236 236 FUDUTOURS International 25.05.24 22:26:21

26.03.2016 AS Livorno – FC Pro Vercelli 1892 0:1 (0:0) / Stadio Armando Picchi / 6.891 Zs.

Kurz vor Ostern sitze ich mit einigen Freunden und Bekannten im Kino Babylon. Im Rahmen des Fußballfilmfestivals „11mm“ genießen wir den Streifen „Una meravigliosa stagione fallimentare“. Der großartig gemachte Film begleitet den am Boden liegenden AS Bari durch eine Saison, für die es kein besseres Drehbuch hätte geben können und die entgegen aller Erwartungen am Ende beinahe mit einem Aufstieg in die Serie A endet. Wenn man nach diesem Film keine Lust verspürt, sich italienischem Zweitligafußball zuzuwenden, dann sind Hopfen und Malz wohl verloren…

So also besteige ich nur wenige Tage später ein Beförderungsmittel meiner irischen Lieblingsfirma und düsenjette nach Bergamo. Seit meinem Ausflug nach Malta via Bergamo im Oktober berichte ich immer wieder gerne, wie ich mir nachts am Flughafen ein spektakuläres Wettrennen mit einer jungen Dame um die wirklich einzige Steckdose geliefert habe. Die Geschichte endete damals so, dass Krystyna aus Katowice knapp gewann, wir aber zwei nette Stunden gemeinsam an der Steckdose herumlungerten und am Ende nicht nur die Handys voll waren. Sei es wie es sei: DIE Steckdose am Flughafen Bergamo gibt es aktuell leider nicht mehr. Das Café ist hinter Pressspanplatten verschwunden und wird offenbar saniert, was mich heute aber nicht weiter stört, da meine Weiterreise nach Livorno per Zug unmittelbar bevor steht.

In Milano Centrale steigen dann Mutti (überschminkt) und Tochter (überschminkter) zu. Aufgrund der Anzahl der Tüten ist zu befürchten, dass die beiden die gesamte Innenstadt leer gekauft haben. Das Platzangebot im Frecciabianca minimiert sich deutlich und mir fällt es angesichts des Outfits und des Habitus der beiden unheimlich schwer, wegzugucken.

Glücklicherweise bin ich gerade einmal vier Stunden später bereits in der Toskana angekommen. In Livorno begrüßen mich etwas Abendsonne, Palmen vor dem Bahnhof und zum seichten Einstieg in das italienische Verkehrschaos zwei Kreisverkehre ohne Fußgängerüberwege, die es direkt vor dem Bahnhofsgebäude zu überqueren gilt. Ich mache auf der anderen Seite angekommen drei Kreuze, dass ich den Auftakt in dieses Abenteuer überlebt habe und vergleiche aktuell ersichtliche Straßennamen mit meinen handschriftlichen Notizen bezüglich der Anreise zum Hotel. Keine Übereinstimmungen soweit.

Schnell stellt sich heraus, dass in Livorno offenbar niemand in der Lage ist, mit mir in englischer Sprache zu sprechen, aber wirklich alle Menschen, die ich im Verlauf des folgenden völlig planlosen Spaziergangs um Hilfe bitte, kommunizieren in irgendeiner Form mit mir. Auf Italienisch in erster Linie, gerne auch etwas lauter werdend, sobald Verständnis dafür eingekehrt ist, dass ich nichts verstehe. Mit wilden Gesten und Handzeichen. Mit Geleitschutz, mit Stadtplaneinsichten auf dem Smartphone. Von einer alten Dame werde ich sogar kurzzeitig an die Hand genommen. Als ich nach gut 90 Minuten Irrweg mein Hotel erreicht habe, bin ich bereits in Livorno verliebt.
Am nächsten Morgen wächst diese Liebe ins Unermessliche, als die Grand Dame des Hauses hinter der Rezeption hustend im Morgenmantel aus ihrem Raucherkabuff schleicht. Einen Stadtplan hat sie nicht, Englisch kann sie nicht, sie lacht, die Sonne scheint, a dopo!

So verbinde ich also das Angenehme mit dem Nützlichen und ich streife auf der Suche nach Tourismusbüro und Livorno-Eintrittskarte bei bestem Wetter durch die Gassen der Stadt, über große Plätze, entlang diverser Wasserstraßen, kehre in der wunderbaren Markthalle ein und werfe einen Blick auf den Hafen und die riesigen Kreuzfahrtschiffe.

