202 202 FUDUTOURS International 03.07.20 21:39:34

30.12.2018 Os Belenenses – Futebol Clube do Porto 1:2 (1:0) / Estádio Nacional do Jamor / 6.319 Zs.

29.12.2018, 10.00 Uhr: Liebes Tagebuch! Es ist Samstag und die Sonne scheint. Wir sind alle schon ganz aufgeregt, weil wir heute wieder ein Fußballspiel sehen können. Santa Maria da Feira ist gerade einmal 35 Kilometer entfernt. Auch hier wird Ligapokal gespielt – der C.D. Feirense empfängt den Sporting Clube de Portugal, den zu Hause alle kulturlosen Bastarde fälschlicherweise immer ‚Sporting Lissabon‘ nennen. Gleich bummeln wir zum Bahnhof „São Bento“ und erkundigen uns, ob man die kleine Stadt mit einer Bahn erreichen kann.

29.12.2018, 10.30 Uhr: Wir haben Zugfahrkarten bekommen. Für 1,70 € fährt auf der „Linha do Vouga“ eine Schmalspurbahn in nur 27 Minuten nach Vila da Feira. Das wird schon der gleiche Ort sein, oder? Zurück gibt es leider keine Bahnverbindung mehr. Wir haben jetzt jedenfalls erst einmal den Kauf getätigt und gehen nun auf den Portweinstrich!

29.12.2018, 12.00 Uhr: Hier ist gerade ein dicker Engländer durch einen Stuhl gefallen. Das sah sehr lustig aus. Der Kellner ist direkt mit etwas Holzleim herbeigeeilt und hat die Sitzfläche angeklebt. Nun sitzt der Tommie wieder und trinkt sich vor lauter Schreck erst einmal durch das Portweinsortiment. Das ist Erlebnisgastronomie, wie sie im Buche steht. Die Kartoffelköpfe trinken lieber ein „Sagres“ und ziehen es vor, vor der Abfahrt in Richtung „Taça da Liga“ zu Hause zu Mittag zu essen.

29.12.2018, 14.00 Uhr: Das selbst gekochte Mittagessen schmeckt, das Flaschenbier mundet. Die Taxifahrt aus Vila da Feira wird zurück in etwa 30 € kosten, macht also knapp 6 € pro Kopf und Strecke für den heutigen Pokalausflug. Da kann der rumänische Kassenwart nicht meckern. Auf Facebook meldet der C.D. Feirense gerade, dass das Spiel heute Abend „esgotado“ ist. Das ist bestimmt irgendetwas tolles!

29.12.2018, 14.05 Uhr: „Esgotado“ bedeutet „ausverkauft“. Jetzt ärgere ich mich schon ein wenig, dass mir der C.D. Feirense nie auf meine E-Mail geantwortet hat. Angesichts von nur 5.449 Plätzen im Stadion sind wir nämlich sehr wohl auf die Idee gekommen, da vorher mal nach Karten zu fragen. Die Schmalspur-Casanovas haben soeben einstimmig entschieden, ihr Glück nicht auf dem Schwarzmarkt zu suchen und in Porto zu bleiben. Schön 1,70 € in den Wind geschossen. Da wird der rumänische Kassenwart wieder meckern.

29.12.2018, 19.30 Uhr: Wir hatten einen schönen Tag in Porto und haben nun wirklich alle Sehenswürdigkeiten abgeklappert. Ich habe viele Fotos von Kirchen, kleinen Häusern, Menschenmassen und Nahrungsmitteln geschossen. Das Stadion von Boavista sieht aus wie ein Parkhaus und war kaum ein Foto wert. Die lange Schlange vor dem Buchladen war allerdings einfach zu irrwitzig. Tausende Menschen warten hier auf Einlass, um irgendeine alte Wendeltreppe zu sehen, die der Sage nach Joanne K. Rowling dazu inspiriert hat, Harry Potter zu schreiben. Und die „Francesinha“ (→ die kleine Französin) entpuppte sich dann auch eher als hemdsärmeliger französischer Bauarbeiter. Ein überbackenes Toast mit Steak, Wurst und Schinken, übergossen mit einer dickflüssigen Bier-, Senf- und Tomatensoße. Lecker, diese Spezialität aus Porto – aber wenn das die kleine Französin war, möchten wir die große nicht kennenlernen…

29.12.2018, 21.30 Uhr: Der Sporting Clube der Portugal hat auswärts mit 4:1 gewonnen und zieht gemeinsam mit Benfica und Braga in das Halbfinale des Wettbewerbs ein. Der letzte Teilnehmer wird morgen im Fernduell zwischen Porto und Chaves gekürt. Die offizielle Zuschauerzahl wird mit 5.440 angegeben. 9 Plätze sind also frei geblieben. Verdammt, da hätten wir ja noch wen mitnehmen können. Wir haben dann alternativ Liverpool-Arsenal (5:1) geschaut. Portimonense meldet gegen Benfica übrigens: Esgotado! Gelächter. Dieses Mal lassen wir uns so schnell nicht abschütteln…!

 

… und so sitzen wir dann am 30.12. mit einem diabolischen Plan in der Hinterhand im Zug der „Comboios de Portugal“ nach Lisboa. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht einfach vor Ort noch drei Tickets für den Gästeblock ergattern könnten. Erst einmal genießen wir aber die entspannte Zugfahrt, die mich als verkappten Reiseleiter schon alleine dadurch entspannen lässt, dass man sie im Vorfeld der Reise buchen und bezahlen konnte. Bei all dem ganzen ungeplanten Chaos kommt es einer Wohltat gleich, dass zumindest die „CP“ zuverlässig, schnell und günstig dafür Sorge tragen wird, dass wir uns zumindest gut durch Portugal bewegen können.

Drei Stunden und fünfzehn Minuten später haben wir unseren Zielbahnhof erreicht und begeben uns umgehend auf den Weg in unsere Unterkunft. Die „Residencial Joao XXI“ verfügt zwar durchaus über einen wohlklingenden Namen, war der Reisegruppe allerdings in erster Linie dadurch ins Auge gefallen, dass sie sich preislich wohltuend von der Konkurrenz abgehoben hat. In Lisboa kann man es sich offenbar über den Jahreswechsel erlauben, irgendwelche astronomischen Phantasiepreise aufzurufen. Wird wohl genügend Menschen geben, die diese auch bezahlen, aber FUDU schiebt diesem Spiel den Riegel vor: 140 € für zwei Nächte im Dreibettzimmer sollten dann auch genügen…

„Sorry, we were lazy, your Room is not finished yet“, ist dann die erste mit russischem Akzent vorgetragene Konsequenz dieser Preisdrückerei, die man im Gegenzug zu ertragen hat. 30 Minuten zusätzliche Wartezeit werden ausgehandelt, die wir stilsicher zu überbrücken verstehen. Ein asiatischer Späti gegenüber unseres Hotels ermöglicht uns ein Kaltgetränk in der Sonne am Bordsteinrand. Argwöhnisch werden wir hierbei aus dem Hotel beobachtet. Ihr mögt es herumlungern nennen, wir nennen es cornern!

Eine halbe Stunde später ist das Bierchen geleert und das Zimmer bezugsfertig. Glücklicherweise bleiben nur noch 90 Minuten bis zum Anpfiff, sodass wir nicht all zu viel Zeit auf dem Zimmer verbringen müssen. Hier werden wir noch jede Menge Freude mit durchgelegenen Betten, spartanischer Einrichtung und einer feucht-schwarzen Wand haben. Nun müssen die drei Schimmelreiter aber schleunigst die Pferde satteln, es geht hinaus nach Belém!

Mit einem wunderbar vollgemalten Vorortzug tuckert man vom Bahnhof „Cais do Sodré“ parallel des Flussverlaufs gen Westen. Die fünfzehnminütige Fahrt entlang des Tejo bietet einem sogleich die Gelegenheit, den „Torre de Belém“ und das Seefahrerdenkmal „Padrão dos Descobrimentos“ zu bewundern, womit zwei touristische Hotspots bereits vor dem ersten Stadtspaziergang als besichtigt gelten. Die eigentliche Heimspielstätte von Belenenses ist das „Estádio do Restelo“, fasst knapp 20.000 Menschen und wird heute von uns links liegen gelassen. Leider dürfen die ersten Herren ihr Fußballstadion aktuell nicht nutzen, da sich der Präsident des Gesamtvereins mit dem Vorsitzenden der ausgegliederten Profiabteilung überworfen und eine weitere Nutzung des Stadions untersagt hat. Der Stammverein Clube de Futebol Os Belenenses spielt nur noch in der sechsten Liga, während der ausgegliederte Profiteil nun unter dem Namen Os Belenenses SAD und mit neuem Grafikdesign-Logo aus der Hölle in der höchsten Spielklasse vertreten ist. Wer mehr über die Posse erfahren mag, sei folgender Artikel des „Ballesterer“ ans Herz gelegt: https://ballesterer.at/2018/09/27/scheidung-auf-portugiesisch/.

Für uns bedeutet dies jedenfalls, dass wir noch ein wenig länger im Zug verweilen dürfen und drei Kilometer am eigentlichen Ziel vorbeirauschen müssen. Neues Ziel der Fahrt ist der Bahnhof „Cruz Quebrada“, von dem man das „Estádio Nacional do Jamor“ fußläufig erreichen kann. Selbigen Plan verfolgt offenbar auch eine Delegation jugendlicher US-amerikanischer Sportler*innen, die hier mit gut 120 Mann die Bürgersteige verstopfen und orientierungslos in der Gegend herumstehen, anstatt sich einfach von den riesigen Flutlichtmasten den Weg weisen zu lassen. Wir laufen Slalom um all diese gehirnverkümmerten Smartphonezombies und haben um 16.37 Uhr den Stadionvorplatz erreicht.

Die Schlange an dem Kassenhäuschen reicht dann in etwa zurück bis nach Belém und die Hoffnung schwindet ein wenig, pünktlich zum Anpfiff im Stadion zu sein. Wir sind umringt von Fußballfreunden aus Porto, Farben der Heimseite sucht man noch vergeblich. Einige zwielichtige Händler versuchen die unübersichtliche Einlasssituation zu ihren Gunsten auszunutzen und bieten Eintrittskarten mehr oder weniger als Meterware an. FUDU bleibt gleichermaßen skeptisch wie geduldig und sorgt sich angesichts einer Stadionkapazität von 37.593 nicht ernsthaft darum, keine Originaltickets mehr zu erhalten. Bei dem Gedrängel, dieser Menschenmenge und der Anzahl an fliegenden Tickethändlern kann man aber schon davon ausgehen, dass die Hütte heute einigermaßen voll wird. Die Zeit rinnt davon, man kommt der Kasse langsam näher, die Schwarzmarktpreise sinken. Um Punkt 17.00 Uhr haben wir auf dem offiziellen Weg drei Billets zu je 20 € erworben und die Sicherheitsschleuse erfolgreich passiert. Der erste Blick in das weite Rund sorgt dann für gemischte Gefühle. Überragend die monumentale Stadionarchitektur, enttäuschend die Zuschauerresonanz.

Die aktuelle Ausweichspielstätte für Belenenses wurde 1944 von Diktator António de Oliveira Salazar eröffnet und orientiert sich in seiner Architektur an diversen Olympiastadien. Wie es sich für einen vernünftigen Diktator gehört, wurde auch bei der Planung und Umsetzung dieses repräsentativen Bauwerks eher geklotzt denn gekleckert. Seit 1946 wird das Endspiel um den portugiesischen Fußballpokal im „Estadio Nacional“ ausgetragen und seinem Namen entsprechend absolvierte auch die Nationalmannschaft lange Zeit ihre Länderspiele in diesem Stadion – so lange, bis die EURO 2004 moderne Stadien nach Portugal brachte. Fußballhistorisch erlangte das Stadion vor allen Dingen in der Saison 1966/67 Relevanz, als der Celtic FC das Finale im Europokal der Landesmeister gegen Internazionale gewann. Und wieder einmal macht FUDU zwischen den Jahren Bekanntschaft mit den „lesbischen Löwen“…

Der Anpfiff des Spiels wird sich wegen des Andrangs an den Stadiontoren noch ein wenig verzögern. Obwohl Belenenses hier offiziell Heimrecht genießt, animiert der Stadionsprecher ausschließlich die kleine, aber feine Portokurve und auch auf der Haupttribüne halten es nahezu alle Zuschauer mit den Blau-Weißen. Lediglich am rechten Rand der Tribüne haben sich vielleicht 30 Menschen versammelt, die so eine Art Heim-Fanblock darstellen und den Kickern aus Belém zuzuordnen sind. Dieser kleine Block, bevölkert von alten Männern und Familien, wird ernsthaft von einem Polizisten bewacht, der die Arme verschränkend auf der Tartanbahn steht und auf seinen großen Einsatz wartet. „Der wird in der Polizeikantine bestimmt verspottet“, mutmaßt der „Hoollege“. Kurz darauf wird das Spiel mit zehnminütiger Verspätung eröffnet.

Mit der ersten Standardsituation des Spiels geht der Außenseiter in Führung. Nach Freistoßflanke, Kopfball und Torwartabwehr setzt Reinildo vehement nach und drückt den Ball im zweiten Anlauf über die Linie. Erst vier Minuten sind zu diesem Zeitpunkt gespielt und schon muss der große FC Porto um das Weiterkommen zittern. 20 Minuten später hat dann auch die Ami-Trotteltruppe das Stadion gefunden und im Heimblock Platz genommen. Ich kann mir die Begeisterung der 30 Belenenses-Anhänger bildhaft vorstellen. Von zu Hause vertrieben, der eigene Verein umbenannt und gespalten, mit nur noch 30 Mann gegen 6.300 Gäste ansingen und dann auch noch von 120 Touristen umringt sein – es gibt sicherlich schönere Abende im Leben eines treuen Fußballfans. Währenddessen gewinnt der FCP auch auf dem Rasen die Oberhand und drängt auf den Ausgleich. In der 27. Minute scheitert Jesus Corona am Pfosten, zehn Minuten später ist die Abwehr mit einem wunderbaren Steckpass erneut ausgehebelt, doch Moussa Marega schiebt den Ball denkbar knapp neben das Tor. Elf Minuten später überrascht Porto-Coach Sérgio Conceição mit einem Doppelwechsel. Für Costa kommt Tiquinho und für Pereira Hernâni – ein Wechsel, der in Portugal für einen kleinen Skandal sorgen wird. Wie wir zwei Tage später einer Zeitung auf der Überfahrt nach Faro entnehmen dürfen, hat Conceição mit diesem Wechsel eine Regel der „Taça da Liga“ unterwandert. Anstelle der zwei „Local Player“, die Artikel 15 der Spielordnung verlangt, bietet Porto fortan nur noch einen auf. Der junge Costa, der sonst nur für die zweite Mannschaft des FCP aufläuft, sei aber wirklich verletzt gewesen, so die Stellungnahme des Vereins später. Naja, zumindest ein Wechsel mit Gschmäckle…

In der Halbzeitpause stellt die Portokurve erstmals ihren melodiösen Dauersingsang ein und die große Stunde der Ordner hat geschlagen. Wer nichts zu tun hat, der macht sich halt Arbeit. In völliger Verkennung der Tatsache, dass hier nahezu ausschließlich Portosympathisanten sitzen, kann man natürlich den oberen Umlauf sperren, um die Begegnung mit Fans hinter dem Tor zu verhindern. Besonders schön, dass am unteren Rand der Tribüne keinerlei Absperrungen existieren und man neben der Tartanbahn locker durch das Stadion spazieren kann, während man sich oben in endlosen Diskussionen verstrickt. Aber letztlich ist all unsere Mühe umsonst – auch an dem Versorgungsstand in der Kurve gibt es kein echtes Bier zu kaufen, obwohl einem ¾ der Werbebanden des Stadions das Wort „BIER“ geradezu entgegen schreien. Wegen schwerwiegender Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz stürmt die Polícia noch eben schnell das Toilettenhäuschen und schon ist die kurzweilige Halbzeitpause Geschichte.

In der Kabine hat Portos Trainer offenbar ein Erfolgsrezept entwickelt: Flanken, Flanken, Flanken! Immer wieder irrt die Innenverteidigung von Os Belenenses durch den Strafraum und auch Torwart Mika wackelt bedenklich, sobald hohe Bälle von den Seiten in die Mitte fliegen. In der 47. landet ein Kopfball noch auf der Querlatte, in der 53. eine Direktabnahme von Marega dann aber endlich in den Maschen. Jetzt wird es richtig absurd und der Stadionsprecher feiert den Ausgleich frenetisch mit den mitgereisten Schlachtenbummlern aus Porto und spätestens jetzt muss sich das hier für den FCP wie ein echtes Heimspiel anfühlen. Porto hält den Druck im Anschluss konstant hoch, gleich mehrere Male brennt es lichterloh im Strafraum von Belenenses, dennoch braucht es eine weitere Freistoßflanke, um das Spiel zu drehen. (Ausgerechnet!) Tiquinho nickt nach Telles-Flanke aus dem Halbfeld zum 1:2 ein (63. Min.). Porto ist sich seiner Sache nun etwas zu sicher, schaltet einen Gang zurück und überlässt Belenenses das Zepter, doch mehr als einen direkten Freistoß nach 67 Minuten und einen guten Abschluss nach 76 Minuten kriegen die Hausherren nicht zustande gebracht. Plötzlich scheint man sich auf Portos Trainerbank zu entsinnen, dass es im Fernduell mit Chaves letztlich um die Tordifferenz gehen könnte (nur der Tabellenerste der Vierergruppe zieht in das Halbfinale ein) und so animiert man die Spieler noch einmal mit wilden Gesten dazu, die Offensive anzukurbeln. In den letzten 10 Minuten des Spiels schießt Porto vier wilde Fahrkarten und ein Abseitstor, doch am Ende wird Chaves genau ein Tor fehlen und Porto trotz des vielen Unvermögens in der Schlussphase lachender Sieger des Abends bleiben.

Nach dem Spiel kehren wir im „Villa Cruz“ ein und kompensieren mit leckerem Burger und Fassbier für 1,80 € das im Stadion ausgefallene Cateringerlebnis über alle Maße. Während wir danach auf unseren Vorortzug warten, plätschert im Hintergrund der Tejo vorbei und bietet akustisch optimale Untermalung für eine erste Recherche, für welche wir die Handys zücken. Hättet ihr beispielsweise gewusst, dass in der Europapokalsaison 1966/67 Jürgen Piepenburg vom ASK Vorwärts Berlin Torschützenkönig des Wettbewerbs wurde? Dank seiner sechs Treffer, darunter fünf in der Qualifikationsrunde gegen den irischen Vertreter des Waterford AFC (glatt in zwei Sätzen: 6:1, 6:0!), war Piepenburg dieser Eintrag in die Fußballgeschichtsbücher nicht mehr zu nehmen. Merkt’s Euch, ist alles prüfungsrelevant!

 

Am 31.12.2018 schnellen die FUDU-Schweine ungewohnt früh aus den Betten. Nichts wie raus aus der russischen Schimmelbude, hinein ins portugiesische Frühstücksparadies um die Ecke! Gefüllte Blätterteigteile in der Bäckerei nebenan sorgen für ausreichend Stärkung, um im Anschluss den ersten Teil des heutigen Sightseeingmarathons bewältigen zu können. Mit der Fähre setzen wir nach Cacilhas über, um dort den „Cristo Rei“ bestaunen und vielleicht sogar besteigen zu können. Rund um die achtgrößte Christus-Statue der Welt (architektonischer Fehler, um in der Superlativ-Liste weiter oben zu landen: mehr Sockel [82 Meter] als Jesus [28 Meter] bauen…) tummeln sich an diesem sonnigen Montagmorgen hunderte Touristen und wir sehen angesichts einer Eintrittspreisforderung in Höhe von 5 € und der wartenden Massen davon ab, unseren Plan umzusetzen, den Heiland als Aussichtsturm zu missbrauchen. Dafür haben wir große Freude daran, ein halbnacktes spanisches Topmodel zu beobachten, welches sich von ihrer dicken Freundin gerade gefühlt aus dem 1000. Winkel mit Good Old Jesus fotografieren lässt. Lasziv auf einer Mauer räkelnd, mit den Haaren spielend, posierend – diese Urlaubsfotos werden in ihrer erzkonservativen katholischen Herkunftsfamilie sicherlich prima ankommen.

Im Anschluss erkunden wir das Tejo-Ufer und spazieren munter drauf los. Schnell haben wir die Tourimassen hinter uns gelassen und tauchen ein in die morbide Welt eines verlassenen Ortes. In der „Quinta da Arealva“ kann man durch verfallene Industriebaracken klettern, einstige Gärten durchqueren und Ausblicke auf die „Ponte de 25 Abril“ und hinüber nach Belém erhaschen. Farbenfrohe „Streetart“ mit einer Range von „Wall Street“ bis „BSG Chemie“ bietet dabei beste visuelle Unterhaltung und so gehen gut zwei Stunden ins Land, ehe wir mit einem leichten Hüngerchen in die erste und einzige Touristenfalle des Urlaubs tappen werden. Das Essen schmeckt jedenfalls nur so mittelmäßig und als auf der Rechnung auch noch stolze 15 € für drei Fassbier veranschlagt werden, nickt uns von oben Jesus bestätigend zu. Kleine Sünden bestrafen der liebe Gott und FUDU eben sofort und so werden die 1,20 €, die der Wirt wortlos als Trinkgeld einbehalten will, aktiv zurückgefordert und beim Verlassen des Ladens noch zwei Gläser geklaut.

Zurück in der Innenstadt wird der Fanshop Benficas zum ersten Ziel erklärt. Dort erhalten wir die Auskunft, dass Eintrittskarten für das Spiel in Portimão nicht erhältlich wären. Esgotado, esgotado, esgotado, wir können’s nicht mehr hören. Dieses Mal lassen wir jedoch so schnell nicht locker und siehe da, eventuell gibt es im Shop neben dem „Estádio da Luz“ doch noch eine kleine Chance auf Resttickets. Eine Nachfrage später ist die freundliche Dame dann sogar bereit, zum Telefon zu greifen und bei ihren Kollegen nachzufragen, die zu unserer Begeisterung bestätigen: Ja, es gibt noch Eintrittskarten. Geöffnet ist der Laden bis um 19.00 Uhr, danke für die Auskünfte, Obrigada!

Es bleiben also noch gut zwei Stunden, um sich vom ortskundigen „Hoollegen“ durch Lisboa führen zu lassen. Wir schlendern über den „Praça do Comércio“, auf dem die Silvesterfeierlichkeiten vorbereitet werden und ein wenig der Weite des Platzes nehmen, laufen entlang der Schienen der berühmten Holzstraßenbahnen der Linie 28 und kraxeln durch das Altstadtviertel „Alfama“ hinauf zum „Castelo de São Jorge“ und werfen von oben Blicke hinab in die Stadt. Wirklich wunderschön, aber dennoch hinterlassen all diese Eindrücke unter dem Strich das Gefühl, genug vom überfüllten touristischen Lisboa erlebt zu haben. So fühlt es sich gegen 18.00 Uhr nicht unbedingt verkehrt an, dem Trubel der Innenstadt den Rücken zuzukehren und hinaus nach „São Domingos de Benfica“ zu fahren – Fetti, bring mich zum Licht!

Noch gerade eben rechtzeitig erreichen wir den Stadtteil, um den Sonnenuntergang über dem „Estádio da Luz“ miterleben zu können. Das ist echte Urlaubsromantik. Einige Minuten später hat uns der freundliche Mitarbeiter im Fanshop am Stadion tatsächlich drei Eintrittskarten für das angeblich ausverkaufte Gastspiel Benficas beim Portimonense SC am 02.01.2018 verkauft. Zwar erhalten wir Karten für unterschiedliche Blöcke, was in Portimão allerdings kein Problem darstellen würde, da man problemlos zwischen den Stadionteilen umherwandern könnte. Mit all diesen Erfolgsmeldungen im Gepäck starten wir unbeschwert in unseren Silvesterabend.

