366 366 FUDUTOURS International 25.09.20 11:12:27

20.03.2019 FC Rot-Weiß Erfurt – 1.FC Union Berlin 1:4 (1:3) / Steigerwaldstadion / 2.728 Zs.

Mitte Dezember verkündet der 1.FC Union Berlin, dass er im März 2019 zum Zwecke eines Benefizspiels beim FC Rot-Weiß Erfurt aufdribbeln wird. Es ist noch gar nicht sonderlich viel Zeit ins Land gegangen, seitdem es den „Spreewaldschurken“ aus beruflichen Gründen nach Weimar verschlagen hat und natürlich ist dieser sofort Feuer und Flamme für dieses Spiel in unmittelbarer Nachbarschaft. Auch in den Berliner Reihen FUDUs weckt das Spiel Begehrlichkeiten, schließlich liegt der letzte Besuch des Erfurter „Steigerwaldstadion“ bereits annähernd 12 Jahre zurück (09.09.2007, 0:2 Niederlage, Torschützen Kumbela und Bunjaku, Schiedsrichter Rafati) und in der Zwischenzeit hat sich baulich an der Spielstätte bekanntermaßen einiges verändert (… und bevor mich aufmerksame Unioner mit Hassmails bombardieren – beim 1:1 am 06.12.2008 habe ich – im Gegensatz zum „Hoollegen“ – mit Magen-Darm und Attest gefehlt!). So ist es nicht zu leugnen, dass das Spiel auch aus Hopping-Gesichtspunkten einen gewissen Reiz versprüht.

Da stellt sich für unsereins nur noch die Frage, ob man sich für einen solchen Kick unbedingt einen Tag Urlaub nehmen sollte. Es ist den Vereinsverantwortlichen nämlich gelungen, für dieses Rettungsspiel des finanziell schwer angeschlagenen Regionalligisten einen denkbar fanunfreundlichen Termin zu finden: Mittwoch, 18.00 Uhr. Dabei lernt man doch bereits im ersten Semester Bilanzfälschung an der Fernuni Dubrovnik: Wenn Dir die Menschen ihr Geld geben sollen, gebe Ihnen die Gelegenheit dazu…

Einige Tage später taucht auf der Facebook-Seite des 1.FC Union Berlin dann ein Kommentar auf, der neuen Wind in die Sache bringt. Der FSV Kali-Werra Tiefenort lädt alle Unioner, die noch etwas in der Gegend bleiben wollen, herzlich in ihr „Kaffeetälchen“ ein. Ein Klick auf den beigefügten Link später hat der postende Mensch erreicht, dass ich ernsthaft beginne, über diese Einladung intensiv nachzudenken. Was für ein wunderschönes Stadion. So funktioniert Marketing!

Vier Wochen lang kämpfe ich mit mir. Urlaub in Deutschland ist grundsätzlich etwas, das ich in etwa so spannend finde wie einen Bodensee-Tatort ohne Untertitel. Als ich dann aber auch noch feststelle, dass am Wochenende nach dem Benefizspiel aufgrund einer Länderspielpause kein Ball in der zweiten Bundesliga rollen wird, ist die Entscheidung final getroffen. Fünf Tage auf großer Tour de Thüringen.

In der Zwischenzeit hat sich auch der FC Rot-Weiß Erfurt aufgemacht, das Spiel im großen Stil zu vermarkten. Wer weiß, wie viele kreative Köpfe da wohl monatelang zusammengesessen haben mögen, um dieses geniale Motto für das Retterspiel zu ersinnen. Es lautet „Currywurst vs Bratwurst“, sorgt in Berlin für mitleidige Schmunzler und kommt auch in der Fanszene Erfurts eher nur so semi gut an. So funktioniert Marketing nicht!

Als wäre dieser Slogan an peinlicher Belanglosigkeit ohnehin kaum zu überbieten, wird Erfurt auch noch in unfassbar hässlichen Sondertrikots auflaufen müssen und diese hinterher versteigern. Kreativer ist man da bei FUDU und so lässt es sich der „Hoollege“ nicht nehmen, seine Zusage an einem Tagesausflug mit einem süffisanten Seitenhieb zu versehen: „Die Currywurst mit Naturdarm ist mit an Bord!“.

