376 376 FUDUTOURS International 02.02.23 09:03:17

21.11.2015 Roda JC Kerkrade – PEC Zwolle 0:5 (0:2) / Parkstad Limburg Stadion / 14.378 Zs.

Es ist früh am Samstag. Der Wirtschaftsflüchtling riecht nach Schnapsbrennerei und torkelt mir am Bochumer Hauptbahnhof entgegen. Ich bin abermals überrascht, dass der Italiener ausgerechnet immer dann pünktlich ist, wenn er keinen Kontakt mit einem Bett und/oder Wasser hatte. Weniger pünktlich ist abermals die Deutsche Bahn, deren Regionalbahn von Bochum nach Aachen Rothe Erde dermaßen viel Verspätung sammelt, dass wir den Anschlussbus nach Kerkrade verpassen und spontan entscheiden werden, erst einmal bis zum Aachener Hauptbahnhof zu fahren.

Dort betreten wir zur besten Frühstückszeit eine Eckkneipe und sind innerhalb weniger Sekunden bei dem ersten Kölsch des Tages davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Schnell führt der sympathische Wirt all seine Gäste am Nasenring durch die Arena und betet uns die bedauerlichen Biographien seiner Stammkunden vor. Da auch wir, immerhin zum Frühstück Bier trinkend, die eine oder andere Frauengeschichte ohne Happy End zum melancholischen Singsang beizutragen haben, schließen wir schnell Freundschaften. Am Pissoir entwickelt sich dann auch ein Dialog, der sich gewaschen hat: „Wie lange biste denn schon hier in der Kneipe?“, frage ich meinen Nebenmann. „Ach, seit wann kenn ich de Jupp? Wann war isch dat erste Mal im Knast jewesen? Dreißisch Jahr muss dat her sein!“ – „Oh, im Knast? Was haste gemacht?“ – „Jung, isch hab Illusionen verkauft!“ – „Ach, du bist ein Magier?“

Gelächter. Noch ein Kölsch.

Am Ende verlassen wir die Kneipe aus Versehen nicht durch die Tür, sondern durch die Fensterfront und verpassen beinahe unseren Zug, der uns über (Willy) Landgraaf nach Kerkrade führen soll. Ab Landgraaf steigt der Altersdurchschnitt im Zug auf ca. 75 und wir stellen uns mental auf Rentnerschwemme in einer etwas überalterten niederländischen Stadt ein.

Als wir unsere Pension in Kerkrade betreten, sind wir dennoch ein wenig überrascht, dass uns ein Rentnerehepaar mit Kaffee und Kuchen empfängt. Der freundliche alte Herr fragt uns, ob wir heute auch wegen des Konzerts von „Golden Earring“ in der Stadt seien. Wir verneinen dies und offenbaren, dass wir noch nie in unserem Leben etwas von „Golden Earring“ gehört hätten. Den alten Leuten schlafen die Gesichtszüge ein. Und das schon, bevor wir erklären, dass wir wegen eines Fußballspiels und des Genusses alkoholischer Getränke vor Ort sind. Die etwas weniger offene ältere Dame reagiert blitzschnell und erklärt uns die Hausregeln. In Erinnerung geblieben sind mir die Worte: Nicht. Nicht. Nicht. Nicht. Nicht. Und leise sein.

Der Wirtschaftsflüchtling sagt, dass Südländer nicht bei unter 30 Grad Zimmertemperatur schlafen können würden und dreht die Heizung unseres Kämmerchens auf Stufe 100. Schnell recherchieren wir, wer oder was „Golden Earring“ sind. Eine holländische Rockband. Jetzt schlafen mir die Gesichtszüge ein. Sensationell. Im Anschluss seiner Dusche wird der Wirtschaftsflüchtling monieren, dass das Wasser unheimlich schlecht abläuft und mir empfehlen, mit meiner Körperpflege noch etwas abzuwarten. 20 Minuten später verspüre auch ich das Bedürfnis nach Hygiene und werde nach Analyse des Abflussproblems flugs zum Klempner des Jahres, indem ich den Stöpsel aus dem Duschbecken entferne (!!!) und so das Problem des nicht ablaufenden Wassers behebe. Oh Mann, der Wirtschaftsflüchtling. Nicht immer überlebensfähig, aber heute wenigstens pünktlich.

