325 325 FUDUTOURS International 25.09.20 11:08:10

17.03.2019 VfR Mannheim 1896 – VfB Eppingen 1921 1:2 (1:0) / Rhein-Neckar-Stadion / 230 Zs.

Im März 2019 gibt Fetti ein erbärmliches Bild ab. Vollkommen verwahrlost, abgemagert und apathisch soll er sich dem Hörensagen nach aktuell durch das Leben kämpfen. Zuletzt hat er angeblich sogar vergessen, regelmäßig alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Klar, dass sich seine treue Gefolgschaft da zu sorgen beginnt und schnell die Frage im Raum steht, ob Fetti womöglich ins Heim muss. So also nimmt die Unterschichtenbande das alte Ferkel an die Hand und schickt sich an, ihm an einem Wochenende einen bunten Strauß der Möglichkeiten aufzuzeigen. Heidenheim, Pforzheim, Mannheim. Irgendwo wird er sich schon wohlfühlen. Wohl dem, der solche Freunde hat!

Heim 01: Heidenheim

Das Wochenende beginnt wieder einmal an einem Freitag. Dank der DFL darf man erneut einen seiner kostbaren Urlaubstage dafür einsetzen, sich ein verschlafenes Provinznest anschauen zu können. Und unter uns, wer schon vier Mal in Heidenheim war, der freut sich auf den fünften Besuch um so mehr. Anders als bei den letzten Aufenthalten auf der schwäbischen Ostalb ist dieses Mal jedoch erstmals eine Übernachtung vorgesehen. Unser Hotel, welches etwas außerhalb in Heidenheim-Schnaitheim liegt, meldet bereits während der Anreise erste Komplikationen. Aufgrund von Renovierungsarbeiten steht unser Zimmer leider nicht zur Verfügung, aber in den „City Studios“ Heidenheim könnten wir ohne Aufpreis in einem möblierten Apartment unterkommen. So also checken wir nach Ankunft eben „mitten im Zentrum von Heidenheim“ ein und genießen „urbanes Wohnen im Herzen der Stadt“ und den „Komfort eines Hotels“ mit „dem Gefühl von Zuhause“. Die Zitate stammen aus der schmissigen Hochglanzbroschüre, welche in erster Linie „Geschäftskontakte, die für längere Zeit in Heidenheim sind“, ansprechen soll. Ach, wenn das Hinterland große Welt spielt, darf der Berliner schon mal schmunzeln…

Wir begutachten das Ambiente. „Ruhige Holz- und Grautöne“, „harmonische Möblierung“, „moderne Ausstattung“. So wie ein Designermöbelkatalog des Jahres 2018 eben aussieht. Nur echt mit Gurkengläsern an der Decke. Fetti und die alten Männer haben da schon längst den Claim dieses Luxuslochs in die Tat umgesetzt: „ANKOMMEN. AUSPACKEN. WOHLFÜHLEN.“ – da muss die Frau jetzt durch…

Später verliert der 1.FC Union Berlin beim 1.FC Heidenheim mit 1:2 und fällt im Kampf um einen direkten Aufstiegsplatz vermutlich etwas zurück, sollte der HSV morgen gegen Darmstadt siegen. „Nadjuschka“ greift auf dem Weg rund um das Stadion angesichts der Wetterkapriolen beherzt zu und entwendet einen der vielen abgegebenen Regenschirme vor einem Heimblock. Schön, dass zumindest sie trockenen Fußes zurück in die „City Studios“ kommen wird und schön, dass irgendein schwäbischer Daddy nachher doof aus der Wäsche gucken wird. Für Gesprächsstoff am nächsten Stammtisch ist also gesorgt. „Des kosch net glauba, des macht mi kreiznarrad. Die blede Ossis nemmet onser Steiergeld on klauet au no onsre Hugadubabls!“.*

Angekommen im Studio, blättert Fetti etwas ermattet in der Broschüre. Als er die Seite mit den Grundrissen der sechs verschieden geschnittenen Apartments samt ihrer Mietpreise entdeckt, beschleicht ihn der Verdacht, dass ihm auf Dauer gestohlene Regenschirme deutlich besser zu Gesicht stehen könnten, als diese Unterkunft. Die herzliche Einladung „zum Verweilen“ im „Hellenstein“ ab (!) 574 € pro Woche schlägt er jedenfalls undankbar – wie eh und je – aus. „Lieber abgebrannt im Alterssitz, als reich ins Heim“, sind seine letzten Worte am Freitagabend. Müssen wir morgen wohl weiter suchen…

