szenario amüsiert, doch nach und nach löst sich die Gruppe in ihre Einzelteile auf. Selbst der 130 Kilogramm Stiernacken hat an diesem Osterfeiertag der „Zech Republic“ etwas das Maß verloren und verlässt nach einer letzten Runde Schnaps nun bedrohlich schwankend die Gaststätte.

Wenige Minuten später tun wir dies aufgrund des näher rückenden Anpfiffs der Gruppe gleich, nur weitaus weniger angeschlagen. Vor der Lokalität gilt es ein wenig Slalom zu laufen, sind doch einige Pfützen Hooligankotze als Andenken hinterlassen worden.

Genauso eklig wird es kurz darauf in der Warteschlange am Kassenhäuschen, in der sich doch tatsächlich irgendein Tschechenbengel erdreistet, mir hier mit Hertha-BSC-Wollmütze zu begegnen. Allerdings freue ich mich so sehr auf mein Stadionbier, die Halbzeit-Klobása und das Spiel als solches, dass ich mir bei nun auch noch einsetzendem eiskalten Wind keineswegs die Stimmung vermiesen lasse.

Das „Stadion Na Stínadlech“ hat 18.221 Plätze, wovon sich aufgerundet 94,7% auf den drei überdachten U-Form-Tribünen befinden. Nur 966 Menschen fasst die unüberdachte Stehplatztribüne hinter dem Tor zu unserer rechten. Teplice wird aus einem kleinen Block an der Eckfahne von circa 50 Unentwegten angefeuert und nennt noch einen weiteren Fanblock auf der Gegengerade sein Eigen, in dem weitere 25 Menschen Fahnen schwenken. Sparta darf sich heute der Unterstützung von gut 1.500 mitgereisten Schlachtenbummlern gewiss sein.

20 Minuten sind in der Zwischenzeit bereits gespielt worden. Lediglich ein Fernschuss des FK Teplice sorgt bis hierhin für etwas Unterhaltung in einer Partie, in der sich beide Teams neutralisieren. Fünf Minuten später scheitert Teplice per Kopf, ehe der rechte Verteidiger Teplices namens Tomáš Vondrášek gleich zwei Mal ganz alt aussieht und Sparta zu zwei gefährlichen Flanken einlädt, wovon zweitere nach einer halben Stunde beinahe in Zählbares umgemünzt werden kann, doch aus gut 11 Metern Entfernung schießt Václav Kadlec den Ball weit über das Tor.

Gut zehn Minuten später ist es dann aber doch vollbracht und Sparta kann durch Stanciu in Führung gehen. Ein klassisches Tor der Marke „reingewürgt“: Nachdem zunächst Kadlec selbst im Weg gestanden und einen scharfen Schuss eines Teamkameraden an den Kopf bekommen hatte, folgen zwei weitere Abschlussversuche, die gelb-blaue Abwehrspieler noch gerade eben so verhindern können, ehe der Rumäne der glückliche Nutznießer dieses Flipperspiels wird und den Ball im Sechszehner auf die Füße bekommt und „mulțumire“ sagt.

In der Halbzeitpause eröffnet mir der freundliche Imbissverkäufer, dass er leider keine roten Klobása mehr, sondern nur noch weiße im Angebot hat. Natürlich ist das Kind mit der Hertha-Mütze unauffindbar, wenn man mal jemanden zum Frust ablassen braucht. Ich finde Trost in einem weiteren Stadionbier.

Die zweite Halbzeit tröstet ebenfalls über den etwas enttäuschenden ersten Spielabschnitt hinweg. Das Spiel ist nun deutlich lebhafter und offener, wobei sich der leichte Außenseiter aus Teplice aufmacht, das Spiel zu seinen Gunsten zu drehen. Martin Frýdek verlässt auf Seiten Spartas mit blutender Kopfwunde das Feld, während die 50 Teplice-Hansel im Kuchenblock an der Eckfahne Gästeschals verbrennen. Wenn das der fette Typ mit der Osterpeitsche mitbekommen hat, wird es nachher auf dem Stadionparkplatz wohl die eine oder andere Nackenschelle geben…

Bereits in der 57. Minute gelingt Červenka nach einer schönen Hereingabe vom rechten Flügel der Ausgleich. Für den nächsten Höhepunkt sorgt Kučera, doch leider verfehlt sein sehenswerter Schlenzer den Kasten Spartas nur knapp. Teplice erlangt nun regelrecht Oberwasser und hätte spätestens in der 79. Minute durch den nur kurz zuvor eingewechselten Vaněček in Führung gehen müssen. Sparta wehrt sich auf dem Rasen mit Händen und Füßen und auch der Gästeblock setzt sich nun nicht mehr lediglich akustisch, sondern auch optisch in Szene und zündet einige rote Hoffnungsfeuer. Auf der LED-Tafel wird derweil irgendein Gewinnspiel abgehalten und einige Ziffern rattern wie an einem Spielautomaten wild durcheinander, bis am Ende eine dreistellige Glückszahl stehenbleiben wird. „Das ist bestimmt die Anzahl der aufgebrochenen Autos auf dem Stadionparkplatz“, sagt „Danger-Mike“ und beweist, dass er das Trauma von damals doch nicht gänzlich unbeschadet überstanden hat. Als der Schiedsrichter die Partie beendet, sacken die Akteure des FK Teplice etwas enttäuscht zusammen – hier wäre heute etwas mehr möglich gewesen. Da ich im Vorfeld der Partie ein 1:1 getippt hatte, fühle wenigstens ich mich wie ein Gewinnertyp, als wir kurz darauf bei liebevoll handgemachter tschechischer Countrymusik zurück nach Drezno rasen.

Dort angekommen, lässt mich „Danger-Mike“ allein in seiner Wohnung zurück. Jedenfalls so allein, wie dies in seinem Katzenparadies möglich sein kann. Er muss nun schleunigst in Richtung Erzgebirge aufbrechen, wo morgen früh der Wismut-Sonderzug nach Regensburg rollen wird. Ich habe laut Fahrkarte noch einige Stunden Aufenthalt in Dresden zu überbrücken und nehme zunächst einmal aufmerksam Instruktionen entgegen, wie und womit ich die Katzen vor meiner Abreise füttern soll.

Etwas irritiert schauen die felligen Freunde drein, als ich am nächsten Morgen um 5.30 Uhr zum etwas anderen Katerfrühstück bitte. Eine halbe Stunde später startet der Expresszug nach Franken. Der rumänische Kassenwart reibt sich die Hände: Schon seit gestern auf Achse, ein Spiel im Ausland gesehen und noch nicht einmal 15 € ausgegeben. Und sollte es am Ende der Reise finanziell doch eng werden, klauen wir halt Pfandflaschen und Audiokassetten! /hvg