488 488 FUDUTOURS International 04.06.20 10:46:04

28.12.2018 Rio Ave FC – FC Paços de Ferreira 1:1 (0:1) / Estádio dos Arcos / 1.078 Zs.

Im Spätsommer sitzen zwei FUDU-Schweine gemeinsam mit dem Genossen Николай Эрастович Берзарин in ihrem Litovellokal des Vertrauens. Zwei-drei Bierchen hinter den Kiemen, Fernweh im Sinn, ein Smartphone in der Hand und Urlaub vor den Augen. Wir haben Lust auf Sonne, Strand und Fußball. Könnte es eine bessere Ausgangslage geben, als genau jetzt den gemeinsamen Jahresendurlaub zu planen…?!?

So dauert es auch gar nicht ausgesprochen lange, bis man einen sehr günstigen Flug nach Porto gefunden hat, der kurz nach Weihnachten starten soll und auch der Rückflug ab Málaga für Anfang 2019 passt hervorragend in das wie immer knapp bemessene Budget. Der „Hoollege“ lässt soccerway.com glühen und verkündet frohlockend, dass über die Jahre nicht nur in Portugal und Spanien, sondern sogar in Gibraltar gespielt wird. Aufgrund der attraktiven Gesamtgemengelage, lassen sich die beiden Vorzeigegeographen auch nicht mehr lange bitten und bringen ihre fundierten Erdkundekenntnisse ein: Porto, Lissabon, Faro, Gibraltar, Andalusien. Kann man doch alles in einem Rutsch machen – halt einfach einmal die Küste runter!

Wie sagt man doch so schön bei FUDU? Eichen sollst Du weichen, auf buchen sollst Du drücken!

Inzwischen ist es Winter geworden in Deutschland, der „Fackelmann“ hat seine Teilnahme an der Reise zugesagt und erste Aufbettungsanfragen bereits gebuchter Unterkünfte konnten positiv beantwortet werden. Gemeinsam musste man im Lauf der Zeit allerdings wohl oder übel feststellen, dass zwischen Porto und Málaga (via Gibraltar) doch stolze 1000 Kilometer Strecke liegen und die Bewältigung dieser Distanz doch einige Fragezeichen aufwirft. Länderübergreifende Zugverbindungen gibt es jedenfalls keine, Busse fahren aufgrund der Feiertage nur sehr wenige und ein Mietauto würde horrende Kosten verursachen, würde es man in einem europäischen Land leihen und in einem anderen zurückgeben – bis zu 600 € rufen die Verbrecherbuden der Gebrüder „Avis“, „Europcar“ & Co hierfür auf. Bedenklich früh scheint der Länderpunkt Gibraltar zu wackeln, nur der „Hoollege“ hält noch mit aller Kraft daran fest: „Gibraltar genießt weiterhin höchste Priorität!“. Hhm, keine Ahnung. Naja, fliegen wa erst mal los.

So oder so ähnlich muss es auch in der Gedankenwelt der Italienerin ausgesehen haben, als sie den Versuch, die neuen Handgepäcksrichtlinien Michael O’Learys zu erfassen, offenbar ergebnislos zum Abbruch gebracht hat. Während FUDU verstanden hat, dass man nun nur noch Kleinstgepäck gratis mit in die Kabine bekommt und für normalgroße Rucksäcke bereits bei der Buchung eine Prioritygebühr zu entrichten hat, steht sie unwissend mit ihrem überdimensionierten Backpack am Gate nach Roma und hat nun den Insalata. Die Diskussionen mit dem Bodenpersonal führt sie emotional und als das südländische Temperament mit ihr durchgeht und sie hysterisch schreiend Kleidungsstücke aus dem Rucksack holt und wutentbrannt in den Mülleimer stopft, wird die Bundespolizei zur Klärung herbeigerufen. Wieder eine(r) mehr, die im Ausland nur Gutes über Kackeland berichten wird…

Der „Hoollege“ und meine Wenigkeit haben derweil ganz andere Sorgen. Unser Flug nach Porto wird sich um eine Stunde verspäten und somit werden wir unsere versprochene Ankunftszeit an der Unterkunft nicht halten können. Die Vermieterin wurde in der einen oder anderen Rezension als „schlechtlaunig“ und „genervt“ dargestellt und wer weiß, wie so eine Person darauf reagiert, wenn man sie erst um kurz nach Mitternacht aus dem Bette holt. Naja, fliegen wa erst mal los.

