705 705 FUDUTOURS International 18.10.21 15:12:14

29.06.2019 Wiener Sport-Club – Celtic FC 1:2 (0:0) / Wiener Sport-Club Platz / 4.682 Zs.

Es ist irgendwann Mitte/Ende Mai, als ich mit einem Frühstückskaffee vor der Arbeit alle relevanten Fußballwebseiten abklappere. Schnell sind alle Ergebnisse aufgesogen, alle Tabellenstände auswendig gelernt und alle Transfergerüchte brühwarm weitergetratscht worden, als mir plötzlich in irgendeinem Portal ein Artikel über den Wiener Sport-Club ins Auge fällt. In der Saison 1957/58 wurde der Sport-Club österreichischer Fußballmeister. In der darauffolgenden Europapokalsaison kam es erst zu einem legendären Erstrundenspiel gegen den Juventus FC mit einem 7:0 Heimsieg im Rückspiel und später zu einem Aus im Viertelfinale gegen das große Real Madrid. Auch in der Saison 1958/59 errang man den nationalen Titel und startete erneut auf der großen internationalen Bühne, auf der dann die Eintracht aus Frankfurt im Viertelfinale die Endstation darstellte. 60 Jahre nach diesen großen Momenten der Vereinsgeschichte lädt der Wiener Sport-Club nun zu Jubiläumsfeierlichkeiten auf den „Sport-Club Platz“, der ohnehin schon länger auf der Liste der Stadien stand, die ich gerne besuchen mag, bevor sie baulich verändert werden. Eingeladen ist der Celtic FC aus Glasgow, der rein zufällig sein Trainingslager in Österreich abhält und sich für die Austragung eines Freundschaftsspiels zur Verfügung gestellt hat. Kurzum: Mein Interesse ist geweckt.

Das Spiel soll also am 29.06. ausgetragen werden. Schnell ist der Kalender gezückt und als mir so vor Augen geführt wird, dass die Saison in Berlin und Brandenburg am 23.06. endet und mein Sommerurlaub erst am 06.07. beginnt, mag man beinahe von schicksalhafter Fügung sprechen. Das Spiel, welches die Saison 2019/20 eröffnet, haben sie also mitten hinein in den einzigen weißen Wochenendfleck meines Wandkalenders geplant. „Wir rechnen mit einem restlos ausverkauften Stadion und einzigartiger britischer Fußballatmosphäre – schnell sein ist gefragt!“, schreibt der Sport-Club auf seiner Internetpräsenz. Was der Hot-Button beim Quizspiel und das hochexklusive Sonderangebot für die nächsten 100 Käufer im Home-Shopping-Sender kann, kann der Wiener Sport-Club schon lange. Psychologische Kriegsführung, Begehrlichkeiten wecken, Druck ausüben. Und es gibt schließlich immer irgendwelche Trottel, die darauf hineinfallen und so sichere ich mir noch vor Dienstbeginn zwei Flüge, ein Hotel und ein Online-Ticket für die Haupttribüne für recht knackige 24,20 €. Was soll’s. Das wird sicher ein guter Urlaub vor dem Urlaub!

Allerdings kann einem jeder noch so verheißungsvolle Kurzurlaub in gewissen Momenten auch ganz schön auf die Klötzer gehen, wie sich z.B. am Abreisetag um 3.16 Uhr in der S-Bahn herausstellt. Meinerseits hätten sicherlich keine Einwände bestanden, den Flieger erst um neun Uhr starten zu lassen, aber so weit ist es leider noch nicht, dass sich „easyjet“ nach den individuellen Bedürfnissen der Kundschaft erkundigt. Normalerweise gelingt es mir ja immer recht gut, während des Fluges verpassten Schlaf nachzuholen, doch heute bin ich chancenlos. Es ist der britischen Billigfluglinie tatsächlich gelungen, gleich 36 Reihen in diesen Flugzeugtypus zu verbauen und mir somit meine oftmals erprobte Kneipen-Schlafposition auf dem Gangplatz zu nehmen. Klappt man hier den Tisch aus, rammt man sich diesen zwangsläufig in den Brustkorb und um da dann noch den Kopf drauflegen zu können, muss man schon flexibel sein wie ’ne bulgarische Turnerin. Mein Ärger verfliegt jedoch kurz darauf, als ich zwei Herren mittleren Alters, die unabhängig voneinander reisen, in Fußballtrikots erspähe und ich es mir zu meiner Aufgabe mache, die Vereinsfarben und Logos zuzuordnen und Zusammenhänge herzustellen. Dynamo Moskau habe ich schnell erkannt, während das andere Jersey erst einmal grob als blau-weiß und griechisch oder zypriotisch abgespeichert wird. Das wird eine Recherche zu einem späteren Zeitpunkt erfordern.

