589 589 FUDUTOURS International 05.12.22 13:33:23

21.05.2016 Brandenburger SC Süd 05 – SV Victoria Seelow 3:2 (0:1) / Werner-Seelenbinder-Sportplatz / 201 Zs.

Wenn irgendwelche Brandenburger Umlandaffen ihre Dortmund- und Bayerntrikots aus den Schränken hervorkramen, sich als Fußballfan verkleiden und in der Berliner Innenstadt herumnerven, dann kann man sich eines gewiss sein: Es ist wieder DFB-Pokal-Finale! So auch an diesem wunderbaren 21.05.2016. Grund genug für mich und den Hoollegen, Reißaus zu nehmen und bei angenehmen 24 Grad dem Fußballsport an der Basis zu frönen. Heute führt uns unser Weg in die NOFV-Oberliga-Nord, in welcher im pittoresken Brandenburg an der Havel am 28. Spieltag noch um Punkte gekämpft wird.

Dank der Bahncard25 im Portemonnaie verlassen für den Tagesausflug lediglich 10,40 € selbiges. Auch das mit wertvoller Lebenszeit gefüllte Konto wird nicht übermäßig belastet. Nur 58 Minuten dauert die Fahrt mit der Regionalbahn und schon begibt sich FUDU auf die Suche nach den verheerenden Brandschäden in der Altstadt Brandenburgs, die bei einem Großbrand am 15.05. entstanden sein müssten. Doch offenbar sind in Brandenburg besonders schnelle Restauratoren tätig oder die geschädigten Häuser wurden innerhalb einer Woche niedergerissen und in der Havel versenkt. Wir jedenfalls können keine Schäden in der durchaus attraktiven Altstadt feststellen und genießen bei strahlendem Sonnenschein die Sehenswürdigkeiten der kreisfreien Stadt mit 71.000 Einwohnern: Steintorturm, Promenade entlang der Havel, Kloster St. Johannis, altstädtisches Rathaus, Roland, Dom St. Peter und Paul. Und selbstredend findet sich auch eine Hommage an den wohl bekanntesten Ehrenbürger Brandenburgs, Vicco von Bülow, im Stadtbild wieder.

Obwohl uns in der gesamten Stadt ansprechende Werbeplakate in die letzten florierenden Großraumdiscotheken der Umgebung locken wollen („Brandenburg tanzt!“, „Venga Venga“!), ziehen wir es vor, einen Abstecher zum Beetzsee zu unternehmen. Dort können wir die Sportanlage am Grillendamm begutachten, einen kurzen Einblick in ein Junioren-Hockeyturnier gewinnen und anschließend am nahegelegenen Strand etwas Urlaubsflair simulieren. Sehr angenehm.

Im Anschluss erreichen wir den Werner-Seelenbinder-Sportplatz zu Fuß und das, obwohl in Brandenburg an der Havel nach wie vor einige Straßenbahnlinien unterhalten werden. Wir stellen zu unserer Verwundung fest, dass Brandenburg Süd im Norden der Stadt zu Hause ist und treffen kurz darauf im Stadionlokal auf einen uns bekannten Unioner mit schicker Plastiktüte, der offenbar aus Seelow stammend heute die Victoria unterstützen wird. Darüber hinaus machen wir Bekanntschaft mit einem etwas verbitterten Alt-Brandenburger, der uns sein Herz ausschüttet. Seine Frau ist krank, heute ist Brunch im Altersheim, er flieht lieber zum Fußball. Aber auch das macht ihm eigentlich keinen Spaß mehr, weil er einst für Motor Brandenburg die Knochen hinhielt und dafür heute niemand mehr Dankbarkeit zeigt. Keiner kennt ihn. Eintritt zahlt er aus Protest nicht, stattdessen lässt er „seinem“ Ordner immer ein paar Taler schwarz zukommen, um dem Verein eins auszuwischen. Abschließend zitiert er Wilhelm Busch: „Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut!“. Wunderbar.

Beschwingt durch diese positiven Energieströme (und dadurch, dass sich die Dame am Tresen bei Bier- und Gyrosbestellung in Verrechnung mit den abgegebenen Pfandbechern zu unseren Gunsten irrt und die Preisschraube in eine angenehme Richtung dreht) betreten wir den Sportplatz, der sich getrost „Stadion“ nennen dürfte. Eine wirklich hübsche Anlage mit einer überdachten Haupttribüne und einigen Stehplatzstufen hinter den Toren und auf der Längsseite. Einzig und allein die asymmetrische Pappelbepflanzung hinter der Gegengeraden führt zu deutlichen Abzügen in der B-Note. Wir nehmen auf der Haupttribüne Platz, trinken Berliner Kindl und lassen uns die Sonne auf den Wanst scheinen.