Der Weg vom Flughafen mit der Metro bis zum Bahnhof „Faria Guimarães“, in dessen Nähe sich unser „Cosy Apartment“ befinden soll, ist idiotensicher zu finden und schnell zurückgelegt. Auf dem Weg bis zu der Pension stoßen wir leider nur auf geschlossene Ladengeschäfte, sodass wir gegen unseren Durst vorerst nichts unternehmen können. Vollkommen dehydriert und in Erwartung eines Hausdrachens im Morgenmantel betätigen wir die Klingel. Eine Reaktion erfolgt erst einmal nicht, doch ein erleuchtetes Treppenhaus lässt wenig später die Hoffnung aufkeimen, dass sich die Grande Dame des Hauses nach unten bequemt. Etwas wortkarg zeigt man uns kurz darauf unsere Wohnung, nimmt uns die vollen 196,00 € für vier Nächte in bar ab und baut dann kleinere Sprachbarrieren auf. Uns gelingt es jedenfalls nicht, der guten Frau zu erklären, dass der „Fackelmann“ erst übermorgen nachkommen wird, weil er sich aktuell noch auf familiärer Mission irgendwo zwischen Brieselang und Bratislava befindet. Unklar, ob sie verstanden hat, dass wir noch ein Handtuch benötigen und unklar bleibt auch, ob es einen zweiten Schlüssel an der Rezeption für unseren Nachzögling gibt, sodass dieser einchecken könnte, während wir im Stadion zu Vila do Conde sitzen werden. Zwar antwortet sie nicht auf unsere Fragen, hört aber zumindest aufmerksam zu und nimmt alle 2-3 Minuten mit einem freundlichen „Claro, no Problema“ am Gespräch teil. Joa. So in etwa stellt man sich bei FUDU einen Dialog mit Aílton vor…

Ich komme dann noch in den Genuss, die Dame in ihr Kabuff im Nachbarhaus begleiten zu dürfen, während sich der „Hoollege“ bereits häuslich in der Ferienwohnung einrichten darf. Jetzt zeigt sie sich von ihrer freundlichsten Seite und versucht mir mit ihrem englischen 12-Begriffe-Wortschatz auf einer Stadtkarte die touristischen Sehenswürdigkeiten Portos näher zu bringen. Als ihr die Begrifflichkeit „Shops“ nicht einfällt und sie stattdessen „Magasins“ verwendet, paraphrasiere ich auf Französisch und erobere damit ihr Herz im Sturm. Fortan nimmt sie ihre Ausführungen in französischer Sprache vor, da sie sich auf diesem Terrain doch deutlich wohler fühlt. Jetzt verstehe ich zwar nur noch die Hälfte, aber die wichtigsten Fragen bleiben keineswegs ungeklärt: Da ist die Brücke, da der Fluss, da gibt’s Portwein, Kringel drum! Auf Nachfrage hat die gute Frau dann sogar noch ein Wasser für uns im Vorratsschrank und eine Flasche Portwein gibt es gratis dazu. Schwule und alte Frauen stehen halt auf mich, da möchte ich es mir jetzt auch nicht mit einer Frage nach einer Quittung verscherzen. 196,00 € auf Vertrauensbasis. Madame, das wird eine gute Bewertung geben!

Am nächsten Morgen versucht uns der „Fackelmann“ unseren Reisevorsprung madig zu machen. Laut „Spiegel“ sei Porto im Regen auch bloß „wie London, nur mit Rechtsverkehr“. Die Strategie der einfachen Leute. Kompensation von Neid und Missgunst durch Abwertung. Können wir nur müde drüber lächeln, während wir am Rathaus vorbeischlendern, den unfassbar schönen Bahnhof „São Bento“ mit seinen Kachelkunstwerken bewundern und über die „Ponte Luíz I“ schlendern, um am Portweinstrich in der Sonne hängen und auf den Duoro glotzen zu können. An der imposanten schmiedeeisernen Brücke warnt übrigens ein Aufkleber eindringlich davor, „Scheiß Schalke“ zu äußern. An jedem Ort der Welt würde daraufhin nämlich irgendwer aufstehen und einem zwangsläufig eine auf’s Maul hauen. Muss man bei Gelegenheit mal ausprobieren.

