931 931 FUDUTOURS International 01.06.20 15:07:50

02.01.2016 Celtic FC – Partick Thistle FC 1:0 (0:0) / Celtic Park / 46.067 Zs.

Zwischen den Jahren kommt FUDU endlich in den Genuss eines wunderbaren britischen Frühstücks in einem türkischen Imbiss. So also sieht Multi-Kulti in Schottland aus. In ewiger Erinnerung bleiben die nur kurz darauf folgenden Silvesterfeierlichkeiten in einem Glasgower Pub, in dem der Siedepunkt erreicht ist, als man um Mitternacht gemeinsam mit einheimischen Trinkern und Trinkerinnen in den Kontakt mit britischen Silvestergepflogenheiten tritt und zu „Auld Lang Syne“ eine Schottenpolonaise tanzt. Um 1:30 Uhr werden wir als letzte verbliebene Gäste aus dem Pub geschmissen. „You don’t have to go home, but you can’t stay here!“

Am zweiten Januar plant FUDU die offizielle Eröffnung des Hopping-Jahres 2016. Ob es ein „fröhliches Neues“ wird, darf bereits jetzt in Frage gestellt werden. Diese Unsicherheit liegt darin begründet, dass die Eintrittskarten für das Highlight der Reise bereits in Deutschland bestellt und bezahlt – jedoch leider erst nach unserer Abreise postalisch zugestellt worden sind. Nun liegen unsere Karten also in Germany – und 2/3 der Reisegruppe in Glasgower Hotelbetten. Bereits um 10.00 Uhr morgens sind diese 66,66% zu 100% motiviert, sich fußläufig auf den Weg in Richtung Ticketoffice am „Celtic Park“ zu begeben, um diesen etwas unglücklichen Stand der Dinge zurechtzurücken. Und nach der in Falkirk gestellten Kofferaufgabe bleibt es auch gewissermaßen die Funktion FUDUs, die Schotten aus ihrer Komfortzone zu befördern und sie mit Fragen und Herausforderungen zu konfrontieren, die möglicherweise neu für sie sind. Daran können alle Beteiligten nur wachsen!

„Fackelmann“ und WIFI-Genius Dr. Dieter Fotzenhobel kommen auf dem Weg zum Stadion aber nicht an „TK Maxx“, einigen Sportläden und britischen Casual-Clothing-Boutiquen vorbei, ohne wenigstens kurz geschaut zu haben, ob man denn hier nicht auch etwas Geld loswerden könnte. Aufgrund der schottischen Körperformen und die daraus resultierenden Kleidergrößen scheitert das Unterfangen jedoch kläglich.

Eine gute Stunde später stehen wir am „Celtic Park“ und schießen staunend erste Fotos. Wenige Augenblicke später öffnet der Eintrittskartenladen und die überschaubare Menschenschlange wird abgearbeitet. In feinstem Scottish English wünscht der „Fackelmann“ zunächst ein „Happy New Yearrrrr“ – ein cleverer zwischenmenschlicher Schachzug, der dank des rollenden R Türen und Herzen öffnet. Das vermaledeite Kartenproblem ist schnell geschildert und die Lösung ebenso schnell herbeigeführt: Der gute Mann hinter der Glasscheibe druckt uns unsere Tickets einfach noch einmal aus und wünscht uns ein schönes Spiel. Ach, wie unkompliziert.

Der „Wirtschaftsflüchtling“ wird per SMS über den Erfolg der Reisegruppe informiert und zu 12 Uhr in einen Pub nahe des Hauptbahnhofs zitiert. Dort stoßen wir pflichtgemäß auf den positiven Verlauf des Tages an und hoffen derweil, dass wir den ersten Preis des „Wetherspoon“-Malwettbewerbs gewinnen werden. Liebe Kinder, malt euer Lieblingstier! Zwar können wir aufgrund der eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten den „VergeWalTiger“ nicht ins Rennen schicken, doch unter Umständen holt auch der „sexuelle Belästigungspanda“ die Kastanien für FUDU aus dem Feuer. Unser aller Lieblingsfetti wird angesichts mehrerer verspeister Pulled Pork Burger von einer Teilnahme ausgeschlossen. Alles andere wäre auch pietätlos gewesen.

