136 136 FUDUTOURS International 16.01.21 04:04:35

06.07.2019 Tallinna FCI Levadia – Tallinna FC Flora 1:2 (0:1) / Lilleküla staadion / 1.124 Zs.

Im FUDU-Hauptquartier herrscht große Aufregung. Die Außenstelle Dänemark hat ein Testspiel geleaked. Was hierzulande noch niemand weiß, hat Brøndby bereits auf seiner Website veröffentlicht. „Gul og blå“ wird angeblich am 05.07.2019 „An der Alten Försterei“ aufdribbeln. Klar, dass es da nicht mehr lange auf sich warten lässt, bis unsere dänischen Freunde ihre Reisepläne finalisiert und sich für zwei Übernachtungen angemeldet haben. Da steht mir wohl ein „Casual Friday“ der besseren Sorte ins Haus, bevor ich am Samstag via Tallinn in meinen Sommerurlaub starten werde.

Einige Tage später bestätigt zwar auch der 1.FC Union Berlin das vereinbarte Testspiel offiziell, allerdings mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass das Spiel erst am 06.07. stattfinden wird. Brøndby reagiert geschickt, rudert klammheimlich zurück, entfernt die bereits veröffentlichte Nachricht stillschweigend von der Startseite und passt den Austragungstermin kommentarlos an. For Fanden – dieses Spiel werde ich dann wohl verpassen.

Glücklicherweise lassen sich die Dänen hiervon nicht von ihrem Plan abbringen, bereits am Freitag anzureisen. FUDU wird im Unklaren darüber gelassen, mit welchem Verkehrsmittel dies der Fall sein wird und auch die Ankunft taxieren die Nordmänner eher südländisch auf: „Around Afternoon“. Und wenn sich die Reisegruppe „Rød Raket“ gerade einmal zu einer solch vagen Auskunft hinreißen lässt, dann weiß man in Berlin mittlerweile, was die Stunde geschlagen hat. Reicht also, wenn wir uns gegen 18.30 Uhr in der Kneipe treffen und dann der Dänen harren, die da kommen mögen.

Bei sommerlichen Temperaturen ist auf der Terrasse der Stammkneipe der „dänische Afternoon“ ohne weitere Kommunikation bald so weit nach hinten gerutscht, dass sie zwischenzeitlich sogar in Afrika bereits Fußballspiele angepfiffen haben. Ab 21.00 Uhr rollt im „Africa Cup of Nations“ der Ball und FUDU fiebert mit, wie tapfer sich die 11 Mannen der Außenstelle Uganda wohl gegen Sénégal schlagen werden. Nach 15 Minuten trifft Sadio Mané zum 1:0 für den Favoriten, nach 40 Minuten fährt ein mit blau-gelben Schals geschmückter „Volvo“ hupend durch den Kreisel und mindestens drei alkoholisierte Dänen lassen laute Brøndby-Schlachtrufe durch den Friedrichshain erschallen. Keine Sorge, die gehören zu uns.

Um 22.00 Uhr kann dann endlich der gemeinsame Nachmittagsumtrunk beginnen. Bei dem einen oder anderen Pitcher Brøndbier hat man sich schnell über Ugandas Ausscheiden hinweggetröstet und mir schwant hinsichtlich meines morgigen Abflugs langsam Böses. Glücklicherweise werden wir jedoch um kurz vor 3.00 Uhr aus der Kneipe gekärchert und als eine halbe Stunde später auch der Abendbrot-Döner verzehrt ist, sind erfreulicherweise alle unisono der Meinung, dass das für heute genug Tag war. Schließlich stehen für morgen zwei schwere Spiele an, für die man doch einigermaßen ausgeschlafen sein sollte. Brøndby-Union bei Dänen, Tallinn-Derby bei mir…

Knappe vier Stunden später klingelt mein Wecker. Es gilt, meine Wohnung auf leisen Sohlen zu verlassen, ohne einen bereits am Boden liegenden Gästefan zu treten. Den inneren Hooligan nur mit Mühe und Not im Zaum gehalten und einen beachtlichen Slalom um das dänische Bettenlager gelaufen, sitze ich kurz darauf auch bereits in der Regionalbahn nach Schönefeld, in der zum wiederholten Male ein echter Expertenschaffner im vorbildlichen Umgang mit Touristen gefällt. Die Aussage „You have to stempel the Ticket, that makes sonst Strafe!“, hat wahrhaftig großes Potential, eines Tages auf die Uniformen der „DB“ gedruckt zu werden.