Mittlerweile ist es Freitag geworden. Wir haben in der Zwischenzeit die Stadt erkundet, in der „Adega Sports Bar“ interessante Brexitgespräche geführt, den neuen Flitzer des FUDU-Pärchens auf den Namen „Japserati“ getauft (R.I.P., Tschechenbentley!) und uns dann und wann den „Sagrest“ gegeben. Heute steht nun endlich das erste Fußballspiel der Reise auf dem Programm: Der Rio Ave FC (R.A.F.C.) bittet im 30 Kilometer entfernten Vila do Conde den FC Paços de Ferreira zum Tanz um die goldene Ananas. Haben wir jetzt schon „Super Bock“ drauf!

Nach nur 40 Minuten Fahrt im „Expresso“ der Linie B sitzen wir bereits im „Restaurante Farol“, trinken Bierchen für 1,40 €, lassen uns landestypischen Eintopf und Steak schmecken, genießen abschließend einen Espresso für läppische 85 Cent und stellen uns bereits jetzt die Frage, warum zur Hölle es uns die letzten vier Jahre im Dezember immer nach Großbritannien gezogen hat – und dabei habe ich noch gar nicht vom schönen Blick auf die Atlantikküste gesprochen, den man hier auskosten kann, sogar mit Blick auf die Flutlichtmasten des Varzim SC aus dem Nachbarort.

Abzüge in der B-Note erfährt Vila do Conde dann nur dank des kitschig geschmückten Weihnachtsboulevards und dessen musikalischer Beschallung. Eine abgeschmackt-rührselige Cover-Version von „The Power Of Love“  ist dann in der Tat nur schwerlich zu ertragen und so zieht es uns überaus rechtzeitig hinaus zum „Estádio dos Arcos“.

Allein der Weg entlang einiger der 999 Bögen des Aquädukts von 1714, welches in sieben Kilometern Länge aus Terroso in den Bergen von Póvoa de Varzim bis zum Karmeliterkloster Santa Clara führt, entschädigt für diesen erlittenen musikalischen Tiefschlag. Die Flutlichtmasten des Stadions erscheinen malerisch zwischen den steinernen Bögen und direkt neben dem Stadion weiden Schafe. Wäre ich Landschaftsmaler, hier würde ich verweilen. Da erscheint es plötzlich völlig egal, dass wir heute Abend lediglich ein belangloses letztes Vorrundenspiel im ohnehin ungeliebten Ligapokal miterleben werden. In dem mit eher wenig Spannung erwarteten Match spielt gleich der Tabellendritte gegen den Tabellenvierten der Gruppe A und beide Mannschaften sind bereits sicher ausgeschieden.

5 € muss man für diesen Kick in der „Taça da Liga“ bezahlen, die offiziell nach einem großen deutschen Versicherer benannt ist. Das Stadion ist exakt ein Jahr und einen Tag jünger als ich, ist im Gegensatz zu mir aber bereits deutlich in die Jahre gekommen. Es verfügt über zwei große Tribünen mit grünen Schalensitzen auf den Längsseiten, wovon immerhin eine der beiden zu gut einem Drittel von einem Dach bedeckt wird. Zwei wunderbare grasbewachsene Freiflächen hinter den Toren runden das Ambiente ab. 12.815 Menschen könnten im „Estádio dos Arcos“ Platz finden. Heute sind immerhin knapp 1.000 erschienen, um gemeinsam mit FUDU in der Abendkühle zu frieren und sich über alkoholfreies Bier aus dem Stadioncatering ärgern zu müssen. Die 27 weit gereisten Fans aus dem 54 Kilometer entfernten Paços de Ferreira verschwinden auf der gegenüberliegenden Tribüne hinter einer dichten natürlichen Nebelwand, die sich jedoch im Verlauf der Anfangsviertelstunde nach und nach verziehen wird.

In den ersten 20 Minuten ist die Heimmannschaft am Drücker, doch gleich drei aussichtsreiche Situationen in Strafraumnähe verpuffen, weil der jeweils letzte Pass zu ungenau gespielt wird. Die Gäste können sich langsam aber sicher vom Druck befreien und haben sich ihrerseits entschlossen, ihr Offensivglück durch schnelle Abschlüsse zu finden. Die Konsequenz: Nach 25 Minuten sind bereits zwei Bälle in der Hintertorperipherie des Stadions verschwunden. Fünf Minuten später übertölpelt ein langer Pass aus dem Mittelfeld die Abwehrkette des Rio Ave FC. Flügelstürmer Wagner kommt schneller an den Ball als der heraus eilende Keeper Paulo Vítor und schiebt den Ball aus 20 Metern in Richtung des leeren Tores. Abwehrmann Rodrigues rennt, grätscht, kratzt den Ball beinahe von der Linie, verheddert sich im Netz – und kann das Gegentor trotz allen Einsatzes nicht mehr verhindern. Eigentor. Die Gästefans, die sich eben noch in leichten Auseinandersetzungen mit den Ordern befunden hatten, lassen nun hiervon ab, feiern ausgelassen und übernehmen die Stimmungshoheit im Estádio. Pacos schlägt sich, Pacos verträgt sich, so ist das eben. Zugegeben, ein Wortwitz, der natürlich nur ohne Cedille funktioniert. Gib mir Fünf, Bildungsbürgertum!