Wir begeben uns im Anschluss auf den Rückweg zum Stadion und schwingen uns dank der gesammelten Erfahrungen auf dem Hinweg zu zielsicheren Reiseführern für den „Wirtschaftsflüchtling“ auf. Da wir noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff zu überbrücken und mittlerweile verstanden haben, dass man in Schottland nicht mehr Zeit als nötig vor und nach dem Spiel im Stadion verbringt, kehren wir noch in einen letzten Pub ein. Dieser liegt in Sichtweite zum Stadion, befindet sich in der Straße, die von zigtausenden Celticfans vierzehntägig passiert werden muss – und ist dennoch fest in Hand der Blauen. Der Union-Jack und ein Portraitfoto der Queen hinter der Theke lassen erste Vermutungen in diese Richtung aufkommen. Weitere Verdachtsmomente sind anhand einiger in blau gekleideter Menschen in der Lokalität schnell ausgemacht und als erste ältere Herren sogar mit stolz und offen getragenem Logo zu erspähen sind, kehrt Gewissheit ein. Wir sind hier tatsächlich in einer Rangers-Kneipe gelandet. Fünf Minuten vom „Celtic Park“ entfernt. Wenn hier keine Hoffnung aufkommt, relativ zeitnah Augenzeuge eines handfesten Kneipensturms werden zu können, wo denn dann?

Aber alles bleibt ruhig. Nach nur einem Bier und einem kurzen Fanshopbesuch betreten wir auch bereits das imposante Stadion und nehmen auf der Hintertortribüne Platz. Das Spiel beginnt. Wir warten auf das sagenumwobene „You’ll never walk alone“, freuen uns auf 46.000 ekstatisch feiernde Menschen, auf endlos lange „Just can’t get enough!“-Gesänge, auf den „Huddle“, auf markerschütternde „Bhoys“-Schlachtrufe und auf eine spielerisch überlegene Heimmannschaft, die ihre Gäste in alle Einzelteile zerlegt.

Aber alles bleibt ruhig. 70 Minuten später steht es noch immer 0:0. Das Spiel ist furchtbar niveauarm. Die Gäste von Partick Thistle halten die haushohen Favoriten durch Kampf und Leidenschaft fernab des eigenen Tores und verhindern mit simplen Mitteln den Spielfluss. Was allerdings noch wesentlich enttäuschender ist, ist die Stimmung im Stadion. Es. Gibt. Keine.

Halt, so nicht ganz richtig. Es gibt keine, die von den Heimfans erzeugt wird. Weder aus dem kleinen Ultrablock in der Kurve, noch sonst irgendwo her. Nicht ein Gesang, nicht ein Schlachtruf, nicht ein Pöbeln. Totenstill wäre es in der Arena, würden die gut 300 Gäste von Partick Thistle hier nicht ihre eigene Party feiern. Ebenfalls aus Glasgow stammend, überzeugen die Anhänger des konfessionslosen Clubs durch Ausdauer, Selbstironie, Witz und Sangesfreude. „There’s only one Team in Glasgow!“ wird trotzig vorgetragen und in Anspielung auf Celtics katholische Anhängerschaft immer mal wieder gerne ein schmissiges „Kumbaya“ in den Fußballtempel gesungen.

Längst haben die rot-gelben unsere Herzen im Sturm erobert, als auch noch Celticspieler Bitton mit gelb-rot vom Platz geschickt wird. Gästecoach Archibald reagiert umgehend und wechselt in Mathias Pogba keinen geringeren als den Bruder von Paul ein. Jetzt muss es mit einem überraschenden Auswärtssieg doch klappen!

Nach 80 Minuten schalten zehntausende Heimfans ihre Handytaschenlampen ein und leuchten in das weite Rund. Manch einer mag hier vielleicht von einem imposanten Bild sprechen, doch FUDU konstatiert nach dem bislang stimmungslosen Auftritt und dem deutlichen Abfall auf der Sympathieskala der „Bhoys“: Kitschkacke.

Nach 85 Minuten erfolgt ungelogen der erste deutlich vernehmbare „Celtiiiiiiiic, Celtiiiiiiiic, Celtiiiiiiiic“- Anfeuerungsruf, der von den Gästen zurecht mit hämischem Applaus begleitet wird.

