375 375 FUDUTOURS International 15.09.19 22:12:43

09.06.2018 SG Union Klosterfelde – SV Falkensee-Finkenkrug 0:0 (0:0) / Sportplatz an der Mühlenstraße / 83 Zs.

Am vorletzten Spieltag der Brandenburgliga geht es noch richtig um die Wurst. Sowohl die Mannen aus Klosterfelde als auch die aus Falkensee-Finkenkrug haben zwei Spieltage vor Ultimo nur vier Punkte Vorsprung vor dem ersten Abstiegsrang, den aktuell Waltersdorf innehält. Dank des guten Wetters bin auch ich hochmotiviert und nehme mir am Samstag vor, möglichst früh aufzustehen und noch vor dem Spiel einen Abstecher zum Wandlitzsee zu unternehmen.

Selbstverständlich scheitert dieser Plan daran, dass ich undiszipliniert lange schlafe. Dennoch verbleibt nach dem Wachwerden eine Zugverbindung, die mich pünktlich zum Anpfiff nach Klosterfelde befördern kann. So trete ich also den Weg nach Berlin-Karow an, um dort die „Heidekrautbahn“ nach Klosterfelde via Wandlitz besteigen zu können. Es ist zunächst der gleiche Fahrtweg, den ich tagtäglich zur Arbeitsstelle zurücklegen muss und kurz ärgere ich mich darüber, dass ich jetzt auch noch am Wochenende im Norden Pankows herumlungern muss.

Nun also stehe ich – später als gehofft, aber so rechtzeitig wie nötig – am vollkommen überfüllten Bahnhof Karow und reihe mich in die Schlange vor dem Ticketautomaten ein. Es verbleiben noch gute zehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Genau in dem Moment, in dem der Zug in den Bahnhof einfährt, druckt der Automat schließlich mein Ticket aus. Eine klassische Punktlandung, die mich zu einem kurzen Sprint nötigt, damit mir die Bahn nicht unmittelbar vor der Nase davonfährt. Einen Sprint, den ich mir hätte sparen können, heißt doch die Aufgabe des überaus entspannten Zugbegleiters in den kommenden 10-15 Minuten, alle Menschen und Fahrräder zu stapeln, die sich Zugang zu dem bereits maximal ausgelasteten Personenbeförderungsmittel verschaffen wollen. Angesichts unzähliger englischsprachiger Touristen an Bord scheint der Wandlitzsee nun wahrlich kein Insidertipp mehr zu sein. Danke, Tripadvisor!

Am Bahnhof Wandlitzsee hat sich der Zug dann schlagartig geleert und die wenig verbliebenen Fahrgäste, die irgendwo hier in der Pampa wohnen oder zum Hoppen nach Klosterfelde fahren wollen, atmen erleichtert auf.

Im Anschluss verschaffe ich mir einen kurzen Überblick über die heftige Dorftristesse in Klosterfelde, seines Zeichens Ortsteil von Wandlitz. Das Schulgebäude ist für (vermutlich alle vier) Grund- und Oberschüler des Ortes gedacht. Eine Mutter ruft ihre Kinder zu Kaffee und Kuchen zu Tisch. „Samantha, Sarafina, Sara-Jane und Estefania, hochkommen jetzte!“ – und bei Gott, ich hoffe, dass es sich hierbei um einen verdammt guten Scherz handelt und dass man sich in Klosterfelde in der Namensgebung der eigenen Kinder nicht etwa von den Trailerpark-Wollnys animieren lassen hat. Ich entscheide jedenfalls, nicht länger spazieren zu gehen als nötig und steuere kurz nach dieser Grenzerfahrung zielstrebig den „Sportplatz an der Mühlenstraße“ an.

Dort läuft noch die zweite Halbzeit des Vorspiels. Der rumänische Kassenwart meldet sich per Liveschalte aus Craiova: „Ja, geil, dann kommst Du heute ja umsonst rein!“, aber da hat er seine Rechnung ohne den Kassierer der SG Union gemacht. „Die Zweite spielt nur noch eine halbe Stunde – die schenk ick Dir. Aber für das Spiel danach sind 5 € fällig!“ Ich zahle artig, melde zurück, dass man hier auch bei rechtzeitigem Erscheinen nicht um eine Zahlung drumrum(änien) kommt und bestaune die Qualität der Rasenfläche. Das war es aber auch schon, was in der Mühlenstraße für Verzückung sorgt. Es gibt keinerlei Ausbauten, nur auf der Hauptseite des Feldes hat man neben dem Kabinentrakt einige höhergelegene Stehstufen errichtet. Aufgrund der angrenzenden Häuser, des Nebenplatzes, der Gastronomie und der Straße, gibt es hier auch keinerlei Potential für mehr. In Klosterfelde wird man also bis in alle Ewigkeit auf einem Dorfsportplatz spielen und die Brandenburgliga stellt ganz offenbar das höchste der Gefühle dar.

