693 693 FUDUTOURS International 16.04.21 02:24:35

30.07.2016 Helsingfors IFK – SJK Seinäjoki 1:1 (1:1) / Töölö-Stadion / 3.313 Zs.

Am 29.07.2016 muss mein finnischer Gastgeber seiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Ich entschließe mich dagegen, alleine in Espoo den Blues zu haben und dafür, dem FUDU-Pärchen, welches mittlerweile in Estland angekommen ist, einen Besuch abzustatten. Bei der Buchung der Fähre von Helsinki nach Tallinn begehe ich Landratte einen einigermaßen schweren Denkfehler. In Sorge darüber, seekrank werden zu können, wähle ich aus dem umfangreichen Fährangebot das Schiff aus, welches für die Überfahrt die kürzeste Zeit benötigt, um im Eventualfall nicht lange leiden zu müssen. Nun weist mich der verrückte Tischfinne darauf hin, dass das schnellste Schiff naturgemäß auch das kleinste und somit das für Wind und Wetter anfälligste ist. Mit einem aufbauenden „sometimes it’s like a rollercoaster!“ entlässt er mich in den öffentlichen Nahverkehr, mit dem ich mich auf dem Weg zum Hafen machen will.

Am Bahnhof verläuft die Suche nach einem Ticketautomaten erfolglos, sodass ich in ein Gespräch mit einem wartenden Finnen gehe. Er erklärt mir, in welchem Zugabteil ich auch direkt beim Kontrolleur Tickets käuflich erwerben kann. Wir halten etwas Smalltalk und ich erzähle ihm von meinen Reiseplänen. Als der Zug einrollt, verabschiede ich mich, wende mich an den Schaffner und zahle den Fahrschein mit der MasterCard. Man passt sich eben an. Als ich einige Minuten später das Abteil betrete, winkt der Bahnhoffinne freundlich. Er hat mir einen Platz frei gehalten. Kaum habe ich mich hingesetzt, versorgt er mich mit Informationen. Meine Fähre fährt also vom „Makasiiniterminaali“, die Windgeschwindigkeit beträgt aktuell weniger als 10 km/h – ich muss mir also keine Sorgen über eine Achterbahnfahrt machen – und den Fußweg vom Hauptbahnhof zum Fährterminal hat er mir direkt auch noch herausgesucht und zeigt mir diesen nun auf seinem Handydisplay. In Berlin sei er auch schon einmal gewesen und hätte an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Klar, dass das mein Interesse weckt und nur unwesentlich später habe ich in Erfahrung gebracht, dass ich soeben einen finnischen Tischeishockeynationalspieler kennengelernt habe. Er freut sich, dass ich Interesse am Eishockeysport habe und mich mit ihm austauschen kann. Die Bemerkung meinerseits, ich hätte als Kind immer gerne STIGA gespielt, lässt ihn allerdings nicht in Verzückung geraten. „It’s not a children’s game – Take a look at youtube!“. „Werde ich irgendwann einmal machen“, sage ich, bevor ich mich ein zweites Mal verabschiede und mich auf den Fußweg zur Ablegestelle begebe.

Dort steht bereits die „Linda Line“ zur Abfahrt bereit. Ach du meine Güte, das Ding könnte in genau dieser Größe wahrlich auch als Dampfer über den Tegeler See schippern und vor meinem inneren Auge sehe ich diese Nuckelpinne in der tosenden Ostsee auf- und abwippen. Zum Kotzen, diese Vorstellung. Doch bei totaler Windstille erlebe ich in Folge eine geruhsame Überfahrt nach Estland, wo ich mir direkt nach Ankunft bei strahlendem Sonnenschein ein erstes Bier munden lasse. Vati hat Urlaub – geht wem anders auf’n Saku! Wenig später trifft auch das FUDU-Pärchen zwecks gemeinsamen Sightseeings in der Hauptstadt Estlands ein. In Erinnerung wird diese mit folgenden Begrifflichkeiten verknüpft bleiben: klein, nett, gemütlich, mittelalterlich. Leider haben jedoch die abertausenden Finnen, die tagtäglich übersetzen, um „billig“ einzukaufen (unter anderem finnischen Schnaps. Reimport ist ein Erfolgsmodell dieser kranken Welt!), die Preise in die Höhe getrieben. 3,50 € für ein Bier? 12 € für ein Mittagessen? In Osteuropa? FUDU akzeptiert diese Regeln nicht und verabschiedet sich folgerichtig aus dem Spiel. Preiswerte Pfannkuchen und Dosenbier aus dem Supermarkt werden zur unschlagbaren Alternative und so lässt man den Tag bei feinstem estnischen Eurodance („Banaane!“) im Hotelzimmer ausklingen.

