865 865 FUDUTOURS International 07.06.20 10:53:08

16.07.2017 NK Rudar Velenje – NK Domžale 2:1 (1:1) / Mestni stadion Ob jezeru / 850 Zs.

Für unseren ersten Slowenien-Aufenthalt wählte ich als Basis vor der Reise das Städtchen Velenje aus. Geografisch liegt es sehr günstig, so sind Maribor eine Stunde, Ljubljana eineinhalb und Celje nur eine halbe Stunde entfernt. Ich versuche immer gern, einen schönen Zeltplatz in Stadionnähe zu finden und dieser liegt zusätzlich genau am Velenje-See (geflutete Abbaggergrube). Auch die zweieinhalb Stunden Fahrt aus Hirschegg passen ebenfalls gut in den Zeitplan. Erst deutlich später, ich schwöre – oder wa-llāh, wie man am Kotti sagen würde – fällt mir auf, dass der NK Rudar Velenje in der erstklassigen „Slovensko Nogometna Liga“ spielt und an unserem Anreisetag zufällig ein Heimspiel am ersten Spieltag gegen den NK Domžale stattfindet. Klar, dass schleunigst ein spontaner Besuch geplant wird, auch wenn das „Jottwede“ sinngemäß warnt, „man solle (fußballerisch) um Slowenien einen großen Bogen machen, außer wenn die Partie NK Maribor – NK Olimpia Ljubljana heißt oder international gespielt wird“.
Naja, ganz so übel wird es schon nicht werden!

Velenje hieß bis 1991 „Titovo Velenje“ und irgendwo in der Stadt gibt es auch eine Tito-Statue, die wir aber aufgrund der Hitze nur halbherzig suchen und dann doch eher dem kühlen Nass und dem Biertrinken im Schatten den Vorzug geben. Velenje ist ansonsten für den Abbau von Lignit bekannt. Lignit ist minderwertige Braunkohle und hat nur einen geringen Heizwert und fatalerweise entsteht während der Verfeuerung sehr viel Schwefeldioxid. Trotz alledem deckt Ljubljana damit den größten Teil seines Fernwärmebedarfs. Die Zeche ist auch nicht weit vom Zeltplatz entfernt und so weht, bei ungünstigem Wind, ein recht unangenehmer Geruch herüber. Am Bergbau ist natürlich nicht alles schlecht, besonders wenn Schicht im Schacht ist. So entstanden hier durch die Rekultivierung und Revitalisierung der ehemaligen Abbauflächen gleich drei Seen (Velenjsko-, Družmirsko- und Škalsko-Jezero).

Wer sich schon einmal fragte, woher die zuverlässige, aber preiswerte Waschmaschine der Marke „Gorenje“ stammt, dem sei gesagt, dass „Gorenje“ eine Haushaltsgerätefirma aus Slowenien ist, genauer gesagt aus Velenje, mit Sitz unweit unseres Zeltplatzes. Der kommunikative Zeltplatzleiter – nein, dieses Mal kein Niederländer – berichtet nach dem Perso-Check inklusive Kenntnisnahme unserer Heimatstadt, dass sein guter Freund im September zur IFA fahren wird, um die Marke zu präsentieren, womit sich für Nadjuschka aufgrund ihrer Diensttätigkeit der Kreis schließt. Und nein, Eintrittskarten für die Venus hat sie nicht.

Das Stadion ist fußläufig vom Zeltplatz entfernt. Es liegt am kleinsten der drei Seen, dem Škalsko-Jezero und wir müssen nur dem Uferweg folgen, um nach 20 Minuen das Mestni stadion Ob jezeru, frei übersetzt „Stadion der Stadt am See“, zu erreichen.

Im minimalsten Fanshop wird uns auf unsere Trikotanfrage ein Langarmtrikot der Saison 2015/16 von Jaka Ihbeisheh (#23) für 20 € angeboten. Dieser ist ein in Ljubljana geborener aktueller Nationalspieler Palästinas, welcher anderthalb Jahre hier spielte und aktuell bei Police Tero FC in Thailand unter Vertrag steht. Am Ende zahlen wir, nachdem die Kassiererin wie wild mehrere Tasten der Registrierkasse gedrückt hat, nur noch 15,29 € für das Jersey und die Angestellte gibt uns noch einige slowenische Vokabeln mit auf den Weg, welche wir aber leider schon nach Verlassen des Geschäfts wieder vergessen, bis auf das Wort „Hvala“(Danke), weil es so ähnlich klingt wie das oben erwähnte „wa-llāh“.

Für faire 5 € betreten wir das Stadion, welches aus einer Haupttribüne mit wurmstichigen Holztreppen und einer Hintertor-Stehtribüne mit ein paar Stufen besteht, welche in einen Grashang hineingesetzt wurden. Dort hinter befindet sich ein großes „Ultras Velenje“ Graffiti, allerdings ist von den „Velenjski Knapi 1996“ im Stadion selbst nichts zu sehen. Anstattdessen gibt es noch eine Anzeigetafel zu sehen, welche per Hand betrieben wird. Der ältere Herr, der dies tut, döst im Schatten daneben. Eine Gegengrade gibt es nicht, sodass ungestörte Sicht auf Auswechselbänke und Sprecherturm besteht.

Da der Weg bei der Hitze recht beschwerlich war und das Vokabelnpauken im Fanshop ebenso, sind wir natürlich durstig, daher mache ich mich auf die Suche nach einem Bierstand. Leider erfolglos, ist mir vorher schon aufgefallen, dass niemand im Stadion isst oder trinkt, ist es jetzt Gewissheit, es gibt kein Catering, dafür nur Verlierer.

