246 246 FUDUTOURS International 15.10.19 10:45:19

04.07.2018 Chemnitzer FC – 1.FC Union Berlin 1:3 (0:0) / Werner-Seelenbinder-Sportstätten / 939 Zs.

Vor 11 Jahren ist der VfB Herzberg 100 Jahre alt geworden. Zur Feier des Tages wurde damals ein Fußballspiel zwischen dem 1.FC Union Berlin und dem FC Energie Cottbus auf dem Hauptfeld der Werner-Seelenbinder-Sportstätten vor 3.150 Zuschauern abgehalten. 11 Jahre später, der eine oder andere Rechenfuchs mag es vielleicht bereits erraten haben, feiert die Fußballabteilung des VfB Herzberg ihr Jubiläum bereits zum 111. Mal. Doppelten Grund zur Freude haben die Herzberger, da auch ihre Kegelabteilung im Jahre 2018 nullt: Bereits seit 60 Jahren kann man an der Elster eine ruhige Kugel schieben. Zu diesem spektakulären Doppelereignis ist abermals der 1.FC Union Berlin eingeladen. Ich sage meine Teilnahme an der Veranstaltung zu, ohne zu wissen, ob wir anlässlich des Fußballjubiläums oder zum Kegeln eingeladen sind.

Einige wenige Tage später ist klar, dass es am 04.07. um 18.30 Uhr um Fußball gehen wird. Gott sei Dank. Der Gegner der ersten auswärts stattfindenden Partie der Sommervorbereitung auf den Bundesligaaufstieg wird der nationale Chemnitzer FC sein. Da müssen die tapferen Kicker aus Herzberge wohl erst 150 werden, um wenigstens einmal selbst gegen den großen 1.FC Union Berlin antreten zu dürfen.

Anpfiff um 18.30 Uhr, planmäßiger Feierabend um 15.30 Uhr. Die Distanz zwischen meiner Arbeitsstelle und dem Austragungsort beträgt lediglich 122 Kilometer. Vielleicht waren auch das die Koordinaten, die mich spontan zusagen ließen. Nun rückt der Tag des Spieles immer näher und ich stelle bei der ersten ernsthaften Recherche nach Bahnverbindungen fest, dass das ganze Unterfangen aufgrund der ungünstigen Zugtaktungen doch auf sehr wackeligen Beinen steht.

So kommt es, dass ich am 04.07. um 11.30 Uhr mit der Arbeit beginne, um 12.00 Uhr meine Mittagspause genieße, um dann im Anschluss die Kollegin zu bitten, die Arbeitsstelle heute ausnahmsweise bereits um 14.30 Uhr verlassen zu dürfen. Let me tell you ´bout hard work! Aber bei diesem vermaledeiten S2-Schienenersatzverkehr in die Innenstadt und des daraus resultierenden Umwegs über Bernau, um von hier mit der Regionalbahn zum Hauptbahnhof vorzustoßen, führt an dieser schäbigen Bettelei leider kein Weg dran vorbei.

Kurz vor dem Bahnhof Gesundbrunnen kommt es für meine Regionalbahn zu einem außerplanmäßigen Halt. Es ist bereits 15.43 Uhr und der zwingend benötigte Anschlusszug in Richtung Jüterbog soll bereits um 16.06 Uhr abfahren. Von Minute zu Minute steigt meine Nervosität und die SMS-Drähte glühen. Meine beiden Kompagnons, die bereits am Hauptbahnhof herumlungern, versprechen, die Abfahrt des Zuges ohne mich schon zu verhindern zu wissen und sich notfalls in die Tür zu stellen. Um 15.56 Uhr setzen wir uns am Gesundbrunnen in Bewegung. Erwartete Ankunftszeit am Hauptbahnhof: 16.05 Uhr. Na, passt doch.

Mit einem beherzten Sprint quer über den Bahnsteig rette ich mich pünktlich in den Anschlusszug. Soviel Stress hat es nach diesem harten Arbeitstag nun wirklich gerade noch gebraucht! In der Mitte des Zuges treffe ich auf meine Verbündeten, die – wie versprochen – quer in der Tür hängen und die Ärmel für den erwarteten Kampf gegen den Schaffner bereits hochgekrempelt haben. Freundlicherweise haben mir die beiden sogar ein Feierabendbier gekauft und so kann man es sich im Anschluss dieser sportlichen Höchstleistungen im Gang des hoffnungslos überfüllten Zuges, der heute auch diverse Hippies kutschiert, die es auf das „Wurzelfestival“ in Niedergörsdorf verschlagen wird, gemütlich machen.

