386 386 FUDUTOURS International 04.12.21 17:11:33

22.05.2016 FC Strausberg – BSV Hürtürkel 4:1 (1:0) / Energie Arena an der Wriezener Straße / 112 Zs.

Beflügelt durch den gestrigen und überaus gelungenen Ausflug nach Brandenburg an der Havel sollte die Oberliga heute abermals Ziel meiner „Reise“ werden. Auch am Sonntag hat diese Liga einen Spielort im Angebot, an dem das Komplettpaket aus Fußball, See und Sonne buchbar ist. Pack die Badehose ein, es geht an den Straussee!

Ich kaufe mir sogleich ein Kategorie-C-Anschlussticket und freue mich darüber, dass der Bahnhof Strausberg-Stadt vom Ostkreuz kommend in nur 45 Minuten ohne Umstieg mit der S-Bahn erreicht werden kann. Aber die Berliner S-Bahn wäre nicht die Berliner S-Bahn, wenn es nicht auch auf dieser Strecke gelänge, ein bis zwei Hindernisse einzustreuen. Notarzteinsatz, Polizeieinsatz, Signalstörung, Weichenstörung, Schrankenstörung, gestörte Störungsanzeigen. Irgendetwas fällt den Verantwortlichen ja immer ein, um die Spannung zu erhöhen. So wird der Fahrgast an diesem sonnigen Sonntag zu zwei außerplanmäßigen Umstiegen in Biesdorf und Strausberg Bahnhof genötigt, wodurch sich die Fahrzeit beinahe verdoppelt. Gibt ja bekanntlich keine schönere Zeiteinheit als 90 Minuten…

Das Sonnenbad am See verschiebe ich kurzerhand. Auch nach dem Spiel wird genügend Zeit zum Nichtstun übrig sein. Stattdessen schlendere ich durch die nahezu ausgestorbenen Gassen der Altstadt. Keine Menschenseele außer mir interessiert sich für dieses Unterfangen und das, obwohl Stadtmauer und Stadthaus durchaus etwas Aufmerksamkeit verdient hätten. Schön ist die sympathische Mischung aus liebevoll sanierten Altbauten und komplett verwahrlosten Schandflecken. Ach, ich liebe dieses herrlich morbide im Berliner Umland und erfreue mich immer wieder an heruntergekommenen Häusern und leerstehenden Geschäften, die einem förmlich Geschichten aus den 90er Jahren entgegen schreien, so als hätte damals irgendjemand auf die Pause-Taste gedrückt und die Zeit angehalten. Von einem vollmundig als „Aussichtsplateau“ angekündigten Holzbalkon werfe ich einen ersten Blick auf den Straussee, erspähe eine doch einigermaßen belebte Fähranlegestelle und habe dann nur noch wenige Meter zur Spielstätte des FC Strausberg zurückzulegen.

Das Umfeld des Stadions eignet sich hervorragend für Drittortauseinandersetzungen. Ein unübersichtliches Waldstück, leerstehende Restaurants und brachliegende Veranstaltungsräume mit eingeschmissenen Scheiben lassen das Herz des gemeinen Hooligan höher schlagen. Wenn da doch bloß die Polizeiwache nicht wäre, die sich in nur 50 Metern Entfernung genau gegenüber des Stadions befindet. Schade.

Während sich das wunderbare Stadion in Brandenburg an der Havel ganz bescheiden „Sportplatz“ schimpfte, lautet das Motto des FC Strausberg offenbar eher „Think Big!“ und so führt die Spielstätte den Titel „Arena“. Es scheint keine Regularien zu geben, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um seinen Sportplatz Stadion oder sein Stadion Arena nennen zu dürfen. Was ist bloß aus unserem anständigen Deutschland geworden? Darf denn jetzt hier jeder machen, was er will? Danke, Merkel!

Die „Arena“ in Strausberg ist jedenfalls genaugenommen lediglich ein Rasenplatz mit unheimlich viel Freifläche drumherum. Drei Seiten sind unausgebaut und spielend leicht wäre es möglich, aus den angrenzenden Grünflächen den Hausherren ohne Bezahlung beim Abstiegskampf zuzusehen. Um die einzig ausgebaute Seite „Tribüne“ zu nennen, bedarf es ebenfalls eines Euphemismus. Die wenigen blauen Sitzschalen, die auf einigen Fotos im Internet zu sehen sind, sind bereits wieder demontiert. Es gibt nur noch zehn Stufen, fünf Reihen Holzbänke und eine kleine Liegewiese, auf der ich es mir bequem mache, mir die Sonne auf den Bauch scheinen lasse und mein Stadionbier und meine Stadionwurst verzehre.