So also begeben sich am 20.03.2019 zwei Berliner auf den Weg nach Erfurt. Nach einer Stunde und 47 Minuten Fahrt ist die thüringische Landeshauptstadt um 11.52 Uhr erreicht. Gegenüber des schönen Hauptbahnhofs befindet sich der „Erfurter Hof“, welcher früher als Bahnhofshotel fungierte und heute als Geschäftshaus genutzt wird. 1970 fand hier das „Erfurter Gipfeltreffen“ statt, auf dem Willy Brandt und Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates der DDR, deutsch-deutsche Annäherungsgespräche führten. Die Leuchtschrift auf dem Dach des Gebäudes („Willy Brandt ans Fenster“) ist bereits aus dem Zug zu erkennen und ich habe im Rahmen diverser Vorbeifahrten sicherlich schon zehn Mal recherchiert, was es mit dieser Zeile auf sich hat. Sie erinnert also an die Ausrufe der begeisterten Erfurter Bevölkerung, die seinerzeit dem Bundeskanzler zuwinken wollten. Schreibe ich jetzt einfach mal auf. In der Hoffnung, dass sich die Information jetzt endlich setzt und ich beim nächsten Mal das internetfähige Handy nicht schon wieder zücken muss, wenn ich Erfurt im ICE passiere und „Willy Brandt ans Fenster“ soll …

Das Wetter zeigt sich heute von seiner besten Seite und lädt förmlich zu einem Stadtspaziergang ein. Wir steuern zielstrebig die „Krämerbrücke“ an und erfreuen uns an den vielen kleinen Cafés und Ladengeschäften. „Ist ja genau so schön hier wie in Italien“, hört man die Rentnergruppen ringsherum raunen. Übrigens auch so ein Satz, der letztlich nur illustriert, dass genaugenommen niemand Lust auf Urlaub in Deutschland hat. Warum sonst sollte man sich das Gesehene durch Vergleiche mit schier unerreichbar fernen Ländern schöner lügen, als es ist? Andersherum betrachtet hat es sicherlich auch seinen Grund, warum niemand in Venezia über die „Ponte Rialto“ flaniert und dabei sagt: „So etwas schönes sieht man ja ansonsten nur in Erfurt!“…

Versteht mich nicht falsch. Keineswegs soll dies die Schönheit der Brücke schmälern, aber sie ist de facto nicht „so schön wie in Italien“, sondern maximal so schön, wie eine Brücke in Thüringen eben sein kann. Im weiteren Verlauf des Spaziergangs erhalten aber auch Rathaus, Severikirche und Dom thüringische Bestnoten, ehe wir im „Braugold-Treff“ am Domplatz unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Das bestellte Eisbein schmeckt fatalerweise so wie es aussieht (also in etwa so alt wie das an der Eingangstür angebrachte Werbeplakat für ein „Tatort“ Public-Viewing von 2015) und auch die „Knobländer“, die der „Hoollege“ in Erwartung einer sensationell interessanten Wurstspezialität bestellt, entpuppt sich lediglich als ca. zwei Meter lange Bockwurst. Untermalt wird das Ganze von permanentem Lärm und der einen oder anderen Staubwolke, die von der Großbaustelle neben uns herüber wabert. Zunächst sind wir beide gleichermaßen enttäuscht ob der Qualität und etwas später mehr oder minder zeitgleich geradezu angeekelt von unseren georderten Speisen. Förderlich ist es da, dass wir zu zweit am Tisch sitzen und so wenigstens einem Tellertausch in der „Halbzeit“ nichts mehr im Wege steht. Mit einem tröstenden „Ja, dein Essen schmeckt auch scheiße!“ geben wir uns gegenseitig das Gefühl, bei der Bestellung nichts falsch gemacht zu haben. Ach, hätten wir doch bloß damals schon die „Thüringer Allgemeine“ konsultiert, die den Artikel zwar hinter einer Bezahlschranke versteckt, doch bereits mit der Überschrift durch die Blume eine mehrdimensionale Warnung ausspricht: „Raschid Berrasched betreibt den „Braugold-Treff“ am Dom und bietet für Rentner und Touristen Thüringer Küche“. Mehr hätte man nicht wissen müssen.