Für mich bleibt noch genügend Zeit, um ein leckeres Hacksteak vom Grill zu verköstigen, während die Akteure Falkensees das Aufwärmprogramm auf dem benachbarten Knöchelbruchacker recht schnell abbrechen. Dann lieber doch nur Muskelerwärmungsübungen in der Kabine. Beim Sammeln dieser Eindrücke werde ich etwas argwöhnisch von „zwölften Mann“ der SG Union beäugt. Der zwölfte Mann, das sind in Klosterfelde von links nach rechts (mutmaßlich): Manfred, Sven, Dieter, Rayko, Karl-Heinz, Jürgen, Klaus, Peter, Wilfried und Lothar, die hier auf einer Art Mannschaftsbild neben dem Versorgungsstand für die Ewigkeit festgehalten worden sind.

Mich zieht es im Anschluss auf die einzige „Tribüne“ in unmittelbare Nachbarschaft des Gästefanblocks, der von den Fußballfreunden aus Falkensee bei Spandau (Wie schlimm kann es eigentlich noch werden?) mit einigen schönen Zaun- und Schwenkfahnen optisch enorm aufgewertet wird. Zudem lockt mich ein Stehtisch in Fußballfeldoptik an und ich kann mit meinen schäbigen Veltins-Bechern die taktische Formation der Klosterfelder im Verlauf des Spiels bestens nachstellen und deren Fehler fachmännisch analysieren. Nach fünfzehn Minuten verzeichne ich meinen ersten Ballkontakt. Diesen Ball hatte ich natürlich längst antizipiert und kann ihn nun unter Applaus der Falkenseer locker volley mit dem rechten Fuß zurückspielen, weiß ich doch als erfahrener Sechstligahase mittlerweile längst, wo Freistöße in der Regel landen, wenn irgendein Breitensportler versucht, eine Standardvariante scharf auf den langen Pfosten zu ziehen. Dabei sieht das im Fernsehen immer so einfach aus.

In der 17. Minute rollt ein Eckball der SG Union in Zeitlupentempo vorbei an Freund und Feind durch den Strafraum. Diese Szene ist sinnbildlich für diesen Sommerkick, in welchem man sich gegenseitig nicht weh tun mag und sich daher bis dato außer Mittelfeldgeplänkel nicht sonderlich viel ereignet hat. Ein Schelm, der an dieser Stelle darauf hinweist, dass beide Mannschaften mit einem Remis an diesem 29. von insgesamt 30 Spieltagen nach Menschengedenken den Klassenerhalt sicher haben sollten. Zum Star des ersten Spielabschnitts schwingt sich derweil der Schiedsrichterassistent auf, der sämtliche verbalen Angriffe der Falkenseer Spieler mit einer rotzig-arroganten Hochnäsigkeit kontert, die ihresgleichen sucht. „Guck zum Ball, Dein Gequatsche interessiert mich nicht!“ oder „Du hast mir nix zu sagen, aber wenn ich die Fahne hebe, habe ich Dir etwas zu sagen – das ist der Unterschied!“

Sechzehn Minuten nach der ersten Trinkpause bei sengender Hitze gelingt Klosterfelde so etwas wie ein Abschluss, der allerdings dermaßen weit über das Tor streicht, dass er niemals Erwähnung gefunden hätte, hätte es darüber hinaus ernsthafte Torchancen gegeben.

In der zweiten Halbzeit läuft die Partie gerade einmal eine Viertelstunde, als Klosterfeldes Jerôme Ehweiner im gegnerischen Strafraum zu einem unnachahmlichen Seitfallzieher ansetzt. Bedauerlich, dass das Spielgerät bei Fertigstellung seiner akrobatischen Übung schon lange aus dem Gefahrengebiet befördert worden war und nun nur noch ein Falkenseer Verteidigerkopf zum wenig umjubelten Einschlag bereit steht. Die Konsequenz: Gelb-Rot. Wie sang schon Lykke Li? Ooh, ooh Jerôme!

