776 776 FUDUTOURS International 01.06.20 15:09:57

18.11.2018 SG Motor Gohlis-Nord – SV Panitzsch-Borsdorf 1920 1:4 (1:2) / Stadion des Friedens / 36 Zs.

Am nächsten Morgen ist man in der „Pension Sachsenallee“ deutlich besser auf FUDU zu sprechen als am Vortag. Der Gastgeber zeigt sich heute in dem 90er-Jahre-Ambiente des Obergeschosses jedenfalls stark formverbessert und begrüßt die ausgeschlafenen FUDU-Schweine in der Gemeinschaftsküche. Voll der wiederentdeckten Gastfreundschaft weist er uns herzlichst auf die Möglichkeit hin, uns am Kaffeebuffet bedienen zu können. Mit Blick auf die Flutlichtmasten der „Fischerwiese“ ist dies getrost als gelungener Start in den zweiten Tag unseres „Beinahetschechien-Urlaubs“ zu bezeichnen. Nachdem gestern der erste osteuropäische Ground in Chemnitz „weggescheppert“ wurde, steht heute mit dem „Stadion des Friedens“ in Leipzig Gohlis-Nord bereits die nächste Stadionperle auf dem Programm. Musikalisch hat uns der „Hoollege“ und Musikexperte bereits gestern Abend auf die nächste wilde Fahrt im Ostblocksimulator eingeschworen. „Steig ei, mir fahrn in de Tschechei!“ wurde bis zum Erbrechen gespielt, also überschlagsgerechnet genau ein Mal, dennoch hat der Song seine Wirkung offensichtlich nicht verfehlt. Heute sitzen zumindest gleich mehrere tschechische Wanderarbeiter am Nebentisch und lassen sich ihr Sonntagsfrühstück munden, bevor es morgen bestimmt wieder auf Montage gehen wird. Mit einem freundlichen „Ahoj“ begrüßt mein polyglotter Mitreisender unsere Nachbarn und erntet gleichermaßen freudestrahlende wie waldschrätige Gesichter. Fetti und seine Freunde haben sich lange genug die Taschen vollgelogen und sind nun felsenfest davon überzeugt, endgültig in der ‚Tschechei‘ angekommen zu sein. Autosuggestion erfolgreich abgeschlossen…

… aber auch nur so lange, bis wir im Rahmen unseres Chemnitzer Stadtbummels das böhmisch-mährische Restaurant „Wenzel – Prager Bierstuben“ passiert haben. Hier geht man mit genau zwei großen Aufstellern vor den „Rathaus Passagen“ auf Kundenfang. Auf einem wirbt man allen Ernstes für „Craft Bier“, während der andere ein Speisenangebot „für Vegetarier“ feilbietet. FUDU ist in Windeseile wieder eingenordet. DAS kann nicht Tschechien sein!

[Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Geschäftsmann aller Zeiten, Erfinder des tierlosen Zoos und diverser unterirdischer Aussichtstürme, ist gestern bei dem Versuch, einem Tschechen Bier mit Obstgeschmack und einen veganen Schweinebraten zur Verköstigung anzubieten, von einem Kartoffelkloß, der sich in einer geballten Faust befand, erschlagen worden.]

Nachdem wir im Anschluss noch einen kurzen Blick auf das Karl-Marx-Monument samt Baustellenromantik, die Stadthalle, das Alte und das Neue Rathaus, den Roten Turm und das Opernhaus mit angrenzender Petrikirche geworfen haben, ist es auch bereits wieder an der Zeit, Chemnitz zu verlassen. Leider ohne Frühstück, da das Verhältnis geöffneter Bäckereien mit belegten Backwaren gegenüber Spielotheken ungünstigerweise ca. 0:88 beträgt.

Mit einer Pulle „Sachsengold“ kann man sich auf der 58 minütigen Bahnfahrt gerade so über dieses Missverhältnis hinweg trösten, ehe die bunte Warenvielfalt am Leipziger Hauptbahnhof restlos zu überzeugen weiß. Mit einem herzhaften Mettbrötchen besänftigt man den knurrenden Magen. Hoffentlich sind die beiden anderen „Hackepeter Boys“ gestern auch gut nach Hause gekommen…

Die Straßenbahnlinie 12 ist nach nur 16 Minuten Fahrzeit im Stadtteil Gohlis(-Nord) angekommen und auch die letzten 634 Meter bis zum Stadion sind schnell zurückgelegt. Hier beziehen wir Position auf dem Parkplatz und warten auf die Ankunft der FUDU-Außenstelle Leipzig, die heute ihren besten Mann ins Feld schicken wird. Gut, dass wir gleich zu dritt sein werden – der angedachte Wechselgesang Mo-Go-No über drei Tribünen, mit jeweils lang gezogenem sächsischen Ö, der wird sicher schwer laut!