Heim 02: Pforzheim

Am Samstagmorgen zieht der „Hoollege“ bumsfidel die Gardinen des „Hellenstein“ zur Seite. Die Aussicht ist trübe, was erst einmal niemanden überrascht. Wie sollte es auch anders sein, draußen ist schließlich Heidenheim. Aber heute gibt es auch noch unaufhörlich niederprasselnden Regen zu begutachten, der nicht sonderlich zur Aufhübschung des Gesamtbilds beiträgt. Als während des Frühstücks dann auch noch die Nachricht verlesen wird, dass der Oberligakracher im „Stadion Holzhof“ zwischen dem 1.CfR Pforzheim und dem 1.FC Normannia Gmünd wegen eben jener Starkregenfälle der letzten Tage abgesagt wurde, wähnt man sich bereits in einem schwäbischen Alb-Traum.

Auf der Zugfahrt von Heidenheim nach Pforzheim kann sich niemand vorwerfen lassen, nicht alles dafür getan zu haben, a limine irgendein anderes Heimspiel für Fetti zu finden. Schnell ist der Plan geschmiedet, die TSG Backnang zu besuchen, doch freundlicherweise verweisen die Gäste aus Oberachtern auf Nachfrage darauf, dass ihr Auswärtsspiel lediglich auf Kunstrasen ausgetragen werden wird. Der im Anschluss geplante Besuch des FC Astoria Walldorf wird aufgrund der 3,7 Kilometer Wegstrecke vom Bahnhof ins Stadion von 2/3 der Reisegruppe gerade noch rechtzeitig verworfen und so erblickt ein neues Spiel das Licht der Welt. „Nenne mir irgendein schwäbisches Kaff mit -ingen am Ende und ich gucke nach, ob die heute spielen“. So – und nur so – kann es einem gel-ingen, irgendwann sogar auf der Facebook-Seite des SC Geislingen zu landen. Hier kann man sich an einem durchaus knackigen Stadion-Slogan des einstigen HSV-Schrecks und heutigen Landesligisten erfreuen: „Die Anfield Road des Filstals“. Wow, unser Interese ist geweckt – doch leider wird auch vom „Jürgen-Klinsmann-Weg 10“ für heute vermeldet: „Zu viel Wasser – Spielausfall!“ und FUDU ist endgültig in die Knie gezwungen. Ein Samstag ohne Fußball ist nun nicht mehr abzuwenden. Zu allem Überfluss lässt „Nadjuschka“ beim letzten Umstieg auch noch den neuen Regenschirm im Zug liegen und schon ist Pforzheim erreicht.

Das Pforzheimer Hotel ist schnell gefunden und während sich „Nadjuschka“ auf der Suche nach der Rezeption begibt, haben die beiden FUDU-Hacker den Schlüsselautomaten in Windeseile geknackt. Wie wir mit dem Zimmerschlüssel winkenden Teufelskerle das nun wieder gemacht haben, möchte sie bei ihrer Rückkehr wahrscheinlich gar nicht wissen, aber wir erzählen es ihr trotzdem. Eine Eingabe des Nachnamens in den Automaten hat zugegebenermaßen gereicht. Kurz darauf sind erste Pläne für die Tagesgestaltung in Pforzheim geschmiedet. Es gibt ein DDR-Museum. Na, wenn das nichts ist. Plötzlich erinnert sich der demente Fetti auch an Lieder vergangener Reisen und singt beschwingt. „Heute geh’n wa Ossis schau’n, das wird ein Tra-Ra – Huh!“

