216 216 FUDUTOURS International 15.10.19 11:43:23

03.08.2018 FC Memmingen – TSV Buchbach 1:0 (0:0) / Stadion an der Bodenseestraße / 1.078 Zs.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass wieder einmal ein Sommerurlaub seinem Ende entgegengeht und man wohl oder übel aus einem schönen Land kommend in Deutschland landen muss, hat sich mein rumänischer Kassenwart in diesem Jahr ein ganz besonderes Schmankerl für mich ausgedacht. Dieses Mal darf es ein „Volotea“-Billigflug sein, der nicht nur in Deutschland landet, sondern genaugenommen auch noch in dem schlimmsten Teil Deutschlands. Herzlich Willkommen zum seichten Übergang am Flughafen Franz-Josef-Strauß in München. Ein Flughafen, der nach einem Mann benannt wurde, der 1969 sagte: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen!“ – na, da weiß man wenigstens gleich, woran man jetzt wieder ist. Willkommen im Bundesland der wohlstandverfetteten Rechten. Oder: Et boum, c’est le choc!

Wenn ich eines im Urlaub vermisst habe, dann wohl das gute billige deutsche Bier und so decke ich mich am Münchener Hauptbahnhof für die Weiterreise nach Ulm mit edlem Sud ein. Der „Sanifair“-Pullerbon zwingt mich dazu, gleich drei Flaschen einzupacken, um 0,50€ einzusparen. So also sieht „Couponing Extreme“ bei Fetti aus! Noch vor der Abfahrt des ICE um 11.28 Uhr habe ich die erste Flasche geöffnet, als Mutti (75) und Tochter (45) das Abteil betreten und mich besorgt anschauen. Die ältere der beiden nimmt neben mir Platz und muss sich nun schweren Herzens von ihrer Tochter trennen, die leider keinen Sitzplatz reserviert hat. Warum die beiden sich nicht einfach in eine der vielen freien Reihen nebeneinander setzen, wird ihr ewiges Geheimnis bleiben. Reserviert bleibt reserviert und bezahlt ist bezahlt! Allerdings wird die Tochter auf der 1h20min langen Fahrt nun vier Mal (!) nach den Rechten sehen und ihre Mama ängstlich fragen müssen: „Alles gut hier?“, bis sich die Fragestellung letztlich in ein beinahe ungläubiges: „Immer noch alles gut hier?“ gewandelt hat. Beim vierten Mal werde ich ihr zuprosten und mir denken: Alles bestens, Chérie – nur du nervst ein wenig!

In Ulm angekommen, kämpfe ich ein letztes Mal mit meiner Wochenendplanung. Ursprünglich war vorgesehen, nach Memmingen zu fahren, abends dem FC Memmingen einen Besuch abzustatten, im „Gasthof zum Lindenbad“ zu nächtigen und am Samstag zurück nach Ulm zu fahren, um dort den SSV Ulm 1846 im altehrwürdigen Donaustadion zu sehen. Rückfahrt von Ulm nach Berlin bereits eingetütet. Schade, dass der DFB offenbar irgendwann während meiner Urlaubszeit entschieden haben muss, das Spiel der Ulmer auf den Freitagabend zu verlegen und zeitgleich mit Memmingen anzusetzen. Nun also muss ich mich entscheiden: Die Buchung in Memmingen verstreichen lassen, bezüglich der Übernachtung umdisponieren und dem schöneren Stadion den Vorzug geben? Oder darauf bauen, dass man den SSV Ulm schon irgendwann einmal im Zuge eines Gastspiels in Stuttgart besuchen können wird und sich darauf besinnen, dass man sonst in seinem Leben vermutlich nie wieder nach Memmingen kommen würde…

Neun Minuten später sitze ich in der Regionalbahn nach Memmingen. Die Spatzen hatten es längst von den Dächern gepfiffen. Hier deutet sich nun recht schnell ein ansehnliches Hillbilly-Potential an, doch glücklicherweise sind im Laufe des zweiten edlen Suds alle Hinterwäldler in ihre Dörfer entschwunden. Vöhringen, Bellenberg, Illertissen – alles auf der Route.