Glücklicherweise glänzt wenigstens das „Braugold“ recht schön in der Sonne und holt für den Laden die Kastanien noch gerade eben so aus dem Feuer. Zu diesem Zeitpunkt kennen wir das Sortiment der lokalen Brauerei noch nicht vollumfänglich, ansonsten hätten wir eventuell nach der Spezialität des Hauses mit dem politisch unverfänglichen Namen „18 achtundachtzig“ gefragt. Wie geht Marketing doch gleich noch mal?

Leider können wir auch nach der zweiten Goldelse einem etwas derangiert wirkenden niederländischen Streuner nicht weiterhelfen, da wir auf seine Frage, wo er in Erfurt etwas zum Rauchen kaufen könne, keine Antwort parat haben. Wir sind dann aber hochgradig erleichtert, dass sich der junge Mann selbst zu helfen weiß und bei der Wahl seiner Betäubungsmittel Flexibilität an den Tag legen kann. So lässt er sich einfach neben einem Domplatz-Clochard nieder und trinkt gemeinsam mit diesem Wein aus dem Tetra Pak.
Fast wie in Italien.

Uns zieht es im Anschluss hinaus in das „Steigerwaldstadion“, welches genaugenommen gar nicht im Steigerwald, sondern nordnordöstlich davon liegt. Mittlerweile ist auch der „Schurke“ in seinem Feierabend angekommen und hat es immerhin zu 16.45 Uhr geschafft, die knapp 30 Kilometer von Weimar nach Erfurt zurückzulegen. So bleibt vor Anpfiff noch genügend Zeit auf der Uhr, um auch den „Sprengmeister“ mit Wismut-Aue-Affinität, der aktuell in Erfurt wohnt und heute mit einem Bekannten im Heimblock gammeln wird, auf einen kurzen Smalltalk zu treffen. Schon jetzt erweckt hier alles den Eindruck, als wären mehr Gäste, Hopper und hinsichtlich der Abwendung der Insolvenz des RWE eher emotional unbeteiligte Fußballfreunde rund um das Stadion unterwegs, als Erfurter, die auf Gedeih und Verderb ihren Herzensverein zu retten gedenken.

Auf dem Weg zum Gästeblock erhalten wir sogleich ein kleines Begleitheft, welches allen Ernstes der Insolvenzverwalter Volker Reinhard mit einem Vorwort versehen durfte. Der „Kultverein aus Berlin“ wird begrüßt und die Kampagne „Currywurst vs Bratwurst“ wird in ein nicht vorhandenes Rampenlicht gestellt, um heute „die Spezialitäten aus der Heimat der beiden Vereine hervorheben“ zu können. Die Sondertrikots mit Senf- und Ketchupflecken suggerieren derweil, dass der gemeine Thüringer offenbar zu blöd zum Selberkleckern ist und gehen an den Fanständen sprichwörtlich weg wie alte Schrippe. Schlimmer wird es dann nur noch im Gästeblock, in dem es neben Currywurst auch – Achtung, festhalten, was für ein Brüller! – „Berliner, gefüllt“ für 2,00 € käuflich zu erwerben gibt, doch werden diese von den knapp 150 Unionern irritierenderweise konsequent verschmäht.

