722 722 FUDUTOURS International 10.04.20 20:42:11

19.08.2018 FC Carl-Zeiss Jena – 1.FC Union Berlin 2:4 (2:3) / Ernst-Abbe-Sportfeld / 10.600 Zs.

Am 08.06.2018 ist die Spannung mit Händen zu greifen. Die ARD bittet nach dem DFB-Friedensgipfel gegen Saudi-Arabien im WM-Jahr wieder einmal zur allseits beliebten Unterhaltungsshow mit dem Titel „DFB-Pokal Auslosung“. Ein Showformat, welches in den letzten Jahren stets davon geprägt war, dass irgendein Moderationsbommes jedes gezogene Los, ganz gleich, ob sich in ihm die FIFA-Weltauswahl oder die Sportfreunde Hönnepel-Niedermörmter befunden haben, mit Ausrufen wie „ooooh“, „aaaach“, „uui“, „wow“ oder „na, das ist ja ein Ding!“ begleitete. Kurzum: Eine Sendung, welche man boykottieren würde, würde sich nicht auch der großartige 1.FC Union Berlin mit im Lostopf befinden. Palina Rojinski, die mit Fußball zwar nichts am Hut hat, aber wenigstens hübsch ist und aus Russland stammt, entscheidet gleich mit ihren zarten Fingerchen darüber, in welche Richtung eine der ersten Auswärtsreisen der kommenden Saison wohl gehen wird. Und so dauert es nicht mehr lange, bis die jährlich gestellte Frage „Erstrundenaus oder Einzug in den Europapokal?“ dieses Mal mit „Na, Jena dem!“ beantwortet werden kann.

Ein schönes Los, ist doch das letzte Pflichtspiel des 1.FC Union Berlin im Ernst-Abbe-Sportfeld bereits 10 Jahre her. Am 28.09.2008 siegte man in der dritten Liga, in jener Aufstiegssaison, in der man irgendwann einfach nicht mehr zu bremsen war. Etwas kurios ist, dass man nun direkt zwei Mal in kurzer Abfolge gegen den FCC antreten wird. Am 01.07.2018 wird Carl-Zeiss anlässlich des FDGB-Pokalsiegs der Unioner von 1968 und dem damit einhergehenden Jubiläum „An der Alten Försterei“ aufdribbeln.

In der Zwischenzeit sind seit der Auslosung gut zweieinhalb Monate vergangen, ehe ich in meinem ICE in Richtung Paradies sitze. Die Deutsche Bahn hat die Direktverbindungen von Berlin nach Jena mittlerweile auf ein Minimum reduziert, sodass auch meine Verbindung nicht ohne einen Umstieg in Halle auskommt. Besonders bedauerlich ist daher der Umstand, dass bereits vor Abfahrt am Berliner Hauptbahnhof mit einer um 45 Minuten verspäteten Ankunft in Halle gerechnet wird, da der Schnellzug heute wegen eines herrenlosen Gepäckstücks nicht an seinem Ursprungsgleis, sondern oben abfahren und umgeleitet werden muss. Mit einer leichten Panik in den Augen nehmen die Reisenden diese Ansage zur Kenntnis und brechen knapp 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges dermaßen überstürzt auf, dass man meinen könnte, der Zug würde nun außerplanmäßig ab Ostbahnhof starten. Menschen rennen durch die Gegend, versperren Wege, Gepäckstück um Gepäckstück rempelt mir in die Hacken und wieder einmal muss ich dafür plädieren, nicht nur herrenlose Gepäckstücke, sondern auch Menschen mit Rollkoffern dran einfach rigoros zu sprengen.

In Folge gibt sich die Bahn weiterhin allergrößte Mühe, auch noch die Kunden zu verprellen, die das bisherige Chaos eher mit einem Lächeln hingenommen hatten. Selbstverständlich fährt der Zug in geänderter Wagenreihung ein, sodass die Rollkofferarmee abermals eines Ameisenhaufen gleich durch die Gegend rennt und das maximale Chaos nun nicht mehr abzuwenden ist. Im Zug löst die allererste Ansage „aus technischen Gründen sind heute im Bordbistro…“ nur kurz Hoffnung auf ein versöhnliches „alle Kaltgetränke gratis“ aus, wird dann aber durch die Fortsetzung „keine warmen Getränke und keine warmen Speisen erhältlich“ jäh zunichtegemacht. Kein Strom, kein Kaffee, keine Mikrowellen-Currywurst. Beschwerde ist raus!

