151 151 FUDUTOURS International 02.02.23 08:39:30

30.12.2017 Nottingham Forest FC – Sunderland AFC 0:1 (0:0) / City Ground / 26.830 Zs.

Als wir am Morgen des 30. Dezember in Nottingham angekommen sind, ist ein Check-In in unser „Midtown Hostel“ natürlich noch nicht möglich. Was bleibt uns also anderes übrig, als vor 11.00 Uhr in der Kneipe nebenan einzukehren?

Dort nehmen wir Platz auf der zugigen Galerie, haben am Tresen schnell die ersten Pints bestellt und glauben dann unseren Augen kaum zu trauen, als wir an unserem Nebentisch Jürgen von der Lippe beim Kreuzworträtseln entdecken. Völlig vertieft in seine Zeitschrift sitzt er da in seinem Hawaiihemd und schenkt seinem vollen Bierglas wenige Zentimeter vor ihm nicht den Hauch von Beachtung. Eine halbe Stunde später steht Jürgen auf, steuert zielstrebig die Toilette an und kehrt mit einem zweiten Bierglas zurück an den Tisch. Etwas überrascht und gleichermaßen verschämt kratzt er sich am Kinn. Da hat wohl jemand sein erstes Glas völlig vergessen. Abwechselnd trinkt Herr von der Lippe nun mal aus dem einen, mal aus dem anderen Glas, während er CD’s aus einem Aktenkoffer herausholt und beschriftet. Vermutlich seine „besten“ Scherze aus 30 Jahren Bühnenpräsenz. Für die ganz Harten gibt es hier eine kleine Kostprobe aus dem Koffer des Grauens

Eine zweite Bierlänge später ist dann auch das Einchecken möglich. In dem schmalen Hausflur empfängt uns Hostel-Herbergsvater Mark und noch während er mit unseren Personalien in einer Abstellkammer verschwunden ist, die zum Büro umfunktioniert wurde, grüßt uns der erste Gast, der in aller Seelenruhe im Bademantel über den Flur schlürft, freundlich und lädt uns in die Gemeinschaftsküche zum Frühstück ein. Wie ich Hostels hasse.

Kurz darauf hat uns Mark in unser Doppelstockbettenzimmer mit Klassenfahrtcharme begleitet und uns die Hausregeln erklärt. Freundlicherweise nimmt er sich einige Minuten mehr Zeit und weicht einige Regeln wieder etwas auf. Wir seien ja schließlich bereits alle erwachsen und würden einen sehr vernünftigen Eindruck erwecken. Na, wenn er sich da mal nicht täuscht. Oder: Haha, er hat Riesennippel gesagt – und ausgerechnet FUDU darf jetzt offiziell Alkohol auf dem Hostelzimmer konsumieren.

Kurz nachdem wir erfahren haben, dass der Typ im Bademantel ein Dauergast des Hostels und mittlerweile Marks linke Hand geworden ist, der wir in seiner Abwesenheit gerne alle Fragen stellen können, begeben wir uns auf den Fußweg in Richtung „City Ground“. Der Fußweg führt zunächst durch die „Pedestrian Area“ und bereits jetzt keimt Vorfreude auf das morgige Sightseeing und die Silvesterfeierlichkeiten auf. Eine wirklich sehenswerte und lebendige Stadt mit offensichtlich sehr jungem Publikum.

Schnell haben wir das Stadtzentrum hinter uns gelassen und Sticker weisen den weiteren Weg zum Stadion. „Fawaz Out“ prangt alle fünf Meter auf Aufklebern am Straßenrand, womit der Abschied des ungeliebtem Klubeigners Fawaz Al-Hasawi gefordert wird. Seit 2012 schwang der Kuwaiti das Zepter in Nottingham und wegen Verstößen gegen das Financial Fairplay und gegen Sicherheitsbestimmungen, die für eine Reduzierung der Kapazität des Stadions sorgten, war er in die Kritik der eigenen Anhängerschaft geraten. Im Mai 2017 trugen die Sticker Früchte und der Verein wurde an den griechischen Reeder Evangelos Marinakis verkauft, der es sich zum Ziel gesetzt hat, den Verein zu konsolidieren und ihn irgendwann, irgendwann einmal in die Premier League zurückzuführen.