In der bereits gestern getesteten Churrasqueira „Kumar“ unweit unseres Pilzpalastes serviert eine indische Familie portugiesisches Essen für die einfachen Leute und mit Sicherheit wird sich auch heute Abend kein einziger Tourist hierher verlaufen. Wir stoßen zunächst auf unseren Meisterhopper-Schachzug an und erfreuen uns an dem Zufall, Benfica einfach hinterher reisen zu können und so problemlos Karten für den Auswärtsblock erhalten zu haben. Der Laden ist gut gefüllt und durch eine recht hohe Fluktuation der Gäste zu charakterisieren. Hier kehrt man ein, hier isst man schnell, gut und günstig und geht dann wieder. Nur FUDU hat sich festgesessen – und dieser eine furchtbare portugiesische Bauer am Nebentisch. Würde man sich weltweit auf die Suche nach dem Menschen mit den schlechtesten Tischmanieren begeben, hier hätten wir einen Kandidaten für die Goldmedaille gefunden. Rülpsen, schmatzen, furzen, grunzen und das Essen mit den Fingern zwischen den Zähnen hervorholen und wiederkäuen. Der „Hoollege“ und ich haben beste Sicht auf dieses einzigartig schöne Exemplar Mensch, während der „Fackelmann“ diesen ausschließlich olfaktorisch wahrnehmen kann. Ungefähr 100 Olf auf der 1988’er Fanger-Skala dürfte der Kerl schon an Geruchsemission verursachen. Eine Mischung aus chlorhaltigem Reinigungsmittel, Altschweiß mit einem Hauch von offenem Bein. Da wird doch die Toilette, von deren Besuch der „Fackelmann“ wegen des Gestanks gestern noch zwingend abgeraten hatte, heute plötzlich zum Wallfahrtsort für die Nasenscheidewände. Wir lassen nichtsdestotrotz eine üppige Fleischvöllerei folgen und trinken uns mit dem einen oder anderen „Licor Beirão“ Mut an, um den heutigen Abend in Anwesenheit des Stinkers (der „Ad_olf“) und die Nacht in der Moderhöhle überstehen zu können. Es ist ein wunderbarer Abend, der seine Faszination daraus bezieht, in menschliche Abgründe zu gucken und diese auszuhalten – muss er sich gedacht haben, während er mir und dem „Hoollegen“ beim Betrinken zusehen musste. Kann er ja nur von Glück reden, dass sich nicht auch noch der „Fackelmann“ umgedreht hat. So – und nur so – sollte man Silvester in Lisboa feiern!

Die Kellnerin schaut mittlerweile von Bierbestellung zu Bierbestellung skeptischer, kann den vom „Hoollegen“ ins Leben gerufenen Qualitätsstandard aber locker erfüllen. Alle Biere sind weit über der „Linea Ovo“ (= Eistrich) gefüllt und spätestens, als der portugiesische Prolet Popelkugeln formt und durch das Lokal schnippst, erhält er von Fetti und den anderen Iberico-Schweinen das Prädikat ’sevillalich‘. Irgendwann ist Neujahr, sagt das Fernsehprogramm und wir erhalten irgendeinen Schnaps auf’s Haus. Um kurz nach Eins werden wir gefragt, was wir gerne zum Dessert hätten. „Liqueur“!, antwortet der „Hoollege“ wie aus der Pistole geschossen und mit einer letzten Runde „Beirão“ nimmt man Abschied von diesem denkwürdigen Abend, der letztlich gerade einmal 70 € gekostet hat. Fleisch ohne Ende, hundert Runden Bier, ein Schnapsgelage und Gerüche, die man nie wieder aus den Klamotten gewaschen kriegt. Na dann, liebes Tagebuch: Auf ein schönes 2019! /hvg

28.12.2018 Rio Ave FC – FC Paços de Ferreira 1:1 (0:1) / Estádio dos Arcos / 1.078 Zs.

Im Spätsommer sitzen zwei FUDU-Schweine gemeinsam mit dem Genossen Николай Эрастович Берзарин in ihrem Litovellokal des Vertrauens. Zwei-drei Bierchen hinter den Kiemen, Fernweh im Sinn, ein Smartphone in der Hand und Urlaub vor den Augen. Wir haben Lust auf Sonne, Strand und Fußball. Könnte es eine bessere Ausgangslage geben, als genau jetzt den gemeinsamen Jahresendurlaub zu planen…?!?

So dauert es auch gar nicht ausgesprochen lange, bis man einen sehr günstigen Flug nach Porto gefunden hat, der kurz nach Weihnachten starten soll und auch der Rückflug ab Málaga für Anfang 2019 passt hervorragend in das wie immer knapp bemessene Budget. Der „Hoollege“ lässt soccerway.com glühen und verkündet frohlockend, dass über die Jahre nicht nur in Portugal und Spanien, sondern sogar in Gibraltar gespielt wird. Aufgrund der attraktiven Gesamtgemengelage, lassen sich die beiden Vorzeigegeographen auch nicht mehr lange bitten und bringen ihre fundierten Erdkundekenntnisse ein: Porto, Lissabon, Faro, Gibraltar, Andalusien. Kann man doch alles in einem Rutsch machen – halt einfach einmal die Küste runter!

Wie sagt man doch so schön bei FUDU? Eichen sollst Du weichen, auf buchen sollst Du drücken!

Inzwischen ist es Winter geworden in Deutschland, der „Fackelmann“ hat seine Teilnahme an der Reise zugesagt und erste Aufbettungsanfragen bereits gebuchter Unterkünfte konnten positiv beantwortet werden. Gemeinsam musste man im Lauf der Zeit allerdings wohl oder übel feststellen, dass zwischen Porto und Málaga (via Gibraltar) doch stolze 1000 Kilometer Strecke liegen und die Bewältigung dieser Distanz doch einige Fragezeichen aufwirft. Länderübergreifende Zugverbindungen gibt es jedenfalls keine, Busse fahren aufgrund der Feiertage nur sehr wenige und ein Mietauto würde horrende Kosten verursachen, würde es man in einem europäischen Land leihen und in einem anderen zurückgeben – bis zu 600 € rufen die Verbrecherbuden der Gebrüder „Avis“, „Europcar“ & Co hierfür auf. Bedenklich früh scheint der Länderpunkt Gibraltar zu wackeln, nur der „Hoollege“ hält noch mit aller Kraft daran fest: „Gibraltar genießt weiterhin höchste Priorität!“. Hhm, keine Ahnung. Naja, fliegen wa erst mal los.

So oder so ähnlich muss es auch in der Gedankenwelt der Italienerin ausgesehen haben, als sie den Versuch, die neuen Handgepäcksrichtlinien Michael O’Learys zu erfassen, offenbar ergebnislos zum Abbruch gebracht hat. Während FUDU verstanden hat, dass man nun nur noch Kleinstgepäck gratis mit in die Kabine bekommt und für normalgroße Rucksäcke bereits bei der Buchung eine Prioritygebühr zu entrichten hat, steht sie unwissend mit ihrem überdimensionierten Backpack am Gate nach Roma und hat nun den Insalata. Die Diskussionen mit dem Bodenpersonal führt sie emotional und als das südländische Temperament mit ihr durchgeht und sie hysterisch schreiend Kleidungsstücke aus dem Rucksack holt und wutentbrannt in den Mülleimer stopft, wird die Bundespolizei zur Klärung herbeigerufen. Wieder eine(r) mehr, die im Ausland nur Gutes über Kackeland berichten wird…

Der „Hoollege“ und meine Wenigkeit haben derweil ganz andere Sorgen. Unser Flug nach Porto wird sich um eine Stunde verspäten und somit werden wir unsere versprochene Ankunftszeit an der Unterkunft nicht halten können. Die Vermieterin wurde in der einen oder anderen Rezension als „schlechtlaunig“ und „genervt“ dargestellt und wer weiß, wie so eine Person darauf reagiert, wenn man sie erst um kurz nach Mitternacht aus dem Bette holt. Naja, fliegen wa erst mal los.

Der Weg vom Flughafen mit der Metro bis zum Bahnhof „Faria Guimarães“, in dessen Nähe sich unser „Cosy Apartment“ befinden soll, ist idiotensicher zu finden und schnell zurückgelegt. Auf dem Weg bis zu der Pension stoßen wir leider nur auf geschlossene Ladengeschäfte, sodass wir gegen unseren Durst vorerst nichts unternehmen können. Vollkommen dehydriert und in Erwartung eines Hausdrachens im Morgenmantel betätigen wir die Klingel. Eine Reaktion erfolgt erst einmal nicht, doch ein erleuchtetes Treppenhaus lässt wenig später die Hoffnung aufkeimen, dass sich die Grande Dame des Hauses nach unten bequemt. Etwas wortkarg zeigt man uns kurz darauf unsere Wohnung, nimmt uns die vollen 196,00 € für vier Nächte in bar ab und baut dann kleinere Sprachbarrieren auf. Uns gelingt es jedenfalls nicht, der guten Frau zu erklären, dass der „Fackelmann“ erst übermorgen nachkommen wird, weil er sich aktuell noch auf familiärer Mission irgendwo zwischen Brieselang und Bratislava befindet. Unklar, ob sie verstanden hat, dass wir noch ein Handtuch benötigen und unklar bleibt auch, ob es einen zweiten Schlüssel an der Rezeption für unseren Nachzögling gibt, sodass dieser einchecken könnte, während wir im Stadion zu Vila do Conde sitzen werden. Zwar antwortet sie nicht auf unsere Fragen, hört aber zumindest aufmerksam zu und nimmt alle 2-3 Minuten mit einem freundlichen „Claro, no Problema“ am Gespräch teil. Joa. So in etwa stellt man sich bei FUDU einen Dialog mit Aílton vor…

Ich komme dann noch in den Genuss, die Dame in ihr Kabuff im Nachbarhaus begleiten zu dürfen, während sich der „Hoollege“ bereits häuslich in der Ferienwohnung einrichten darf. Jetzt zeigt sie sich von ihrer freundlichsten Seite und versucht mir mit ihrem englischen 12-Begriffe-Wortschatz auf einer Stadtkarte die touristischen Sehenswürdigkeiten Portos näher zu bringen. Als ihr die Begrifflichkeit „Shops“ nicht einfällt und sie stattdessen „Magasins“ verwendet, paraphrasiere ich auf Französisch und erobere damit ihr Herz im Sturm. Fortan nimmt sie ihre Ausführungen in französischer Sprache vor, da sie sich auf diesem Terrain doch deutlich wohler fühlt. Jetzt verstehe ich zwar nur noch die Hälfte, aber die wichtigsten Fragen bleiben keineswegs ungeklärt: Da ist die Brücke, da der Fluss, da gibt’s Portwein, Kringel drum! Auf Nachfrage hat die gute Frau dann sogar noch ein Wasser für uns im Vorratsschrank und eine Flasche Portwein gibt es gratis dazu. Schwule und alte Frauen stehen halt auf mich, da möchte ich es mir jetzt auch nicht mit einer Frage nach einer Quittung verscherzen. 196,00 € auf Vertrauensbasis. Madame, das wird eine gute Bewertung geben!

Am nächsten Morgen versucht uns der „Fackelmann“ unseren Reisevorsprung madig zu machen. Laut „Spiegel“ sei Porto im Regen auch bloß „wie London, nur mit Rechtsverkehr“. Die Strategie der einfachen Leute. Kompensation von Neid und Missgunst durch Abwertung. Können wir nur müde drüber lächeln, während wir am Rathaus vorbeischlendern, den unfassbar schönen Bahnhof „São Bento“ mit seinen Kachelkunstwerken bewundern und über die „Ponte Luíz I“ schlendern, um am Portweinstrich in der Sonne hängen und auf den Duoro glotzen zu können. An der imposanten schmiedeeisernen Brücke warnt übrigens ein Aufkleber eindringlich davor, „Scheiß Schalke“ zu äußern. An jedem Ort der Welt würde daraufhin nämlich irgendwer aufstehen und einem zwangsläufig eine auf’s Maul hauen. Muss man bei Gelegenheit mal ausprobieren.

Mittlerweile ist es Freitag geworden. Wir haben in der Zwischenzeit die Stadt erkundet, in der „Adega Sports Bar“ interessante Brexitgespräche geführt, den neuen Flitzer des FUDU-Pärchens auf den Namen „Japserati“ getauft (R.I.P., Tschechenbentley!) und uns dann und wann den „Sagrest“ gegeben. Heute steht nun endlich das erste Fußballspiel der Reise auf dem Programm: Der Rio Ave FC (R.A.F.C.) bittet im 30 Kilometer entfernten Vila do Conde den FC Paços de Ferreira zum Tanz um die goldene Ananas. Haben wir jetzt schon „Super Bock“ drauf!

Nach nur 40 Minuten Fahrt im „Expresso“ der Linie B sitzen wir bereits im „Restaurante Farol“, trinken Bierchen für 1,40 €, lassen uns landestypischen Eintopf und Steak schmecken, genießen abschließend einen Espresso für läppische 85 Cent und stellen uns bereits jetzt die Frage, warum zur Hölle es uns die letzten vier Jahre im Dezember immer nach Großbritannien gezogen hat – und dabei habe ich noch gar nicht vom schönen Blick auf die Atlantikküste gesprochen, den man hier auskosten kann, sogar mit Blick auf die Flutlichtmasten des Varzim SC aus dem Nachbarort.

Abzüge in der B-Note erfährt Vila do Conde dann nur dank des kitschig geschmückten Weihnachtsboulevards und dessen musikalischer Beschallung. Eine abgeschmackt-rührselige Cover-Version von „The Power Of Love“  ist dann in der Tat nur schwerlich zu ertragen und so zieht es uns überaus rechtzeitig hinaus zum „Estádio dos Arcos“.

Allein der Weg entlang einiger der 999 Bögen des Aquädukts von 1714, welches in sieben Kilometern Länge aus Terroso in den Bergen von Póvoa de Varzim bis zum Karmeliterkloster Santa Clara führt, entschädigt für diesen erlittenen musikalischen Tiefschlag. Die Flutlichtmasten des Stadions erscheinen malerisch zwischen den steinernen Bögen und direkt neben dem Stadion weiden Schafe. Wäre ich Landschaftsmaler, hier würde ich verweilen. Da erscheint es plötzlich völlig egal, dass wir heute Abend lediglich ein belangloses letztes Vorrundenspiel im ohnehin ungeliebten Ligapokal miterleben werden. In dem mit eher wenig Spannung erwarteten Match spielt gleich der Tabellendritte gegen den Tabellenvierten der Gruppe A und beide Mannschaften sind bereits sicher ausgeschieden.

5 € muss man für diesen Kick in der „Taça da Liga“ bezahlen, die offiziell nach einem großen deutschen Versicherer benannt ist. Das Stadion ist exakt ein Jahr und einen Tag jünger als ich, ist im Gegensatz zu mir aber bereits deutlich in die Jahre gekommen. Es verfügt über zwei große Tribünen mit grünen Schalensitzen auf den Längsseiten, wovon immerhin eine der beiden zu gut einem Drittel von einem Dach bedeckt wird. Zwei wunderbare grasbewachsene Freiflächen hinter den Toren runden das Ambiente ab. 12.815 Menschen könnten im „Estádio dos Arcos“ Platz finden. Heute sind immerhin knapp 1.000 erschienen, um gemeinsam mit FUDU in der Abendkühle zu frieren und sich über alkoholfreies Bier aus dem Stadioncatering ärgern zu müssen. Die 27 weit gereisten Fans aus dem 54 Kilometer entfernten Paços de Ferreira verschwinden auf der gegenüberliegenden Tribüne hinter einer dichten natürlichen Nebelwand, die sich jedoch im Verlauf der Anfangsviertelstunde nach und nach verziehen wird.

In den ersten 20 Minuten ist die Heimmannschaft am Drücker, doch gleich drei aussichtsreiche Situationen in Strafraumnähe verpuffen, weil der jeweils letzte Pass zu ungenau gespielt wird. Die Gäste können sich langsam aber sicher vom Druck befreien und haben sich ihrerseits entschlossen, ihr Offensivglück durch schnelle Abschlüsse zu finden. Die Konsequenz: Nach 25 Minuten sind bereits zwei Bälle in der Hintertorperipherie des Stadions verschwunden. Fünf Minuten später übertölpelt ein langer Pass aus dem Mittelfeld die Abwehrkette des Rio Ave FC. Flügelstürmer Wagner kommt schneller an den Ball als der heraus eilende Keeper Paulo Vítor und schiebt den Ball aus 20 Metern in Richtung des leeren Tores. Abwehrmann Rodrigues rennt, grätscht, kratzt den Ball beinahe von der Linie, verheddert sich im Netz – und kann das Gegentor trotz allen Einsatzes nicht mehr verhindern. Eigentor. Die Gästefans, die sich eben noch in leichten Auseinandersetzungen mit den Ordern befunden hatten, lassen nun hiervon ab, feiern ausgelassen und übernehmen die Stimmungshoheit im Estádio. Pacos schlägt sich, Pacos verträgt sich, so ist das eben. Zugegeben, ein Wortwitz, der natürlich nur ohne Cedille funktioniert. Gib mir Fünf, Bildungsbürgertum!

Kurz vor der Halbzeit fordert Rio Ave nach einem leichten Schubser einen Strafstoß ein, den der Schiedsrichter aber nicht herschenkt. So geht ein lebendiges Spiel mit vielen Abschlüssen und vielen Offensivambitionen, aber ebenso vielen Ungenauigkeiten, technischen Fehlern, unnötigen Ballverlusten und unbeholfenen Zusammenstößen mit einem Zwischenstand von 0:1 in die Halbzeitpause.

In der zweiten Hälfte versucht der kleine Stimmungsblock Rio Aves den nach wie vor enthusiastischen Gästen Paroli zu bieten und hat offenbar ein Megaphon organisiert. Durch dieses schreit nun ein zartes Mädchenstimmchen alles in Grund und Boden und entwickelt schnell erhebliches Nervpotential. Ein immer und immer wieder gespielter Trommelrhythmus, gefolgt durch ein beschwingtes Rio Aveeee, brennt sich in meine Gehirnwände ein und wird zur Freude meiner Mitreisenden ständiger Begleiter unseres Jahresendtrips bleiben. Auf dem grünen Rasen hat Rio Ave mittlerweile ausgeglichen, weil ein langer Einwurf die Abwehr der Gäste im Tiefschlaf erwischt hat. Der so frei gespielte Moreira behält die Übersicht, passt zurück an die Strafraumkante, von der aus Galeno mit einem fulminanten Schlenzer ins rechte Eck sehenswert verwandeln kann (51. Min.). Eine Viertelstunde später lässt Rio Ave einen 4 auf 2 Angriff ungenutzt – von diesem verstolperten Abschluss aus fünf Metern wird Murilo seinen Enkeln wohl kaum erzählen. Obwohl die Gäste ab der 67. Minute in Unterzahl spielen, wird keine weitere Torchance für Rio Ave mehr hinzukommen. Stattdessen machen die Gäste durch mutiges Angriffsspiel auf sich aufmerksam und spätestens in der 81. Minute, als der eingewechselte Barnes Osei in den Strafraum eindringt, einen Haken schlägt und den Ball an den Pfosten setzt, wäre der Auswärtssieg verdient gewesen. So aber geht die Partie um die goldene Ananas mit 1:1 zu Ende und wir begeben uns auf den Rückweg in Richtung Porto.

Um 23.36 Uhr sitzen wir wieder in der Tram, die die Agglomeration Portos mit der Innenstadt verbindet. Der „Fackelmann“ ist derweil sanft und sicher in Porto gelandet und hat sich dagegen entschieden, es alleine mit dem mürrischen Morgenmantel-Aílton aufzunehmen. Schnell werden Metrorouten und Fahrtzeiten abgeglichen und ein möglichst sinnvoller Treffpunkt bzw. Schnittpunkt unserer Wege ausfindig gemacht. Und wahrlich, könnte es für die drei FUDU-Crétins einen besseren Ort als den Bahnhof „Crestins“ geben, um sich endlich in die Arme zu schließen und ihre Re-UNION zu feiern? Um 0.02 Uhr ist es endlich so weit und der Dritte im Bunde steigt zu. Im Gepäck hat er einige gebuchte Busse und Züge, die uns zumindest ein Weiterkommen auf spanischem Boden ermöglichen werden. Noch immer ungeklärt ist die Frage, wie genau wir von Portugal nach Spanien kommen sollen und auch der Abstecher nach Gibraltar, der nach wie vor „höchste Priorität“ genießt, ist noch längst nicht in trockenen Tüchern. Heute Nacht werden die FUDU-Schweine wohl von einem Affenfelsen träumen – und vielleicht von einer reibungslosen Reise, einfach einmal die Küste runter. /hvg

25.11.2018 TuS Celle FC – T.U.S. Eversen/Sülze 1:4 (0:2) / Günther-Volker-Stadion / 95 Zs.

Augsburg, Weismain, Chemnitz, Leipzig. Ich habe aktuell einen Lauf und in den letzten 23 Tagen gleich vier deutsche Stadien besucht, die schon lange auf meiner Liste gestanden hatten. Wie das nun einmal so ist, manchmal scheut man sich vor den langen Reisen, manchmal vor dem unterklassigen Rumpelfußball, der in diesen charmanten Spielstätten geboten wird und meistens will man Deutschland verlassen, wenn man nicht arbeiten gehen muss und schiebt inländische Reiseziele auf die lange Bank. So kommt es dann und wann zu einem gehörigen Spielstättenstau, aber wenn ich gerade schon einmal dabei bin, die Liste abzuarbeiten, dann sollte auch das „Günther-Volker-Stadion“ zu Celle besucht werden, ehe hier irgendwann einmal bauliche Veränderungen vorgenommen werden.

Dennoch darf man am letzten Spieltag des Kalenderjahres getrost skeptisch sein, ob bei den aktuell gegebenen Witterungsbedingungen auf dieser Ligaebene wirklich alle Spiele planmäßig ausgetragen werden können. Sicherheitshalber nehme ich Kontakt mit einem Vereinsverantwortlichen auf und Frage nach, ob es ein Restrisiko gibt, dass das Spiel auf einen Nebenplatz verlegt werden könnte. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Moin. Es wird immer im Stadion gespielt. Es kann also angereist werden, um den Ground zu machen!“ – ach, hier fühlt man sich doch verstanden!

Grund genug also, um mich an diesem kalten Novembersonntag in die Bahn zu setzen und für eine Partie der Kreisliga Celle knappe 600 Kilometer zurückzulegen. Für einen Tagesausflug in die 8. Liga muss man eben auch mal Opfer bringen. Todeszelle, Terrorzelle, TuS Celle!

Am Bahnhof Uelzen nimmt es die Deutsche Bahn mit meiner Opferbereitschaft etwas zu wörtlich und lässt meinen Anschluss-IC nach Celle heute leider entfallen. Der rumänische Kassenwart empfiehlt, zwei Stunden auf den nächsten Zug zu warten, ein Fahrgastrechteformular auszufüllen und ein wenig Zeit im schönen Bahnhofsgebäude zu verbringen, welches von Friedensreich Hundertwasser anlässlich der legendären Weltausstellung in Hannover geschaffen und kurz nach seinem Tode im November 2000 eröffnet wurde.

Fetti schüttelt den Kopf. Niemals würde er gegen einen Gegenwert von 9 € freiwillig auf sein geplantes Sightseeing in Celle verzichten. Und so entschließt er sich schweren Herzens, aus freien Stücken ein Downgrade vorzunehmen, auf den Intercity-Luxus zu verzichten und um 11.09 Uhr in die Regionalbahn zu springen. Diese benötigt von Uelzen nach Celle 43 Minuten und wird auf der Bahnstrecke Hannover-Hamburg von der frevelhaften Schurkenfirma „metronom“ betrieben, die sich aufgrund ihrer Null-Toleranz-Politik gegenüber Alkohol an Bord Wochenende für Wochenende deutschlandweit den Unmut der Reisenden auf sich zieht.

Suderburg und Unterlüß haben wir bereits hinter uns gelassen. Nun kommt der Streckenkilometer 61 immer näher, welcher am 03.06.1998 traurige Berühmtheit erlangte, als es in der Nähe der Ortschaft Eschede zum schlimmsten Eisenbahnunfall der Bundesrepublik Deutschland kam. Der ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ entgleiste, 101 Menschen verloren ihr Leben. Tiefenpsychologisch vielleicht gar nicht so geschickt, sich während einer Bahnreise mit Bahnunglücken zu beschäftigen, aber womit sonst soll man hier seine Zeit auch sonst verbringen, wenn man kein Bier trinken darf?