Der Eintrittskartenkauf scheitert in einer Art Lotto-Geschäft im ersten Versuch daran, dass die Ticketmaschine angeblich defekt sei. Immerhin habe ich kurz darauf das Tourismusbüro gefunden und muss für einen Stadtplan vom Abreißblock 0,50 € zahlen, wofür sich die freundliche Dame beinahe entschuldigt und mich zur Wiedergutmachung mit wesentlich höherwertigen Informationsbroschüren, die paradoxerweise kostenlos sind, eindeckt. Auf meine Frage, wo sich in der Stadt das Fußballstadion befände, schmunzelt sie und sagt: „Nobody ever asked that before“, doch nach kurzer Suche hat sie mir einen Kugelschreiberkringel um das Armando Picchi gesetzt. „Can I reach the Stadium by foot?“, frage ich – „Of course, you can. You are young and you have legs!“, antwortet sie spitzfindig. Ach, wie Recht sie doch hat…

Der zweite Versuch im selben Zeitungskiosk kann dann erfolgreich gestaltet werden. Der Mitarbeiter mit der Schicht nach der Siesta weiß von der defekten Ticketmaschine nichts und nimmt freundlich meine Daten auf. Er empfiehlt mir die überdachte Haupttribüne, weil man dort keine Sonne abbekäme. Ich deutsche Kartoffel tippe mit dem Finger nun immer energischer auf die „Tribuna Gradinata“ auf der vor mir liegenden Stadionübersicht. Gegengerade, unüberdacht, gib mir ganz viel Sonne für 23,00 €, Ragazzo! Freundlicherweise weist er mich noch auf eine Ticketaktion des AS hin, im Zuge derer man heute für nur 5,00 € einen Freund mit in das Stadion nehmen könnte. Gut, das kopulierende Pärchen im Hotel nebenan hat gestern Nacht einige intime Details mit mir geteilt (Versager!), doch Freundschaften sind so schnell leider nicht entstanden und so muss ich dem nett gemeinten Angebot leider eine Absage erteilen. Nur wenige Augenblicke später rattert mein Ticket aus der defekten Maschine und ich begebe mich jugendlich frisch und mit meenen molto bene (zwee an der Zahl) auf den Weg in Richtung Stadion.

Ich flaniere die Strandpromenade „Lungomare“ entlang. Eingesäumt von Palmen, das Meer zu meiner rechten, die ballernde Sonne von vorne, lege ich auf der „Terrazza Mascagni“ auf halber Strecke einen Halt ein und sauge so viel positive Energie wie möglich auf. Wenn der Weg zum Stadion meines Herzensvereins alle 14 Tage doch bloß genau so aussehen würde…

Kurz darauf erspähe ich die Flutlichtmasten des Armando Picchi am Horizont. Bei über 20 Grad finden es die Einheimischen doch noch etwas frisch und so ziehen diese teilweise mit Jacke, Kapuze und Handschuhen (!) ausgerüstet an mir vorbei. Ohnehin bin ich in meinem kalendarischen Gleichgewicht bereits irritiert. Hier in Livorno riecht es an vielen Stellen so, wie man es zu Hause dergestalt als untrügliches Zeichen für den Hochsommer deuten würde: Nach erwärmten Hundekot (der, wie ich als Hobbyveterinär anzumerken habe, häufig bedenkliche Konsistenz hat)! Und zur Krönung der Verwirrung erblicke ich in direkter Stadionnähe eine attraktive Dame, die zu „Conga“-Klängen von Gloria Estefan dem winterlichen Vergnügen des Eistanzes nachgeht – auf einer Betonfläche. Na, watten nu? Einigen wir uns einfach auf: Frühling.

Es flattern derweil SMS-Grüße aus den Stadien in Cloppenburg (mein Bruder) und Lichtenberg (mein Vater) ein. Mit den dort genannten Bierpreisen kann mein Stadion-Peroni (gekauft an einem griechischen Imbiss mit Aris Saloniki Wimpeln) für 2 schlanke Euro locker mithalten, welches ich noch vor Betreten des Blockes mit Blick auf die wunderbar bröckelnde „Tribuna Gradinata“ genieße. Der Ordner spricht leider kein Englisch, ich leider kein Italienisch. Aufgrund der klassischen Pattsituationen verzichtet er darauf, den Inhalt meines ostberliner Reisekoffers zu überprüfen. Netter Mann.

Blecherne Durchsagen wie an einem alten Bahnhof scheppern kurz darauf durch das weite Rund, während ich in der knallenden Sonne zwischen alten Herren Platz nehme. Schnell noch etwas Sonnencreme ins Gesicht, Gästefans durchzählen (49), Hopperspasti.

