167 167 FUDUTOURS International 04.06.20 08:51:17

14.11.2015 SV Lichtenberg 47 – Tennis Borussia Berlin 2:0 (0:0) / Hans-Zoschke-Stadion / 673 Zs.

Soeben ist das Länderspiel Frankreich gegen Deutschland zu Ende gegangen. Inmitten des Spiels hat es eine deutlich vernehmbare Detonation gegeben. Mittlerweile ist durchgesickert, dass es sich um einen Terroranschlag gehandelt hat, der ursprünglich nicht in der Nähe, sondern im „Stade de France“ durchgeführt werden sollte. Weitere Anschläge erschüttern derweil Paris und finden ihre Opfer im Theater „Bataclan“ und an vier anderen Orten im 10. und 11. Arrondissement. Ich sitze bis tief in die Nacht vor dem Fernseher und verfolge die aktuellen Nachrichten aus der französischen Hauptstadt. Dabei ärgere ich mich ein wenig darüber, dass es permanent Liveschalten zu Experten gibt, die auch noch nicht mehr wissen, als jeder andere auch. Immer und immer wieder werden Gerüchte verbreitet, von eventuellen neuen Anschlagsorten berichtet und Opferzahlen taxiert, ohne zu vergessen, dabei zu betonen, dass dies alles noch keine gesicherten Informationen seien. Nichts genaues weiß man nicht, aber man kann bekanntlich nie früh genug damit beginnen, Ängste zu schüren. Auch Deutschland könnte irgendwann natürlich einmal potentielles Anschlagsziel sein. Die gewagte Querverbindung von islamistischen Terroranschlägen zum Fußballsport im Allgemeinen führt dazu, dass auch Herr Rauball zu den Geschehnissen der vergangenen Stunden befragt wird. Dieser lässt es sich dann auch nicht nehmen, zu erwähnen, dass im Fußball nie wieder irgendetwas so sein wird, wie es einmal war und ebnet so bereits den Weg für neue überbordende Sicherheitsmaßnahmen, Kontrollen und verschärfte Überwachungsmethoden.

Die nie gestellte Frage, ob ich jemals wieder ein Fußballstadion betreten werde, beantwortet mein Vater am nächsten Morgen, indem er mich fragt, ob ich ihn zu einem Spiel im Berliner Pokal zwischen Lichtenberg 47 und Tennis Borussia Berlin begleiten will. Ja, ich will.

Am Kassenhäuschen bestellt mein Vater für jeweils 5 € ermäßigte Eintrittskarten und nennt doppelt lügend „Rentner“ und „Student“ als Grund. Da nur ich nach einem Nachweis gefragt werde, gehe ich davon aus, dass ich mittlerweile für einen gewöhnlichen Studenten zu alt aussehe, worüber sich mein Vater köstlich amüsiert. Aber nur so lange, bis ich ihn darauf hinweise, dass er offenbar alt genug aussieht, um ihm die Rentnernummer ohne Ausweispapier abzukaufen. Ein norddeutscher Ordner stimmt in unseren Humorkanon mit ein und verkauft uns ein hübsches Stadionheft für einen Euro.

Da die legendäre Imbissbude an der Ecke Normannen-/Ruschestraße, in der schon so manche Turmspringschlacht von FUDU aufmerksam verfolgt wurde, im Vorfeld der Partie leider geschlossen bleibt, ist unser Imbisshunger und Bierdurst bislang nicht gestillt worden. Da der hierfür eingerechnete Zeitfaktor in Form von 45 Minuten so auf die Habenseite gewandert ist, verbleibt nun genügend Zeit, anstatt dessen in das Vereinscasino der 47er einzukehren, wobei angesichts der winterlich kalten Temperaturen auch ein gewisser Bedarf an Wärme nicht zu leugnen ist. Dort überzeugt das von Halil Savran unterschriebene Trikot hinter Glas, eine Ehrenwand ehemaliger Lichtenberger Spieler, die es in den Profibereich geschafft haben, das Publikum und die Preise. Das sensationell schöne „Zoschke“ verfügt also auch über eine wunderbare Gaststätte – ein weiterer Grund, immer mal wieder auf einen Besuch vorbeizukommen!

Als wir das Stadion dann erneut betreten, passieren wir einen kleinen Fanshop der Lichtenberger, der durch sein Sortiment und seine charmante Preisgestaltung überzeugt (Preise enden jeweils auf 47 Cent). Robert Jaspert fachsimpelt mit dem gleichen adrett gekleideten Begleiter wie neulich in Zehlendorf (Nachtigall, ick hör dir trapsen…), wird aber im Verlauf der Partie vom TeBe-Haufen auf der Gegengeraden nicht homophob beleidigt. Schön, dass die sich auch mal zusammenreißen können.