Um 11.46 Uhr habe ich Celle erreicht. Der Himmel ist grau, es ist diesig und die Stadt hat ihre Bürgersteige nach oben geklappt. Ich nehme direkt Kurs auf die hochgelobte Altstadt, werfe einen flüchtigen Blick auf das Schloss und habe nur kurz darauf mein Ziel erreicht. Der erste Eindruck ist positiv, viele alte Fachwerkhäuschen (über 400), kleine Ladengeschäfte und verschlafene schmale Straßen bestimmen das Bild. Kaum eine Menschenseele ist unterwegs, sodass man ungestört Eindrücke sammeln kann. Lange kann es aber nicht mehr dauern, bis es mit dieser Ruhe vorbei sein wird. Am Markt haben sie jedenfalls bereits das gesamte Ambiente mit Holzhütten vollgeramscht und die Möglichkeit, ansehnliche Fotos der schönen Architektur des 1292 erbauten Nordteils des „Alten Rathaus“ zu schießen, zu Nichte gemacht. Glücklicherweise ist der Weihnachtsmarkt jedoch noch nicht geöffnet, der in wenigen Tagen dann sicherlich hunderttausende Menschen in die Fachwerkstadt spülen wird, die dann überteuerte Fressalien in sich hineinstopfen und irgendetwas kitschiges handgemachtes käuflich erwerben können. Bevor ich all zu sehr abschweife, fragt mich glücklicherweise irgendein dahergelaufener belgischer Lokführer, ob ich mich in Celle ein wenig auskennen würde.

Ihn interessiert in erster Linie die Frage, ob die Altstadt irgendwann einmal nach dem zweiten Weltkrieg restauriert wurde oder ob Celle von Bombenangriffen verschont geblieben ist. Ich kenne die Antwort nicht. Er erzählt, dass er gerade seinen Urlaub in Deutschland verbringt und heute aus Munster gekommen ist, wo er gestern noch ein „tolles Panzermuseum“ besucht hat. Nennt mich vorurteilsbehaftet, aber solche Militaria-Freunde sind mir immer überaus suspekt. Glücklicherweise verliert er recht schnell das Interesse an mir, womöglich, weil er mir anmerkt, dass ich außer meiner schicksalhaften Staatsangehörigkeit mit Nazis nicht viel am Hut habe und mir bleibt auf dem Fußweg in die Neustadt und zum Stadion genügend Zeit, die Antwort auf die gestellte Frage zu recherchieren. Alles original! Sogar auf das komplette Verbrennen der Synagoge wurde in der Reichspogromnacht verzichtet und später die Stadt kampflos an die Alliierten übergeben, um die Altstadt zu schützen. Toll! Der einzige Luftangriff auf Celle hatte übrigens die Bahnanlage zum Ziel. Auf die „Celler Hasenjagd“, also der Ermordung von mindestens 170 KZ-Insassen, die aus den getroffenen Zügen flüchten konnten, verübt durch Celler Bürger und SS-Wachmannschaften, möchte ich jetzt gar nicht weiter eingehen. Hauptsache, die Altstadt ist heil! geblieben. Ekelhafte Rechercheergebnisse.

Nun treffen also gerade einmal 75 Jahre später ein Belgier und ein Berliner in dieser niedersächsischen Fachwerkstatt aufeinander. Der eine ist gereist, um ein Kreisligafußballspiel zu sehen, der andere, um sich in der Garnisonsstadt Celle an irgendeiner Kriegskacke zu ergötzen. Müsst ihr jetzt entscheiden, was ihr sinnvoller findet.

Kurz darauf werde ich am Kassenhäuschen des Stadions in Empfang genommen. Der Kassierer kann sich an die Kommunikation im Vorfeld gut erinnern und zeigt sich weiterhin hopperfreundlich. Neben einer schönen Eintrittskarte, erhält man hier auch ein kleines Stadionheft und einen Aufkleber mit Vereinswappen aus der Saison 2012/13 („Erinnerung an bessere Zeiten!“) gratis dazu. In einem kurzen Smalltalk berichtet er, dass er sich hier verantwortlich für die liebevolle Gestaltung all dieser kleinen Schmuckstücke zeigt. Er klagt mir sein Leid über die Stadt Celle, die den Verein und vor allen Dingen das schöne Stadion nicht ausreichend wertschätzen und pflegen würde. Mit beinahe Scham erfüllter Stimme und entschuldigenden Gesten verlangt der gute Mann für dieses Rundum-sorglos-Paket 5 € und ist dann hochgradig erfreut darüber, dass ich betone, dass mir alleine ein Blick in das Stadion das Geld Wert gewesen wäre. Das soll ich mal den alten Celler Männern sagen, sagt er – und bereits der erste Blick in das Stadionheft verrät, dass der Eintrittspreis offenbar ein Dauerbrennerthema beim TuS ist. „In der Hinserie haben wir es geschafft einen Schnitt von über 200 Zuschauern zu erzielen und das obwohl so mancher mit unseren Eintrittspreisen nicht ganz zufrieden war“ (vgl. Stadionzeitung Anstoss, Ausgabe 9 2018/19, S. 4) und „die gute Seele unseres Kassenhäuschens (…) scheut sich auch nicht davor, die aufgebrachten Gemühter [sic!] zu beruhigen, wenn sich mal wieder über unsere Eintrittspreise aufgeregt wird“ (vgl. ebd., S. 8). Die gute Seele namens Nicole hat heute übrigens Geburtstag, weswegen ihr von ihrem Ehemann Bernd die Seite 8 des Stadionheftes gewidmet worden ist. Happy Birthday – solche Leute braucht der Fußball!

Heute wird in der Kreisliga Celle mit dem 16. Spieltag die Rückrunde eröffnet. In diesem tabellarischen Nachbarschaftsduell trifft der 7. auf den 5. und ich mache es mir auf einer wunderbaren Holzbank hinter den „alten Celler Männern“ bequem und werde fortan beste Unterhaltung geboten bekommen. „Tieftraurig“ ist einer der drei angesichts der wenigen Zuschauer im weiten Rund, was man in dieser Form hier angeblich „so noch nicht erlebt“ hätte. Im bisherigen Saisonverlauf waren bislang immer zwischen 150 und 290 Zuschauer erschienen und auch Wikipedia weiß über die imposante Kreisliga-Fanszene der Celler nahezu erschreckendes zu berichten. „Im Dezember 2016 sorgten kriminelle Fans mit dem Einsatz von Pyrotechnik beim Spiel gegen den TSV Elstorf für Spielunterbrechungen und den Spielabbruch sowie einen Einsatz von knapp 30 Polizisten aus dem Landkreis Harburg und aus Buxtehude.“

„95 Zuschauer, davon 15 Dauerkarten und 80 an der Tageskasse“, wird Bernd gut anderthalb Jahre später auf Nachfrage den absoluten Saisonminusrekord vom 25.11.18 bestätigen.

Wilfried, Uwe und Günter wären aber nicht die „alten Celler Männer“, würden sie nicht augenblicklich den Schalter umlegen und in den Galgenhumor-Modus wechseln können. „Der Verein hat umgehend reagiert und bereits ein paar Würste vom Grill genommen“, weiß man das Trauerspiel humorig zusammenzufassen und ich atme erleichtert auf, dass ich mir nur kurz zuvor offensichtlich eines der letzten Exemplare und ein „Wittinger Pils“ für weitere 5,5 Kreisliga-Euro sichern konnte.

Der Schiedsrichter sieht so aus, wie er heißt. Wilfried Plumhof, wenig Haare, viel Bauch. Die Mannschaften führt er souverän auf das Feld, die Atmosphäre bleibt unterkühlt, auch weil der Stadionsprecher und Animateur heute leider erkrankt ausfällt, wie mir Bernd erzählt hatte. Die Celler haben gerade so 11 Mann zusammenbekommen. Offenbar fallen einige Spieler verletzt aus, andere haben sich angeblich zurückgezogen, sodass die Auswechselbank heute leer bleiben muss. Mehr Kreisliga geht nicht.

Im Hintergrund hört man jedoch Musik und Stimmengewirr – die klassenhöhere Eintracht aus Celle empfängt zeitgleich den TB aus Lüneburg vor 150 Zuschauern auf dem benachbarten Kunstrasenplatz. Bitter. Immerhin sitzen wir hier nicht irgendwo auf einer Wiese herum, sondern befinden uns im „Günther-Volker-Stadion“, welches einst 11.000 Zuschauern Platz bot und nun aufgrund schwachsinniger Regularien nur noch für 4.000 Zuschauer geöffnet werden dürfte. Auf allen vier Seiten ist es ausgebaut, verfügt über wild bewachsene Stehstufen hinter beiden Toren, über überdachte Stehränge auf der Gegengeraden und einer Haupttribüne aus den 1990’er Jahren mit 4.000 Sitzplätzen. 1992 wurde die Flutlichtanlage errichtet und in Betrieb genommen, 1996 kam eine elektronische Anzeigetafel hinzu. Zu dieser Zeit war man sechs Spielzeiten lang Mitglied der drittklassigen Regionalliga Nord, empfing Vereine wie Hannover 96, Eintracht Braunschweig, VfB Lübeck und den VfL Osnabrück. 95/96 beendete man die Saison als Tabellendritter und verpasste den Aufstieg in die 2. Bundesliga nur denkbar knapp. Der Zuschauerrekord wurde am 25.10.1996 im Spiel gegen Hannover 96 aufgestellt – etwas über 11.000 waren in das „Günther-Volker-Stadion“ gepilgert. Außerdem hält man den bundesweiten Landesligarekord, als 2003 2.800 Zuschauer zum Derby gegen Eintracht Celle gekommen waren. Ein Verein, der Geschichten geschrieben hat und ein Stadion, welches diese noch heute erzählt.
Weniger Kreisliga geht nicht.

Nach 20 Sekunden vergibt Andreas Gerdes-Wurpts („AGW“) in Diensten des TuS Celle die erste gute Gelegenheit. Er ist der einzige Akteur auf dem Rasen, den man kennen sollte, schließlich spielte er in seiner Karriere bereits bei mehreren niedersächsischen Clubs in der Regionalliga (Emden, Meppen, Cloppenburg, Rehden) und ich selbst durfte ihm am 18.08.2007 bei seinem Karrierehighlight live beim Spielen zusehen. Unvergessen, das „Kickers-Stadion“!

Nach drei Minuten können die Gäste aus Eversen/Sülze ihren ersten Angriff zum 0:1 verwerten. Nur vier Minuten später bahnt sich ein Debakel an, als Thurmann nach einem Pass in den Rücken der Abwehr locker zum 0:2 verwandeln kann. Wilfried hat eh sein Sitzkissen vergessen und schlägt seinen beiden Freunden vor, „einfach wieder nache Bierbude“ zu gehen, aber Uwe hat noch etwas besseres in Petto. Wieder einmal hat ihn kein Ordner kontrolliert, sodass er Wilfried und Günter eine Runde „Grüne“ spendieren kann, offenbar ein Kräuter mit schlappen 56 Umdrehungen. Eigentlich wollte er heute eh nicht kommen, aber dann hätte man sich bis März ja gar nicht mehr gesehen. Recht hat er. Ohne Fußball ist alles sinnlos, sogar soziale Kontakte. Wohl bekomm’s, Männer!

Im Anschluss findet Celle endlich Zugang zu diesem Spiel und macht sich auf, die furchtbare Anfangsviertelstunde vergessen zu machen. „AGW“, mit immerhin 66 Regionalliga- und 38 Oberligatreffern in der Vita, lässt nach 30 Minuten aber auch seine zweite Großchance liegen. Nebenan feiert die Eintracht ihren Führungstreffer und übertönt die Friedhofsatmophäre unseres Stadions mit einem Torjingle, wie er im Torjinglebuche steht. Auffällig bleibt hier bei uns vor allen Dingen der schnöselige Vierer, Sabah Hakrash, der mit Popstarfrisur und Cristiano-Ronaldo-Attitüden nicht nur mich, sondern auch seine Mitspieler zur Weißglut bringt. Als er verletzt am Boden liegt, mag sich jedenfalls niemand um ihn kümmern und Mitspieler Speckmann schlägt demonstrativ die Hände vor dem Kopf zusammen, als Hakrash eine weitere gute Gelegenheit für die Heimelf versiebt. Teamspirit sieht anders aus, den dafür heute eher Wilfried, Uwe und Günter demonstrieren. Kurz nachdem die Gäste mit einem Heber nur knapp am 0:3 vorbeigerauscht sind, kündigt Wilfried an, dass er das Stadion zur Pause verlassen wird. Schnell können ihn seine Freunde von diesem Vorhaben abhalten: „Musst ja nicht gleich nach Hause, wir können doch noch was schlabbern!“

In der Pause finde auch ich noch etwas zu schlabbern. Leider verpasse ich wegen meiner Fotosafari hinter der Tribüne (die Terrakottafliesenpissrinne wäre jetzt im Posterformat erhältlich!) den Anschlusstreffer durch „AGW“, der nur kurz nach Wiederanpfiff zum 1:2 verkürzen kann. Offenbar hat die Halbzeitansprache von Chefcoach Knauer und dem spielenden Assistenten Speckmann gesessen – die gelb-blauen hauen sich nun richtig rein. „AGW“ vergibt Chance Nummer Drei, Ronaldo verdaddelt auch noch mal einen und nach 60 Minuten scheitert Iwastschenko aus spitzem Winkel. Dem Gast tun sich nun immer mehr Konterräume auf, die er zwar zunächst überhaupt nicht zu bespielen weiß, dann aber aus heiterem Himmel doch nutzen kann. Nach einem langen Ball hinter die aufgerückte Abwehrkette kann Stahlmann seinen zweiten Treffer des Tages erzielen. Torwart Reiche darf sich diesen Gegentreffer ein wenig mit ankreiden, war er doch dem Schützen zunächst ein wenig entgegengelaufen und dann wieder zurückgewichen. „Nichts Halbes und nichts Ganzes“, sagt Günter, gefolgt von einem „Frohe Weihnachten, Guten Rutsch und Tschüss, Männer!“.

Obwohl es mittlerweile doch schon sehr schummerig geworden ist, wird das Flutlicht im „Günther-Volker-Stadion“ heute leider nicht mehr angeschaltet. Im Halbdunkel erzielt Patzelt das 1:4 und einer seiner Mitspieler scheitert kurz vor dem Ende der Partie per Außenrist am Pfosten. Meine bereits vor Anpfiff fertig gestellte Schlagzeile „Celle in Torlaune, Sülze in Aspik“ werde ich in der Berichterstattung leider nicht verwenden können.

Ich erhalte meine Dose „Faxe Kondi“ zurück, welche mir ein Ordner vor dem Stadion abgenommen und netterweise unter seinem PKW für mich versteckt gehalten hat. Auf dem Rückweg zum Bahnhof kehre ich in das griechische Bistro „Akropolis“ ein, welches in etwa so griechisch ist, wie ich. Irgendein sehr freundlicher Türke/Armenier/Bulgare überbackt mir irgendetwas Bifteki ähnliches in Sahnesoße und schickt mich mehr als satt auf die Heimreise. Für diese würde ich mich gerne noch mit einer Flasche lokalen Gerstensafts eindecken, doch leider kann man weder das „Celler Bier“, noch das „Wittinger“ aus dem Stadion irgendwo käuflich erwerben und so tappe ich in die Falle, mir in Uelzen in der dort vorhandenen Bahnhofsgastronomie ein „Störtebeker“ für 4,30 € zu bestellen. Gar nicht mal so „Lässig“ – genauso wenig wie das angrenzende Café samt Backstube mit selbigem Namen, dessen Angestellte nicht verkaufte Backwaren lieber vor den Augen des darum bittenden Obdachlosen in den Müll schmeißen, anstatt diese zu verschenken. Um 19.58 Uhr, und somit zwei Minuten vor Ladenschluss des „DB Service Store“, scheitert die letzte Hoffnung auf ein gutes und regionales Getränk bis Berlin und unnötigerweise wandern zwei Dosen „Holsten“ in meinen Warenkorb.

Warum spielen Rehden, Drochtersen/Assel, Egestorf/Langreder und Jeddeloh II eigentlich in der Regionalliga Nord, während Celle samt dieser Stadionperle in der Kreisliga verschimmelt? Und warum muss ich „Holsten“ saufen, obwohl hier eigentlich echtes Bier gebraut wird? Die Welt ist ungerecht – und meine Liste mit Stadien, die ich unbedingt einmal gesehen haben muss, wieder um eines ärmer! /hvg

18.11.2018 SG Motor Gohlis-Nord – SV Panitzsch-Borsdorf 1920 1:4 (1:2) / Stadion des Friedens / 36 Zs.

Am nächsten Morgen ist man in der „Pension Sachsenallee“ deutlich besser auf FUDU zu sprechen als am Vortag. Der Gastgeber zeigt sich heute in dem 90er-Jahre-Ambiente des Obergeschosses jedenfalls stark formverbessert und begrüßt die ausgeschlafenen FUDU-Schweine in der Gemeinschaftsküche. Voll der wiederentdeckten Gastfreundschaft weist er uns herzlichst auf die Möglichkeit hin, uns am Kaffeebuffet bedienen zu können. Mit Blick auf die Flutlichtmasten der „Fischerwiese“ ist dies getrost als gelungener Start in den zweiten Tag unseres „Beinahetschechien-Urlaubs“ zu bezeichnen. Nachdem gestern der erste osteuropäische Ground in Chemnitz „weggescheppert“ wurde, steht heute mit dem „Stadion des Friedens“ in Leipzig Gohlis-Nord bereits die nächste Stadionperle auf dem Programm. Musikalisch hat uns der „Hoollege“ und Musikexperte bereits gestern Abend auf die nächste wilde Fahrt im Ostblocksimulator eingeschworen. „Steig ei, mir fahrn in de Tschechei!“ wurde bis zum Erbrechen gespielt, also überschlagsgerechnet genau ein Mal, dennoch hat der Song seine Wirkung offensichtlich nicht verfehlt. Heute sitzen zumindest gleich mehrere tschechische Wanderarbeiter am Nebentisch und lassen sich ihr Sonntagsfrühstück munden, bevor es morgen bestimmt wieder auf Montage gehen wird. Mit einem freundlichen „Ahoj“ begrüßt mein polyglotter Mitreisender unsere Nachbarn und erntet gleichermaßen freudestrahlende wie waldschrätige Gesichter. Fetti und seine Freunde haben sich lange genug die Taschen vollgelogen und sind nun felsenfest davon überzeugt, endgültig in der ‚Tschechei‘ angekommen zu sein. Autosuggestion erfolgreich abgeschlossen…

… aber auch nur so lange, bis wir im Rahmen unseres Chemnitzer Stadtbummels das böhmisch-mährische Restaurant „Wenzel – Prager Bierstuben“ passiert haben. Hier geht man mit genau zwei großen Aufstellern vor den „Rathaus Passagen“ auf Kundenfang. Auf einem wirbt man allen Ernstes für „Craft Bier“, während der andere ein Speisenangebot „für Vegetarier“ feilbietet. FUDU ist in Windeseile wieder eingenordet. DAS kann nicht Tschechien sein!

[Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Geschäftsmann aller Zeiten, Erfinder des tierlosen Zoos und diverser unterirdischer Aussichtstürme, ist gestern bei dem Versuch, einem Tschechen Bier mit Obstgeschmack und einen veganen Schweinebraten zur Verköstigung anzubieten, von einem Kartoffelkloß, der sich in einer geballten Faust befand, erschlagen worden.]

Nachdem wir im Anschluss noch einen kurzen Blick auf das Karl-Marx-Monument samt Baustellenromantik, die Stadthalle, das Alte und das Neue Rathaus, den Roten Turm und das Opernhaus mit angrenzender Petrikirche geworfen haben, ist es auch bereits wieder an der Zeit, Chemnitz zu verlassen. Leider ohne Frühstück, da das Verhältnis geöffneter Bäckereien mit belegten Backwaren gegenüber Spielotheken ungünstigerweise ca. 0:88 beträgt.

Mit einer Pulle „Sachsengold“ kann man sich auf der 58 minütigen Bahnfahrt gerade so über dieses Missverhältnis hinweg trösten, ehe die bunte Warenvielfalt am Leipziger Hauptbahnhof restlos zu überzeugen weiß. Mit einem herzhaften Mettbrötchen besänftigt man den knurrenden Magen. Hoffentlich sind die beiden anderen „Hackepeter Boys“ gestern auch gut nach Hause gekommen…

Die Straßenbahnlinie 12 ist nach nur 16 Minuten Fahrzeit im Stadtteil Gohlis(-Nord) angekommen und auch die letzten 634 Meter bis zum Stadion sind schnell zurückgelegt. Hier beziehen wir Position auf dem Parkplatz und warten auf die Ankunft der FUDU-Außenstelle Leipzig, die heute ihren besten Mann ins Feld schicken wird. Gut, dass wir gleich zu dritt sein werden – der angedachte Wechselgesang Mo-Go-No über drei Tribünen, mit jeweils lang gezogenem sächsischen Ö, der wird sicher schwer laut!

Einige Minuten später brettert ein betagter Franzosenbolide an uns vorbei. Unbekannter Fahrer, GLA-Kennzeichen und ein hilflos aussehendes FUDU-Mitglied auf der Beifahrerseite. Wohlwissend über dessen Fähigkeiten in fernöstlicher Kampfkunst, geraten wir aber nur kurz in Sorge, hier Augenzeuge eines Geiseldramas geworden zu sein. Und wahrlich dauert es nicht mehr all zu lange, bis das Gefährt zurückkehrt und der Fahrer des Kraftfahrzeugs unseren Compañero in die Freiheit entlässt.

Bereits wenige Meter vor dem Eingangsportals des Stadions zeigt sich, dass man sich hier auf Hopper aus aller Herren (Bundes-)länder eingestellt hat. Für das Spiel in der Leipziger Stadtliga (entspricht auf Landesebene der Kreisoberliga, demnach der siebent höchsten Spielklasse) wird jedenfalls ein Eintrittsgeld fällig, für welches man aber eine wunderschöne Eintrittskarte im Posterformat und eine herzliche Begrüßung erhält. Wir werden später 36 Zuschauer zählen, darunter acht Gästefans und drei weitere Hopper, die fotografierend ihre Runden drehen. Der freundliche Herr, der uns zunächst die Eintrittskarten verkauft, wird später auch als Ordner und Inhaber der Stadiongaststätte in Erscheinung treten.

Bevor wir uns der imposanten Spielstätte etwas näher zuwenden, zieht es uns zunächst einmal in das „Sportcasino“. Dort decken wir uns mit einem Stadionbier ein, bewundern alte Fotos und Devotionalien des Leipziger Fußballvereins und erfreuen uns anderer Fußballsammelschmuckstücke. Besonders angetan hat es uns ein handgeknüpfter Teppich mit dem Logo des FC Bayern München darauf und schon jetzt nehmen wir es uns fest vor, in der Halbzeitpause das Speisenangebot auszutesten. Mein Blick ist auf den „überbackenen Käse auf Toast“ gefallen und ich freue mich diebisch über die semantisch spitzfindige Frage FUDUs, womit genau der Käse hier wohl überbacken wird.

Als wir das „Sportcasino“, oder die „MoGoNo-Baracken“, wie wir das urige Bauwerk getauft haben, verlassen, stehen beide Mannschaften bereits zum Einlauf auf das Feld bereit. Dieser nötigt beide Mannschaften zur ersten nicht ganz unerheblichen Laufleistung des Tages, immerhin gilt es einen Weg über die alten Kurven und die neue Tartanbahn zurückzulegen. Die Auswechselspieler Motors kuscheln sich kurz darauf unter einer Bayern-München-Fleecedecke zusammen, der Kassierer trägt nun eine Ordnerweste und hat sich in einem Anglerstuhl neben uns niedergelassen. Heute trifft die SG Motor Gohlis-Nord am 13. Spieltag auf den SV Panitzsch-Borsdorf. Die Gäste rangieren aktuell auf Rang 5 der Tabelle mit 10 Punkten Rückstand auf den Spitzenreiter des SV Tapfer 06 Leipzig, während die Heimmannschaft erst 9 Punkte auf der Habenseite hat und auf dem vorletzten Tabellenplatz positioniert ist. Jetzt nur nicht Panitzsch werden, sagt der Kroate. Jedes Spiel beginnt beim Stand von 0:0!