Einst wurde der FCS ein wenig bekannter, als der „Hauptstadclub“, der seine 75.000 Mann Schüssel häufig mit nur 35.000 Hanseln füllen kann, auf die großartige Idee kam, Menschen aus Brandenburg in Scharen einzufangen und in das Olympiastadion zu karren. Im Zuge dieses Projektes wurde auch die Stadt Strausberg zur Partnerstadt von Hertha BSC erklärt, doch heutzutage finden sich im Stadion und Stadionumfeld hiervon keinerlei Spuren mehr. Alles in allem ist also alles angerichtet für einen gelungenen Fußballnachmittag.

Die meisten Zuschauer haben sich kurz vor Anpfiff der Partie weder auf den Stufen, noch auf den Bänken oder der Wiese platziert, sondern stehen oberhalb der Ausbauten an einer Reling. Der Trommler trägt ein Carl-Zeiss-Jena-Trikot, der Stiernacken vor mir ein Eisbären-Tattoo. Neben mir positionieren sich zehn Unentwegte mit einer Fahne, die hier wohl den aktiven Teil der Fanszene repräsentieren. Vorbei an der Wasserrutsche der angrenzenden Schwimmhalle betreten die Akteure das Feld. Und wenn man schon in einer „Arena“ spielt, dann darf ein Kamerateam natürlich genauso wenig fehlen wie ein offizieller Spielball, der auch in Strausberg auf einem Podest liegt und von irgendeiner Firma mit Weltruf präsentiert wird. Wahlweise Bäckerei Mehlwurm, Metzgermeister Schnitzelbaum, Hörgeräteakustiker Wiebitte – oder ein Friseur mit einem kreativen Namen.

Das Spiel beginnt. Es spielt der Drittletzte der Tabelle gegen das abgeschlagene Schlusslicht vom BSV Hürtürkel, der unlängst im Berlin-Pokal am legendären SC Borsigwalde gescheitert war. Bei zwei Absteigern und nur noch drei zu spielenden Partien ist ein Sieg für die Gastgeber heute Pflicht, um sich bei fünf Punkten Vorsprung beinahe sämtlicher Sorgen am unteren Tabellenende zu entledigen. Und so legt man auch los wie die sprichwörtliche Feuerwehr und hat nach sechs Spielminuten bereits drei 100%ige Torchancen liegen gelassen. Nach zwanzig Spielminuten stehen auf meinem Notizblock fünf Großchancen und ein Lattenschuss zu Buche. Nach 25 Minuten bricht Ondrej Brusch endlich den Bann und bringt den FCS in Führung. Der darauf einsetzende Torjingle bringt mich zum Schmunzeln, weil ich unweigerlich an Homer Simpson beim Floating denken muss. Folgende Serviceleistug kann ich anbieten: https://www.youtube.com/watch?v=MR-5s3Svrw8.

In der zweiten Halbzeit gleicht der BSV Hürtürkel mit dem ersten Schuss auf das Tor aus. Vorher hätte es auch keinen Schuss geben können, da man sich nie mit Ball am Fuß in des Gegners Hälfte befand. Jetzt aber scheppert Sercan Rohn nach Pass von Jesucristo (!) Kote López aus 30 Metern einen in den Winkel und die vielzitierte Binsenweisheit von ausgelassenen Chancen und folgender Bestrafung macht die Runde. Insgesamt ist der BSV aber dermaßen hoffnungslos unterlegen, dass er die nun immer wütender werdenden Angriffe der Hausherren nicht verteidigen kann. Mein absoluter Liebling Ringo Kretzschmar hat dann auch nur 10 Minuten nach dem Ausgleich die Führung wieder hergestellt. Am Ende schraubt der FCS das Ergebnis in die Höhe und gewinnt verdientermaßen mit 4:1. Der Stadionsprecher verliest noch die offizielle Zuschauerzahl für „Presse, Funk und Fernsehen“, während die angesprochenen 122 zahlenden Zuschauer bereits die Anlage verlassen.

Nach dem Spiel zieht es mich noch einmal zurück zum Straussee. Hierfür passiere ich den „Kulturpark“ der Stadt Strausberg, wobei der kulturelle Teil heute in Form einer Hüpfburg bedient wird. Nun ja. Einige Meter weiter folgt der Strand, an dem sich unheimlich viele tätowierte Mandys mit ihren Tunnel-Ronnys ihre Beck’s Green Lemon munden lassen. Ich lege mich dazwischen, schalte die Brandenburger Elite dank Kopfhörer und den Libertines aus und genieße wohl vorerst letztmals das gute Wetter. Am kommenden Wochenende wird es in Dänemark wohl leider keine Sonne geben – und glücklicherweise auch keine S-Bahn! /hvg