Das Spiel zwischen dem vom Abstieg bedrohten Gastgeber aus Livorno und dem FC Pro Vercelli, einer der ältesten italienischen Fußballclubs mit ruhmreicher scudettogekrönter Vergangenheit (7x Meister zwischen 1908 und 1922), beginnt. Es entwickelt sich ein zum Gähnen langweiliger Kick, da beide Mannschaften mit etlichen defensivorientierten taktischen Fesseln auflaufen. Es gibt kaum herausgespielte Torchancen, stattdessen häufen sich hilflose Weitschüsse aus abnormen Distanzen. Ein Akteur Livornos versucht es gar per Seitfallzieher aus gut 25 Metern. Nach 30 Minuten gibt es erste Pfiffe aus der weinroten Kurve, in der es übrigens keine deutlich linken Symboliken mehr zu sehen und leider auch keine bekannten Melodien zu hören gibt. Da hatte die 11 Freunde Redaktion, die den AS Livorno und seine Galionsfigur Cristiano Lucarelli vor gut 10 Jahren in wirklich jedem Heft als linkes Pendant zum Fußballkommerz in den Himmel gelobt hatte, wohl zu viel versprochen. Nach 45 Minuten verlassen erste Menschen fluchtartig das Stadion, was ich von meinem Platz am oberen Rand der Tribüne mit Blick auf den Stadionvorplatz gut beobachten kann.

Im zweiten Spielabschnitt wird das Spiel zwar etwas lebendiger, bleibt aber gleichermaßen fehlerhaft. Alles pendelt sich auf ein trostlos-torloses und gerechtes Remis ein, als der Herr Schiedsrichter in der 94. Minute den Gästen einen überaus zweifelhaften Handelfmeter zuspricht, den Marchi vewandeln kann. Livorno taumelt nun dem Abstieg entgegen, ich habe einen Sonnenbrand im Gesicht und mein Lachen über den eingewechselten Gästespieler Mattia Mustacchio verfliegt auch, als ich aus Nahdistanz konstatieren muss, dass dieser über gar keinen Schnurrbart verfügt. Blender.

Im weiteren Verlauf der Reise werde ich noch den Wirtschaftsflüchtling und seine charmante schottische Begleitung auf einen Espresso treffen und auf eigene Faust das Touristenmoloch Pisa besichtigen. Den schiefen Turm tragen alle auf Händen, nur ich wähle den fotografischen Blickwinkel der anderen Seite, sodass ich die Flutlichtmasten des örtlichen Fußballstadions mit im Bild habe. Kurz vor dem Rückflug vergeht mir erstmals die Lust auf Kackeland, als ich in einem Straßencafé ein Gespräch in einer mir vertrauten Sprache vernehmen muss. Szene ab:

Personen: Mutter (52), Sohnemann Jonathan (11) und Vater Klaus-Dieter (63):

M: „Jonathan, könntest Du mir einen Gefallen tun? Sei doch nicht immer dermaßen larmoyant! Und du Klaus-Dieter, geh doch bitte nicht immer darauf ein!“

V: „Jonathan, wo wir gerade dabei sind, tue mir doch bitte den Gefallen und führe die Speise zum Mund, nicht den Mund zur Speise!“

J: „Mama, Leonardo da Vinci kommt doch aus Florenz, oder?“

M: „Jonathan, nun überlege doch mal. DA Vinci. Was mag das wohl bedeuten? Selbstredend kommt Leonardo DA Vinci von, also aus, Vinci!“

Im Hintergrund habe ich soeben mein Bier und mein leckeres Mittagessen auf den Tisch gekotzt – und das noch bevor ich auch nur ahnen kann, dass auch die zweite Bekanntschaft mit einer Familie aus Kackeland eher anstrengend werden wird. Das weibliche Oberhaupt dieser hat nämlich am Flughafen in der easyjet-Schlange nichts besseres zu tun, als alle 30 Sekunden auf die Uhr zu schauen und zu bemängeln, dass dieser Flug wohl nicht pünktlich starten würde.

Gleichzeitig faucht sie in ähnlichen Zeitabständen Mann und Kind an, was diese zu tun und zu lassen hätten. Meine Fresse. Wahrscheinlich hat die Alte gerade 10 Tage Urlaub in der Toskana gehabt, hat trotz Aufenthalt in Italien nichts von all dem verstanden, was das Leben so ausmachen kann und unter dem Strich ist ihr offenbar nichts wichtiger, als auf die Sekunde pünktlich in ihr scheiß Spießerleben in Berlin-West zurückzukehren. Ich würge noch etwas Spinat nach. Nächstes Jahr schaukel ich mir wieder die Ostereier am Strand. Mit hoffentlich noch weniger Menschen, deren Sprache ich spreche und mit noch mehr Menschen, die ich verstehe. /hvg