131 131 FUDUTOURS International 21.09.20 14:22:12

13.04.2019 Ludwigsfelder FC – BSG Chemie Leipzig 1:1 (1:0) / Waldstadion Ludwigsfelde / 783 Zs.

Gestern habe ich das Heimspiel des 1.FC Union Berlin gegen den SSV Jahn Regensburg verpasst. Knapp 25 Kilometer Wegstrecke zwischen Arbeitsstelle und Fußballstadion waren in 30 Minuten einfach nicht zu realisieren – erst recht nicht, wenn die S-Bahn sich mit Schienenersatzverkehr auf der Ringbahn versucht. Noch etwas gezeichnet von dieser Schmach des freiwilligen Verzichts, treffe ich am Samstag auf den anderen FUDU-Pädagogen, der für meine bildungsfernen Plattenbauzöglinge demnächst Wildcards für ein Pankower Gymnasium organisieren kann. Endlich einmal eine wirklich sinnvolle und nachhaltige Kooperation! Doch genug der Arbeitsthemen, es soll hier schließlich darum gehen, schnellstmöglich ein gänzlich fußballfreies Wochenende zu verhindern. Da kommt es uns zupass, dass in der NOFV-Oberliga heute niemand geringeres als die BSG Chemie Leipzig ihre Visitenkarte im „Waldstadion“ zu Ludwigsfelde abgeben wird.

Um 11.36 Uhr tuckert die S-Bahn auf dem funktionierenden Teil der Ringbahnstrecke mit uns an Bord in Richtung Berlin-Südkreuz. Kaum eingestiegen, hat auch bereits der erste „motz“-Verkäufer vorgesprochen und einen kleinen Groschen von mir erhalten. Wenige Augenblicke später steigt ein Straßenmusiker zu, der mit dem „Hartz-IV-Song“ der „Monsters Of Liedermaching“ den gesamten Waggon begeistern kann und auch FUDUs Budget spielerisch um weitere Taler erleichtert. Kann ja eine richtig teure Tour werden, wenn das Tempo der unkalkulierbaren Nebenkosten im weiteren Verlauf der Anreise in dieser Form bestehen bleibt. Macht mal lieber ’n bisschen Adagio, sonst muss auch ich mir am Ende noch ein Bier mit meinem Kumpel teilen…

Glücklicherweise fallen keine weitere Zusatzabgaben im Berliner Nahverkehr an und auch auf der gerade einmal dreizehnminütigen Regionalbahnreise nach Brandenburg bleiben wir unbehelligt. Ob sich die 3,60€ + X bereits ihm Rahmen eines Ludwigsfelde-Sigthseeings amortisieren werden, darf zwar vage bezweifelt werden, dennoch ist unsere Freude groß, dass der „Sprengmeister“ bereits am Parkplatz bereit steht, um uns seine Heimatstadt zeigen zu können. „Ludwigsfelde bewegt!“ lautet der offizielle Slogan der Stadt, den man aber auch getrost gegen „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“ austauschen könnte. Wer sich nicht für Automobilproduktion (der „IFA W50“ wurde hier zwischen 1965 und 1990 gebaut, heute gehören die Werke zur Daimler-AG) oder Luft- und Raumfahrttechnik interessiert, bekommt hier wahrlich nicht viel geboten. Einen kurzen Blick auf die „Theodor-Fontane-Grundschule“ kann unser Stadtführer aber immerhin mit einer interessanten Randanekdote versehen. Vor ihm habe niemand geringeres als „Gentleman“ Henry Maske diese Schule besucht. Hier muss also ganz offensichtlich gewaltfrei erzogen worden sein.

Kurz darauf haben wir das „Waldstadion“ erreicht. Mein letzter Besuch der Spielstätte liegt bereits knappe 14 Jahre zurück. Kaum zu glauben, dass der 1.FC Union Berlin hier am 22.10.2005 um Punkte spielen musste und welche Entwicklung der Verein in den letzten Jahren genommen hat. Gerne erinnere ich mich aber an die Oberliga-Saison 05/06 zurück, in der man die eine oder andere Stadionperle in der Provinz besuchen dufte. Gefrorene Würstchen im Schneegestöber, matschige Gästeblock-Grashügel, 8:0, 15 € Eintritt im „Jahnsportpark“ auswärts gegen Türkiyem, ein 0:0 bei Falkensee/Finkenkrug und der „Texas“-Hattrick in Ludwigsfelde. Freunde, das war ’ne Saison…!