Das Spiel wird pünktlich um 14.00 Uhr angepfiffen. Die Gäste machen die ersten Minuten lang ordentlich Ballett und wenn man je davon sprechen konnte, dass sich nach acht gespielten Minuten eine Führung abgezeichnet hat, dann wohl in diesem Spiel. Die Nummer 10 bringt die blau-gelben aus Panitzsch, Ortsteil der Gemeinde Borsdorf im Landkreis Leipzig, früh in Front. Nach 15 Minuten kommt „MoGoNo“ durch einen Zufallstreffer zum Ausgleich. Eine Hereingabe von Marx wird derart unglücklich abgefälscht, dass Gästekeeper Roth chancenlos ist. Es folgt die beste Phase der Hausherren, die nun deutlich besser in das Spiel kommen, gefällig daran teil haben und munter mitspielen.

Der Blick schweift währenddessen durch das imposante Rund, welches 1923 eröffnet wurde und ursprünglich dem SC Wacker Leipzig eine Heimat bot. In den 1950er Jahren erlebte das „Stadion des Friedens“ seine Hochzeit, als es bis zu 50.000 Zuschauern Platz bot. Zu Ruhm und Ehren kam es dann vor allen Dingen in der Saison 1983/84, als der Rasen des Leipziger Zentralstadions durch das VII. Turn- und Sportfest derart ramponiert war, dass kurzzeitig keine Fußballspiele mehr darauf ausgetragen werden konnten. Anlass genug, um damals die Leipziger Oberliga-Derbys in das „Stadion des Friedens“ zu verlegen. Zu den Partien BSG Chemie gegen Lok strömten dann auch 30.000 bzw. 19.000 Zuschauer nach Gohlis. Heute sind die alten Funktionsgebäude, der Uhrenturm und auch die Stehränge noch immer erhalten, wenn auch krumm, schief und wild bewachsen. Dann klingelt plötzlich das Telefon des Kassierer-Ordners neben uns und reißt uns aus unseren kühnsten Träumen. „Nein, ich habe keine Glühweinkanne hier. Nein, ich habe heute auch leider keinen Baumkuchen da!“. Es sind bereits mehr als 30 Minuten gespielt und diesen potentiellen Stadionbesucher wird er mit diesen unbefriedigenden Auskünften wohl nicht überzeugt haben, sich heute noch auf den Weg in das „Stadion des Friedens“ zu begeben.

Die Gäste werden nun wieder dominanter und erarbeiten sich ein deutliches Chancenplus. In der 36. Minute endet ein abgefälschter Fernschuss noch in Zeitlupentempo am Pfosten, während Heimkeeper Struck bereits in der falschen Ecke liegt und dem Ball flehend hinterherschaut, doch in der 38. Minute ist die Führung der Gäste nicht mehr zu verhindern. „Der Zehner verwandelt das zweite Mal eiskalt“, steht in den Notizen geschrieben und nach nun erfolgter Recherche, passt auch der Name des 37-jährigen Akteurs zu diesem Stichpunkt: Matthias Winter heißt der Mann.

Nach 45 gespielten Minuten im eiskalten Winter sind auch die drei FUDU-Schweine halbgefroren und begeben sich in die schützende Obhut der „MoGoNo-Baracken“, in denen der Kassierer-Ordner nun hinter dem Tresen steht und die fröstelnden Gäste bedient. Nicht gerade ein Wetterfest!

Bei Bier, Mittagessen und einer Darts-Übertragung im TV machen wir es uns in der warmen Gaststube gemütlich. Der Kassierer-Ordner-Wirt weiht uns in seine Zukunftspläne ein. Ihm schwebt es vor, die Spiele aus dem „Stadion des Friedens“ zu filmen und live in seine Gaststätte zu übertragen. Der süffisante Kommentar „bald können sie draußen alleine durch die Kälte rammeln“, setzt dem nicht ganz so ernst gemeinten Vorhaben komödiantisch noch die Krone auf. Wir fühlen uns derart gut unterhalten (und aufgewärmt), dass wir die ersten 11 Minuten des zweiten Abschnitts verpassen werden.

Gemeinsam mit dem nun wieder Ordner kehren wir auf die Ränge zurück. Wir erleben eine Sturm-und-Drang-Phase der Hausherren, die sich anschicken, dem Favoriten ein Bein zu stellen. Der erste Angriff der Gäste endet jedoch mit einem taktischen Foulspiel im Mittelfeld und in einem handfesten Skandal: nach 55 Minuten erhält Sebastian Weißflog eine gelb-rote Karte, was Trainer Kienitz auf die Palme bringt. Er echauffiert sich lautstark und vertritt deutlich hörbar die Meinung, dass Weißflog im bisherigen Spielverlauf noch gar keine gelbe Karte erhalten hatte, doch der Schiedsrichter-Azubi zeigt keinerlei Einsicht und beharrt auf seiner Entscheidung. „Erst kümmere ich mich um die Fernsehbilder und wenn das irgendwann mal klappt, dann kaufe ich eine Isostar-Tonne, damit der Coach was zum Reintreten hat!“, weiß der Ordner auch diese Situation geschickt zusammenzufassen.

In der 80. Minute komplettiert Winter dank seines dritten (und letzten) Saisontores den Hattrick des Tages, ehe er vier Minuten später unter dem Jubel der acht mitgereisten Fans ausgewechselt wird. Der Anschlusstreffer bleibt „MoGoNo“ wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung unter schweren Protesten der Zuschauer und des Trainerteams versagt und in der Nachspielzeit schraubt Marcel Hoheisel (ausgerechnet Hoheisel!) das Ergebnis zu allem Überfluss auch noch auf 4:1 in die Höhe, indem er eine auf den zweiten Pfosten verlängerte Ecke über die Linie drücken kann. Das hat das tapfer kämpfende „MoGoNo“ in dieser Form nun auch nicht verdient…

Der Geiselnehmer aus Gladbeck sammelt uns kurz nach Abpfiff auf dem Parkplatz ein und befördert uns mit seinem Auto, welches nur von Klebeband und Spucke zusammengehalten wird, zurück zum Leipziger Hauptbahnhof, wo dank der Autofahrt noch genügend Zeit verbleibt, um vor der Rückfahrt nach Berlin landestypisch speisen zu gehen. Was könnte ein tschechisch-sächsisches Wochenende besser abrunden, als eine Einkehr in einem Asia Bistro?

Und während ich meine Ente in Erdnusssoße genieße, hat die durchaus attraktive junge Dame im eitergelben Mantel bereits das dritte Mal Blickkontakt aufgenommen und freundlich gelächelt. Kann man ja niemanden verübeln, sich in mich zu verlieben. Fast sogar ein bisschen schöner als tschechische Waldschräte in Arbeitskleidung am Nebentisch, denke ich mir, während ich mir so durch den Kopf gehen lasse, ob ich dieses Konzept des „einsamen Wolfes“ jemals wieder gegen etwas verbindliches eintauschen wollen würde. Als ich gerade vage zu einem „kann man ja mal probieren“ tendiere, so weit hat sie mich schon, fallen mir plötzlich die anderen vier Frauen an ihrem Tisch auf. Lauter Jute-Utas, Körner-Ullas, so Sozialpädagogikstudentinnen halt und mir wird schlagartig klar, dass man wohl auch immer einen Freundeskreis kennenlernen und mit diesem zurechtkommen müsste, wenn man sich auf jemanden einlassen würde. Und das ist sicherlich meistens problematisch, wegen der Menschen. Bleibe also vorerst Single.

Nur wenige Minuten später treffen wir auf dem Weg zu unserem Gleis einen gemeinsamen Bekannten, der aktuell auf Heimaturlaub in Sachsen weilt. Er rührt die Werbetrommel für das kommende Wochenende und fragt, ob man nicht gemeinsam mit einigen anderen Unionern nach Eilenburg fahren möchte, um die BSG Chemie auswärts zu sehen. Je nachdem. Entscheide ich spontan, muss ja niemanden um Erlaubnis bitten. Für die im Eitermantel würde ich zum Beispiel darauf verzichten, aber nicht, wenn ihre Freundinnen mit dabei wären.

Die Zugfahrt nach Berlin gerät dann zu einem mittelschweren Desaster. Seit sechs Jahren gaukel ich auf der Arbeitsstelle erfolgreich Seriosität vor. Nun sitze ich mit dem „Hoollegen“ auf dem Boden zwischen den überfüllten Abteilen des ICE und trinke irgendein Dosenbier, der Pullover vollgekleckert mit Asiasoße und ich wette, auf dem Handy liefen „De Randfichten“ dazu. Jedenfalls ein guter Moment, um Menschen zu treffen, die man aus dem Arbeitskontext kennt und mit denen man am Dienstag und am Freitag wieder zusammenarbeiten wird. Gelächter. 6 Jahre harte Arbeit, zunichte gemacht in 90 Minuten ICE-Fahrt. Leipzig-Berlin scheint eine beliebte Sonntagsstrecke meiner Kolleginnen zu sein. Unter diesen Gesichtspunkten sollte man das nächste Mal wohl lieber wieder woanders hinfahren: Steig ei, mir fahrn in de Tschechei! /hvg

17.11.2018 Chemnitzer FC U17 – 1.FC Union Berlin U17 1:1 (1:1) / Stadion im Sportforum Chemnitz / 75 Zs.

Chemnitz. Es gibt wohl keine Stadt in diesem Land, die aktuell über einen schlechteren Ruf verfügt. Seit ein Mann nach einem noch immer ungeklärten Konflikt auf einem Stadtfest erstochen worden ist, ist der Name der Stadt in aller Munde. Grund hierfür ist nicht diese schlimme Tat an sich, sondern die Reaktion der Chemnitzer Bevölkerung. Da drei Asylbewerber zunächst als tatverdächtig galten, krochen die rechten Maden aus ihren Löchern und instrumentalisierten die Tat für politische Aufmärsche. So zogen Woche für Woche mehrere Tausend Menschen durch die Stadt und verbreiteten rechte Parolen und Hass. Hetzjagden auf ausländisch aussehende Menschen wurden von den Initiatoren dieser Aufmärsche offenbar genauso in Kauf genommen wie Hitlergrüße, Parolen wie „Deitsch un‘ frei woll’n mer sei!“ und „Merkel muss weg!“ bestimmten die Bilder der Nachrichten und Chemnitz wurde zum Gesicht des Rechtsrucks in Deutschland.

Gestern bequemte sich nun Fr. Dr. Merkel nach Chemnitz und stellte sich in einem Bürgerdialog den Fragen und Ängsten der Bevölkerung. Sie wollte eben „nicht in die ganz aufgeheizte Stimmung“ kommen und in Chemnitz hat man nun Bedenken, dass das „polarisierende Gesicht“ Fr. Merkels die etwas beruhigte Lage in der Stadt nun wieder aufwühlen wird. Kontraproduktiv fanden den Besuch die einen, lobenswert die anderen, schreibt die „Zeit“ weiter – und bei FUDU macht man sich am Samstag auf den Weg, um sich ein Bild von der aktuellen Lage zu machen, während man in Chemnitz erneut aufstöhnt. Erst die „Ferkel“, dann die FUDU-Schweine. Karl Marx echt nicht mehr mit ansehen…

Als wir in Leipzig in die Regionalbahn in Richtung Chemnitz umsteigen, verfallen wir kurz Sorge, dass wir nicht nur in einer Stadt voller Ewiggestriger ankommen werden, sondern versehentlich tatsächlich eine Zeitreise gebucht haben. Oder wie soll man sich sonst die „Reichsbahnausbesserungswerk Halberstadt 1987“-Plakette erklären, die man hier stolz an der Eingangstür des Zuges präsentiert? Das Fortbewegungsmittel passt mit seinen manuell bedienbaren Türen und dem alten Plumpsklo jedenfalls bestens in unseren heutigen Ausflug, der neben der politischen Mission natürlich auch den Besuch einer Sportveranstaltung beinhalten wird. Es ist wieder einmal Länderspielpause und so haben sich Fetti und seine Freunde heute vorgenommen, die in Odense begonnene Nachwuchsförderung fortzusetzen und die B-Jugend des 1.FC Union in das „Stadion im Sportforum“ zu begleiten. Warum also immer nach Tschechien reisen, wenn man auch hierzulande tschechische Züge und Stadien geboten bekommt?

Der „Hoollege“ ist sich jedoch ein wenig zu fein für das Plumpsklo und zieht das geräumige Ambiente des Behinderten-WC vor, welches man hier irgendwann einmal im Laufe der letzten 30 Jahre nachgerüstet haben muss. Ich hatte noch kurz zuvor von einem Besuch dieses barrierefreien Urinierparadieses, wie es „Sanifair“ womöglich euphemistisch umschreiben würde, abgesehen. Man muss ja auch zu seinen Schwächen stehen können und so gebe ich an dieser Stelle unverhohlen zu: Ich bin einfach zu bescheuert, den Verriegelungsmechanismus dieses Aborts zu begreifen und habe bereits etliche unangenehme Situationen auf Auswärtsfahrten hinter mir. Grund genug für den „Hoollegen“, sich nun über mich und meine Unbeholfenheit zu amüsieren und weltmännisch geschickt zu verkünden, dass es ja nun ein Leichtes sei, die drei-vierhundert blinkenden Knöpfe in der richtigen Reihenfolge fachmännisch zu bedienen. Sprach er und verschwand auf der Toilette, dessen Zaubertür sich kurz darauf verschließt, die Farbe der Leuchtdioden des Druckknopfes aber eben nicht von grün auf rot wechseln. Ich ringe mit mir, wie hoch der Grad der Bloßstellung wohl sein darf, aber angesichts dessen, dass wir uns erst auf der Hinfahrt befinden, entscheide ich mich, meinen Triumph erst auszukosten, als ich den „Hoollegen“ akustisch am Wasserhahn vernehme und öffne dann die Tür. Tja, da kiekste, wa?!?

Vielleicht ist hiermit aber auch der Beweis erbracht, dass es eben doch schlicht und ergreifend unmöglich ist, dieses Schließsystem als nicht-behinderter Mensch auszulösen. Drum merke: Sollte Dich irgendwann einmal wieder jemand politisch inkorrekt fragen, ob Du behindert bist, so antworte: Nee, ick krieg die Tür nich zu!

Noch voll der Wut über die schier allmächtige Behindertenlobby haben wir kurz darauf dank eines schlauen Telefons herausgefunden, dass es sinnvoll sein könnte, die Bahn nicht am Hauptbahnhof zu verlassen, sondern bis Chemnitz-Süd zu fahren. Es ist bereits kurz nach 11.30 Uhr und der Umweg über die Pension zwecks Check-In und Abgabe des Reisegepäcks erscheint plötzlich unattraktiv. Zugegeben, wir hatten im Voraus die Möglichkeit eines früheren Check-Ins erfragt, doch wähnen uns nun dank der gewählten Formulierung „Sehr geehrte Damen und Herren, wir wissen noch nicht genau, wann wir Chemnitz erreichen werden. Sollten wir eher in der Stadt sein, womöglich gar gegen Mittag, wäre ein früherer Check-In als 16.00 Uhr denkbar?“ auf der absolut sicheren Seite. Darüber hinaus blieb die Mail seitens des Gastgebers unbeantwortet und nun ja, Reisepläne ändern sich nun einmal mitunter spontan.

Also verlassen wir die Bahn am Südbahnhof ohne jedwedes schlechtes Gewissen und begeben uns zu Fuß auf den Weg ins Sportforum. Hierfür sind knapp drei Kilometer zurückzulegen, die Sonne scheint und die Gegend darf getrost ‚charmant‘ genannt werden. Rund um die Gebäude der „Technischen Universität“ mit Campus Bibliothek, Studentenwerk und Tischlerei ist jedenfalls rein gar nichts von Hass, menschenverachtenden Haltungen und „ProChemnitz“-Meinungsmüll im Stadtbild zu spüren. Sobald man den „Städtischen Friedhof“ erreicht hat, ragen auch bereits die osteuropäischen Flutlichtmasten des Stadions in den Himmel empor.

Das wunderschöne Marathontor ist bereits in grünen Netzstoff gehüllt, wohl der erste Vorbote der kommenden Bauarbeiten, von denen wir just in diesem Moment noch nichts ahnen können. Wer sich jedoch heute (April 2020) ein Bild von dem Stadion machen mag, muss sich wohl oder übel mit der traurigen Gewissheit auseinandersetzen, dass mittlerweile die Flutlichtmasten der Vergangenheit angehören und auch die Südtribüne rund um das Marathontor weggebaggert worden ist. Dramatisch, traurig, schade.

Wir kommen also gerade noch rechtzeitig, auch, um den ersten genau so erwarteten Chemnitzer Gesprächsfetzen mitzubekommen. Der einzige Ordner am Einlass des Stadions spricht mit einem besorgten Bürger, Phänotyp Wendeverlierer: „Immerhin haben wir es schon geschaft das die den Vorsitz abgegeben hat!!1!“, prochemnitzt die Neonweste vor sich her und sein Gegenüber nickt „Nu“-stimmend. Kurz darauf haben wir jeweils 5 € Eintritt für die Partie der Bundesliga B-Jugend Nord/Nordost entrichtet, während sich der Wendeverlierer diesen Obolus überraschenderweise nicht leisten will. Hat bestimmt wieder irgendein Flüchtling das „Stier Bier“ teurer gemacht.

Es ist heute der 13. Spieltag und somit der letzte der Hinrunde angesetzt. Die unter 17-jährigen des 1.FC Union rangieren auf einem Platz im Mittelfeld und haben bereits einige Punkte Abstand zur gefährdeten Zone, sodass das Erreichen des Saisonziels aktuell nicht gefährdet wäre. Der CFC befindet sich auf Rang 12 von 14 und muss die Stirn schon etwas tiefer in Sorgenfalten legen.

Mit Riecke, Veith, Reinhardt und Asllani befinden sich in Reihen des 1.FC Union Berlin immerhin vier Spieler, die auch im „Baltic Sea Cup“ in Odense die Knochen für Berlin-Coepenick hingehalten haben. 75 Zuschauer, darunter André Hofschneider, haben sich auf der alten Haupttribüne mit seinen Holzbänken niedergelassen. Der Blick auf das Marathontor ist schön, die Flutlichtmasten sind in etwa so imposant wie erhofft und die Natur hat sich die mächtigen Kurven und die Gegengerade erobert. Wildwuchs, der davon zeugt, dass dieses Stadion schon lange keine Zuschauermassen mehr gesehen hat. Das Fassungsvermögen wird derzeit mit 18.500 angegeben. Als „Großkampfbahn“ wurde die Spielstätte 1938 mit einem Länderspiel zwischen Deutschland und Polen eröffnet – 60.000 Zuschauer strömten damals in die Anlage. In der DDR wurde im „Ernst Thälmann Stadion“ zu Chemnitz dann nur gelegentlich Fußball gespielt und in erster Linie durch die Leichtathleten des SC Karl-Marx-Stadt genutzt, doch bisweilen feierten auch der FCK und 9x die Nationalmannschaft der DDR hier ihre Fußballfeste: 45.000 Zuschauer sahen 1967 die Partie der Karl-Marx-Städter gegen den 1.FC Lokomotive Leipzig und auch internationale Spiele gegen Anderlecht, Boavista Porto, Sion, Borussia Dortmund und Juventus wurden an Ort und Stelle vor jeweils mehr als 24.000 Zuschauern ausgetragen. Dann auch teilweise unter Flutlicht, welches den „Himmelblauen“ seit 1968 den Weg leuchtete. In der Nachwendezeit kehrte der Chemnitzer FC der „Fischerwiese“, also dem „Stadion an der Gellertstraße“ für einige Jahre den Rücken und gastierte dauerhaft im „Stadion im Sportforum“, ehe man 1995 in das reine Fußballstadion zurückkehrte.

Ein geplanter Abriss des Stadions mit einhergehendem Neubau einer Multifunktionsarena mit 50.000 Zuschauerplätzen (!!!) wurde 2002 im Rahmen einer Bewerbung für die Austragung der Leichtathletikeuropameisterschaften angedacht und scheiterte überraschenderweise krachend. Besonders bitter, dass die nun im Gange befindlichen „Umbauarbeiten“ vom Stadion nicht mehr all zu viel übrig lassen werden. Es entsteht eine „moderne Leichtathletik-Arena mit 5.000 Zuschauerplätzen“. Kotz. Würg. Schrei. Danke, Merkel!

All das hätte ich in meiner Kabinenansprache übrigens den Jugendlichen mit auf den Weg gegeben. Geht raus, saugt die Nostalgie ein, seht vor eurem geistigen Auge Länderspiele in schwarz-weiß, seht Flutlichtabende im Europapokal, riecht den Fußball und macht Euch bewusst, dass all das hier bald nicht mehr möglich sein wird! Sie hätten mir vermutlich nicht zugehört.

Nach 22 Minuten verzeichnet der Chemnitzer FC bereits seinen dritten guten Torabschluss. Während die beiden ersten Versuche noch ohne Erfolg verpufft waren, landet Jonas Dittrichs Schuss zur verdienten Führung in den Maschen Unions. Nur fünf Minuten später kann Lucas Haase nach einer Freistoßflanke aus dem Halbfeld aber per Kopf zum 1:1 ausgleichen. Fazit der ersten Halbzeit: Union hat wesentlich mehr Ballbesitz, ist im Spielaufbau aber zu fehlerhaft und weist in den entscheidenden Momenten zu viel Streuung auf, während Chemnitz auf genau diese Fehler lauert und gute Ansätze im Umschaltspiel zeigt.

In der Halbzeitpause verlassen in etwa 72 Zuschauer die Haupttribüne, um auf dem nahe gelegenen Parkplatz Speis und Trank aus den Kofferräumen der mitgeführten Automobile zu befördern. Hofschneider und die beiden Gästefans sind hier in Ermangelung eines offiziellen Versorgungsangebotes Neese und aufmerksame Leser möchten nun vielleicht die im dritten Absatz gestellte Frage beantworten: Na, weil man da Bierchen und Klobása für 2,50 kriegt!

In der zweiten Hälfte beziehen mutmaßlich zwei Großeltern eines Chemnitzer Spielers vor uns Position und sprechen in einem derart heftigen Dialekt miteinander, dass wir nur Bahnhof verstehen. „Für mich sind das alles Böhmische Dörfer“, wie meine Oma zu sagen pflegen würde, was uns unserem tschechischen Fußballerlebnis nun doch wieder ein deutliches Stück näher bringt. Rein sportlich überzeugt das Spiel derweil mit einer hohen Intensität, viel körperlichem Einsatz und einem ansehnlichen Auf und Ab auf dem Rasen. Zehn Minuten nach Wiederanpfiff lässt Asllani die letzte gute potentielle Gelegenheit für Union liegen, als ihm eine Brustannahme im Sechzehner misslingt. In der 56. Minute verlässt der kleine und schmächtige Ünal Durmushan den Platz, der sich mit seinen gerade einmal 15 Jahren gegen die etwas robuster wirkenden Gegenspieler doch achtbar aus der Affäre ziehen konnte. Auch in Folge des Wechsels wird Union Oberwasser behalten, aber zu keiner klaren Torchance mehr kommen, weil sich die Chemnitzer gut organisieren, gut kommunizieren und sich wirklich zerreißen. Sinnbildlich hierfür muss Wadewitz in der 67. Minute nach einem doppelten Krampf das Feld verlassen und auch wenn man am Ende nur noch einen einzigen Entlastungsangriff auf der Habenseite verzeichnen kann, darf das Remis nach 80 Minuten getrost als ‚verdient‘ betrachtet werden.