Leider kann ich dieses Erlebnis vorerst aber ebenso wenig mit jemandem teilen, wie das Konterbier in der Main Hall. Mit dem „Hoollegen“ und „Günter Hermann“ sind zwei Mitinitiatoren dieser Reise bereits abgesprungen und nun droht auch noch die letzte Hoffnung auf Gesellschaft zu platzen. „Der verrückte Tischfinne“ meldet aus Espoo wenig verheißungsvolles: „6.00 zu Hause oder so, mit dem City-Fahrrad habe ich gerade gelernt. Wecker hatte ich auch um 8.30 oder so, gut verpasst. 10.15 aufstehen, 10.25 Taxi rufen. Wird schön teuer, mal sehen falls ich das wirklich schaffe.

Gänzlich unbeeindruckt von diesem Prolog bin ich um 13.05 Uhr (Ortszeit) auf dem „Lennart Meri Tallinna Lennujaam“, benannt nach dem ersten demokratischen Staatspräsidenten Estlands nach der erneuten Unabhängigkeit im Jahre 1992, gelandet. Der verschlafene Flughafen beschreibt sich selbst nicht gänzlich zu unrecht als „the world’s cosiest airport“, dennoch ist er hervorragend an das vier Kilometer entfernte Stadtzentrum angebunden. Also, außer heute natürlich – aus mir noch unbekanntem Grund ist der Straßenbahnverkehr eingestellt. Freundlicherweise hat man hier jedoch nur die besten Esten in gelbe Warnwesten gewandet, die sich nun den wenigen gestrandeten Touristen annehmen. Statt eines misanthropischen „That makes Strafe!“ lautet das baltische Credo eher „How can I help you?“ und so befinde ich mich nur wenige Augenblicke später fremdorientiert in einem Bus der Linie 2, den ich in „Keskturg“ verlassen soll. Aitäh, sagt der Este.

Dass der Bus eine kleine Schleife in die verkehrte Richtung dreht und mehr als doppelt so lange in das Stadtzentrum benötigt, lässt meinen ohnehin schon recht straffen Zeitplan ins Wanken geraten. Alle zwei Minuten hält dieser an irgendeiner Haltestelle im Nirgendwo an und an jeder Haltestelle steigen Menschen in traditionellen Trachten und Gewändern zu. Die gesamte Innenstadt ist für Feierlichkeiten abgesperrt, die offenbar so groß ausfallen werden, dass an Straßenbahnverkehr nicht zu denken ist. Wie sich später herausstellen wird, hat Fetti wieder einmal ein gutes Gespür für Timing an den Tag gelegt, denn Tallinn lädt vom 04.07.-07.07. zur 25. Ausgabe des „Laulupidu“ und dessen 150. Geburtstag ein. Dieses altüberlieferte Liederfest, erstmals 1869 in Tartu veranstaltet, findet in der Neuzeit alle fünf Jahre in Tallinn parallel zum „Tantsupidu“ (Tanzfest) statt und zieht neben 30.000 Sängern auch mehrere hunderttausend Besucher aus ganz Estland an. Das erklärt im Nachhinein natürlich auch die teils gepfefferten Übernachtungspreise und die überraschend hohe Belegungsquote in der Stadt, die mich notgedrungen auf ein Hostel haben zurückgreifen lassen.

Das „Hostel 31“, passenderweise in der „Tartu maantee“ gelegen, überzeugt auf jeden Fall durch seine Außenansicht. Das zweigeschossige Haus erweckt mit seiner hölzernen Fassade einen urgemütlichen Eindruck und versprüht den ganzen Charme des Baltikums. Etwas skeptisch werde ich, als mir die Rezeptions-Ludmilla ein wild zusammengewürfeltes Konglomerat aus Bettwäsche und Handtüchern mit blumigem Sowjetcharme in die Hände drückt und meint, mein Zimmer befände sich in der dritten Etage. Und wahrlich, an der Stelle, an der man zu der festen Überzeugung kommen kann, das Haus sei hier bereits zu seinem Ende gekommen, tut sich eine weitere Holztür und ein schmaler Treppenaufgang auf, der unter das Dach und zu meinem Zimmer führt. Das Zimmer würde ich als eine ins Dach geschlagene Ausbuchtung beschreiben, gerade lang genug, um ein Bett hineinstellen und gerade hoch genug, um die ersten beiden Schritte noch aufrecht hineingehen zu können. Zu ungefähr 70% besteht der „Raum“ jedoch aus einer holzvertäfelten Dachschräge, die den Gast in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Da die Schräge darüber hinaus über kein Fenster verfügt, hat man eine Lüftungsanlage in das dunkle Kabuff gefräst, welche mit gefühlten 200 Dezibel im Dauerröhrbetrieb für etwas Frischluftzufuhr und den einen oder anderen Hörsturz sorgen wird. Rustikal, urig, kultig. Und mit 25 € die Nacht natürlich ein echtes Schnäppchen!