In der 90. Minute würgt Griffiths einen abgefälschten Drecksball über die Linie. Celtic gewinnt schmutzig mit 1:0 und plötzlich erwachen die Heimfans und feiern, als hätte man gerade den FC Barcelona besiegt. Einige ätzende Familienväter postieren sich vor dem Gästeblock, zeigen den aktuellen Spielstand mit ihren Fingern an und lassen den Larry raushängen. So ekelhaft, dass FUDU gerne jedem einzelnen eins auf die Schnauze gegeben hätte…

Völlig frustriert und angewidert verlassen der „Fackelmann“ und ich das Stadion, das eigentlich zum Highlight der Reise auserkoren und nun zum Rohrkrepierer geworden war. Der „Wirtschaftsflüchtling“, noch immer vom Weltruf Celtics überzeugt, stellt die These auf, dass wir das mit Babelsberg doch alles genauso gemacht hätten. Nein, hätten wir nicht. Wir hätten die 90 Minuten lang in Grund und Boden gesungen, sportlich vernichtet und uns dann über sie lustig gemacht. So – und nur so – darf man das machen.

Als hätte es abschließend noch irgendetwas gebraucht, um Celtic bis an das Lebensende eher gelangweilt und kopfschüttelnd zur Kenntnis zu nehmen, begegnen uns Fans, auf deren Celtic-Schals allen Ernstes die Minions mit ins Design eingebettet sind. Ach, hört doch auf, wir gehen jetzt noch einen saufen.

In der vorletzten Bar der Reise führen wir Gespräche mit mehreren freundlichen Celtic-Fans, die teilweise von sich preisgeben, das Stadion angesichts der verheerenden Leistung bereits in der Pause verlassen zu haben. In der Fußballwelt kennen sie sich jedoch aus und so entwickelt sich eine doch recht kurzweilige Fachsimpelei: Union Berlin. Paul Lambert. Alan McInally. Jurgen Klopp. St. Pauli (sucks).

Nach Beendigung des Kneipenbesuchs fasst der Wirtschaftsflüchtling seine Raucherpausengespräche für den Rest der Reisegruppe zusammen. Besonders angetan hat es ihm eine Anekdote aus dem Jahr 1967. Es begab sich zu dieser Zeit, dass der Celtic Football Club den Pokal der Landesmeister gewinnen konnte. Noch heute erzählen sich die Fans Legenden und im Fanshop finden sich nur wenige Produkte, die nicht mit den Helden von damals bedruckt sind. Gewonnen hätten diese Trophäe niemand geringeres als die „lesbischen Löwen“, was der „Wirtschaftsflüchtling“ äußerst amüsant findet und auf die Kurzhaarfrisuren der Akteure zurückführt.

Die 100% motivierten 66,66% wirken belustigt als Korrektiv und verweisen darauf, dass das Finale 1967 in Lissabon stattgefunden hat und wir das heutige Spiel auf der „Lisbon Lions“-Tribüne verfolgt hätten. Grandios. Lost in Translation: Russische Juden sind die besten Stürmer in der Welt, am vierten Mai werde ich mit ihnen sein – und die ‚lesbischen Löwen‘ gehen fortan in die FUDU-Fußballgeschichte ein.

Den Abend bzw. unsere Reise lassen wir dann stilsicher im „Merchants“ ausklingen. Der Weg des „Wirtschaftsflüchtlings“ führt schließlich über Edinburgh nach München, während wir nach einer kurzen Nacht am Flughafen Glasgow wieder sanft und sicher in Berlin landen.

Um kurz vor 13.00 Uhr kehren wir am Ostkreuz beim Dönerimbiss unseres Vertrauens ein. Ich habe nur noch drei Euro einstecken und klage dem Dönermann, der gerade Salat schneidet und dabei raucht, mein Leid. Er entscheidet, mir einfach ein „Berliner Pilsner“ zum Döner zu schenken und ich entscheide mich, gemeinsam mit dem „Fackelmann“ den im britischen Fernsehen beworbenen „Dryathlon“ zu boykottieren. Listen, it’s law – FUDU trinkt eben zum Mittag!

So fühlt sich also „zu Hause sein“ an – und doch könnte es kaum etwas Schöneres geben, als möglichst schnell wieder in dieses verrückte Schott-Land zurückzukehren… /hvg