146 146 FUDUTOURS International 05.10.22 05:08:59

26.12.2016 Altrincham FC – FC United of Manchester 0:3 (0:1) / Moss Lane / 2.490 Zs.

Kaum ist der letzte Weihnachtsbraten verdaut, schmiedet Fetti auch bereits wieder große Pläne. Die diesjährige Jahresendreise wird ihn und seine adipösen Freunde nach Mittelengland führen.

Am Morgen des 26.12. besteigen Fackelmann und ich die Regionalbahn am Ostbahnhof auf dem Weg zum Flughafen Schönefeld. Während der Junior der Reisegruppe topfit in das letzte Unterfangen des Jahres startet, ist der alte Mann von einem sich manifestierenden grippalen Infekt schwer gezeichnet. Da sich auch der Zusammenstoß seines rechten Knies mit einem Metallpfosten vor einigen Wochen nicht zu seinen Gunsten ausgewirkt hat, darf getrost von einem erbärmlichen Zustand gesprochen werden, an dem im Rahmen des kommenden Wellness-Urlaubs gerne gearbeitet werden darf.

Zunächst arbeiten sich Fetti, Fackelmann und Co aber an der biestigen Zugbegleiterin der DB ab. Es ist immer wieder abenteuerlich, wie man sich in einer Regionalbahn zu einem Flughafen über zu viele Koffer in den Gängen beschweren kann. Auch unser Reisegepäck steht in Ermangelung von Stauraum vor einer Tür, auf der ein Piktogramm darauf hinweist, an dieser Stelle nichts in den Weg zu stellen. Bedauerlich, dass die grummelnde Zugbegleiterin genau diese Tür für die Fortsetzung ihres Weges auserkoren hat und nun mit dem anarchistischen Flügel FUDUs in den verbalen Schlagabtausch gehen muss. „Steht doch da, dass man da keine Koffer abstellen darf!“, schimpft sie in unfreundlich-deutsch, gezeichnet von der schweren Schicht, die daraus besteht, acht Stunden durch einen Gang zu laufen und Fahrkarten anzugucken. Bei diesen unmenschlichen Belastungen unter diesen Extrembedingungen kann die Laune natürlich auch schon mal morgens um 9.00 Uhr im Keller angekommen sein, denkt sich der empathische Fetti und antwortet: „Naja, is ja keen Koffer, is ja’n Rucksack!“

Immer wieder schön, wenn ein einziger blöder Spruch die Funktion der Stummtaste übernimmt, das Gegenüber urplötzlich schweigt und es dann doch möglich ist, einfach einen großen Schritt über die Rucksäcke zu machen, anstatt sich in sinnlosem Beschwerdemanagement zu verknoten.

Überaus rechtzeitig reihen wir uns dann in die endlos lange Schlange am Sicherheits-Check-In unseres Terminals ein. Da ist es wieder, dieses Schönefeld-Phänomen: Entweder man steht zwei Minuten an – oder dreißig. Dazwischen gibt es nichts und so sind wir glücklich, dass wir bereits gut 90 Minuten vor Abflug am Flughafen angekommen sind. Während wir uns auf eine gemütliche Wartezeit einstellen, erlöst uns ein neongelber Flughafenordner mit dem Ausruf: „Alle Passagiere nach Manchester, mir nach!“. Etwas verwundert folgen wir diesem Ausruf und stehen dann wenige Augenblicke später in einer Minischlange eines anderen Terminals und wiederum nur kurz danach mit einem Dosenbier an der Kasse des Duty-Free-Shops. Knapp 80 Minuten vor Abflug orientieren wir uns an der Anzeigetafel und stellen fest, dass ein weiterer Flug nach Manchester in weniger als 20 Minuten startet. Oh, dann war der eben wohl gemeint. Excuse me!

In Manchester angekommen haben wir uns schnell orientiert und die Straßenbahnlinie F gefunden, die uns vom Flughafen in die Innenstadt transportiert. Dort wird aus Zeitgründen der Plan verworfen, zunächst im Hotel einzuchecken und anstatt dessen beschlossen, mit dem Reisegepäck in die Straßenbahnlinie A einzusteigen, die uns nach Altrincham an den Stadtrand befördert. Die Traditionalisten von FUDU haben 2014 Koffer und Rucksäcke in das Stadion von Stoke City und 2015 in die Arena des Falkirk FC hineindiskutiert, also wird sich auch in Altrincham ein Ordner finden lassen, dessen Ängste vor terroristischen Anschlägen und geschmuggelten Alkohol mit einigen wenigen freundlichen Worten therapierbar sind.

Die Straßenbahnlinie A fährt an der Trafford Bar vorbei und leert sich dann an der Station „Old Trafford“ beinahe in Gänze. Hier wird heute Manchester United den AFC Sunderland zum Stelldichein empfangen. FUDUs kurz aufblitzendes Interesse, diesem Spektakel beizuwohnen, wurde durch die Ticketpreise (70 Pfund) beziehungsweise durch die erpresste Mitgliedschaft (100 Pfund), die zum Erwerb benötigt wurde, jäh beendet. Dann doch lieber die National League North („Bananarama-Liga“) besuchen, in der es sicherlich ehrlichen Fußball zu sehen gibt!

Schnell haben wir dort einen freundlichen Ordner gefunden, der unser Reisegepäck als nicht besonders problematisch erachtet und wir betreten die Moss Lane, die leider über einen albernen Sponsorennamen verfügt, mit großen Augen. Hinter beiden Toren kann man uralte schiefe Stehtraversen bestaunen, wobei lediglich die der Heimseite über ein Dach verfügen. Auf den Längsseiten gibt es eine kleine Holztribüne samt Vereinsheim und eine schnuckelige Gegengerade, ebenfalls mit Stehplätzen, zu goutieren. Ein kleiner, aber feiner englischer Ground alter Tage mit handgezählten 6.085 Zuschauerplätzen.