Gegen 16.00 Uhr sind wir in der Pension angekommen. Das schöne alte Haus sieht zunächst einmal einladend aus, der Empfang des Gastgebers ist dann allerdings alles andere als herzlich. „Sie sind zu spät!“, wird uns aus einem kleinen Flur auf tiefstem sächsisch entgegen geblökt, während wir im zugigen Treppenhaus stehen und uns dafür rechtfertigen müssen, dass wir es nun doch nicht zur Mittagszeit nach Chemnitz geschafft haben. Das ist natürlich auch eine alternative Art der Begrüßung – die Stadtväter wären sicherlich ganz stolz angesichts dieser Willkommengeste. In Zeiten wie diesen ist es natürlich besonders wichtig, die Stadt wieder in ein rechtes gutes Licht zu rücken und den Gästen zu vermitteln, dass Chemnitz ein freundlicher und weltoffener Ort ist. Die nächste Hürde gilt es dann bei der Bezahlung zu überspringen, denn selbstredend kann man im Jahre 2018 in diesem Hause nicht mit Kreditkarte zahlen, was nicht etwa begründet, sondern lediglich abfällig kommentiert wird: „Steht alles im Internet, aber die Leute können ja scheinbar nicht lesen!“.

Zum Glück benötigt der weißköpfige Kotzbrocken dann nicht all zu viel Zeit, uns in unser Zimmer zu geleiten und uns die Hausregeln zu erklären. Die Aussicht auf die Flutlichtmasten des Stadions an der Gellertstraße ist zwar recht angenehm, doch so langsam drückt der Schuh ein wenig, da wir noch einen Anschlusstermin haben. Wie durch ein Wunder stellt sich heraus, dass die Buslinie 21 im 90-Minuten-Takt direkt vor der Haustür des Hotels abfährt und in nur wenigen Augenblicken die knappe halbe Stunde Fahrtzeit bis zur Eissporthalle im Küchwald zurücklegen wird. Dieses Chemnitz ist gar nicht so klein, wie man denkt.

Um kurz vor 17.00 Uhr haben wir die Wittgensdorfer Straße erreicht und befinden uns somit bereits in Sichtweite zum Chemnitzer Eissportzentrum. Für 6 € Eintritt darf man die Eishalle von 1958 betreten, die 3.850 Zuschauer fasst und durchaus auch höherklassiges Eishockey beheimaten könnte. Heute gastiert in der viertklassigen Regionalliga Ost der „Freie Akademische Sportbund Siegmundshof“ aus Berlin-Wedding bei den Chemnitz Crashers. Die Weddinger werden von zwei treuen Schlachtenbummlern der „Hackepeter Boys“ begleitet (empfehlenswertes Stammlokal der Gruppe: „Der Magendoktor“!) und darüber hinaus haben sich immerhin weitere 489 Zuschauer auf den blauen und gelben Sitzschalen niedergelassen. Wir haben gerade das erste Mal an unserem ersten Becher „Braustolz“ genippt, schon haben wir zwei schnelle Tore des Favoriten aus Berlin erleben dürfen. Nach 2:55 Minuten haben Julian van Lijden (dunkelhäutiger Niederländer, geboren in Bogotá – das ist der Stoff, aus dem Eishockeyspielerbiographien sind) und Marvin Miethke F.A.S.S. mit 2:0 in Führung gebracht. Bei den Crashers überragt der tschechische Importaktuer Filip Kokoška alle anderen Akteure um Längen und so ist es ihm vorbehalten, zum 1:2 zu verkürzen. Im zweiten Drittel schickt sich Chemnitz an, das Spiel auszugleichen. Gästecoach Norbert Pascha (Namen sind Schall und Rauch) nimmt nach 23:43 eine Auszeit, Chemnitz trifft nur die Latte und F.A.S.S. erhöht nach 25:10 und 28:30 durch Krüger und Czajka auf 1:4. Als hätten diese beiden Tore nicht gereicht, um die taktische Maßnahme des Trainers ‚gelungen‘ nennen zu können, schraubt Jentzsch das Ergebnis nach 31:07 weiter in die Höhe. Der Mittelabschnitt bleibt ereignisreich: erst kann Chemnitz durch Stiegler auf 2:5 verkürzen, scheitert dann erneut an der Querlatte, ehe F.A.S.S. den Schlusspunkt setzt und sechs Sekunden vor der Sirene durch Merk weiter davon zieht. Im letzten Drittel gelingt den Crashers in einem wirklich kurzweiligen Eishockeyspiel durch Hofmann nur noch Ergebniskosmetik. Am Ende der Saison wird der erst 21-jährige Kokoška in 15 Saisonspielen 54 Scorerpunkte erzielt haben (28+26). Fetti scoutet jetzt nebenberuflich auch Eishockeytalente…

Nach dem Spiel laufen wir durch den „Küchwald“ und erkunden die nähere Umgebung. Wir haben es hier mit einem wirklich schönen Randbezirk zu tun, sehr grün und auch das eine oder andere Einfamilienhaus kann sich hier durchaus sehen lassen. Wir kehren letztlich in den „Abtei-Stuben“ ein und erhalten dort zunächst einen deutschen Gruß aus der Chemnitzer Küche auf Brot, der sich auf Nachfrage als „Speckfett“ herausstellt. Neben dieser sächsischen Spezialität kommen die FUDU-Schweine im Anschluss in den vorzüglichen Genuss von Wels und Schweinepökelzunge mit Waldpilzen, ehe man sich gut gesättigt zurück in die Pension begibt.

Tja, Chemnitz, was bleibt unter dem Strich haften? So schlimm, wie alle sagen, bist Du vielleicht gar nicht. Aber all Deinen Idioten kannst Du von FUDU gerne ausrichten: Frei woll’n mer sei – un‘ das nächste Mal dann vielleicht doch lieber wieder in Tschechien! /hvg

06.11.2018 Odense BK – 1.FC Union Berlin 3:1 (3:1) / Kunstgræsbanen i Ådalen / 57 Zs.

Wirklich schön, dass gleich mehrere gotteslästerliche FUDU-Schweine über Sozialkompetenzen verfügen und bereits früh am Morgen Bereitschaft zeigen, ihren Anteil an einem opulenten Frühstück im dänischen Ferienapartment zu leisten. So heißt es bereits gegen 9.00 Uhr: …und für Dich und für mich ist der Tisch gedeckt, lieber Fetti hab Dank, dass es uns gut schmeckt!

Neben Fettis Freunden leistet aber auch die ortsansässige Brauerei ihren Beitrag zu einem gelungenen Auftakt in den Dienstag. Das „Albani Rød“ stellt dank seiner süßlich-malzigen Note das perfekte Begleitgetränk zur ersten Mahlzeit des Tages dar. Leider muss die „Alarmstufe Rød“ jedoch recht bald wieder für beendet erklärt werden, da man im „Baltic Sea Cup“ bereits um 11.00 Uhr zum Anstoß bittet. Da fällt einem ja fast vor Schreck das Frühstücksbier aus der Hand. Das ist doch keine Zeit für ein Fußballspiel!

Die „Kunstgræsbanen i Ådalen“ hat zweifelsohne für eine schlaflose Nacht und den einen oder anderen feuchten Traum gesorgt. Nun hat die Wartezeit ein Ende und der Kunstrasenplatz der Jugendakademie Odenses kann endlich gekreuzt werden. Voller Vorfreude werden die Pferde gesattelt, die Rucksäcke geschultert und der noch immer passabel gefüllte Bierkasten gestemmt. „Farvel“, Herr Juhl, „Farvel“ Frau Bai. Wir sehen vielleicht aus wie Nomaden, die ihren Lebensmittelpunkt wieder einmal temporär verlagern wollen, aber genaugenommen wollen wir vor unserer Rückfahrt nach Berlin nur noch schnell zum Fußball. Unser Zeug nehmen wir mit.

Vor uns liegt ein 2,5 Kilometer langer Spaziergang, der mit all dem Gepäck im Schlepptau gar nicht so angenehm ist. Nach wie vor haben wir kein Lebenszeichen aus dem Großraum København vernommen. Die FUDU-Außenstelle Dänemark scheint sich angesichts der Verlegung des Spiels aus dem Stadion auf die Kunstgrasbahn noch in Schockstarre zu befinden, anders ist es nicht zu erklären, warum wir noch immer im Unklaren darüber sind, ob sich unsere dänischen Freunde heute gerade machen werden. Im Leben ist halt nicht immer alles nur Champions League!

Der Vereinssitz und die Nachwuchsakademie befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft der „Odense Å“. Das Fließgewässer hat eine Länge von ungefähr 60 Kilometern, ist Fünens längster Wasserlauf und sorgt hier für ein angenehmes Ende des Spaziergangs. So eine kleine Wanderung durch den Wald kann man ja beinahe als seriöse Urlaubsunternehmung verkaufen.

Nicht mehr ganz so seriös geht es wenige Augenblicke später zu. Der Ordner des „OB“ (Odense Boldklub), der den Kunstrasen bewacht, schaut jedenfalls nicht schlecht aus der Wäsche, als plötzlich fünf Schlachtenbummler aus Deutschland um die Ecke biegen und einen Kasten „Albani“ mit sich herumwuchten. Freundlich kompetent begrüßt er uns und lässt uns mit sämtlichem Gepäck passieren, ohne ein Drama daraus zu machen. Später wird man auf der Website der Gastgeber beinahe begeistert anführen, dass „også rejst en håndfuld tyske fans med op til Odense for at støtte deres hold“. Eine „handvoll“ Fans aus Deutschland also, die mitgereist sind, um ihr Team zu unterstützen – der „Baltic Sea Cup“ elektrisiert eben die Massen!

„Unser Team“ verzichtet heute übrigens auf jedwede Unterstützung von Spielern über 21 Jahren. Moser, Maloney und Taz sind mit ihren 19 Lenzen und ihrer Nähe zum Profikader noch die erfahrensten Haudegen innerhalb der Union-Truppe, die ansonsten aus Spielern der Generation 2000 besteht. Um das für die Nachwelt festzuhalten und um Werdegänge der Nachwuchskicker Unions irgendwann einmal nachvollziehen zu können, darf der Kader hier kurz Erwähnung finden: Riecke (der laut offiziellem Spielberichtsbogen mit Geburtsdatum 07.11.2018 morgen auf die Welt kommen wird – Gratulation im Voraus!), Alimler, Opfermann-Arcones, Cinar, Inaler, Sitz, Asllani, Veith. Auf der Bank nehmen Ludosan, Gencel, Maciejewski, Werner, Reinhardt, Möller und Eidtner Platz. Schmerzlich vermissen wir Eroll Zejnullahu, der in Unions erster Mannschaft leider keine Rolle mehr spielt und den wir hier und heute gerne auf dem Feld gesehen hätten.

Auf der gegenüberliegenden Seite sieht die Zusammenstellung des Personals schon deutlich anders aus. Torwart Sayouba Mandé (25) von der Elfenbeinküste hat bereits drei Länderspiele für sein Heimatland absolviert und soll heute als Nummer 2 der Profimannschaft Spielpraxis sammeln. Im Mittelfeld ist Julius Eskesen aufgeboten, der zwar erst 19 Jahre alt ist, aber der sich dennoch bereits Stammspieler in der dänischen Superliga nennen darf. Nach 11 Einsätzen über die vollen 90 Minuten hat ihn Mitte Oktober ein Leistenbruch außer Gefecht gesetzt. Ebenfalls zu Einsatzminuten kommt heute der 32-jährige Stürmer Rasmus Festersen, der bereits auf 135 Spiele und 38 Tore in Dänemarks bester Spielklasse verweisen kann. Es sieht also auf dem künstlichen Geläuf ein wenig so aus, als würde eine Herren- auf eine Jugendmannschaft treffen, dennoch sind wir es, die zuerst jubeln dürfen (Website OB: „De skulle blive de første til at juble“).

Fisnik Asllani trifft nach neun Minuten mit einem schönen Rechtsschuss in die lange Ecke zum 0:1. Der Ausgleich für Odense BK fällt lediglich zwei Minuten später. Nach einer Flanke steht Eskesen goldrichtig und verwandelt per Kopf zum Ausgleich. Leider schlägt Odense nicht nur einmal, sondern direkt doppelt zurück. Es vergehen keine 60 Sekunden, da haben die dänischen Sportsfreunde das Ding bereits gedreht. Mit einer Volleyabnahme aus der zweiten Reihe bringt Mads Frøkjær seine gestreiften Farben mit 2:1 in Führung. Die Rolle Mosers bei diesem Gegentor wird intern zu hinterfragen sein. Nach 23 gespielten Minuten geht endlich eine Nachricht der FUDU-Sektion ‚Dänemark‘ ein. Unsere beiden Fußballexperten melden, dass sie bald am Stadion eintreffen werden und müssen nun noch einmal eindringlich darauf hingewiesen werden, dass ihnen das rein gar nichts nützen wird. Wer Union sehen mag, muss raus nach Ådalen! Ein Meister seines Fachs ist der, der bereits 160 Kilometer im Auto gesessen hat, die erste Halbzeit auf jeden Fall verpassen wird und dann eine solche Frage stellt: „Where is Ådalen? Is it still in Odense?“

Kurz vor Halbzeitpfiff trudeln die beiden Dänen in unserer Gruppe ein und freuen sich über ein Begrüßungsgetränk aus dem „Albani“-Kasten. Verpasst haben sie das 3:1 durch Mikkel Michelsen, der nach 33 Minuten eine Ecke per Kopf verwerten kann. Ein junger Unioner hatte den Ball am ersten Pfosten unglücklich verlängert und im ersten Moment hatte es gar nach Eigentor gerochen. Nun sind wir also endlich komplett, schießen Gruppenfotos und zählen die Zuschauer. Es sind 57 Menschen, die sich um den Kunstrasenplatz, der nicht einmal über eine Barriere zum Aufstützen (weniger Ausbau geht nicht!) verfügt, versammelt haben.

Das nächste Highlight darf in der 62. Minute notiert werden. Ein weiterer Unioner erreicht die legendäre „Kunstgræsbanen“ zu Ådalen und klagt uns sein Leid. Er habe kurzweilige 14,5 Stunden Busfahrt hinter sich und sei zielstrebig zum Stadion gelaufen, in der Hoffnung, das Spiel könnte dort stattfinden. Union habe im Vorfeld nicht auf seine Anfragen reagiert, wo und wann das Spiel ausgetragen wird – hätte er mal den Newsletter bestellt oder die Website regelmäßig gelesen, der Amateur. Während wir im Geiste das Hurensohn gegenüber Herrn Wamsler zurücknehmen, holt er – gebt zu, das habt ihr kommen sehen – einen Kürbis aus seiner Plastiktüte.

Irritationen unsererseits. Ein Mensch hat 14,5 Stunden Busfahrt und einen außerplanmäßigen sieben Kilometer langen Marsch vom Bahnhof zum Stadion zu einem Kunstrasenplatz auf sich genommen, um ungeborene Fußballspieler 30 Minuten beim Kicken zusehen zu können. Kurz nach Abpfiff wird er sich direkt auf den 14,5 Stunden langen Heimweg begeben müssen. Tagesausflug, 1200 Kilometer Reise, bisschen laufen zwischendurch. Wir haben 100 Leute gefragt: Nennen Sie einen möglichst praktischen Reiseproviant für ein solches Vorhaben! Bäm. Gefüllter Kürbis!

Offenbar haben übrigens auch die Vereinsverantwortlichen des Odense Boldklub die Zuschauerzählung in der Halbzeitpause vorgenommen. Diese wird tags darauf mit 57 angegeben und somit darf die FUDU-interne Zählung von 11.41 Uhr als valide betrachtet werden. Da muss man wohl oder übel konsta(n)tieren: Leider geht der „Kürbiskopf“ heute nicht einmal mehr in diese Statistik ein…! Dafür führt er eine andere Statistik unangefochten an, oder kennt ihr einen anderen Menschen mit bundesweitem Aufkleberverbot?

Das Fußballspiel läuft parallel weiter. Die dänischen Experten benennen die Spieler Frøkjær und Harboe als kommende Profispieler. Auf dem Feld überlässt Odense den jungen Unioner nun etwas mehr Zeit und Raum, sodass man das Spiel nun offener gestalten und einige spielerische Akzente setzen kann. Berkan Taz scheitert in aussichtsreicher Position am eingewechselten Gejl. Letztlich wird Union aber nicht zwingend genug und den Spielern Odenses fehlt der finale Ehrgeiz, ihre Umschaltsituationen mit letztem Feuereifer auszuspielen. So bleibt alles beim Alten und der Schiedsrichter beendet um 12.45 Uhr überpünktlich die Partie.

FUDU und Freunde gehen im Anschluss der Partie noch in einen entspannten Austausch mit Sebastian Bönig, der heute als Coach für diese erlesene Auswahl Nachwuchskicker verantwortlich war. Den ersten satirischen Beitrag des Hoollegen („Stellt Euch, dit war ja wohl nüscht heute!“) kriegt er noch etwas in den falschen Hals, kann uns volltrunkene Kernassis dann aber schnell argumentativ überzeugen. Seine „Burschen“ hätten sich gegen körperlich überlegene und teilweise gestandene Profis wirklich achtbar aus der Affäre gezogen. Über die Gründe für Erolls Fehlen gerät er nicht unbedingt ins Plaudern, deutet aber an, dass man eben auch Motivation zeigen müsse, sich für ein solches Spiel „zehn Stunden in den Bus zu setzen“. Während der „Kürbiskopf“ wohl aktuell ausrechnet, wie viel Zeit er durch seinen Umstieg in København und den unnötigen Haltestellen zwischen Odense und Berlin so verplempern wird, ist Unsympath Lutz Munack als Anstandswauwau neben uns aufgezogen und guckt „Böni“ doch genau auf den Mund. Mit einem „Eroll ist 24, was soll der denn in einer Nachwuchsmannschaft spielen?“ stellt er dann auch noch unter Beweis, dass er Sinn und Zweck des „Baltic Sea Cup“ vollumfänglich begriffen hat und zieht dann glücklicherweise alsbald von dannen.

Herr Bönig ist dann doch sichtlich erschrocken, als er von uns allen erfährt, dass wir tatsächlich eigens für dieses Spiel aus Berlin angereist sind und uns nun auf den Heimweg begeben müssen, da morgen die Arbeit wieder ruft. Der Hoollege führt berechtigterweise an, dass wir bereits um 20.30 Uhr wieder zu Hause sein werden und dann immer noch locker Zeit hätten, in einer Kneipe einzukehren. Mit einem Augenzwinkern, einem süffisanten „ausgerechnet Du brauchst noch eine Kneipe“, guten Wünschen für die Reise, Handshakes und einem kräftigen „Eisern“ verabschiedet sich „Böni“ eben so, wie es sich für einen echten Unioner gehört.

Wir verabschieden uns von unseren dänischen Freunden, decken uns in der Fußgängerzone ohne die vom „Kürbiskopf“ erwarteten Störmaßnahmen der Ultraszene Odenses noch mit Speis und Trank für die Rückfahrt ein und wappnen uns bereits unbewusst für den Kampf gegen die Satelliteneltern aus den Yuppie-Lofts am Gleisdreieck, den wir ab Hamburg in der Bahn ausfechten müssen. Ekelhafte Menschen, die angesichts unser Biervorräte heftiger mit den Augen rollen als die Weismainer das große R. Hinter uns liegen Nachwuchsförderung und Gotteslästerung in Dänemark. Vor uns liegen drei Tage Berlin. Und das kriegt man ohne Kneipe nun wirklich nicht hin… /hvg

05.11.2018 Vejle BK – AC Horsens 3:1 (2:0) / Vejle Stadion / 5.584 Zs.

Es ist 22.30 Uhr, als unser Zug am Sonntag am Berliner Hauptbahnhof einrollt. Der 1.FC Union hat in Regensburg immerhin einen Punkt geholt und wir dort unser Mietauto in einer Filiale gelassen, in der der Mitarbeiter zunächst nicht gewillt war, seinen Schreibtisch zu verlassen und neben seiner Papierberge auch unser Anliegen zu bearbeiten. Und auch der Schaffner der 17.18 Uhr Verbindung spielte uns mit seiner Großzügigkeit in die Karten, uns zwei Stunden vor unserer eigentlich gebuchten Fahrt mit nach Hause zu nehmen. Dazu verkündete die irische Arschgeige im Vorfeld der Reise einen um dreißig Minuten verspäteten Abflug und so kommen wir in Addition der sich ergebenen Zeitfenster doch in den Genuss von unerwartet viel Schlaf, bevor Fetti und seine Freunde am frühen Montagmorgen bereits wieder aus der Hüfte kommen müssen. Nächster Halt: Dänemark.

Um kurz nach halb sechs treffen am Ostbahnhof drei reisefreudige FUDU-Schweine gut gelaunt aufeinander. Anlass der Reise ist ein Pokalwettbewerb, den einige Vereine in Eigenregie aus der Taufe gehoben haben, um ihren Nachwuchsspielern Spielpraxis gewähren zu können. Neben dem 1.FC Union Berlin nehmen auch Hertha BSC, Pogoń Szczecin, Halmstads BK, Aalborg BK, FC København und Odense BK an der illustren Runde teil. Geographen unter Euch werden längst erkannt haben, dass all diese Städte genau eine Gemeinsamkeit aufweisen und mögen den Namen des Wettbewerbs vielleicht schon erahnen. Es ist der gute alte „Baltic Sea Cup“ – geschaffen von Ostseeanrainern für Ostseeanrainer!

Vor einigen Monaten hatte der 1.FC Union die Geburt des Wettbewerbs offiziell bekannt gegeben und diesen als eine große Errungenschaft für den Nachwuchs und die Ergänzungsspieler des Profikaders gefeiert. Neben U-21 Spielern dürfen im „Baltic Sea Cup“ auch drei Profispieler jenseits dieses Alters eingesetzt werden und unter Wettkampfbedingungen die Knochen hinhalten. Der Modus ist etwas sonderbar und so wird am Ende der Runde jedes Team auf nur auf vier Spiele (2x Heim, 2x Auswärts kommen) gegen scheinbar willkürlich zugeordnete Gegner kommen. In einem Gesamtklassement wird dann nichtsdestotrotz ein Champion ermittelt, obwohl dieser nicht einmal gegen jeden Gegner angetreten sein wird. Union bekommt es zu Hause mit Aalborg und Halmstads zu tun, auswärts trifft man auf den FCK und wird sich mit Odense messen dürfen. Es bleibt ein Hauch von Union international – was dem Wettbewerb bei all seiner Sinnlosigkeit doch einen schillernden Anstrich verpasst.

Mittlerweile ist von der großen Euphorie des Vereins über den Wettbewerb jedoch nur noch wenig zu spüren, zumindest was die Kommunikation mit der interessierten Öffentlichkeit anbelangt. In der Zwischenzeit sind drei Spieltage ins Land gegangen und während der „Vanløse Idrætspark“  (3:1 Auswärtssieg beim FCK!), für FUDU noch als nicht reiserelevant eingeschätzt worden war, bestehen beim zweiten Auswärtsspiel durchaus ernsthafte Hoffnungen auf einen Besuch des „Odense Stadion“. Der 1.FC Union meldet sich im Vorfeld der morgigen Begegnung übrigens letztmals am 03.10. auf der Vereinswebsite mit folgender detailverliebter Ankündigung: „Am 06.11.2018 gastieren die Köpenicker zu ihrem vorerst letzten Match im Baltic Sea Cup beim dänischen Turnierteilnehmer Odense BK.

Wer, wie, was, wo, wann und warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!
Offenbar werden zu Auswärtsspielen des sagenumwobenen „Baltic Sea Cup“ nur echte Insider zugelassen, sodass ich Kontakt mit der Kommunikationsabteilung meines Herzensvereins aufnehmen muss. Hier hat man offenbar jedoch zu viel Arbeit, anders ist die lieblose Antwort mit Textbausteinen nicht zu erklären. Ich soll den Newsletter abonnieren und die Website aufmerksam lesen. Wow, Danke. Hilfreicher ist da schon der Mailkontakt mit dem dänischen Gastgeberclub, den der eingebildete Kranke parallel aufgenommen hat. Nur wenige Stunden später flattert hier bereits eine sehr angenehme Antwort ins Haus. Morten Wamsler (→ Pressetalsmand af Odense BK) verkündigt vollmundig: „The match will be on November 6th at 11:00. We will play at Nature Energy Park – our main stadium in Odense. Venlig hilsen / Best Regards!