Das schlimmste an Bord bleiben jedoch die anderen Menschen und so fällt mir zunächst ein Kladower negativ auf, der weite Teile der Fahrt München und dessen Sauberkeit und Ordnung in den Himmel lobt, um dann zum Abschluss seines Lobliedes die Brille abzusetzen, einmal widerlich quer über die Gläser zu lecken und sie frisch gereinigt wieder aufzusetzen. Die beiden älteren Damen an meinem Vierertisch haben auch keine spannenderen Themen als Gott, Seelenfrieden und Beichten zu bieten, sodass ich mich beinahe darüber freue, dass der Kladower weiterhin ausnutzt, dass ihm seine Reisebegleitung an den Lippen hängt und er weiterhin unaufgeregt Schwachsinn verbreiten kann. Das spannendste an Berlin sei ja die „East Side Wall“ und das „Bild mit dem Bruderkuss von Ulbricht und Gorbatchov“. Hmm, ist klar. Ach, wie angenehm das 2008 in der Fußball-Regionalbahn doch war – und schneller am Ziel war man sicherlich auch noch…

Am Ende erreichen wir Halle dann doch mit „nur 27 Minuten“ Verspätung. Das Zugteam ist deutlich hörbar stolz auf diese nahezu unmenschliche Leistung, während ich kurz durch kalkuliere und feststelle, dass ich meinen Anschlusszug nach Jena um genau fünf Minuten verpassen werde. Der „arme Ritter“ aus Apolda, der mittlerweile in Jena lebt, wird kurz per SMS über die Unfähigkeit der „DB“ informiert und dass ich nun zusätzlich in Naumburg umsteigen darf. Meine erwartete Ankunft in Jena wird sich um eine Stunde und fünfzehn Minuten nach Hinten verschieben. Fahrgastrechteformular ist raus!

Der nächste Tiefschlag folgt am Bahnhofskiosk Naumburg, an welchem sie lediglich „Eichbaum“ führen, welches schon in Mannheim nicht schmeckt, obwohl man es sich dort unter dem Deckmantel der Regionalität wenigstens noch schönreden kann. Warum es das Gebräu bis nach Thüringen geschafft hat, bleibt unklar und würde es auch hierfür ein Formular zur Verbesserung der Situation geben, Fetti würde es ausfüllen. Doch zur Zeit schert es den „Eichbaum“ herzlich wenig, welche Sau sich an ihm reibt und so ploppen vor der Weiterfahrt zunächst etwas gequält die Korken, ehe ein Hallenser Mettbrötchen erfolgreich den Geschmack übertünchen kann.

In Jena angekommen, gilt es zunächst den gut drei Kilometer langen Spaziergang in das „internationale Gästehaus“ am Herrenberg zurückzulegen. Im 21. Jahrhundert gibt es nichts, das man nicht mit fancy Namen ausstatten kann. Das „Gästehaus“ ist jedenfalls genau genommen nicht mehr als eine Jugendherberge, die in erster Linie durch ihr Linoleum und diesen schwer zu beschreibenden Geruch, der sich erfolgreich seit 50 Jahren in manch einer DDR-Immobilie zu halten vermag, charakterisiert werden kann. Als „kultig“ darf man den Aufenthaltsraum mit Röhrenfernseher bezeichnen, die Sicht auf das umliegende Gebirge ist nett, das Preis-Leistungs-Verhältnis für eine Übernachtung samt Frühstück „sehr gut“!

