950 950 FUDUTOURS International 26.06.19 01:58:00

22.04.2018 1.FC Lok Stendal – FC International Leipzig 0:4 (0:1) / Stadion am Hölzchen / 365 Zs.

Am Samstagabend scheint das Sportwochenende eigentlich bereits gekrönt. Nach dem eher durchwachsenen Auftritt des 1.FC Union (1:1 gegen Heidenheim) hat die deutsche Eishockeynationalmannschaft vor mehr als 4.000 Zuschauern im altehrwürdigen „Wellblechpalast“ die Auswahl Frankreichs mit 2:1 nach Verlängerung bezwungen. Erstmals lief Leon Draisaitl als Kapitän in der WM-Vorbereitung für den DEB auf das Eis und überragte alle anderen Akteure um Längen. Was für eine Puckkontrolle. Was für eine Geschwindigkeit. Und das Ganze nach zwei Wochen ohne Spielpraxis. Mit Jetlag in den Beinen. Da bleiben der Hoollege und meine Wenigkeit mit offenen Mündern zurück: Das war Eishockey von einem anderen Stern!

Aber noch verbleibt ja ein Tag auf der Wochenenduhr, um ein weiteres (sportliches) Highlight zu erleben. An diesem sonnigen Sonntag ruhen meine Hoffnungen, irgendwann einmal eine unterhaltsame Geschichte über einen Ausflug schreiben zu können, auf folgenden Bausteinen: Wochenendticket, Altmark, Stendal, Spargel, Fahrradtour, Hölzchen.

Eingeladen zu dieser Tour ist neben mir auch der „Fürst von Lichtenberg“ (letzte urkundliche Erwähnung im Dezember 2012), der sich heute endlich einmal wieder ein Fußballstadion von Innen ansehen wird. Gastgeber ist ein gemeinsamer Freund, der mit Fußball so rein gar nichts an der Pepita hat, aber einige Jahre seiner Kindheit in Stendal verbringen durfte und uns heute bei seinen Großeltern zum Mittagessen angemeldet hat.

Anlässlich dieses Unterfangens trifft man am sonnigen Sonntag des 22. April am Berliner Hauptbahnhof aufeinander. Der Treffpunkt wirft erste Fragen auf, da der „Lange“ das „Regierungsviertel“ als auserwählten Ort benennt, was Fetti, den Reichsbürger, vor schier unlösbare Probleme stellt. Wenn man die Regierung nicht anerkennt, dann kann es ja wohl auch kein Regierungsviertel geben. Er schlägt daher vor, sich auf der „Nichtregierungsviertelseite“ zu treffen. Da vermutlich wie jedes Mal auch irgendwelche Sicherheitsbehörden mitlesen, kann es auf jeden Fall nie schaden, ein wenig Verwirrung zu stiften, auch wenn diese Aussage dafür sorgt, dass man auch innerhalb der Reisegruppe noch 2-3 Mal über kreuz „simsen“ muss, ehe man zusammengefunden hat.

Letztlich sitzen wir dann doch zu dritt in der Regionalbahn via Rathenow nach Stendal. Obwohl die Großeltern angeblich sehr liberal und weltoffen sind, entscheiden wir uns dagegen, ihnen zur Begrüßung die Geschichte aufzutischen, der „Lange“ hätte sich von Frau und Kind losgesagt, um mit uns eine schwule WG zu gründen. In Stendal angekommen, werfen wir zunächst einen Blick auf das Krankenhaus, in dem unser heutiger Stadtführer das Licht der Welt erblickte. Im Anschluss geht es entlang der Uchte durch gähnend leere Parkanlagen, vorbei an menschenleeren Spielplätzen. Schon damals, als der „Lange“ noch ein „Kurzer“ war, unternahmen seine Großeltern mit ihm regelmäßig Ausflüge in das Freibad Wolfsburg, wo sich die Kinder Stendals auch heute mutmaßlich knäueln dürften. Hat sich in all den Jahren offenbar nichts geändert. Übel stößt uns auf, dass die Kneipenlandschaft Stendals vollkommen zum Erliegen gekommen ist. Auf dem langen Fußweg bietet sich nicht eine einzige Möglichkeit zur Einkehr.