Fassen wir die Geschehnisse der letzten drei Monate noch einmal kurz zusammen. Es gibt da also einen Wettbewerb, in dem Nachwuchsfußballer um die goldene Ananas spielen. Eines dieser Spiele ist im knapp 600 Kilometer entfernten Odense an einem Novembertag um 11.00 Uhr angesetzt und irgendein Morten hat uns eine E-Mail geschrieben. Und insgesamt fünf erwachsene Menschen (zwei werden im Laufe des Tages noch zu uns stoßen – man kann tatsächlich über Nacht mit dem Zug von Regensburg nach Dänemark fahren, das müsst ihr mal ausprobieren!) so: Mehr Informationen bauchen wir nicht – lass‘ mal ’ne Ferienwohnung buchen und da hin fahren. All Over Baltic Sea!

 

Mittlerweile haben wir uns am Security-Check am Flughafen Schönefeld eingefunden. Der für uns zuständige Mitarbeiter trägt eine Herthafahne am Revers und als Fan kann man ihn nicht ernst nehmen. Der weiß bestimmt nicht einmal, dass seine blau-weiße Hertha morgen im „Baltic Sea Cup“ in Szczecin ran muss, der Anfänger. Ebenso amateurhaft verhält sich kurz darauf ein Reisender in Eile, der sich einigermaßen atemlos in unsere Schlange einreiht und angesichts des noch verschlossenen Gates zunächst einmal zufrieden scheint. Als er wieder Luft bekommt und dem Frieden doch noch nicht so ganz traut, will er sich lieber noch einmal absichern:

„Is this the Flight to Budapest?“
„No, we are going to Billund!“
„JEEEEEEEEEEEEEEESUS!“

Der Running Gag für die kommenden Stunden wäre also gesichert und wird bereits das erste Mal im Flugzeug noch vor Verlassen der Startbahn zelebriert. „Entschuldigung, fliegen Sie auch nach Budapest?“, frage ich den eingebildeten Kranken, der neben mir sitzt und der nun, kurz nachdem ich auf sein Dementi ein kräftiges „JEEEEEEEEEEEEEEESUS“ habe folgen lassen, nachweislich doch abheben wird. Obwohl er doch als einziger Priority-Kunde der Reisegruppe eben noch gemeinsam mit uns in der Schlange des einfachen Fußvolks gestanden hatte, um genau selbiges zu verhindern. Wendehals.

Um 8.40 Uhr landen wir in Billund. Zu unserer Enttäuschung verfügen die Mitarbeiter des Flughafens über keine gelben Köpfe mit abnehmbaren Haarteilen, weisen uns aber dennoch kompetent den Weg zum „Ekspresbus 43“, der uns in 31 Minuten für 62 DKK pro Penis nach Vejle befördert. Obwohl hier heute Abend das Westjütlandderby gegen Horsens steigen wird, muss FUDU den Ort, der Hopperbegehrlichkeiten weckt, leider noch einmal verlassen, um das Domizil in Odense beziehen zu können und den Rest der Reisegruppe einzusammeln. Im Nachhinein wirkt die Planung logistisch vielleicht nicht ganz ausgefeilt, aber es wird schon einen Grund gehabt haben, in Vejle anzukommen, dann 80 Kilometer nach Odense zu fahren, um am Abend erneut hin- und herzufahren. Die knapp einstündige Fahrt für faire 42 DKK hat dank der Überquerung des „kleinen Belt“ jedenfalls ein echtes Highlight zu bieten, während die Nachrichten, die von Familie Fackelmann eintrudeln, eher am anderen Ende der Attraktivitätsskala zu verorten sind. Ihre Ankunft aus Regensburg via München, Hamburg und Neumünster verzögert sich um voraussichtlich zwei Stunden, weiß der gestrandete Facki per Textnachricht aus dem „Carlisle Park“ zu Flensburg zu berichten. Tja, FUDU und Carlisle – das verspricht bekanntlich immer Unheil!

Für 3/5 der Reisegruppe, die ihr Ziel planmäßig erreichen (11.19 Uhr), bleibt nun bis zum Check-In um 15.00 Uhr genügend Zeit, um die Stadt zu erkunden. Odense hat knapp 180.000 Einwohner, ist die drittgrößte Stadt des Landes und dank des Schriftstellers Hans Christian Andersen, der hier am 02.04.1805 das Licht der Welt erblickte, bei asiatischen Touristen offenbar recht beliebt. Wir schlendern durch die malerischen Gassen, besichtigen das Odense Slot, das Geburtshaus des Dichters und Denkers und werfen – baustellenbedingt – nur einen Blick aus sicherer Entfernung auf die Domkirke St. Knuds.

Um 12.30 Uhr öffnet der „Sir Club“ in der Nørregade seine Pforten. Klar, dass die durstigen FUDU-Schweine nur kurz darauf um Einlass bitten und Prioritäten setzen. Die erste Runde „Albani“ wird geordert und auch bei der Bestellung der zweiten dankend darauf verzichtet, den wenig verheißungsvollen Craft-Beer-Empfehlungen des Wirts zu folgen. Wenn überhaupt, hätte er uns mit einem Gebräu namens „Romina Power“ gekriegt, dann aber auch nur aus Gründen.

Um 13.53 Uhr erhält der eingebildete Kranke eine E-Mail. Morten Wamsler erinnert sich daran, dass sich vor drei Monaten irgendwelche Bekloppten aus Tyskland an ihn gewandt haben. FUDUs Herzen pochen, der Inhalt der Mail wird mit Spannung erwartet. Ein Willkommensgruß, ein Meet&Greet mit den Spielern, eine Stadionführung, Brauereibesuch mit Freibier?

Dear imaginære syge, the match tomorrow will be played at our training ground instead. The adress is: Odense Boldklub, Ådalen Sdr. Boulevard 172, DK-5000 Odense.

JEEEEEEEEEEEEEEESUS. 600 Kilometer gereist, um ein Spiel des „Baltic Sea Cup“ auf einem unausgebauten Kunstrasenplatz der Nachwuchsakademie zu sehen. Ich sehe eingeschlafene Gesichter am Tisch, leite die schlechten Nachrichten direkt nach Carlisle weiter und Morten hört ein Hu-hu-hu-Hurensohn!

Nach einer dritten Runde „Albani“ ist der Schock aber auch schon verdaut. Stillschweigend ist man dazu übergegangen, sich hiervon nicht den Urlaub versauen zu lassen. Es folgt ein kleiner ernüchternder Spaziergang, um unser Feriendomizil zu erreichen. Eine freundliche Asiatin öffnet uns die Tür. Geistesgegenwärtig wie eh und je schlussfolgert FUDU, dass man es wohl nicht mit Jacob Juhl, sondern mit Lan Bai zu tun hat. Ich weiß nicht, wie ich es Anfängern erklären soll, woran man so etwas als routinierter Reisender immer direkt merkt. FUDU ist eben schon wirklich Lan(g) (Da)Bai und um keinen schlechten Scherz verlegen, während man sich nun durch den IKEA-Katalog im Keller führen lässt. Küche, Bad, zwei Schlafzimmer, Wohnzimmer, Esstisch, alles da für 1016 DKK. Fehlen nur noch die Fackelmanns und ein voller Kühlschrank…

Wieder einmal gelingt es FUDU, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und so wird die Wartezeit mit einem Supermarkteinkauf geschickt überbrückt. Neben Mittagessen, einem Mitternachtsimbiss und etwas Frühstück wandert natürlich auch ein gut gefüllter Bierkasten in unseren FU(N)DUS: insgesamt 30 Flaschen „Albani“, paritätisch auf drei verschiedene Sorten aufgeteilt (Pilsner, Classic, Rød), gibt es für lediglich 40 € käuflich zu erwerben. Das ist natürlich ein Angebot, das keiner ausschlagen kann! Dazu werden noch einige Flaschen Giraffenbier eingesackt, die ebenfalls aus der ortsansässigen Brauerei stammen, aber eine besonders schöne Randanekdote erzählen. 1962 starb im Zoo von Odense eine Giraffe namens Kalle, die bis dato als Werbefigur der Brauerei herhalten musste. Die Brauerei widmete ihrem verstorbenen Werbeträger daraufhin ein Starkbier namens „Giraf“ und wollte mittels dieses Bieres genügend Erlöse einspielen, um dem Zoo eine neue Giraffe kaufen zu können. Obwohl bereits die Produktion des ersten Jahres soviel Geld einspielte, dass der Zoo zwei neue Tiere anschaffen konnte, wird das Bier noch immer aufgelegt und auch ein Schlot des Brauereigeländes erinnert bis heute an die tiefe Verbundenheit der Brauerei zu den langhalsigen Paarhufern. Einer für alle, alle für Kalle!

Irgendwann sind dann auch endlich die Fackelmanns eingetroffen und wir können uns der Abendplanung zuwenden. Die Frau entscheidet sich, Haus und Hof zu hüten und die vier Stammeshalter FUDUs brechen alleine in Richtung Bahnhof Odense auf, um den Weg zurück nach Vejle anzutreten.

Der gebuchte Zug um 17.10 Uhr wird von der „Danske Statsbaner“ bedauerlicherweise gestrichen. Die nächste Direktverbindung wird von der dänischen Staatsbahn erst in einer Stunde angeboten. Ankunftszeit 18.55 Uhr – bei einem Anstoß um 19.00 Uhr doch etwas knapp. Schnell machen wir eine Verbindung via Fredericia mit geplanter Ankunft um 18.28 Uhr ausfindig, bei der allerdings der Umstieg aufgrund der erwarteten Verspätung des ersten Zuges verpasst werden könnte und somit auch das Spiel gestorben wäre. Unter Hochdruck feilt man an einer Entscheidungsfindung und FUDU wäre nicht FUDU, würde man sich gegen die „All-In-Variante“ entscheiden. Also, nichts wie rein in den Zug nach Fredericia, der bereits am Gleis bereitsteht und in wenigen Augenblicken abfahren wird. ¾ der Reisegruppe stellen ihre Sportlichkeit unter Beweis und sprinten dem letzten Wagen entgegen, während der Hoollege eine Grundgeschwindigkeit wie Dennis Daube abruft und gemächlich hinterher schlendert. Die „DSB“ lässt niemanden zurück, der Umstieg in Fredericia gelingt nahezu spielerisch, obwohl die Zugbegleiterin diesen nicht garantieren wollte, doch sorgt dann ein Halt auf freier Strecke dennoch für eine Ankunftszeit, die letztlich zu wünschen übrig lässt. 18.51 Uhr. Na, da hat sich das ganze Gerenne ja gelohnt.

Noch neun Minuten bis zum Anpfiff. Grund genug, um endlich einmal mit dem Motto „All Cabs Are Bastards“ zu brechen und sich an den Taxistand zu stellen. Dort warten bereits zwei englischsprachige Menschen, die ebenfalls das Stadion als ihr Ziel angeben und so kann man sich sinnvollerweise ein Großraumgefährt teilen, welches einer der beiden per Handy ordert. Der Taxifahrer ist zu Scherzen aufgelegt und tut kund, dass die Fahrt „70“ kosten würde. „For each person“. „In Euro“. Gerade ist der letzte Lacher verebbt, da stehen wir um 19.02 Uhr auch schon in einem Waldstück vor einer Barriere. Leider ist die Zufahrt zum Stadion heute aus Sicherheitsgründen gesperrt, wir schmeißen schnell etwas Kleingeld in einen Hut, bis 70 DKK zusammengekommen sind und legen die letzten Meter kraxelnd zu Fuß zurück. ¾ der Reisegruppe stellen ihre Sportlichkeit unter Beweis und eilen den Berg hinauf, während der Hoollege eine Grundgeschwindigkeit wie Dennis Daube abruft und gemächlich hinterher schlendert. Immerhin nutzt er die Zeit sinnvoll und geht in den Austausch mit einem unserer beiden Taxi-Compañeros und findet investigativ heraus, dass wir soeben Zeit mit Måns Oskar Söderqvist verbracht haben. Söderqvist, aktuell unter Vertrag bei Kalmar FF, besucht heute seinen Kumpel und ehemaligen Mitspieler Charles Melker Otto Hallberg, der nunmehr sein Geld in Vejle verdient. Offen bleiben da nur die Fragen, warum ein Profifußballer nicht in der Lage ist, für eine solche Taxifahrt eine Runde zu schmeißen und warum der feine Herr Söderqvist bis heute eine Brieffreundschaft mit FUDU verweigert.

Da wir unsere Eintrittskarten aufgrund eines recht üppigen Online-Rabatts vorausschauend bereits in Berlin gekauft hatten, nimmt zumindest das Einlassprocedere keine unnötige Zeit von der Uhr. Um Punkt 19.13 Uhr haben wir die Hintertortribüne erreicht, um 19.18 Uhr geht Vejle durch Melker Hallberg in Führung. Wir verzichten zunächst auf unsere Plätze auf der Gegengeraden, verweilen hinter dem Tor auf dem Stehplatzbereich an der Eckfahne und haben den mit 300 Mann gefüllten Gästeblock gut im Visier. Mit sieben Fanbussen ist man heute aus Horsens angereist. Eine außergewöhnliche hohe Zahl, die man auf den vereinseigenen Kanälen ordentlich abfeiert, die aber etwas dadurch getrübt wird, dass beide Ortschaften dieses Westjütlandderbys gerade einmal 30 Kilometer trennen. Im kommenden Jahr feiert man in Horsens sein 25-jähriges Bestehen (AC steht für „Alliance Club“ und fasst seit dem 01.01.94 folgende Fusionsclub unter einem neuen Namen zusammen: Horsens fS, FC Horsens, Stensballe IF, Hatting-Torsted IF, Lund IF, KFUM Birkeparken, Egebjerg IF, Juelsminde IF, Gedved IF und Rask Mølle /Åle IF), während man in Vejle seit 2012 wieder ohne den Fusionspartner aus Kolding auskommt. Da ist es einigen besonders bitter aufgestoßen, dass man vor einigen Tagen im dänischen Vereinspokal ausgerechnet gegen eben jenes Kolding den Kürzeren gezogen hat, wie z.b. Chefcoach Adolfo Sormani, der in Rage eine rote Karte erhielt und heute von seinen Assistenten Morten Bisgaard und Giovanni Mazella vertreten wird. Es ist also Wiedergutmachung angesagt in Vejle!

Nach 41 Minuten tritt Melker Hallberg eine Ecke an den kurzen Pfosten, an dem Lauritsen von mehreren Gegenspielern umringt wird, aber doch seltsam ungestört zum 2:0 einnicken kann. Gästekeeper Matej Delač irrt womöglich noch immer durch seinen Fünfmeterraum, als wir uns in der Halbzeitpause bereits einen Überblick über die Catering-Situation verschafft haben. Røde Pølser gibt es heute nur ohne Röstzwiebeln zu erwerben und die Fankneipe „Gravesen Corner“, benannt nach Vejle-Legende Thomas Gravesen, ist während der Spieltage geschlossen.

Die zweite Hälfte begutachten wir von unseren 111 DK teuren Premiumsitzen. Das Bier schmeckt auch im Sitzen gut und wieder gelingt es uns, gerade rechtzeitig zum nächsten Torerfolg unsere Plätze einzunehmen. Der Färinger Hallur Hansson hat trocken von der Strafraumkante abgezogen und auf 1:2 verkürzt. Wenn wir uns da mal nicht vor lauter Aufregung an den Röstzwiebeln verschluckt hätten.

Nach einer Stunde ist der Drops dann gelutscht. Wieder tritt Hallberg eine gute Ecke, Gästeverteidiger Sonni Nattestad verlängert unfreiwillig und Jakobsen drischt den Ball humorlos Volley aus Nahdistanz in die Maschen. Der verbannte Trainer jubelt, wir holen noch eine Rutsche „Carlsberg“ nach und lassen das Fußballerlebnis gemütlich ausklingen.

Noch während wir uns darüber lustig machen, dass die Gäste bereits ab der 85. Minute den Gästeblock geräumt haben und niedergeschlagen zu den Bussen gekrochen sind, stellen wir fest, dass wir eigentlich auch keine Zeit1 haben, um lange zu verweilen. Es ist 21.03 Uhr, in 25 Minuten fährt unser Zug nach Kolding und der Fußweg zum Bahnhof soll 23 Minuten in Anspruch nehmen. „All Cabs Are Bastards“ wird in Erinnerung an den geizigen Schweden zum nun wieder gültigen Motto auserkoren, also alle Mann im Schweinsgalopp zur Togstation! Selbst mit Dennis Daube im Schlepptau meistern wir den Gewaltmarsch mit Erfolg und haben nur 51 Minuten später den Bahnhof Odense erreicht.

Im Basement sind die Bierchen in unserer Abwesenheit angenehm heruntergekühlt worden. Nun kehrt nach 18 Stunden Herumrennerei und -reiserei endlich etwas Ruhe ein. Zeit, um daran zu erinnern, dass das scheiß Spiel morgen auf Kunstgræs ausgetragen werden wird. Wir greifen zum Trost zum „Giraf“ Starkbier. Wie sagt man doch gleich bei FUDU? Lieber ’n langer Hals im Urlaub, als ’n dicker…! /hvg

03.11.2018 SCW Obermain – 1.FC 1911 Burgkunstadt 0:0 (0:0) / Waldstadion Weismain / 105 Zs.

Am Samstagmorgen glühen die Handydrähte nach Weismain. Seit Tagen stehe ich im regen Austausch mit einem freundlichen Menschen, der die Social Media Abteilung des Kreisligisten mit Inhalt füllt. Noch immer haben wir keine finale Antwort darüber erhalten, ob das Spiel gegen den 1.FC Burgkunstadt im Stadion oder auf einem Nebenplatz stattfinden wird. Eine Aussage hierüber könne man leider immer nur sehr kurzfristig treffen, so die Aussage Mitte der Woche. Viel kurzfristiger als vier Stunden vor Anpfiff geht ja nun nicht mehr und so frage ich nun trotz der entspannten Großwetterlage noch einmal vorsichtig nach, ob das wunderschöne „Waldstadion“ heute im Rahmen eines Fußballspiels besichtigt werden kann. Die Antwort ist gleichermaßen überzeugend wie motivierend, die 100 Kilometer Anreise unverzüglich anzutreten: „Joa, wird schon klappen ;-)“!

Auf dem Weg zu unserem Auto, das wir gestern in der Dunkelheit irgendwo in einer Nebenstraße „Am Plärrer“ geparkt hatten, passieren wir das Figurentheater „Salz+Pfeffer“. Ihr ahnt es nicht, welches Stück hier aktuell aufgeführt wird. Es ist „Der eingebildete Kranke“ von Molière – und mir scheint die Suche nach einem Spitznamen für den Herrn Autofahrer dank dieser schicksalhaften Bestimmung zumindest für diese Reise zum Abschluss gekommen zu sein. Da Fetti seinem Bildungsauftrag nachkommen mag, entführt er euch kurz in Molières letztes Werk, welches 1673 uraufgeführt wurde. Worum geht’s? Der Hypochonder Argan wird von seinem Arzt Monsieur Purgon über den Tisch gezogen, der überteuerte Rechnungen schreibt und bewusst unnütze Behandlungen durchführt. Gleichzeitig schreibt Argan aus rein eigennützigen Motiven seiner Tochter vor, einen Arzt heiraten zu müssen und stellt sich nebenbei auch noch tot, um herauszufinden, welche Familienmitglieder ihn denn nun wirklich lieben. Kurzum: Bei dem Kerl liegt einiges im Argan. FUDU-Aufnahmeprüfung somit bestanden!

90 Minuten später haben wir Weismain in der fränkischen Schweiz erreicht. Die geographische Bezeichnung deutet darauf hin, dass wir womöglich auf Menschen mit doppelter Sprachbehinderung treffen werden. Ansonsten freuen wir uns darüber, dass Weismain an der „fränkischen Bierstraße“ liegt, „staatlich anerkannter Erholungsort“ (Sachen gibt’s) ist und wir nach Abstellen des PKW noch gute anderthalb Stunden Zeit haben, diesen zu erkunden.

Die Erkundungstour kann man schnell zusammenfassen. Das 5000-Seelen-Örtchen hat einen sehr hübschen Ortskern zu bieten, der sich am Samstagmittag aber sehr verschlafen präsentiert. Die Straßen sind menschenleer, Gaststätten gibt es keine und Geschäfte sind verschlossen. Selbst die „appetitlichen Geschenkideen“ von „Sandra’s Partyservice“ (sic!) bleiben Fetti heute bedauerlicherweise vergönnt. FUDU geht durch die „Hölle“, wirft einen Blick auf das Rathaus, goutiert die Stickerkultur, die der 1.FC Nürnberg hier hinterlassen hat und verfällt in tiefe Trauer, dass das wunderschöne Gelände der „Obendorfer Brauerei“ seit 1997 dem Verfall preisgegeben ist.

Wahrlich, 1996 war die Welt in Weismain noch in Ordnung. Der ortsansässige SC Weismain war soeben in die dritthöchste Spielklasse des deutschen Fußballs aufgestiegen. Alois Dechant hatte dieses Fußballwunder möglich gemacht. Mit Hilfe seiner Investments war der SCW von der A-Klasse bis in die Regionalliga durchgestartet. Der Sportplatz von 1945, der 1968 erstmals den Namen „Waldstadion“ trug, wuchs parallel zum sportlichen Erfolg Schritt für Schritt mit. Vor dem Aufstieg 1996 fasste die Spielstätte bereits knapp 10.000 Zuschauer, doch nun standen Ligaduelle auf Augenhöhe mit dem traditionsreichen 1.FC Nürnberg auf dem Programm. Grund genug für Bauunternehmer Alois Dechant, noch einmal Geld in die Hand zu nehmen und es in das Stadion zu investieren. Es entstand eine Flutlichtanlage, eine Überdachung der Südtribüne und eine Erweiterung der Stehplatz-Gegengeraden um 18 Ränge aus Sandstreinrohlingen, die heute charakteristisch für die nunmehr 17.000 Zuschauer fassende Spielstätte sind. Hardy Grüne nennt das Stadion „eines der atemberaubendsten des Landes“ und Journalist Robert Schäfer spricht von „einem der schönsten Naturstadien Deutschlands“. Am 12.04.97 gewann der „Club“ das langersehnte Jahrhundertspiel vor ausverkauftem Haus mit 2:0. Gäste-Kapitän Knäbel sprach vom „Bökelberg der Regionalliga“, Weismain hielt sich drei Jahre lang in der Spielklasse, erste Träumereien von der zweiten Bundesliga machten die Runde, dann folgte der Absturz. Sportlich ging es bergab bis in die Bezirksoberliga, 2003/04 musste man Insolvenz anmelden. Heute heißt der Verein SCW Obermain und spielt in der Kreisliga Coburg/Kronach, Dechant wurde 2010 zum Ehrenbürger der Stadt Weismain ernannt und von all dem Ruhm ist nur noch eines übriggeblieben: das Stadion.

Heute empfängt man (glücklicherweise) IN eben jenem Stadion den 1.FC Burgkunstadt. Nüchtern betrachtet trifft in der 16 Mannschaften umfassenden Kreisliga der Tabellenelfte auf den um einen Rang schlechter platzierten Tabellennachbarn, euphorisiert kann man aber auch von einem mit Spannung erwarteten Derby sprechen. Weismain und Burgkunstadt trennen exactamente sieben Kilometer. Na, wenn das mal kein Fußballfest wird!