Der Nogometni Klub Rudar Velenje wurde 1948 gegründet. 1977 wurde er slowenischer Fußballmeister und qualifizierte sich dank dieses Triumphes für die zweite jugoslawische Fußballliga, welcher der Verein bis 1982 angehörte. Diese Meisterschaft und die Zeit des qualitativ wohl hochwertigsten Fußballs in Velenje während des kalten Krieges verschweigt die offizielle Website des Vereins übrigens ebenso wie den Pokaltriumph 1980. Mit den Titeln und Erfolgen, die während der Unterjochung Jugoslawiens gefeiert wurden, will man heutzutage ganz offenbar nichts zu tun haben. Stolz ist man hingegen auf die slowenische Meisterschaft von 1991 – die letzte vor dem Zerfall Jugoslawiens und vor der endgültigen Eigenständigkeit der slowenischen Liga. Dieser gehört Velenje, abgesehen von einer kurzen Zeit der Zweitklassigkeit, seitdem ununterbrochen an. Der größte Erfolg der Vereinsgeschichte ist der Pokalsieg von 1998, ansonsten wurde, „Dank“ der Übermacht der Clubs aus Maribor und Ljubljana nichts weiter gerissen.

Bekannte Persönlichkeiten, die im „Mestni stadion Ob jezeru“ wirkten, sind Bojan Prašnikar (seine zweite Amtszeit in Velenje schloss an seinen Rauswurf bei Energie Cottbus an – zum wievielten Mal starb die Region damals eigentlich?), dessen Sohn Luka und der spätere „Pummel-Profi“ Klemen Lavrič.

Velenjes Gegner aus Domžale ist amtierender Pokalsieger (sensationelles 1:0 gegen Ljubiljana in Koper) und spielt daher in der Europa-League-Quali, eliminierte dort in der ersten Runde Flora Tallinn und spielt aktuell in Runde zwei gegen Valur Reykjavík. Dort gewannen sie vor drei Tagen 2:1 und das Rückspiel werden wir im nah gelegenen Domžale wohl besuchen können.

Der Gast rotiert daher heute auf einigen Positionen und hat anfangs trotzdem mehr vom Spiel. Mehrere Torabschlüsse der Gäste, darunter ein Heber und ein Schuss nach einer schönen Einzelaktion, verfehlen das Tor nur sehr, sehr knapp. Den Treffer erzielt aber Rudar nach einer halben Stunde, Tučić trifft mit dem Kopf, vorher hatte Domžale den Ball nicht klären können. Dank dieser Nachlässigkeit kommen wir in den „Genuss“ der Tormusik. Diese ist ein wildes Akkordeon Lied, was zum ersten Mal an diesem Tage die Haupttribüne zum Ausrasten bringt. Was natürlich nachvollziehbar ist, da mir bekannt ist, dass Nejc Pačnik, seines Zeichens Akkordeon-Weltmeister von 2015 auf der steirischen Harmonika, aus der Nähe von Velenje stammt.

Der Ausgleich fällt keine fünf Minuten später: Eine Flanke zentral vor den Sechzehner möchte Rudar Keeper Matej Radan klären, allerdings schlägt dieser am Ball vorbei, welcher unbehelligt in den Strafraum rollt, wo ihn sich Franjić schnappt und den Ausgleich erzielt. Rudar hat danach noch zwei Chancen, lässt beide aber ungenutzt. Da wir sehen, dass sich mit dem Halbzeitpfiff die komplette Belegschaft der Haupttribüne zu den Ausgängen bewegt und wir sowieso unseren Platz wechseln wollten, folgen wir der Meute nach draußen. Und siehe da, es gibt einen Bierstand! Dort bestelle ich zwei Büchsen Laško für uns, welche wir uns in der Halbzeit rein prügeln, da einige grimmige Polizisten und zwei alte Ordner kontrollieren, dass niemand mit Bier in der Hand wieder ins Stadion gelangt.

Wir positionieren uns danach neben der Haupttribüne, dies hat den Vorteil, dass wir noch die letzten Sonnenstrahlen abkriegen und wir können so auch vor der älteren Dame ohne Zähne flüchten, welche uns mit ihrem Gekreische und Gebrüll im ersten Spielabschnitt doch arg stresste.

In der zweiten Hälfte gibt es Chancen auf beiden Seiten. Domžale wirkt zum Ende müde und so ist es Novak, der kurz vor Schluss (88. Minute) mit einem Gewaltschuss, nach vorheriger schöner Körpertäuschung, den Ball unter die Latte hämmert. Der Ball springt zwar wieder aus dem Tor, aber der Schiedsrichter entscheidet, den Treffer anzuerkennen. Danach setzt natürlich wieder die übliche Tormusik ein und auf der Haupttribüne wird vor Freude getanzt und dabei auch „Luft-Akkordeon“ gespielt.

Mit dem Abpfiff verlassen wir das Stadion, kehren noch in unserer Zeltplatzkneipe ein und stoßen mit Union-Bier aus Ljubljana vom Fass an, um zu testen, ob uns dieses besser schmeckt als das aus der Dose, welches Hoolger aus Maribor mitgebracht hatte und durch unsere strenge Biersommelier-Wertung gefallen war. Aber nein, in Slowenien nur Laško und in Berlin nur Union! /hool