360 360 FUDUTOURS International 15.11.19 18:35:24

10.06.2018 Türkiyemspor Berlin 1978 – Berlin Hilalspor 1:1 (0:0) / Katzbachstadion / 150 Zs.

Der Verfassungsschutz hat längst festgestellt, dass es in den beiden Organisationen „FUDU“ und „FABIO“ deutliche Überschneidungen in den Mitgliederkarteien gibt. Heute lädt „FABIO Deutschland“ zu seiner alljährlichen Mitgliederversammlung in einen Kreuzberger Hinterhof und gleich drei säumige FUDU-Jünger lassen sich die Chance nicht entgehen, ihre FABIO-Ausstände zu begleichen. Mit großer Gelassenheit lauscht man den Rechenschaftsberichten des Vorstands und blickt der Liveschalte nach Uganda erwartungsfroh entgegen. „Ugandaschorsch“, ausgewanderter Unioner und Ehrenmitglied FUDUs, berichtet mit afrikanischer Lässigkeit über Tücken des Alltags, aber auch über Erfolge der ersten Projekte. Wer den einen oder anderen Euro übrig und bereits genug für DEUTSCHE ODBACHLOSE!!1! getan haben sollte, ist herzlich eingeladen, auch „unsere“ gute Sache mit einer Spende oder einer Mitgliedschaft zu unterstützen.

Die Mitgliederversammlung ist noch nicht ganz an ihrem Ende angelangt, als Fackelmann und ich uns bereits wieder auf dem Sprung befinden. Im nur wenige Meter entfernten „Katzbachstadion“, welches mittlerweile offiziell nach dem ehemaligen Kreuzberger Bezirksbürgermeister Willy Kressmann benannt ist, empfängt heute Türkiyemspor Berlin seine Kreuzberger Nachbarn von Hilalspor zum Derby der Landesliga. Beinahe ganz Kreuzberg ist auf den Beinen, um der Partie des Tabellenzweiten gegen den Dritten am vorletzten Spieltag beizuwohnen. Es riecht nach Aufstieg! Vermutlich wäre auch „Texas-Willy“ mit von der Partie gewesen und vermutlich hätte auch er angesichts von 6 € Eintritt (bei einer besonders fair gestalteten Ermäßigung von 5 € – dafür lohnt sich ja nicht einmal die Studentenlüge…) die unscheinbaren Augenbrauen gerümpft.

Wenige Minuten vor Anpfiff huschen wir etwas in Eile durch den Stadioneinlass. Auf den ersten Blick können die hungrigen und durstigen FUDU-Schweine keinen Grill und keinen Getränkeausschank erspähen, was aber nicht vollends verwundert. Der Fastenmonat Ramadan wird erst in vier Tagen mit dem Zuckerfest enden und so genießt die Catering-Frage heute für viele türkischstämmige Besucher keine oberste Priorität.

Bei leichtem Gewittergrummeln machen wir es uns auf der Gegengerade bequem. Einige hundert Besucher fluten das an zwei Seiten mit Stehstufen ausgebaute Berliner Fußballkleinod. Die offizielle Zuschauerzahl soll später auf 150 taxiert werden, während in dem euphorischen Spielbericht auf der vereinseigenen Website von „über 500“ Fans die Rede sein wird. Die Wahrheit liegt mutmaßlich irgendwo dazwischen – und sowieso immer auf dem Platz…

… auf welchem es die ersten 25 Minuten recht nickelig zugeht. Viele Foulspiele bestimmen das Bild zwischen den Teams, die beide von der selben türkischen Versicherungsagentur finanziell unterstützt werden. Noch mag in dem Spitzenspiel kein wirklicher Spielfluss aufkommen, ehe ziemlich starker Regen einsetzt und auf den beiden Geraden eine bunte Regenschirmparade gezeigt wird. Besonders kreativ werden einige Zuschauer, die Werbeplanen vom Zaun lösen, um sie als Regenschutz verwenden zu können. Noch nie zuvor hat die Firma „Jako“ so etwas gutes für den Fußballsport getan…