14 Jahre später hat sich das „Waldstadion“ baulich ein wenig verändert. Das ohnehin bereits recht schicke Stadion ist 2010 um eine moderne Haupttribüne mit 368 überdachten Sitzplätzen erweitert worden und könnte nunmehr 7.868 der insgesamt 27.000 Ludwigsfelder in Empfang nehmen. Der Verein, der Ende der 80’er Jahre als BSG Motor einige Spielzeiten in der zweiten Liga der DDR verbracht hat, dümpelte zwischenzeitlich nur noch in der siebtklassigen Landesliga herum, hat in den letzten Jahren aber wieder den Weg nach oben gefunden und spielt nun seit dieser Saison wieder in der Oberliga. Während man in den Spielzeiten 04/05 bis 10/11 jedoch im Norden eingegliedert war, darf oder muss man sein Glück in dieser Saison in der Südstaffel versuchen. Die attraktiven Spiele gegen die BSG Chemie Leipzig und das Derby gegen den FSV Luckenwalde dürften über die ansonsten recht weiten Fahrtwege bis hinaus nach Gera, Plauen und Co hinwegtrösten.

Wir nehmen zunächst Platz auf der neuen Tribüne, um festzustellen, dass man es hier dank mobiler Lautsprecherboxen nicht aushalten kann. Die Durchsagen des Stadionsprechers werden dem gemeinen Fußballfreund jedenfalls in einer Lautstärke in das Trommelfell gehämmert, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Als dann auch noch minderjährige Cheerleaderinnen zu utopisch lauter Plastikmusik unter Beweis stellen dürfen, was die dürren Kinderbeinchen so hergeben, zieht es uns zur Abwendung von Fremdscham an den Getränkeausschank. Hier beobachten wir kleine und große Menschen, die sich vergnügt mit dem Maskottchen des LFC fotografieren lassen. „Ludwig“ scheint hier sehr beliebt zu sein, obwohl er ein bisschen so aussieht wie ein Tier, das es nicht schnell genug über die Autobahn geschafft hat. Taufen wir das Ungetüm mit den leeren Augenhöhlen einfach auf den Namen „Krüppelteddy“ und fangen uns den nächsten Shitstorm ein. Hoch die Gläser!

Im Anschluss setzen wir unseren Stadionrundgang fort und stellen wohlwollend fest, dass sich die alte Gegengerade mit den Stehstufen und den weißen Plastikbänken in den letzten 14 Jahren kein Stück verändert hat. Auch hier trifft man unverabredet auf bekannte Gesichter, die mit der BSG Chemie sympathisieren und kommt so in den Genuss weiterer gepflegter Smalltalks, sodass die verbleibenden Minuten bis zum Anpfiff nahezu verfliegen, obwohl einem die Cheerleaderinnen mit ihrer Performance parallel noch immer auf die Nerven gehen. Die Zeit reicht vor Anpfiff noch gerade eben so für ein gepflegtes wildes Urinieren im Kurvenbereich, wobei man gestehen muss, dass es schon einmal unverfänglichere Situationen gegeben hat, um auf einen kleinen Jungen zu treffen, der auf der Suche nach Schnecken ist. Um Missverständnisse zu vermeiden, verzichten wir auf das verlockende Angebot, uns seine Sammlung en Detail anzuschauen und eilen zurück auf unsere muckeligen Sitzschalen unter dem Tribünendach.

Das Spiel beginnt. Heute haben gut 400 Chemiker die 137 Kilometer Anreise aus Leipzig auf sich genommen, um ihre Farben gewohnt sangesfreudig unterstützen zu können. Dazu gesellen sich einige neutrale Fußballfreunde und ein Lokist. Die Resonanz auf der Heimseite ist etwas enttäuschend, sodass am Ende die erhoffte Marke von 1000 Zuschauern deutlich verfehlt wird und auch das Spiel kann den hohen Erwartungen zu keiner Zeit gerecht werden. Schnell sind 25 ereignislose Minuten verstrichen, die so ereignislos sind, dass wir uns mit unseren Gedanken bereits beim Abendprogramm befinden. FUDU ist schließlich eine derartige Eliteeinheit, dass es dann und wann schon etwas gehobeneres braucht als Oberligafußball. Champions League ist da schon eher unsere Kragenweite und so freuen wir uns bereits jetzt auf die Partie zwischen Spandau (bei Berlin) und Ολυμπιακός aus Piräus um 19.00 Uhr. Okay, zwar nur Champions League im Wasserball, aber Champions League bleibt Champions League!