Wir starten verheißungsvoll in diesen Festtag. Nach Bezahlung des aufgerufenen Eintrittspreises in Höhe von 3 € machen wir unser Bedauern öffentlich, dass der SCW seinen Stadiongängern keine Eintrittskarten an die Hand gibt. Der ältere Herr an der Geldkassette wundert sich und hinterfragt, was denn ein solches Stück Papier für einen Wert habe. „Na, zur Erinnerung an den Stadionbesuch“ ist dann eine Begründung, mit der er offenbar etwas anfangen kann. Es folgt der legendärste Satz, den je ein Geldeintreiber gegenüber FUDU hat fallen lassen: „Passt’s kurz auf mei Kasserl auf, i hoab da woas!“ – und schwupps, steht FUDU mit den Tageseinnahmen (also mindestens 6 €) und dem vorbereiteten Wechselgeld alleine da. Einige Minuten später kehrt der Mann aus dem Clubhaus zurück, überreicht zwei alte Vereinsnadeln des SC Weismain als Geschenk, wünscht einen angenehmen Stadionbesuch und bedauert, dass wir in der Zwischenzeit keine weiteren Einnahmen für den SCW auftreiben konnten. Noch ist ja eine knappe halbe Stunde Zeit bis zum Anpfiff und der große Ansturm kommt bestimmt noch…

Wir nutzen die verbleibende Zeit bis zum Spielbeginn für einen gediegenen Rundgang durch das Stadion. In Weismain ist man Hoppern gegenüber so freundlich, das gesamte Areal zu öffnen und die Türen zwischen den einzelnen Tribünen geöffnet zu halten. So also passieren wir den Hintertorbereich mit dem Clubhaus, verweilen etwas länger auf der Gegengerade mit neun Stufen aus Beton und den faszinierenden 18 Naturstein-Rängen, ehe wir der Hintertortribüne mit einigen vorgelagerten und einigen überdachten Stehplätzen einen Besuch abstatten. Diese ist offensichtlich zuletzt im Juli besucht worden, worauf die omnipräsenten Aufkleber des HFC hindeuten. Im vergangenen Sommer hatte der 1.FC Nürnberg den Halleschen FC im „Waldstadion“ zum Vorbereitungsspiel empfangen und dieses vor 4.004 Zuschauern 1:2 verloren. Etwas spektakulärer ging es nach Abpfiff zu, als sich Ultras beider Mannschaften auf dem Rasen eine wilde Prügelei lieferten. So ist das eben, wenn sich „vier Fäuste für den Glubb“ Gäste aus dem Osten einladen. Die haben nun mal den Drang, sich zu boxen…

Unseren Rundgang setzen wir dann auf der Haupttribüne fort und sind bereits jetzt restlos vom Stadionerlebnis begeistert, ehe es wir uns bei angenehmen Herbstwetter auf einer der roten Sitzschalen gemütlich machen. Mit einem „Weismainer Püls-Bräu“ (→ frrröhlich, frrränkisch, frrrisch) aus einer Glasflasche mit Drehverschluss (ich), einem Radler (er) sowie einer Wurst für 1,50 (ich) und zwei Würsten für 2,50 (er) ausgestattet, wird uns das Achtligagebolze schon nichts anhaben können. 105 Zuschauer haben sich heute im weiten Rund verlaufen und alle Firmen des Orts sind auf Werbebanden vertreten. Sogar „Sandra’s Partyservice“ hat ein Schweinderl im Stadion platziert, fehlt einzig und allein das „Kerzenlädle“ – na, da kauf ich dann wohl nicht mehr ein.

Das Spiel. Nun ja. Die Anfangsphase lässt sich noch ganz gut an – nach fünfzehn Minuten hat die Heimmannschaft bereits drei Torabschlüsse aus der zweiten Reihe zustande bekommen, der Gast ist einmal aus Nahdistanz per Kopf gescheitert. Dann verpufft jedoch der Anfangsschwung und beide Mannschaften brillieren ausschließlich mit Härte, Kampf und Krampf. In der 40. Minute jagt ein Gästespieler einen direkten Freistoß über das Tribünendach und mutmaßlich bis in einen Burgkunstädter Vorgarten, während der letzte Hoffnungsschimmer auf ein Tor in Halbzeit eins in der Nachspielzeit „dank“ einer starken Fußparade des Weismainer Keepers Tjerk Berthold verpufft.

Halbzeit Zwei. Neuer Platz, neues Bier, neues Glück. Handgezählte 82 Menschen und ein Hund befinden sich nun neben uns auf der Gegengerade und allesamt trauen ihren Augen nicht. Gerade aus den Katakomben gekommen, haben sich beide Mannschaft offenbar vorgenommen, die nächsten 45 Minuten ein wüstes Getrete zu zelebrieren. Offene Sohle und volle Kraft voraus! Und so dauert es auch gar nicht all zu lange, bis die ersten Ruppigkeiten nach Wiederanpfiff zum ersten Platzverweis führen. Gästespieler Steffen Wuttke (Zitat in Minute 44.: „Der 7er kriegt heute noch gelb!“) langt erst ordentlich hin und schimpft dann auch noch wüst auf den zusammengetretenen Akteur ein. Schiedsrichter Hannes Kimmel ist konsequent, setzt zur doppelten Bestrafung an und schickt Wuttke mit gelb-rot duschen. Nur zwei Minuten später kulminieren die Aggressionen in diesem nun sehr hitzigen Derby vollends: nach einem rüden Foul von Burgkunstadts Schamel zückt Kimmel zunächst die gelbe Karte und wird nun von Heimcoach Kemnitzer, der vehement eine andere Farbe fordert, verbal in die Mangel genommen (Obacht, auch er könnte den Drang haben, sich zu boxen…). Das wiederum missfällt der Ersatzbank der Gäste, es kommt zu einer wilden Rudelbildung, die sich nicht unbedingt beruhigt, als Schiedsrichter Kimmel nach Beratung mit seinem Assistenten dazu übergeht, doch glatt rot zu zeigen. Nun sind es die bislang gar nicht wahrgenommenen Gästeanhänger, die ihr Hillbillie-Potential ausschöpfen. Der Gruppendoofste klettert auf den Zaun, beleidigt den Linienrichter als „Wichser“ und der Beleidigte lässt es sich nicht nehmen, ebenfalls an den Zaun heranzurücken und sich zu stellen. Die ganz feine Klinge hier in der fränkischen Schweiz!

In doppelter Überzahl haben die Weismainer in den verbleibenden 34 Minuten des Spiels unfassbar wenig Ideen. Irgendwann nehmen die Verzweiflungsschüsse aus abnormen Distanzen Überhand und den Seitfallzieher aus 25 Metern darf man getrost lächerlich nennen. Richtig unangenehmes Fremdschämpotential hat der Trashtalk zwischen Weismain-Keeper Berthold und dem Zaunkletterer, sowie die Entscheidung der Weismainer Spieler einen Angriff zu Ende zu fahren, obwohl sich ein Gästespieler vor Schmerzen am Boden krümmt. Wieder kommt es zur Rudelbildung und wahrlich, mit 11 gegen 9 dürfte man den Ball dann schon ins Aus spielen…

Das Spiel wird von Minute zu Minute schlechter und letztlich verdienen sich die Gäste nach aufopferungsvollem Kampf den Punktgewinn in Weismain. 0:0 – in dieser Höhe verdient!

Für uns soll es das noch nicht gewesen sein. Direkt im Anschluss der Kreisliga-Begegnung findet um 16.00 Uhr schließlich noch der frrränkische Frrrauen-Kracher zwischen Obermain und Walsdorf/Stegaurach statt und wir nehmen uns vor, so lange zu verweilen, bis man uns in diesem Stadion wenigstens einen Torerfolg gönnt… [Ein Blick auf die Tabelle der Bezirksliga zeigt: nach sieben gespielten Spielen weisen der SCW ein Torverhältnis von 8:9 und die Gäste eines von 10:8 auf]… und wir ergänzen in weiser Voraussicht – oder bis das Flutlicht angeschaltet wird.

Das Nachspiel beginnt. Wir haben es uns mittlerweile auf dem Balkon des Clubhauses gemütlich gemacht und endlich gibt es für mich für sportlich faire 2,20 € ein frisch Gezapftes aus dem Glas. Bei der Heimmannschaft laufen mehrere Damen in langen Hosen auf, wobei die 99 bezüglich des Beinkleids mit ihrer Nylon-Strumpfhose eine bemerkenswerte Wahl getroffen hat. Die Damen tun es im Anschluss den Männern gleich und zaubern ein Gewürge auf’s Parkett, das sich gewaschen hat. Es dauert bis zur 37. Spielminute, ehe uns die Mädels des SCW dank eines Elfmetertores von unseren torlosen Qualen erlösen.

Wir bleiben entgegen unseres Vorhabens doch noch ein wenig länger und erleben neben dem Torerfolg auch noch etwas Flutlichtromantik mit, welches in der Pause angeknipst wird. Kurz nach Wiederanpfiff reicht es dann aber auch uns endgültig und wir treten die Rückfahrt in Richtung Nürnberg an.

Das Wegbier, welches ich wohlweislich im Auto verstaut hatte, nennt sich „Patrizier Bräu Albrecht Dürer Pils“ und schmeckt nach Holzverschnitt. Eine knappe Stunde später sind wir in Erlangen angekommen und steuern zielstrebig Fackelmanns Insider-Tipp an. In der Gaststätte „Drei Linden – Zum Krapp“ beherrscht man die hohen Künste der Bruchrechnung und des Schnitzelbratens. Wer eine halbe Portion bestellt, erhält zwei Schnitzel, wer eine ganze Portion für 12 € ordert, erhält vier Stück. ½=2, 1=4. Lässt sich nachweislich alles kürzen, erweitern, auf einen Nenner bringen und macht zwei Mal satt. Top Laden!

Bevor wir mit ein-zwei Restschnitzeln in Alufolie im Gepäck in Richtung Auto rollen, checken wir noch kurz das Endergebnis der 16.00 Uhr Partie im „Waldstadion“. Es ist tatsächlich beim 1:0 geblieben. Oh man. Das hat dieses Stadion doch alles nicht verdient…! Und schon lastet eine hohe Bürde auf Fetti, der just in diesem Moment den Druck verspürt, irgendwann einmal einen Bericht verfassen zu müssen, der – im Gegensatz zu den heute gesehenen Fußballspielen – diesem Stadion gerecht werden kann.

A propos Berichte verfassen: Beim Schreiben ist es wie bei der Prostitution. Zuerst macht man es aus Liebe, dann für ein paar Freunde und schließlich für Geld, sagt Molière. Also Freunde, genießt das Stöbern im Blog, solange es noch kostenlos ist! /hvg

02.11.2018 FC Augsburg II – 1.FC Nürnberg II 0:1 (0:0) / Rosenaustadion / 220 Zs.

Ende Oktober reibt man sich in der Personalabteilung meines Arbeitgebers verwundert die Augen. Was für einen schwachsinnigen Urlaubsantrag hat der van Grijpendorp denn da schon wieder eingereicht? So oder so ähnlich muss die Frage im Kopf der Sachbearbeiterin angesichts meines Antrages offenbar gelautet haben, anders ist es nicht zu erklären, warum sie sich telefonisch absichert, ob das denn so alles seine Richtigkeit haben kann. Ich bestätige, dass ich wirklich nur den Mittwoch, Montag und Dienstag frei nehmen mag und donnerstags problemlos auf der Arbeitsstelle erscheinen kann, während der Freitag dank der Herbstferien ohnehin zum Überstunden abbummeln gedacht war. Sie stellt glücklicherweise keine Detailfragen, aber Euch gebe ich meine Planung der nächsten sieben Tage gerne an die Hand: Mittwoch Pokal in Dortmund, Rückfahrt über Nacht, Ankunft 9.06 Uhr, Arbeit von 10.00-16.00 Uhr, Abfahrt 18.05 Uhr, drei Übernachtungen in der FUDU-Außenstelle Nürnberg mit Freitags-Hopping in Augsburg und Samstag in Weismain, am Sonntag dann zweite Bundesliga in Regensburg, kurz nach Hause, ist ja um die Ecke, Tasche auskippen, Tasche neu packen, Abflug am Montag um 7.00 Uhr nach Billund (etwas ist faul im Staate Legoland), abends Hopping in Vejle, dienstags dann Union international im Baltic Sea Cup in Odense, Rückfahrt per Zug, Mittwoch wieder arbeiten gehen. Wie sagte doch gleich einst Werner Lorant?

Während der eine oder andere womöglich diese Form der Planung mit Worten wie „Stress“ oder „anstrengend“ assoziieren mag, geht mir mein Herz auf, wenn mein Terminkalender auf diese Art und Weise gefüllt ist. Sechs Fußballspiele in sieben Tagen, nur wenige Stunden Aufenthalt in Berlin und sogar noch einen Abstecher ins Ausland dabei mit nur drei eingereichten Urlaubstagen. Wahrlich, es gibt nichts, das mir mehr Energie geben würde als solch abstruse Touren…

Der erste Plan gerät jedoch bereits in Dortmund ins Wanken, allerdings zu meinen Gunsten. Nach der bitteren 3:2 Niederlage nach Verlängerung durch ein Elfmetergegentor in der 120. Minute hält sich meine Lust, noch bis um 5.46 Uhr in der Stadt auszuharren, in überschaubaren Grenzen. Mit meinem „Super-Sparpreis“-Ticket renne ich bereits um kurz vor Mitternacht über den Dortmunder Hauptbahnhof und flehe die Schaffnerin an, mich aus reiner Nächstenliebe und Kulanz mit dem letzten ICE des heutigen Tages mit nach Berlin zu nehmen. „Schau Dich doch mal um, der Zug ist voller Unioner und denkste, da komm ick auf der letzten Fahrt vor Feierabend noch mal durchjeloofen?“ Mit einem freundlichen Lächeln und einer „Spring rein!“-Geste ermöglicht sie mir eine gemeinsame Rückfahrt mit weiteren Truppenteilen FUDUs über Nacht, eine Ankunft am Berliner Hauptbahnhof gegen sechs Uhr und somit noch knappe drei Stunden Schlaf vor der Arbeit im eigenen Bett. Manchmal ist die Deutsche Bahn eben doch besser als ihr Ruf.

Aber manchmal eben auch nicht. Der Zug am Donnerstagabend nach Nürnberg ist jedenfalls bereits der dritte in Folge, in dem die Reservierungsanzeigen nicht funktionieren. Abermals nimmt Fetti die Einladung auf eine Partie „Reise nach Jerusalem“ dankend an und begibt sich nach jedem zweiten Bahnhof auf die Suche nach einem (neuen) freien Sitzplatz. So lernt man Leute kennen, auch wenn ich auf die Bekanntschaft mit der „Super Food“-Trulla, die ihren „Organic Liquids“-Joghurt mit Hilfe eines Holzlöffels in sich hineinspachtelt, während sie sich am Tisch die Haare kämmt und selbige hierbei großzügig im Raum verteilt, auch gerne hätte verzichten können. Was für eine ekelhaft überzeichnete Figur, wird sie womöglich über mich gedacht haben, als ich mir mit Pokal-Augenringen das nächste Bier öffne und dabei leider erst jetzt feststelle, dass meine Hose unter Umständen beim doppelten Polter-Jubel im Westfalenstadion in Schrittnähe gerissen ist. Naja, zwischen Verlängerung und Arbeit passieren eben kleine Fehler. Müssen wir jetzt alle durch.

Um kurz vor 21.00 Uhr bin ich in Nürnberg angekommen und werde vom „REWE“-Verkäufer direkt auf eine harte Probe gestellt, wie es denn nach den vergangenen 36 Stunden so um meinen Wachheitsgrad bestellt ist. Mit etwas Abendbrot und einigen Flaschen Vollbier der Marke „Grüner“ (in Nürnberg nur Fürther Bier – ihr erinnert Euch!) in den Händen, habe ich es balancierend gerade so an die Kasse geschafft und den Bezahlvorgang eingeleitet. Mathematisch geschickt wie und eh je, stelle ich natürlich sofort fest, dass der gute Mann mir 5 € zu wenig herausgegeben hat. So eine Sauerei kann Fetti natürlich nicht unkommentiert lassen und geht am Ende mit einem Siegerlächeln aus der Schlacht hervor.

Zwar befindet sich der Eigentümer der Nürnberger FUDU-Wohnung aktuell in Berlin, der Schlüssel zu der Bude aber dankenswerterweise seit Montag in meinem Besitz und so kann ich den Abend stumpfsinnig unweit des Rotlichtviertels vor dem Fernseher ausklingen lassen. Am Freitagmittag trudelt dann Verstärkung ein. Mein FUDU-Kompagnon, der noch über keinen Spitznamen verfügt, einen solchen für die Berichte des kommenden Wochenendes aber vehement einfordert, wehrt sich noch gegen den angedachten Ehrentitel „der eingebildete Kranke“, obwohl er nachweislich wegen des Dänemark-Gastspiels einer Nachwuchsmannschaft des 1.FC Union Berlin am Dienstag unter einem Vorwand auf der Arbeitsstelle fehlen wird. Da er sich für die kommenden beiden Tage jedoch als Fahrer angeboten hat, möchte ich nicht mit ihm in Streit geraten, lege die Kosenamenfindung vorerst auf Eis und hole den großen Unbenannten freundlicherweise vom Nürnberger Hauptbahnhof ab. Hier weist ein neues Schild darauf hin, dass das Konsumieren alkoholhaltiger Getränke im Bahnhofsgebäude neuerdings verboten ist. Für Erheiterung sorgt der Nebensatz, dass es ebenfalls verboten ist, alkoholhaltige Getränke „zum Zweck des Konsums mitzuführen“. Auf die Diskussion mit den Ordnungshütern darf man also gespannt sein, wenn man sich gleich für die Überfahrt nach Augsburg mit „Grüner“ eindecken wird. „Ja, Herr Wachtmeister, ich habe Bier gekauft, aber ich habe wirklich nicht vor, es auch zu trinken!“. Oder so.

Gemeinsam brechen wir dann nach dem ungesühnten Einkauf von Alkoholika zur Abhoolung unseres Mietwagens nach Nürnberg-Schweinau (Fetti wedelt vor Freude mit dem Ringelschwanz) auf und begehen angesichts der lediglich dreiminütigen Bahnfahrt und den Verzicht auf den Kauf einer 1,60 € teuren Kurzstreckenfahrkarte bereits die zweite Ordnungswidrigkeit binnen kürzester Zeit. I soag’s dir frrrrank und frrrrrei: FUDU ist es einerlei.

Die Entgegennahme unseres flotten Franzosen verzögert sich leider ein wenig, da die gleichermaßen attraktive wie überforderte „Buchbinder“-Dame alleine im Ladengeschäft steht, diverse Kundenkontakte vis-AVIS und per Telefon zu meistern hat und uns zwischendurch kurz zu verstehen gibt, dass die Reinigung unseres Autos noch nicht ganz abgeschlossen ist. Irgendwann hat der Parkplatz-HiWi aber den Staubsauger zu Ende geschwungen, die letzten Brezn-Reste aus den Polsterrrrrritzen entfernt und grünes Licht gegeben. Miss Daisy und ihr Chauffeur müssen nun auf die Tube drücken: Noch 150 Kilometer Strecke, noch zwei Stunden bis zum Anpfiff.

Glücklicherweise sind die Landstraßen frei und gut befahrbar, sodass wir zügig genug vorankommen. Um Punkt 18.45 Uhr haben wir einen Parkplatz direkt vor dem altehrwürdigen „Rosenaustadion“ gefunden. Vor dem Kassenhäuschen stehen die Menschen nicht unbedingt Schlange, was uns einen Eintrittskarten- und Bierkauf in weniger als 15 Minuten ermöglicht. Unsere Hoffnung, dass Ultras des FCA ihre Zweitvertretung im Abstiegskampf unterstützen, erfüllt sich nicht. Auch die Gäste aus Nürnberg müssen in diesem Freitagabendspiel auf Support verzichten. Schade. Da beide Vereine morgen in der Bundesliga in Augsburg aufeinandertreffen werden, hatte zumindest eine vage Hoffnung darauf bestanden, dass sich beide Fanlager hier und heute schon einmal auf die morgigen Partie einschwören werden.

Die Enttäuschung über die Kulisse hält sich aber in Grenzen, weil der Fokus des Interesses ohnehin auf dem Stadion als solches liegt. Das „Rosenaustadion“ wurde 1951 errichtet und galt seiner Zeit als „eines der schönsten Stadien Europas“ (Neue Zeitung). Der Zuschauerrekord wurde 1952 in einem Länderspiel zwischen Deutschland und der Schweiz mit 64.856 Besuchern aufgestellt. 1957 fand das DFB-Pokalendspiel in diesem Stadion statt, 1972 folgten im Rahmen der Olympischen Spiele von München fünf Vor- und Zwischenrundenspiele. In der Vereinsgeschichte des FC Augsburg stellen 42.000 Zuschauer in einem Regionalligaspiel gegen den „Club“ aus Nürnberg im Jahre 1973 den Höchstwert dar. In der Drittligasaison 2004/05 pilgerten 27.000 Menschen in die Spielstätte, um gegen den SSV Jahn Regensburg den Aufstieg in die zweite Bundesliga feiern zu können. Am 01.05.2009 war das „Rosenaustadion“ letztmalig gut gefüllt. 28.000 Zuschauer nahmen gegen den TSV 1860 München mehr oder minder Abschied von der altehrwürdigen Spielstätte. Der FCA spielte dann noch bis Sommer 2009 an Ort und Stelle, ehe man in einen seelenlosen Neubau zog, den man irgendwo weit draußen zwischen ein eingemeindetes Maisfeld und der Autobahn aus dem Boden gestampft hat.

Obwohl das „Rosenaustadion“ seit dem Aufstieg des FCA in die Bundesliga und dem Stadionneubau im Dornröschenschlaf liegt, blieb es bislang baulich glücklicherweise unverändert. Noch immer könnten 32.354 Menschen im Stadion Platz finden, darunter 26.443 auf Stehplätzen, welche auf einem 13 Meter hohen Wall aus Kriegsschutt auf der Gegengeraden errichtet worden sind. Ziemlich geile Schüssel!

Das Spiel beginnt zunächst einmal mit einer Schweigeminute. Heute morgen ist Peter Bircks im Alter von 66 Jahren in Folge eines Verkehrsunfalls verstorben. Bircks hatte den FCA 1990 in einer finanziell prekären Lage ehrenamtlich als Präsident übernommen, später war er als Ehrenrat und im Aufsichtsrat des Vereins engagiert. Ab 2012 prägte er auch in der Geschäftsführung den Klub. Zuletzt stand Peter Bircks dem Verein als Aufsichtsratsvorsitzender vor. Schön, dass es die Ultras des FCA zumindest geschafft haben, in der Kürze der Zeit eine Tapete zu beschriften, welche nun einsam auf der menschenleeren Gegengerade präsentiert wird. „PETER, DANKE FÜR ALLES. RUHE IN FRIEDEN!“

Pünktlich zum Spielbeginn wird die Tapete wieder eingerollt. Auf Seiten der Augsburger kennt man Markus Feulner und Jan-Ingwer Callsen-Bracker, der gemeinsam mit Leonhard von Schroetter ein kongeniales Verteidigerduo bildet, welches wohl jeden Trikotbeflocker vor ungeahnte Herausforderungen stellen dürfte. Nürnberg kommt ohne Verstärkung der Profiabteilung aus, kann aber auch ohne eine solche schnell die Oberhand über die Partie gewinnen. Die aktuelle Tabellensituation (17. gegen 5. am 18. Spieltag) scheint sich schnell auf dem Spielfeld widerzuspiegeln – nach 20 Minuten ist Nürnberg einmal an einer Fußabwehr des Augsburger Keepers Niemann und einmal an der Querlatte gescheitert. Nach einer guten halben Stunde gelingt Augsburg der erste Abschluss, der ihnen deutlich Auftrieb und etwas Selbstbewusstsein verleiht. Bis zur Pause kann man im Anschluss wenigstens gefällig mitspielen.

In der Halbzeitpause ist auch der Grillstand einen Besuch wert. Für 3,50 € erhält man eine Rote mit Zwiebeln, während die Stadionregie auf jegliche Musikuntermalung verzichtet und nur den/die Stadionsprecher/in ins Rennen schickt. Diverse Ansetzungen der Jugendmannschaften des FCA des kommenden Wochenendes werden verlesen, die offiziell 220 „Fans“ euphorisch begrüßt und die Ergebnisse der Parallelspiele aus Memmingen und München verkündet. Staffelfavorit Bayern II liegt bereits mit 0:2 gegen Eichstätt zurück. Unklar bleibt da lediglich das Geschlecht des sprechenden Menschen.