Einige Minuten später brettert ein betagter Franzosenbolide an uns vorbei. Unbekannter Fahrer, GLA-Kennzeichen und ein hilflos aussehendes FUDU-Mitglied auf der Beifahrerseite. Wohlwissend über dessen Fähigkeiten in fernöstlicher Kampfkunst, geraten wir aber nur kurz in Sorge, hier Augenzeuge eines Geiseldramas geworden zu sein. Und wahrlich dauert es nicht mehr all zu lange, bis das Gefährt zurückkehrt und der Fahrer des Kraftfahrzeugs unseren Compañero in die Freiheit entlässt.

Bereits wenige Meter vor dem Eingangsportals des Stadions zeigt sich, dass man sich hier auf Hopper aus aller Herren (Bundes-)länder eingestellt hat. Für das Spiel in der Leipziger Stadtliga (entspricht auf Landesebene der Kreisoberliga, demnach der siebent höchsten Spielklasse) wird jedenfalls ein Eintrittsgeld fällig, für welches man aber eine wunderschöne Eintrittskarte im Posterformat und eine herzliche Begrüßung erhält. Wir werden später 36 Zuschauer zählen, darunter acht Gästefans und drei weitere Hopper, die fotografierend ihre Runden drehen. Der freundliche Herr, der uns zunächst die Eintrittskarten verkauft, wird später auch als Ordner und Inhaber der Stadiongaststätte in Erscheinung treten.

Bevor wir uns der imposanten Spielstätte etwas näher zuwenden, zieht es uns zunächst einmal in das „Sportcasino“. Dort decken wir uns mit einem Stadionbier ein, bewundern alte Fotos und Devotionalien des Leipziger Fußballvereins und erfreuen uns anderer Fußballsammelschmuckstücke. Besonders angetan hat es uns ein handgeknüpfter Teppich mit dem Logo des FC Bayern München darauf und schon jetzt nehmen wir es uns fest vor, in der Halbzeitpause das Speisenangebot auszutesten. Mein Blick ist auf den „überbackenen Käse auf Toast“ gefallen und ich freue mich diebisch über die semantisch spitzfindige Frage FUDUs, womit genau der Käse hier wohl überbacken wird.

Als wir das „Sportcasino“, oder die „MoGoNo-Baracken“, wie wir das urige Bauwerk getauft haben, verlassen, stehen beide Mannschaften bereits zum Einlauf auf das Feld bereit. Dieser nötigt beide Mannschaften zur ersten nicht ganz unerheblichen Laufleistung des Tages, immerhin gilt es einen Weg über die alten Kurven und die neue Tartanbahn zurückzulegen. Die Auswechselspieler Motors kuscheln sich kurz darauf unter einer Bayern-München-Fleecedecke zusammen, der Kassierer trägt nun eine Ordnerweste und hat sich in einem Anglerstuhl neben uns niedergelassen. Heute trifft die SG Motor Gohlis-Nord am 13. Spieltag auf den SV Panitzsch-Borsdorf. Die Gäste rangieren aktuell auf Rang 5 der Tabelle mit 10 Punkten Rückstand auf den Spitzenreiter des SV Tapfer 06 Leipzig, während die Heimmannschaft erst 9 Punkte auf der Habenseite hat und auf dem vorletzten Tabellenplatz positioniert ist. Jetzt nur nicht Panitzsch werden, sagt der Kroate. Jedes Spiel beginnt beim Stand von 0:0!

Das Spiel wird pünktlich um 14.00 Uhr angepfiffen. Die Gäste machen die ersten Minuten lang ordentlich Ballett und wenn man je davon sprechen konnte, dass sich nach acht gespielten Minuten eine Führung abgezeichnet hat, dann wohl in diesem Spiel. Die Nummer 10 bringt die blau-gelben aus Panitzsch, Ortsteil der Gemeinde Borsdorf im Landkreis Leipzig, früh in Front. Nach 15 Minuten kommt „MoGoNo“ durch einen Zufallstreffer zum Ausgleich. Eine Hereingabe von Marx wird derart unglücklich abgefälscht, dass Gästekeeper Roth chancenlos ist. Es folgt die beste Phase der Hausherren, die nun deutlich besser in das Spiel kommen, gefällig daran teil haben und munter mitspielen.