Nach 32 Minuten gibt es den ersten Aufreger zu bestaunen. Und wer hätte auch nur ansatzweise ahnen können, dass es sich bei diesem Aufreger des Kreuzberger Lokalderbys zwischen Türkiyemspor und Hilalspor um eine Tätlichkeit handeln würde? Türkiyems Beyazit Taflan streckt Hilalspors Tahsin Özkara jedenfalls mit einem beherzten Faustschlag auf den Solarplexus zu Boden, gänzlich unbemerkt von Schiedsrichter Stolze. Wer weiß, ob Schiedsrichter Metin Ucar, der eigentlich für diese Partie angesetzt war, dieses Vergehen geahndet hätte. Hilalspor hatte im Vorfeld der Partie allerdings Protest gegen diese Schiedsrichter-Ansetzung eingelegt, da Ucar wenige Wochen zuvor ein Jubiläumsspiel von Türkiyemspor-Legenden geleitet hatte. Beeindruckend in jedem Fall, dass die Allzweckwaffe Eisspray auch in dieser Situation zum Einsatz kommt und Özkara so lange die Brust vereist bekommt, bis er sich aus Sorge vor Erfrierungen recht schnell aufraffen kann, das Fußballspiel fortzusetzen.

Kurz vor dem Ende des ersten Spielabschnitts drehen die Gäste noch einmal auf. Mit einem Fernschuss (38.) senden sie ein erstes Warnsignal und spätestens in der 45.+1 wäre die Führung fällig gewesen, doch Stoßstürmer Caliskan mit der 99 auf dem Rücken scheitert per Kopf aus Nahdistanz eher kläglich.

In der Halbzeitpause stürmen Kinder auf das Feld und dürfen die Sportanlage zum Knödeln nutzen. Mein Gott, da hätte uns Platzwart Lothar aber früher den Marsch geblasen, hätten wir uns das damals während der Kreisligaspiele der ersten Männer getraut. Wir freuen uns zunächst über soviel südländische Gelassenheit und dann darüber, in einem kleinen gekachelten Häuschen doch einen Versorgungsstand entdeckt zu haben. Ein freundlicher Herr mit Migrationshintergrund erklärt uns das System und wie wir uns in die Warteschlangen einzureihen hätten. Ein bisschen Lothar steckt ganz offensichtlich in allen von uns. Am Ende des Procedere wandern je eine Sucuk – frisch zubereitet in einer kleinen Pfanne auf mobiler Kochplatte – und Limonade der Marke „Uludağ Gazoz“ in unseren Besitzstand.

In der zweiten Halbzeit traut sich auch der Gastgeber etwas aus der Defensive. In den Spielminuten 45-60 verzeichnet Türkiyem einen guten Angriff, eine gefährliche Situation nach einem Eckstoß und eine Großchance nach einer verpatzten Kopfballrückgabe der Gäste – drei gute Gelegenheiten, die allerdings allesamt nicht in Tore umgemünzt werden können. Wesentlich effektiver zeigen sich da die Gäste, die nur kurz darauf durch Temel in Führung gehen können. Ein schöner Heber in den Lauf des Spielgestalters hatte die gesamte Abwehr ausgehebelt.

Der „Stimmungskern“ Türkiyems setzt nun auch die Pauke ein, um seine Mannen nach vorne zu peitschen. Drei zarte Kinderstimmchen skandieren „Türkiyem“ – das war es aber auch schon in Punkto Atmosphäre. In den späten 1980er Jahren wurde diesbezüglich sicherlich etwas mehr geboten, als regelmäßig mehrere Tausend Menschen das „Katzbachstadion“ in einen Hexenkessel verwandelten. Kreuzberger Punks, Alternative, Tagediebe und Migranten standen Seite an Seite und begleiteten Türkiyemspor durch die Oberliga. Noch heute erzählt man sich von dem legendären Derby gegen Hertha BSC im Jahre 1987, als 12.000 Zuschauer im Poststadion mehrheitlich den Kreuzbergern die Daumen drückten. Mehrere Jahre in Folge scheiterte Türkiyem nur denkbar knapp am Aufstieg in die 2. Bundesliga. Der rasante Absturz erfolgte in den 1990er Jahren und setzte sich im neuen Jahrhundert nahtlos fort. 2011 musste der Club schließlich Insolvenz anmelden. Nach dem Abstieg aus der Berlin-Liga spielt man seit 2013 nur noch siebtklassig.