Die Vergangenheit von Nottingham Forest ist ruhmreich. Ende der 1970er Jahre konnte die englische Meisterschaft und in den Jahren 1979 und 1980 zwei Mal in Folge der Europapokal der Landesmeister gewonnen werden. Auch zwei FA-Cup-Triumphe stehen zu Buche, doch die Gegenwart sieht dank eines 14. Tabellenplatzes in der zweitklassigen Championship eher trist aus. Kaum besser geht es den Gästen aus Sunderland, die sich als Absteiger aus der Premier League eine Etage tiefer noch nicht zurechtfinden und aktuell nur auf dem 21. Tabellenplatz rangieren.

Doch bevor das Spiel eröffnet wird, sollten wir noch einmal inne halten und mit offenstehenden Mündern den heutigen Spielort goutieren. Der „City Ground“ ist mit seinen 30.445 Zuschauerplätzen vor allen Dingen hinsichtlich der Lage an Schönheit kaum zu überbieten. Direkt am rechten Ufer des Flusses Trent gelegen und nur 300 Meter von der Spielstätte des Lokalrivalen Notts County entfernt, erhebt sich das Stadion majestätisch am Horizont. Wir schieben uns mit tausenden von Menschen über die einzige Brücke, die zum Stadion führt und ich gebe mein Wissen über Notts County zum Besten. Juventus spielt einzig und allein aus dem Grund in schwarz-weiß gestreiften Trikots, weil im Jahre 1903 fälschlicherweise eine Kiste Notts-Trikots anstelle der eigentlich bestellten rosa Hemden den Weg nach Torino fand. Der Wirtschaftsflüchtling ist skeptisch und muss nun für sich entscheiden, ob er der Geschichte Glauben schenken oder sie für ein Machwerk à la Günter Hermann halten soll…

Während wir ein wenig um das Stadion herumstromern, findet der „Stadionporno“ seine Fortsetzung. Jeder von uns ist Fan dieser Bilder von britischen Fußballstadien, die direkt an Wohngebiete angrenzen und so gelingt auch uns der eine oder andere Schnappschuss für die Fotografieausstellung unter dem vielversprechenden Titel „Housing Estate mit Stadiondach“. Ebenfalls ganz wunderbar anzusehen sind die vier Tribünen in unterschiedlichen Baustilen, die engen und gut gefüllten Gänge in den Stadionkatakomben und die alten garibaldiroten (!) Klappsitze auf unserem Stand. Die Nottingham-Supporter stehen auf der Hintertortribüne und auch rechts neben uns gibt es einen kleinen Stimmungskern, der sich zu der Vereinshymne erhebt. Voller Inbrunst schmettern mehr als 20.000 Menschen mit viel Pathos dieses Lied, um direkt nach Anpfiff in völlige Lethargie zu verfallen.