Die nächsten Enttäuschungen des Wochenendes lassen aber nicht lange auf sich warten. Das Museum hat ausschließlich sonntags von 13.00-17.00 Uhr geöffnet und nachdem der gestrige Espresso im China-Bistro zu Heidenheim nur eher „mao“ war, kann der türkische Imbiss des Vertrauens heute erst gar keinen Kaffee anbieten. Uns zieht es nach diesen weiteren Tiefschlägen hinaus zum „Stadion Holzhof“, um bei einem kleinen Spaziergang die Stadt erkunden zu können (Es ist nicht alles Gold, was glänzt) und zumindest einen Blick auf die Spielstätte der Pforzheimer (oder besser gesagt eine der Spielstätten – vor der Fusion verfügten VfR und 1.FC über eigene Spielorte und so kann die Stadt mit dem „Stadion im Brötzinger Tal“ mit einem zweiten sehenswerten Exemplar aufwarten) zu werfen. Da die Stadiongaststätte heute ebenfalls geschlossen bleibt, muss so zwecks sky-Konferenzkonsum bedauerlicherweise der Rückweg in die 50’er-Jahre-Westdeutschland-Innenstadt angetreten werden. Noch während des Fußwegs geht die nicht ganz unwichtige Partie der zweiten Bundesliga in Hamburg zu Ende. Der HSV verliert zu Hause gegen Darmstadt mit 2:3 und hat weiterhin nur drei Punkte Vorsprung auf Union sowie ein wesentlich schlechteres Torverhältnis.

In der Pforzheimer Stadthalle steigt irgendein großes Dance-Event und mehrere kostümierte minderjährige Tanzgruppen üben auf dem Vorplatz ihre albernen Choreographien ein. Der greise Fetti, der die hampelnde Jugend schon lange nicht mehr versteht, kann sich die Frage, ob es dagegen nicht irgendwelche Tabletten gibt, noch gerade eben so verkneifen, während das FUDU-Pärchen bereits im „Y Café Bistro“ am Waisenhausplatz abgestiegen ist. Meine Wenigkeit wird die ersten Minuten der Bundesliga verpassen, da ich draußen noch mein Wegbier leeren muss. Ich schleiche einmal um den Block und lasse mich auf einer Bank nieder. Keine fünf Minuten später ziehen zwei Dorfsherrifs auf und verbieten mir den Biergenuss. Ich höre der Gefährdungsansprache aufmerksam zu und schaue mich parallel etwas skeptisch um. Tatsächlich hat in der menschenleeren Fußgängerzone jemand in ca. 49 Metern Entfernung ein Schaukeltier in die Pflastersteine eingelassen. So etwas geht hier offenbar als Spielplatz durch und somit kann ich der Aufforderung, keine alkoholische Getränke in „weniger als 50 Metern Entfernung“ zu einer solchen städtebaulichen Prachtinstallation zu konsumieren, natürlich widerstandslos nachkommen.

Nach der Konferenz und einer Rast im Hotelzimmer, steht endlich der Themenkomplex Nahrungsaufnahme auf dem Tagesplan. Eine kleine Vorabrecherche im Zimmer hat den „Benckiser Hof“ auf die Wunschliste befördert. Um 20.40 Uhr haben Fetti und seine Freunde die Traditionsgaststätte nach einem kurzen Spaziergang erreicht und die alte Holztür knarzend geöffnet. Zwar ist es Fetti gewöhnt, dass Menschen nicht gerade in Jubelstürme verfallen, wenn ein Schwein in die Gaststätte eintritt, aber so etwas wie in Pforzheim hat auch er noch nicht erleben müssen. Da steht doch glatt der Wirt in einem roten T-Shirt eines fernöstlichen Kampfsportclubs hinter dem Tresen und bricht angesichts der drei eintretenden Gäste zusammen. „Guten Abend, setzen Sie sich, machen Sie es sich bequem, Herzlich Willkommen“, sagt er
nicht, sondern: „Ich hasse mein Leben“, „Es ist doch zum Kotzen!“, „Die Wette hätte ich gewonnen!“, „Den ganzen scheiß Tag lang kommt keiner und wenn ich die Küche gerade sauber hab, kommen die“ und begleitet von einem lebensbejahenden „Ich schieß mir ein Loch in den Kopf!“ werden uns die Speisekarten auf den Tisch geknallt.