Nach 63 Minuten brennt es endlich einmal lichterloh im Strafraum der Falkenseer und einige langgezogene Union-Schlachtrufe des zwölften Mannes schallen durch das mit lediglich 83 Zuschauern spärlich gefüllte Rund. Nach 68 Minuten wäre beinahe der erlösende Treffer gefallen, doch Unions Laletin scheitert nach einer Ecke per Kopf am Pfosten. Während sich Laletin kurz darauf bei einer zweiten Trinkpause von dem Negativerlebnis erholen kann, schwinden meine Hoffnungen, hier an Ort und Stelle ein Tor miterleben zu dürfen.

Die Sonne brutzelt ohne Erbarmen auf die schwitzenden Spieler und Zuschauer hinab. Das Spiel bleibt erschreckend farblos – oder wie es sportbuzzer.de zusammenfassen wird: „Die Torwarte auf beiden Seiten brauchten die gesamten 90 Minuten so gut wie keine Paraden zeigen und waren eigentlich nur mit Abstößen beschäftigt.“ Da stößt es einem schon besonders übel auf, dass einem nun andere Truppenteile FUDUs von ihren Brandenburger Dorfplätzen die lange Nase drehen. „In Lübben gibt es jetzt Freibier“, ist eine dieser Nachrichten, über die man sich – empathisch wie eh und je – bei hochsommerlichen Temperaturen und einem biederen 0:0 natürlich besonders freut und dann geradezu ausufernd von seinen Erlebnissen im Parallelspiel berichten mag. Oder man antwortet eben so etwas wie: „Schön. Hier nicht!“.

Der letzte Gag des Tages verpufft, als klar wird, dass der eingewechselte Christian Stender gar nicht Stender, sonder Schlender heißt. Auch der Schiedsrichter hat die Nase gestrichen voll, pfeift die Partie zwei Minuten vor dem regulären Ende ab und sorgt (auch dank der Niederlage Woltersdorfs) für Klassenerhaltsjubel auf beiden Seiten.

Nach der Partie kehre ich im „MiEtropa-Bistro“ am Bahnhof Klosterfelde ein und verpasse bei Bier und Currywurst meinen Zug zum Wandlitzsee. Diese logistische Meisterleistung führt dazu, dass ich mich leicht angetrunken dazu aufraffen kann, die verbleibenden 6,7 Kilometer bis zum See zu Fuß zurückzulegen. Weitere 88 Minuten später stromere ich um private Grundstücke mit eigenen Anlegestellen herum und suche verzweifelt nach einem Zugang zum Gewässer für das niedere Fußvolk. Irgendwann habe ich in der Abenddämmerung eine Badestelle gefunden und kann auch endlich das „Bad im Wandlitzsee“ von meiner To-Do-Liste streichen.

Am Bahnhof Wandlitzsee ist der Bahnsteig erneut hoffnungslos überfüllt. Ich habe den Tag über an Kraftreserven eingebüßt und zeige mich auf dem Slalom-Parcours zum Ticketautomaten weniger kämpferisch als heute Morgen. Es gilt nun die altbewährte Devise: „Wer blau ist, fährt schwarz“. Schade, dass der entspannte Zugbegleiter von heute Morgen nun seinen frustrierten Bruder zur Abendschicht geschickt hat. Während in der Frühe noch alles mit einem Lächeln im Gesicht im Sinne friedlicher Koexistenz moderiert werden konnte, ist es nun ein unlösbares Politikum, dass Fahrräder an „nicht vorgeschriebenen Stellen“ abgeparkt worden sind. Der Zugbegleiter fordert, dass „mindestens drei Radfahrer“ den Zug zu verlassen haben. Die Fahrgäste an Bord sind sich jedoch einig, dass kein einziger Radfahrer auch nur annähernd stört und einer Abfahrt würde nun eigentlich nichts mehr im Wege stehen, hätte das Anti-Konflikt-Team der Niederbarnimer Eisenbahn sich nicht soeben dazu entschlossen, die Maschinen herunterzufahren und die Bundespolizei zur Räumung des Zuges (!!!) dazuzurufen.

Unter diesen Umständen können sich dann doch drei Drahteselbesitzer kopfschüttelnd dazu durchringen, den Zug zu verlassen und nur kurz darauf startet der Gratisshuttle in Richtung Berlin-Karow. Mit noch leicht klammer Buchse, zwei im Sinn und einem im Tee geht mein Tagesausflug zu Ende. Und wenn ich irgendwann einmal den 1.FV Eintracht Wandlitz besuchen werde, dann gelingt es mir sicherlich auch, vor Anpfiff einen längeren Aufenthalt am See einzurichten. /hvg