Auf dem Weg zum Stadion feiern wir gemeinsam mit handgezählten 23 Bürgern und Bürgerinnen Kerkrades sowie mit acht eingefärbten Mohren, die wohl durch Blackfacing und ein klein wenig Alltagsrassismus die Stimmung auflockern sollen, ein Stadtfest, das sich gewaschen hat. Kurz darauf stelle ich mit erkalteten Händen fest, dass in den Niederlanden der Winter bereits früher vor der Tür steht und kaufe mir ein Paar Handschuhe, das ich von der gleichermaßen hübschen wie überforderten Kassiererin des lokalen C&A beinahe geschenkt bekomme. Den letzten Zwischenstopp vor dem Stadionbesuch legen wir im „De Gouden Leeuw“ ein. Eine Kneipe, in der der Wirt auf Nachfrage so nett ist, uns einen Song von „Golden Earring“ vorzuspielen. Oh, kennt man sogar. Jetzt aber schnell mit dem Bus zum Fußball…

Das Parkstad Limburg Stadion wurde im Jahr 2000 eröffnet und sieht dementsprechend aus. Vor den Stadionkassen erwerben wir von einem freundlichen Herren Karten für 10 Euro und entlasten die Reisekasse, die bei einem Kauf regulärer Tickets an der Tageskasse doch etwas mehr hätte geschröpft werden müssen. Kurz darauf nehmen wir Platz auf der Hintertortribüne und lassen uns wie neulich in Prag die Wärmestrahlersonne auf den Bauch scheinen. Das Spiel beginnt – und ist dann bereits nach 14 Minuten entschieden. Der Gast aus Zwolle führt mit 2:0 und spielt hier und heute die furchtbar unsortierten und niveauarmen Hausherren an die Wand.

In der Halbzeitpause betreten zwei junge Menschen in T-Shirts einer Brauerei den Rasen und deuten an, etwas mit einer Druckluft-Röhre in das Publikum feuern zu wollen. Ich persönliche hoffe, dass es sich um Bierdosen handelt, bin nach dem ersten Schuss dann allerdings hochgradig enttäuscht, weil das verschossene Präsent leider weit über das Stadiondach hinaus in den Orbit gejagt wird. Ziiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiisch. Läuft halt heute irgendwie nicht so für Roda – alles geht daneben!

Mich erreichen über die Dauer des Spiels diverse Kurznachrichten aus dem Fanblock gegenüber, von dem aus ein Freund erst fragt, wo wir im Stadion sitzen würden („Im Osten. Passt zu uns!“), ob wir nach dem Spiel ein Bier mit ihm trinken wollen würden („Ja, unbedingt!“), um dann wenige Minuten später nachzulegen, dass ihm der Auftritt seiner Lieblinge sehr peinlich sei und wir unbedingt noch einmal wiederkommen müssten. Zum Zeitpunkt der dritten Nachricht sind 60 Minuten gespielt und der Gast aus Zwolle führt 4:0. Und wenn man einen Gegner im eigenen Stadion schon einmal richtig demütigt, dann darf man auch gut und gerne in der 90. Minute noch ein 5:0 einschenken. Das Stadion, das sich ohnehin schon nach jedem Gegentreffer weiter und weiter geleert hatte, gleicht nun einem Friedhof. Auch die Fantribüne, die über das gesamte Spiel noch gute Miene (Achtung: Bergbauwortspiel!) zum bösen Spiel gemacht hatte, verstummt nun und verabschiedet ihre Helden wortlos, aber bemerkenswerterweise ohne Pfiffe.