Am nächsten Morgen referiert Hr. Dr. Dr. Hooleisel am Frühstückstisch tiefenpsychologisch geschickt über das Estonia-Fährunglück von 1994 mit mehr als 850 Toten. Kurz darauf halten wir unsere attraktiv bedruckten Fährtickets (Alcohol 10+20, Wine=90, Beer=110) in der Hand und betreten die „Viking Line“, die dann auch endlich so aussieht, wie man sich eine Fähre vorstellt. Während wir erstmals freiwillig Kontakt mit der „110“ aufnehmen, setzt eine etwas skurrile Beschallung mit Eros Ramazzotti Klängen ein und der chinesische Passagier vor uns beginnt zu schunkeln. Die Sonne strahlt auf das Außendeck herab und wärmt unser Lapin Kulta. So fühlt sich also eine Überfahrt durch die italienische Ostsee an. Nur die Dame der Reisegruppe ist nicht gänzlich zufrieden. Die Qualität und Sauberkeit des Damen-WC lassen wieder einmal zu wünschen übrig, woraufhin wir entschließen, irgendwann einmal einen Toilettenreiseführer zu schreiben und zu publizieren. Freuen darf man sich schon jetzt auf die Rubrik: „Marco Poloch empfiehlt“, wobei sich Freunde des einfachen Humors gerne zusätzlich einen eigenen Kalauer unter Verwendung des Begriffs publizieren basteln dürfen.

In Helsinki treffen wir vor dem Stockmann auf unseren Local. Der Weg führt über ein finnisches Spezialitätenrestaurant (chinesischer Art) direkt in den Supermarkt, in welchem man sich zur Freude des Ortskundigen und HJK-Sympathisanten mit HIFK-Koff eindeckt. Uns egal, dass er das nicht mag, denn: Don’t Hassel the Koff!

Im Anschluss begeben wir uns in das Töölö-Stadion, welches offiziell einen Sponsorennamen trägt. Hier empfängt heute am 19. Spieltag der „Idrotts Föreningen Kamraterna i Helsingfors“ (kurz: HIFK) den amtierenden Meister aus Seinäjoki. Dieser scheiterte kürzlich in der Champions League Qualifikation an BATE und rangiert aktuell nur auf einem enttäuschenden 7. Tabellenplatz. Noch schlechter steht es um die Hausherren bestellt, die sich auf dem vorletzten Tabellenplatz der Liga in akuter Abstiegsnot befinden.

Aufgrund der sportlichen Misere sitzt heute mit Anti Muurinen erstmals ein neuer Coach auf der Bank der schwedischsprachigen Hauptstädter. Für die Fans des Vereins wiegt der Trainerwechsel doppelt schwer. Einerseits ist nun ein ehemaliger Trainer des Lokalrivalen HJK verantwortlich für die Geschicke des Teams, andererseits musste mit Jani Honkavaara der Erfolgscoach der letzten Jahre seinen Hut nehmen. Und wenn man als hauptamtlicher Grundschullehrer ein semi-professionelles Team nach 43 Jahren Erstligaabstinenz eben dorthin zurückführt, dann erobert man einige Herzen im Sturm. So gedenken die aktiven Supporter des HIFK heute mit einigen Spruchbändern ihrem ehemaligen Trainer. „Kiitos, Honsu“!