Um so dankbarer sind wir, dass uns der Opa mit einem Bier in Empfang nimmt. Dieses müssen wir nun schnell im Innenhof leeren, damit die Oma nichts davon mitbekommt. Da wir echte Kumpels sind, lassen wir den Herren des Hauses nicht hängen und schütten uns das Willkommensgetränk bei einem gepflegten Smalltalk über Stendal hinter die Binden. Gerade eben ist der letzte Tropfen unsere Kehlen hinuntergeperlt, da reißt die Oma das Fenster auf: „Essen ist fertig!“.

Es gibt Koteletts. Für jeden mehr als genug. Und weil sich die Oma nicht sicher war, ob wir lieber Kartoffeln, Pilzsoße, Mischgemüse oder Spargel zum Fleisch hätten, hat sie der Einfachheit halber alles zubereitet. Obwohl der Tisch so kaum noch Kapazitäten lässt, bekommt der „Fürst von Lichtenberg“ noch seine Extra-Wurst. Ihm eilt bekanntlich der Ruf voraus, kein Fleisch am Stück konsumieren zu wollen und so hat es sich auch bis Stendal herumgesprochen, dass man ihm eher mit einer guten Rostbratwurst Freuden bereiten kann. Nach Abschluss der Völlerei begleiten wir den Großvater in seinen Hobbykeller, in dem er gleich drei Fahrräder präpariert hat, mit denen wir zum Stendaler „Hölzchen“ fahren wollen. Ein bisschen Sport kann ja nie schaden – aber nicht, bevor wir mit dem gesundheitlich angeschlagenen Senior noch ein zweites Bier getrunken haben. Zwischen Werkzeugen und Kalendern mit barbusigen Frauen hat der Fuchs noch vier Pullen Hasseröder versteckt. Was die Oma nicht weiß, macht sie nicht heiß. Oder wie der „Lange“ vermutet: „Sie weiß genau, was hier passiert. Aber alles, was unter Tage geschieht, wird geduldet.“

Wir passieren radelnd die „größte digitale Werbetafel der Altmark“. Jede Stadt hat wohl so ihren ganz eigenen Superlativ. Am Stadion haben wir dann schnell Parkplätze für unsere drei Drahtesel gefunden. Ganz offensichtlich sind wir nicht die einzigen, die in Stendal auf dieses Fortbewegungsmittel setzen, doch der Verein hat ausreichend Abstellgelegenheiten bereitgestellt.

Nachdem wir noch ein Bier im Vereinsheim verzehrt und im Stadion Platz genommen haben, stelle ich fest, dass ich mein Handy irgendwo vergessen habe und im Laufe des Spiels die gewohnten Notizen leider nicht anfertigen können werde. Hinter uns bläken sich zwei Babys die Seele aus dem Leib und ich bin nach Rundumblick durch das modernisierte „Stadion am Hölzchen“ ganz in Gedanken bei einem youtube-Video, das nicht nur das „Hölzchen“ in seiner einstigen Verfassung zeigt, sondern auch der ewig jungen und stets adrett gekleideten „Sport Im Osten“-Ikone Bodo Boeck ein Gesicht gibt.