Das Beziehen meines Bettes muss ich aufgrund meiner verspäteten Ankunft jedoch erst einmal verschieben. Es verbleibt nur noch ein knappes Stündchen bis zum Anpfiff auf der Uhr und angesichts der chaotischen Zustände im öffentlichen Nahverkehr entscheide ich mich, das für das Hotel gesparte Geld in ein Taxi zu investieren. „What are you doing in Arena?“, fragt mich der Fahrer und zeigt, das nicht unbedingt ganz Tallinn dem großen Derby und Spitzenspiel zwischen Levadia (2.) und Flora (1.) entgegenzufiebern scheint. Ich erkläre ihm kurz, was hier heute in seiner Stadt neben dem Tanz- und Gesangsgedöns noch so abgeht und bin dann knappe zehn Minuten zwar 12 € los, dafür aber tiefenentspannt und rechtzeitig am „Lilleküla staadion“ angekommen.

Vor der „A. Le Coq Arena“, wie die nach einer Brauerei benannte Spielstätte offiziell heißt (Werbung für Bier muss erlaubt sein!), steppen 30 Minuten vor Anpfiff nicht besonders viele Bären. Es gibt Livemusik aus einem LKW und immerhin ein aufmerksamer Zuhörer genießt die „fun TIME“ seines Lebens, als mir plötzlich der „Tischfinne“ von hinten auf die Schulter klopft. „Hallo, schön Dich zu sehen!“, könnte er sagen, aber der „Tischfinne“ wäre nicht der „Tischfinne“, wenn er anstatt dessen nicht zu einer finnisch-überschwänglichen Begrüßung ansetzen würde. „Hab überlegt, ob sich das hier lohnt!“. Recht hat er. Auch die Sachebene sollte vor dem ersten Handschlag nie unbetont bleiben!

Für 5 € erhält man Tickets für die Haupttribüne, für 4 € gibt es ein „Le Coq“ aus der Dose dazu und während sich FUDU noch fragt, wo da die Verhältnismäßigkeit bleibt, hat Schiedsrichter Roomer Tarajev das Spiel auch bereits angepfiffen. Statt der angekündigten 18 Grad und Dauerregen verwöhnt Estlands Hauptstadt die immerhin 1.124 Stadionbesucher mit 16 Grad und Sonnenschein. Es ist der 19. von 36 Spieltagen der estnischen „Premium Liiga“, die im Kalenderjahr spielt und es trifft der Rekordmeister (12x) des Jalgpalliklubi FC Flora auf den Lokalrivalen Levadia, der heute auf ein echtes Heimspiel in seinem Stadion verzichtet und lieber in der großen Arena (15.000 Plätze) antritt. Lokalrivale darf sich Levadia genaugenommen auch erst seit 1998 nennen, als man nach Fusionen, unübersichtlichen Lizenzabgaben und -übernahmen und einer Auflösung des eigentlichen FC Levadia (der dann nach Tartu weiterzog) endgültig von Maardu nach Tallinn übersiedelte. Das große I im Vereinsnamen kam dann nach einer weiteren Fusion mit dem FCI Tallinn im Jahre 2017 hinzu und fertig war ein Verein, für den sich in Tallinn gegenwärtig niemand zu interessieren scheint. Heute stehen jedenfalls gerade einmal neun Männeken hinter einer Levadia-Fahne, während im Stadion Flora-Fanartikel verkauft werden und es auf der Haupttribüne nahezu alle Zuschauer mit den nominellen Gästen halten.

Der kleine Flora-Fanblock sorgt indes für echte Fußballstimmung, begleitet das Spiel durchgehend akustisch und bringt einige bengalische Lichter und Fahnen zum Einsatz. Auf dem Rasen brennt Flora ein regelrechtes Feuerwerk ab und ist in der ersten Viertelstunde in allen Belangen überlegen. Dennoch braucht es einen dieser unsäglichen Handelfmeter, um in Führung zu gehen. Goalgetter Erik Sorga verwandelt nach 17 Minuten sicher und freut sich bereits über seinen 20. Saisontreffer. Im Anschluss verliert Flora etwas den Faden und lässt sich von der ruppigen Spielweise der Hausherren aus dem Rhythmus bringen. Dann und wann sieht der Einsatz Levadias etwas unbeholfen aus und nicht alle Attacken werden durch den Schiedsrichter unterbunden, sodass sich Flora genötigt fühlt, sich anderweitig zur Wehr zu setzen und selbige Mittel zu wählen. Die logische Konsequenz ist der erste verletzungsbedingte Wechsel nach 25 Minuten – Tkachuk muss der überharten Gangart Tribut zollen.