Um 7.40 Uhr bin ich auch schon in Schwechat gelandet und stehe eine kurze Orientierungsphase später am Bahngleis des Flughafens und warte auf meine Regionalbahn in Richtung Florisdorf. Ein etwas überforderter Bengale (wohl nicht das hellste Licht) befindet sich auf der Suche nach seinem Fernzug nach Klagenfurt und bittet mich um Hilfe. Gemeinsam schauen wir auf das Display und siehe da, er befindet sich bereits am richtigen Gleis und sein Zug wird direkt auf meinen folgen. Na, dann ist ja alles klar, möchte man meinen, doch meine mustergültige und mehrsprachige Beschreibung des Umstandes, dass er hier nur noch 15 Minuten stehen und dann einsteigen muss, kann den guten Mann nicht davon abhalten, lieber noch drei weitere Passanten um Referenzmeinungen zu bitten. Als könnte man einem übernächtigten Fußballtouristen in Jogginghose (war halt kalt im Flieger) nicht trauen…

Kaum bin ich wieder auf mich alleine gestellt, schon geht wieder alles ohne Komplikationen vonstatten. Fahrt bis Praterstern, Umstieg in die U-Bahn, Ausstieg am Rathaus, kurzer Spaziergang durch den VIII. Bezirk zum „Hotel Arpi“ in der Kochgasse, Abgabe des Rucksacks und schon befinde ich mich auf der Suche nach einem Café, um die Wartezeit bis zum Check-In zu überbrücken. In der Universitätsstraße werde ich dann fündig, kehre im „Café Maximilian“ ein und könnte nun die ersten Sonnenstrahlen des Tages im Palmengarten mit Blick auf die Votivkirche genießen, wenn die freundlichen Herren Straßenbauarbeiter nicht zeitgleich zum Serviervorgang meines Frühstücks zum Schichtbeginn gerufen hätten. So reißt der Presslufthammer lärmend Löcher in den Asphalt und der Bagger schabt hinterherfahrend über den Straßenbelag, dass es morgens um 10.30 Uhr nur so eine helle Freude ist. Viel mehr als ein kurzer Kaffee und ein schnelles Helles muss es in diesem Ambiente dann doch nicht sein…

… und so stürze ich mehr oder minder gezwungenermaßen ins Sightseeing. Dieses geschieht ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne jedweden Druck, schließlich konnte Wien bereits bei vorausgegangenen Besuchen 2014, 2015 und 2017 einigermaßen komplett besichtigt werden. Wenn Rathaus, Hofburg, Stephansdom und all die anderen Sehenswürdigkeiten allerdings nur einen Schweinesprung entfernt liegen, kann es ja aber auch nicht schaden, noch einmal ein wenig Innenstadtluft zu schnuppern, bevor man sich ab 13.30 Uhr dem mitgebuchten Wellnessprogramm widmen kann.

90 Minuten Mittagsschlaf genügen, um sich von den Menschenmassen und dem innerstädtischen Trubel zu erholen. Ich fühle mich bereits wie neu geboren, als ich mich mit einem schönen 16er Blech auf der Fensterbank niederlasse und bei bestem Sonnenschein den Blick auf die schicken Wohnhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts der Kochgasse genieße. Drei Stunden vor Spielbeginn kann man sich ja nun auch langsam mal informieren, wo sich der „Sport-Club Platz“ genau befindet und wie man diesen aus der Josefstadt erreichen kann. Wie es der Zufall so will, verkehrt die Bim der Linie 43 direkt an der Hauptstraße in der Nähe des Hotels und hat bis zum Bahnhof Hernals genau 13 Minuten zurückzulegen. Ein Hoch auf den Hot Button – besser hätte ich das nicht planen können!