In Herzberg angekommen, schreit uns direkt ein überdimensioniertes Holzschild am Ortseingang ein herzliches Willkommen ins Gesicht. Noch trennen uns 3,3 Kilometer von den Werner-Seelenbinder-Sportstätten und so gilt es im Rahmen eines Dauermarschs erneut, unsere ganze Sportlichkeit unter Beweis zu stellen. Die olympischen Ringe samt Feuerschale am Stadion sind untrügliches Zeichen dafür, dass wir unseren Marathon zu einem erfolgreichen Ende gebracht haben, die Dorfdicken in Jogginghosen dafür, dass hier schon lange niemand mehr ernsthaft für Olympia trainiert hat.

Allgemein ist das Publikum auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig. Unioner und Chemnitzer Kutten stehen wild durcheinander gemischt und der Dorfpöbel hat einfach das angezogen, was im Kleiderschrank noch am meisten nach Fußball ausgesehen hat. Ob man jetzt zwangsläufig ein Dynamo-Dresden-Trikot als Ausgehanzug nutzen muss, wenn man ein Spiel zwischen dem Chemnitzer FC und dem 1.FC Union Berlin an einem neutralen Ort sehen mag, darf gerne an anderer Stelle diskutiert werden.

Eine richtige Augenweide ist jedoch das Stadion, welches über eine wirklich beeindruckend große Haupttribüne mit 416 Sitzplätzen verfügt, auf die so manch ein Berliner Oberligist oder Regionalligist aus der Region (Grüße nach Bautzen und Neugersdorf, zum Beispiel) neidisch sein dürfte. Tief in der brandenburgischen Provinz, in den Niederungen der achten Liga, wartet man darüber hinaus auch noch mit einem echten Wimbledon-Teppich auf, den man Gerüchten zu Folge den Großherren von Robby Bubble Leipzig zu verdanken hat. Angeblich hätten diese anlässlich eines Trainingslagers und eines Testspiels die Rasenqualität der Sportstätten als zu minderwertig empfunden und flugs aus eigener Tasche nachgebessert. Es findet sich jedoch keinerlei Verifikation dieser Geschichte im Internet, amüsant wäre es aber schon, wenn sich diese Anekdote 2015 im Vorlauf des Benefizspiels zwischen Leipzig und dem Berliner AK wirklich zugetragen hätte. Auch hier hätte der VfB Herzberg bei einem besonderen Spiel also nur zuschauen dürfen…

Während das Spiel läuft, machen sogleich die nächsten Gerüchte die Runde. Angeblich würde Simon Hedlund keine großen Hoffnungen auf viele Einsatzzeiten hegen und kurz vor dem Absprung stehen. Als Interessent wird der Barnsley FC genannt, immerhin ein englischer Drittligist, sodass man rumänisch seriös mit einer Einnahme von ungefähr 19 Millionen Pfund planen kann. Auch das Testspiel bei den Queens Park Rangers wirft seine Schatten voraus und ist bestimmendes Gesprächsthema. Die Vorfreude auf diesen Ausflug ist bei allen Anwesenden mit Händen greifbar und etwas fassungslos schaut man doch drein, als ein Insider die Zahl der bereits verkauften Tickets für den Gästeblock in London auf 1.300 beziffert. Nach drei Tagen Vorverkauf!

Da huscht doch ein weiteres Lächeln über unsere sonnengegerbten Gesichter. Noch immer zeigt das Thermometer stolze 29 Grad, auf dem Rasen hinterlässt der Viertligist aus Chemnitz, der vom Ex-Unioner David Bergner auf der Trainerbank wieder in den bezahlten Fußball zurückgeführt werden soll, den etwas besseren Eindruck. Die Neuzugänge Unions (Mees, Hübner, Reichel, Andersson) fallen weniger auf, als die beiden Trinkpausen, die auch wir an der Sportplatzreling für weitere Erfrischungen nutzen.