Das Spiel beginnt. Die Gäste aus Sunderland nehmen ihr Schicksal in die Hand und beginnen mutig und forsch nach Vorne spielend. Mit einer unnachahmlichen Langsamkeit und mit viel Tempoverschleppung hat Nottingham den Gästen jedoch schnell den Wind aus den Segeln genommen. Doch was am Anfang der Partie noch ein durchaus nachvollziehbares Konzept darstellte, wird in den folgenden Minuten zur Qual für das eigene Publikum. Jeder Pass ein Meisterwerk des Sicherheitsfußballs, jeder Gedanke zunächst einmal rückwärts gedacht. Statisch. Träge. Uninspiriert. Nach 25 Minuten gibt es erste deutlich vernehmbare Unmutsbekundungen vom Heimpublikum. Einzig und allein Stoßstürmer Daryl Murphy, der sich um sich selbst kümmern muss, um nicht völlig in der Luft zu hängen, kann einige offensive Akzente setzen. Immer wieder holt er sich die Bälle aus der Tiefe, setzt vehement seinen Körper ein und kommt so immerhin zu einigen Halbchancen (13., 18., 35.). In der 40. Minute schaut er allerdings genauso dumm aus der Wäsche wie seine Mannschaftskameraden, denn nach dreißigminütigem Offensivstillstand kann Sunderland den ersten vorgetragenen Angriff von der linken Seite mit einem Kopfballtreffer von Aiden McGeady veredeln. Mit gellenden „Booooooh“-Rufen werden die Forest-Recken in die Kabine verabschiedet.

Unsere Sitznachbarn haben längst gemerkt, dass sie heute einige Lads aus Germany zu Besuch haben. Empathisch kümmern sie sich nun um uns und entschuldigen sich für die dargebotene Leistung ihrer Helden. „You came here to see that shit? Don’t you feel bored?“ – und noch ehe wir begründen können, warum wir uns nichts schöneres vorstellen können, als heute in diesem Fußballstadion zu sein, wird auch noch das Flutlicht eingeschaltet und Fetti verfällt endgültig in akute Fußballromantik.

In der Halbzeitpause hat sich Nottingham-Trainer Mark Warburton entschieden, „Señor Sicherheitspass“ Andreas Bouchalakis in den Kabinen zu lassen. Die Herren neben uns betonen, dass dies die erste richtige Entscheidung des Cheftrainers seit Wochen ist und eine neue Woge der Euphorie schwappt über den Main Stand. Diese Woge hält genau bis zum zweiten Wechsel in der 61. Minute an, als Mustapha Carayol das Spielfeld betritt und man sich nebenan die Hände über den Köpfen zusammenschlägt. Und im Nachhinein kann man beiden Regungen durchaus zustimmen. Während der eingewechselte Traoré endlich so etwas wie Schwung und Offensivgeist mit auf den Platz bringt, avanciert Carayol zwar zum Dreh- und Angelpunkt auf dem Feld mit gefühlten 150 Ballkontakten, wird allerdings auch von FUDU aufgrund seiner unzähligen Ballverluste und Fehlpässe zum schlechtesten Spieler der zweiten Hälfte gekürt. Da sich auf dem Spielfeld nach wie vor keine Höhepunkte ereignen und auch die Stimmung weiter weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, kann auch der dritten Einwechslung etwas mehr Aufmerksamkeit gespendet werden, als es sonst in meinen Reiseberichten üblich ist. Niemand geringeres als Jason Cummings betritt nämlich den Platz, während Topstürmer Murphy verletzt von selbigem humpelt und die Sorgenfalten bei Fans und Verantwortlichen Forests tiefer werden.

Ich darf noch kurz stolz darauf verweisen, dass ich aufgrund Cummings‘ Wechsel zu Nottingham Forest und seines ersten Länderspiels am 09.11.2017 gegen die Niederlande eine Wette mit mir selbst gewonnen habe, als nach einem Fehlpass in der 75. Minute unser Nachbar ein beherztes „Fuck You, I am leaving“ zum Besten gibt und selbiges in die Tat umsetzt. Nach und nach leert sich die Tribüne, weil nach jedem weiteren Fehlpass, meistens formschön von Carayol in die Prärie versendet, wieder 10-15 Menschen frustriert von dannen schleichen. „Go home and make some Curry“ möchte man den Leuten analog zu einer Qualitätsbeleidigung der Forest-Fans, welche offenbar singend in Schlachten gegen Leicester City zum Besten gegeben wird, noch hinterher rufen. Aber vielleicht führt sie ihr Weg auch zu den Tickethäuschen, vor denen sich nach Abpfiff lange Schlangen bilden werden. Trotz der völligen Unzufriedenheit will man es sich hier nämlich nicht nehmen lassen, das FA-Cup-Spiel gegen den Arsenal FC am 07.01.2018 mitzuerleben und das, obwohl die billigste Karte stolze 95 £ (ohne Mwst.) kosten wird.