Um kurz nach 14.00 Uhr habe ich im Gasthof mein Zimmer bezogen und dem Hr. Herb(ergsvater) auf Nachfrage erklärt, dass ich eigentlich aus Berlin, gerade aber aus Valencia-London-Bordeaux komme, um ein Fußballspiel an der Bodenseestraße zu sehen. So etwas beklopptes hat man im Allgäu offenbar noch nicht gehört und das erste „Meckatzer Löwenbräu“ geht auf’s Haus. Ich darf angesichts der morgigen Abfahrtszeit von 11.27 Uhr nach Ulm noch eben schnell entschieden widersprechen, dass ich morgen um 8.00 Uhr Frühstück serviert bekommen mag, handele eine beinahe sozialarbeiterfreundliche Uhrzeit (→ zweistellig) heraus und widme mich anschließend der allseits beliebten Sightseeingkomponente.

Um nicht enttäuscht zu werden, gehe ich diese ohne jede Erwartungshaltung an und bin recht schnell sehr positiv überrascht. Die beschaulichen Fachwerkhäuschen, die schmalen Gassen, der Marktplatz, die Stadttore und die Memminger Ach, die urgemütlich durch die Stadt hindurch plätschert, strahlen eine himmlische Ruhe aus. Klar dürfen auch hier sämtliche moralisch-ethisch-qualitative Verbrecherbuden wie „Euroshop“, „kik“ oder „Woolworth“ nicht fehlen. Memmingen aber weiß sein Stadtbild zu schützen und quartiert auch Ramschläden wie diese in vorzeigbare Fachwerkhäuser ein. Kurz überlege ich, ob ich mir beim Friseur „Gaymann“ einen goldenen Schnitt verpassen lassen, verzichte dann aber doch und kehre stattdessen auf ein Allgayer Büble im Lokal „Zur blauen Traube“ ein.

Die Sonne scheint und die Terrasse der Gaststätte ist gut besucht. Das obligatorische Auswärtsschnitzel ist gerade bestellt, als der Tisch hinter mir mit einem Passanten in das Gespräch eintritt. Hauptaufhänger der Unterhaltung ist der erste Spieltag der Fußball-Bundesliga in gut zwei Wochen und wie sich Hertha BSC in dieser Saison wohl schlagen wird. Die Mundart verrät’s – ich habe es mit drei ausgewanderten Bouletten zu tun. Schnell und unauffällig drapiere ich meinen Union-Beutel auf dem Stuhl neben mir so, dass das Wappen verschwindet. Jetzt bloß die himmlische Memminger Ruhe nicht auf’s Spiel setzen und in einen anstrengenden Smalltalk über die „Heimat“ verwickelt werden – und dann auch noch von Exil-Couch-Herthanern. Wie gut ich mit dieser Haltung fahre, zeigt sich nur wenige Minuten später, als zusätzlich eine achtköpfiger Berliner Rentner-Reisegruppe das Lokal entert und von der Wirtin mit dem Verweis auf den „Stammtisch“ wieder herausgeschickt wird. Die alten Herrschaften meckern, grummeln, echauffieren sich. „Dit kann doch wohl nich wahr sein! Kann man denn keene andren Tische zusammenschieben?“ Nee, kann man offenbar nicht.

Natürlich hat der investigative Tisch hinter mir längst bemerkt, dass weitere Berliner*innen (Männer, Frauen, Taucher) anwesend sind und auch die Seniorengruppe hat akustisch ausreichend Ressourcen, um den Berliner Zungenschlag wahrzunehmen. Und so redet also die eine Gruppe voller Neugierde über die andere und umgekehrt, beide Gruppen aber nicht aber miteinander und in der Mitte sitzt der Berliner Sozialarbeiter, dessen Rolle es nun eigentlich sein sollte, Wege zu ebnen, Menschen miteinander zu verbinden, monokulturelle Begegnungen zu schaffen. Macht er aber nicht, weil’s ihm schnuppe ist, er jenüsslich sein Schnitzel schnabuliert und danach jut jesättigt in die Brauerei rübermachen will, um noch eens zu zischen.