Fetti, das alte Sparschwein, kommt auch im Anschluss des Check-Ins weiter voll auf seine Kosten, verfügt doch der „arme Ritter“ über ein Nahverkehrsticket, mit welchem er im Jenenser oder Jenaer Stadtgebiet eine zweite Person gratis mitbefördern darf. Im Schweinsgalopp geht es also zurück zur Hauptstraße, um den Bus zu erwischen, in dem sich mein Thüringer Freund befindet. Könnte zeitlich knapp werden, denke ich mir, als ich von weitem schon den Bus um die Ecke fahren sehe, einen kurzen Sprint anziehe, zusteige und nur wenige Sekunden später zur Begrüßung ansetze. Wenn es sich so anfühlt, als würden Automatismen greifen, wo eigentlich keine Automatismen sein können…

In Folge leitet mein Gastgeber einen schönen Stadtbummel an, der uns durch die hübschen Gassen der Innenstadt führt. Immer wieder faszinierend, wenn in Städten dieser Größenordnung Historie und alte Architektur und studentisch junge Einwohnerschaft und Lebensweisen aufeinandertreffen – einfach eine perfekte Mischung. Auch ein Blick auf den „JenTower“, Sehnsuchtsort sämtlicher suizidalen Thüringens, darf im Verlauf des Rundgangs natürlich nicht fehlen. Zielstrebig führt man mich im Anschluss mitten in den Treffpunkt der Ultraszene der Zeiss-Städter, die bei schönstem Sonnenschein bereits jetzt mit bunten Regenschirmen, Luftballons, Konfetti und wilden Trommelrhythmen ihrem heutigen Südamerika-Motto frönt. Stelle ich mir im Umkehrschluss auch witzig vor, wie sich argentinische Fußballfreunde der Boca Juniors vor dem Superclásico gegen River Plate zusammensetzen und entscheiden, am Spieltag mal ein Thüringen-Motto auszurufen, um bei Rostbratwurst, Klößen und Schwarzbier deutsche Leichtigkeit aufkommen zu lassen. Wobei, mit Bockwurst statt Roster wäre wenigstens bereits ein Knaller für die Blockfahne gegeben: Die Bocki Juniors. Naja, wird albern jetzt – also in etwa so wie die Südamerika-Party in der ostdeutschen Fußgängerzone.

Aus einer Eisdiele heraus beobachten wir dann den farbenfrohen Corteo der Jenenser und Jenaer, den wir passieren lassen, um dann mit einigem zeitlichen Sicherheitsabstand folgen und selbst Richtung Stadion aufbrechen zu können. Am Einlass des Parks, welcher das Ernst-Abbe-Sportfeld umgibt, erwarten uns zwei Polizisten. Ihre Aufgabe wird es heute sein, den Park paritätisch zu teilen und die herbeiströmenden Besucher zu fragen, ob sie sich den Heim- oder den Gästefans zuordnen würden. Auf unsere Antwort („sowohl als auch!“) sind sie nicht vorbereitet, da die Einsatztaktik heute offenbar nicht vorsieht, dass sich rot-weiße Bouletten und blau-gelb-weiße Bratwürste gemeinsam auf das Spiel vorbereiten wollen könnten. Trotz bester Argumente werden wir so leider schon Stunden vor Anpfiff separiert und müssen unser gemeinsames Mittagessen und Warm-Up-Bier stornieren. Biste flexibel wie’n Fahrplan und doof wie alte Stulle, werd‘ halt einfach Bulle…

Mein Sonnenbad ist im Anschluss nur von kurzer Dauer, weil nach und nach die Bullenwannen um mich herum parken und Stellung im Park beziehen. So ein dösender Auswärtsfan stellt natürlich eine immens hohe Bedrohung dar, sodass ich mich entscheide, lieber in das „Gasthaus am Saalestrand“ einzukehren und mich der Bewachung zu entziehen. Hier spendiert mir ein freundlicher Unioner etwas Kleingeld, da die etwas verschlafene Wirtin leider noch über zu wenig Wechselgeld in der Kasse verfügt. Konsequenz: Ich freue mich über ein frisches Pils für etwas weniger als einen Euro. Mittlerweile sind drei Tische der kleinen Gaststätte in Hand der Unioner, was die übernervöse Thüringer Polizei nun abermals auf den Plan ruft. Hermetisch riegeln sie den Eingangsbereich der Gaststätte ab und werden es ja wohl schon zu verhindern wissen, dass weitere Fußballfans solch abstruse Gedanken entwickeln wie Hunger stillen oder Durst löschen und hier rasten. Doch da haben die Freunde und Helfer ihre Rechnung ohne die Wirtin gemacht, die nun beherzt in die Diskussion geht, dass man ihr doch bitte die Gäste nicht wegnehmen solle. Doch am Ende gewinnt leider auch hier die Idiotie und die Wirtin muss sich wohl oder übel auf einen ruhigen Nachmittag einstellen, nachdem wir die Lokalität verlassen haben.