In diesem Heim fühlt sich Fetti nicht so recht erwünscht und so bietet er dem konstant fluchenden kellnernden Wirt mehrmals an, auch andernorts speisen zu können, sollte er hier über die Maße stören. Doch Fetti und seine Freunde dürfen bleiben und werden nur noch eine knappe Viertelstunde lang beschimpft, was sie aus dem rauen Berliner Alltag ohnehin gewohnt sind. Im Anschluss kann man wirklich gute Schnitzel mit Bratkartoffeln und passablen Wurstsalat genießen. Der Wirt, womöglich beeindruckt von den Berliner Soft-Skills, sich als Gast, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, bepöbeln lassen zu können, ist mittlerweile auch in einen anderen Modus übergegangen. Längst sitzt er bei uns am Tisch, trinkt ein „Ketterer“ in unserer Gesellschaft, klagt uns sein Leid über das harte Leben in der Gastronomie, erzählt Geschichten aus der bewegten Vergangenheit des „Benckiser Hof“ und ist schwer begeistert darüber, dass wir wegen des Fußballspiels von Berlin nach Pforzheim gekommen sind. Er ist schließlich nicht nur Fußballfan (früher beim KSC unterwegs – da hätte es bestimmt noch die eine oder andere Geschichte über Hauereien aus den 80ern zu hören gegeben…), sondern auch Sponsor des 1.CfR in der Stadionzeitung und so wird er dem Präsidenten des Clubs im Rahmen des nächsten Heimspiels herzliche Grüße von uns ausrichten können. Am Ende des launigen Abends darf sich „Nadjuschka“ mit Einverständnis des Wirts einen neuen Regenschirm aus dem recht umfangreichen Sortiment an vergessenen Schätzen im Schirmständer aussuchen und zum Abschied erhalten wir ein Wegbier. Bevor der Wirt endlich die Pforte zu seiner Gaststätte für heute final abschließen kann, schreit er uns noch ein „Die Berliner in Pforzheim. Ich fass es nicht. Ich fass es nicht. Die Unioner, hey, herrlich. Meldet Euch, wenn Ihr wieder in der Gegend seid!“ durch das spätabendliche Pforzheim hinterher. So ist das eben. FUDU kommt als Feind und geht als Freund. Klar, dass da schon die nächste Heimleitung auf der Matte steht, um Fetti endlich kennenlernen zu dürfen.

Heim 03: Mannheim

Im „Aposto“ zu Pforzheim gibt es zum Frühstück Kaffee, Bier und eine kulturlose Ausgeburt aus der Crossover-Hölle in Gewand von „Bruschetta Americano“. Dennoch freut sich Fetti über etwas Speck, Zwiebeln und Käse im Magen, ehe es auf die kurze Überfahrt nach Karlsruhe geht. In Karlsruhe ist die Zeit des Umstiegs etwas knapp bemessen, also eilt FUDU schnellen Fußes durch den Bahnhofstunnel hinauf auf den richtigen Bahnsteig, setzt noch einmal zu einem beherzten Sprint an und kann noch gerade eben so rechtzeitig in den ICE springen.

Der Zug setzt sich in Bewegung und mit ihm auch der kleine ICE auf dem Monitor über unseren Köpfen. Jetzt erst einmal durchschnaufen. Ähm, warte mal – aus irgendeinem Grund bewegt sich dieser ICE auf der Landkarte unaufhörlich in Richtung Freiburg. Noch während die Hoffnungen darauf ruhen, der Bildschirm möge eine falsche Route anzeigen, folgt eine Gewissheit bringende Durchsage. Nächster Halt: Offenburg. Mein Gott, Fetti. Wie orientierungslos kann man sein, dass man sogar in einen falschen Zug einsteigt? Konnte ja keiner ahnen, dass es so schlimm um dich bestellt ist…

Nur wenige Augenblicke später trifft eine junge, attraktive Zugbegleiterin auf drei hängende Köpfe und eine dumme Sau, die sich keiner Schuld bewusst ist. Schnell findet sie ein paar tröstende Worte in einem charmanten Smalltalk – klar, dass sich unser Reiseleiter da plötzlich in einem waschechten Flirt wähnt. Womöglich in vollkommener Verkennung der Realität fühlt es sich für ihn zumindest so an, als hätte sie im Zuge des Gesprächs aus bloßer Sympathie darauf verzichtet, uns Geld für eine Fahrkarte von Karlsruhe nach Offenburg abzuknöpfen und stattdessen entschlossen, uns unsere mitgeführte Fahrkarte nach Mannheim eben auch via Offenburg gültig zu schreiben. „Ihr seid schließlich schon gestraft genug“ sagt sie und meint hiermit höchstwahrscheinlich Fetti, den man halt so mit durchs Leben schleppen muss. Außerdem gibt sie uns für die Rück- bzw. Weiterfahrt nach Mannheim („Welche Route ihr nehmt, müsst ihr dann aber selbst entscheiden!“) noch einen wichtigen Taschenspielertrick mit auf den Weg. „Wenn der Kollege fragt, was Euch passiert ist und warum Eure Zugbindung aufgehoben wurde, sagt auf keinen Fall, dass ihr aus Versehen in den falschen Zug eingestiegen seid. Sagt, dass die Anzeige am Bahnhof falsch war – dann kann es keine unnötigen Diskussionen geben!“. Ach, das ist mein Mädchen <3!