Das Spiel beginnt. Von der ersten Sekunde an machen beide Mannschaften deutlich, dass hier heute kein Fußball gespielt, sondern Fußball gearbeitet wird. Nach nur fünf Minuten verliert der Gast aus Manchester in diesem „Straßenbahnderby“, welches es als Pflichtspiel bis zu diesem Tag noch nie gegeben hat, verletzungsbedingt seinen ersten Spieler. Das kommt den Hausherren sicherlich zupass, die ihrerseits auf vier Stammkräfte verzichten müssen, so erzählt man sich auf den Traversen. Schnell werden bei dem hemdsärmeligen Gebolze zwischen dem Tabellenletzten aus Altrincham und dem Club aus dem Niemandsland der Tabelle die Bälle knapp. FUDU will nach zehn Minuten jedenfalls gerade eine Notiz wegen zweier über das Tribünendach geschossener Bälle anfertigen, als Altrinchams Keeper Deasy einen weiteren Rückpass beherzt in die Innenstadt drischt.

Wenn es mit dem Fuß nicht so gut funktioniert, dann müssen eben Standardsituationen zum Erfolg führen, bei denen man die Hände zur Hilfe nehmen kann, werden sich die Akteure des FCUM in der 21. Minute gedacht haben, in der ein weiter Einwurf gleich mehrere Defensivakteure des Altrincham FC aus der Bahn wirft und letztlich durch Tom Brown verwertet werden kann. 722 Fans im Auswärtsblock sind aus dem Häuschen, bleiben im Verlauf des Spiels aber leider häufig hinter den Erwartungen zurück und erfreuen uns auch nur ein einziges Mal mit dem wunderbaren „This is the worst trip, I’ve even been on“-Gesang.

In der Halbzeit schwinge ich mich auf, erneut zum Cateringverlierer zu werden und bestelle einen Burger mit Fries. Noch bevor mir der picklige Junge hinter dem Tresen mein Essen kredenzen kann, rettet mich ein Einheimischer, indem er mir zwingend von dieser Bestellung abrät. Junge, wenn dir ein Engländer von einem Nahrungsmittel abrät, dann ist Eile geboten und ich gebe dem Griller zu verstehen, dass man den Burger dann doch lieber weglassen solle und ich mich auf Pommes mit Essig beschränke. Der gute Mann neben mir zeigt den Null-Problemo-Daumen und ich würde ihm am liebsten in die Arme fallen.

In der zweiten Halbzeit gelingt es den Hausherren nicht, Druck zu entfachen und Chancen zu kreieren. Zwar haben sie fast durchgängigen Ballbesitz, doch die Torabschlüsse aus der zweiten Reihe stellen alles andere als eine Gefahr für United dar, welche ihrerseits mit dem allerersten Angriff des zweiten Spielabschnitts mit 2:0 in Führung gehen. Die Entstehung ist der Qualität des Spiels angemessen: Ein weit geschlagener Ball springt vor einem Verteidiger zunächst derart unglücklich auf dem Rasen auf, dass er nicht per Kopf geklärt werden kann, sondern unkontrolliert im Verteidigergesicht einschlägt, von wo aus er in den Füßen eines Angreifers landet, der aus spitzem Winkel gleichermaßen ungenau wie kräftig abzieht, sodass der Keeper beinahe mit ins Tor gescheppert wird. Von dem gestählten Kneipenkörper Tim Deasys prallt das Spielgerät nach vorne, wo Jason Gilchrist – den Ball ins leere Tor schiebend – nach 73 Minuten „Thank You!“ sagt.

Das 3:0 lassen die Gäste aus Manchester zunächst in atemberaubend arroganter Manier liegen. Wer alleine auf den Torhüter zuläuft, sollte nur dann lupfen, wenn er es kann. So kommt am Ende noch einmal Atmosphäre auf, als Altrincham in schöner Kick-and-Rush-Manier die Bälle im Sekundentakt in den Strafraum des Gegners befördert. Permanent fallen Spieler zu Boden und permanent reklamiert das Publikum, wohl wissend, dass ohne Standardsituation oder gar Strafstoßpfiff hier kein Treffer erzielt werden kann. Am Ende jubeln nur noch die Gäste, die in der Nachspielzeit einen Konter zum 3:0 verwerten können und dann den verdienten Auswärtssieg mit ihren Fans begießen.

Im Vereinsheim gibt es nach dem Spiel „Wainwright Golden Ale“ für mich und den Fackelmann, während die Akteure beider Mannschaften Pommes und Bier an den Nebentischen konsumieren. Ein echter Breitensportler achtet eben auf seine Ernährung.

Unser erster Tag in Manchester endet dann mit einem TESCO-Einkauf am St. Peter’s Square. Neben Carling, beinahe abgelaufenen Entenwraps und einem Grippemedikament landen auch sechs Dosen Pimm’s Nr. 1 im Einkaufswagen FUDUs. Diese befinden sich aktuell im Ausverkauf und sind dermaßen preiswert, dass selbst der ausverkaufpreiserfahrene TESCO-Kassierer noch einmal nachprüft, ob das denn so alles seine Richtigkeit haben kann. Auf den Schnaps-Limo-Dosen prangt der Slogan „Ideal for Picknicks“ und wir sind bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Reise abermals mit England befreundet. Die Grippemedikamente schlagen schnell an und auch mein Knie fühlt sich nach einigen Drinks plötzlich geheilt an. This is the best trip, I’ve ever been on! /hvg