Überaus rechtzeitig zieht es mich hinaus in den 17. Bezirk, der aus den Gemeinden Hernals, Neuwaldegg und Dornbach besteht, was bereits meine erste Irritation auflöst, warum der Wiener Sport-Club in Hernals zu Hause ist, die Mannschaft aber unter dem Spitznamen „Dornbacher Buam“ firmiert. Bereits zwei Stunden vor Anpfiff komme ich in den Genuss, erste Bilder der Spielstätte zu schießen, die sich um dieser Uhrzeit noch im Dornröschenschlaf befindet. Der „Sport-Club Platz“ (mitunter mit dem Beinamen „An der Alszeile“ versehen) ist 1904 errichtet worden, fasst heute 7.828 Zuschauer, gilt als der älteste noch bespielte Fußballplatz Österreichs und bietet vieles, was mein Herz höher schlagen lässt. Vier Tribünen unterschiedlicher Bauart, viel Tradition, viele Geschichten und viele Kosenamen, die ich hier zusammenzufassen versuche. Dazu sollte man die fantastische Lage inmitten eines Wohngebiets hervorheben, hier noch dadurch auf die Spitze getrieben, dass das Stadion derart eng eingefasst ist, dass die Hintertortribüne („Blaue Tribüne“, vermutlich erbaut im Zuge der letzten Stadionmodernisierung 1984) nahtlos an ein Wohnhaus samt „Spar“-Markt angrenzt. Die „Ďolíček“-Gegengerade besteht aus nur wenigen Stufen und befindet sich direkt vor den Zinshäusern der Kainzgasse, aus dessen Fenstern man prima in die Spielstätte hineinschauen kann. Eine Schreinerei („Bauernstuben Dworak“) in unmittelbarer Nachbarschaft trägt ihrerseits mit der alten Typographie an der Fassade ebenfalls zu nostalgischen Gefühlen bei. Hinter dem anderen Tor wird der Dornbacher Friedhof nur durch die schmale Alszeile vom Stadion getrennt – auf dieser „Friedhofstribüne“ genannten Stehplatztribüne werden später die treuen Fans des Sport-Club stehen. Auf die Besichtigung der Haupttribüne, die mit ihren alten Holzbänken wohl das Prunkstück des Stadions darstellt, verzichte ich vorerst. Die Alszeile ist schließlich nicht umsonst für den Autoverkehr gesperrt worden und der hinter Bauzäunen errichtete Behelfsbiergarten sieht auch sehr einladend aus. Zu Reggae-, Ragga- und Ska-Klängen zechen hier bereits erste trinkfreudige Schotten (und als Schotten verkleidete Bayern und Ösis) mit den Heimfans „Ottakringer“ vom Fass in der gleißenden Nachmittagssonne. Na dann: Nichts wie rein in den Trinkerkäfig!

Eine Bierlänge später zieht es mich zum Fanartikelstand, an dem mich ein Kühlschrankmagnet mit einem Bild der Anzeigetafel des Praterstadions von 1958 zu einem eher unvernünftigen Einkauf animiert, aber so ein 7:0 kann man sich schon einmal 8 € kosten lassen. Als ich endlich das Stadion betrete, läuft dort zur Begrüßung angesichts dieser horrenden Ausgabe ein Musikwunsch meines rumänischen Kassenwarts. Selten hat man derart melancholische griechische Klagemusik in einem Fußballstadion zu hören bekommen und selbst auf dem Pissoir wird via Lautsprecher weiter gejammert. Dabei gibt’s spätestens an diesem schönen Ort nun wahrlich keinen Grund zur Klage mehr, hat doch bereits ein FUDU-Jünger auf einer vorangegangenen Reise einen wunderbaren Fetti-Sticker an exponierter Stelle hinterlassen. Wo ist Fetti? Hängt auf’m Klo!

Es folgt eine Fotosafari über die alte Haupttribüne, auf der schon jetzt 10-15 Hopper aufpassen müssen, sich nicht gegenseitig über den Haufen zu rennen oder sich über Kreuz in den Erinnerungsfotos im Wege herumzustehen. Auf dem Rasen biedert sich der Präsident des Sport-Club derweil in Schottenrock an, dazu läuft zunächst irische Pubfolklore und später sogar „Bye, Bye Rangers“ vom Band, während sich das Stadion nach und nach füllt. Nach dem sportlichen Niedergang in den 1970er-Jahren, dem Wiederaufstieg und den kostspieligen Bundesligajahren Ende der 80er (u.a. mit Hans Krankl im Kader), ging es für den Wiener Sport-Club, der 1993/94 letztmals erstklassig spielte, nach zwei Konkursen dann richtig bergab. Zwischenzeitlich war der Sport-Club in der Viertklassigkeit angekommen, arbeitete sich dann wieder bis in die 2. Bundesliga hinauf (2002/03), musste dort nach erneuten finanziellen Querelen und einer Abspaltung vom Gesamtverein aber schon als „Wiener Sportklub“ antreten, stieg umgehend wieder ab und fristete in den Folgejahren sein Schattendasein in den österreichischen Fußballniederungen. Spuren dieser Zeit lassen sich noch heute am Stadion wiederfinden, obwohl der Verein seit der Saison 2016/17 endlich wieder mit seinem Traditionsnamen an den Start geht. Nachdem man all diese Irrungen und Wirrungen der letzten Jahrzehnte überlebt hat und noch immer auf eine treue Fanbasis zählen kann, darf man sich sicherlich über einen internationalen Gegner zum etwas konstruierten Jubiläum freuen. Aber vielleicht hätte es etwas weniger Gastfreundschaft an mancher Stelle vielleicht auch getan…

