803 803 FUDUTOURS International 21.09.20 15:02:06

20.04.2019 ATSV Erlangen 1898 – SpVgg Ansbach 09 3:0 (2:0) / ATSV-Sportanlage Paul-Gossen-Straße / 140 Zs.

Irgendwann am späten Karfreitagabend sind die beiden wilden FUDU-Männer damit fertig geworden, im „Abgedreht“ den Grundstein für einen etwas getrübten Zeitzeugenbericht aus Erlangen zu legen.

Um 3.39 Uhr befindet sich neben FUDU auch halb Spanien in der S-Bahn. Feierwütiges Volk. Irgendeine völlig orientierungslose Frau ist auf der Suche nach der Schillingbrücke, warum auch immer. Noch fühlt sich FUDU angenehm überlegen, wie jedes Mal, wenn sich irgendjemand in der Nähe befindet, der noch derangierter ist, als man selbst. Dass sich an diesem Umstand zeitnah etwas ändern könnte, deutet sich eine knappe Stunde später an, als direkt nach Abfahrt des ICE in Richtung Erlangen osteuropäische Bierspezialitäten zischend zum Öffnen gebracht werden. Wo mag diese Rutsche „Żubr“ wohl schon wieder hergekommen sein? Wisent wir nicht, hat uns aber vermutlich irgendein polnischer Obdachloser vor dem Bahnhof aus bloßer Solidarität zugesteckt. Ein Gewinnspiel steigert unser Interesse an dem Bier zusätzlich. Teile der Reisegruppe zeigen sich zwar leicht überrascht, dass es in der polnischen Sprache überhaupt ein Wort für „Gewinner“ gibt, aber das soll uns nun nicht daran hindern, an selbigem teilzunehmen. Vielleicht heißt es auf der Sonnenseite des Lebens also bald: Fetti und die Złoty-Millionäre. Freut Euch drauf!

Weniger groß ist die Vorfreude auf das Frühstück, welches seit knapp zwei Stunden im Jutebeutel nachreifen durfte. Der gute „Backwerk“-Hot-Dog, der vermutlich ohnehin bereits seit Freitagabend in der Auslage gelegen hatte, hat mittlerweile die Tüte durchgefettet und eine Konsistenz angenommen, die jeden Saumagen vor eine echte Herausforderung stellt. Wie gut, dass Fetti noch etwas zum Nachspülen dabei hat, während der „Fackelmann“ bereits die Recherchemaschine glühen lässt. Zunächst begibt er sich auf die Suche nach einem Hotel in Nürnberg – allerhöchste Eisenbahn, wenn man plant, heute dort übernachten zu wollen. Ärgerlich, dass Nürnberg aktuell hoch im Kurs liegt und die Preise durch die Decke gehen. Ja, wie rechtzeitig soll man sich denn noch um sowas kümmern?, echauffiert sich „Facki“ und muss die Suche notgedrungen auf den Großraum Franken ausweiten. „Wohl dem, der um 20.57 Uhr eine Rückfahrt in der Tasche hat und schon um 0.31 Uhr wieder zurück in Berlin sein wird“, denke ich mir, als mein Gegenüber die Hotelsuche bereits wieder abgebrochen und den Fokus auf die wesentlichen Dinge des Lebens gerichtet hat: „Fürth II spielt heute gegen Nürnberg II“.

Glücklicherweise bringt diese Erkenntnis unseren Ursprungsplan, dem ATSV Erlangen einen Besuch abzustatten, aber nicht mehr ins Wanken. Das Derby der Zweitvertretungen ist gottlob parallel zum Auftritt des 1.FC Union Berlin bei der SpVgg Greuther Fürth angesetzt. Damit auf der „Sportanlage Burgfarrnbach, Konrad-Ammon-Platz“ auch wirklich gar nichts schiefgehen kann, haben die Sicherheitsbehörden sicherheitshalber – dafür sind sie ja da – für heute auch ein Spiel der ersten Herren des 1.FC Nürnberg in Leverkusen terminiert. Scheiß Krawallos…igkeit. So etwas will Fetti nicht sehen – und auch die absolute Geschmackslosigkeit, ein Fußballstadion nach einem Schweinemetzgermeister zu benennen, kann einem schon mehr als übel aufstoßen…

„Yeeeees!“, ruft der „Fackelmann“ mit geballter Becker-Faust euphorisiert ins Großraumabteil. „Mein Gott, kann dem Jungen vielleicht mal jemand das Handy wegnehmen, was hat er denn jetzt schon wieder?“ ist ein Gedankengang, der nicht lange unkommentiert bleibt. „Der ‚Schwarze Ritter‘ macht um 8.00 Uhr auf!“, lässt er als Begründung auf die Jubelarie folgen. Bei einer erwarteten Ankunftszeit von exakt 8.00 Uhr in Erlangen kann man sich natürlich schon mal freuen, dass die Kneipe, die man aus seinem Auslandssemester in Franken in guter Erinnerung hat, deckungsgleich öffnet. Doch nur kurz darauf verfinstert sich seine Miene: „Hmm, nee, Abbruch – die macht um 8 zu!“.

