831 831 FUDUTOURS International 22.08.19 18:07:05

08.12.2017 Tennis Borussia Berlin – SC Staaken 1919 0:0 (0:0) / Mommsenstadion / 515 Zs.

… und monatlich grüßt das finnische Murmeltier. Kaum war der verrückte Tischfinne nach dem „Kult-Derby“ gegen St. Pauli abgereist, stand er am 07.12. auch bereits wieder auf der Matte. Dieses Mal zwar nur auf der Hopper-Durchreise gen Norden, doch wer sich lange genug durch Spielpläne wühlt, der findet auch am Freitagabend in Berlin eine Gelegenheit, ein Stadion zu besichtigen. Dieses Mal fällt seine Wahl auf das Mommsenstadion in Berlin-Charlottenburg und somit ergibt sich auch für mich die Gelegenheit, der Spielstätte in Westberlin erstmals seit dem 14.08.2005 „endlich“ einmal wieder einen Besuch abzustatten.

So sitze ich also am 08.12. nach Feierabend in der S-Bahn, die mich von Berlin-Buch via Friedrichstraße zum Bahnhof Eichkamp, der mittlerweile seinen historischen Namen zu Gunsten der Berliner Messe aufgeben musste, kutschiert. Auf dem Weg zähle ich die Menschen, die sich in lila-weißen Trikots oder anderer Devotionalien auf den Weg zum Freitagabend-Flutlichtspiel begeben. Bis zum Erreichen des Bahnhof Westkreuz zählt der Ticker: Null.

Hiermit wäre auch das erste Problem des Berliner Traditionsvereins, der im Jahre 1902 als „Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft“ gegründet worden war, grob umrissen. Ursprünglich als Tennis- und Tischtennisverein gegründet, konnte man 1903 für 50 Pfennig eine Lizenz erwerben, die zur Teilnahme an der Berliner Fußballmeisterschaft berechtigte und heute, knappe 115 Jahre später, interessiert sich kaum ein Schwein Berliner für das Wohl und Wehe TeBe’s.

Irgendwann Ende der 1990’er Jahre hatte man sich mit Geld der „Göppinger Gruppe“ noch einmal auf den Weg gemacht, an sportlich erfolgreiche Zeiten der 70’er und 80’er anzuknüpfen und weil es gerade so gut lief, nahm man schnell die Begriffe „Bundesliga“ und „Champions League“ in den Mund. Ansgar Brinkmann, der 1999 mit zu dem Starensemble des Tennis Club zählte, erzählt aus dieser Zeit immer wieder gerne folgende Anekdote: „Winnie Schäfer rief mich an, wollte mich zu TeBe holen. Ich hatte erst keinen Bock, aber er schickte mir den Vertrag per Fax rüber. Ich fragte ihn, ob die Summe sein Ernst sei. Er bejahte und erzählte noch ein bisschen, aber da war ich schon auf dem Weg zum Flughafen. Ich bekam sogar 180.000 Euro Begrüßungsgeld. Einfach nur, weil ich da war. Ich bin quasi finanziell bedroht worden“.

Auch nach der folgerichtigen Insolvenz blieb man überaus bodenständig und ging als Oberligist mit der soliden Planung, „mittelfristig den Aufstieg in die 2. Bundesliga anzustreben“, forsch in die Öffentlichkeit. Klar, dass man in dieser guten sportlichen Ausgangslage die Sanierung bzw. den kompletten Umbau des Poststadions anschieben musste und von einem eigenen Fußballtempel für 16.000 Menschen im Herzen der Stadt zu träumen wagte. Anschließend ging es für TeBe in rasantem Tempo abwärts bis hinunter in die fünftklassige Berlin-Liga, in der man zwischen 2011 und 2015 herumdümpelte. Heuer ist wieder ein windiger Geldgeber eingestiegen, der Tennis Borussia Berlin für Oberligaverhältnisse einige prominente Namen beschert: Trainer Thomas Brdarić (204 Einsätze in der Bundesliga, 8 Länderspiele), Torwart Stephan Flauder (Mitglied des Zweitligakaders vom FC Erzgebirge Aue), Manuel Fischer (aus der Jugend des VfB Stuttgart mit einem Champions League Einsatz in der Vita) und Thiago Rockenbach da Silva (ehemals SV Werder Bremen) im Mittelfeld und natürlich Randy Edwini-Bonsu (kanadischer Nationalspieler mit reichlich Drittligaerfahrung und 20 Einsätzen in Finnlands höchster Spielklasse für den AC Oulu im Jahre 2011, bei denen er 16 Treffer erzielte, sagt der Tischfinne) in der Spitze. Womit genaugenommen bereits das zweite Problem des Berliner Traditionsvereins grob umrissen wäre: Es gibt immer irgendein Großmaul, das mit einem Koffer voll Geld in Charlottenburg ankommt, das Steuer übernimmt und den Karren mit Höchstgeschwindigkeit gegen die nächste Wand fährt.