Das Spiel der ersten Halbzeit ist dann recht schnell zusammengefasst. Es trifft eine hoch motivierte Regionalligamannschaft, die sich vor großem Publikum beweisen will und alle Räume zuläuft, auf eine wild zusammengewürfelte B-Elf des 50-fachen schottischen Meisters. Die „Friedhofstribüne“ ist restlos ausverkauft und stabil beflaggt, gesungen wird hier leider jedoch genau so wenig wie auf der beinahe leeren Tribüne gegenüber, auf der es sich die Celtic-Fanclubs aus München, Bad Tölz und Hintertupfingen bei Bumsdorf bequem gemacht haben. Stattdessen erfreuen sich die Menschen anderweitig an diesem „Happening“ und ein stabiles Gemurmel begleitet den Kick auf den Traversen. Britische Fußballatmosphäre halt. War ja so angekündigt.

Nach mehreren vergebenen Halbchancen seiner Teamkollegen gibt Schottlands Fußballer des Jahres James Forrest nach 25 Minuten den echten wirklichen Warnschuss ab, doch sein Geschoss aus der Distanz landet krachend am Lattenkreuz. Nach 31 Minuten hätte Forrest dann für die Führung sorgen müssen, doch mit nur 1,75 Meter kann man aus Nahdistanz schon einmal daneben köpfeln.

Im Anschluss erhebt sich die „Blaue Tribüne“ erstmals und die wirklich aus Schottland eingeflogenen Schlachtenbummler stimmen einen ersten Gesang an. So schön, dass ungefähr 30 mitgereiste bayrische Celtic-Seppel natürlich sofort an der Reling hängen und Handyvideos eines unvergesslichen Nachmittags drehen müssen. Kurz darauf rettet Christian Hayden für seinen bereits geschlagenen Keeper Patrick Kostner nach Callum McGregors Schuss auf der Linie und Forrests nächstem Abschluss steht nur noch das Stangerl im Weg (38. Minute). Für den letzten Höhepunkt der ersten Hälfte sorgt hingegen Sport-Club-Akteur Jakov Josić, der den Mut fasst, einen Freistoß aus gut 35 Metern direkt auf das Tor zu schießen. Um ein Haar hätte er den dreimaligen Auswahlkeeper Scott Bain auf dem falschen Fuß erwischt, doch noch gerade eben so kann dieser den Ball unorthodox über die Latte lenken.

In der Halbzeitpause wechselt Celtic einmal komplett durch, nur Bain hat sich nach seiner „Glanzparade“ in der Nachspielzeit weitere Einsatzminuten verdient. Vier Minuten nach Wiederanpfiff blamiert sich Leigh Griffiths, der einen mustergültigen Querpass serviert bekommt, sich dann aber fünf Meter vor dem leeren Tor selbst ans Standbein schießt und die Großchance ungenutzt lässt. Nach 53 Minuten steht Josić erneut für einen Freistoß aus großer Entfernung bereit. Torwart Bain sollte gewarnt sein, doch wieder unterschätzt er Distanz und Schützen. Gegen diese Schusstechnik und diesen Flatterball ist so kein Kraut gewachsen. Unter großem Jubel der gut 4.000 Sport-Club-Fans schlägt der Ball tatsächlich hinter dem verdutzten Bain zum 1:0 ein.