Das altehrwürdige Stadion wird heute arg an seine infrastrukturellen Grenzen kommen. Mit 10.600 Zuschauern ist es restlos ausverkauft und erste Menschenmassen drängeln sich am Gästeblock rund um den einzigen Grillstand, von dem ich mir eine kalte Rostbratwurst gönne. Auch die sieben Dixitoiletten, die man für knapp 2000 Gäste aufgestellt hat, sind hoch frequentiert. Ein echtes Klo gibt es nicht und fließend Wasser hat man leider genauso wenig im Angebot wie richtiges Bier. Der Stadion-DJ spielt elektronisch-mediterrane-Loungemusik zur Beruhigung der heißblütigen Südamerikaner neben uns ein, die in der ohne die alten Flutlichtmasten doch arg kastriert wirkenden Spielstätte mit Konfetti werfen und Pyrotechnik zünden, als gäbe es kein Morgen mehr.

Es ist also alles angerichtet für ein Fußballfest und auch die Akteure auf dem Rasen werden es in der ersten Hälfte so richtig krachen lassen. Durch einen Kopfballtreffer von Andersson geht Union früh in Führung, ein weiterer Treffer wird wegen vermeintlicher Abseitsposition nicht anerkannt. Sieben Minuten später hat der FCC Grund zum Jubeln, als Wolfram eine langgezogene Flanke am langen Pfosten zum 1:1 in die Maschen nicken kann. Der favorisierte Zweitligist hat jedoch eine gute Antwort parat und geht mit dem dritten Kopfballtor des Tages wieder in Führung. Kopfballungeheuer Kroos ist hierbei nicht einmal durch einen Schlag ins Gesicht zu stoppen, der ihn keineswegs am Torerfolg hindern, aber zehn Minuten später außer Gefecht setzen wird. Der für ihn eingewechselte Hartel muss miterleben, wie Kapitän Trimmel ein Eigentor zum 2:2 unterläuft (42.). Bei immer noch hochsommerlichen Temperaturen sorgt der FCC mit einer Slapstick-Nummer für den letzten Aufreger der ersten Halbzeit. Ein verunglückter Abwurf von Keeper Coppens bringt Gogia in Ballbesitz, Verteidiger Cros verliert die Ruhe und verschlimmert den Fehler seines Schlussmanns durch Übereifer und Foulspiel im Strafraum. Den fälligen Elfmeter verwandelt Hedlund sicher (45.+5).

Ausgemergelt von der Hitze und erschöpft vom aufregenden Spielverlauf, begehe ich den folgenschweren Fehler und entscheide mich, mir eine Cola zu kaufen. Im dichten Gedrängel vor dem Kiosk entdecke ich plötzlich den Unioner aus der Gaststätte wieder, der am Rande des Gästeblocks hängt. Ich kann ihm ein Bier besorgen, in den Block reichen und meine Schulden wett machen. Als ich dann endlich meine Cola erhalte, ist sämtliche Hoffnung verflogen, im Gästeblock einen Platz zu finden, von dem aus man etwas vom Spiel sehen könnte. Und so verbringe ich den zweiten Spielabschnitt Männerwaden guckend und einem Fußball-Hörspiel, welches Union letztlich souverän mit 4:2 gewinnen wird. Nach Hedlunds zweitem Treffer in der 70. Minute hat es sich jedenfalls so angehört, als hätte es anschließend nur noch wenige Aufreger gegeben.

Nach dem Spiel erlaubt es die Polizei, dass ich meinen Kumpel im Jena-Trikot in die Arme schließen und trösten kann. Der Außenseiter hat sich tapfer gewehrt und nun ist es endlich an der Zeit, das mit dem ausgefallenen Essen und der viel zu kurz gekommenen Flüssigkeitszufuhr nachzuholen. Von einer Cola lass ich mir doch nicht den Abend versauen! Also zieht es uns in eine Gaststätte mit dem verheißungsvollen Namen „Schnitzelparadies“, in dem unser Abend ein gutes Ende findet. Und was den Einzug in den Europapokal betrifft: Da kann uns jetzt wohl nur noch irgendein Russe am Lostopf stoppen. Oder halt Borussia Dortmund. /hvg