In der Memminger Hausbrauerei ist die Frage „Barfuß oder Lackschuh“ schnell geklärt und nach abgeschlossenem Genuss der „Barfüßer“-Pilsette das Berliner Kapitel für heute auch endlich final abgeschlossen. Kurz darauf begebe ich mich fußläufig in das Stadion, welches Schuld an einer meiner wenigen geographischen Irritationen (abgesehen von Jütland und Seeland) trägt. Wenn ich auch nur eine Erwartung an Memmingen gehabt hatte, dann, dass ich zumindest einen kurzen Blick auf den Bodensee werfen können werde. Dieser ist von Memmingen allerdings stolze 80 Kilometer entfernt. Da stößt es besonders übel auf, dass die Memminger Fußballspielstätte tatsächlich „Stadion an der Bodenseestraße“ heißt und mich sehenden Auges in diese Falle gelockt hat.

Genauso verachtenswert ist die von den Ordnern gelebte Praxis, Menschen, die lediglich über eine Stehplatzkarte verfügen, den Zugang zu der Toilette unter der Tribüne zu verwehren. Die letzte Bastion der zwei-Klassen-Pipi-Gesellschaft steht also in Memmingen. So muss ich meinen unmenschlichen Blasendruck über die Hintertortribüne bis an das Ende der Gegengerade mit mir herumschleppen, um dort in einem Kellergewölbe sozusagen das kik-Fachwerkhäuschen der Toilettenzunft betreten zu dürfen. Dumm nur, dass es neues Bier nur an der Haupttribüne käuflich zu erwerben gibt. Das hier wird mich am Ende meines Sommerurlaubs reichlich Kilometer kosten.

Unter „Hell’s Bells“-Klängen („Gänsehaut“!) betreten Memminger und Buchbacher die Spielfläche. Während die Bundesliga erst in 14 Tagen in die Saison starten wird, ist man in Bayern wieder einmal seiner Zeit voraus und trägt bereits den 5. Spieltag aus. Beide Mannschaften sind gut in die Saison der Regionalliga Bayern gestartet und rangieren mit 7 Punkten auf Platz 5 und 6 – in Schlagdistanz zu den Staffelfavoriten FC Bayern München II, SV Wacker Burghausen und 1.FC Schweinfurt 05. Beinahe ein Topspiel also, dass heute mehr als 1.000 Zuschauer bei „Badewetter“ (Quelle: fupa, ebenfalls auf der Suche nach dem See…) in das Stadion spült.

Nach zehn Minuten verzeichnen die Gäste aus Buchbach die erste glasklare Gelegenheit. Ein langer Schlag vom Leberfinger Thomas landet direkt im Fuß des Angreifers, der alleine auf den Torhüter zuläuft. Torwart Gruber reagiert blitzschnell, reißt die Fäuste hoch und lenkt den Ball über die Querlatte. Auf den Traversen entflammt ein Generationenkonflikt, herunterzubrechen auf die Frage, ob Angreifer Bauer im Abseits gestanden hat oder nicht. Die älteren sind sich sicher, dass das Gespann um den Hanslbauer Patrick unfähig ist, die jüngeren empfehlen einen Optiker in der Innenstadt.

Knapp fünf Minuten später hat auch der FCM dank eines Schlenzers von Kücük den ersten gelungenen Angriff zu Ende gespielt. Der Stadion-DJ elektrisiert die Massen mit „We will rock you“, welches er vor jeder Standardsituation einspielt und als Dank für diese kreative Animation von den Tribünen rhythmischen Applaus erhält.

In der 21. Minute geht das Stadionpublikum erneut aus dem Sattel. Nach einer missglückten – und zuvor selbstredend eingeklatschten – flachen Freistoßhereingabe, brennt es lichterloh im Stadion der Buchbacher. Den Abpraller nimmt Schmeiser elegant aus der Drehung, setzt den Ball aber an die Querlatte. Diese Körperbeherrschung in Perfektion hätte den Führungstreffer verdient gehabt.