Trotz dieser ernüchternden Erkenntnis verlassen Fetti und seine Freunde kurz darauf planmäßig die Bahn. Für ein zweites Frühstück empfiehlt „Fackelmann“ die „Metzgerei Walk“. „Drei im Weggla“ (oder Weckla – angesichts dieser heiß diskutierten Frage wird in Franken höchstwahrscheinlich irgendwann einmal ein Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen…) kosten hier 2,55 €. Da lässt sich unsereins nicht lumpen und holt den ersten 50 € Schein aus dem ostdeutschen Reisekoffer. Die burschikose Fleischereifachverkäuferin (→ die grobe Dicke) hinter dem Tresen händigt 30 € Wechselgeld in Papierform aus und schüttet etliche Kilo Münzen hinterher. Bevor ich auch nur irgendwie reagieren kann, ist sie präventiv tätig: „Beschwern Sie si‘ ned, hädd a glänner sei könner!“.

Ob sie die Würstchen oder das Münzgeld meint, bleibt zunächst einmal offen. Wir schleichen lieber ohne Widerworte von dannen und werfen dank unseres ortskundigen Stadtführers einige Blicke auf die Sehenswürdigkeiten Erlangens. „Sagen Sie mal junger Mann, ich hätte mal ’ne Frage. Da rechts da steht doch so ’ne Kirche, wie heißt die denn?“. Nach Beantwortung all unserer Fragen zeigt man uns noch das „Markgräfliche Schloss“ samt Schlossgarten, Orangerie und Hugenottenbrunnen. „Fackel“ ist ein netter junger Mann, was der sich alles merken kann. Es gibt ja so viel Wissenswertes über Erlangen!

Plötzlich taucht „Richard Martin“ auf, also in den Notizen. Nicht auszuschließen, dass er bereits seit Berlin unter dem Tisch gelegen hatte, doch nun ist nachweislich er es, der das beeindruckende Kulturprogramm verknappt zusammenfasst: „Schön. Aber wo wird jetzt das Fass angestochen?“.

Bezug nimmt er hiermit auf das „Erlanger Frühlingsfest“, welches genau heute seine Pforten für Besucher öffnen wird. Offenbar hat sich bei seinem flüchtigen Blick auf ein Werbeplakat am Hauptbahnhof nur die Information „Bieranstich“ gesetzt, doch der Rest der Reisegruppe kann die fehlenden Koordinaten komplettieren. „Auf dem Schlossplatz, aber erst ab 10.00 Uhr! Stunde musste noch durchhalten!“.

Mit Mühe und Not gelingt es, den dritten wilden Mann im Zaum zu halten, doch irgendwann wird der Druck zu groß und der unbändige Bierdurst bahnt sich seinen Weg. Bereits um 8.50 Uhr kratzen wir daher an die noch verschlossenen Türen des „Mireo“, welches eigentlich erst in zehn Minuten öffnen wird. Der Kellner schließt etwas irritiert die Gaststätte auf und wundert sich angesichts der bereits wartenden Gäste: „Ist denn heute irgendetwas besonderes?“ – „Ja, Samstag!“, schallt es ihm aus drei durstigen Kehlen zurück. Kurz darauf steht ein drittes (?) Frühstück, drei doppelte Espressi (Sorry für soviel polyglottes Bildungsbürgertum an der Stelle!) und drei „Mönchshof“ vom Fass auf unserem sonnigen Terrassentisch, an den wir um 8.53 Uhr platziert worden sind. Puh, diese lange Durststrecke hätte übel enden können.