Nach dem Spiel halten wir Ausschau nach meinem Bekannten, der so aussieht, wie ich. FUDUs bärtiger Bruder findet uns verwirrte und orientierungslose Menschen dann im Stadionumfeld, nimmt uns an die Hand und schleust uns an den Ordnern vorbei in die Fankneipe des RJC, welche sich im Bauch der Fantribüne befindet. Dort lernen wir seine Familie kennen, wobei Vater, Mutter und Bruder nicht müde werden, zu betonen, dass es eigentlich auch noch eine Schwester geben würde. Die sei aber kein Roda-Fan, von daher würden wir heute genau genommen bereits die gesamte Familie kennenlernen. Nett. Noch netter ist, dass uns ständig zwei Pils gleichzeitig in die Hand gedrückt werden („Sind ja nur kleine Bier!“) und sich ein feucht-fröhlicher Abend entwickelt, der damit endet, dass wir als letzte verbliebene Gäste aus der Fankneipe gebeten werden. Im Nachgang der Reise zeigt sich, dass sich ein Kerl mit Schapka in den Hintergrund aller Gruppenfotos gedrängt hat. Da wir ihn in den Momenten der Aufnahmen nicht wahrgenommen hatten, kann wohl konstatiert werden, dass auch mehrere kleine Pils irgendwann zu einigen großen werden.

Mein Lieblingskumpel (Achtung: Bergbauwortspiel!) erzählt unzählige Anekdoten aus der Vereinshistorie (z.B. über Europapokalspiele gegen den AC Mailand und über Dick Nanninga, WM-Final-Torschütze 78 und Spieler des RJC), der Region Limburg und führt mich dann durch die heiligen Gänge des Stadions und erklärt mir die Wandbilder.

Als wir das Stadion verlassen, treffen wir auf Abwehrspieler Ard van Peppen, der schick gekleidet noch immer die Geduld aufbringt, auch den letzten verstrahlten Stadionbesuchern die Niederlage zu erklären und mit ihnen für Fotos zu posieren. Ai, das hat Spaß gemacht! Wir verabschieden uns von unseren niederländischen Gastgebern und sind uns sicher, dass wir uns irgendwann einmal An der Alten Försterei oder im Parkstad Limburg Stadion wiedersehen werden…

Da wir die Regeln der Pension nüchtern verinnerlicht haben, können wir nun ruhig noch ein gepflegtes Bier trinken gehen. Die Spelunke, die wir betreten, ist ziemlich urig, der Altersdurchschnitt ebenfalls. Aus dem „einen schnellen Bier“ mit dem Wirtschaftsflüchtling werden gewohntermaßen mehrere, wobei ihn dieses Mal keine Schuld trifft, wird hier doch tatsächlich Gerstensaft in 0,18 Liter Gläsern kredenzt. Mal ernsthaft, was soll das sein? Was für eine Maßeinheit ist das? Eine Frikandellänge?

In der Pension angekommen, treffen wir auf die Gäste des anderen Zimmers. Es sind hässliche Deutsche aus Frankfurt (nicht an der Oder), die Besucher des „Golden Earring“ Konzerts waren. Nun würden sie gleich auf den Geburtstag ihres Papas anstoßen, erzählt uns Ayla („Mein Name ist türkisch, ich nicht!“) und schmeißt uns die Verandatür vor der Nase zu. Oh, da will wohl jemand unter sich sein.

Der Wirtschaftsflüchtling und ich gehen zum Kühlschrank in der Gemeinschaftsküche und erleichtern diesen um alle verfügbaren Pit-Bierdosen. Wir lassen das entsprechende Klimpergeld in die Kasse des Vertrauens wandern und hoffen, dass Familie Gold aus Westdeutschland nichts eigenes zum Trinken dabei hat, schleichen still und leise die Treppe in unseren Saunaraum hinauf, füllen das Bier in mein 0,18 Liter großes Kleptomaniesouvenir und stoßen auf Aylas Vati an. Prost. /hvg