140 140 FUDUTOURS International 16.04.21 01:47:28

01.06.2019 Boldklubben 1908 – Kastrup BK 1:1 (0:1) / Sundby Idrætspark / 318 Zs.

Heute können Fetti und seine Berliner Freunde endlich ihr wahres Gesicht zeigen. Nachdem man sich gestern noch von einigen hochklassigen Skandinaviern zu einem Erstligaspiel überreden ließ, sollte heute dem Fußball an der Basis nichts mehr im Wege stehen. In der viertklassigen „Danmarksserien“ trifft der Boldklubben 1908 (Kurzform B1908, übrigens nicht zu verwechseln mit B1909 und B1913, die beide in Odense beheimatet sind) auf den Kastrup BK. Die FA2000 hat gestern Abend in der Staffel 2 mit einem Heimsieg gegen Allerød den Aufstieg in die 2. Division bereits perfekt gemacht, sodass der Zug für B1908 diesbezüglich leider bereits abgefahren ist und die Saison nun gemütlich im Verfolgerfeld auspendeln wird. Der Kastrup BK hingegen greift heute nach dem letzten Strohhalm. Nachdem Ishøj ebenfalls am Freitagabend in Valby einen Punkt erkämpfen konnte, beträgt Kastrups Rückstand auf das rettende Ufer drei Spiele vor Schluss nunmehr acht Punkte. Da MUSS heute also was kommen!

Mit all diesen guten Argumenten gehen wir auf unsere dänischen Freunde zu – zugegebenermaßen mit wenig Hoffnung, den einen oder anderen von unserem Plan des Stadionbesuchs überzeugen zu können. Erwartungsgemäß flattern uns die Absagen und Ausreden schneller ins Haus, als Mahnungen unseres schwäbischen Vermieters. Einer muss mauern, zwei weitere kriegen von ihren Familien nur für das abendliche Champions-League-Finale frei und ein richtig helles Nordlicht geht lieber mit einer Wandergruppe 45 Kilometer bis nach Helsingør spazieren. Etwas kreativer fallen da schon die Argumente des „Fiskhoved“ aus, der schlicht und ergreifend keine Lust hat, nach Amager zu fahren und eindringlich warnt. „They are eating strange things“, „The Island is made out of garbage“, „You can’t understand them because of their fucking dialect“, „They have a weird sense of humour“, „It once was a prison where people get killed“ oder verknappt zusammengefasst: „Be careful, crazy people are living out there!“.

Unbeeindruckt von all diesen Warnungen lassen wir es uns nicht nehmen, kurz darauf auch ohne dänischen Geleitschutz in Richtung Amager zu unserer gefühlten Dschungelprüfung aufzubrechen. Gibt eben nur waghalsige Höllenhunde bei FUDU!

Nichtsdestotrotz haben die Informationen unser Interesse geweckt und noch während der halbstündigen Fahrt durch das Herz der dänischen Hauptstadt werden diese fischköpfigen Fakenews auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft:

Auf Amager befand sich zwar tatsächlich eine Hinrichtungsstätte, in der zum Tode verurteilte Straftäter geköpft worden sind, doch dass die letzte Exekution bereits am 22.04.1845 stattgefunden hat, hat sich womöglich noch nicht bis Skovlunde herumgesprochen. Geblieben ist laut Wikipedia in der dänischen Umgangssprache übrigens eine Interjektion, die auf die Geschichte Amagers Bezug nimmt und heuer eine Art Schwur ausdrückt: „’Kannst du schwören, dass du das nicht warst?‘ – ‚Amager!’“ (Wirklich! Ernsthaft!) – verbunden mit der Geste einer ausgestreckten Hand, die den Kehlkopf streift.