In Offenburg angekommen, nimmt „Nadjuschka“ die undankbare Aufgabe an, den bereits in Mannheim wartenden „Jay Göppingen“ über unseren Fauxpas zu informieren und unsere neue erwartete Ankunftszeit kleinlaut mitzuteilen. 15.34 Uhr – und somit exakt vier Minuten nach Anpfiff des ewig jungen Verbandsligaschlagers Mannheim-Eppingen, welchen wir bereits in der Hinrunde live miterleben durften.

Klar, dass die Wartezeit auf den ICE nach Mannheim unter diesen Umständen nicht von all zu guter Laune bestimmt ist, doch erst der Umstand, dass 2/3 der Reisegruppe sogar deutliches Desinteresse an Bier aus dem benachbarten Dönerfachgeschäft kundtun, bringt an den Tag, wie ernst die Lage wirklich ist. Der ältere Herr von Gegenüber sammelt derweil fortwährend Zeitungspapier aus den Mülleimern, faltet dieses akkurat zusammen, verstaut es in einer großen Tasche, holt es wieder heraus, faltet es erneut auseinander und wieder zusammen. Immer und immer wieder. Zwischendurch setzt er sich die Brille auf und wieder ab, reinigt diese, setzt sie sich wieder auf und wieder ab. Immer und immer wieder. Am Ende dieser zwanghaften Kette steht er auf und begibt sich exakt drei Meter in Richtung Bäckerei, um dann wieder umzudrehen und von vorne anzufangen. „Serious Issues“, konstatiert der „Hoollege“, der diesem Schauspiel in Anbetracht der Gesamtlage insgesamt aber nur wenig abgewinnen kann. Als unser Zug 30 Minuten später endlich dieses Offenburg verlässt, hat der Papierfalter jedenfalls noch immer keine Schrippe käuflich erworben.

„Die Weiterfahrt nach Mannheim verzögert sich auf unbestimmte Zeit“, heißt es dann irgendwann kurz darauf auf offener Strecke. Es befinden sich Eichbäume im Gleis und Fetti hat schon längst keine Lust mehr auf dieses Heim. Kommt ihn ja keiner besuchen, wenn es so schwer zu erreichen ist…

Glücklicherweise kostet uns unser Freund der Baum nur zehn Minuten, sodass die Hoffnung, die komplette zweite Hälfte sehen zu können, noch gerade eben so am Leben bleibt. Da der Zugbegleiter nach erfolgter Abfahrt des Zuges jedoch soeben wortwörtlich durchgesagt hat, dass die „Störung voraussichtlich behoben ist“, könnte das mit dem am Leben bleiben aber auch ein Spaß mit kurzer Halbwertzeit werden. Naja, fahren wir erst einmal los – werden wir ja merken, ob da noch ein Baum auf den Gleisen liegt.

Nach 32 Minuten bringt Abdelrahman Mohamed den VfR Mannheim mit 1:0 in Führung, was wir der Liveübertragung auf „sporttotal.tv“ entnehmen können. Den Baum haben sie offenbar in der Zwischenzeit wegräumen können, anders ist es nicht zu erklären, dass wir gegen 15.50 Uhr unversehrt am Mannheimer Hauptbahnhof einrollen. „Jay“ steht mit dem Auto bereit und in Windeseile düsen wir in Richtung Stadion, ehe Fetti weitere kostbare Minuten im Kampf mit einem saudummen Porkscheinautomaten und mit der Suche nach dem Stadioneingang verplempert. Um 16.15 Uhr haben wir dann – ohne Zahlung eines Eintrittsgeldes – tatsächlich die alten Traversen des „Rhein-Neckar-Stadion“ erreicht und freuen uns auf ungefähr 30 Minuten Fußball. Na, das war ja einfach.