Der verrückte Tischfinne, der auch heute wieder die Fotos der Partie schießen muss, stromert mit seiner Kamera um das Mommsenstadion herum. Unweit der Schautafel der „Fußballroute Berlin“ tritt er versehentlich zwei abgestellte Pfandflaschen um, was ein TeBe-Kind auf den Plan ruft: „Was für eine Umweltverschmutzung!“. Womit wir beim dritten Problem angekommen wären: Das politisch unheimlich korrekte Publikum, das sich beim Furzen die Hand vorhält und sich bei Hallenturnieren auch gerne mal verhört. Fakt ist jedenfalls: Wenn Du Dir im Eichkamp zu viel Zucker in den Kaffee geschüttet hast, solltest Du irgendetwas anderes sagen als: „Boah, der is ja jut süß!“, wenn Du einen Shitstorm verhindern magst. Auch die Begrifflichkeit „Bauern“ sollte als Verunglimpfung des Schiedsrichtergespanns oder der Gegner nicht verwendet werden, um den ruralen Flügel TeBe’s, der sich u.a. für die Rechte der Agrarökonom*innen in Zamunda einsetzt, nicht gegen sich aufzubringen. Am besten überhaupt nichts sagen. Fußball? Ach so. Ja, wird bei TeBe nebenbei auch gespielt, steht aber nicht so sehr im Fokus.

Zwischen den Zeilen ist womöglich dezent durchgeklungen, dass ich Tennis Borussia nicht leiden kann. Dennoch versuche ich im zweiten Abschnitt des Berichts das wertzuschätzen, was man als Hopper durchaus wertschätzen kann: Das wunderbare Mommsenstadion.

Dieses wurde im Jahr 1930 von Fred Forbát (geb. als Alfred Füchsel in Österreich-Ungarn, dann folgte die Magyarisierung im Jahre 1915; weitere Eckdaten der Biographie: Migration nach Deutschland 1920, deutsche Staatsbürgerschaft ab 1928, Aufenthalte in Moskau, Athen und Pécs, Berufsverbot in Nazi-Deutschland, Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft, Annahme der ungarischen Staatsbürgerschaft 1938, Berufsverbot für Juden dann auch in Ungarn ausgesprochen, Migration nach Schweden) errichtet, war Austragungsort einiger Achtel- und Viertelfinalspiele des olympischen Fußballturniers von 1936 und gilt heute dank seiner nostalgischen Haupttribüne „mit zwei verglasten, über halbovalem Grundriss vorgezogenen Treppenhäusern und langen Balkonen“ und 1.805 Sitzplätzen als Baudenkmal. Die Website unserer Heimatstadt verkündet stolz, dass das Stadion mit öffentlichen Geldern von 1950-56 saniert und „bis 1987 kontinuierlich erweitert und modernisiert“ worden ist. Mit anderen Worten wurden hier seit 30 Jahren nicht einmal 50 Pfennig in die Hand genommen, was man dem 15.005 Zuschauer fassenden Stadion heute an mehreren Ecken ansieht und letztlich den Charme der Anlage ausmacht. Im Jahre 2000 errichtete TeBe höchstselbst eine elektronische Anzeigetafel, die den Winter 2013 leider nicht unbeschadet überstand und seitdem nicht vollumfänglich betriebsfähig ist.

Aufgrund der Wetterprognose investieren wir stolze 12 € für einen überdachten Sitzplatz. Die hausgemachten Bouletten sind schmackhaft und überzeugen restlos. Dumm nur, dass man mit Abendessen und Bier in den Händen noch zu einer zweiten Kartenkontrolle gebeten wird, ehe man das Baudenkmal betreten darf. Der motorisch bekanntermaßen nicht allzu begabte Fetti kann diese Anforderung selbstredend nicht erfüllen, ohne sich die Hose komplett mit Senf und Ketchup einzusudeln. „Na, der Abend kann ja nur besser werden“, weiß die Ordnerin die Situation adäquat zusammenzufassen. Ob sie sich da mal nicht täuscht, frage ich mich kurz darauf angesichts des ersten Blicks auf Publikum und Spielfläche. Sofort fällt mir eine aufgetakelte Spielerfrau – Phänotyp: Russenpüppchen – auf, die mit ihrem KaDeWe-Tütchen auf der Holzbank sitzt und hier ganz offenbar die Oberliga mit der Champions League verwechselt hat. Aber das soll bei TeBe bekanntlich ja schon mal vorkommen. Die Grünfläche, die das Bezirksamt hier zum Bolzen zur Verfügung stellt, hat jedoch nicht einmal Oberliga-Niveau. Durch die vielen Regenfälle und kalten Tage der vergangenen Wochen ist hier ein rechtschaffener Kartoffelacker entstanden, der die Spieler bereits beim Warmmachen vor unlösbare Probleme stellt.