Eine Stunde später, wer hätte es geahnt, haben die drei tapferen FUDU-Schweine den Schlossplatz erreicht. Leider sind sämtliche Bierzelte und Fahrgeschäfte noch verschlossen, nur am Stand der „Brauerei Heller“ herrscht bereits rege Betriebsamkeit und die Tresenkraft agiert als pfeifender Schweinefänger von Erlangen. Den kleinen Stimmungsaufheller für zwischendurch bezahle ich auf Heller und Pfennig mit dem vorhin erhaltenen Wecklageld. Wäre ja auch Quatsch, all das Gold länger als nötig mit sich herumzutragen. Kurz nachdem wir die Gläser erhoben haben, erfahren wir, dass es erst heute Abend um 17.00 Uhr heißen wird: „O’Zapft is!“. Klar, dass man sich bei dieser FUDU-unfreundlichen Terminierung nicht zwei Mal bitten lässt und zur Verwunderung der Einheimischen ein knackiges „Anstichzeiten fair gestalten“ über den Schlossplatz hallen lässt.

So geht man jedenfalls nicht mit Gästen um. Klar, dass uns nun nichts mehr in Erlangen hält. Bereits um 11.02 Uhr nehmen wir den neunminütigen Teufelsritt nach Fürth in Angriff. Die Fahrzeit ist für eine Fürther Kutte gerade lang genug, um einem mitreisenden Unioner gleich mehrere grenzdebile Fragen zu stellen. Mit einem bedrohlichen „Eine Frage hast Du noch“ – samt erhobener Hand – beendet der Berliner das unangenehme Schauspiel. Nicht auszuhalten, wenn jemand, der Franken vermutlich noch nie verlassen hat, nach 30 Jahren Mauerfall in Erfahrung zu bringen versucht, wie der Lebensstandard im Osten denn mittlerweile so aussehen möge.

Der „Fackelmann“ erzählt uns von der Rettung des „Labieratorium“ in Cottbus und reicht eine Probierpulle für den Fußweg zum „Ronhof“. Die leere Flasche (8 Cent bares Geld!) stelle ich an einer Tankstelle an den Bordstein, was drei Fürther Senioren meckernd auf den Plan ruft und schnell die Frage im Raum steht, warum ich meinen Müll am Straßenrand stehenlassen un dnicht ordnungsgemäß entsorgen würde. Ich verzichte auf eine Diskussion mit den Provinzlern und gehe ein kalkulierbares Risiko ein. Schwerer Pfandfriedensbruch – könnte später in meiner Verurteilung stehen.

Knapp zwei Stunden später hat der 1.FC Union Berlin bei den Greuthern (nimm das, Fürther Sambaultragruppe!) immerhin ein 1:1 Remis erkämpft und wir besinnen uns direkt nach Abpfiff auf das, was wir uns im Vorfeld der Reise vorgenommen hatten. Ich zitiere aus „Fackelmanns“ letzter Textnachricht: „Arbeitstitel lautet dann 15:05 mit dem Bus ab Fürth Friedhof. Oder netten Autofahrer suchen“.

Aber da haben wir die Rechnung ohne das Fürther Verkehrsaufkommen gemacht. Unklar, ob sich Ottfried Fischer auf irgendeiner Kreuzung zum Mittagsschlaf gebettet hat, der „Superstau“ ist aber nicht von der Hand zu weisen. Hier kommt kein Bus und kein freundlicher Autofahrer auch nur annähernd schnell genug voran, um den 16.00 Uhr Anpfiff in Erlangen gewährleisten zu können. So bleibt uns gar keine andere Wahl, als mit einem Wegbier in den Händen entspannt an der Blechlawine vorbei zu laufen und darauf zu hoffen, dass der Verkehr irgendwann wieder genauso flüssig laufen wird wie unser Gerstensaft und man dann in irgendein Taxi springen können wird. Wie das Schicksal so will, löst sich die Stauung  a u s g e r e c h n e t  auf der Erlanger Straße in Wohlgefallen auf und das erstbeste Taxi, das parat steht, ist nicht irgendein Taxi, sondern eines des „Taxiunternehmen Sandra Schultheiß“. Na dann: Bierkutscher, fahr uns in die Gossenstraße!

Die große fränkische Hafenrundfahrt zu dem heiß ersehnten Spiel der Bayernliga Nord kostet FUDU stolze 30 €. Unbezahlbar ist der Schreck, der einem in die Edi Glieder fährt, als ersichtlich wird, dass drei Minuten vor Anpfiff noch keinerlei Betriebsamkeit auf dem Sportplatz herrscht. Außerdem ist „Richard Martin“ plötzlich verschwunden, also aus den Notizen. Wenigstens stellt sich alsbald heraus, dass wir nicht etwa zur falschen Zeit am falschen Ort eingetroffen sind, sondern lediglich an einem Nebenplatz an der Straße gestrandet sind und sich das Hauptfeld der Sportanlage etwas im Hinterland versteckt. Angesichts dieser guten Nachrichten kann man das Verschwinden des Freundes natürlich verschmerzen.