Seit 2017 befindet sich auf Amager wahrhaftig eine Müllverbrennungsanlage, die auf ihrem schräg abfallenden Dach ganzjährig kunstschneebedeckte Skipisten (CopenHill) zur Vergnügung der Einwohner und Touristen bietet. Ob der künstlich aufgeschüttete „Amager Strandpark“ (60 Hektar, 4,6 Kilometer langer Badestrand, Promenade, Hafen, Baukosten: 200 Millionen DKK) auf Müll errichtet wurde, ist jedoch nicht überliefert.

Dafür scheint es den gewöhnungsbedürftigen Dialekt wirklich zu geben (Amagermål), aber so gut ist unser Dänisch nun auch nicht, als dass wir einen Unterschied zur Hochsprachlichkeit (Rigsmål oder Rigsdansk) bemerkt hätten.

Doch da laufen bei uns im Auto ohnehin schon längst die Vengaboys und unter „Whoah! Back to the Island, we’re gonna have a Party!“-Gegröhle düst FUDU seinem Samstagsziel entgegen. Was der Fischkopf vermutlich nicht weiß, ist, dass FUDU bereits überaus amagererfahren ist, hat man hier 2013 doch bei „Master Thomas“ und seiner liebreizenden Frau genächtigt und u.a. dem sehenswerten Fischerdorf Dragør einen Besuch abgestattet. So schnell kann uns hier also nichts mehr aus der Ruhe bringen.

Beunruhigender ist da schon die Dichte an penetranter Wahlwerbung. Selbst an Autobahnbrücken werben die dänischen Partien um Stimmen für die „Folketing“-Wahl, die am 05.06.19 am Tag des dänischen Grundgesetzes stattfinden wird. Ob man sich bei 130 km/h zwingend Gedanken über die politische Ausrichtung des Landes machen sollte, lassen wir jetzt einmal dahingestellt sein, aber immerhin erfahren wir so, dass Samira Nawa Amini noch in der Politik tätig ist. 2014 sah sie zwar wesentlich besser aus, als ihr der „Fackelmann“ kurzzeitig sein Gesicht lieh, aber gut, der Zahn der Zeit nagt eben an allen von uns…

Während einige Dänen womöglich noch unentschlossen sind, wo sie in wenigen Tagen ihr Kreuz setzen werden, ist sich FUDU seiner Sache sicher. Unsere Wahl ist längst auf den sehenswerten „Sundby Idrætspark“ gefallen, der auf einer großen Haupttribüne und einer charmanten Gegengeradenkonstruktion aus Holz immerhin 7.200 Menschen Platz bietet und damit eines der 25 größten Fußballstadien Dänemarks ist. Den Sportpark haben wir mit einer Punktlandung um kurz vor 13.00 Uhr erreicht, sodass wir nach Zahlung des Eintrittsgelds (40 DKK) noch gerade genügend Zeit haben, um uns mit frischem „Carlsberg“ vom Hahn (30 DKK) einzudecken.

Im Stadion haben sich in etwa 100 Menschen eingefunden, wovon sich die meisten auf der großen Haupttribüne von 1975 niedergelassen haben. Hier sind bereits einige Trikots der Finalteilnehmer des heutigen Abends zu sehen. Unseren ersten Beobachtungen zufolge scheinen auf Amager die Sympathien für Liverpool und Tottenham gerecht verteilt, während der B1908 bezüglich der Beliebtheit die Nase gegenüber des Lokalrivalen von Fremad vorne zu haben scheint. Sportlich befindet sich Fremad zwar zwei Ligaebenen höher, doch im Stadion sucht man Spuren des erfolgreicheren Clubs auf den ersten Blick vergeblich. Das mittlerweile veraltete Logo von B1908 ist auf der Tribüne jedenfalls omnipräsent, während von Fremad jede Spur fehlt. Dafür hat man Fremad aber genau genommen das Flutlicht (seit 2018) zu verdanken, welches man für die Teilnahme an den höheren dänischen Spielklassen vorzuweisen hat. Auch die Umwandlung des Rasenfeldes in einen Kunstrasenplatz (ebenfalls 2018) geht wohl auf die Kappe des höherklassigen Vereins.