Kurz vor der Halbzeit fordert Rio Ave nach einem leichten Schubser einen Strafstoß ein, den der Schiedsrichter aber nicht herschenkt. So geht ein lebendiges Spiel mit vielen Abschlüssen und vielen Offensivambitionen, aber ebenso vielen Ungenauigkeiten, technischen Fehlern, unnötigen Ballverlusten und unbeholfenen Zusammenstößen mit einem Zwischenstand von 0:1 in die Halbzeitpause.

In der zweiten Hälfte versucht der kleine Stimmungsblock Rio Aves den nach wie vor enthusiastischen Gästen Paroli zu bieten und hat offenbar ein Megaphon organisiert. Durch dieses schreit nun ein zartes Mädchenstimmchen alles in Grund und Boden und entwickelt schnell erhebliches Nervpotential. Ein immer und immer wieder gespielter Trommelrhythmus, gefolgt durch ein beschwingtes Rio Aveeee, brennt sich in meine Gehirnwände ein und wird zur Freude meiner Mitreisenden ständiger Begleiter unseres Jahresendtrips bleiben. Auf dem grünen Rasen hat Rio Ave mittlerweile ausgeglichen, weil ein langer Einwurf die Abwehr der Gäste im Tiefschlaf erwischt hat. Der so frei gespielte Moreira behält die Übersicht, passt zurück an die Strafraumkante, von der aus Galeno mit einem fulminanten Schlenzer ins rechte Eck sehenswert verwandeln kann (51. Min.). Eine Viertelstunde später lässt Rio Ave einen 4 auf 2 Angriff ungenutzt – von diesem verstolperten Abschluss aus fünf Metern wird Murilo seinen Enkeln wohl kaum erzählen. Obwohl die Gäste ab der 67. Minute in Unterzahl spielen, wird keine weitere Torchance für Rio Ave mehr hinzukommen. Stattdessen machen die Gäste durch mutiges Angriffsspiel auf sich aufmerksam und spätestens in der 81. Minute, als der eingewechselte Barnes Osei in den Strafraum eindringt, einen Haken schlägt und den Ball an den Pfosten setzt, wäre der Auswärtssieg verdient gewesen. So aber geht die Partie um die goldene Ananas mit 1:1 zu Ende und wir begeben uns auf den Rückweg in Richtung Porto.

Um 23.36 Uhr sitzen wir wieder in der Tram, die die Agglomeration Portos mit der Innenstadt verbindet. Der „Fackelmann“ ist derweil sanft und sicher in Porto gelandet und hat sich dagegen entschieden, es alleine mit dem mürrischen Morgenmantel-Aílton aufzunehmen. Schnell werden Metrorouten und Fahrtzeiten abgeglichen und ein möglichst sinnvoller Treffpunkt bzw. Schnittpunkt unserer Wege ausfindig gemacht. Und wahrlich, könnte es für die drei FUDU-Crétins einen besseren Ort als den Bahnhof „Crestins“ geben, um sich endlich in die Arme zu schließen und ihre Re-UNION zu feiern? Um 0.02 Uhr ist es endlich so weit und der Dritte im Bunde steigt zu. Im Gepäck hat er einige gebuchte Busse und Züge, die uns zumindest ein Weiterkommen auf spanischem Boden ermöglichen werden. Noch immer ungeklärt ist die Frage, wie genau wir von Portugal nach Spanien kommen sollen und auch der Abstecher nach Gibraltar, der nach wie vor „höchste Priorität“ genießt, ist noch längst nicht in trockenen Tüchern. Heute Nacht werden die FUDU-Schweine wohl von einem Affenfelsen träumen – und vielleicht von einer reibungslosen Reise, einfach einmal die Küste runter. /hvg