Für 6 € erschleichen wir uns zum 16.01 Uhr ermäßigten Eintritt auf die „ATSV-Sportanlage Paul-Gossen-Straße“. Der Ball rollt zwar bereits seit einer Minute über den grünen Rasen, doch Fetti, schon längst mit Schwanklizenz und Schnapsatmung ausgestattet, muss sich erst noch ein weiteres Kaltgetränk organisieren, bevor er sich der sportlichen Komponente des Nachmittags zuwenden kann. Zwar darf pure Vernunft niemals siegen, doch irgendetwas reitet ihn nun dazu, in der Vereinsgaststätte des ATSV lieber ein Radler zu ordern. Hat er wahrscheinlich in der Suchtberatung gelernt – 0,25 Liter Limo im Bier machen bekanntlich 10 Halbe locker wieder wett.

Glücklicherweise haben Fetti und seine Freunde rechtzeitig genug auf der Haupttribüne Platz genommen, um den Doppelschlag von Ahmet Kulabas, bekannt aus Liga 3 und den Regionalligen, in Minute 18 und 24 live und in Farbe miterleben zu können. Der verwandelte Handelfmeter in Folge einer Ecke zum 1:0 darf getrost eine schnöde Randnotiz bleiben, das 2:0 nach traumhaftem Doppelpass von Forisch und Yüce, abgeschlossen mit dem Außenrist ins lange Eck, ist dagegen wesentlich sehenswerter. Klar, dass bei einer derartigen Steigerung auch die Tormusik in nichts nachstehen darf und so dröhnen nach dem zweiten Treffer ballermanneske Klänge über den Sportplatz. Feiern ohne Ende – 138 Franken und zwei FUDU-Schweine in Ekstase!

Auch in Folge wird der ATSV spielbestimmend bleiben. Zwei-drei weitere gute Gelegenheiten lassen die Hausherren jedoch ungenutzt, während die Gäste mit einer hochnotpeinlichen Schwalbe nach 37 Minuten für den letzten Aufreger der ersten Hälfte sorgen. Doch Schiedsrichter Ziegler ist zu souverän, als dass er auf eine solch plumpe Täuschung hätte hereinfallen können und auch das fachkundige Publikum erteilt dem Ansbacher eine Absage: „In Oberbayern wird sowas net gpfiffen!“. Word.

In der Halbzeitpause bauen die emsigen Helfer des ATSV bereits den Grill ab und schieben so Fettis Pläne, es im Kampf gegen die Promille nach einem Radler nun auch noch mit Nahrungsaufnahme zu versuchen, einen Riegel vor. Die zweite Hälfte wird lümmelnd auf dem Gegengerade-Grashügel verfolgt. Klar, dass sich Narkoleptiker „Fackelmann“ da nicht mehr lange auf den Beinen halten kann und zu einem gepflegten Nickerchen übergeht. Fetti, das Wiener Schnitzel, sieht sich angesichts seiner dösenden Hopperfreunde skeptischen Blicken der Einheimischen ausgesetzt, fasst aber mit viel Schmäh souverän zusammen: „Joa mei, so ist’s halt in der Gossen!“.

Das Spiel ist in der Zwischenzeit ohne weitere Aufreger (bis auf die Einwechslung von Max Störzenhofecker und einer gelb-roten Karte für Johannes Meyer) in der Nachspielzeit angekommen und just in dem Moment, in dem „Fackelmann“ auch das zweite Auge öffnet, zappelt der Ball ein drittes Mal im Tornetz der Ansbacher. Ein wunderschöner Fernschuss von Lucas Markert aus gut zwanzig Metern ist soeben samt Pfosten- und Lattenberührung im Kreuzeck eingeschlagen und setzt der Partie die Krone auf.

FUDU ist nun pünktlich zum Abpfiff wieder hellwach und der Nachmittag klingt im Biergarten mit „Steinbach Bräu“ aus. „Fackelmann“ verschwindet kurz darauf aus den Notizen und taucht einen Tag später in Aschaffenburg wieder auf. Aber da bin ich bereits längst wieder in Berlin (…wohl dem, der die 20.57 Uhr Verbindung in der Tasche hatte!) angekommen, erhole mich von den Reisestrapazen und bereite mich auf den Ostermontag in Mahlsdorf vor. Kann man ja nur hoffen, dass man da vielleicht ohne Radler über die Runden kommen wird… /hvg