Währenddessen wird die aktuelle Torschützenliste der Wurstliga Veikkausliga auf der Videowand präsentiert. Aktuell führend: Gbolahan Fuad Salami aus Kuopio. Der verrückte Tischfinne kauft sich noch eben schnell ein Bier (ausgepreist mit 7 € – und somit gerade einmal 0,50 € teurer als der Eintritt an sich) und muss dieses noch vor dem Betreten des Stadions leeren. Dann wird das Spiel angepfiffen – und dieses läuft in den ersten 15 Minuten mit gefühlten 80% Ballbesitz für die Gäste ausschließlich in eine Richtung. Durch einen Treffer von Ariel Ngueukam kann die gute Anfangsphase gekrönt werden. Mit der allerersten Offensivaktion, die man aufgrund eines katastrophal ungenauen Abspiels in Strafraumnähe nicht einmal als gänzlich gelungen bezeichnen kann, gelingt den Hausherren durch Salmikivi in der 19. Minute der Ausgleich. Mehrere Radiospots werden während des Spiels in den Orbit gejagt, während sich FUDU die Sonne in die Gesichter scheinen lässt und das etwas surreale Ambiente mustert. Das Stadion befindet sich in direkter Nachbarschaft des großen Olympiastadions (Helsinki 1952), sodass man einige attraktive Blicke auf den Olympiaturm erhaschen kann. Eigentlich handelt es sich jedoch um die Spielstätte des Erzrivalen HJK, welches HIFK in Ermangelung eines eigenen Stadions nutzen muss. Heute bleiben gut 7.500 Sitzschalen verwaist und man macht sich gar nicht erst die Mühe, die unzähligen Logos HJK’s im weiten Rund zu überdecken. Gespielt wird auf Kunstrasen. Ebenso fragwürdig ist, warum ein Verein mit einem blau-weißen Logo in roten Hemden spielt und aussieht wie Manchester United.

Nach dem Ausgleich entwickelt sich ein offenes Spiel mit Gelegenheiten auf beiden Seiten. Nach einem Blick in das Programmheft können wir das Geschehen jedoch leider nicht mehr gänzlich ernst nehmen. Der Spielername Jukka Halme, heute leider verletzungsbedingt nicht im Kader des HIFK, lädt zum heiteren Finnennamenausdenken ein: Jukka Palme, Mussi Hartkakken, Knuspaa Breulaa, Minttu Rinnkypään – und natürlich die beiden „RTL Samstag Nacht“-Skisprungikonen Hunde Anlainen und Ficke Hyäänen. Im Nachklang der Reise wird der Tischfinne trocken via Facebook konstatieren: „Hat alles nichts zu tun mit echt finnisch Name. Außer doppelt Buchstaben!“.

In der zweiten Hälfte verflacht das Niveau des Spiel zusehends. Der Name einer Freizeitmannschaft (BSG Rapide Bergab) wird analog zu dieser Beobachtung in meinem Kopf geboren. Gefühlt bleibt HIFK am Drücker, doch mehrere Schüsse aus der zweiten Reihe können abgeblockt werden, bevor sie ernsthafte Gefahr entwickeln können. Und so geht eine höhepunktarme Partie ohne weitere Treffer zu Ende. Die Heimfans sind zufrieden und feiern den gelungenen Neustart unter neuem Coach mit stehenden Ovationen.

Wir schlendern noch ein wenig durch die Innenstadt Helsinkis und erfreuen uns besonders am Café Neuhaus in der Unioninkatu. Dann setzen wir das FUDU-Pärchen in die Fähre zurück ins Baltikum, in dem der Tschechenbentley auf Abholung wartet. Die beiden zurückgebliebenen brausen schleunigst in die Agglomeration Helsinkis und genießen ein letztes Dosenbier des Tages, ehe man durchgeschüttelt von allen Erlebnissen der letzten beiden Tage in die Federn fällt. Warum sollte ich dort noch groß über mein Leben nachdenken? Mit einem aufbauenden „Sometimes it’s like a rollercoaster!“ entlasse ich mich in die Nacht, noch bevor Fetti den Blues kriegen kann. /hvg