583 583 FUDUTOURS International 21.02.20 04:54:04

06.09.2015 BSV Hürtürkel 1980 – SC Borsigwalde 1910 1:2 (1:0) / Sportanlage Hertzberplatz / 40 Zs.

Berlin-Pokal, 1. Runde. Mein Heimatverein darf als frischgebackener Bezirksligist beim BSV Hürtürkel vorstellig werden. Der BSV startet in dieser Saison bereits in seine dritte Oberligasaison in Folge und spielt somit um genau vier Klassen höher als die gerade eben aufgestiegenen Borsigwalder. Das Spiel findet auf dem „Hertzbergplatz“ statt, welcher auch in dieser Saison Heimspielstätte des BSV Hürtürkel ist, aber von FUDU bislang nicht gekreuzt wurde. Auf der Hopping-Mission, die NOFV Oberliga Nord irgendwann einmal zu komplettieren, gelingt es so neben meinem Vater auch den „Hoollegen“ für diesen Tagesausflug zu akquirieren.

Der Sportplatz befindet sich in der Sonnenallee und ist somit lediglich vier S-Bahn-Stationen von meinem zu Hause entfernt. Trotzdem kann man es als Prokrastinationsweltmeister natürlich locker schaffen, diese Teufelsetappe auf die lange Bank zu schieben und nicht anzugehen. Nun zeigt sich im Gewirr des Berliner Nahverkehrs recht schnell, dass man diese Reise keineswegs auf die leichte Schulter nehmen darf. Etwas unbedarft in die falsche S-Bahn eingestiegen und schon ist man versehentlich im Plänterwald angekommen. Kann schon man passieren, wenn man sonst so selten in Richtung Westen fährt. Aber geschenkt…

Mein Vater muss so leider etwas länger als geplant an der Sonnenallee ausharren, bis die beiden FUDU-Trottel den Weg endlich gefunden haben. Zu Fuß sind die 750 Meter zum Sportplatz aber schnell genug zurückgelegt, um rechtzeitig vor dem Anpfiff seine Plätze einzunehmen und einen ersten Rundumblick in die bisher unbekannte Oberliga-Spielstätte zu werfen: Man nehme einen Naturrasenplatz, baue an eine der beiden Längsseiten fünf Stufen – fertig ist in Berlin das, was sich Oberliga-Stadion nennt. Sicherlich ganz witzig, wenn hier auf der 2500 Zuschauer fassenden Anlage Tennis Borussia oder Hansa Rostock II gastiert, doch heute kommt nicht mehr auf als Sportplatzflair.

Am Ende des Spiels werden sich etwa 40 Menschen auf der Anlage befinden, wobei die Nummerierung unserer Eintrittskarten (001 bis 003), die wir gut 5 Minuten vor Anpfiff erworben haben, darauf hindeutet, dass heute womöglich nicht all zu viele Menschen, die es mit dem Gastgeber halten, Eintritt bezahlen müssen. Dennoch ist die Karte ihre 3,00 € locker wert, befindet sich sogar ein Logo des Gastvereins auf ihr.

Die Imbisshütte auf dem „Hertzbergplatz“ ist ganz offensichtlich verpachtet und hat mit dem gastgebenden Verein so rein gar nichts zu tun. Das Angebot reicht von Bier bis zu Variationen vom Schwein und ist somit nicht ganz genau auf die türkischstämmige Zielgruppe zugeschnitten, aber immerhin werden gleich drei von 40 Zuschauern auf ihre Kosten kommen. Damit das Neuköllner Original hinter dem Tresen wenigstens nicht gänzlich leer ausgeht, machen wenigstens wir ihr unsere Aufwartung und bestellen Kindl und zweierlei Wurst (eine Bocki, zwei Bratwurst).

Die Frau hinter dem Tresen ist überrascht, dass die Ordner im Hintergrund eine im Ligaalltag übliche Absperrung vornehmen, was sie dazu veranlasst, das Glasflaschenbier in Plastikbecher umzufüllen, so wie sie es dank NOFV-Auflagen in der Oberliga auch tun muss. Also doch großer Fußball! Der Hoollege beschwert sich alsbald, dass es ein ungeschriebenes Gesetz sei, dass zu einer Wurst immer eine dreieckige Scheibe Toast gereicht werden müsse und prangert die brotlose Kunst der Cateringdame an.

Dann kann das Spiel beginnen, von dem sich nur der Vater des Autors und ausgewiesener Borsigwaldekenner Spannung erhofft. Der Rest der Reisegruppe geht von einem deutlichen Sieg des Oberligisten aus und ist gleichzeitig froh darüber, dass nach und nach Sonnenstrahlen den morgendlichen Dauerregen ablösen.

Schnell wird klar, dass der BSV hier und heute kein leichtes Spiel haben wird. Die Borsigwalder sind gut organisiert und schließen dank einer sehr hohen Laufbereitschaft jede sich öffnende Lücke und ersticken den Spielaufbau des uninspirierten Oberligisten im Keim. Nur wenige Chancen werden zugelassen, die wiederum bravourös vom Schlussmann vereitelt werden können. Gleichzeitig nimmt der SCB aber auch am Spiel teil und lässt den Ball teilweise gefällig laufen und erspielt sich seinerseits ebenfalls Abschlussgelegenheiten. Durch einen direkten Freistoß von Kucak in die Torwartecke (36. Minute) kann der Favorit etwas schmeichelhaft in Führung gehen und alles scheint nun seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Erst jetzt geben sich die Spieler des BSV lautstark Kommandos, zuvor war es in Reihen des BSV erschreckend ruhig geblieben. Vielleicht hatten sich die Spieler als Reaktion auf die schwachen sportlichen Auftritte der jüngeren Vergangenheit (Drei Niederlagen in den ersten drei Saisonspielen gegen Wismar, Fürstenwalde und den BSC Süd) aber auch erst einmal zur Ruhe ermahnt…

In der zweiten Halbzeit nehmen es die Favoriten dann etwas zu locker mit den Freizeitfußballern aus Borsigwalde, die immer besser ins Spiel kommen. Überraschend ist, dass konditionell offenbar dermaßen viele Körner vorhanden sind, dass zu keiner Sekunde des Spiels ein deutlicher Abfall der Laufbereitschaft zu konstatieren ist. Sensationell.

Die erste Chance, die sich dann eher zufällig auftut, nutzt der SCB in Person von Pierre Henkel mit etwas Glück, aber viel Geschick, zum 1:1 in der 50. Minute. Der Siegtreffer fällt 25 Minuten später durch Milewski. Und während die Führung Hürtürkels einem Torwartfehler geschuldet war und der Schütze des Ausgleichstores etwas mit dem Glück im Bunde war, ist dann der dritte Treffer wahrlich ein blitzsauber heraus gespieltes Tor mit einem wunderbaren Linksschuss an den Innenpfosten als krönender Abschluss.

Die restliche Viertelstunde bekommt der SCB gut verteidigend über die Zeit, wechselt die beiden einzig verfügbaren Auswechselspieler ein und zieht auch mit dieser dünnen Personaldecke letztlich verdient in die nächste Runde ein. Auf den BSV Hürtürkel werden in der Oberliga wohl schwere Zeiten zukommen. „Riesenjubel bei allen Borsigwaldern und den drei Fans, die den weiten Weg zur Sonnenallee gefunden hatten“, schreibt die offizielle Website des SCB tags darauf und auch auf der Titelseite der „Fußball-Woche“ vom Montag werden die Feierabendfußballer aus Borsigwalde gebührend gefeiert. /hvg