Beide Teams haben zwei Spieltage vor Ende der Serie den Klassenerhalt bereits im Sack und lassen in der ersten Halbzeit mit Schönwetterfußball die Saison ausklingen. Besonders der 17er der Gäste, Anastasios Alexandropoulos, sticht mit seinem feinen Fuß, aber ebenso mit seiner Körpersprache besonders hervor. Hier wird kein Meter mehr gemacht als nötig! Wahrlich, viele Akteure würden jetzt wohl auch lieber am Beetzsee liegen…
Nach 25 Minuten gehen die Gäste aus Seelow in Führung. Eine Viertelstunde später gelingt es ihnen nicht, diese per Strafstoß in die Höhe zu schrauben und schon geht eine ereignisarme erste Spielhälfte zu Ende.
In der zweiten Hälfte wechseln wir mit einem neuen Bier auf die Gegengerade. Am Spiel ändert sich zunächst nichts grundlegendes, ehe Brandenburgs Kapitän Görisch urplötzlich aus der Distanz abzieht und nach einer guten Stunde den Spielstand mit diesem satten Fernschuss egalisieren kann. Nun drücken die Hausherren ordentlich auf die Tube und erzwingen nur wenige Minuten später einen Foulelfmeter, den abermals Görisch zur umjubelten Führung verwerten kann. Wie im Anschluss des ersten Treffers gibt es erneut technische Probleme beim Abspielen der Torhymne, doch Brandenburgs Stadionsprecher gibt sich keinerlei Blöße und lässt sein geschrienes „Süd“ erklingen, welches vom Publikum frenetisch mit „Feuer!“ beantwortet wird.

Der Conny-Wieland-Moment (1): Conny Wieland war einst Nationaltorhüter der DDR-Juniorenauswahl. Vom 7.12.1996 bis zum 18.05.1997 stand er beim glorreichen 1.FC Union Berlin unter Vertrag. In dieser Zeit absolvierte er drei Spiele und kann sich daher getrost „Union-Legende“ schimpfen. Bis vor wenigen Jahren hütete er bei Brandenburg Süd das Tor und noch heute wird er 40-jährig als Ersatztorwart auf dem Spielberichtsbogen geführt. Schon immer galt er als etwas trainingsfaul, gegenwärtig spricht seine Statur dafür, dass er womöglich auch dem einen oder anderen Bier und gutem Essen nicht in Gänze abgeneigt ist. Damals jubelte der Hoollege ihm von den alten, schiefen Traversen des Stadions an der Alten Försterei zu. Nun fliegt ein Ball in das Gebüsch hinter der Gegengerade des Werner-Seelenbinder-Sportplatzes. In Ermangelung von Balljungen macht sich Conny Wieland auf den Weg, doch der Hoollege ist schneller, schnappt sich den Ball aus dem Grün und wirft ihm Conny in die Hände. Conny fängt gewohnt sicher, die beiden schauen sich tief in die Augen.

In den letzten sechs Minuten des Spiels fallen noch zwei Tore. Zunächst schnürt Kapitän Görisch seinen Dreierpack und setzt dem Spiel den Deckel auf. Die tapfer kämpfenden Gäste kommen noch zum Anschlusstreffer. Die Entstehung ist erwähnenswert, weil Seelows Angreifer im Strafraum klar getreten wird, er aber nicht fällt, um einen Elfmeter zu schinden. Leider geben Schiedsrichter jedoch häufig nur dann Elfmeter, wenn man eben selbiges tut. So läuft das Spiel weiter, doch man kann es wohl Gerechtigkeit nennen, wenn aus der folgenden Flanke ein Kopfballtreffer resultiert. Dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab und Brandenburgs Stadionsprecher bejubelt beinahe ekstatisch den 3:1 (sic!) Heimsieg der Hausherren.

Der Conny-Wieland-Moment (2): Nach dem Spiel versammeln sich viele Stadionbesucher abermals im Vereinsheim, in dem heute Abend das Pokalfinalspiel übertragen werden wird. Conny Wieland kauft sich etwas zu essen. Zufällig kreuzen sich noch einmal unsere Wege, als Conny in seinen SUV steigt, um das Stadiongelände zu verlassen. Ein Dialog für die Ewigkeit entsteht: „Du bist Conny Wieland!“, sagt der Hoollege. „Ja!“, antwortet Conny trocken und düst mit nun wieder heruntergekurbelten Scheiben in die Nachmittagssonne. Es knistert. So hat sich mit 14 die Vorstellung angefühlt, ein Mal mit Blümchen zu knutschen.

Auf der Suche nach etwas essbarem und einem über den Fangzaun geschossenen Ball stromern wir noch einmal um das Stadion herum. Ein Lidl ist schnell gefunden und die Taschen für den restlichen Aufenthalt in Brandenburg und für die Rückfahrt werden gefüllt. Ohne Macheten ausgestattet schlagen wir uns anschließend in die Botanik, um der Nahrungs- und Getränkeaufnahme noch eine spielerische Komponente hinzuzufügen, geben jedoch nach einiger Zeit entnervt auf. Kein Ball für FUDU! Wie sich etwas später herausstellen wird, haben wir schlicht und ergreifend an einer vollkommen falschen Stelle gesucht. Reine Spekulation, ob eher die stetige Sonneneinstrahlung oder doch die kontinuierliche Kindlaufnahme zu dieser Orientierungslosigkeit führte.

Wir jedenfalls kehren noch einmal an den Beetzsee zurück und verlängern unseren Aufenthalt in Brandenburg außerplanmäßig. Noch immer ist es angenehm warm und sonnig und so entschließen wir uns für ein grundsolides Nickerchen am Strand. Als ich aufwache, nehme ich zunächst wohlwollend zur Kenntnis, dass sich eine attraktive junge Dame soeben barbusig in die Fluten begibt. Gutes Timing! Dann checke ich die Endergebnisse anderer Spiele auf dem Smartphone.

„Sand am Arsch!“, sage ich. „Ich auch“, antwortet der Hoollege. Einstudierte Flachsrakete – gemeint war allerdings der Pokaltriumph der Frauen des VfL Wolfsburg gegen den SC Sand. Aber wer, außer Brandenburger Umlandaffen, interessiert sich schon für den DFB-Pokal… /hvg