Bis zur 85. Minute ereignet sich bis auf belangloses Mittelfeldgeplänkel rein gar nichts auf dem Rasen. Keine Torchance auf beiden Seiten. Erst in den letzten fünf Minuten plus Nachspielzeit wirft Forest alles in die Offensivwaagschale. Eine erste kleine Druckphase entsteht, die beinahe noch ihre Krönung findet. Doch vor deutlich geleerten Rängen gelingt nur noch ein Pfostenschuss, sodass die Heimniederlage nicht mehr abgewendet werden kann.

FUDU erinnert sich nach Abpfiff an die weisen Worte Marks und sucht das erstbeste „Tesco“ auf, um sich mit ausreichend Dosenbier für lauschige Stunden im Hostel einzudecken. Angesichts der abermals leeren Regale verliere ich mich in Gedankenspielen. So in etwa stelle ich mir einen Einkauf im „Konsum“ im Jahre 1987 vor. So kauft man eben das ein, was es gibt und verschwendet nicht unnötig viel Lebenszeit. Also: Eine Stiege „Carling“, eine Packung Kopfschmerztabletten und drei fast abgelaufene Pizzen zum unschlagbaren Ausverkaufpreis von 27 Pence, bitte. Wie dankbar der Rest der etwas angewidert dreinschauenden FUDU-Bande in der Silvesternacht über diesen (Lebensmittel-)einkauf sein wird, ist an dieser Stelle noch nicht vorhersehbar…

Schnell haben wir unser Fenster im Hostelzimmer mit Bierdosen dekoriert und somit für gute Aussichten für das Jahr 2018 gesorgt, ehe wir in eine Art Pub-Crawl starten, weil man die Feste bekanntlich feiern muss, wie sie fallen und keiner von uns bis morgen Abend warten mag, nur um sich elegant zu betrinken. Irgendwann im Laufe des Abends geht der Wirtschaftsflüchtling auf der Suche nach einer Fish&Chips-Bude verloren, wird beim nächsten Wechsel der Lokalität aber zufällig in der Fußgängerzone wieder aufgelesen. So schnell wird man den nicht los und so muss man im weiteren Verlauf des Abends kleinere Meinungsverschiedenheiten aushalten. Während Fackelmann und ich vollkommen erschüttert darüber sind, dass der ehemals so stilvolle „Wetherspoon“ nun zu einer Disco verkommen ist und schnell das Weite suchen wollen, zieht es den Flüchtling zu heftiger Nichtmusik und abgefahrenen Lichteffekten auf die Tanzfläche.

Aber England wäre nicht England, wenn nicht auch hier um kurz nach Mitternacht Feierabend wäre. Und so gönnen wir uns noch ein letztes „Carling“ auf dem Zimmer und bereiten uns gedanklich auf das morgige Sightseeing und die Silvesterfeierlichkeiten mit Robin Hood vor.

Als wir am nächsten Morgen aufwachen, erfahren wir, dass Nottingham Forest seinen Coach Mark Warburton fristlos entlassen hat. Das Foto, das den Artikel bebildert, zeigt Warburton in jämmerlicher Verfassung und vom Leben gezeichnet. Wir hingegen haben gut und ausgiebig geschlafen, sind blendend erholt und so konstatiert Fackelmann zurecht: „Misserfolg sieht man den Menschen irgendwie schneller an als Erfolg!“. Im Hintergrund zischt das erste Dosenbier nach erfolgreicher Öffnung. Wird Zeit, dass auch wir endlich mal nach was aussehen. /hvg