Der Blick schweift währenddessen durch das imposante Rund, welches 1923 eröffnet wurde und ursprünglich dem SC Wacker Leipzig eine Heimat bot. In den 1950er Jahren erlebte das „Stadion des Friedens“ seine Hochzeit, als es bis zu 50.000 Zuschauern Platz bot. Zu Ruhm und Ehren kam es dann vor allen Dingen in der Saison 1983/84, als der Rasen des Leipziger Zentralstadions durch das VII. Turn- und Sportfest derart ramponiert war, dass kurzzeitig keine Fußballspiele mehr darauf ausgetragen werden konnten. Anlass genug, um damals die Leipziger Oberliga-Derbys in das „Stadion des Friedens“ zu verlegen. Zu den Partien BSG Chemie gegen Lok strömten dann auch 30.000 bzw. 19.000 Zuschauer nach Gohlis. Heute sind die alten Funktionsgebäude, der Uhrenturm und auch die Stehränge noch immer erhalten, wenn auch krumm, schief und wild bewachsen. Dann klingelt plötzlich das Telefon des Kassierer-Ordners neben uns und reißt uns aus unseren kühnsten Träumen. „Nein, ich habe keine Glühweinkanne hier. Nein, ich habe heute auch leider keinen Baumkuchen da!“. Es sind bereits mehr als 30 Minuten gespielt und diesen potentiellen Stadionbesucher wird er mit diesen unbefriedigenden Auskünften wohl nicht überzeugt haben, sich heute noch auf den Weg in das „Stadion des Friedens“ zu begeben.

Die Gäste werden nun wieder dominanter und erarbeiten sich ein deutliches Chancenplus. In der 36. Minute endet ein abgefälschter Fernschuss noch in Zeitlupentempo am Pfosten, während Heimkeeper Struck bereits in der falschen Ecke liegt und dem Ball flehend hinterherschaut, doch in der 38. Minute ist die Führung der Gäste nicht mehr zu verhindern. „Der Zehner verwandelt das zweite Mal eiskalt“, steht in den Notizen geschrieben und nach nun erfolgter Recherche, passt auch der Name des 37-jährigen Akteurs zu diesem Stichpunkt: Matthias Winter heißt der Mann.

Nach 45 gespielten Minuten im eiskalten Winter sind auch die drei FUDU-Schweine halbgefroren und begeben sich in die schützende Obhut der „MoGoNo-Baracken“, in denen der Kassierer-Ordner nun hinter dem Tresen steht und die fröstelnden Gäste bedient. Nicht gerade ein Wetterfest!

Bei Bier, Mittagessen und einer Darts-Übertragung im TV machen wir es uns in der warmen Gaststube gemütlich. Der Kassierer-Ordner-Wirt weiht uns in seine Zukunftspläne ein. Ihm schwebt es vor, die Spiele aus dem „Stadion des Friedens“ zu filmen und live in seine Gaststätte zu übertragen. Der süffisante Kommentar „bald können sie draußen alleine durch die Kälte rammeln“, setzt dem nicht ganz so ernst gemeinten Vorhaben komödiantisch noch die Krone auf. Wir fühlen uns derart gut unterhalten (und aufgewärmt), dass wir die ersten 11 Minuten des zweiten Abschnitts verpassen werden.

Gemeinsam mit dem nun wieder Ordner kehren wir auf die Ränge zurück. Wir erleben eine Sturm-und-Drang-Phase der Hausherren, die sich anschicken, dem Favoriten ein Bein zu stellen. Der erste Angriff der Gäste endet jedoch mit einem taktischen Foulspiel im Mittelfeld und in einem handfesten Skandal: nach 55 Minuten erhält Sebastian Weißflog eine gelb-rote Karte, was Trainer Kienitz auf die Palme bringt. Er echauffiert sich lautstark und vertritt deutlich hörbar die Meinung, dass Weißflog im bisherigen Spielverlauf noch gar keine gelbe Karte erhalten hatte, doch der Schiedsrichter-Azubi zeigt keinerlei Einsicht und beharrt auf seiner Entscheidung. „Erst kümmere ich mich um die Fernsehbilder und wenn das irgendwann mal klappt, dann kaufe ich eine Isostar-Tonne, damit der Coach was zum Reintreten hat!“, weiß der Ordner auch diese Situation geschickt zusammenzufassen.