Neben uns werden dann übrigens auch unsere Wasserfreunde von Tennis Borussia anwesend sein, die gerade durch Berlin tingeln, um singend darauf aufmerksam zu machen, dass ihnen irgendein windiger Geschäftsmann den Fußballverein entrissen hat. Na, dann weiß man wenigstens schon, von welchen queerschnittsgelähmten der Krüppelteddy-Shitstorm kommen wird…

Gerade, als wir uns die Frage stellen, ob man sich vor Betreten der Schwimmhalle wohl abduschen muss und ob es im Fanshop der Wasserfreunde Bademantel und -latschen käuflich zu erwerben geben wird, weckt uns die Heimmannschaft mit einer Doppelchance. 27 Minuten sind bereits ins Land gegangen, als Romanovski aus spitzem Winkel und Lemke mit dem anschließenden Schuss aus zweiter Reihe scheitern. Bei der bis hierhin pomadig auftretenden BSG bleibt Ex-Unioner Kai Druschky der auffälligste Spieler (nicht nur wegen seiner furchtbaren Frisur), doch auch seine zweite Halbchance nach gut 30 Spielminuten kann Keeper Lindner am kurzen Pfosten mit einem guten Reflex vereiteln.

Nach 42 Minuten gehen die Hausherren, die wesentlich spritziger und agiler als ihre Gegner wirken, verdient in Führung. Nach einem Einwurf können die Ludwigsfelder den Ball gut behaupten und über 3-4 Stationen in den eigenen Reihen laufen lassen. An der Strafraumkante schüttelt Sturmspitze Paul van Humbeeck einen Verteidiger mit einer einfachen Körpertäuschung ab, dringt in den Strafraum ein und schließt beherzt in das lange Eck ab.

In der Halbzeitpause begrüßt der Stadionsprecher den ältesten Fan im Stadion, doch leider weigert sich der „Sachse“ etwas beschämt, aufzustehen und in die Runde zu winken. Am Getränkestand erhalten 2/3 der Reisegruppe ein komplettes Bier vom Hahn, während sich der Kaffeetrinker mit einem halben Becher des Heißgetränks zufrieden stellen muss. Offensichtlich hat der LFC nicht genügend Thermoskannen abgefüllt und so wandert die letzte Pfütze Kaffee immerhin als Geschenk in die Reihen FUDUs.

Den zweiten Spielabschnitt erleben wir von der Gegengerade. Gerade einmal sieben Minuten sind gespielt, als LFC-Akteur Goede im Spielaufbau ein verheerender Schnitzer unterläuft. Seinen Fehlpass kann Böttger im Mittelfeld aufnehmen und mit Tempo auf das gegnerische Tor zulaufen. Sein Querpass zu Alexander Bury durch den Sechzehner sitzt und der schnelle Ausgleich nach Wiederanpfiff für die BSG ist gefallen. Direkt im Gegenzug scheitert Lemke mit einer Direktabnahme aus fünf Metern nach Romanovsky-Flanke an Keeper Latendresse und spätestens nach einer Stude hätte sich der LFC die erneute Führung verdient gehabt. Allerdings kann Lemke auch die zweite mustergültige Flanke seines ukrainischen Mitspielers nicht im Tor unterbringen – dieses Mal verhindert die Querlatte den Einschlag.

In den letzten 30 Minuten verflacht die Partie. Der BSG merkt man den Kräfteverschleiß der vergangenen Wochen, in denen sie eine Vielzahl an Spielen zu absolvieren hatte, deutlich an. Auch auf den Rängen bieten die „Diablos“ heute bestenfalls Durchschnitt und tun es ihrer Mannschaft gleich, die nun komplett in einen Verwaltungsmodus schaltet. Insgesamt hat man heute zu wenig Elan und Esprit, um das Spiel aktiv zu gestalten und in dieser durchaus enttäuschenden Gesamtkonstellation hofft man auf ein baldiges Ende des Spiels. Letztlich gelingt es Chemie mit diesem biederen Beamtenfußball einen Punkt aus dem „Waldstadion“ zu entführen und für uns endet der erste Teil des sportlichen Samstags.