Heute sind nicht einmal 3.000 Menschen in das neue „Steigerwaldstadion“ gekommen, obwohl der RWE um das Überleben kämpft und trotzdem habe ich plötzlich Verständnis für jeden Erfurter, der angesichts dieses „Events“ Scham erfüllt zu Hause geblieben ist. Ich verstehe jeden RWE-Ultra, der unter diesen Umständen keinen Finger krumm macht, um den Verein mit diesen handelnden Personen zu retten. Und bei Gott, ich wünsche der Werbeagentur-Amöbe, die diesen unfassbar irrelevanten Zinnober ausgeheckt hat, dass sie all die übrig gebliebenen „Berliner“ (es heißt übrigens „Pfannkuchen“, du Idiot!) zur Strafe bis zum letzten Krümel in sich hineinfressen und sich mit den übrig gebliebenen Trikots so lange in der Fußgängerzone beschimpfen lassen muss, bis auch das letzte Nicki über den Bauchladentisch gewandert ist…

Puh. Jetzt erst einmal ein leckeres „Köstritzer“ Kellerbier vom Fass zur Beruhigung und dann kann auch schon Fußball gespielt werden. Das „neue“ Stadion ist durchaus ansehnlich. Glücklicherweise haben die alten Flutlichtmasten im Gegensatz zum Marathontor überlebt und auch die alte Haupttribüne mit dem Zeltdach konnte in das neue Stadion integriert worden. Nichtsdestotrotz befindet sich diese leider nach wie vor gefühlte 100 Meter vom Spielfeld entfernt und auch die Tartanbahn braucht es für ein Fußballstadion nicht zwingend, ist aber für die Erfurter Leichtathleten erhalten geblieben. Der Rest des Stadions ist ansprechend saniert, modernisiert und überdacht worden und so kann der kriselnde Regionalligist nunmehr ein brandneues Stadion bespielen, welches beinahe 20.000 Zuschauer fasst. Thüringen thinks big!

Für die Gäste aus Berlin ist für 8,50 € Eintritt heute nur der Sitzplatzblock geöffnet worden, was sehr viel Sinn ergibt, so man nach dem Spiel unbedingt eine Putzkolonne zur Reinigung der strahlend weißen Sitzschalen bezahlen möchte, um unter dem Strich bloß nicht zu viel Geld zur Rettung des eigenen Clubs zusammenzubekommen. Das Retterspiel beginnt. Fast 17.000 leere Stühle sorgen für ein tristes Ambiente, in dem Stimmung nicht so recht aufkommen mag, aber wenigstens schmeckt das Jens Kellerbier. Nachdem die Anfangsviertelstunde durchaus RWE gehört, zeigt sich Suleiman „Manni“ Abdullahi in Folge bestens aufgelegt und bringt Union mit drei Toren innerhalb weniger Minuten (22., 23., 26.) frühzeitig auf die Siegerstraße, wobei er die Schönheit der Tore angemessen steigert: Tor 1 ein Abpraller, Tor 2 ein Flachschuss von der Strafraumkante, Tor 3 ein Traumtor in den Giebel. Schade, dass nach dem dritten Geniestreich nur eine Minute vergeht, bis Erfurts Kelbel der Ehrentreffer zum 1:3 gelingt und die Standing Ovations für „Manni“ dadurch deutlich zu kurz ausfallen.

Im Laufe der zweiten Halbzeit wechselt Union mit Florian Sander, Laurenz Dehl, Daniel Eidtner und Stefan Rankić gleich vier Nachwuchsspieler ein, wobei ins Besondere letzterer eine interessante Vita vorweisen kann. Geboren in Bosnien und offenbar so gut, dass man ihn zum 01.01.18 mit lediglich 16 Jahren vom Омладински фудбалски клуб Београд (OFK Belgrad) nach Köpenick gelotst hat. Den behalten wir mal im Auge, auch wenn es Daniel Eidtner ist, der mit seinem Treffer zum 4:1 in der 82. Minute heute für etwas mehr Aufsehen sorgen kann. Schiedsrichter Lossius beendet kurz darauf die Partie und am Bahnhof von Erfurt trennen sich unsere Wege. Der „Hoollege“ muss zurück ins Currywurstland, während ich um 21.01 Uhr gemeinsam mit dem „Schurken“ in Richtung Weimarer Bratwurstparadies aufbreche. Das hier war schließlich erst der Aufgalopp in die Tour de Thüringen… /hvg