Die Spielstätte versprüht mit den alten Stehrängen, der überdachten Haupttribüne, den Holzbänken neben dieser Tribüne und dem Blick auf den Fernsehturm schnell einen gewissen Charme. Eine Schautafel verweist auf die errungene Meisterschaft im Jahre 1949, die ihren Platz in den Fußballgeschichtsbüchern auch dadurch sicher hat, da in dieser Saison erstmals die Meisterschale für den Sieger ausgegeben wurde. Es sieht alles in allem danach aus, als müsste man sich für diese Spielstätte irgendwann einmal noch etwas mehr Zeit nehmen…

Auf dem grünen Rasen dreht der Mann mit Kopfverband, Tobias Zakel, innerhalb von drei Minuten das Spiel. Lautstark von 50 mitgereisten Eppinger Anhängern bejubelt, die einen größeren Lärm verursachen als seinerzeit im „Hugo-Koch-Stadion“, trifft er in der 82. per Elfmeter, um in der 85 Minute mit seinem sechsten Saisontreffer nachzulegen. Wer weiß, wie die ganze Sache damals ausgegangen wäre, hätte Zakel auch in der Hinrunde im Kader gestanden…

Wir lassen unseren Mannheim-Aufenthalt im „China Palast“ an der Theodor-Heuss-Anlage ausklingen. Für 17,90 € kann man sich hier an einem Buffet den Wanst vollschlagen oder sich etwas günstigeres á la Carte bestellen und sich dann von den Buffetgängern Scampi & Co auf den Teller schmarotzen lassen. Das Ganze wird dann elegant mit einem chinesischen Schnaps abgerundet und schon ist klar, dass vor der Rückfahrt leider keine Zeit mehr auf der Uhr verbleibt, um im „Murphy’s Law“ einkehren und den St. Patrick’s Day feiern zu können.

Rund um das Hinspiel der heutigen Begegnung waren der „Hoollege“ und meine Wenigkeit zuletzt Gast dieses feinen Etablissements und haben zu diesem feierlichen Anlass ein Trinkspiel ausgebrütet. Während wir nur in Ruhe Fußball schauen wollten, hatte sich in unserem Rücken ein bunt zusammengewürfelter Haufen Student*innen aus aller Herren Käffer versammelt, um sich vor Beginn des Wintersemesters gemeinsam die Aussicht auf sieben Semester Kurpfalz schön saufen zu können. Knapp 15 Menschen sitzen am Tisch, eine redet, der Rest hört mehr oder weniger genervt zu, einige gehen irgendwann, andere halten tapfer bis zum Ende durch. Die Frau mit der durchdringenden Stimme ist Fränkin und „Grrrrrrrrroundhopperrin“ und erzählt langweilige Geschichten über Fußball und Reisen. ‚Mein Gott, das will doch keiner hören, schreib halt ein Blog‘, wird sich die eine oder andere Kommilitonin in spe womöglich gedacht haben, während wir bereits dazu übergangen sind, ein jedes Mal anzustoßen, sobald die junge Dame das Wort „mega“ gebraucht. Und Freunde, vor der Rückfahrt nach Berlin waren wir definitiv mega besoffen…

Heute geht im ICE alles etwas gediegener zu. Fetti hat es sich in seinem Körbchen gemütlich gemacht und träumt nach diesem Wochenende voller Pleiten, Pech und Pannen wohl von der schönsten Frau des Emslands (Miss Lingen), vielleicht aber auch von der fränkischen Hopper-Polizei, mit der man ausdiskutieren müsste, ob irgendwas zwischen 33 und 45 (Minuten Fußball) ausreicht, um sein eisernes Kreuz im Groundhopping-Informer hinter dem „Rhein-Neckar-Stadion“ machen zu dürfen. Und irgendwie sieht er ja doch ganz niedlich aus, wie er so da liegt. Plötzlich ist allen klar: kein Heim der Welt ist gut genug für Fetti! Und so wird sich die Unterschichtenbande auch in den nächsten Jahren auf all ihren Wegen liebevoll um das arme Schwein kümmern… /hvg

* viele Grüße in das Stahlwerk nach Bietigheim und Danke für die Zuarbeit. Schön, dass wir in wirklich jedem noch so abgelegenen Krisengebiet Außenreporter sitzen haben!