Heute – gerade einmal 23 Jahre nach diesem legendären Pokalviertelfinale gegen Leverkusen – ist der 1.FC Lok Stendal 14. der NOFV-Oberliga-Nordost-Süd. Die Gäste aus Leipzig liegen auf dem zweiten Tabellenrang und duellieren sich mit „Schiebock“ aus Bischofswerda um den Aufstieg in die viertklassige Regionalliga. In den ersten fünfzehn Minuten wehren sich die Außenseiter tapfer. Hochmotiviert starten die Stendaler in die Partie und gehen beherzt in jeden noch so belanglosen Mittelfeldzweikampf. Doch nach nur 19 Minuten ist Schluss mit der Herrlichkeit. Kimmo Hovi bringt den Favoriten mit seinem 19. Saisontor mit 1:0 in Führung. Und wer in seiner Karriere mit lediglich 23 Lenzen bereits in Finnland, Malta und Spanien gespielt hat, der hat sich wohl einen Startplatz im Kader des FC International Leipzig redlich verdient…

In Folge kann der FC Inter sein gefürchtetes Spiel problemlos aufziehen. Kurz nach dem Führungstreffer verpasst Hovi die große Chance auf das 0:2, doch auf dem Weg in das leer Tor steht dem Ball nur noch der Pfosten im Weg. Wann immer Stendal sich in die gegnerische Hälfte wagt, steht Verteidiger Petar Trifonov zum Abräumen bereit. So gut muss man erst einmal sein, dass man als Defensivspieler in der Oberliga den Hass des Heimpublikums auf sich zieht.

Weniger beeindruckend sind jedoch die Starallüren, die die Spieler des FC Inter mit in ihr Spiel einflechten. Es gibt kaum Duelle, nach denen die „Interisti“ nicht auf den Boden fallen und wild gestikulierend markerschütternde Schmerzschreie von sich stoßen. Dazu wird nach jedem noch so kleinen Zweikampf der Schiedsrichter angefleht, lamentiert, diskutiert. Schade, dass all dieses Gebaren offenbar dazugehört, wenn man sich zu höherem berufen fühlt als lediglich zu Fünftligafußball…

In der Halbzeit reiben sich 2/3 der Reisegruppe über die noch immer gut gefüllten Bäuche, während der „Lange“ aus Reminiszenz an seine alten Stendaler Tage einfach einen Klops vom Grill essen muss – ob er will, oder nicht. Nachdem er den Hackfleischball heruntergequält hat und wir gemeinsam auf der Toilette eine leichte Spargelmarke hinterlassen haben, wechseln wir von der Haupttribüne hinter das Tor, um der Stendaler „Waldseite“ etwas näher sein zu können. Gerne wollen wir uns einen Überblick verschaffen, welche Menschen hier regelmäßig zum Fußball pilgern und den 1.FC Lok unterstützen.

Während der FC Inter die „Lokisten“ auf dem Rasen in die Schranken weist und nach 51 Minuten durch Japano-Sachse Christopher Misaki auf 2:0 erhöht, fällt die Publikumsanalyse in Sachsen-Anhalt verheerend aus. Der Gast aus Leipzig kommt mit seinem Konzept, Spieler aller Nationalitäten zu einem Team zu vereinen, gerade recht, um das schwelende Wutbürgerpotential wachzuküssen. Von „Eselfickern“, „Asylanten“ und „gefälschten Asylanträgen“ ist in diversen Pöbeleien die Rede, um die multikulturelle Truppe der Gäste zu verunglimpfen. Und wann immer es gerade überhaupt gar keinen Grund gibt, um auf einen Gästespieler sauer zu sein, muss halt der Linienrichter dran glauben und damit leben, dass ihm ständig ein Wendeverlierer auf dem Zaun im Nacken hängt und ihn als „Hurensohn“ beschimpft. Oh man. Selten hat man so viele verkochte Klopse auf einem Haufen gesehen.

Nach 53 Minuten wird Vincent Kühn unberechtigt mit einer gelb-roten Karte des Feldes verwiesen. Klar, dass dies nicht unbedingt zur Beruhigung des Heimpublikums beiträgt, welches nun dem Unparteiischen an die Wäsche will. Sportskamerad Trifonov („die langhaarige Zecke!“) gelingt es in diesem Tohuwabohu unbemerkt das Feld zu verlassen, ohne dass er mit Bier beschmissen wird. Guter Zeitpunkt für eine Auswechslung.