Nach Abpfiff zieht es uns vorbei am wunderschönen Rathaus Ludwigsfelde in die „Gaststätte Landlord“, wo sich das verschnörkelte „S“ im Logo des hier ausgeschenkten Bieres bei genauerem Hinsehen leider als „H“ entpuppt. Geschenkt, jetzt haben wir schon „zwei Sauff-Bräu“ und eine deftige Grundlage für den Abend in der Königsklasse bestellt. Glücklicherweise trennen uns vom Bahnhof nur noch fünf Meter Fußweg, sodass im Anschluss der Nahrungsaufnahme einer zweiten Runde „Sauff“ nichts mehr im Wege steht. Nicht nur in Jena weiß man: „Saufen schmeckt gut!“

Um 18.00 Uhr haben wir wieder Berliner Boden unter den Füßen und nun noch exakt eine Stunde Zeit, vom Bahnhof Südkreuz in die Schwimmhalle zu gelangen. Für den 1,3 Kilometer langen Teufelsmarsch decken wir uns glücklicherweise noch mit einem Wegbier ein, welches nach 15 Minuten zum Stehbier wird. Wir haben die „Sport- und Lehrschwimmhalle Schöneberg“ bereits vor der Nase und nun genügend Ruhe und Muße, die als TeBe-Fans verkleideteten Wasserballfreunde zu beobachten. Diesen Auftritt darf man schon jetzt getrost als hochnotpeinlich bezeichnen, als plötzlich der „Sachse“ vom gleichnamigen Damm winkt. Da hat wohl heute jemand die gleichen Samstagspläne…

Für den Eintritt in die „Sport- und Lehrschwimmhalle“ verlangen die Spandauer von Vollzahlern stolze 10 €, was mich dazu animiert, mir eine ermäßigte Karte zu ergaunern. Als Ermäßigungsgrund gebe ich im Dialog mit der Kassiererin einfach ‚Nichtschwimmer‘ an, was sie glücklicherweise amüsant findet, mit einem Lächeln quittiert und mich gegen eine Zahlung von nun nur noch 5 € und ohne Dusche passieren lässt.

Die Schwimmhalle ist auf einer Seite mit einer großen Tribüne ausgestattet und auf ungefähr 32 Grad aufgeheizt worden. Das nächste Bier fühlt sich angesichts der Temperatur und des rinnenden Kondenswassers an den Wänden ein wenig wie Alkoholmissbrauch in der Herrensauna an und schon betreten die durchtrainierten Athleten den Innenraum.

Einige von Euch kennen vielleicht den einen oder anderen legendären youtube-Clip großer Fanszenen südosteuropäischer Fußballvereine (z.B. Roter Stern, Partizan, Galatasaray, Panathinaikos o.ä.) in ungewohnten Umgebungen. Viele Fanszenen begleiten nachweislich auch gerne mal die anderen Abteilungen ihrer Clubs akustisch. Mit Fahnen, Trommeln, Gesängen, Nebeltöpfen und Bengalos werten sie so gelegentlich den einen oder anderen Hallensport auf. Immer wieder ein Genuss, 200-300 Ultras dabei zuzusehen, wie man beim Basket-, Wasser- oder Volleyball mit geschlossenen Auftritten regelrecht die Hallendächer abreißen kann. Heute erwartet FUDU mindestens 300 heißblütige Griechen, die das Wasser der „Sport- und Lehrschwimmhalle“ zum Kochen bringen.

Um Punkt 19.00 Uhr wird das Spiel der Champions League (Vorrunde, Gruppe B) eröffnet. Die 300 Griechen stehen leider noch im Stau, stattdessen nerven die TeBe-Trottel mit Gesängen. Der Hallensprecher weist darauf hin, dass man heute extra Trommeln an die Reling gehangen hätte und bittet die Zuschauer, diese nun auch zu benutzen. Knapp 250 Menschen haben sich immerhin auf der Tribüne versammelt, während die Spandauer dem amtierenden Champion aus Piräus im ersten Viertel Paroli bieten können. Nach den ersten acht Minuten steht es 2:2, doch bereits zur Pause liegen die Wasserfreunde mit 2:6 im Hintertreffen und die Wasserball-Regularien bitten Fetti nach lediglich 16 effektiven Spielminuten schon wieder zum nächsten Bier. Die enthusiastischen Griechen haben die Halle in der Zwischenzeit leider noch immer nicht erreicht. Vielleicht versehentlich ins „Stadtbad Schöneberg“ gefahren – Anfängerfehler.

Am Ende werden sie ein 11:3 ihrer Helden verpassen und der durchgeschwitzte Fetti wird auch beim Verlassen der Halle nicht abgeduscht. Nicht einmal mit Champagner. Dann am nächsten Wochenende doch lieber wieder unterklassiger Fußball statt Champions League in der Herrensauna! /hvg