Gerade haben wir auf den Holzbohlen Platz genommen, da eröffnet Schiedsrichter Sebastian Friis Aagerup auch bereits die Partie. Es weht eine steife Amager-Brise und wir werfen sehnsüchtige Blicke auf den Berliner Wetterbericht. Dort schwitzt man aktuell bei 32°C in kurzen Hosen, während man hier bei gerade einmal 14°C doch etwas fröstelt, der „gefühlten Temperatur“ geschuldet. Nichtsdestotrotz lässt es sich ein Hipster-Däne nicht nehmen, hier mit Extra Long T-Shirt, abgeschnittener Jeans, Bananen in der Gesäßtasche und Schoßhündchen auf dem Arm durch die Szenerie zu schleichen. Was für ein Gesamtkunstwerk – das hätte der Friedrichshain kaum besser hinbekommen können.

Auf dem Kunstrasen tritt der abgeschlagene letzte aus Kastrup in den ersten Minuten recht solide auf. Mit dem Mute der Verzweiflung versucht man, seine allerletzte Chance auf den (direkten) Klassenerhalt zu nutzen. Darüber hinaus wirken die Spieler des B1908 nicht unbedingt bis in die Haarspitzen motiviert und so gelingt es den Mannen aus Kastrup, die Insulaner vom eigenen Tor fernzuhalten und nach und nach Oberwasser im Mittelfeld zu gewinnen. Die ersten beiden vielversprechenden Abschlusssituationen werden zwar noch kläglich vergeben, doch nach 29 Minuten kann Tobias Hansen einen schönen Steckpass aufnehmen und diesen eiskalt vollstrecken. Sein sechstes Saisontor – 23 mitgereiste Gästefans aus dem 3,2 Kilometer entfernten Kastrup jubeln ausgelassen!

Mittlerweile ist die Führung für den Gast durchaus als verdient zu bezeichnen und womöglich wäre die Hoffnung auf den Klassenerhalt noch einmal zusätzlich gestiegen, hätte Oskar Munk Egestorp nach 37 Minuten den Ball nicht so dermaßen knapp neben den Pfosten gesetzt, sondern zum 0:2 im Tor untergebracht. So aber geht die Partie mit einem 0:1 in die Halbzeitpause, in der B1908-Coach Sten Svendsen wohl das eine oder andere ansprechen und umstellen muss. Wirklich Amagerer Auftritt bis hierhin.
Første halvleg blev ikke nogen stor fodboldoplevelse! heißt es hierzu später kurz und bündig auf der Website des B1908. So kann man es natürlich auch sagen.

Der Platzwart nutzt die Gunst der Stunde und stellt die imposante Bewässerungsanlage der Sportstätte zur Schau. Besonders angenehm, dass der Wind auf Amager dafür Sorge trägt, dass sich die Wasserfontänen der Rasensprenger ihren Weg bis auf die Gegengerade bahnen. Zwar versucht der Stadion-DJ mit „Cafe del Mar“-Klängen mediterranes Feeling aufkommen zu lassen, doch angesichts unserer leichten Erkältungen lassen wir uns nicht lange einreden, wir würden hier nur etwas Meerwasser vom warmen Sommerwind in die Gesichter getragen bekommen und wandern gesundheitsbewusst mit bereits leicht durchnässten Klamotten auf die überdachte Haupttribüne.

Nachdem wir nunmehr das gesamte Stadion umrundet haben, können wir uns zumindest sicher sein, dass wir Youssuf Poulsen heute nicht erneut treffen müssen. Die Freude hierüber währt jedoch nicht lange, stattdessen setzt leichter Ärger ein, habe ich doch nur wenige Augenblicke nach Wiederanpfiff glatt das 1:1 verpasst, weil ich mich zu intensiv mit monumentaler Stadionkunst auseinandergesetzt habe. ‚Der nackte Fußballer, der einen Ball älteren Typs tritt‘ (Carl Morgenstern, 1903) ist aber auch wirklich zu schön anzusehen. Bestimmt schöner als das Tor, welches der „Hoollege“ nüchtern wie folgt schildert: „Schuss aus dem Gewusel, irgendwie abgefälscht“. Und wahrlich, später wird Unglücksrabe Christian Grand als Eigentorschütze geführt werden.