In Folge wird die nun noch offensiver eingestellte Gästemannschaft ihre drückende Überlegenheit in Tore ummünzen können. Die beiden Treffer durch Ogün Gümüstas (Die Kochklöpse werden angesichts gleich dreier Ü’s vermutlich ausrasten vor Glück!) in der 71. und 74. Minute wären jedoch zu verhindern gewesen, doch beim ersten Gegentor schlägt ein Stendaler Verteidiger über den Ball anstatt selbigen von der Linie, während beim zweiten Gegentreffer Pfosten und Torwart in Kooperation notwendige Unterstützung leisten, um den Ball über die Torlinie zu bugsieren. Das hat sich der Heimblock redlich verdient.

Wir haben uns längst räumlich von diesem entfernt und genießen die letzten Sonnenstrahlen in der Kurve. Vor lauter Schreck falle ich beinahe von der Sportplatzbarriere, als der Stadionsprecher verlautbaren lässt, dass ein „Handy älterer Bauart“ gefunden und in der Stadionregie abgegeben worden sei. Wenige Sekunden nach dieser Durchsage wird dank Axel Foley ein ordentlicher Spannungsbogen erzeugt, ehe der Sprecher die offizielle Zuschauerzahl verkündet: 365, Rekordbesuch! Schade, da habe ich mich um genau 15 Menschen verschätzt.

Währenddessen hat der „Lange“ schon längst mit seiner Großmutter telefoniert und eruiert, dass mein Handy wirklich auf dem Mittagstisch verblieben ist. Genau wie meine Sonnenbrille. Da müssen sich die zwei schnellen Bier mit Opa’chen sicherlich eine Teilschuld eingestehen.

Mit dem Fahrrad geht es zurück in die Innenstadt. Wir besichtigen das Rathaus mit Roland und stellen uns folgende Frage: Welche Städte schmücken sich mit einem solchen und welche Bedingungen gilt es zu erfüllen, um genau jenes zu dürfen? Die Antwort auf die Frage, welcher bundesdeutsche Ort am weitesten von der Autobahn entfernt ist, lautet „Salzwedel“. Zwar auch eine Stadt in Sachsen-Anhalt, aber streng gesehen nicht exakt der passende Moment, um das unnütze Wissen des Fürsten zu platzieren. Die Antwort auf die erste Frage werde ich irgendwann einmal recherchieren, wenn sich ein Zeitfenster hierfür auftut. Möglicherweise unternehme ich ja zu diesem Zwecke eine Fahrt mit dem Standaler Rathausaufzug, der es wegen seiner Nichtgeschwindigkeit unlängst gar in das Fernsehen geschafft hat…

Anschließend erweisen sich das Uenglinger Tor und die Fachwerkhäuser der Altstadt als sehenswert. Am Ende des Tages kehrt der „Lange“ am Winckelmannplatz ins „Café Müller“ ein, in dem einst seine Oma arbeitete und die eine oder andere Kugel Eis auf’s Haus springen ließ. Heute muss er jedoch zahlen und abermals steht die Erkenntnis im Raum, dass früher alles besser war.

Zum Beispiel der Fußball in Stendal. Das Pokalspiel gegen Bayer Leverkusen von 1995 ist allgegenwärtig. Der Großvater macht uns darauf aufmerksam, dass sich der 1.FC Lok erstmals seit 1996 (Erstrundenaus gegen Hertha BSC) wieder für die erste Runde des DFB-Pokal qualifizieren konnte und er sich Union als Gegner wünscht. In wenigen Wochen erfolgt die Auslosung. Wenn es die Glücksfee gut mit uns meint, sind wir nach unserer Erstrundenniederlage also zum Essen eingeladen. Und vielleicht gibt es ja dann endlich Kochklops für alle. /hvg