Keine drei Minuten später bekommt Sport-Club-Keeper Kostner einen Rückpass in die Füße gespielt und anstatt diesen ins Seitenaus oder möglichst weit nach vorne zu befördern, schießt er den Ball an den Körper des heran eilenden Griffiths. Dieser kann den Ball kontrollieren und zum 1:1 ins verwaiste Tor schieben. Der Jubel der Mannschaftskameraden mit dem Torschützen fällt beinahe überbordend aus – Griffiths wird geherzt, gedrückt, gefeiert. Für ein 1:1 in einem Testspiel gegen einen Drittligisten aus Österreich? Für einen Schuss ins leere Tor? Eine spätere Recherche ergibt, dass Griffiths wegen psychischer Probleme vom 12.12.2018 bis zum 31.05.2019 insgesamt 170 Tage lang freigestellt war und hier gerade sein Comeback-Tor erzielt hat. Habe ich bei seiner verpassten Großchance eben etwa von einer Blamage geschrieben? Ich meinte natürlich: Das kann doch jedem einmal passieren!

Nach 65 Minuten scheitert Wiens eingewechselter Mittelfeldmann Miroslav Beljan, den sie im Stadionheft „Alszeilen“ in der Kaderauflistung vollkommen vergessen haben, zunächst am Außennetz und fünf Minuten später dann per Schlenzer am mittlerweile ebenfalls eingewechselten Conor Hazard, der etatmäßigen Nummer 5 der „Hoops“. Die unvollständige Aufstellung macht das Stadionheft aber an anderer Stelle locker wieder wett. Auf Seite 14 findet sich eine halbseitige Anzeige für das Jubiläumsspiel des First Vienna Football Club, der seinen 125. Geburtstag am 17.07. gegen den glorreichen 1.FC Union Berlin feiern wird. Meine Karte für dieses Spiel habe ich seit dem 23.06. in der Tasche (da musste man schnell sein!) und wird mich schneller nach Wien zurückkehren lassen, als ich das jemals zu träumen gewagt hätte. Das wird sicher ein guter Urlaub nach dem Urlaub!

Aber zurück zum Spiel. Zwischen Minute 65 und 80 versucht es Celtic eine Viertelstunde lang nur noch mit langem Hafer, bis sie angesichts der schwindenden Kräfte des Regionalligisten dann endlich dazu übergehen, ihre spielerische und physische Überlegenheit auszuspielen. In der 80. Minute spielt Vakoun Issouf Bayo den 19-jährigen Jungspund Henderson frei, doch scheitert dieser an der Nummer 2 des Sport-Club, Alexander Kniezanrek. Besser macht es dann Vollblutstürmer Bayo, der sechs Minuten später eine Flanke von Hayes per Dropkick zum 1:2 verwerten kann. Die große Ausgleichschance ergibt sich nach einer Ecke in der Schlussminute, die das Publikum wieder einmal mit Schlüsselbundklirren akustisch begleitet. Hazard pariert den Kopfball des Wiener Angreifers jedoch per Blitzreflex und rettet dem favorisiertem Europapokalteilnehmer so den Saisonauftakt.

Während sich der tapfere Regionalligist nach dem Abpfiff auf Ehrenrunden von seinem Publikum feiern lässt, bittet Celtic-Coach Neil Lennon seine Mannen noch zu Sprintübungen vor die „Blaue Tribüne“. Mein freundlicher Sitznachbar schenkt mir zum Abschied seine echte Eintrittskarte als Erinnerung an diesen unterhaltsamen Fußball-Sommerabend und schon ist es Zeit für ein Fazit: Solider Saisonauftakt! Überraschend enges Spielchen, wunderbares Stadion, toller Verein, entspannte Menschen – nur die Freund*innen der Friedhofstribüne dürften ihre politische Korrektheit eventuell etwas weniger vor sich hertragen und hätten heute gerne für etwas mehr Fußballatmosphäre sorgen dürfen…

Die Bim hat mich eine knappe Viertelstunde später auch bereits wieder in der Josefstadt in die Freiheit entlassen. Die kleine Terrasse des „Gasthaus Zur Böhmischen Kuchl“ in der Schlösselgasse hatte ich mir bereits heute Morgen für eine spätere Einkehr vorgemerkt. Gegen 21.00 Uhr kann man dort noch immer problemlos in Sommerkleidung Platz nehmen, schnell steht ein frisches Bier auf meinem Tisch und noch schneller bin ich als depperter Piefke aufgeflogen. „Ihr in Deutschland würdet’s wohl gpökelt nennen“, beantwortet er meine Frage nach dem „Selchfleisch im Pufferteig mit Kraut“. Für 12,50 € (mittlerweile kostet das Gericht 13,10 € – einfach mal die Website des Lokals besuchen, die Speisekarte öffnen, die Preise per Copy and Paste in ein Schreibprogramm übertragen und die Teuerungsrate mitverfolgen – viel Spaß!) werden dann drei überaus leckere Scheiben Kasseler im Kartoffelanorak serviert und am Ende des Abends braucht es den Verdauungsschnaps auf’s Haus auch zwingend, um die letzten Meter bis zum Hotel zurücklegen zu können.