Nun könnte man pünktlich zum 40. Vereinsgeburtstag also endlich einmal wieder einen Schritt nach oben gehen, auch wenn dies vor Saisonbeginn der von Lars Mrosko trainierten Mannschaft niemand zugetraut hatte. Doch noch haben die Gäste, die heute die Favoritenrolle inne haben und vor der Saison das Ziel „Aufstieg“ offen propagiert hatten, auf dem Spielfeld alles im Griff. Bei schwülwarmen Temperaturen und immer wieder einsetzenden Regenschauern bleibt das Spiel hart umkämpft, ohne dass eines der beiden Teams mit spielerischer Klarheit überzeugen könnte. Die Partie lebt einzig und allein von der Spannung, die die aktuelle Tabellensituation hergibt.

In der 78. Minute hat Türkiyems Mittelfeldlenker Stawrakakis einen genialen Geistesblitz. Mit einem wunderbaren Pass in die Schnittstelle der Abwehrkette schickt er den eingewechselten Gündüzer auf die Reise, der aber im 1:1 gegen Gästekeeper Celik scheitert und nur den Pfosten trifft. Torjäger Bekai Jagne (35 Saisontreffer) kann den Ball aber an der Außenlinie ersprinten und diesen flach in den Rückraum passen. Dort steht Ömer Tetik bereit, um den Ball aus gut 16 Metern unhaltbar in den Winkel zu schweißen. Dem vielumjubelten Ausgleichstreffer folgt ein regelrechter Sturmlauf Hilalspors, doch auch wenn Türkiyems Keeper Lüttschwager in der einen oder anderen Situation nicht den aller sattelfestesten Eindruck hinterlässt, kommt Türkiyem glimpflich davon. Mit einem 1:1 hat man nun alles selbst in der Hand – gelingt am letzten Spieltag ein Sieg in Adlershof, ist die Rückkehr in die Berlin-Liga perfekt.

Fetti und seine Freunde zieht es nach bislang alkoholfreiem Fußballrausch schleunigst in den benachbarten Biergarten „Golgatha“. Von der Dachterrasse hat man bei einem kühlen Bier beste Sicht in das Stadion und auch die nächste wasserfallartige Starkregeneinheit lässt sich unter den gespannten Schirmen unbeschadet überstehen. Um den touristischen Anteil des Tagesausflugs, der uns bislang gedanklich nach Uganda, Texas und in die Türkei geführt hatte, nun auch um eine Berliner Ebene zu erweitern, gönnt sich FUDU im Anschluss noch einen kurzen Besuch des Viktoriaparks mit Kreuzberg und Wasserfall. Und nicht nur Willy Kressmann weiß: Für diese Art von Wasserfall braucht es weder Schirm, noch Jako-Plane, noch Stetson-Hut. Was Willy Kressmann vielleicht nicht ad hoc wüsste, ist, dass der Verlauf des Wasserfalls dem des Zackelfalls im Riesengebirge nachempfunden wurde und dass der Kreuzberg, von welchem er herunterfällt, exakt 66 Meter hoch ist. Erst 1821 wurde der ehemalige „Sandberg“, „runder Weinberg“ oder „Tempelhofer Berg“ auf seinen heute gültigen Namen getauft, als König Friedrich Wilhelm das deutsche Nationaldenkmal für die Siege in den Befreiungskriegen feierlich eröffnete. Und so kann Fetti endlich einmal etwas weitergebildet erleichtert sein eisernes Kreuz hinter diesen Tag setzen. /hvg