Noch vor Anpfiff stiehlt mir der Stadionsprecher die Show und geht mit dem ersten schlechten Wortwitz in Führung, indem er die „staaken Aufsteiger“ aus Spandau im Mommsenstadion begrüßt. Der Mann versteht sein Handwerk, denn er weiß genau, für Stadionsprecher verhält es sich wie für Kabarettisten: Der erste Gag des Abends ist immer wie ein Rollstuhlfahrer – der muss sitzen! Aber pssst, nicht laut sagen, gibt sonst den nächsten Shitstorm.

Das Spiel beginnt. Der Ball holpert erwartungsgemäß dermaßen unvorhersehbar über den Acker, dass beide Mannschaften kaum Spielkontrolle erzielen können. TeBe will sich dennoch nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und versucht sein Spiel aufzuziehen. Nach 13 Minuten stehen auch bereits zwei recht gute Abschlussgelegenheiten auf dem Notizzettel, doch Staakens Torwart Lukas Hesse kann souverän parieren. TeBe-Torwart Flauder, der sich nach Anordnung des Schiedsrichters ein schwarzes T-Shirt über das grüne Towarthemd ziehen muss, um sich farblich von den neongelben Gästen abzuheben, fleht nach 20 Minuten seine Mitspieler an, nicht zu viele Rückpässe auf ihn zu spielen, da ihn wirklich jeder Ball vor erhebliche Probleme stellt. Nach 25 Minuten setzt zu allem Überfluss starker Regen ein, was die Bespielbarkeit des Platzes weiter erschwert. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, sein eigenes Spiel so einfach wie möglich zu halten, doch noch immer kann TeBe seinen eigenen Anspruch, mit Kurzpassspiel und Kombinationsfußball zum Erfolg zu kommen, nicht ad acta legen. Das spielt den gut verteidigenden Gästen deutlich in die Karten, die das Spiel nun immer besser in den Griff bekommen. Lediglich ein Fernschuss der Marke „Field Goal“ gelingt Higinio Martin May Mecha aus Äquatorialguinea (35.), der einst in der Landesliga für TuS Makkabi 24 Tore in 29 Spielen erzielen konnte und auch Boris Hass scheitert nach 40 Minuten aus spitzem Winkel.

In der Halbzeitpause hält sich der Wettergott vor lauter Lachen den Bauch und sorgt mittels Einsatz immensen Schneefalls dafür, dass das Geläuf nun nicht mehr nur uneben und nass, sondern auch rutschig sein wird. Die gut 100 Menschen, die TeBe in der ersten Hälfte von der Gegengeraden mit einigen wenigen Gesängen unterstützt haben, werden nun angesichts der Wetterlage vom Stadionsprecher auf die Tribüne eingeladen. Wir kommen daher im zweiten Spielabschnitt in den Genuss, am Rande des Stimmungskerns zu sitzen und erfreuen uns an einigen recht kreativen Gesängen und Hüpfeinlagen. Besonders das weihnachtlich-winterliche „There’s only one team in Berlin – walking in the Mommsenstadion!“ hat das gewisse Maß an Selbstironie, das FUDU überzeugen kann.

Die 22 Akteure werfen ihr bestmögliches in die Waagschale, aber auf diesen Platzverhältnissen kann es ihnen niemand verübeln, dass in der zweiten Hälfte doch sehr wenig Spielfluss aufkommen kann und spätestens nach 75 Minuten nur noch Stückwerk zu bewundern ist. TeBe ist sich nach wie vor zu schade, mit langen Bällen zu agieren und Staaken verteidigt geschickt, kommt aber selbst auch nur noch zu einer einzigen Kontergelegenheit. Erfolgstrainer Seitz wechselt acht Minuten vor Feierabend Jesucristo Kote López ein und gedanklich wärmt mich plötzlich der Strausberger Sommer angenehm durch. Die letzten fünf Minuten bieten dann noch zwei Höhepunkte, doch nachdem TeBe eine Halbchance nach einer Standardsituation vergeben hat (85.) und die Gäste wenige Sekunden vor Abpfiff an der Querlatte scheitern, beendet Schiedsrichter Weigt aus Wernsdorf die Partie und 50 mitgereiste Staakener feiern ausgelassen im „Gästeblock“.

Wir lassen den Abend auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz und in einem tschechischen Restaurant auf der Karl-Marx-Allee ausklingen. Da dort die Küche jedoch bereits kalt ist, muss ein mitternächtlicher Köfte-Imbiss herhalten, um die hungrigen FUDU-Schweine zu sättigen. Der verrückte Tischfinne spielt Weihnachtsmann und hat zur Bescherung Kaffee, Schokolade von „Fazer“, Pfefferminzschnaps und ein „Lapin Kulta“ dabei. Im Gegenzug erhält er von Kackeland ein 0:0 des HSV gegen den VfL Wolfsburg am 09.12. und eine Spielabsage in Hamburg-Altona am 10.12. geschenkt. Mir scheint, hier ist Wiedergutmachung von Nöten. Aber glücklicherweise wird er ja am 26.01.2018 gegen den „Club“ aus Nürnberg bereits wieder auf der Matte stehen… /hvg