Nach dem Spielerwechsel besinnen sich beide Mannschaften wieder etwas mehr auf ihre spielerischen Fähigkeiten und verzeichnen jeweils Torabschlüsse. Bei Levadia zielen Stoßstürmer Andreev und Linksaußen Nesterov drei Mal zu ungenau, ehe Nesterov dem Tor mit einem Schuss ans Außennetz noch am nächsten kommt (42.). Flora, das in der Tabelle heute auf 6 Punkte davonziehen könnte, lässt in der gesamten ersten Hälfte nur noch einmal aufhorchen, doch Livaks Schlenzer ist etwas zu hoch angesetzt und gibt Levadias Keeper Lepmets keine Möglichkeit, sich auszuzeichnen.

In der zweiten Halbzeit ist die Sonne leider hinter einer dichteren Wolkendecke verschwunden. Mit frischem Dosenbier und geröstetem Knoblauchbrot haben wir es uns gerade wieder bequem gemacht, als Flora im Anschluss eines kreisligawürdigen Strafraumgewurschtels nach Eckball mit 2:0 in Führung geht. Nachdem mehrere Levadia-Verteidiger daran gescheitert waren, den Ball klärend aus dem Sechzehner zu befördern, wird Liivak, dem das Spielgerät aus heiterem Flipperhimmel vor die Füße fällt, zum Nutznießer (50.). Im Anschluss drängt Flora kurzzeitig auf das 3:0, ehe Schiedsrichter Tarajev mit einem weiteren fragwürdigen Handelfmeterpfiff neue Würze in das Spiel bringt. Markus Jürgenson lässt sich jedenfalls nicht zwei Mal bitten und verwandelt den fälligen Strafstoß nach gut einer Stunde zum 1:2.

10-15 Minuten lang keimt bei Levadia noch einmal Hoffnung auf und für den neutralen Zuseher rücken das bislang wenig überzeugende Tempo und das überschaubare technische Niveau der Partie dank der einsetzenden Spannung in den Hintergrund. Taktische Zwänge fallen, Levadia lockert nach und nach die eigene Defensive, kommt zu einigen Halbchancen und für die Gäste ergeben sich Konterräume. Die Lebendigkeit des Spiels ist zwar gegeben, doch beide Mannschaften zeigen sich in ihren Offensivbemühungen zu ungenau und so konzentriert sich Flora alsbald auf das Verteidigen des knappen Vorsprungs. Die stabile Defensive macht es Levadia zusehends schwerer und schon ab der 75. Minute hat man das Gefühl, dass Flora das Spiel heruntergekocht und alles im Griff hat.

Das einzige Highlight der letzten Minuten bleibt so Levadias Kanisterkopf Evgeniy Osipov vorbehalten. Schon in der ersten Hälfte hatte sich dieser mit endlosen Diskussionen mit dem Schiedsrichter und körperlichen Auseinandersetzungen in Rudelbildungen nachhaltig für eine gelbe Karte beworben und nach 66 Minuten auch endlich eine erhalten. Nun räumt er in der Nachspielzeit im Kopfballduell dank Einsatz seines Ellenbogens den armen Kuusk ab, geht dem am Boden liegenden Spieler an den Kragen und beweist auch gegen den heranstürmenden Pürg eine breite Brust. Wer so aufräumt wie Bud Spencer im Saloon, der darf sich auch über eine gelb-rote Karte nicht beschweren.

Meine Freude über den eingefahrenen Länderpunkt Estland währt nicht lange, schon drängelt der „Tischfinne“ zur After-Show-Party. Was man sich in Tallinn am Wochenende des 25. „Laulupidu“ auf keinen Fall entgehen lassen sollte? Im 3,1 Kilometer entfernten „Sõle Gümnaasiumi staadion“ bittet in einer Stunde niemand geringeres als der Põhja-Tallinna JK Volta zum Drittligakick und eröffnet so die Möglichkeit auf einen sagenumwobenen Eesti-Doppler. Wer da nicht Tall-In geht, ist selber Schuld. Und im Gümnaasium war ick och noch nie. /hvg