Am nächsten Morgen ballert die Sonne in die schmale Kochgasse. Bereits um 9.30 Uhr zeigt das Thermometer stolze 28°C an und bis zu 34°C werden im weiteren Verlauf des Tages erwartet. Der Sommerurlaub vor dem Sommerurlaub nimmt konkrete Formen an und schnell ist ein Tagesausflug zur Donauinsel beschlossene Sache. Obwohl rund um den „Copa Beach“ diverse sonnenfeindliche Schmierereien angebracht worden sind, verrichtet das Zentralgestirn weiter zuverlässig seinen Dienst und so komme ich in den Genuss, zwei-drei Stunden lang feinste UV-Strahlung zu tanken und an der Donau zu dösen. Mit dem Nichtstun ist man übrigens immer genau dann fertig, sobald der Bierdurst einsetzt und glücklicherweise kann man sich hier in einem solch schlimmen Fall von einsetzendem Aktionismus auf diverse Strandbars verlassen, die umgehend Lösungsansätze aufzeigen. 4,30 € für ein „Ottakringer“ ist zwar alles andere als geschenkt, bei der guten Aussicht (… aber warum zur Hölle lässt man sich das Wort „Bitch“ tätowieren?) und unter Palmen sitzend, kann man das schon zwei Mal machen.

Hinter mir sitzt ein amerikanisches Pärchen, das sich vorhin am Strand schon zu dämlich angestellt hatte, einen Sonnenschirm in den Sand zu stecken und seitdem unter meiner strengen Beobachtung steht. Nun qualifizieren sie sich endgültig für die Kategorie ‚Vollidioten‘, indem sie eine freundliche Frage des Kellners („How was your Day?“) denkbar dämlich beantworten. „Amazing! We did 10.348 Steps so far!“, als wäre dieser statistische Wert das einzige Kriterium für einen gelungenen Urlaubstag. Kann man ja nur hoffen, dass ich nicht das selbe gefragt werde. Mein Tag war demnach nämlich ziemlich scheiße. Wenig Steps so far – hab nur in der Sonne rumjelegen und Bier jesoffen.

Als dann auch noch Beatrice Egli „Dein Herz ist wie eine Laterne“ über den „Copa Beach“ kitschen darf, brauche ich dringend etwas Ablenkung zum Bier und erinnere mich an den offen gebliebenen Rechercheauftrag aus dem Flugzeug. Dank des freien Wi-Fi werde ich schnell fündig. Am gestrigen 29.06. sind in Hausmening (150 Km von Wien entfernt) tatsächlich Dynamo Moskau (Динамо Москва) und Apollon Limassol (Απόλλων Λεμεσού) aufeinander getroffen. Moskau ging als 2:0 Sieger aus dieser Partie hervor. Für ein belangloses Testspiel extra nach Österreich fliegen? Leute gibt’s…

Wieder einmal beherbergt mich im Anschluss die „Taverne Sokrates“ in der „Sunken City“, ehe ich den Abend im Hotel mit dem Finale der U-21 Europameisterschaft ausklingen lasse. In Udine unterliegt Deutschland mit 1:2 gegen España und ich läute nach Schlusspfiff umgehend die Bettruhe ein, schließlich muss ich am morgigen Montag bereits in aller Herrgottsfrüh zur Arbeit fliegen.

Für die Schlusspointe dieses erlebnisreichen Kurzurlaubs sorgt dann gegen 7.30 Uhr ein Typ am Gate, der ein bisschen so aussieht, als würde er auf die Loveparade 1996 fliegen, was optisch eigentlich schon unterhaltsam genug ist, aber da habe ich den „Mary Pierce“-Schriftzug auf der Wade noch gar nicht gesehen. Erst nach Ankunft in Berlin-Tegel gelingt mir am Bus endlich ein Foto dieses Meisterwerks, das mir doch ein wenig Mut spendet, mir endlich „Arantxa Sánchez Vicario“ auf den Tennisarm tätowieren zu lassen. Schön, wenn man mit einem Schmunzeln im Gesicht in den ersten von vier Arbeitstagen zwischen den Urlauben startet. Spiel, Satz und Sieg für Fetti. Pierce Out! /hvg