Im zweiten Spielabschnitt werden dann auch endlich die neuen Tore, die sich der gastgebende Verein zum 111. Geburtstag gegönnt hat, angemessen eingeweiht. Mit einem schnellen Doppelschlag nach Wiederanpfiff schrauben Hedlund und Redondo das Ergebnis bis zur 49. Minute auf 2:0 in die Höhe. Kurz darauf kann Chemnitz‘ Božić verkürzen, ehe es nach einer Stunde zu einer regelrechten Wechselarie kommt, die einen Bruch in das Spiel bringt. Manuel Schmiedebach ist als Sechser jedoch gleich so präsent, dass man sich so weit aus dem Fenster lehnen und sagen wird: Der wird uns noch eine Menge Freude bereiten. Nach einer flachen Hereingabe von der rechten Seite stellt Marvin Friedrich knapp 20 Minuten vor Abpfiff der Partie den Endstand her, weil Lenz kurz vor Feierabend noch gehörig einen verbaselt, um so die Aufmerksamkeit seines schweizer Trainers zu erhaschen. Aber ob das bei seinem neuen Coach wirklich urs gut ankam?

Den lockeren Aufgalopp in die Spielzeit 18/19 gedenken die FUDU-Schweine in einer Dorfpinte mit Speis und Trank ausklingen zu lassen. Leider stellt sich beim ersten Dorfbummel schnell heraus, dass man hier um 20.30 Uhr bereits die Bürgersteige hochklappt. Alle Lokalitäten haben bereits geschlossen – sogar die Gaststätte, die laut Aushang erst ab übermorgen schließen und sich einen Urlaub bis zum 11.08. gönnen wird. Wer hat, der kann!

Kurz darauf haben sich die Ethnologen FUDUs, die sich gerne einmal in ihrer Freizeit mit fremden Kulturen und ihren Riten, Bräuchen und Verhaltensweisen auseinandersetzen, darauf besonnen, wie der gemeine Brandenburger in seinem Lebensumfeld auf die Bürgersteighochklappproblematik reagiert: Er trifft sich an der Tanke.

Also zieht es auch FUDU vorbei an Wald, Wiesen hinaus zu ARAL, dem Sonnenuntergang entgegen. Und in der Tat, hier sitzen sie, die geschlechtsreifen Stammeshalter der Elbe-Elster-Niederung, auf Klappstühlen vor der Waschanlage, ihre aufgemotzten Volkswagen dekorativ vor sich aufgereiht. Die ARAL-Servicekraft hat FUDU kurz darauf ein Ciabatta und einen überbackenen Bockwurstsnack verkauft und einen Hot Dog wie eine lukullische Weltsensation angepreist, so als sei ihr vor kurzem der Leibhaftige erschienen. „Der ist jetzt ganz neu im Sortiment, super lecker, müsst ihr probieren!“ – da lässt sich der Städter nicht zwei Mal bitten und schlägt zu. An Kreativität nicht zu überbieten. Eine Wurst im Brot. Muss man erst einmal drauf kommen.

Immerhin bewahrt uns die gute Dame vor einem Irrweg, da es sich bei dem zweiten Bahnhof der Stadt Herzberg, zu dem wir beinahe fälschlicherweise gelaufen wären, lediglich um einen Busbahnhof handelt. Hier hätten wir uns eventuell in der „Schweinebar“ beim vergeblichen Warten auf einen Regionalzug trösten können, so sie denn geöffnet gehabt hätte.

Dank des freundlichen Hinweises der Hot-Dog-Fee treten wir so aber die knapp zwei Kilometer auf direktem Wege zum echten Bahnhof an. Jäger und Sammler außergewöhnlicher Immobilien sollten zum Abschluss des Berichts noch darauf hingewiesen werden, dass das Bahnhofsgebäude Herzbergs aktuell zum Verkauf angeboten wird. Noch wird es aber bewohnt – offenbar von einem sehr freundlichen Menschen, der nun aus seinem Domizil heraus die wartenden Unioner, gezeichnet von der Hitze des Tages und den Reisestrapazen, mit Trinkwasser versorgt.

Knappe 90 Minuten später ist Berlin erreicht. Morgen werden wir die Saisonvorbereitung in Fürstenwalde fortsetzen. Und spätestens zum 150. Geburtstag kehren wir nach Herzberg an der Elster zurück. Es sei denn, einem von uns überkommt schon vorher ein unbändiger Appetit auf Hot Dogs. /hvg