Vor dem Anpfiff gibt es eine Schweigeminute für die Opfer der gestrigen Attentate. Nach dem Anpfiff gibt es im gut gefüllten „Zoschke“ immer mal wieder Anfeuerungen für die Gäste, wobei der Block politisch korrekt mit französischen Nationalflaggen geschmückt ist und der allseits beliebter Charlottenburger Schlachtruf „Lila-Weiße“ von meinem Vater um „Westberliner Scheiße“ ergänzt wird. Ach ja, Erziehung und Sozialisation sind schon unbezahlbare Werte. Knapp 150 Borussen haben sich heute auf den Weg nach Lichtenberg gemacht und ein rot-weißes Flatterband sorgt für die immens wichtige Fantrennung. Der lauteste im Rund ist jedoch mit weitem Abstand Daniel Volbert, Trainer der Charlottenburger, der cholerisch alles und jeden lautstark zusammenscheißt.

Das Spiel zwischen den beiden Oberligisten findet hart umkämpft zwischen den Strafräumen statt. Ich erfreue mich darüber, dass in den Reihen Lichtenbergs mit Reiniger und Mayoungou zwei ehemalige Unioner agieren und auch Tennis Borussia hat in Onur Yesilli einen ehemaligen Schützling der Zweeten in der Startelf, wenn auch noch ohne Namen auf dem Trikot. Ansonsten bietet die Partie nicht viel mehr Gründe zur Freude. TeBe hat mehr Ballbesitz, kann hiermit aber rein gar nichts anfangen. Lichtenberg riegelt den eigenen Strafraum ab, kommt aber seinerseits ebenfalls nur sporadisch mit Ball am Fuß in die Nähe des gegnerischen Strafraums. Bereits nach 20 Minuten richten wir uns so gedanklich auf eine Verlängerung ein und konsumieren den ersten Stadionglühwein des Jahres.

Nachdem wir in der ersten Halbzeit sitzend auf der Haupttribüne gefroren hatten, wechseln wir im zweiten Spielabschnitt auf die Stehtribüne. Dort ist es aufgrund der Bewegungsfreiheit wesentlich wärmer, außerdem stehen wir dem TeBe-Tor näher, in welches wir den Ball gerne einschlagen sehen würden. Aufgewertet wird der Stehplatz durch die gute Nachbarschaft (Rocco Teichmann, Steffen Baumgart) und durch den überragenden Spielverlauf. Für eine Dauer von 10 Minuten lösen beide Mannschaften urplötzlich die Fesseln und kommen jeweils zu Großchancen. Einen Schuss von TeBe kratzen die Lichtenberger von der Linie. TeBe hat hingegen Glück, dass Lichtenbergs Brechler eine 1:1 Situation gegen den Torwart nicht erfolgreich bewältigen kann. Danach ergibt sich wieder das gleiche Bild wie in der ersten Halbzeit, doch in der 93. Minute schlägt die große Stunde der Heimmannschaft: Brechler kann einen an die Latte geköpften Ball im Nachschuss verwerten, woraufhin alle Lichtenberger Ersatzspieler und Betreuer auf den Platz stürmen und eine überdimensional große Jubeltraube bilden. Auch der Fotograf kennt kein Halten mehr, klettert von den Traversen auf den Rasen und muss alles aus nächster Nähe dokumentieren. In der letzten Minute der Nachspielzeit gelingt Daniel Wahl (96. Minute) durch einen Konter und einen strammen Schuss ins linke Eck gar das 2:0, womit Lichtenberg verdient in das Achtelfinale des Paul-Rusch-Pokals einzieht.

Die Jubelorgie verstummt nach wenigen Sekunden. Es ist kalt und die Menschen verlassen das Stadion trotz der emotionalen Schlussphase in Scharen. Da die Polizei die verordnete Fantrennung nach wie vor sehr Ernst meint, dürfen wir den Ausgang Normannenstraße nicht offiziell nutzen, sondern müssen wir uns unter dem Flatterband hindurch bücken, als gerade niemand hinschaut, um dann doch gemeinsam mit den TeBe-Fans aus dem Stadion zu entweichen. Wirklich nichts ist mehr so, wie es früher einmal war. Und sicher ist bekanntlich sicher. /hvg