Die offizielle Zuschauerzahl wird per Durchsage mit über 300 angegeben, was man durchaus mit einem Schmunzeln quittieren kann. Sind wohl 200 Dauerkarteninhaber und die drei Jungs, mit denen sich das Gesamtkunstwerk die Bananen teilen wollte, nicht gekommen, aber mit in die Wertung eingegangen. Auf dem gewässerten Geläuf gibt Kastrup die letzten Zuckungen von sich. Als nach 60 Minuten ein hervorragend herausgespielter Konter mit perfekt temperiertem Diagonalball zum 1:2 abgeschlossen werden kann, dem Treffer wegen einer Abseitsstellung aber die Anerkennung verwehrt wird, gehen die ersten Köpfe bei den Gästen doch deutlich nach unten. Der auffällige Tobias Hansen überzeugt noch mit einer schönen Volleyabnahme nach Flanke aus dem Halbfeld, aber spätestens nachdem auch der nächste vielversprechende 2 auf 1 Konter verdaddelt ist, sind hier alle Messen gelesen. So kommt der B1908 in den Schlussminuten noch zu zwei verheißungsvollen Gelegenheiten, doch Kastrup-Keeper Gustav Drejer Hansen kann jeweils vereiteln und wenigstens den einen Punkt retten, der aber auch nicht mehr hilft. Kastrup wird die Saison in jedem Falle als 10. und Letzter beenden und muss den bitteren Gang in die Relegation antreten.

Wir hingegen treten den Rückweg nach Allerød an und sind einigermaßen verwundert, hier auf ein leeres Nest zu treffen. Noch sechs Stunden bis zum Anpfiff des Finales und noch immer keine Vorbereitungen für das legendäre Champions-League-Final-BBQ im Gange? Uns bleibt keine andere Wahl und wir machen uns fußläufig auf in Richtung „Pillen“, um in Lillerøds Vorzeigebodega etwas Zeit zu überbrücken. Irgendwann gibt es dann ein dänisches Lebenszeichen und wir kehren nach zwei Runden „Tuborg Grøn“ zurück in unser Domizil, um in der Küche mit anzupacken und dabei zu unterstützen, den wie immer gut gefüllten Bierschuppen zu leeren. Nach und nach trudeln die Gäste ein, um ihre Fußballtrikots zu präsentieren und sich am Grill den Bauch vollzuschlagen. Der Fußballkeller ist um 21.00 Uhr bis auf den letzten Platz ausverkauft, als im „Wanda Metropolitano“ das Finale der Champions League eröffnet wird. Hier unten halten es alle mit dem Liverpool FC, wohl auch die, die heute mit Brøndby-Trikots und Dressen südamerikanischer Supertruppen angerückt sind. Salah trifft nach zwei, Origi nach 87 Minuten – dazwischen gibt es viel Langeweile und Leerlauf zu bestaunen, ehe der Liverpool FC seinen längst verdienten Titel eingefahren hat.

Frauen, Kinder und Familienväter ziehen nach und nach von dannen, zurück bleibt der Darts spielende Bodensatz, der sich weiter anschickt, die Biervorräte im Schuppen zu vernichten. Kurzum: Die Situation ist besäufniserregend und so verwundert es auch nicht, dass irgendwann jemand auf die Spitzenidee kommt, noch einmal in das „Pillen“ zurückzukehren. Ich klinke mich an der Stelle aus, schließlich steht morgen bereits das nächste niveauvolle Highlight auf dem Programm. Und beim „akademischen Ballklub“ wie Mollenmanne in der Kurve hängen, das schickt sich ja nun wirklich nicht… /hvg