In der 80. Minute komplettiert Winter dank seines dritten (und letzten) Saisontores den Hattrick des Tages, ehe er vier Minuten später unter dem Jubel der acht mitgereisten Fans ausgewechselt wird. Der Anschlusstreffer bleibt „MoGoNo“ wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung unter schweren Protesten der Zuschauer und des Trainerteams versagt und in der Nachspielzeit schraubt Marcel Hoheisel (ausgerechnet Hoheisel!) das Ergebnis zu allem Überfluss auch noch auf 4:1 in die Höhe, indem er eine auf den zweiten Pfosten verlängerte Ecke über die Linie drücken kann. Das hat das tapfer kämpfende „MoGoNo“ in dieser Form nun auch nicht verdient…

Der Geiselnehmer aus Gladbeck sammelt uns kurz nach Abpfiff auf dem Parkplatz ein und befördert uns mit seinem Auto, welches nur von Klebeband und Spucke zusammengehalten wird, zurück zum Leipziger Hauptbahnhof, wo dank der Autofahrt noch genügend Zeit verbleibt, um vor der Rückfahrt nach Berlin landestypisch speisen zu gehen. Was könnte ein tschechisch-sächsisches Wochenende besser abrunden, als eine Einkehr in einem Asia Bistro?

Und während ich meine Ente in Erdnusssoße genieße, hat die durchaus attraktive junge Dame im eitergelben Mantel bereits das dritte Mal Blickkontakt aufgenommen und freundlich gelächelt. Kann man ja niemanden verübeln, sich in mich zu verlieben. Fast sogar ein bisschen schöner als tschechische Waldschräte in Arbeitskleidung am Nebentisch, denke ich mir, während ich mir so durch den Kopf gehen lasse, ob ich dieses Konzept des „einsamen Wolfes“ jemals wieder gegen etwas verbindliches eintauschen wollen würde. Als ich gerade vage zu einem „kann man ja mal probieren“ tendiere, so weit hat sie mich schon, fallen mir plötzlich die anderen vier Frauen an ihrem Tisch auf. Lauter Jute-Utas, Körner-Ullas, so Sozialpädagogikstudentinnen halt und mir wird schlagartig klar, dass man wohl auch immer einen Freundeskreis kennenlernen und mit diesem zurechtkommen müsste, wenn man sich auf jemanden einlassen würde. Und das ist sicherlich meistens problematisch, wegen der Menschen. Bleibe also vorerst Single.

Nur wenige Minuten später treffen wir auf dem Weg zu unserem Gleis einen gemeinsamen Bekannten, der aktuell auf Heimaturlaub in Sachsen weilt. Er rührt die Werbetrommel für das kommende Wochenende und fragt, ob man nicht gemeinsam mit einigen anderen Unionern nach Eilenburg fahren möchte, um die BSG Chemie auswärts zu sehen. Je nachdem. Entscheide ich spontan, muss ja niemanden um Erlaubnis bitten. Für die im Eitermantel würde ich zum Beispiel darauf verzichten, aber nicht, wenn ihre Freundinnen mit dabei wären.

Die Zugfahrt nach Berlin gerät dann zu einem mittelschweren Desaster. Seit sechs Jahren gaukel ich auf der Arbeitsstelle erfolgreich Seriosität vor. Nun sitze ich mit dem „Hoollegen“ auf dem Boden zwischen den überfüllten Abteilen des ICE und trinke irgendein Dosenbier, der Pullover vollgekleckert mit Asiasoße und ich wette, auf dem Handy liefen „De Randfichten“ dazu. Jedenfalls ein guter Moment, um Menschen zu treffen, die man aus dem Arbeitskontext kennt und mit denen man am Dienstag und am Freitag wieder zusammenarbeiten wird. Gelächter. 6 Jahre harte Arbeit, zunichte gemacht in 90 Minuten ICE-Fahrt. Leipzig-Berlin scheint eine beliebte Sonntagsstrecke meiner Kolleginnen zu sein. Unter diesen Gesichtspunkten sollte man das nächste Mal wohl lieber wieder woanders hinfahren: Steig ei, mir fahrn in de Tschechei! /hvg