Das Spiel bleibt unterhaltsam und nur fünf Minuten später sind es die Gäste, die wiederum am Drücker sind. Der bis hierhin souveräne Torwart Gruber zeigt, dass er Schwächen in der Strafraumbeherrschung im Portfolio hat und irrt gewaltig durch seinen Fünfer. Am langen Pfosten kommt Denk zum Kopfball, den ein Verteidiger noch gerade eben so von der Linie kratzen kann.

Den letzten Höhepunkt dieser lebhaften Partie, die davon profitiert, dass beide Teams wenig taktische Kontrolle haben und mit viel Leidenschaft ihr Heil in der Offensive suchen, setzt Memmingens Stürmer Kircicek, der sich aus einer aussichtsreichen Position aber ebenfalls abschlussschwach zeigt und den Ball unbedrängt recht weit neben das Tor schiebt.

Im zweiten Spielabschnitt gelingt es beiden Mannschaften noch besser, ihre offensiven Spielideen klarer auf den Platz zu bringen als in der ersten Halbzeit. Der geneigte Hopper freut sich über einen sehr lebendigen Kick, viele gelungene Kombinationen und hochkarätige Chancen im Minutentakt.

Den Auftakt setzen die Memminger in der 52. Minute nach einer kurzen Ecke. Ein Tor, welches etwas Vorlauf benötigt: We will rock you, Passstafette, Abschluss, Parade, zweite Welle, flach und scharf vor das Tor gebracht, Gewühl – und am Ende steht Schmeiser da und bringt das Ding mit der Hacke über die Linie. Scheint ein Mann für den chinesischen Staatszirkus zu sein.

In der 66. Minute muss das Spiel nach Menschengedenken eigentlich entschieden sein, doch einen Zwei auf Null Konter vertändelt Memmingens Rochelt fahrlässig. Die Quittung hierfür erhalten die Memminger beinahe im Gegenzug, doch abermals kann ein Verteidiger den Ball von der Linie kratzen. Nur ein paar Wimpernschläge später startet Buchbach einen wilden Angriff, wenig Struktur, viel Zufall – doch irgendwie landet der Ball im Mittelfeld bei Lutz, der geistesgegenwärtig erkennt, dass Gruber zu weit vor seinem Tor steht. Die Bogenlampe aus gut 30 Metern verfehlt ihr Ziel denkbar knapp.
Die Schlussphase läuft. Bei immernoch schwülwarmen Temperaturen drücken die Buchbacher auf den Ausgleich. Das Memminger Publikum hat sich längst von den Schalensitzen erhoben und pöbelt, was das Zeug hält, die Mannschaft wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das drohende Remis. Alle gemeinsam können nicht verhindern, dass in der 86. Minute eine Flanke auf den langen Pfosten segelt und nur knapp vorbei geköpft wird. In der 88. Minute wiederholt der TSV diesen Versuch: Flanke Drum, Petrovic steht in der Luft, fünf Meter vor dem Tor, kommt zum Kopfball – und setzt diesen freistehend Zentimeter neben das rechte Kreuzeck. Wie konnte der vorbei gehen?

Kurz darauf ist die Partie beendet und Memmingen jubelt über einen etwas glücklichen Heimsieg. Ich flaniere durch die Stadt, die nicht nur klein und gemütlich, sondern nun in den späten Abendstunden auch überraschend belebt ist. Die Straßencafés und Kneipen sind gut besucht, die Menschen zufrieden und glücklich, das Wetter angenehm warm. Erstaunlich viel Atmosphäre dafür, dass wir uns hier in Deutschland befinden. So könnte man ja glatt zum Kleinstadtfan werden.

Mit einem guten Frühstück lasse ich den Memmingen-Abstecher in der Pension „Zum Lindenbad“ ausklingen. Obwohl der SSV Ulm 1846 heute leider nicht zu Hause spielen wird, muss ich die Reise dorthin dennoch antreten. Am Samstagabend wird mein ICE aus Ulm nach Berlin aufbrechen. Wie praktisch, dass der Sommerurlaub nun offiziell zu seinem Ende gekommen ist, damit ich mich dem harten Berliner Alltag stellen kann. Am 05.08.2018 geht es direkt in die Vollen: Biermeile und Heimspiel gegen Aue. Kein Problem. Bin ja gut erhoolt und braun gebrannt. /hvg