Im zweiten Spielabschnitt gelingt dem „Club“ nach gut einer Stunde der Führungstreffer. Nach einem Pfostenschuss steht Erik Engelhardt goldrichtig, nimmt den Abpraller auf und wackelt Torwart Niemann aus. Darüber hinaus hat die Partie in den kommenden 30 Minuten nicht viele Aufreger zu bieten. Der FCA mischt passabel mit, wird aber nicht zwingend und bei den Nürnbergern geht Nürnberger, der gar kein Nürnberger, sondern Hamburger ist (84.). Mit der letzten Aktion gelingt dem FCA nach einer Ecke per Kopf beinahe der Ausgleich, doch die einzige Chance der Heimmannschaft in Spielminute 90+1 bleibt ungenutzt. FUDU begibt sich nach dieser Fußball-Magerkost (in einem wunderschönen Stadion) alsbald in das warme Interieur des flotten Franzosen, um in Nürnberg die richtig dicke Ernte einfahren zu können.

„Mich the Greek“ ist um kurz vor Mitternacht nämlich noch so freundlich, unsere Online-Bestellung entgegenzunehmen. Einmal Zaziki, Reis, Panseta, Bifeki, Souvlaki, Gyros und eine griechische Bauernwurst für 17,90 €, bitte. Auf dem Reise-Tablet sind noch immer die Personendaten von Dr. Dieter Fotznhobel gespeichert, seinerseits in England geborener Wi-Fi Genius, der sich oft im Namen FUDUs in die offenen Netzwerke dieser Welt einwählt und tapfer in die Bresche springt, um die Preisgebung persönlicher Daten der Gruppenmitglieder so gering wie möglich zu halten. Ein wirklich treuer Gesell, der heute nun auch noch sportlich fair im Feld „Anmerkungen“ notiert: „Klingel defekt. Bitte anrufen, wir holen das Essen unten ab!“. Glücklicherweise denken wir auch noch daran, den Nachnamen vor Abschicken der Bestellung gegen einen echten auszutauschen und so sieht die ganze Geschichte dann beinahe seriös aus:

Dr. Dieter G. – Schottengasse, Nürnberg.

In der Wartezeit auf die Fleischvöllerei spielen wir das Spiel mit dem Krokodil (aka „Lederer Pils“) und um 0.34 Uhr ist es dann endlich soweit. Kalimera, „Mich the Greek“ ist am Telefon und Fetti flitzt treppab. Nur unwesentlich später ist unser Frankenapartment in Knoblauch-Odeur getaucht und wir einigermaßen bettschwer. Morgen steht dann ein Spiel in der Kreisliga Coburg/Kronach auf dem Programm. Und wieder höre ich den einen oder anderen und auch den Herrn Fotznhobel fragen: Oh Gott, warum das denn? Na, Weismain Hobby ist, Herr Doktor! /hvg

15.10.2018 Hrvatska – al-Urdunn 2:1 (1:0) / Stadion Rujevica / 4.820 Zs.

Länderspielwochenenden sind kein Zuckerschlecken. Jedenfalls nicht, wenn man sich im Grunde genommen nicht für Länderspiele und die Events der mafiösen Weltverbände interessiert. Seit vier Tagen schlägt sich unser Fetti in Rijeka wacker, obwohl er bei seinen Kneipenabenden bereits drei Nationenwettkämpfe über sich ergehen lassen musste. Während man beim Balkan-Klassiker zwischen Serbien und Montenegro (Endlich eine Fortsetzung des allseits geschätzten „k.u.k.-Knallers“: Wer spielt heute? Österreich-Ungarn! Und gegen wen?) am Donnerstag noch ganz tapfer sein musste, wird tags darauf schon eine deutliche Steigerung erwartet.

Ganz Rijeka ist nämlich auf den Beinen, um den kroatischen Volkshelden um Luka Modrić beim ersten Auftritt nach der Fußballweltmeisterschaft zujubeln zu können. Leider ist dies jedoch nur vor den TV-Bildschirmen möglich, da der amtierende Vizeweltmeister noch eine Altlast in Form einer UEFA-Sanktion im Rucksack mit sich herumschleppt. Nachdem Unbekannte im Jahre 2015 den Rasen des „Poljud“ in Split im Vorfeld der EM-Quali-Partie gegen Italien mit einem Hakenkreuz verunstaltet hatten, wurde der kroatische Verband hart bestraft. Neben eines Punktabzugs griff die UEFA auch zu der allenthalben beliebten Maßnahme der Kollektivstrafe und verdonnerte die Kroaten dazu, drei Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen zu müssen. Obwohl seit des Vorfalls bereits mehr als drei Jahre ins Land gegangen sind, konnten die Kroaten im Rahmen ihres Heimspiels gegen Bulgarien am 10.10.2015 erst 1/3 der verordneten Strafe absitzen, sodass auch heute kein Publikum zugelassen ist. Besonders bitter ist dieser Umstand, dass das heutige „Nations League“-Spiel der Gruppe A (der Dernier Cri aus den Gehirnwindungen der Fußballfunktionäre, super spannend, es geht sogar um Auf- und Abstieg!) gegen England eben in Rijeka angesetzt ist und ich zugeben muss, dass ich diese Disziplinarmaßnahme im Vorfeld meiner Reise nicht auf dem Schirm hatte. Auf ein Länderspiel zwischen Kroatien und England direkt nach der WM hatte ich mich schon gefreut – da wäre bei Einlauf der WM-Helden bestimmt Zvonimir nix, dir nix der ganze Heimblock in hellstem bengalischem Licht erstrahlt…

Naja, kann man nichts machen. Das Endergebnis von 0:0 vor leeren Rängen ist dann im TV auch nur zu ertragen, weil bei 22 Grad der Blick auf den Hafen für willkommene Ablenkung sorgt, die Güterzüge wieder durch die Menschenmasen rollen, der Teller voller Fleisch und das Bierglas stets gut gefüllt ist. Ein wenig mehr auf seine Kosten kommt man dann am Samstagabend im Zuge des nächsten Länderspiels, in dem die geleckten kackeländischen Popstars von Popel-Jogi im Dress des Schweineverbands von den Niederländern mit 3:0 versohlt werden. Jammer Duitsland, alles is voorbiij – darauf noch ein Šljivo auf dem Zimmer!

Mittlerweile ist es Sonntag geworden und ich sende nach dem Aufwachen direkt ein Dankesgebet an den kroatischen Fußballverband. Wie zuvorkommend, nur drei Tage nach dem Aufeinandertreffen mit der englischen Mannschaft noch ein Freundschaftsspiel gegen Jordanien im „Rujevica“ anzusetzen. So kommen Fetti und Rijeka also doch noch in den Genuss eines Fußballspiels der WM-Helden. Natürlich habe ich mich längst mit einer Eintrittskarte eingedeckt. Eine Maßnahme, die mir vor einigen Wochen angesichts von nur 8.136 Plätzen im Stadion und der Erfolgsgeschichte der Nationalmannschaft in Russland unerlässlich erschien. Schön auf Arbeit alles stehen und liegen gelassen, um pünktlich zu Vorverkaufsstart zuschlagen zu können und dann in der Hektik einfach irgendeine Karte auf der Haupttribüne gebucht, um nach Feierabend und erfolgter Währungsumrechnung aufatmen zu können. Puh, Gott sei Dank hat mich diese Aktion nur 19,95 € gekostet…

Im Touristeninformationsbüro erkundige ich mich nach den Anreisemöglichkeiten zum „Stadion Rujevica“, welches der HNK Rijeka 2014/15 für 19 Millionen Euro in lediglich zehn Monaten Bauzeit als Übergangsspielstätte aus dem Boden gestampft hat und 2017 um eine Hintertortribüne mit 2.140 Plätze erweitern ließ, um nach der ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte für internationale Spiele nicht ausweichen zu müssen. Da es in unmittelbarer Nachbarschaft zur Autobahn liegt, wird von einem Spaziergang abgeraten. Auch an öffentliche Verkehrsmittel hat im Zuge des Bauprojekts niemand so recht gedacht und so ist das Stadion mit dem Bus nur mit einem mehrmaligen Umstieg zu ungünstigen Zeiten in nicht unter einer Stunde zu erreichen, sodass die freundliche Dame unter dem Strich zu einer Anfahrt mit dem Taxi rät. Insgesamt eine recht widersprüchliche Entwicklung des Gesprächs, welches sie noch mit „in Rijeka you can reach everything by foot, but normally we don’t walk, we take the bus“ begonnen hatte. Da sie den Preis für die knapp zehnminütige Taxifahrt auf überaus kulante 20 Kuna (= 2,66 €) schätzt, ist die Entscheidung hinsichtlich des Verkehrsmittels jedoch schnell gefallen. Hakuna Matata, dann lassen wir uns halt dekadent mit einem Privatchauffeur zum Hoppen shuttlen!

Rund um den Jelačićev trg stromern bereits am frühen Abend unzählige Kroatencops herum. Der Dresscode des gemeinen Zivilpolizisten hierzulande ähnelt übrigens dem seiner deutschen Kollegen, die Wochenende für Wochenende auf Bahnhöfen im Weg herumstehen oder anderweitig durch sinnloses Handeln auffällig werden. Kann man sich schon die Frage stellen, ob von denen auch nur einer ernsthaft davon ausgeht, nicht als Polizist erkannt zu werden, während er seine monotonen Bahnen rund um den Busbahnhof und durch die Fußgängerzone zieht. Noch bessere zivile Verkleidungen haben wahrhaftig nur noch die Kontrolleure der S-Bahn Berlin zu bieten…

Nichtsdestotrotz befinde ich mich zur richtigen Zeit am richtigen Ort, da sich am Busbahnhof auch die Hoffnung auf einen Taxistand erfüllt. Ein freundlicher älterer Herr mit Schnauzbart bestätigt den Preis aus der Touri-Info, mag mich aber nicht selbst fahren, weil er nun seinen Feierabend genießen darf. Dankenswerterweise organisiert er mir jedoch einen Kollegen zu 19.00 Uhr, nennt mir die Nummer des Taxis und zeigt mit Händen und Füßen auf die gegenüberliegende Straßenseite, auf der ich dann wohl in knapp 30 Minuten eingesammelt werde. Hvala!

Entgegen meiner Planung, die dem Balkan 30 Minuten Pünktlichkeits-Spielraum einberaumt hatte, fährt um Punkt 19.00 Uhr mein Taxi vor. Schade, dass die Taxifahrt nur zehn Minuten dauert, gerne hätte ich mit dem freundlichen Fahrer noch länger über Fußball gefachsimpelt – und so spannend ist es jetzt auch nicht unbedingt, anderthalb Stunden vor Anpfiff an der Autobahn zu stehen. Tatsächlich ruft er am Ende der Fahrt lediglich 20 Kuna auf, freut sich über ein prozentual betrachtet üppiges Trinkgeld und übergibt mir die Karte seines Taxiunternehmens für die Rückfahrt. Prognose: Nach Abpfiff würde es nicht ganz so einfach werden, ein Taxi zu bekommen…

Das Stadion „Rujevica“ öffnet glücklicherweise nur wenige Augenblicke später die Kassen, an denen man das hässliche ausgedruckte DINA4-Onlineticket gegen einen Aufpreis von 10 Kuna in ein echtes Ticket umtauschen kann. Ach, wie oft ist man schon über Tribünen getigert, um für die Sammlung daheim Eintrittskarten zu finden, die irgendwelche Leute achtlos weggeschmissen haben. Könnten andere Vereine und Verbände gerne als Idee übernehmen – gegen eine kleine Zusatzzahlung von 1,50 € bin ich doch gerne bereit, auf das asoziale Kramen in den Hinterlassenschaften anderer Menschen zu verzichten…

Gemeinsam mit der Kassenöffnung sind auch erste Ordner und Polizisten am Einlass aufmarschiert. Erste Zuschauer passieren bereits 90 Minuten vor Anpfiff die Eingangsportale und in der Hoffnung auf ein frisch gezapftes Bier tue ich es ihnen gleich. Der Ordner heißt mich wirklich freundlich Willkommen, ist aber angesichts der „Ausschreitungen“ und der aktuell gültigen Sanktion hochgradig penibel. Erstmals wird es mir nicht gestattet, meine Blechdose voller Kleingeld mit in das Stadion zu nehmen. Es hätte auch nicht geholfen, dem Taxifahrer all mein Gold als Taschengeld zur Verfügung zu stellen, weil es dem Ordner nicht um die Münzen, sondern um die Dose als solches geht, die ich nun in einen großen Pappkarton werfen muss. Die Traurigkeit über diesen Verlust verfliegt, als ich kurz darauf ein echtes Vollbier der Marke „Ožujsko“ für lediglich 17 Kuna erwerben darf und sich meine Hosentasche voller Münzen glücklicherweise direkt etwas leeren lässt. Oh je. Bei dem Preis wird Fetti heute womöglich noch heute über den Jordan gehen…

Ich werfe einen ersten Blick in das Stadion. Die Gegengerade und eine der beiden Hintertortribünen sind unüberdacht und bunt bestuhlt, zu meiner rechten befindet sich ein surrealer Käfig, der normalerweise für Gästefans genutzt wird und in dem heute Kindergruppen eingesperrt werden. Mein 20 € teures Haupttribünenbillet wird zum echten Glücksfall, weil mich das Dach vor dem später einsetzenden Regen schützt und ich – abgesehen von den weiteren Biereinkäufen – trocken bleiben werde.

Nicht so angenehm ist das Publikum um mich herum, das aus Familien und Gruppen junger Frauen und Mädchen besteht, die so riechen, als hätte jemand bei „Douglas“ die Tür offen stehen gelassen. Wie mich so aufgetakelte Tussis anekeln, die so überbetont nach Obstkorb duften und eigentlich nur gekommen sind, um Selfies von sich zu schießen und den kroatischen Fußballern mit schrillen Stimmen entgegen kreischen zu können. Pech gehabt, dass Trainer Dalić heute die Topstars Modrić, Rakitić, Perišić und Kovacić schont und somit alles andere als seine beste Formation ins Rennen schickt. Etwas mehr Glück hat da schon ein deutscher Businessklaus hinter mir, der heute „100 € auf einen Rebić-Hattrick“ gesetzt hat und nun erleichtert aufatmet, dass sein Schützling der Rotation nicht zum Opfer gefallen ist.

Ebenso zuversichtlich zeigt sich der Stadionsprecher, der heute auf „many goals“ hofft. Die Haupttribüne ist nur zur Hälfte gefüllt und auch sonst klafft die eine oder andere Lücke im weiten Rund. Ein etwas sakral anmutender Song mit dem gesampelten „Ooga Chaka“ aus dem 70er Jahre-Knaller „Hooked On a Feeling“ (wovon man sich unbedingt das Cover von David Hasselhoff anschauen sollte, der hohen Videokunst wegen) sowie eine Stadionhymne der „Zaprešić Boys“ werden in Dauerschleife gespielt, bis diese endlich von den Nationalhymnen gestoppt wird. Bei den Kroaten singt übrigens kaum ein Spieler mit. Traurig, aber das mit dem fehlenden Nationalstolz war auf dem Balkan schon immer ein großes Problem…

Das Spiel beginnt, wie man es erwartet hat. Der Favorit überzeugt mit 80% Ballbesitz, tut sich aber schwer, etwas konstruktives mit der optischen Überlegenheit anzufangen. Einerseits wirkt die Mannschaft wild zusammengewürfelt, was zwangsläufig fehlende Automatismen zur Folge hat. Andererseits reißen sich die Herren Profifußballer auch nicht unbedingt ein Bein aus, um die Jordanier früh in die Knie zu zwingen.

Jordanien (genauer: das Haschemitische Königreich Jordanien, also al-Mamlaka al-Urdunniyya al-Hāschimiyya, oder eben kurz: al-Urdunn), wird vom Belgier Borkelmans trainiert, den natürlich jeder kennen sollte, der als Kind passioniert durch alte WM-Bücher geblättert und sich die Inselbegabung angeeignet hat, alte Kaderlisten auswendig herunterbeten zu können. Die belgische Auswahl konnte sich 1986 in Mexiko definitiv auf ihre Vitalfunktion verlassen. Heute kämpfen die Jordanier nicht nur tapfer und halten die Kroaten fern des eigenen Tores, sondern setzen ihrerseits auch den ersten Akzent nach vorne: Baniateyah scheitert nach 15 Minuten aus der Drehung nur knapp. Auffälligster Akteur der Gäste ist der Spieler mit der Nummer 10, Musa Al-Tamari, der technisch einiges zu bieten hat, gleichermaßen aber körperlich dermaßen unterlegen ist, dass er bei jedem Zweikampf gefühlte 10 Meter durch die Lüfte fliegt und immer wieder hilflos den Blickkontakt zu seinem Coach sucht.

Wie es aber immer so ist, reicht den höher dotierten Spielern dann eine einzige Standardsituation, um in Führung gehen zu können. Vida köpft nach einem Eckstoß zum 1:0 ein (24. Minute) und ist dann Teil einer Mannschaft, die die Führung in einem belanglosen Fußballspiel bis zur Halbzeit ohne großen Aufwand über die Zeit bringt. Andersherum sind die Jordanier sichtbar stolz, so gut mitgehalten zu haben und die Hattrick-Hoffnung hinter mir schwindet etwas.

In der Pause muss man um sein drittes „Ožujsko“ in etwa so sehr kämpfen, wie es die wackeren Jordanier auf dem Platz getan haben. Das Motto im Gedrängel lautet hier „loud people get served first“. Klar, dass die Menschen noch Energie und Stimme haben, im Stadion selbst haben all die Eventies mit ihren Wasserballkappen jedenfalls nur stumm herumgesessen. Ich warte den passenden Moment ab, schlage dann zu, ohne Schlange stehen zu müssen und verpasse die ersten 43 Sekunden des zweiten Abschnitts. Nun stinkt es um mich herum nicht mehr nach Mädchenparfüm, sondern nach Popcorn. Länderspielpublikum schreit nahezu danach, häufiger Geisterspiele anzusetzen.

Die zweite Halbzeit ist recht schnell zusammengefasst. Der junge Al-Tamari übertreibt es mittlerweile mit technischen Kabinettstückchen und fällt bei jedem Windstoß um – nichtsdestotrotz wird er im März 2020 bereits als wertvollster Spieler der ersten zypriotischen Liga geführt. Bei FUDU hat man eben nach wie vor ein Auge für Qualität! Den Kroaten reicht dann eine weitere Standardsituation, um das Spiel zu entscheiden. Nach 63 Minuten landet eine eher ungefährlich wirkende Freistoßhereingabe direkt auf dem Kopf des eingewechselten Mitrović, der sich nicht zwei Mal bitten lässt und das Ergebnis in die Höhe schraubt. Für den größten Jubel im Heimpublikum sorgt dann der ebenfalls eingewechselte Baha‘ Faisal, der einen direkten Freistoß über die Mauer und in das Tornetz zirkelt. Faire Geste des kroatischen Publikums, das dem Underdog aus Jordanien den Ehrentreffer scheinbar von Herzen gönnt.

Nach 85 Minuten klingeln mir die Worte des Taxifahrers im Ohr. Ich verlasse das Stadion also etwas vor Abpfiff und wahrlich, es stehen genau zwei Taxen für 5.000 Zuschauer bereit. Ich schnappe mir die Pole Position (nachdem ich mir meine Blechdosen-Kassette aus dem mit unzähligen Feuerzeugen, Deos und anderen spannenden Utensilien gefüllten Pappkarton herausgekramt habe) und bin dann angesichts des galoppierenden Taxameters etwas erschrocken. Angekommen an meiner Unterkunft ist dieses bei 70 Kuna zum Halten gekommen und womöglich ist meinem Gesicht eine leichte Verwunderung anzusehen. Der Fahrer rundet jedenfalls freiwillig ab und führt an: „Sixty, my friend!“. Netter Betrüger!

Nun liegt also die Pflicht aus Jugend-, Frauen- und Länderspiele hinter mir und ich kann in den kommenden beiden Tagen endlich die Kür folgen lassen. Es gilt, Rijeka tiefergehend zu erkunden und den bislang verschmähten Sehenswürdigkeiten einen Besuch abzustatten.

Angefangen beim „Tunelri“, einer Tunnelanlage, welche teilweise bis zu zehn Metern unter der Erde liegt und von der italienischen Armee zwischen 1939 und 1942 zum Schutz der Zivilbevölkerung vor Luftangriffen gegraben wurde. Heutzutage ist der Tunnel für Besucher geöffnet und bietet die Möglichkeit, die Stadt unterirdisch zu durchqueren. Ein beklemmendes Gefühl beschleicht einen, während man die 330 Meter unter der Altstadt zurückliegt, wohlwissend, welchen Zweck dieser Tunnel eben ursprünglich einst erfüllte. Die Leichtigkeit kehrt dann am Tageslicht schnell zurück und drei weitere Anlaufpunkte der touristischen Karte können nahezu im Vorbeigehen gestrichen werden: Das Alte Tor aus der Römerzeit (Stara Vrata), der Fahnenmast in Form einer Steinsäule von 1508 (Stendarac) und der Gouverneurspalast von Alajos Hauszmann, der heute das See- und Geschichtsmuseum des kroatischen Küstenlandes beherbergt (Pomorski i povijesni muzej Hrvatskog primorja Rijeka), können sich getrost sehen lassen, fordern allesamt aber nicht all zu lange Aufmerksamkeit ein.

Sehr viel spannender ist da schon der Aufstieg auf den Trsat, der als ältester Marien-Wallfahrtsort Kroatien gilt. Neben der Kirche der seligen Jungfrau Maria auf Trsat (Bazilika Blažene Djevice Marije na Trsatu), befindet sich aber auch die kroatische Bibliothek von Trsat sowie ein Kastell (Trsatski kaštel) auf dem Gipfel der Anhöhe. Um letztlich den wunderbaren Blick auf die Kvarner Bucht genießen zu können, darf man sich jedoch nicht zu schade sein, 561 Treppenstufen bei sengender Mittagshitze zurückzulegen. Die Treppenanlage ist nach Heerführer Petar Kružić benannt, der die ersten 128 Stufen bereits 1531 errichten ließ. Wer etwas mehr über all die Sehenswürdigkeiten und historischen Anekdoten Rijekas erfahren mag, wird an der Stelle an http://www.visitrijeka.eu/ verwiesen. Wir sind hier schließlich nicht bei Schneppe Tours…

Fetti erfreut sich dann eher an anderen Details. Nach dem kräftezehrenden Aufstieg und der intensiven Erkundung Trsats braucht es natürlich eine Stärkung. Im „Studio Food“ unweit der Wallfahrtskirche gönnt man sich eine kleine Ration Ćevapčići und ein „Ožujsko“ für umgerechnet 6,66 €. Genau mein Humor – Sympathy for the Devil!

Am Abreisetag fährt glücklicherweise auch morgens um 6.00 Uhr bereits ein Bus aus der Innenstadt zum Flughafen, obwohl zwischen 8.35 Uhr und 12.00 Uhr lediglich ein Flug angesetzt ist, nämlich der nach Berlin. So lob‘ ich mir das und schicke im Geiste grüße nach Eindhoven, wo man sich von dieser sehr gastfreundlichen Praxis getrost eine Scheibe abschneiden dürfte.

Wer übrigens all die Lautstärke und den Großstadttrubel satt hat und einfach mal ungestört einen Kaffee trinken mag, dem empfehle ich den Flughafen Rijeka. Da hört man morgens um 6.30 Uhr die krker Grillen zirpen, kann entspannt ein Heißgetränk mit Blick auf das Rollfeld und die himmlische Ruhe genießen. Ein perfekter Start in den Arbeitstag, der in Berlin um 11.30 Uhr beginnen wird und ein perfekter Ausklang des Länderspielurlaubs.

Im Jahre 2020 wird Rijeka dann übrigens „Kulturhauptstadt Europas“ sein. Grund genug, noch einmal in die schöne Stadt an der Kvarner Bucht zurückzukehren. Vorausgesetzt, es findet ein Spiel im „Kantrida“ statt… /hvg